Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 137: Pāṇḍavānāṃ Vanapraveśaḥ Die Pāṇḍavas ziehen in den Wald

Die Bürger von Vāraṇāvata finden das ausgebrannte Lākṣāgṛha mit dem toten Purocana und, unbemerkt, der verbrannten Niṣāda-Frau samt ihren fünf Söhnen, halten dies für die verbrannten Pāṇḍavas und klagen Duryodhana und Dhṛtarāṣṭra öffentlich an; der zugeschüttete Fluchttunnel bleibt unentdeckt. Die Nachricht vom vermeintlichen Tod der Pāṇḍavas erreicht Dhṛtarāṣṭra, der laut klagt und Totenriten anordnen lässt – nur Vidura, der die Wahrheit kennt, trauert kaum. Die Pāṇḍavas selbst fliehen die Nacht hindurch nach Süden und erreichen erschöpft einen dichten Wald; als sie vor Erschöpfung und Durst nicht weiterkönnen, nimmt Bhīma sie erneut auf und trägt die ganze Familie weiter.

vaiśaṃpāyana uvāca atha rātryāṃ vyatītāyām aśeṣo nāgaro janaḥ tatrājagāma tvarito didṛkṣuḥ pāṇḍunandanān

Vaiśaṃpāyana sprach: Als die Nacht vergangen war, kam die gesamte Stadtbevölkerung eilends dorthin, um die Söhne Pāṇḍus zu sehen.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca atha rātryāṃ vyatītāyām aśeṣo nāgaro janaḥ tatrājagāma tvarito didṛkṣuḥ pāṇḍunandanān
Vaiśaṃpāyana sprach: Als die Nacht vergangen war, kam die gesamte Stadtbevölkerung eilends dorthin, um die Söhne Pāṇḍus zu sehen.

nirvāpayanto jvalanaṃ te janā dadṛśus tataḥ jātuṣaṃ tad gṛhaṃ dagdham amātyaṃ ca purocanam

Jene Leute, das Feuer löschend, sahen darauf jenes lackverkleidete Haus verbrannt, und den Minister Purocana.

Wort für Wort
nirvāpayanto jvalanaṃ te janā dadṛśus tataḥ jātuṣaṃ tad gṛhaṃ dagdham amātyaṃ ca purocanam
Jene Leute, das Feuer löschend, sahen darauf jenes lackverkleidete Haus verbrannt, und den Minister Purocana.

nūnaṃ duryodhanenedaṃ vihitaṃ pāpakarmaṇā pāṇḍavānāṃ vināśāya ity evaṃ cukruṣur janāḥ

‚Gewiss wurde dies von Duryodhana, dem Übeltäter, zum Verderben der Pāṇḍavas eingerichtet' – so riefen die Leute.

Wort für Wort
nūnaṃ duryodhanenedaṃ vihitaṃ pāpakarmaṇā pāṇḍavānāṃ vināśāya ity evaṃ cukruṣur janāḥ
‚Gewiss wurde dies von Duryodhana, dem Übeltäter, zum Verderben der Pāṇḍavas eingerichtet' – so riefen die Leute.

vidite dhṛtarāṣṭrasya dhārtarāṣṭro na saṃśayaḥ dagdhavān pāṇḍudāyādān na hy enaṃ pratiṣiddhavān

‚Mit Wissen Dhṛtarāṣṭras, ohne Zweifel, hat der Sohn Dhṛtarāṣṭras die Erben Pāṇḍus verbrannt; denn er hat ihn nicht daran gehindert.'

Wort für Wort
vidite dhṛtarāṣṭrasya dhārtarāṣṭro na saṃśayaḥ dagdhavān pāṇḍudāyādān na hy enaṃ pratiṣiddhavān
‚Mit Wissen Dhṛtarāṣṭras, ohne Zweifel, hat der Sohn Dhṛtarāṣṭras die Erben Pāṇḍus verbrannt; denn er hat ihn nicht daran gehindert.'

nūnaṃ śāṃtanavo bhīṣmo na dharmam anuvartate droṇaś ca viduraś caiva kṛpaś cānye ca kauravāḥ

‚Gewiss befolgt auch der Sohn Śaṃtanus, Bhīṣma, nicht das Dharma, ebenso Droṇa, Vidura, Kṛpa und die anderen Kauravas.'

