Kapitel 99: Satyavatī-Vyāsa-Saṃvādaḥ
Satyavatī offenbart Vyāsa und beauftragt ihn mit dem Niyoga
Satyavatī offenbart Bhīṣma ihre bisher verborgene Vorgeschichte: als junge Fährfrau von dem Weisen Parāśara auf einer Yamunā-Insel überwältigt, gebar sie ihm den Sohn Kṛṣṇa-Dvaipāyana (Vyāsa), blieb aber äußerlich Jungfrau und erhielt einen wohlriechenden Duft anstelle ihres Fischgeruchs. Sie ruft Vyāsa in Gedanken herbei; er erscheint, erklärt sich zum Niyoga an den Witwen Vicitravīryas bereit, verlangt aber ein einjähriges Reinigungsgelübde der Frauen. Auf Satyavatīs Drängen wegen der Staatsnotwendigkeit eines Thronerben verkürzt er die Bedingung: die Frau müsse statt des Jahres nur seine abschreckende äußere Erscheinung ertragen. Satyavatī bereitet darauf Ambikā (hier als ‚Tochter der Kausalyā' bezeichnet) auf die bevorstehende Begegnung vor.
bhīṣma uvāca punar bharatavaṃśasya hetuṃ saṃtānavṛddhaye vakṣyāmi niyataṃ mātas tan me nigadataḥ śṛṇu
Bhīṣma sprach: Wiederum will ich dir, Mutter, den sicheren Weg zur Mehrung der Nachkommenschaft des Bharata-Geschlechts nennen; höre, was ich dir sage.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca punar bharatavaṃśasya hetuṃ saṃtānavṛddhaye vakṣyāmi niyataṃ mātas tan me nigadataḥ śṛṇu
Bhīṣma sprach: Wiederum will ich dir, Mutter, den sicheren Weg zur Mehrung der Nachkommenschaft des Bharata-Geschlechts nennen; höre, was ich dir sage.
satyam etan mahābāho yathā vadasi bhārata viśvāsāt te pravakṣyāmi saṃtānāya kulasya ca na te śakyam anākhyātum āpad dhīyaṃ tathāvidhā
‚Wahr ist dies, Starkarmiger, wie du sagst, o Bhārata. Aus Vertrauen zu dir will ich es dir zur Fortpflanzung unseres Geschlechts mitteilen; eine solche Notlage kann ich dir nicht verschweigen.
Wort für Wort
satyam etan mahābāho yathā vadasi bhārata viśvāsāt te pravakṣyāmi saṃtānāya kulasya ca na te śakyam anākhyātum āpad dhīyaṃ tathāvidhā
‚Wahr ist dies, Starkarmiger, wie du sagst, o Bhārata. Aus Vertrauen zu dir will ich es dir zur Fortpflanzung unseres Geschlechts mitteilen; eine solche Notlage kann ich dir nicht verschweigen.
tvam eva naḥ kule dharmas tvaṃ satyaṃ tvaṃ parā gatiḥ tasmān niśamya vākyaṃ me kuruṣva yad anantaram
Du allein bist für uns in unserem Geschlecht der Dharma, du die Wahrheit, du die höchste Zuflucht; höre daher mein Wort und tue, was sich daraus ergibt.
Wort für Wort
tvam eva naḥ kule dharmas tvaṃ satyaṃ tvaṃ parā gatiḥ tasmān niśamya vākyaṃ me kuruṣva yad anantaram
Du allein bist für uns in unserem Geschlecht der Dharma, du die Wahrheit, du die höchste Zuflucht; höre daher mein Wort und tue, was sich daraus ergibt.
Während er über die Yamunā übergesetzt wurde, näherte er sich mir, der Beste der Weisen, von Verlangen ergriffen, und sprach damals viele sanfte, süße Worte zu mir.
Während er über die Yamunā übergesetzt wurde, näherte er sich mir, der Beste der Weisen, von Verlangen ergriffen, und sprach damals viele sanfte, süße Worte zu mir.
abhibhūya sa māṃ bālāṃ tejasā vaśam ānayat tamasā lokam āvṛtya naugatām eva bhārata
Er überwältigte mich, ein junges Mädchen, durch seine Macht und brachte mich in seine Gewalt, indem er die Welt in Finsternis hüllte, während wir noch im Boot waren, o Bhārata.
