Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 170: Aurvopākhyānam (2) Die Erzählung von Aurva (Teil 2)

Die überlebende Bhṛgu-Frau erklärt den geblendeten Kṣatriyas, dass ihr im Schenkel geborener Sohn Aurva – aus Zorn über die Ermordung der Bhṛgus – ihnen das Augenlicht geraubt hat; auf ihre Bitte hin gewährt Aurva Gnade. Doch da er die Sache noch immer als Niederlage der ganzen Welt empfindet, übt er gewaltige Askese, um alle Welten zu vernichten. Die Ahnen (Pitṛs) selbst erscheinen ihm und offenbaren das Geheimnis: Sie hatten ihren eigenen Tod durch die Kṣatriyas bewusst herbeigeführt (u.a. durch das absichtlich vergrabene Gold), da Selbsttötung als unheilvoll galt – und bitten Aurva eindringlich, seinen Zorn zu zügeln.

brāhmaṇy uvāca nāhaṃ gṛhṇāmi vas tāta dṛṣṭīr nāsti ruṣānvitā ayaṃ tu bhārgavo nūnam ūrujaḥ kupito 'dya vaḥ

Die Brahmanenfrau sprach: ‚Nicht ich nehme euch, mein Kind, das Augenlicht; ich hege keinen Groll. Dieser aber, der Bhārgava, der Schenkelgeborene, ist es gewiss, der heute zornig über euch ist.'

Wort für Wort
brāhmaṇy uvāca nāhaṃ gṛhṇāmi vas tāta dṛṣṭīr nāsti ruṣānvitā ayaṃ tu bhārgavo nūnam ūrujaḥ kupito 'dya vaḥ
Die Brahmanenfrau sprach: ‚Nicht ich nehme euch, mein Kind, das Augenlicht; ich hege keinen Groll. Dieser aber, der Bhārgava, der Schenkelgeborene, ist es gewiss, der heute zornig über euch ist.'

tena cakṣūṃṣi vas tāta nūnaṃ kopān mahātmanā smaratā nihatān bandhūn ādattāni na saṃśayaḥ

‚Durch ihn, mein Kind, wurden euch gewiss die Augen genommen, aus Zorn, von dem Hochherzigen, der sich der erschlagenen Verwandten erinnert – daran ist kein Zweifel.'

Wort für Wort
tena cakṣūṃṣi vas tāta nūnaṃ kopān mahātmanā smaratā nihatān bandhūn ādattāni na saṃśayaḥ
‚Durch ihn, mein Kind, wurden euch gewiss die Augen genommen, aus Zorn, von dem Hochherzigen, der sich der erschlagenen Verwandten erinnert – daran ist kein Zweifel.'

garbhān api yadā yūyaṃ bhṛgūṇāṃ ghnata putrakāḥ tadāyam ūruṇā garbho mayā varṣaśataṃ dhṛtaḥ

‚Als ihr sogar die ungeborenen Kinder der Bhṛgus tötetet, meine Söhne, da wurde diese Leibesfrucht von mir im Schenkel hundert Jahre lang getragen.'

Wort für Wort
garbhān api yadā yūyaṃ bhṛgūṇāṃ ghnata putrakāḥ tadāyam ūruṇā garbho mayā varṣaśataṃ dhṛtaḥ
‚Als ihr sogar die ungeborenen Kinder der Bhṛgus tötetet, meine Söhne, da wurde diese Leibesfrucht von mir im Schenkel hundert Jahre lang getragen.'

ṣaḍaṅgaś cākhilo veda imaṃ garbhastham eva hi viveśa bhṛguvaṃśasya bhūyaḥ priyacikīrṣayā

‚Und der gesamte Veda mit seinen sechs Hilfswissenschaften fuhr in ihn, noch im Mutterleib befindlich, ein, um dem Bhṛgu-Geschlecht abermals Gutes zu erweisen.'

Wort für Wort
ṣaḍaṅgaś cākhilo veda imaṃ garbhastham eva hi viveśa bhṛguvaṃśasya bhūyaḥ priyacikīrṣayā
‚Und der gesamte Veda mit seinen sechs Hilfswissenschaften fuhr in ihn, noch im Mutterleib befindlich, ein, um dem Bhṛgu-Geschlecht abermals Gutes zu erweisen.'

so 'yaṃ pitṛvadhān nūnaṃ krodhād vo hantum icchati tejasā yasya divyena cakṣūṃṣi muṣitāni vaḥ

‚Dieser will euch gewiss wegen der Tötung der Väter aus Zorn töten; durch dessen göttliche Kraft wurden euch die Augen geraubt.'