Wort für Wort
nūnaṃ śāṃtanavo bhīṣmo na dharmam anuvartate droṇaś ca viduraś caiva kṛpaś cānye ca kauravāḥ
‚Gewiss befolgt auch der Sohn Śaṃtanus, Bhīṣma, nicht das Dharma, ebenso Droṇa, Vidura, Kṛpa und die anderen Kauravas.'

te vayaṃ dhṛtarāṣṭrasya preṣayāmo durātmanaḥ saṃvṛttas te paraḥ kāmaḥ pāṇḍavān dagdhavān asi

‚Wir wollen dem Bösgesinnten Dhṛtarāṣṭra ausrichten: Dein höchster Wunsch ist erfüllt – du hast die Pāṇḍavas verbrannt.'

Wort für Wort
te vayaṃ dhṛtarāṣṭrasya preṣayāmo durātmanaḥ saṃvṛttas te paraḥ kāmaḥ pāṇḍavān dagdhavān asi
‚Wir wollen dem Bösgesinnten Dhṛtarāṣṭra ausrichten: Dein höchster Wunsch ist erfüllt – du hast die Pāṇḍavas verbrannt.'

tato vyapohamānās te pāṇḍavārthe hutāśanam niṣādīṃ dadṛśur dagdhāṃ pañcaputrām anāgasam

Darauf, während sie um der Pāṇḍavas willen das Feuer durchsuchten, sahen sie die verbrannte, schuldlose Niṣāda-Frau mit ihren fünf Söhnen.

Wort für Wort
tato vyapohamānās te pāṇḍavārthe hutāśanam niṣādīṃ dadṛśur dagdhāṃ pañcaputrām anāgasam
Darauf, während sie um der Pāṇḍavas willen das Feuer durchsuchten, sahen sie die verbrannte, schuldlose Niṣāda-Frau mit ihren fünf Söhnen.

khanakena tu tenaiva veśma śodhayatā bilam pāṃsubhiḥ pratyapihitaṃ puruṣais tair alakṣitam

Der Tunnel aber, den jener Grabarbeiter beim Durchsuchen des Hauses angelegt hatte, war mit Erde verschlossen worden, von jenen Männern unbemerkt.

Wort für Wort
khanakena tu tenaiva veśma śodhayatā bilam pāṃsubhiḥ pratyapihitaṃ puruṣais tair alakṣitam
Der Tunnel aber, den jener Grabarbeiter beim Durchsuchen des Hauses angelegt hatte, war mit Erde verschlossen worden, von jenen Männern unbemerkt.

tatas te preṣayām āsur dhṛtarāṣṭrasya nāgarāḥ pāṇḍavān agninā dagdhān amātyaṃ ca purocanam

Darauf sandten die Stadtbewohner Dhṛtarāṣṭra die Nachricht, dass die Pāṇḍavas durch das Feuer verbrannt seien, samt dem Minister Purocana.

Wort für Wort
tatas te preṣayām āsur dhṛtarāṣṭrasya nāgarāḥ pāṇḍavān agninā dagdhān amātyaṃ ca purocanam
Darauf sandten die Stadtbewohner Dhṛtarāṣṭra die Nachricht, dass die Pāṇḍavas durch das Feuer verbrannt seien, samt dem Minister Purocana.

śrutvā tu dhṛtarāṣṭras tad rājā sumahad apriyam vināśaṃ pāṇḍuputrāṇāṃ vilalāpa suduḥkhitaḥ

Als der König Dhṛtarāṣṭra jene sehr unerfreuliche Nachricht vom Untergang der Söhne Pāṇḍus hörte, klagte er, tief bekümmert.

Wort für Wort
śrutvā tu dhṛtarāṣṭras tad rājā sumahad apriyam vināśaṃ pāṇḍuputrāṇāṃ vilalāpa suduḥkhitaḥ
Als der König Dhṛtarāṣṭra jene sehr unerfreuliche Nachricht vom Untergang der Söhne Pāṇḍus hörte, klagte er, tief bekümmert.

adya pāṇḍur mṛto rājā bhrātā mama sudurlabhaḥ teṣu vīreṣu dagdheṣu mātrā saha viśeṣataḥ

‚Heute ist mein Bruder, der schwer zu ersetzende König Pāṇḍu, gleichsam erneut gestorben, da jene Helden samt ihrer Mutter verbrannt sind.'

