Kapitel 145: Brāhmaṇavilāpaḥ
Die Klage des Brahmanen
In Ekacakrā leben die Pāṇḍavas verborgen als bettelnde Asketen im Haus eines Brahmanen, wobei Bhīma stets die Hälfte der gesamten erbettelten Speise für sich behält. Als Kuntī eines Tages, allein mit Bhīma zurückgeblieben, lautes Klagen aus dem Haus hört, eilt sie hinein und findet den Brahmanen mit Frau, Sohn und Tochter in Verzweiflung. In einer langen philosophischen Klage über die Leiden des Lebens erklärt der Brahmane, warum er keines seiner Familienmitglieder dem drohenden Schicksal opfern kann und selbst den eigenen Tod erwägt, da er niemanden von ihnen preisgeben will.
janamejaya uvāca ekacakrāṃ gatās te tu kuntīputrā mahārathāḥ ataḥ paraṃ dvijaśreṣṭha kim akurvata pāṇḍavāḥ
Janamejaya sprach: Nachdem die Söhne Kuntīs, die großen Wagenkämpfer, nach Ekacakrā gekommen waren, was taten die Pāṇḍavas darauf weiter, o Bester der Zweifachgeborenen?
Wort für Wort
janamejaya uvāca ekacakrāṃ gatās te tu kuntīputrā mahārathāḥ ataḥ paraṃ dvijaśreṣṭha kim akurvata pāṇḍavāḥ
Janamejaya sprach: Nachdem die Söhne Kuntīs, die großen Wagenkämpfer, nach Ekacakrā gekommen waren, was taten die Pāṇḍavas darauf weiter, o Bester der Zweifachgeborenen?
vaiśaṃpāyana uvāca ekacakrāṃ gatās te tu kuntīputrā mahārathāḥ ūṣur nāticiraṃ kālaṃ brāhmaṇasya niveśane
Vaiśaṃpāyana sprach: Die Söhne Kuntīs, die großen Wagenkämpfer, nach Ekacakrā gekommen, weilten nicht allzu lange Zeit in der Wohnung eines Brahmanen.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca ekacakrāṃ gatās te tu kuntīputrā mahārathāḥ ūṣur nāticiraṃ kālaṃ brāhmaṇasya niveśane
Vaiśaṃpāyana sprach: Die Söhne Kuntīs, die großen Wagenkämpfer, nach Ekacakrā gekommen, weilten nicht allzu lange Zeit in der Wohnung eines Brahmanen.
[Anm.: ‚Nicht allzu lange Zeit' widerspricht scheinbar der später berichteten sehr langen Verweildauer (V.7) – wohl aus der Rückschau eines langen Gesamtwerks relativ gemeint. [?]
ardhaṃ te bhuñjate vīrāḥ saha mātrā paraṃtapāḥ ardhaṃ bhaikṣasya sarvasya bhīmo bhuṅkte mahābalaḥ
Die Hälfte davon aßen die Helden, samt der Mutter, die Bezwinger der Feinde; die andere Hälfte der gesamten erbettelten Speise aß Bhīma, der überaus Starke, allein.
Wort für Wort
ardhaṃ te bhuñjate vīrāḥ saha mātrā paraṃtapāḥ ardhaṃ bhaikṣasya sarvasya bhīmo bhuṅkte mahābalaḥ
Die Hälfte davon aßen die Helden, samt der Mutter, die Bezwinger der Feinde; die andere Hälfte der gesamten erbettelten Speise aß Bhīma, der überaus Starke, allein.
‚Ich denke stets, mein Sohn, was ich wohl diesem Brahmanen Liebes tun könnte, so wie es diejenigen tun sollten, die glücklich in seinem Haus gewohnt haben.'