Wort für Wort
abhibhūya sa māṃ bālāṃ tejasā vaśam ānayat tamasā lokam āvṛtya naugatām eva bhārata
Er überwältigte mich, ein junges Mädchen, durch seine Macht und brachte mich in seine Gewalt, indem er die Welt in Finsternis hüllte, während wir noch im Boot waren, o Bhārata.
yo vyasya vedāṃś caturas tapasā bhagavān ṛṣiḥ loke vyāsatvam āpede kārṣṇyāt kṛṣṇatvam eva ca
Er, der erhabene Weise, der durch seine Askese die Veden in vier Teile gliederte, erlangte in der Welt den Namen Vyāsa [‚der Teiler'] sowie, wegen seiner dunklen Hautfarbe, den Namen Kṛṣṇa.
Wort für Wort
yo vyasya vedāṃś caturas tapasā bhagavān ṛṣiḥ loke vyāsatvam āpede kārṣṇyāt kṛṣṇatvam eva ca
Er, der erhabene Weise, der durch seine Askese die Veden in vier Teile gliederte, erlangte in der Welt den Namen Vyāsa [‚der Teiler'] sowie, wegen seiner dunklen Hautfarbe, den Namen Kṛṣṇa.
satyavādī śamaparas tapasvī dagdhakilbiṣaḥ sa niyukto mayā vyaktaṃ tvayā ca amitadyute bhrātuḥ kṣetreṣu kalyāṇam apatyaṃ janayiṣyati
Wahrhaft redend, der Ruhe ergeben, asketisch, seine Verfehlungen längst verbrannt – ihn habe ich [in Gedanken] herbeigerufen, offenkundig auch mit deiner Zustimmung, o du von unermesslichem Glanz; er wird auf den Feldern des Bruders ein heilvolles Kind zeugen.
Wort für Wort
satyavādī śamaparas tapasvī dagdhakilbiṣaḥ sa niyukto mayā vyaktaṃ tvayā ca amitadyute bhrātuḥ kṣetreṣu kalyāṇam apatyaṃ janayiṣyati
Wahrhaft redend, der Ruhe ergeben, asketisch, seine Verfehlungen längst verbrannt – ihn habe ich [in Gedanken] herbeigerufen, offenkundig auch mit deiner Zustimmung, o du von unermesslichem Glanz; er wird auf den Feldern des Bruders ein heilvolles Kind zeugen.
[Anm.: Der Satz ‚vyaktaṃ tvayā ca' ist stark verkürzt; gemeint ist offenbar, dass Satyavatī den Weisen bereits herbeigerufen hat und dies auch mit Bhīṣmas Zustimmung geschehen soll (vgl. V17).]
artham arthānubandhaṃ ca dharmaṃ dharmānubandhanam kāmaṃ kāmānubandhaṃ ca viparītān pṛthak pṛthak yo vicintya dhiyā samyag vyavasyati sa buddhimān
sowie Artha und seine Folgen, Dharma und seine Folgen, Kāma und seine Folgen und deren jeweilige Gegenteile einzeln mit dem Verstand erwägt und richtig entscheidet, der ist weise.
Wort für Wort
artham arthānubandhaṃ ca dharmaṃ dharmānubandhanam kāmaṃ kāmānubandhaṃ ca viparītān pṛthak pṛthak yo vicintya dhiyā samyag vyavasyati sa buddhimān
sowie Artha und seine Folgen, Dharma und seine Folgen, Kāma und seine Folgen und deren jeweilige Gegenteile einzeln mit dem Verstand erwägt und richtig entscheidet, der ist weise.
tad idaṃ dharmayuktaṃ ca hitaṃ caiva kulasya naḥ uktaṃ bhavatyā yac chreyaḥ paramaṃ rocate mama
Dies nun, was von dir gesagt wurde, ist sowohl dem Dharma gemäß als auch dem Wohl unseres Geschlechts zuträglich; dieses höchste Gute gefällt mir sehr.'
Wort für Wort
tad idaṃ dharmayuktaṃ ca hitaṃ caiva kulasya naḥ uktaṃ bhavatyā yac chreyaḥ paramaṃ rocate mama
Dies nun, was von dir gesagt wurde, ist sowohl dem Dharma gemäß als auch dem Wohl unseres Geschlechts zuträglich; dieses höchste Gute gefällt mir sehr.'
tasmai pūjāṃ tadā dattvā sutāya vidhipūrvakam pariṣvajya ca bāhubhyāṃ prasnavair abhiṣicya ca mumoca bāṣpaṃ dāśeyī putraṃ dṛṣṭvā cirasya tam
Nachdem sie ihm, ihrem Sohn, vorschriftsgemäß Verehrung erwiesen, ihn mit beiden Armen umarmt und mit ihren Freudentränen benetzt hatte, vergoss die Fischerstochter Tränen, als sie ihren Sohn nach langer Zeit wiedersah.
