Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 104: Karṇa-Janma Die Geburt Karṇas

Als Jungfrau im Haus ihres Adoptivvaters Kuntibhoja bedient Pṛthā (Kuntī) den zornigen Weisen Durvāsas so vorbildlich, dass er ihr einen Zaubermantra zur Anrufung beliebiger Götter schenkt. Aus Neugier ruft sie den Sonnengott herbei und gebiert, ohne ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, den mit angeborener Rüstung und Ohrringen geborenen Karṇa. Aus Furcht vor Schande setzt sie ihn aus; der Wagenlenker Adhiratha und seine Frau Rādhā ziehen ihn als Vasuṣeṇa groß. Als Erwachsener, bekannt für grenzenlose Freigebigkeit während seiner täglichen Sonnenandacht, schneidet er sich auf Indras Bitte hin Rüstung und Ohrringe vom Leib und erhält dafür von Indra einen einmal verwendbaren, unfehlbaren Speer.

vaiśaṃpāyana uvāca śūro nāma yaduśreṣṭho vasudevapitābhavat tasya kanyā pṛthā nāma rūpeṇāsadṛśī bhuvi

Vaiśaṃpāyana sprach: Śūra, der Beste der Yadus, war der Vater Vasudevas; seine Tochter, mit Namen Pṛthā, war auf Erden ohnegleichen an Schönheit.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca śūro nāma yaduśreṣṭho vasudevapitābhavat tasya kanyā pṛthā nāma rūpeṇāsadṛśī bhuvi
Vaiśaṃpāyana sprach: Śūra, der Beste der Yadus, war der Vater Vasudevas; seine Tochter, mit Namen Pṛthā, war auf Erden ohnegleichen an Schönheit.

paitṛṣvaseyāya sa tām anapatyāya vīryavān agryam agre pratijñāya svasyāpatyasya vīryavān

Er, der Tapfere, hatte einst dem Sohn seiner Vatersschwester, der kinderlos war, sein erstes Kind, noch ehe es geboren war, versprochen zu geben.

Wort für Wort
paitṛṣvaseyāya sa tām anapatyāya vīryavān agryam agre pratijñāya svasyāpatyasya vīryavān
Er, der Tapfere, hatte einst dem Sohn seiner Vatersschwester, der kinderlos war, sein erstes Kind, noch ehe es geboren war, versprochen zu geben.

agrajāteti tāṃ kanyām agryānugrahakāṅkṣiṇe pradadau kuntibhojāya sakhā sakhye mahātmane

Jene als Erstgeborene geltende Jungfrau gab er, der Freund seinem Freund, dem hochherzigen Kuntibhoja, der nach der höchsten Gunst verlangte.

Wort für Wort
agrajāteti tāṃ kanyām agryānugrahakāṅkṣiṇe pradadau kuntibhojāya sakhā sakhye mahātmane
Jene als Erstgeborene geltende Jungfrau gab er, der Freund seinem Freund, dem hochherzigen Kuntibhoja, der nach der höchsten Gunst verlangte.

sā niyuktā pitur gehe devatātithipūjane ugraṃ paryacarad ghoraṃ brāhmaṇaṃ saṃśitavratam

Sie, im Haus ihres [Adoptiv-]Vaters mit der Verehrung von Göttern und Gästen betraut, bediente einen strengen, furchterregenden Brahmanen von verschärftem Gelübde,

Wort für Wort
sā niyuktā pitur gehe devatātithipūjane ugraṃ paryacarad ghoraṃ brāhmaṇaṃ saṃśitavratam
Sie, im Haus ihres [Adoptiv-]Vaters mit der Verehrung von Göttern und Gästen betraut, bediente einen strengen, furchterregenden Brahmanen von verschärftem Gelübde,

nigūḍhaniścayaṃ dharme yaṃ taṃ durvāsasaṃ viduḥ tam ugraṃ saṃśitātmānaṃ sarvayatnair atoṣayat

dessen Entschluss im Dharma verborgen war, den man als Durvāsas kennt; jenen Furchterregenden, von verschärftem Wesen, stellte sie mit allen Bemühungen zufrieden.