‚Ich denke stets, mein Sohn, was ich wohl diesem Brahmanen Liebes tun könnte, so wie es diejenigen tun sollten, die glücklich in seinem Haus gewohnt haben.'
etāvān puruṣas tāta kṛtaṃ yasmin na naśyati yāvac ca kuryād anyo 'sya kuryād abhyadhikaṃ tataḥ
‚Nur der ist wirklich ein Mensch, mein Lieber, bei dem eine ihm erwiesene Wohltat nicht verloren geht; soviel ein anderer für ihn getan hat, das soll er ihm noch übertreffend vergelten.'
Wort für Wort
etāvān puruṣas tāta kṛtaṃ yasmin na naśyati yāvac ca kuryād anyo 'sya kuryād abhyadhikaṃ tataḥ
‚Nur der ist wirklich ein Mensch, mein Lieber, bei dem eine ihm erwiesene Wohltat nicht verloren geht; soviel ein anderer für ihn getan hat, das soll er ihm noch übertreffend vergelten.'
bhīma uvāca jñāyatām asya yad duḥkhaṃ yataś caiva samutthitam vidite vyavasiṣyāmi yady api syāt suduṣkaram
Bhīma sprach: ‚Man soll herausfinden, welches Leid ihn bedrückt und woraus es entstanden ist; sobald es bekannt ist, werde ich handeln, auch wenn es überaus schwierig sein sollte.'
Wort für Wort
bhīma uvāca jñāyatām asya yad duḥkhaṃ yataś caiva samutthitam vidite vyavasiṣyāmi yady api syāt suduṣkaram
Bhīma sprach: ‚Man soll herausfinden, welches Leid ihn bedrückt und woraus es entstanden ist; sobald es bekannt ist, werde ich handeln, auch wenn es überaus schwierig sein sollte.'
vaiśaṃpāyana uvāca tathā hi kathayantau tau bhūyaḥ śuśruvatuḥ svanam ārtijaṃ tasya viprasya sabhāryasya viśāṃ pate
Vaiśaṃpāyana sprach: Während die beiden so redeten, hörten sie erneut den von Schmerz geborenen Laut jenes Brahmanen samt seiner Gattin, o Herrscher der Untertanen.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tathā hi kathayantau tau bhūyaḥ śuśruvatuḥ svanam ārtijaṃ tasya viprasya sabhāryasya viśāṃ pate
Vaiśaṃpāyana sprach: Während die beiden so redeten, hörten sie erneut den von Schmerz geborenen Laut jenes Brahmanen samt seiner Gattin, o Herrscher der Untertanen.
Der Brahmane sprach: ‚Schande über dieses Leben in der Welt, das keinen wahren Kern hat, nutzlos ist, in Leid wurzelt, von anderen abhängig und reich an Unliebem ist.'
Der Brahmane sprach: ‚Schande über dieses Leben in der Welt, das keinen wahren Kern hat, nutzlos ist, in Leid wurzelt, von anderen abhängig und reich an Unliebem ist.'
āhuḥ ke cit paraṃ mokṣaṃ sa ca nāsti kathaṃ cana arthaprāptau ca narakaḥ kṛtsna evopapadyate
‚Manche sprechen von höchster Erlösung als Ausweg, doch die gibt es in keiner Weise leicht; und beim Erlangen von Reichtum stellt sich geradezu die ganze Hölle ein.'
Wort für Wort
āhuḥ ke cit paraṃ mokṣaṃ sa ca nāsti kathaṃ cana arthaprāptau ca narakaḥ kṛtsna evopapadyate
‚Manche sprechen von höchster Erlösung als Ausweg, doch die gibt es in keiner Weise leicht; und beim Erlangen von Reichtum stellt sich geradezu die ganze Hölle ein.'
arthepsutā paraṃ duḥkham arthaprāptau tato 'dhikam jātasnehasya cārtheṣu viprayoge mahattaram
‚Das Streben nach Reichtum ist höchstes Leid, beim Erlangen von Reichtum ist es noch größer, und für den, der Zuneigung zum Besitz gefasst hat, ist der Verlust desselben das Größte.'
