Kapitel 92: Śaṃtanu-Gaṅgā-Vivāhaḥ
Pratīpa und Gaṅgā; Śaṃtanus Ehe mit Gaṅgā und die Geburt Gaṅgādattas (Bhīṣmas)
Gaṅgā erscheint dem alten König Pratīpa und begehrt ihn; da sie sich jedoch, ohne es zu wissen, auf seinen rechten Schenkel setzt – den Sitz für Kinder und Schwiegertöchter, nicht für Geliebte –, weist Pratīpa sie als Gattin ab, erwählt sie aber als künftige Schwiegertochter, versprochen seinem noch ungeborenen Sohn. Jahre später begegnet der herangewachsene König Śaṃtanu, von seinem Vater angewiesen, sie niemals zu befragen, dieser selben Frau am Gaṅgā-Ufer; sie willigt unter der Bedingung ein, dass er ihr Tun nie infrage stelle, sonst werde sie ihn verlassen. Sie gebiert ihm nacheinander acht Söhne, ertränkt aber jeden sofort in der Gaṅgā. Erst beim achten Sohn hält Śaṃtanu sie zurück und bricht damit sein Schweigegelübde. Da offenbart sich Gaṅgā als Flussgöttin: Die acht Söhne waren die von Vasiṣṭha verfluchten Vasu-Götter, die durch ihre Geburt und sofortige Rückführung ins Wasser von ihrem Fluch erlöst werden sollten; nur der achte, ‚Gaṅgādatta', bleibt am Leben und wird Śaṃtanu überlassen – der spätere Bhīṣma.
Sie, von göttlicher Gestalt und hohem Sinn, mit schönem Antlitz, nahm auf dem rechten, einem Śāla-Baum gleichenden Schenkel des rezitierenden königlichen Weisen Platz.
Sie, von göttlicher Gestalt und hohem Sinn, mit schönem Antlitz, nahm auf dem rechten, einem Śāla-Baum gleichenden Schenkel des rezitierenden königlichen Weisen Platz.
Die Frau sprach: ‚Ich begehre dich, o König, Bester der Kurus; nimm dich meiner an. Denn die Zurückweisung begehrender Frauen wird von den Guten getadelt.'
Die Frau sprach: ‚Ich begehre dich, o König, Bester der Kurus; nimm dich meiner an. Denn die Zurückweisung begehrender Frauen wird von den Guten getadelt.'
pratīpa uvāca nāhaṃ parastriyaṃ kāmād gaccheyaṃ varavarṇini na cāsavarṇāṃ kalyāṇi dharmyaṃ tad viddhi me vratam
Pratīpa sprach: ‚Ich würde mich aus Begierde nicht mit der Frau eines anderen einlassen, noch mit einer, die nicht meiner Kaste ist, o Holde – wisse, das ist mein dharmagemäßes Gelübde.'
Wort für Wort
pratīpa uvāca nāhaṃ parastriyaṃ kāmād gaccheyaṃ varavarṇini na cāsavarṇāṃ kalyāṇi dharmyaṃ tad viddhi me vratam
Pratīpa sprach: ‚Ich würde mich aus Begierde nicht mit der Frau eines anderen einlassen, noch mit einer, die nicht meiner Kaste ist, o Holde – wisse, das ist mein dharmagemäßes Gelübde.'
stry uvāca nāśreyasy asmi nāgamyā na vaktavyā ca karhi cit bhaja māṃ bhajamānāṃ tvaṃ rājan kanyāṃ varastriyam
Die Frau sprach: ‚Ich bin nicht unwürdig, nicht unnahbar, und niemals zu tadeln; nimm dich meiner an, meiner, die ich mich dir zuwende, o König, einer Jungfrau, einer erlesenen Frau.'
Wort für Wort
stry uvāca nāśreyasy asmi nāgamyā na vaktavyā ca karhi cit bhaja māṃ bhajamānāṃ tvaṃ rājan kanyāṃ varastriyam
Die Frau sprach: ‚Ich bin nicht unwürdig, nicht unnahbar, und niemals zu tadeln; nimm dich meiner an, meiner, die ich mich dir zuwende, o König, einer Jungfrau, einer erlesenen Frau.'
pratīpa uvāca mayātivṛttam etat te yan māṃ codayasi priyam anyathā pratipannaṃ māṃ nāśayed dharmaviplavaḥ
Pratīpa sprach: ‚Dies Anliegen, mit dem du mich, deinen Liebsten, bedrängst, geht über das hinaus, was ich vermag; ein Bruch des Dharma dürfte mich, der ich anders gebunden bin, nicht zunichtemachen.'