Wort für Wort
adya pāṇḍur mṛto rājā bhrātā mama sudurlabhaḥ teṣu vīreṣu dagdheṣu mātrā saha viśeṣataḥ
‚Heute ist mein Bruder, der schwer zu ersetzende König Pāṇḍu, gleichsam erneut gestorben, da jene Helden samt ihrer Mutter verbrannt sind.'

gacchantu puruṣāḥ śīghraṃ nagaraṃ vāraṇāvatam satkārayantu tān vīrān kuntirājasutāṃ ca tām

‚Es sollen Männer eilends zur Stadt Vāraṇāvata gehen und jenen Helden sowie jener Tochter des Kuntī-Königs die letzte Ehre erweisen.'

Wort für Wort
gacchantu puruṣāḥ śīghraṃ nagaraṃ vāraṇāvatam satkārayantu tān vīrān kuntirājasutāṃ ca tām
‚Es sollen Männer eilends zur Stadt Vāraṇāvata gehen und jenen Helden sowie jener Tochter des Kuntī-Königs die letzte Ehre erweisen.'

kārayantu ca kulyāni śubhrāṇi ca mahānti ca ye ca tatra mṛtās teṣāṃ suhṛdo 'rcantu tān api

‚Und sie sollen prächtige, große Grabmäler errichten lassen; und wer sonst dort gestorben ist, dessen Angehörige sollen auch diese ehren.'

Wort für Wort
kārayantu ca kulyāni śubhrāṇi ca mahānti ca ye ca tatra mṛtās teṣāṃ suhṛdo 'rcantu tān api
‚Und sie sollen prächtige, große Grabmäler errichten lassen; und wer sonst dort gestorben ist, dessen Angehörige sollen auch diese ehren.'

evaṃgate mayā śakyaṃ yad yat kārayituṃ hitam pāṇḍavānāṃ ca kuntyāś ca tat sarvaṃ kriyatāṃ dhanaiḥ

‚Da es nun so geschehen ist, soll alles, was mir möglich ist, an heilsamen Riten für die Pāṇḍavas und Kuntī zu veranlassen, mit meinem Vermögen ausgeführt werden.'

Wort für Wort
evaṃgate mayā śakyaṃ yad yat kārayituṃ hitam pāṇḍavānāṃ ca kuntyāś ca tat sarvaṃ kriyatāṃ dhanaiḥ
‚Da es nun so geschehen ist, soll alles, was mir möglich ist, an heilsamen Riten für die Pāṇḍavas und Kuntī zu veranlassen, mit meinem Vermögen ausgeführt werden.'

evam uktvā tataś cakre jñātibhiḥ parivāritaḥ udakaṃ pāṇḍuputrāṇāṃ dhṛtarāṣṭro 'mbikāsutaḥ

Nach diesen Worten vollzog Dhṛtarāṣṭra, der Sohn Ambikās, umringt von den Verwandten, darauf die Wasserspende für die Söhne Pāṇḍus.

Wort für Wort
evam uktvā tataś cakre jñātibhiḥ parivāritaḥ udakaṃ pāṇḍuputrāṇāṃ dhṛtarāṣṭro 'mbikāsutaḥ
Nach diesen Worten vollzog Dhṛtarāṣṭra, der Sohn Ambikās, umringt von den Verwandten, darauf die Wasserspende für die Söhne Pāṇḍus.

[Anm.: udaka – die rituelle Totenwasserspende (Tarpaṇa/Udakakriyā) für die Verstorbenen.

cukruśuḥ kauravāḥ sarve bhṛśaṃ śokaparāyaṇāḥ viduras tv alpaśaś cakre śokaṃ veda paraṃ hi saḥ

Alle Kauravas schrien laut auf, ganz der Trauer hingegeben; Vidura aber zeigte nur wenig Trauer, denn er kannte die Wahrheit.

Wort für Wort
cukruśuḥ kauravāḥ sarve bhṛśaṃ śokaparāyaṇāḥ viduras tv alpaśaś cakre śokaṃ veda paraṃ hi saḥ
Alle Kauravas schrien laut auf, ganz der Trauer hingegeben; Vidura aber zeigte nur wenig Trauer, denn er kannte die Wahrheit.

pāṇḍavāś cāpi nirgatya nagarād vāraṇāvatāt javena prayayū rājan dakṣiṇāṃ diśam āśritāḥ

Die Pāṇḍavas aber zogen, aus der Stadt Vāraṇāvata heraustretend, eilends fort, o König, die südliche Richtung einschlagend.