Wort für Wort
nigūḍhaniścayaṃ dharme yaṃ taṃ durvāsasaṃ viduḥ tam ugraṃ saṃśitātmānaṃ sarvayatnair atoṣayat
dessen Entschluss im Dharma verborgen war, den man als Durvāsas kennt; jenen Furchterregenden, von verschärftem Wesen, stellte sie mit allen Bemühungen zufrieden.

tasyai sa pradadau mantram āpaddharmānvavekṣayā abhicārābhisaṃyuktam abravīc caiva tāṃ muniḥ

Ihr gab er, mit Blick auf die Notlage-Pflicht (āpaddharma), einen mit einem Anrufungszauber verbundenen Mantra; und der Weise sprach zu ihr:

Wort für Wort
tasyai sa pradadau mantram āpaddharmānvavekṣayā abhicārābhisaṃyuktam abravīc caiva tāṃ muniḥ
Ihr gab er, mit Blick auf die Notlage-Pflicht (āpaddharma), einen mit einem Anrufungszauber verbundenen Mantra; und der Weise sprach zu ihr:

yaṃ yaṃ devaṃ tvam etena mantreṇāvāhayiṣyasi tasya tasya prasādena putras tava bhaviṣyati

‚Welchen Gott auch immer du mit diesem Mantra herbeirufen wirst, durch dessen Gnade wird dir ein Sohn zuteilwerden.'

Wort für Wort
yaṃ yaṃ devaṃ tvam etena mantreṇāvāhayiṣyasi tasya tasya prasādena putras tava bhaviṣyati
‚Welchen Gott auch immer du mit diesem Mantra herbeirufen wirst, durch dessen Gnade wird dir ein Sohn zuteilwerden.'

tathoktā sā tu vipreṇa tena kautūhalāt tadā kanyā satī devam arkam ājuhāva yaśasvinī

So von jenem Brahmanen belehrt, rief die Jungfrau, damals aus Neugier, die tugendhafte, ruhmreiche, den Sonnengott [Arka] herbei.

Wort für Wort
tathoktā sā tu vipreṇa tena kautūhalāt tadā kanyā satī devam arkam ājuhāva yaśasvinī
So von jenem Brahmanen belehrt, rief die Jungfrau, damals aus Neugier, die tugendhafte, ruhmreiche, den Sonnengott [Arka] herbei.

sā dadarśa tam āyāntaṃ bhāskaraṃ lokabhāvanam vismitā cānavadyāṅgī dṛṣṭvā tan mahad adbhutam

Sie sah ihn, den Weltenschöpfer, den Lichtbringer [Bhāskara], herankommen; verwundert war sie, die Makellosgliedrige, als sie dieses große Wunder erblickte.

Wort für Wort
sā dadarśa tam āyāntaṃ bhāskaraṃ lokabhāvanam vismitā cānavadyāṅgī dṛṣṭvā tan mahad adbhutam
Sie sah ihn, den Weltenschöpfer, den Lichtbringer [Bhāskara], herankommen; verwundert war sie, die Makellosgliedrige, als sie dieses große Wunder erblickte.

prakāśakarmā tapanas tasyāṃ garbhaṃ dadhau tataḥ ajījanat tato vīraṃ sarvaśastrabhṛtāṃ varam āmuktakavacaḥ śrīmān devagarbhaḥ śriyāvṛtaḥ

Der von leuchtendem Wirken, der Erhitzer [Tapana], setzte darauf einen Keim in sie; und sie gebar darauf einen Helden, den Besten aller Waffenträger, mit angeborener Rüstung, glückstrahlend, ein Göttersohn, von Glanz umhüllt,

Wort für Wort
prakāśakarmā tapanas tasyāṃ garbhaṃ dadhau tataḥ ajījanat tato vīraṃ sarvaśastrabhṛtāṃ varam āmuktakavacaḥ śrīmān devagarbhaḥ śriyāvṛtaḥ
Der von leuchtendem Wirken, der Erhitzer [Tapana], setzte darauf einen Keim in sie; und sie gebar darauf einen Helden, den Besten aller Waffenträger, mit angeborener Rüstung, glückstrahlend, ein Göttersohn, von Glanz umhüllt,

sahajaṃ kavacaṃ bibhrat kuṇḍaloddyotitānanaḥ ajāyata sutaḥ karṇaḥ sarvalokeṣu viśrutaḥ

eine mitgeborene Rüstung tragend, das Antlitz von Ohrringen erstrahlt, wurde ihr Sohn Karṇa geboren, in allen Welten berühmt.