Wort für Wort
pratīpa uvāca mayātivṛttam etat te yan māṃ codayasi priyam anyathā pratipannaṃ māṃ nāśayed dharmaviplavaḥ
Pratīpa sprach: ‚Dies Anliegen, mit dem du mich, deinen Liebsten, bedrängst, geht über das hinaus, was ich vermag; ein Bruch des Dharma dürfte mich, der ich anders gebunden bin, nicht zunichtemachen.'
snuṣā me bhava kalyāṇi putrārthe tvāṃ vṛṇomy aham snuṣāpakṣaṃ hi vāmoru tvam āgamya samāśritā
‚Sei meine Schwiegertochter, Holde; um eines Sohnes willen erwähle ich dich. Denn du hast, du mit den schönen Schenkeln, den Platz der Schwiegertochter aufgesucht und eingenommen.'
Wort für Wort
snuṣā me bhava kalyāṇi putrārthe tvāṃ vṛṇomy aham snuṣāpakṣaṃ hi vāmoru tvam āgamya samāśritā
‚Sei meine Schwiegertochter, Holde; um eines Sohnes willen erwähle ich dich. Denn du hast, du mit den schönen Schenkeln, den Platz der Schwiegertochter aufgesucht und eingenommen.'
Die Frau sprach: ‚So sei es denn, Dharmakundiger; ich werde mich mit deinem Sohn vereinen. Aus Ergebenheit zu dir werde ich mich dem berühmten Bharata-Geschlecht widmen.'
Die Frau sprach: ‚So sei es denn, Dharmakundiger; ich werde mich mit deinem Sohn vereinen. Aus Ergebenheit zu dir werde ich mich dem berühmten Bharata-Geschlecht widmen.'
pṛthivyāṃ pārthivā ye ca teṣāṃ yūyaṃ parāyaṇam guṇā na hi mayā śakyā vaktuṃ varṣaśatair api kulasya ye vaḥ prasthitās tatsādhutvam anuttamam
‚Unter allen Königen der Erde seid ihr die höchste Zuflucht; die Tugenden eures Geschlechts, das sich so hervorragend bewährt hat, könnte ich selbst in hundert Jahren nicht vollständig aufzählen.'
Wort für Wort
pṛthivyāṃ pārthivā ye ca teṣāṃ yūyaṃ parāyaṇam guṇā na hi mayā śakyā vaktuṃ varṣaśatair api kulasya ye vaḥ prasthitās tatsādhutvam anuttamam
‚Unter allen Königen der Erde seid ihr die höchste Zuflucht; die Tugenden eures Geschlechts, das sich so hervorragend bewährt hat, könnte ich selbst in hundert Jahren nicht vollständig aufzählen.'
vaiśaṃpāyana uvāca tathety uktvā tu sā rājaṃs tatraivāntaradhīyata putrajanma pratīkṣaṃs tu sa rājā tad adhārayat
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem sie ‚So sei es' gesagt hatte, o König, verschwand sie eben dort; der König aber, die Geburt dieses zukünftigen Sohnes erwartend, behielt dies Versprechen im Sinn.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tathety uktvā tu sā rājaṃs tatraivāntaradhīyata putrajanma pratīkṣaṃs tu sa rājā tad adhārayat
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem sie ‚So sei es' gesagt hatte, o König, verschwand sie eben dort; der König aber, die Geburt dieses zukünftigen Sohnes erwartend, behielt dies Versprechen im Sinn.
Sich der unvergänglichen Welten erinnernd, die er durch sein eigenes Tun erobert hatte, blieb Śaṃtanu, bester der Kurus, stets ein Täter verdienstvoller Werke.
Sich der unvergänglichen Welten erinnernd, die er durch sein eigenes Tun erobert hatte, blieb Śaṃtanu, bester der Kurus, stets ein Täter verdienstvoller Werke.