Wort für Wort
tasmai pūjāṃ tadā dattvā sutāya vidhipūrvakam pariṣvajya ca bāhubhyāṃ prasnavair abhiṣicya ca mumoca bāṣpaṃ dāśeyī putraṃ dṛṣṭvā cirasya tam
Nachdem sie ihm, ihrem Sohn, vorschriftsgemäß Verehrung erwiesen, ihn mit beiden Armen umarmt und mit ihren Freudentränen benetzt hatte, vergoss die Fischerstochter Tränen, als sie ihren Sohn nach langer Zeit wiedersah.
tām adbhiḥ pariṣicyārtāṃ maharṣir abhivādya ca mātaraṃ pūrvajaḥ putro vyāso vacanam abravīt
Nachdem er die bekümmerte [Mutter] mit Wasser besprengt und den großen Weisen die Mutter begrüßt hatte, sprach der erstgeborene Sohn Vyāsa folgende Worte:
Wort für Wort
tām adbhiḥ pariṣicyārtāṃ maharṣir abhivādya ca mātaraṃ pūrvajaḥ putro vyāso vacanam abravīt
Nachdem er die bekümmerte [Mutter] mit Wasser besprengt und den großen Weisen die Mutter begrüßt hatte, sprach der erstgeborene Sohn Vyāsa folgende Worte:
tam āsanagataṃ mātā pṛṣṭvā kuśalam avyayam satyavaty abhivīkṣyainam uvācedam anantaram
Als er auf seinem Sitz Platz genommen hatte, fragte ihn die Mutter Satyavatī nach seinem unveränderlichen Wohlergehen, betrachtete ihn und sprach darauf Folgendes:
Wort für Wort
tam āsanagataṃ mātā pṛṣṭvā kuśalam avyayam satyavaty abhivīkṣyainam uvācedam anantaram
Als er auf seinem Sitz Platz genommen hatte, fragte ihn die Mutter Satyavatī nach seinem unveränderlichen Wohlergehen, betrachtete ihn und sprach darauf Folgendes:
yathaiva pitṛto bhīṣmas tathā tvam api mātṛtaḥ bhrātā vicitravīryasya yathā vā putra manyase
So wie Bhīṣma [uns zugehörig ist] von väterlicher Seite, so bist auch du von mütterlicher Seite Vicitravīryas Bruder – oder, wie du es auffassen magst, [mein] Sohn.
Wort für Wort
yathaiva pitṛto bhīṣmas tathā tvam api mātṛtaḥ bhrātā vicitravīryasya yathā vā putra manyase
So wie Bhīṣma [uns zugehörig ist] von väterlicher Seite, so bist auch du von mütterlicher Seite Vicitravīryas Bruder – oder, wie du es auffassen magst, [mein] Sohn.
sa tvaṃ vyapekṣayā bhrātuḥ saṃtānāya kulasya ca bhīṣmasya cāsya vacanān niyogāc ca mamānagha
Du also, aus Rücksicht auf deinen Bruder und zur Fortpflanzung unseres Geschlechts, sowie auf das Wort und den Auftrag dieses Bhīṣma und meinen eigenen hin, o Makelloser,
Wort für Wort
sa tvaṃ vyapekṣayā bhrātuḥ saṃtānāya kulasya ca bhīṣmasya cāsya vacanān niyogāc ca mamānagha
Du also, aus Rücksicht auf deinen Bruder und zur Fortpflanzung unseres Geschlechts, sowie auf das Wort und den Auftrag dieses Bhīṣma und meinen eigenen hin, o Makelloser,
tayor utpādayāpatyaṃ samartho hy asi putraka anurūpaṃ kulasyāsya saṃtatyāḥ prasavasya ca
Zeuge du mit ihnen Nachkommenschaft, mein Söhnchen, denn du bist fähig dazu – [einen Sohn], der diesem Geschlecht, seiner Fortpflanzung und seinem Gedeihen entspricht.'