Wort für Wort
pāṇḍavāś cāpi nirgatya nagarād vāraṇāvatāt javena prayayū rājan dakṣiṇāṃ diśam āśritāḥ
Die Pāṇḍavas aber zogen, aus der Stadt Vāraṇāvata heraustretend, eilends fort, o König, die südliche Richtung einschlagend.

vijñāya niśi panthānaṃ nakṣatrair dakṣiṇāmukhāḥ yatamānā vanaṃ rājan gahanaṃ pratipedire

Den Weg in der Nacht an den Sternen erkennend, nach Süden gewandt, sich abmühend, erreichten sie, o König, einen dichten Wald.

Wort für Wort
vijñāya niśi panthānaṃ nakṣatrair dakṣiṇāmukhāḥ yatamānā vanaṃ rājan gahanaṃ pratipedire
Den Weg in der Nacht an den Sternen erkennend, nach Süden gewandt, sich abmühend, erreichten sie, o König, einen dichten Wald.

tataḥ śrāntāḥ pipāsārtā nidrāndhāḥ pāṇḍunandanāḥ punar ūcur mahāvīryaṃ bhīmasenam idaṃ vacaḥ

Darauf, erschöpft, von Durst gequält, vom Schlaf geblendet, sprachen die Söhne Pāṇḍus wiederum dieses Wort zu dem hochtapferen Bhīmasena:

Wort für Wort
tataḥ śrāntāḥ pipāsārtā nidrāndhāḥ pāṇḍunandanāḥ punar ūcur mahāvīryaṃ bhīmasenam idaṃ vacaḥ
Darauf, erschöpft, von Durst gequält, vom Schlaf geblendet, sprachen die Söhne Pāṇḍus wiederum dieses Wort zu dem hochtapferen Bhīmasena:

itaḥ kaṣṭataraṃ kiṃ nu yad vayaṃ gahane vane diśaś ca na prajānīmo gantuṃ caiva na śaknumaḥ

‚Was könnte schmerzlicher sein als dies, dass wir im dichten Wald weder die Himmelsrichtungen kennen noch weitergehen können?'

Wort für Wort
itaḥ kaṣṭataraṃ kiṃ nu yad vayaṃ gahane vane diśaś ca na prajānīmo gantuṃ caiva na śaknumaḥ
‚Was könnte schmerzlicher sein als dies, dass wir im dichten Wald weder die Himmelsrichtungen kennen noch weitergehen können?'

taṃ ca pāpaṃ na jānīmo yadi dagdhaḥ purocanaḥ kathaṃ nu vipramucyema bhayād asmād alakṣitāḥ

‚Und wir wissen nicht, ob jener Bösewicht Purocana verbrannt ist; wie könnten wir uns unbemerkt aus dieser Furcht befreien?'

Wort für Wort
taṃ ca pāpaṃ na jānīmo yadi dagdhaḥ purocanaḥ kathaṃ nu vipramucyema bhayād asmād alakṣitāḥ
‚Und wir wissen nicht, ob jener Bösewicht Purocana verbrannt ist; wie könnten wir uns unbemerkt aus dieser Furcht befreien?'

punar asmān upādāya tathaiva vraja bhārata tvaṃ hi no balavān eko yathā satatagas tathā

‚Nimm uns wieder auf und geh ebenso weiter, o Bhārata; denn du allein bist stark genug, so wie du uns stets trägst.'

Wort für Wort
punar asmān upādāya tathaiva vraja bhārata tvaṃ hi no balavān eko yathā satatagas tathā
‚Nimm uns wieder auf und geh ebenso weiter, o Bhārata; denn du allein bist stark genug, so wie du uns stets trägst.'

ity ukto dharmarājena bhīmaseno mahābalaḥ ādāya kuntīṃ bhrātṝṃś ca jagāmāśu mahābalaḥ

So vom Dharmakönig angesprochen, nahm der überaus starke Bhīmasena Kuntī und die Brüder auf und ging eilends weiter, der überaus Kraftvolle.

Wort für Wort
ity ukto dharmarājena bhīmaseno mahābalaḥ ādāya kuntīṃ bhrātṝṃś ca jagāmāśu mahābalaḥ
So vom Dharmakönig angesprochen, nahm der überaus starke Bhīmasena Kuntī und die Brüder auf und ging eilends weiter, der überaus Kraftvolle.

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