‚Sollte sie sich dir, mein Sohn, im Verborgenen nähern, jene Holde, begehrend, an Schönheit reich, eine göttliche Frau, aus Wunsch nach einem Sohn – so sollst du sie nicht befragen: »Wer bist du? Wessen bist du, o Holde?«'
‚Sollte sie sich dir, mein Sohn, im Verborgenen nähern, jene Holde, begehrend, an Schönheit reich, eine göttliche Frau, aus Wunsch nach einem Sohn – so sollst du sie nicht befragen: »Wer bist du? Wessen bist du, o Holde?«'
yac ca kuryān na tat kāryaṃ praṣṭavyā sā tvayānagha manniyogād bhajantīṃ tāṃ bhajethā ity uvāca tam
‚Und was sie auch tun mag, sie soll nicht danach gefragt werden, du Makelloser; auf mein Geheiß hin sollst du sie, wenn sie sich dir zuwendet, ebenso zugetan sein.' So sprach er zu ihm.
Wort für Wort
yac ca kuryān na tat kāryaṃ praṣṭavyā sā tvayānagha manniyogād bhajantīṃ tāṃ bhajethā ity uvāca tam
‚Und was sie auch tun mag, sie soll nicht danach gefragt werden, du Makelloser; auf mein Geheiß hin sollst du sie, wenn sie sich dir zuwendet, ebenso zugetan sein.' So sprach er zu ihm.
Makellos in allem, mit schönen Zähnen, mit göttlichem Geschmeide geschmückt, in feines Gewand gehüllt, allein, von einem Glanz gleich dem Innern eines Lotos.
Makellos in allem, mit schönen Zähnen, mit göttlichem Geschmeide geschmückt, in feines Gewand gehüllt, allein, von einem Glanz gleich dem Innern eines Lotos.
Beim Anblick von ihr sträubten sich ihm die Haare vor Freude, erstaunt über die Fülle ihrer Schönheit; und wie sie mit den Augen trinkend, wurde der Herrscher der Menschen nicht satt.
Beim Anblick von ihr sträubten sich ihm die Haare vor Freude, erstaunt über die Fülle ihrer Schönheit; und wie sie mit den Augen trinkend, wurde der Herrscher der Menschen nicht satt.
‚Nur unter dieser Bedingung werde ich bei dir bleiben, o Fürst; werde ich gehindert oder Unliebsames zu mir gesagt, so werde ich dich ohne Zweifel verlassen.'
‚Nur unter dieser Bedingung werde ich bei dir bleiben, o Fürst; werde ich gehindert oder Unliebsames zu mir gesagt, so werde ich dich ohne Zweifel verlassen.'
‚So sei es', sprach da der König zu ihr, o Bester der Bharatas; sie aber empfand, da sie jenen besten der Fürsten gewonnen hatte, unvergleichliche Freude.
‚So sei es', sprach da der König zu ihr, o Bester der Bharatas; sie aber empfand, da sie jenen besten der Fürsten gewonnen hatte, unvergleichliche Freude.
āsādya śaṃtanus tāṃ ca bubhuje kāmato vaśī na praṣṭavyeti manvāno na sa tāṃ kiṃ cid ūcivān
Śaṃtanu, sie gewonnen habend, genoss sie nach Belieben, sich selbst beherrschend; im Gedanken, sie nicht befragen zu dürfen, sprach er nichts Fragendes zu ihr.
Wort für Wort
āsādya śaṃtanus tāṃ ca bubhuje kāmato vaśī na praṣṭavyeti manvāno na sa tāṃ kiṃ cid ūcivān
Śaṃtanu, sie gewonnen habend, genoss sie nach Belieben, sich selbst beherrschend; im Gedanken, sie nicht befragen zu dürfen, sprach er nichts Fragendes zu ihr.
sa tasyāḥ śīlavṛttena rūpaudāryaguṇena ca upacāreṇa ca rahas tutoṣa jagatīpatiḥ
Durch ihren Charakter und ihr Verhalten, durch die Tugend ihrer Schönheit und Großmut, sowie durch ihre liebevolle Fürsorge im Verborgenen war der Herr der Erde zufrieden.
Wort für Wort
sa tasyāḥ śīlavṛttena rūpaudāryaguṇena ca upacāreṇa ca rahas tutoṣa jagatīpatiḥ
Durch ihren Charakter und ihr Verhalten, durch die Tugend ihrer Schönheit und Großmut, sowie durch ihre liebevolle Fürsorge im Verborgenen war der Herr der Erde zufrieden.
