Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 194: Karṇavākyam Karṇas Rede für offenen Kampf

Karṇa widerspricht Duryodhanas Plänen der List: Die Pāṇḍavas seien, erwachsen und mit Drupada verbündet, durch List, Bestechung oder Zwietracht nicht mehr zu bewältigen, zumal Draupadī sie eint und Drupada ihnen treu ergeben ist. Stattdessen fordert er raschen offenen Krieg, solange die eigene Partei noch überlegen und Kṛṣṇa mit dem Yādava-Heer noch nicht zu Hilfe gekommen ist, und beruft sich auf die Tapferkeit als ureigenes Recht der Kṣatriyas. Dhṛtarāṣṭra lobt Karṇas Rede, will die Entscheidung aber zusammen mit Bhīṣma, Droṇa und Vidura beraten, und beruft seine Ratgeber.

karṇa uvāca duryodhana tava prajñā na samyag iti me matiḥ na hy upāyena te śakyāḥ pāṇḍavāḥ kurunandana

Karṇa sprach: Duryodhana, dein Ratschluss ist meiner Meinung nach nicht richtig; denn mit List allein sind die Pāṇḍavas nicht zu bewältigen, o Freude der Kurus.

Wort für Wort
karṇa uvāca duryodhana tava prajñā na samyag iti me matiḥ na hy upāyena te śakyāḥ pāṇḍavāḥ kurunandana
Karṇa sprach: Duryodhana, dein Ratschluss ist meiner Meinung nach nicht richtig; denn mit List allein sind die Pāṇḍavas nicht zu bewältigen, o Freude der Kurus.

pūrvam eva hi te sūkṣmair upāyair yatitās tvayā nigrahītuṃ yadā vīra śakitā na tadā tvayā

Denn schon früher hast du versucht, sie mit feinen Mitteln zu bezwingen; da du sie damals nicht zu überwältigen vermochtest, o Held,

Wort für Wort
pūrvam eva hi te sūkṣmair upāyair yatitās tvayā nigrahītuṃ yadā vīra śakitā na tadā tvayā
Denn schon früher hast du versucht, sie mit feinen Mitteln zu bezwingen; da du sie damals nicht zu überwältigen vermochtest, o Held,

ihaiva vartamānās te samīpe tava pārthiva ajātapakṣāḥ śiśavaḥ śakitā naiva bādhitum

als sie noch hier weilten, in deiner Nähe, o Fürst, als noch flügellose Kinder - selbst da vermochtest du sie nicht zu schädigen,

Wort für Wort
ihaiva vartamānās te samīpe tava pārthiva ajātapakṣāḥ śiśavaḥ śakitā naiva bādhitum
als sie noch hier weilten, in deiner Nähe, o Fürst, als noch flügellose Kinder - selbst da vermochtest du sie nicht zu schädigen,

jātapakṣā videśasthā vivṛddhāḥ sarvaśo 'dya te nopāyasādhyāḥ kaunteyā mamaiṣā matir acyuta

wieviel weniger jetzt, da die Söhne Kuntīs, geflügelt, im fremden Land weilend, in jeder Hinsicht herangewachsen sind - sie sind durch List nicht mehr zu bewältigen, das ist meine Meinung, Unfehlbarer.

Wort für Wort
jātapakṣā videśasthā vivṛddhāḥ sarvaśo 'dya te nopāyasādhyāḥ kaunteyā mamaiṣā matir acyuta
wieviel weniger jetzt, da die Söhne Kuntīs, geflügelt, im fremden Land weilend, in jeder Hinsicht herangewachsen sind - sie sind durch List nicht mehr zu bewältigen, das ist meine Meinung, Unfehlbarer.

na ca te vyasanair yoktuṃ śakyā diṣṭakṛtā hi te śaṅkitāś cepsavaś caiva pitṛpaitāmahaṃ padam

Auch lassen sie sich nicht in Laster verstricken, denn sie sind vom Schicksal geleitet, wachsam und begierig danach, den Rang ihres Vaters und Großvaters zu erlangen.

Wort für Wort
na ca te vyasanair yoktuṃ śakyā diṣṭakṛtā hi te śaṅkitāś cepsavaś caiva pitṛpaitāmahaṃ padam
Auch lassen sie sich nicht in Laster verstricken, denn sie sind vom Schicksal geleitet, wachsam und begierig danach, den Rang ihres Vaters und Großvaters zu erlangen.

paraspareṇa bhedaś ca nādhātuṃ teṣu śakyate ekasyāṃ ye ratāḥ patnyāṃ na bhidyante parasparam

Auch Zwietracht untereinander lässt sich unter ihnen nicht stiften; die, die einer einzigen Gattin zugetan sind, entzweien sich nicht untereinander.