Wort für Wort
so 'yaṃ pitṛvadhān nūnaṃ krodhād vo hantum icchati tejasā yasya divyena cakṣūṃṣi muṣitāni vaḥ
‚Dieser will euch gewiss wegen der Tötung der Väter aus Zorn töten; durch dessen göttliche Kraft wurden euch die Augen geraubt.'

tam imaṃ tāta yācadhvam aurvaṃ mama sutottamam ayaṃ vaḥ praṇipātena tuṣṭo dṛṣṭīr vimokṣyati

‚Bittet ihn, meine Kinder, diesen Aurva, meinen vorzüglichsten Sohn; durch eure Verneigung zufriedengestellt, wird er euch das Augenlicht wiedergeben.'

Wort für Wort
tam imaṃ tāta yācadhvam aurvaṃ mama sutottamam ayaṃ vaḥ praṇipātena tuṣṭo dṛṣṭīr vimokṣyati
‚Bittet ihn, meine Kinder, diesen Aurva, meinen vorzüglichsten Sohn; durch eure Verneigung zufriedengestellt, wird er euch das Augenlicht wiedergeben.'

gandharva uvāca evam uktās tataḥ sarve rājānas te tam ūrujam ūcuḥ prasīdeti tadā prasādaṃ ca cakāra saḥ

Der Gandharva sprach: ‚So angesprochen, sagten darauf alle jene Könige zu dem Schenkelgeborenen: „Sei gnädig!“ – und da erwies er ihnen Gnade.'

Wort für Wort
gandharva uvāca evam uktās tataḥ sarve rājānas te tam ūrujam ūcuḥ prasīdeti tadā prasādaṃ ca cakāra saḥ
Der Gandharva sprach: ‚So angesprochen, sagten darauf alle jene Könige zu dem Schenkelgeborenen: „Sei gnädig!“ – und da erwies er ihnen Gnade.'

anenaiva ca vikhyāto nāmnā lokeṣu sattamaḥ sa aurva iti viprarṣir ūruṃ bhittvā vyajāyata

‚Und unter eben diesem Namen wurde jener beste Brahmanen-Ṛṣi in den Welten berühmt: „Aurva“, da er, den Schenkel durchbrechend, geboren wurde.'

Wort für Wort
anenaiva ca vikhyāto nāmnā lokeṣu sattamaḥ sa aurva iti viprarṣir ūruṃ bhittvā vyajāyata
‚Und unter eben diesem Namen wurde jener beste Brahmanen-Ṛṣi in den Welten berühmt: „Aurva“, da er, den Schenkel durchbrechend, geboren wurde.'

cakṣūṃṣi pratilabhyātha pratijagmus tato nṛpāḥ bhārgavas tu munir mene sarvalokaparābhavam

‚Nachdem sie ihr Augenlicht wiedererlangt hatten, zogen die Könige darauf fort; der Bhārgava-Muni aber erachtete dies als eine Niederlage aller Welt.'

Wort für Wort
cakṣūṃṣi pratilabhyātha pratijagmus tato nṛpāḥ bhārgavas tu munir mene sarvalokaparābhavam
‚Nachdem sie ihr Augenlicht wiedererlangt hatten, zogen die Könige darauf fort; der Bhārgava-Muni aber erachtete dies als eine Niederlage aller Welt.'

sa cakre tāta lokānāṃ vināśāya mahāmanāḥ sarveṣām eva kārtsnyena manaḥ pravaṇam ātmanaḥ

‚Er, hochgesinnt, richtete seinen Sinn, mein Kind, vollständig und geneigt auf die Vernichtung aller Welten.'

Wort für Wort
sa cakre tāta lokānāṃ vināśāya mahāmanāḥ sarveṣām eva kārtsnyena manaḥ pravaṇam ātmanaḥ
‚Er, hochgesinnt, richtete seinen Sinn, mein Kind, vollständig und geneigt auf die Vernichtung aller Welten.'

icchann apacitiṃ kartuṃ bhṛgūṇāṃ bhṛgusattamaḥ sarvalokavināśāya tapasā mahataidhitaḥ

‚Er, der beste der Bhṛgus, wünschend, den Bhṛgus Genugtuung zu verschaffen, wuchs durch gewaltige Askese zur Vernichtung aller Welten heran.'