Denn jene göttliche Gestalt besitzende Göttin war Gaṅgā, der auf drei Pfaden strömende Fluss, die Holde, die eine glanzvolle menschliche Gestalt angenommen hatte.
Denn jene göttliche Gestalt besitzende Göttin war Gaṅgā, der auf drei Pfaden strömende Fluss, die Holde, die eine glanzvolle menschliche Gestalt angenommen hatte.
Dem durch Glück begünstigten, begehrenden Śaṃtanu, dem Löwen unter den Königen, an Glanz dem Götterkönig gleich, war sie wie eine rechtmäßige Gattin zur Seite.
Dem durch Glück begünstigten, begehrenden Śaṃtanu, dem Löwen unter den Königen, an Glanz dem Götterkönig gleich, war sie wie eine rechtmäßige Gattin zur Seite.
Durch die Genüsse der Liebe, durch Zärtlichkeit und Geschicklichkeit, durch bezaubernde Gebärden und Koketterie erfreute sie den König; und wie sie sich freute, so freute auch er sich.
Durch die Genüsse der Liebe, durch Zärtlichkeit und Geschicklichkeit, durch bezaubernde Gebärden und Koketterie erfreute sie den König; und wie sie sich freute, so freute auch er sich.
sa rājā ratisaktatvād uttamastrīguṇair hṛtaḥ saṃvatsarān ṛtūn māsān na bubodha bahūn gatān
Der König, der Liebeslust ergeben, von den Tugenden der vortrefflichen Frau hingerissen, bemerkte nicht, wie viele Jahre, Jahreszeiten und Monate vergingen.
Wort für Wort
sa rājā ratisaktatvād uttamastrīguṇair hṛtaḥ saṃvatsarān ṛtūn māsān na bubodha bahūn gatān
Der König, der Liebeslust ergeben, von den Tugenden der vortrefflichen Frau hingerissen, bemerkte nicht, wie viele Jahre, Jahreszeiten und Monate vergingen.
stry uvāca putrakāma na te hanmi putraṃ putravatāṃ vara jīrṇas tu mama vāso 'yaṃ yathā sa samayaḥ kṛtaḥ
Die Frau sprach: ‚O nach Söhnen Verlangender, ich töte dir nicht den Sohn, Bester der Väter; doch mein Aufenthalt bei dir ist zu Ende, ganz wie es der geschlossene Bund war.'
Wort für Wort
stry uvāca putrakāma na te hanmi putraṃ putravatāṃ vara jīrṇas tu mama vāso 'yaṃ yathā sa samayaḥ kṛtaḥ
Die Frau sprach: ‚O nach Söhnen Verlangender, ich töte dir nicht den Sohn, Bester der Väter; doch mein Aufenthalt bei dir ist zu Ende, ganz wie es der geschlossene Bund war.'
‚Darum bin ich, um ihre Mutter zu werden, in die Menschlichkeit eingegangen; nachdem ich die acht Vasus geboren habe, sind durch dich unvergängliche Welten gewonnen worden.'
‚Darum bin ich, um ihre Mutter zu werden, in die Menschlichkeit eingegangen; nachdem ich die acht Vasus geboren habe, sind durch dich unvergängliche Welten gewonnen worden.'
‚Dies aber war der mit den Vasu-Göttern vereinbarte Bund, den ich vernommen habe: Jeden Geborenen sollte ich sogleich aus der menschlichen Geburt erlösen.'
‚Dies aber war der mit den Vasu-Göttern vereinbarte Bund, den ich vernommen habe: Jeden Geborenen sollte ich sogleich aus der menschlichen Geburt erlösen.'
‚Dies war mein befristeter Aufenthalt, in Gegenwart der Vasus vollzogen. Wisse, dass dieser mein Sohn, von mir geboren, »Gaṅgādatta« (‚von Gaṅgā gegeben') heißt.'
‚Dies war mein befristeter Aufenthalt, in Gegenwart der Vasus vollzogen. Wisse, dass dieser mein Sohn, von mir geboren, »Gaṅgādatta« (‚von Gaṅgā gegeben') heißt.'