Wort für Wort
paraspareṇa bhedaś ca nādhātuṃ teṣu śakyate ekasyāṃ ye ratāḥ patnyāṃ na bhidyante parasparam
Auch Zwietracht untereinander lässt sich unter ihnen nicht stiften; die, die einer einzigen Gattin zugetan sind, entzweien sich nicht untereinander.

na cāpi kṛṣṇā śakyeta tebhyo bhedayituṃ paraiḥ paridyūnān vṛtavatī kim utādya mṛjāvataḥ

Auch Kṛṣṇā lässt sich nicht durch Fremde von ihnen entzweien; hat sie sie doch schon erwählt, als sie geschwächt waren - wieviel mehr jetzt, da sie makellos sind.

Wort für Wort
na cāpi kṛṣṇā śakyeta tebhyo bhedayituṃ paraiḥ paridyūnān vṛtavatī kim utādya mṛjāvataḥ
Auch Kṛṣṇā lässt sich nicht durch Fremde von ihnen entzweien; hat sie sie doch schon erwählt, als sie geschwächt waren - wieviel mehr jetzt, da sie makellos sind.

īpsitaś ca guṇaḥ strīṇām ekasyā bahubhartṛtā taṃ ca prāptavatī kṛṣṇā na sā bhedayituṃ sukham

Und der von Frauen ersehnte Vorzug, dass eine einzige mehrere Gatten hat - diesen hat Kṛṣṇā erlangt; sie ist nicht leicht zu entzweien.

Wort für Wort
īpsitaś ca guṇaḥ strīṇām ekasyā bahubhartṛtā taṃ ca prāptavatī kṛṣṇā na sā bhedayituṃ sukham
Und der von Frauen ersehnte Vorzug, dass eine einzige mehrere Gatten hat - diesen hat Kṛṣṇā erlangt; sie ist nicht leicht zu entzweien.

āryavṛttaś ca pāñcālyo na sa rājā dhanapriyaḥ na saṃtyakṣyati kaunteyān rājyadānair api dhruvam

Und der Pāñcāla-König ist von edlem Verhalten, kein dem Reichtum ergebener König; er wird die Söhne Kuntīs gewiss auch nicht durch Angebote von Königreichen verlassen.

Wort für Wort
āryavṛttaś ca pāñcālyo na sa rājā dhanapriyaḥ na saṃtyakṣyati kaunteyān rājyadānair api dhruvam
Und der Pāñcāla-König ist von edlem Verhalten, kein dem Reichtum ergebener König; er wird die Söhne Kuntīs gewiss auch nicht durch Angebote von Königreichen verlassen.

tathāsya putro guṇavān anuraktaś ca pāṇḍavān tasmān nopāyasādhyāṃs tān ahaṃ manye kathaṃ cana

Ebenso ist sein Sohn tugendhaft und den Pāṇḍavas zugetan; darum halte ich sie auf keine Weise durch List für bewältigbar.

Wort für Wort
tathāsya putro guṇavān anuraktaś ca pāṇḍavān tasmān nopāyasādhyāṃs tān ahaṃ manye kathaṃ cana
Ebenso ist sein Sohn tugendhaft und den Pāṇḍavas zugetan; darum halte ich sie auf keine Weise durch List für bewältigbar.

idaṃ tv adya kṣamaṃ kartum asmākaṃ puruṣarṣabha yāvan na kṛtamūlās te pāṇḍaveyā viśāṃ pate tāvat praharaṇīyās te rocatāṃ tava vikramaḥ

Dies aber, o Stier unter den Männern, ist jetzt für uns angebracht zu tun: Solange die Söhne des Pāṇḍu noch keine Wurzeln geschlagen haben, o Herr der Völker, solange sollen sie angegriffen werden - möge dir die Tapferkeit gefallen.

Wort für Wort
idaṃ tv adya kṣamaṃ kartum asmākaṃ puruṣarṣabha yāvan na kṛtamūlās te pāṇḍaveyā viśāṃ pate tāvat praharaṇīyās te rocatāṃ tava vikramaḥ
Dies aber, o Stier unter den Männern, ist jetzt für uns angebracht zu tun: Solange die Söhne des Pāṇḍu noch keine Wurzeln geschlagen haben, o Herr der Völker, solange sollen sie angegriffen werden - möge dir die Tapferkeit gefallen.

asmatpakṣo mahān yāvad yāvat pāñcālako laghuḥ tāvat praharaṇaṃ teṣāṃ kriyatāṃ mā vicāraya

Solange unsere Partei noch mächtig und die der Pāñcālas noch schwach ist, solange soll der Angriff auf sie erfolgen - zögere nicht.