Wort für Wort
icchann apacitiṃ kartuṃ bhṛgūṇāṃ bhṛgusattamaḥ sarvalokavināśāya tapasā mahataidhitaḥ
‚Er, der beste der Bhṛgus, wünschend, den Bhṛgus Genugtuung zu verschaffen, wuchs durch gewaltige Askese zur Vernichtung aller Welten heran.'

tāpayām āsa lokān sa sadevāsuramānuṣān tapasogreṇa mahatā nandayiṣyan pitāmahān

‚Er versengte die Welten, samt Göttern, Asuras und Menschen, durch gewaltige, furchtbare Askese, um seine Ahnen zu erfreuen.'

Wort für Wort
tāpayām āsa lokān sa sadevāsuramānuṣān tapasogreṇa mahatā nandayiṣyan pitāmahān
‚Er versengte die Welten, samt Göttern, Asuras und Menschen, durch gewaltige, furchtbare Askese, um seine Ahnen zu erfreuen.'

tatas taṃ pitaras tāta vijñāya bhṛgusattamam pitṛlokād upāgamya sarva ūcur idaṃ vacaḥ

‚Da erkannten die Ahnen, mein Kind, jenen besten der Bhṛgus, kamen alle aus der Welt der Ahnen herbei und sprachen folgendes Wort:'

Wort für Wort
tatas taṃ pitaras tāta vijñāya bhṛgusattamam pitṛlokād upāgamya sarva ūcur idaṃ vacaḥ
‚Da erkannten die Ahnen, mein Kind, jenen besten der Bhṛgus, kamen alle aus der Welt der Ahnen herbei und sprachen folgendes Wort:'

aurva dṛṣṭaḥ prabhāvas te tapasograsya putraka prasādaṃ kuru lokānāṃ niyaccha krodham ātmanaḥ

‚„Aurva, die Macht deiner furchtbaren Askese ist gesehen, mein Sohn; erweise den Welten Gnade, zügle deinen eigenen Zorn.“'

Wort für Wort
aurva dṛṣṭaḥ prabhāvas te tapasograsya putraka prasādaṃ kuru lokānāṃ niyaccha krodham ātmanaḥ
‚„Aurva, die Macht deiner furchtbaren Askese ist gesehen, mein Sohn; erweise den Welten Gnade, zügle deinen eigenen Zorn.“'

nānīśair hi tadā tāta bhṛgubhir bhāvitātmabhiḥ vadho 'bhyupekṣitaḥ sarvaiḥ kṣatriyāṇāṃ vihiṃsatām

‚„Denn nicht aus Ohnmacht wurde damals, mein Kind, von den geläuterten Bhṛgus die Tötung durch die gewalttätigen Kṣatriyas hingenommen –“'

Wort für Wort
nānīśair hi tadā tāta bhṛgubhir bhāvitātmabhiḥ vadho 'bhyupekṣitaḥ sarvaiḥ kṣatriyāṇāṃ vihiṃsatām
‚„Denn nicht aus Ohnmacht wurde damals, mein Kind, von den geläuterten Bhṛgus die Tötung durch die gewalttätigen Kṣatriyas hingenommen –“'

āyuṣā hi prakṛṣṭena yadā naḥ kheda āviśat tadāsmābhir vadhas tāta kṣatriyair īpsitaḥ svayam

‚„– sondern als uns wegen unseres überaus langen Lebens Überdruss befiel, da wünschten wir selbst, mein Kind, den Tod durch die Kṣatriyas.“'

Wort für Wort
āyuṣā hi prakṛṣṭena yadā naḥ kheda āviśat tadāsmābhir vadhas tāta kṣatriyair īpsitaḥ svayam
‚„– sondern als uns wegen unseres überaus langen Lebens Überdruss befiel, da wünschten wir selbst, mein Kind, den Tod durch die Kṣatriyas.“'

nikhātaṃ tad dhi vai vittaṃ kena cid bhṛguveśmani vairāyaiva tadā nyastaṃ kṣatriyān kopayiṣṇubhiḥ kiṃ hi vittena naḥ kāryaṃ svargepsūnāṃ dvijarṣabha

