Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 23: Āstīka-parva (Fortsetzung): der Auftrag, das Amṛta zu holen Āstīka-parva (Fortsetzung): die liebliche Insel, Vinatās Enthüllung der Dienstbarkeit und der Auftrag der Schlangen, das Amṛta zu holen — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,023.001“ bis „01,023.012“). Garuḍa trägt die Schlangen zu einem paradiesischen Land; von dort verlangen sie, zu einer weiteren Insel getragen zu werden. Garuḍa fragt seine Mutter Vinatā, warum er den Schlangen gehorchen müsse; sie enthüllt ihm die Wette und ihre durch Betrug erzwungene Dienstbarkeit. Garuḍa fragt die Schlangen, was er tun müsse, um sie – seine Mutter – zu befreien; sie fordern das Amṛta. Damit beginnt der Handlungsstrang, der zum berühmten Amṛta-Raub führt. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.

sūta uvāca | suparṇenohyamānās te jagmus taṃ deśam āśu vai | sāgarāmbuparikṣiptaṃ pakṣisaṃghanināditam

Sūta sprach: Von Suparṇa [Garuḍa] getragen, gelangten sie rasch zu jenem Land, das vom Ozeanwasser umspült war und vom Lärm der Vogelscharen widerhallte.

Wort für Wort
sūta uvāca | suparṇenohyamānās te jagmus taṃ deśam āśu vai | sāgarāmbuparikṣiptaṃ pakṣisaṃghanināditam
Sūta sprach: Von Suparṇa [Garuḍa] getragen, gelangten sie rasch zu jenem Land, das vom Ozeanwasser umspült war und vom Lärm der Vogelscharen widerhallte.

vicitraphalapuṣpābhir vanarājibhir āvṛtam | bhavanair āvṛtaṃ ramyais tathā padmākarair api

bedeckt mit Wäldern voll bunter Früchte und Blüten, ebenso umgeben von lieblichen Wohnstätten und von Lotusteichen geschmückt,

Wort für Wort
vicitraphalapuṣpābhir vanarājibhir āvṛtam | bhavanair āvṛtaṃ ramyais tathā padmākarair api
bedeckt mit Wäldern voll bunter Früchte und Blüten, ebenso umgeben von lieblichen Wohnstätten und von Lotusteichen geschmückt,

prasannasalilaiś cāpi hradaiś citrair vibhūṣitam | divyagandhavahaiḥ puṇyair mārutair upavījitam

geziert auch mit klarwässrigen, bunten Weihern, umweht von reinen, göttlichen Duft tragenden Winden,

Wort für Wort
prasannasalilaiś cāpi hradaiś citrair vibhūṣitam | divyagandhavahaiḥ puṇyair mārutair upavījitam
geziert auch mit klarwässrigen, bunten Weihern, umweht von reinen, göttlichen Duft tragenden Winden,

upajighradbhir ākāśaṃ vṛkṣair malayajair api | śobhitaṃ puṣpavarṣāṇi muñcadbhir mārutoddhutaiḥ

geschmückt mit Malaya-Sandelholzbäumen, die den Luftraum gleichsam einatmend beduften, indem sie, vom Wind aufgewirbelt, Blütenregen herabstreuten,

Wort für Wort
upajighradbhir ākāśaṃ vṛkṣair malayajair api | śobhitaṃ puṣpavarṣāṇi muñcadbhir mārutoddhutaiḥ
geschmückt mit Malaya-Sandelholzbäumen, die den Luftraum gleichsam einatmend beduften, indem sie, vom Wind aufgewirbelt, Blütenregen herabstreuten,

kiradbhir iva tatrasthān nāgān puṣpāmbuvṛṣṭibhiḥ | manaḥsaṃharṣaṇaṃ puṇyaṃ gandharvāpsarasāṃ priyam | nānāpakṣirutaṃ ramyaṃ kadrūputrapraharṣaṇam

die gleichsam die dort weilenden Schlangen mit Blüten-Wasser-Güssen bestreuten – ein Land, das den Geist erfreute, heilig, den Gandharvas und Apsaras lieb, lieblich vom vielfältigen Vogelgeschrei, den Söhnen Kadrūs Wonne bereitend.

Wort für Wort
kiradbhir iva tatrasthān nāgān puṣpāmbuvṛṣṭibhiḥ | manaḥsaṃharṣaṇaṃ puṇyaṃ gandharvāpsarasāṃ priyam | nānāpakṣirutaṃ ramyaṃ kadrūputrapraharṣaṇam
die gleichsam die dort weilenden Schlangen mit Blüten-Wasser-Güssen bestreuten – ein Land, das den Geist erfreute, heilig, den Gandharvas und Apsaras lieb, lieblich vom vielfältigen Vogelgeschrei, den Söhnen Kadrūs Wonne bereitend.

tat te vanaṃ samāsādya vijahruḥ pannagā mudā | abruvaṃś ca mahāvīryaṃ suparṇaṃ patagottamam

Nachdem sie jenen Wald erreicht hatten, ergötzten sich die Schlangen voller Freude, und sie sprachen zu dem hochmächtigen Suparṇa, dem Besten der Vögel:

Wort für Wort
tat te vanaṃ samāsādya vijahruḥ pannagā mudā | abruvaṃś ca mahāvīryaṃ suparṇaṃ patagottamam
Nachdem sie jenen Wald erreicht hatten, ergötzten sich die Schlangen voller Freude, und sie sprachen zu dem hochmächtigen Suparṇa, dem Besten der Vögel:

vahāsmān aparaṃ dvīpaṃ suramyaṃ vipulodakam | tvaṃ hi deśān bahūn ramyān patan paśyasi khecara

„Trage uns zu einer anderen, überaus lieblichen Insel mit reichlichem Wasser; denn du, der du im Flug viele liebliche Länder erblickst, o Luftwandler.“

Wort für Wort
vahāsmān aparaṃ dvīpaṃ suramyaṃ vipulodakam | tvaṃ hi deśān bahūn ramyān patan paśyasi khecara
„Trage uns zu einer anderen, überaus lieblichen Insel mit reichlichem Wasser; denn du, der du im Flug viele liebliche Länder erblickst, o Luftwandler.“

sa vicintyābravīt pakṣī mātaraṃ vinatāṃ tadā | kiṃ kāraṇaṃ mayā mātaḥ kartavyaṃ sarpabhāṣitam

Da überlegte der Vogel und sprach zu seiner Mutter Vinatā: „Aus welchem Grund, o Mutter, muss ich das Wort der Schlangen befolgen?“

Wort für Wort
sa vicintyābravīt pakṣī mātaraṃ vinatāṃ tadā | kiṃ kāraṇaṃ mayā mātaḥ kartavyaṃ sarpabhāṣitam
Da überlegte der Vogel und sprach zu seiner Mutter Vinatā: „Aus welchem Grund, o Mutter, muss ich das Wort der Schlangen befolgen?“

vinatovāca | dāsībhūtāsmy anāryāyā bhaginyāḥ patagottama | paṇaṃ vitatham āsthāya sarpair upadhinā kṛtam

Vinatā sprach: „Ich bin die Dienerin der unedlen Schwester geworden, o Bester der Vögel, nachdem die Wette, durch Betrug der Schlangen zunichtegemacht, entschieden worden war.“

Wort für Wort
vinatovāca | dāsībhūtāsmy anāryāyā bhaginyāḥ patagottama | paṇaṃ vitatham āsthāya sarpair upadhinā kṛtam
Vinatā sprach: „Ich bin die Dienerin der unedlen Schwester geworden, o Bester der Vögel, nachdem die Wette, durch Betrug der Schlangen zunichtegemacht, entschieden worden war.“

sūta uvāca | tasmiṃs tu kathite mātrā kāraṇe gaganecaraḥ | uvāca vacanaṃ sarpāṃs tena duḥkhena duḥkhitaḥ

Sūta sprach: Als aber der Grund von der Mutter dargelegt worden war, sprach der Himmelswandler, von jenem Kummer betrübt, zu den Schlangen dieses Wort:

Wort für Wort
sūta uvāca | tasmiṃs tu kathite mātrā kāraṇe gaganecaraḥ | uvāca vacanaṃ sarpāṃs tena duḥkhena duḥkhitaḥ
Sūta sprach: Als aber der Grund von der Mutter dargelegt worden war, sprach der Himmelswandler, von jenem Kummer betrübt, zu den Schlangen dieses Wort:

kim āhṛtya viditvā vā kiṃ vā kṛtveha pauruṣam | dāsyād vo vipramucyeyaṃ satyaṃ śaṃsata lelihāḥ

„Was soll ich herbeibringen, oder was erkennen, oder welche Manneskraft hier vollbringen, damit ich euch von der Dienstbarkeit befreie? Saget mir die Wahrheit, ihr Zünglerinnen.“

Wort für Wort
kim āhṛtya viditvā vā kiṃ vā kṛtveha pauruṣam | dāsyād vo vipramucyeyaṃ satyaṃ śaṃsata lelihāḥ
„Was soll ich herbeibringen, oder was erkennen, oder welche Manneskraft hier vollbringen, damit ich euch von der Dienstbarkeit befreie? Saget mir die Wahrheit, ihr Zünglerinnen.“

[Anm.: „Lelihāḥ“ (etwa „die Züngelnden/Leckenden“) ist eine für Schlangen typische Anrede, die auf ihre züngelnde Zunge anspielt.]

śrutvā tam abruvan sarpā āharāmṛtam ojasā | tato dāsyād vipramokṣo bhavitā tava khecara

Als sie ihn hörten, sprachen die Schlangen: „Bringe mit deiner Kraft das Amṛta herbei; dann wird deine Befreiung von der Dienstbarkeit geschehen, o Luftwandler.“

Wort für Wort
śrutvā tam abruvan sarpā āharāmṛtam ojasā | tato dāsyād vipramokṣo bhavitā tava khecara
Als sie ihn hörten, sprachen die Schlangen: „Bringe mit deiner Kraft das Amṛta herbei; dann wird deine Befreiung von der Dienstbarkeit geschehen, o Luftwandler.“

[Anm.: Damit erhält Garuḍa den Auftrag, der zum berühmten Amṛta-Raub führt – dem zentralen Thema der folgenden Adhyāyas.]

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