Wort für Wort
asmatpakṣo mahān yāvad yāvat pāñcālako laghuḥ tāvat praharaṇaṃ teṣāṃ kriyatāṃ mā vicāraya
Solange unsere Partei noch mächtig und die der Pāñcālas noch schwach ist, solange soll der Angriff auf sie erfolgen - zögere nicht.

vāhanāni prabhūtāni mitrāṇi bahulāni ca yāvan na teṣāṃ gāndhāre tāvad evāśu vikrama

Solange sie noch nicht über zahlreiche Reittiere und viele Verbündete verfügen, o Sohn der Gāndhārī, solange handle rasch mit Tapferkeit.

Wort für Wort
vāhanāni prabhūtāni mitrāṇi bahulāni ca yāvan na teṣāṃ gāndhāre tāvad evāśu vikrama
Solange sie noch nicht über zahlreiche Reittiere und viele Verbündete verfügen, o Sohn der Gāndhārī, solange handle rasch mit Tapferkeit.

[Anm.: gāndhāre als Vokativ ist im Sanskrit ungewoehnlich gebildet; sinngemaess als Anrede an Duryodhana, den Sohn der Gāndhārī, gedeutet.]

yāvac ca rājā pāñcālyo nodyame kurute manaḥ saha putrair mahāvīryais tāvad evāśu vikrama

Und solange der Pāñcāla-König mit seinen überaus tapferen Söhnen noch nicht seinen Sinn auf Rüstung richtet, solange handle rasch mit Tapferkeit.

Wort für Wort
yāvac ca rājā pāñcālyo nodyame kurute manaḥ saha putrair mahāvīryais tāvad evāśu vikrama
Und solange der Pāñcāla-König mit seinen überaus tapferen Söhnen noch nicht seinen Sinn auf Rüstung richtet, solange handle rasch mit Tapferkeit.

yāvann āyāti vārṣṇeyaḥ karṣan yādavavāhinīm rājyārthe pāṇḍaveyānāṃ tāvad evāśu vikrama

Und solange der Vṛṣṇi-Spross nicht kommt, das Heer der Yādavas heranziehend, im Interesse der Königsherrschaft der Söhne des Pāṇḍu, solange handle rasch mit Tapferkeit.

Wort für Wort
yāvann āyāti vārṣṇeyaḥ karṣan yādavavāhinīm rājyārthe pāṇḍaveyānāṃ tāvad evāśu vikrama
Und solange der Vṛṣṇi-Spross nicht kommt, das Heer der Yādavas heranziehend, im Interesse der Königsherrschaft der Söhne des Pāṇḍu, solange handle rasch mit Tapferkeit.

vasūni vividhān bhogān rājyam eva ca kevalam nātyājyam asti kṛṣṇasya pāṇḍavārthe mahīpate

Es gibt nichts, o Herrscher der Erde - weder mannigfache Schätze und Genüsse noch das Königreich selbst -, das Kṛṣṇa im Interesse der Pāṇḍavas nicht aufzugeben bereit wäre.

Wort für Wort
vasūni vividhān bhogān rājyam eva ca kevalam nātyājyam asti kṛṣṇasya pāṇḍavārthe mahīpate
Es gibt nichts, o Herrscher der Erde - weder mannigfache Schätze und Genüsse noch das Königreich selbst -, das Kṛṣṇa im Interesse der Pāṇḍavas nicht aufzugeben bereit wäre.

vikrameṇa mahī prāptā bharatena mahātmanā vikrameṇa ca lokāṃs trīñ jitavān pākaśāsanaḥ

Durch Tapferkeit hat der hochherzige Bharata die Erde erlangt, durch Tapferkeit hat der Bezwinger des Pāka die drei Welten erobert.

Wort für Wort
vikrameṇa mahī prāptā bharatena mahātmanā vikrameṇa ca lokāṃs trīñ jitavān pākaśāsanaḥ
Durch Tapferkeit hat der hochherzige Bharata die Erde erlangt, durch Tapferkeit hat der Bezwinger des Pāka die drei Welten erobert.

vikramaṃ ca praśaṃsanti kṣatriyasya viśāṃ pate svako hi dharmaḥ śūrāṇāṃ vikramaḥ pārthivarṣabha

Und Tapferkeit preist man beim Kṣatriya, o Herr der Völker; denn Tapferkeit ist das ureigene Recht der Helden, o Stier unter den Fürsten.

Wort für Wort
vikramaṃ ca praśaṃsanti kṣatriyasya viśāṃ pate svako hi dharmaḥ śūrāṇāṃ vikramaḥ pārthivarṣabha
Und Tapferkeit preist man beim Kṣatriya, o Herr der Völker; denn Tapferkeit ist das ureigene Recht der Helden, o Stier unter den Fürsten.

te balena vayaṃ rājan mahatā caturaṅgiṇā pramathya drupadaṃ śīghram ānayāmeha pāṇḍavān

Mit gewaltiger, viergliedriger Heeresmacht, o König, lasst uns Drupada rasch niederwerfen und die Pāṇḍavas hierher bringen.