Wort für Wort
arthepsutā paraṃ duḥkham arthaprāptau tato 'dhikam jātasnehasya cārtheṣu viprayoge mahattaram
‚Das Streben nach Reichtum ist höchstes Leid, beim Erlangen von Reichtum ist es noch größer, und für den, der Zuneigung zum Besitz gefasst hat, ist der Verlust desselben das Größte.'
svargato hi pitā vṛddhas tathā mātā ciraṃ tava bāndhavā bhūtapūrvāś ca tatra vāse tu kā ratiḥ
‚Denn in den Himmel gegangen ist dein alter Vater, und ebenso, schon lange, deine Mutter; und die einstigen Verwandten – welche Freude liegt noch im Verweilen dort?'
Wort für Wort
svargato hi pitā vṛddhas tathā mātā ciraṃ tava bāndhavā bhūtapūrvāś ca tatra vāse tu kā ratiḥ
‚Denn in den Himmel gegangen ist dein alter Vater, und ebenso, schon lange, deine Mutter; und die einstigen Verwandten – welche Freude liegt noch im Verweilen dort?'
so 'yaṃ te bandhukāmāyā aśṛṇvantyā vaco mama bandhupraṇāśaḥ saṃprāpto bhṛśaṃ duḥkhakaro mama
‚Dies also, dass du, nach deinen Verwandten verlangend, nicht auf mein Wort hörtest – nun ist der Untergang aller verbliebenen Verwandten eingetreten, was mir überaus großes Leid bereitet.'
Wort für Wort
so 'yaṃ te bandhukāmāyā aśṛṇvantyā vaco mama bandhupraṇāśaḥ saṃprāpto bhṛśaṃ duḥkhakaro mama
‚Dies also, dass du, nach deinen Verwandten verlangend, nicht auf mein Wort hörtest – nun ist der Untergang aller verbliebenen Verwandten eingetreten, was mir überaus großes Leid bereitet.'
‚Wie könnte ich die Gefährtin meines Dharma-Wandels, die Selbstbeherrschte, die mir stets wie eine Mutter ist, die von den Göttern zur Freundin und stets höchsten Zuflucht bestimmte Gattin verlassen?'
‚Wie könnte ich die Gefährtin meines Dharma-Wandels, die Selbstbeherrschte, die mir stets wie eine Mutter ist, die von den Göttern zur Freundin und stets höchsten Zuflucht bestimmte Gattin verlassen?'
kulīnāṃ śīlasaṃpannām apatyajananīṃ mama tvām ahaṃ jīvitasyārthe sādhvīm anapakāriṇīm parityaktuṃ na śakṣyāmi bhāryāṃ nityam anuvratām
‚dich, von guter Herkunft, tugendreich, Mutter meiner Kinder, dich, die tugendhafte, mir nichts zuleide tuende, mir stets ergebene Gattin, kann ich um des Lebens willen nicht verlassen.'
Wort für Wort
kulīnāṃ śīlasaṃpannām apatyajananīṃ mama tvām ahaṃ jīvitasyārthe sādhvīm anapakāriṇīm parityaktuṃ na śakṣyāmi bhāryāṃ nityam anuvratām
‚dich, von guter Herkunft, tugendreich, Mutter meiner Kinder, dich, die tugendhafte, mir nichts zuleide tuende, mir stets ergebene Gattin, kann ich um des Lebens willen nicht verlassen.'
kuta eva parityaktuṃ sutāṃ śakṣyāmy ahaṃ svayam bālām aprāptavayasam ajātavyañjanākṛtim
‚Wie erst könnte ich meine Tochter selbst verlassen, das Kind, das noch nicht das heiratsfähige Alter erreicht hat, deren weibliche Merkmale noch nicht hervorgetreten sind?'