Wort für Wort
sahajaṃ kavacaṃ bibhrat kuṇḍaloddyotitānanaḥ ajāyata sutaḥ karṇaḥ sarvalokeṣu viśrutaḥ
eine mitgeborene Rüstung tragend, das Antlitz von Ohrringen erstrahlt, wurde ihr Sohn Karṇa geboren, in allen Welten berühmt.

prādāc ca tasyāḥ kanyātvaṃ punaḥ sa paramadyutiḥ dattvā ca dadatāṃ śreṣṭho divam ācakrame tataḥ

Und er gab ihr die Jungfräulichkeit zurück, er von höchstem Glanz, der Beste der Geber; nachdem er den Sohn gegeben hatte, stieg er darauf zum Himmel empor.

Wort für Wort
prādāc ca tasyāḥ kanyātvaṃ punaḥ sa paramadyutiḥ dattvā ca dadatāṃ śreṣṭho divam ācakrame tataḥ
Und er gab ihr die Jungfräulichkeit zurück, er von höchstem Glanz, der Beste der Geber; nachdem er den Sohn gegeben hatte, stieg er darauf zum Himmel empor.

gūhamānāpacāraṃ taṃ bandhupakṣabhayāt tadā utsasarja jale kuntī taṃ kumāraṃ salakṣaṇam

Ihre Verfehlung verbergend, aus Furcht vor der Verwandtschaft, setzte Kuntī damals jenen mit Glückszeichen versehenen Knaben im Wasser aus.

Wort für Wort
gūhamānāpacāraṃ taṃ bandhupakṣabhayāt tadā utsasarja jale kuntī taṃ kumāraṃ salakṣaṇam
Ihre Verfehlung verbergend, aus Furcht vor der Verwandtschaft, setzte Kuntī damals jenen mit Glückszeichen versehenen Knaben im Wasser aus.

tam utsṛṣṭaṃ tadā garbhaṃ rādhābhartā mahāyaśāḥ putratve kalpayām āsa sabhāryaḥ sūtanandanaḥ

Jenen ausgesetzten Keim aber nahm der hochberühmte Gatte Rādhās, der Sohn eines Sūta [Wagenlenkers], zusammen mit seiner Gattin, als eigenen Sohn an.

Wort für Wort
tam utsṛṣṭaṃ tadā garbhaṃ rādhābhartā mahāyaśāḥ putratve kalpayām āsa sabhāryaḥ sūtanandanaḥ
Jenen ausgesetzten Keim aber nahm der hochberühmte Gatte Rādhās, der Sohn eines Sūta [Wagenlenkers], zusammen mit seiner Gattin, als eigenen Sohn an.

nāmadheyaṃ ca cakrāte tasya bālasya tāv ubhau vasunā saha jāto 'yaṃ vasuṣeṇo bhavatv iti

Und die beiden gaben jenem Knaben einen Namen: ‚Da er zusammen mit einem Schatz (vasu) gefunden wurde, sei er Vasuṣeṇa.'

Wort für Wort
nāmadheyaṃ ca cakrāte tasya bālasya tāv ubhau vasunā saha jāto 'yaṃ vasuṣeṇo bhavatv iti
Und die beiden gaben jenem Knaben einen Namen: ‚Da er zusammen mit einem Schatz (vasu) gefunden wurde, sei er Vasuṣeṇa.'

sa vardhamāno balavān sarvāstreṣūdyato 'bhavat ā pṛṣṭhatāpād ādityam upatasthe sa vīryavān

Er wuchs heran, kraftvoll, in allen Waffen bewandert; bis sein Rücken von der Hitze [der Sonne] brannte, verehrte er, der Tapfere, den Sonnengott.

Wort für Wort
sa vardhamāno balavān sarvāstreṣūdyato 'bhavat ā pṛṣṭhatāpād ādityam upatasthe sa vīryavān
Er wuchs heran, kraftvoll, in allen Waffen bewandert; bis sein Rücken von der Hitze [der Sonne] brannte, verehrte er, der Tapfere, den Sonnengott.

yasmin kāle japann āste sa vīraḥ satyasaṃgaraḥ nādeyaṃ brāhmaṇeṣv āsīt tasmin kāle mahātmanaḥ

In der Zeit, da er, der wahrhaft gelobende Held, betend verweilte, gab es für den Hochherzigen in jener Zeit nichts, was er den Brahmanen nicht gegeben hätte.

