Kapitel 146: Brāhmaṇīvākyam
Die Rede der Brahmanin
Die Frau des Brahmanen widerspricht seiner Verzweiflung mit einer langen, kunstvollen Argumentation: Sie selbst habe ihre eheliche Pflicht bereits erfüllt (Kinder geboren), sei als Frau leichter zu entbehren als der versorgende Gatte, und Rākṣasas seien überdies angeblich verpflichtet, Frauen zu verschonen. Sie beruft sich auf das Āpad-Dharma (Notrecht), wonach in Notlagen selbst Gattin oder Kinder geopfert werden dürfen, um Familie und Selbst zu retten, und bittet ihren Mann, sie an seiner Stelle zu opfern. Der Gatte, zutiefst ergriffen, kann nur schweigend weinen.
brāhmaṇy uvāca na saṃtāpas tvayā kāryaḥ prākṛteneva karhi cit na hi saṃtāpakālo 'yaṃ vaidyasya tava vidyate
Die Brahmanin sprach: ‚Du sollst dich nicht grämen, wie ein gewöhnlicher Mensch, zu keiner Zeit; denn für dich, den Gelehrten, ist jetzt nicht die Zeit zur Verzweiflung.'
Wort für Wort
brāhmaṇy uvāca na saṃtāpas tvayā kāryaḥ prākṛteneva karhi cit na hi saṃtāpakālo 'yaṃ vaidyasya tava vidyate
Die Brahmanin sprach: ‚Du sollst dich nicht grämen, wie ein gewöhnlicher Mensch, zu keiner Zeit; denn für dich, den Gelehrten, ist jetzt nicht die Zeit zur Verzweiflung.'
bhāryā putro 'tha duhitā sarvam ātmārtham iṣyate vyathāṃ jahi subuddhyā tvaṃ svayaṃ yāsyāmi tatra vai
‚Gattin, Sohn und Tochter – all dies wird um des eigenen Selbst willen begehrt; gib deinen Kummer auf, mit gutem Verstand; ich selbst werde dorthin gehen.'
Wort für Wort
bhāryā putro 'tha duhitā sarvam ātmārtham iṣyate vyathāṃ jahi subuddhyā tvaṃ svayaṃ yāsyāmi tatra vai
‚Gattin, Sohn und Tochter – all dies wird um des eigenen Selbst willen begehrt; gib deinen Kummer auf, mit gutem Verstand; ich selbst werde dorthin gehen.'
yadartham iṣyate bhāryā prāptaḥ so 'rthas tvayā mayi kanyā caiva kumāraś ca kṛtāham anṛṇā tvayā
‚Der Zweck, um dessentwillen man eine Gattin begehrt, ist von dir durch mich bereits erreicht – Tochter und Sohn habe ich geboren; ich bin von dir schuldfrei gemacht worden.'
Wort für Wort
yadartham iṣyate bhāryā prāptaḥ so 'rthas tvayā mayi kanyā caiva kumāraś ca kṛtāham anṛṇā tvayā
‚Der Zweck, um dessentwillen man eine Gattin begehrt, ist von dir durch mich bereits erreicht – Tochter und Sohn habe ich geboren; ich bin von dir schuldfrei gemacht worden.'
mama hi tvadvihīnāyāḥ sarvakāmā na āpadaḥ kathaṃ syātāṃ sutau bālau bhaveyaṃ ca kathaṃ tv aham
‚Denn für mich, wäre ich ohne dich, gäbe es nur noch Not statt erfüllter Wünsche; wie erst sollten unsere beiden jungen Kinder zurechtkommen, und wie sollte ich selbst zurechtkommen?'
Wort für Wort
mama hi tvadvihīnāyāḥ sarvakāmā na āpadaḥ kathaṃ syātāṃ sutau bālau bhaveyaṃ ca kathaṃ tv aham
‚Denn für mich, wäre ich ohne dich, gäbe es nur noch Not statt erfüllter Wünsche; wie erst sollten unsere beiden jungen Kinder zurechtkommen, und wie sollte ich selbst zurechtkommen?'
‚Denn wie sollte ich, verwitwet, schutzlos, mit noch jungen Kindern, ohne dich, das Kinderpaar am Leben erhalten, auf dem Weg der Rechtschaffenen verharrend?'
‚Denn wie sollte ich, verwitwet, schutzlos, mit noch jungen Kindern, ohne dich, das Kinderpaar am Leben erhalten, auf dem Weg der Rechtschaffenen verharrend?'