Wort für Wort
tayor utpādayāpatyaṃ samartho hy asi putraka anurūpaṃ kulasyāsya saṃtatyāḥ prasavasya ca
Zeuge du mit ihnen Nachkommenschaft, mein Söhnchen, denn du bist fähig dazu – [einen Sohn], der diesem Geschlecht, seiner Fortpflanzung und seinem Gedeihen entspricht.'
tasmād ahaṃ tvanniyogād dharmam uddiśya kāraṇam īpsitaṃ te kariṣyāmi dṛṣṭaṃ hy etat purātanam
Deshalb will ich, auf deinen Auftrag hin, mit Blick auf den Dharma als Grund, das von dir Gewünschte ausführen – dies ist ja eine altbekannte, seit je geübte Praxis.
Wort für Wort
tasmād ahaṃ tvanniyogād dharmam uddiśya kāraṇam īpsitaṃ te kariṣyāmi dṛṣṭaṃ hy etat purātanam
Deshalb will ich, auf deinen Auftrag hin, mit Blick auf den Dharma als Grund, das von dir Gewünschte ausführen – dies ist ja eine altbekannte, seit je geübte Praxis.
Wie könnte ein Reich ohne König aufrechterhalten werden, o Herr? Deshalb setze [sogleich] eine Schwangerschaft ein – Bhīṣma wird [das Kind] großziehen.'
Wie könnte ein Reich ohne König aufrechterhalten werden, o Herr? Deshalb setze [sogleich] eine Schwangerschaft ein – Bhīṣma wird [das Kind] großziehen.'
Vyāsa sprach: ‚Wenn von mir unverzüglich, zur Unzeit, ein Sohn geschenkt werden soll, so soll sie meine Missgestalt ertragen – das sei ihr [einziges] höchstes Gelübde.
Vyāsa sprach: ‚Wenn von mir unverzüglich, zur Unzeit, ein Sohn geschenkt werden soll, so soll sie meine Missgestalt ertragen – das sei ihr [einziges] höchstes Gelübde.
Wenn sie meinen Geruch, meine Gestalt, meine Kleidung sowie meinen Leib erträgt, so möge die Tochter der Kausalyā [Ambikā] noch heute eine ausgezeichnete Schwangerschaft empfangen.'
Wenn sie meinen Geruch, meine Gestalt, meine Kleidung sowie meinen Leib erträgt, so möge die Tochter der Kausalyā [Ambikā] noch heute eine ausgezeichnete Schwangerschaft empfangen.'
[Anm.: ‚Kausalyā' wird hier als Metronymikon für Ambikā verwendet (‚Tochter der Kausalyā'); vgl. den bereits angelegten Glossareintrag zu dieser gleichnamigen Mutter Ambikās und Ambālikās, nicht zu verwechseln mit der ‚Kausalyā' aus Adh.90 (Pūrus Gattin) oder Rāmas Mutter in anderer Tradition.]
vaiśaṃpāyana uvāca samāgamanam ākāṅkṣann iti so 'ntarhito muniḥ tato 'bhigamya sā devī snuṣāṃ rahasi saṃgatām dharmyam arthasamāyuktam uvāca vacanaṃ hitam
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er dies gesagt hatte – auf das [künftige] Zusammenkommen hoffend – verschwand jener Weise. Danach ging jene Königin [Satyavatī] zu ihrer im Geheimen versammelten Schwiegertochter und sprach dem Dharma gemäße, dem Nutzen entsprechende, heilsame Worte:
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca samāgamanam ākāṅkṣann iti so 'ntarhito muniḥ tato 'bhigamya sā devī snuṣāṃ rahasi saṃgatām dharmyam arthasamāyuktam uvāca vacanaṃ hitam
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er dies gesagt hatte – auf das [künftige] Zusammenkommen hoffend – verschwand jener Weise. Danach ging jene Königin [Satyavatī] zu ihrer im Geheimen versammelten Schwiegertochter und sprach dem Dharma gemäße, dem Nutzen entsprechende, heilsame Worte:
kausalye dharmatantraṃ yad bravīmi tvāṃ nibodha me bharatānāṃ samucchedo vyaktaṃ madbhāgyasaṃkṣayāt
‚Höre von mir, Tochter der Kausalyā [Ambikā], die Dharma-Ordnung, die ich dir verkünde: Das Aussterben der Bharatas [droht] offenkundig durch das Schwinden meines Glücks.
Wort für Wort
kausalye dharmatantraṃ yad bravīmi tvāṃ nibodha me bharatānāṃ samucchedo vyaktaṃ madbhāgyasaṃkṣayāt
‚Höre von mir, Tochter der Kausalyā [Ambikā], die Dharma-Ordnung, die ich dir verkünde: Das Aussterben der Bharatas [droht] offenkundig durch das Schwinden meines Glücks.