Wort für Wort
yasmin kāle japann āste sa vīraḥ satyasaṃgaraḥ nādeyaṃ brāhmaṇeṣv āsīt tasmin kāle mahātmanaḥ
In der Zeit, da er, der wahrhaft gelobende Held, betend verweilte, gab es für den Hochherzigen in jener Zeit nichts, was er den Brahmanen nicht gegeben hätte.

tam indro brāhmaṇo bhūtvā bhikṣārthaṃ bhūtabhāvanaḥ kuṇḍale prārthayām āsa kavacaṃ ca mahādyutiḥ

Ihn suchte Indra, in einen Brahmanen verwandelt, der Weltenschöpfer, von großem Glanz, zum Zweck des Almosen-Erbittens auf, um die Ohrringe und die Rüstung zu erbitten.

Wort für Wort
tam indro brāhmaṇo bhūtvā bhikṣārthaṃ bhūtabhāvanaḥ kuṇḍale prārthayām āsa kavacaṃ ca mahādyutiḥ
Ihn suchte Indra, in einen Brahmanen verwandelt, der Weltenschöpfer, von großem Glanz, zum Zweck des Almosen-Erbittens auf, um die Ohrringe und die Rüstung zu erbitten.

utkṛtya vimanāḥ svāṅgāt kavacaṃ rudhirasravam karṇas tu kuṇḍale chittvā prāyacchat sa kṛtāñjaliḥ

Karṇa aber schnitt sich, betrübten Sinnes, die blutbenetzte Rüstung vom eigenen Körper und gab sie, mit gefalteten Händen, nachdem er auch die Ohrringe abgetrennt hatte.

Wort für Wort
utkṛtya vimanāḥ svāṅgāt kavacaṃ rudhirasravam karṇas tu kuṇḍale chittvā prāyacchat sa kṛtāñjaliḥ
Karṇa aber schnitt sich, betrübten Sinnes, die blutbenetzte Rüstung vom eigenen Körper und gab sie, mit gefalteten Händen, nachdem er auch die Ohrringe abgetrennt hatte.

śaktiṃ tasmai dadau śakraḥ vismito vākyam abravīt devāsuramanuṣyāṇāṃ gandharvoragarakṣasām yasmai kṣepsyasi ruṣṭaḥ san so 'nayā na bhaviṣyati

Da gab ihm Śakra [Indra], erstaunt, einen Speer (Śakti) und sprach folgende Worte: ‚Wen auch immer du, in Zorn entbrannt, mit diesem triffst – sei es ein Gott, Asura, Mensch, Gandharva, Nāga oder Rākṣasa – der wird davon nicht [überleben].'

Wort für Wort
śaktiṃ tasmai dadau śakraḥ vismito vākyam abravīt devāsuramanuṣyāṇāṃ gandharvoragarakṣasām yasmai kṣepsyasi ruṣṭaḥ san so 'nayā na bhaviṣyati
Da gab ihm Śakra [Indra], erstaunt, einen Speer (Śakti) und sprach folgende Worte: ‚Wen auch immer du, in Zorn entbrannt, mit diesem triffst – sei es ein Gott, Asura, Mensch, Gandharva, Nāga oder Rākṣasa – der wird davon nicht [überleben].'

purā nāma tu tasyāsīd vasuṣeṇa iti śrutam tato vaikartanaḥ karṇaḥ karmaṇā tena so 'bhavat

Zuvor nun war sein Name, wie man hört, Vasuṣeṇa; danach wurde er, durch jene Tat, ‚Vaikartana Karṇa' genannt.

Wort für Wort
purā nāma tu tasyāsīd vasuṣeṇa iti śrutam tato vaikartanaḥ karṇaḥ karmaṇā tena so 'bhavat
Zuvor nun war sein Name, wie man hört, Vasuṣeṇa; danach wurde er, durch jene Tat, ‚Vaikartana Karṇa' genannt.

[Anm.: ‚Vaikartana' ist zugleich Patronymikon zu ‚Vikartana' (einem Beinamen der Sonne, Karṇas göttlichem Vater) UND ein Wortspiel mit der Wurzel kṛt-/vikṛt- (‚abschneiden') – der Vers verbindet beide Bedeutungen mit der hier erzählten Tat des Abschneidens von Rüstung und Ohrringen.]

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