‚„Jener Reichtum nämlich, von einem von uns im Bhṛgu-Haus vergraben, wurde eben zum Zweck der Feindschaft niedergelegt, von solchen, die die Kṣatriyas erzürnen wollten – denn was hätten wir, die nach dem Himmel Verlangenden, mit Reichtum zu schaffen, o Stier unter den Zweifachgeborenen?“'

Wort für Wort
nikhātaṃ tad dhi vai vittaṃ kena cid bhṛguveśmani vairāyaiva tadā nyastaṃ kṣatriyān kopayiṣṇubhiḥ kiṃ hi vittena naḥ kāryaṃ svargepsūnāṃ dvijarṣabha
‚„Jener Reichtum nämlich, von einem von uns im Bhṛgu-Haus vergraben, wurde eben zum Zweck der Feindschaft niedergelegt, von solchen, die die Kṣatriyas erzürnen wollten – denn was hätten wir, die nach dem Himmel Verlangenden, mit Reichtum zu schaffen, o Stier unter den Zweifachgeborenen?“'

yadā tu mṛtyur ādātuṃ na naḥ śaknoti sarvaśaḥ tadāsmābhir ayaṃ dṛṣṭa upāyas tāta saṃmataḥ

‚„Da aber der Tod uns auf keine Weise hinwegzuraffen vermochte, wurde von uns dieser Weg ersonnen und für gut befunden, mein Kind.“'

Wort für Wort
yadā tu mṛtyur ādātuṃ na naḥ śaknoti sarvaśaḥ tadāsmābhir ayaṃ dṛṣṭa upāyas tāta saṃmataḥ
‚„Da aber der Tod uns auf keine Weise hinwegzuraffen vermochte, wurde von uns dieser Weg ersonnen und für gut befunden, mein Kind.“'

ātmahā ca pumāṃs tāta na lokāṃl labhate śubhān tato 'smābhiḥ samīkṣyaivaṃ nātmanātmā vināśitaḥ

‚„Denn ein Mann, der sich selbst tötet, mein Kind, erlangt nicht die heilvollen Welten; deshalb haben wir, dies bedenkend, uns nicht mit eigener Hand vernichtet.“'

Wort für Wort
ātmahā ca pumāṃs tāta na lokāṃl labhate śubhān tato 'smābhiḥ samīkṣyaivaṃ nātmanātmā vināśitaḥ
‚„Denn ein Mann, der sich selbst tötet, mein Kind, erlangt nicht die heilvollen Welten; deshalb haben wir, dies bedenkend, uns nicht mit eigener Hand vernichtet.“'

[Anm.: die Pitṛs erklären hier ihren eigenen Tod durch fremde Hand als bewusst herbeigeführten Ausweg, da direkte Selbsttötung als unheilvoll galt – ein für die Erzählung zentrales ethisches Argument.

na caitan naḥ priyaṃ tāta yad idaṃ kartum icchasi niyacchedaṃ manaḥ pāpāt sarvalokaparābhavāt

‚„Und dies ist uns nicht lieb, mein Kind, dass du dies zu tun wünschst; zügle diesen Sinn vor der Sünde der Vernichtung aller Welten.“'

Wort für Wort
na caitan naḥ priyaṃ tāta yad idaṃ kartum icchasi niyacchedaṃ manaḥ pāpāt sarvalokaparābhavāt
‚„Und dies ist uns nicht lieb, mein Kind, dass du dies zu tun wünschst; zügle diesen Sinn vor der Sünde der Vernichtung aller Welten.“'

na hi naḥ kṣatriyāḥ ke cin na lokāḥ sapta putraka dūṣayanti tapas tejaḥ krodham utpatitaṃ jahi

‚„Denn weder irgendwelche Kṣatriyas noch die sieben Welten schmälern unser Verdienst, mein Sohn; gib den aufgestiegenen Zorn auf – er verdirbt Askese und Glanz.“'

Wort für Wort
na hi naḥ kṣatriyāḥ ke cin na lokāḥ sapta putraka dūṣayanti tapas tejaḥ krodham utpatitaṃ jahi
‚„Denn weder irgendwelche Kṣatriyas noch die sieben Welten schmälern unser Verdienst, mein Sohn; gib den aufgestiegenen Zorn auf – er verdirbt Askese und Glanz.“'

Dieses Kapitel in der Leseansicht