‚Und wie sollte ich diese unsere Tochter beschützen können, wenn sie von hochmütigen, überheblichen, für eine Verbindung mit uns ungeeigneten Männern umworben wird?'
‚Und wie sollte ich diese unsere Tochter beschützen können, wenn sie von hochmütigen, überheblichen, für eine Verbindung mit uns ungeeigneten Männern umworben wird?'
sāhaṃ vicālyamānā vai prārthyamānā durātmabhiḥ sthātuṃ pathi na śakṣyāmi sajjaneṣṭe dvijottama
‚Ich, so bedrängt und von Bösgesinnten umworben, würde nicht imstande sein, auf dem von guten Menschen gewünschten Weg zu verharren, du Bester der Zweifachgeborenen.'
Wort für Wort
sāhaṃ vicālyamānā vai prārthyamānā durātmabhiḥ sthātuṃ pathi na śakṣyāmi sajjaneṣṭe dvijottama
‚Ich, so bedrängt und von Bösgesinnten umworben, würde nicht imstande sein, auf dem von guten Menschen gewünschten Weg zu verharren, du Bester der Zweifachgeborenen.'
‚Wie könnte ich es wagen, diese einzige Tochter deines Geschlechts, noch nicht durch die Ehesakramente geweiht, allein auf dem Weg der Väter und Großväter zu führen?'
‚Wie könnte ich es wagen, diese einzige Tochter deines Geschlechts, noch nicht durch die Ehesakramente geweiht, allein auf dem Weg der Väter und Großväter zu führen?'
‚Wie sollte ich diesem Kind, ohne dich, die erwünschten Tugenden vermitteln können, wenn es schutzlos und von allem verlassen ist, so wie du, der Dharma-Kundige, es könntest?'
‚Wie sollte ich diesem Kind, ohne dich, die erwünschten Tugenden vermitteln können, wenn es schutzlos und von allem verlassen ist, so wie du, der Dharma-Kundige, es könntest?'
imām api ca te bālām anāthāṃ paribhūya mām anarhāḥ prārthayiṣyanti śūdrā vedaśrutiṃ yathā
‚Und diese deine schutzlose Tochter, mich missachtend, werden Unwürdige umwerben, so wie Śūdras nach dem ihnen nicht zustehenden Veda-Wissen verlangen.'
Wort für Wort
imām api ca te bālām anāthāṃ paribhūya mām anarhāḥ prārthayiṣyanti śūdrā vedaśrutiṃ yathā
‚Und diese deine schutzlose Tochter, mich missachtend, werden Unwürdige umwerben, so wie Śūdras nach dem ihnen nicht zustehenden Veda-Wissen verlangen.'
[Anm.: Der Vergleich spiegelt die zeitgebundene Kastenideologie des Originaltextes wider, die hier unbeschönigt wiedergegeben wird.
tāṃ ced ahaṃ na ditseyaṃ tvadguṇair upabṛṃhitām pramathyaināṃ hareyus te havir dhvāṅkṣā ivādhvarāt
‚Wenn ich sie, ausgestattet mit deinen Tugenden, ihnen nicht geben wollte, würden sie sie gewaltsam entreißen und rauben, wie Krähen die Opferspende vom Opferplatz rauben.'
Wort für Wort
tāṃ ced ahaṃ na ditseyaṃ tvadguṇair upabṛṃhitām pramathyaināṃ hareyus te havir dhvāṅkṣā ivādhvarāt
‚Wenn ich sie, ausgestattet mit deinen Tugenden, ihnen nicht geben wollte, würden sie sie gewaltsam entreißen und rauben, wie Krähen die Opferspende vom Opferplatz rauben.'
‚Wenn ich sähe, wie dein Sohn dir nicht als Ebenbürtiger seines Vaters heranwächst, und wie diese deine Tochter in die Gewalt eines Unwürdigen geriete,'
‚Wenn ich sähe, wie dein Sohn dir nicht als Ebenbürtiger seines Vaters heranwächst, und wie diese deine Tochter in die Gewalt eines Unwürdigen geriete,'
vyuṣṭir eṣā parā strīṇāṃ pūrvaṃ bhartuḥ parā gatiḥ na tu brāhmaṇa putrāṇāṃ viṣaye parivartitum
‚Dies ist der höchste Lohn für Frauen: vor dem Gatten den höchsten Weg zu gehen; nicht aber, o Brahmane, im Herrschaftsbereich der Söhne von diesen abhängig zu verweilen.'