Wort für Wort
te balena vayaṃ rājan mahatā caturaṅgiṇā pramathya drupadaṃ śīghram ānayāmeha pāṇḍavān
Mit gewaltiger, viergliedriger Heeresmacht, o König, lasst uns Drupada rasch niederwerfen und die Pāṇḍavas hierher bringen.

na hi sāmnā na dānena na bhedena ca pāṇḍavāḥ śakyāḥ sādhayituṃ tasmād vikrameṇaiva tāñ jahi

Denn weder durch Güte noch durch Geschenke noch durch Zwietracht sind die Pāṇḍavas zu bewältigen; darum besiege sie allein durch Tapferkeit.

Wort für Wort
na hi sāmnā na dānena na bhedena ca pāṇḍavāḥ śakyāḥ sādhayituṃ tasmād vikrameṇaiva tāñ jahi
Denn weder durch Güte noch durch Geschenke noch durch Zwietracht sind die Pāṇḍavas zu bewältigen; darum besiege sie allein durch Tapferkeit.

tān vikrameṇa jitvemām akhilāṃ bhuṅkṣva medinīm nānyam atra prapaśyāmi kāryopāyaṃ janādhipa

Besiege sie durch Tapferkeit und genieße diese ganze Erde; ich sehe hierin kein anderes taugliches Mittel, o Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
tān vikrameṇa jitvemām akhilāṃ bhuṅkṣva medinīm nānyam atra prapaśyāmi kāryopāyaṃ janādhipa
Besiege sie durch Tapferkeit und genieße diese ganze Erde; ich sehe hierin kein anderes taugliches Mittel, o Herrscher der Menschen.

vaiśaṃpāyana uvāca śrutvā tu rādheyavaco dhṛtarāṣṭraḥ pratāpavān abhipūjya tataḥ paścād idaṃ vacanam abravīt

Vaiśampāyana sprach: Als der glanzvolle Dhṛtarāṣṭra die Worte des Sohnes der Rādhā gehört hatte, lobte er sie und sprach danach dieses Wort:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca śrutvā tu rādheyavaco dhṛtarāṣṭraḥ pratāpavān abhipūjya tataḥ paścād idaṃ vacanam abravīt
Vaiśampāyana sprach: Als der glanzvolle Dhṛtarāṣṭra die Worte des Sohnes der Rādhā gehört hatte, lobte er sie und sprach danach dieses Wort:

upapannaṃ mahāprājñe kṛtāstre sūtanandane tvayi vikramasaṃpannam idaṃ vacanam īdṛśam

Angemessen ist, o hochweiser, waffenkundiger Sohn des Wagenlenkers, ein solches, an Tapferkeit reiches Wort in dir.

Wort für Wort
upapannaṃ mahāprājñe kṛtāstre sūtanandane tvayi vikramasaṃpannam idaṃ vacanam īdṛśam
Angemessen ist, o hochweiser, waffenkundiger Sohn des Wagenlenkers, ein solches, an Tapferkeit reiches Wort in dir.

bhūya eva tu bhīṣmaś ca droṇo vidura eva ca yuvāṃ ca kurutāṃ buddhiṃ bhaved yā naḥ sukhodayā

Doch sollen abermals Bhīṣma, Droṇa und Vidura sowie ihr beide gemeinsam beraten, welcher Entschluss uns Glück bringen möge.

Wort für Wort
bhūya eva tu bhīṣmaś ca droṇo vidura eva ca yuvāṃ ca kurutāṃ buddhiṃ bhaved yā naḥ sukhodayā
Doch sollen abermals Bhīṣma, Droṇa und Vidura sowie ihr beide gemeinsam beraten, welcher Entschluss uns Glück bringen möge.

tata ānāyya tān sarvān mantriṇaḥ sumahāyaśāḥ dhṛtarāṣṭro mahārāja mantrayām āsa vai tadā

Da ließ der überaus ruhmreiche Dhṛtarāṣṭra, o Großkönig, alle jene Ratgeber herbeirufen und beriet sich sogleich mit ihnen.

Wort für Wort
tata ānāyya tān sarvān mantriṇaḥ sumahāyaśāḥ dhṛtarāṣṭro mahārāja mantrayām āsa vai tadā
Da ließ der überaus ruhmreiche Dhṛtarāṣṭra, o Großkönig, alle jene Ratgeber herbeirufen und beriet sich sogleich mit ihnen.

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