Wort für Wort
kuta eva parityaktuṃ sutāṃ śakṣyāmy ahaṃ svayam bālām aprāptavayasam ajātavyañjanākṛtim
‚Wie erst könnte ich meine Tochter selbst verlassen, das Kind, das noch nicht das heiratsfähige Alter erreicht hat, deren weibliche Merkmale noch nicht hervorgetreten sind?'
‚Sie, die vom hochherzigen Schöpfer mir als Anvertrautes zugunsten eines künftigen Gatten hinterlegt wurde, durch die ich, zusammen mit den Ahnen, die von Enkeln bewirkten Himmelswelten erhoffe – wie könnte ich, der ich dieses Kind selbst gezeugt habe, es wagen, sie preiszugeben?'
‚Sie, die vom hochherzigen Schöpfer mir als Anvertrautes zugunsten eines künftigen Gatten hinterlegt wurde, durch die ich, zusammen mit den Ahnen, die von Enkeln bewirkten Himmelswelten erhoffe – wie könnte ich, der ich dieses Kind selbst gezeugt habe, es wagen, sie preiszugeben?'
yasmiṃl lokāḥ prasūtiś ca sthitā nityam atho sukham apāpāṃ tām ahaṃ bālāṃ katham utsraṣṭum utsahe
‚Durch sie besteht beständig die Hoffnung auf künftige Welten, Nachkommenschaft und Glück – wie könnte ich es wagen, dieses sündlose Kind preiszugeben?'
Wort für Wort
yasmiṃl lokāḥ prasūtiś ca sthitā nityam atho sukham apāpāṃ tām ahaṃ bālāṃ katham utsraṣṭum utsahe
‚Durch sie besteht beständig die Hoffnung auf künftige Welten, Nachkommenschaft und Glück – wie könnte ich es wagen, dieses sündlose Kind preiszugeben?'
ātmānam api cotsṛjya tapsye pretavaśaṃ gataḥ tyaktā hy ete mayā vyaktaṃ neha śakṣyanti jīvitum
‚Gäbe ich mich selbst auf, würde ich, in die Gewalt der Toten geraten, leiden; denn von mir verlassen, werden diese hier offenkundig nicht mehr leben können.'
Wort für Wort
ātmānam api cotsṛjya tapsye pretavaśaṃ gataḥ tyaktā hy ete mayā vyaktaṃ neha śakṣyanti jīvitum
‚Gäbe ich mich selbst auf, würde ich, in die Gewalt der Toten geraten, leiden; denn von mir verlassen, werden diese hier offenkundig nicht mehr leben können.'
‚Und die Preisgabe irgendeines von diesen Familienmitgliedern ist grausam, von den Weisen verurteilt; gäbe ich stattdessen mich selbst auf, würden diese ohne mich sterben.'
‚Und die Preisgabe irgendeines von diesen Familienmitgliedern ist grausam, von den Weisen verurteilt; gäbe ich stattdessen mich selbst auf, würden diese ohne mich sterben.'
sa kṛcchrām aham āpanno na śaktas tartum āpadam aho dhik kāṃ gatiṃ tv adya gamiṣyāmi sabāndhavaḥ sarvaiḥ saha mṛtaṃ śreyo na tu me jīvitaṃ kṣamam
‚So bin ich in eine schwierige Lage geraten, unfähig, aus dieser Notlage herauszukommen; ach, wehe, welchen Ausweg soll ich heute finden? Mit allen Angehörigen zusammen zu sterben wäre besser – doch mein Weiterleben ist nicht erträglich.'
Wort für Wort
sa kṛcchrām aham āpanno na śaktas tartum āpadam aho dhik kāṃ gatiṃ tv adya gamiṣyāmi sabāndhavaḥ sarvaiḥ saha mṛtaṃ śreyo na tu me jīvitaṃ kṣamam
‚So bin ich in eine schwierige Lage geraten, unfähig, aus dieser Notlage herauszukommen; ach, wehe, welchen Ausweg soll ich heute finden? Mit allen Angehörigen zusammen zu sterben wäre besser – doch mein Weiterleben ist nicht erträglich.'