Wort für Wort
vyuṣṭir eṣā parā strīṇāṃ pūrvaṃ bhartuḥ parā gatiḥ na tu brāhmaṇa putrāṇāṃ viṣaye parivartitum
‚Dies ist der höchste Lohn für Frauen: vor dem Gatten den höchsten Weg zu gehen; nicht aber, o Brahmane, im Herrschaftsbereich der Söhne von diesen abhängig zu verweilen.'
‚Gegenüber Opfern, Askese, Gelübden und mannigfachen Spenden zeichnet sich für eine Frau das beständige Beharren im Wohl des Gatten als das Höchste aus.'
‚Gegenüber Opfern, Askese, Gelübden und mannigfachen Spenden zeichnet sich für eine Frau das beständige Beharren im Wohl des Gatten als das Höchste aus.'
‚Auch geliebte Kinder, Besitztümer, teure Freunde und ebenso die Gattin – all dies zur Befreiung aus einer Notlage einzusetzen, ist nach Ansicht der Rechtschaffenen das Gebot des Notrechts.'
‚Auch geliebte Kinder, Besitztümer, teure Freunde und ebenso die Gattin – all dies zur Befreiung aus einer Notlage einzusetzen, ist nach Ansicht der Rechtschaffenen das Gebot des Notrechts.'
[Anm.: āpaddharma – das ,Notrecht', das in Ausnahmelagen von den sonst geltenden Dharma-Regeln abweichende Handlungen rechtfertigt.
‚Auf der einen Seite das ganze Geschlecht, auf der anderen nur das eigene Selbst, o Mehrer des Geschlechts – nicht alles ist gleich wichtig; das ist die Überzeugung der Weisen.'
‚Auf der einen Seite das ganze Geschlecht, auf der anderen nur das eigene Selbst, o Mehrer des Geschlechts – nicht alles ist gleich wichtig; das ist die Überzeugung der Weisen.'
avadhyāḥ striya ity āhur dharmajñā dharmaniścaye dharmajñān rākṣasān āhur na hanyāt sa ca mām api
‚Frauen seien nicht zu töten, so sagen die Dharma-Kundigen in der Dharma-Entscheidung; man sagt, auch Rākṣasas kennen das Dharma – er wird also auch mich nicht töten.'
Wort für Wort
avadhyāḥ striya ity āhur dharmajñā dharmaniścaye dharmajñān rākṣasān āhur na hanyāt sa ca mām api
‚Frauen seien nicht zu töten, so sagen die Dharma-Kundigen in der Dharma-Entscheidung; man sagt, auch Rākṣasas kennen das Dharma – er wird also auch mich nicht töten.'
bhuktaṃ priyāṇy avāptāni dharmaś ca carito mayā tvatprasūtiḥ priyā prāptā na māṃ tapsyaty ajīvitam
‚Ich habe das Leben genossen, Liebes erlangt, und Dharma befolgt; ich habe die geliebte Nachkommenschaft von dir erhalten – der Tod wird mich nicht mit Reue über ein unvollendetes Leben quälen.'
Wort für Wort
bhuktaṃ priyāṇy avāptāni dharmaś ca carito mayā tvatprasūtiḥ priyā prāptā na māṃ tapsyaty ajīvitam
‚Ich habe das Leben genossen, Liebes erlangt, und Dharma befolgt; ich habe die geliebte Nachkommenschaft von dir erhalten – der Tod wird mich nicht mit Reue über ein unvollendetes Leben quälen.'
‚Und es ist auch kein Unrecht, mein Guter, wenn Männer mehrere Frauen haben; für Frauen aber ist es überaus großes Unrecht, den früheren Gatten zu übergehen.'
‚Und es ist auch kein Unrecht, mein Guter, wenn Männer mehrere Frauen haben; für Frauen aber ist es überaus großes Unrecht, den früheren Gatten zu übergehen.'
etat sarvaṃ samīkṣya tvam ātmatyāgaṃ ca garhitam ātmānaṃ tāraya mayā kulaṃ cemau ca dārakau
‚Dies alles erwägend, und da die Selbstaufgabe des Familienoberhaupts verwerflich ist, rette dich selbst durch mich, rette das Geschlecht und diese beiden Kinder.'
Wort für Wort
etat sarvaṃ samīkṣya tvam ātmatyāgaṃ ca garhitam ātmānaṃ tāraya mayā kulaṃ cemau ca dārakau
‚Dies alles erwägend, und da die Selbstaufgabe des Familienoberhaupts verwerflich ist, rette dich selbst durch mich, rette das Geschlecht und diese beiden Kinder.'