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Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 11: Pauloma-parva (Abschluss): Sahasrapāds Erzählung und die ahiṃsā-Lehre Pauloma-parva (Abschluss): Sahasrapāds Fluch-Geschichte, die ahiṃsā-Lehre an Ruru und die Vorausdeutung auf Āstīka — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,011.001“ bis „01,011.017“). Der Ḍuṇḍubha (der verwandelte Weise Sahasrapād) erzählt, wie er als Kind seinen Freund Khagama mit einem falschen Schlangenseil erschreckte und dafür in eine (ungiftige) Schlange verwandelt wurde, mit der Verheißung der Erlösung bei Rurus Anblick. Er belehrt Ruru sodann grundsätzlich über die ahiṃsā (Gewaltlosigkeit) als höchste Pflicht des Brahmanen — im Gegensatz zur Kṣatriya-Pflicht der Strafgewalt — und nennt als Beispiel für Letztere Janamejayas Schlangenvernichtung, der die Rettung der Schlangen durch den Brahmanen Āstīka beim Schlangenopfer gegenübersteht: die erste Nennung Āstīkas in der kritischen Ausgabe, eine Vorausdeutung auf die kommende Āstīka-parva-Erzählung. Damit schließt die Ruru-Episode inhaltlich an die Sarpasatra-Rahmenhandlung (bereits aus Adhyāya 3, Pauṣyaparva) an. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.

ḍuṇḍubha uvāca | sakhā babhūva me pūrvaṃ khagamo nāma vai dvijaḥ | bhṛśaṃ saṃśitavāk tāta tapobalasamanvitaḥ

Der Ḍuṇḍubha sprach: „Ich hatte einst einen Freund, einen Brahmanen namens Khagama, dessen Worte überaus scharf [wirkmächtig] waren, mein Sohn, ausgestattet mit der Kraft der Askese.

Wort für Wort
ḍuṇḍubha uvāca | sakhā babhūva me pūrvaṃ khagamo nāma vai dvijaḥ | bhṛśaṃ saṃśitavāk tāta tapobalasamanvitaḥ
Der Ḍuṇḍubha sprach: „Ich hatte einst einen Freund, einen Brahmanen namens Khagama, dessen Worte überaus scharf [wirkmächtig] waren, mein Sohn, ausgestattet mit der Kraft der Askese.

sa mayā krīḍatā bālye kṛtvā tārṇam athoragam | agnihotre prasaktaḥ san bhīṣitaḥ pramumoha vai

Ich machte im Kindesspiel, während er beim Agnihotra-Opfer vertieft war, ein Grasseil zu einer Schlange und erschreckte ihn damit; da wurde er ohnmächtig.

Wort für Wort
sa mayā krīḍatā bālye kṛtvā tārṇam athoragam | agnihotre prasaktaḥ san bhīṣitaḥ pramumoha vai
Ich machte im Kindesspiel, während er beim Agnihotra-Opfer vertieft war, ein Grasseil zu einer Schlange und erschreckte ihn damit; da wurde er ohnmächtig.

labdhvā ca sa punaḥ saṃjñāṃ mām uvāca tapodhanaḥ | nirdahann iva kopena satyavāk saṃśitavrataḥ

Und als er sein Bewusstsein wiedererlangt hatte, sprach jener Asketenreiche zu mir, gleichsam vor Zorn verbrennend, der Wahrredende, mit unerbittlichem Gelübde:

Wort für Wort
labdhvā ca sa punaḥ saṃjñāṃ mām uvāca tapodhanaḥ | nirdahann iva kopena satyavāk saṃśitavrataḥ
Und als er sein Bewusstsein wiedererlangt hatte, sprach jener Asketenreiche zu mir, gleichsam vor Zorn verbrennend, der Wahrredende, mit unerbittlichem Gelübde:

yathāvīryas tvayā sarpaḥ kṛto 'yaṃ madbibhīṣayā | tathāvīryo bhujaṃgas tvaṃ mama kopād bhaviṣyasi

„So kraftlos wie die Schlange, die du zu meiner Erschreckung gemacht hast, ebenso kraftlos sollst du selbst, aus meinem Zorn, zu einer Schlange werden.“

Wort für Wort
yathāvīryas tvayā sarpaḥ kṛto 'yaṃ madbibhīṣayā | tathāvīryo bhujaṃgas tvaṃ mama kopād bhaviṣyasi
„So kraftlos wie die Schlange, die du zu meiner Erschreckung gemacht hast, ebenso kraftlos sollst du selbst, aus meinem Zorn, zu einer Schlange werden.“

tasyāhaṃ tapaso vīryaṃ jānamānas tapodhana | bhṛśam udvignahṛdayas tam avocaṃ vanaukasam

Ich, der ich die Kraft seiner Askese kannte, o Asketenreicher, mit heftig erschrecktem Herzen, sprach zu jenem Waldbewohner:

Wort für Wort
tasyāhaṃ tapaso vīryaṃ jānamānas tapodhana | bhṛśam udvignahṛdayas tam avocaṃ vanaukasam
Ich, der ich die Kraft seiner Askese kannte, o Asketenreicher, mit heftig erschrecktem Herzen, sprach zu jenem Waldbewohner:

prayataḥ saṃbhramāc caiva prāñjaliḥ praṇataḥ sthitaḥ | sakheti hasatedaṃ te narmārthaṃ vai kṛtaṃ mayā

— demütig, in Bestürzung, mit gefalteten Händen, verneigt dastehend: „O Freund, dies wurde von mir nur zum Scherz getan, lache darüber!

Wort für Wort
prayataḥ saṃbhramāc caiva prāñjaliḥ praṇataḥ sthitaḥ | sakheti hasatedaṃ te narmārthaṃ vai kṛtaṃ mayā
— demütig, in Bestürzung, mit gefalteten Händen, verneigt dastehend: „O Freund, dies wurde von mir nur zum Scherz getan, lache darüber!

kṣantum arhasi me brahmañ śāpo 'yaṃ vinivartyatām | so 'tha mām abravīd dṛṣṭvā bhṛśam udvignacetasam

Du sollst mir verzeihen, o Brahmane; dieser Fluch möge zurückgenommen werden.“ Da sprach er zu mir, als er mich so heftig erschreckt sah,

Wort für Wort
kṣantum arhasi me brahmañ śāpo 'yaṃ vinivartyatām | so 'tha mām abravīd dṛṣṭvā bhṛśam udvignacetasam
Du sollst mir verzeihen, o Brahmane; dieser Fluch möge zurückgenommen werden.“ Da sprach er zu mir, als er mich so heftig erschreckt sah,

muhur uṣṇaṃ viniḥśvasya susaṃbhrāntas tapodhanaḥ | nānṛtaṃ vai mayā proktaṃ bhavitedaṃ kathaṃ cana

wiederholt heiß aufseufzend, sehr bestürzt, jener Asketenreiche: „Was von mir gesagt wurde, ist keinesfalls Lüge; dies wird auf jeden Fall geschehen.

Wort für Wort
muhur uṣṇaṃ viniḥśvasya susaṃbhrāntas tapodhanaḥ | nānṛtaṃ vai mayā proktaṃ bhavitedaṃ kathaṃ cana
wiederholt heiß aufseufzend, sehr bestürzt, jener Asketenreiche: „Was von mir gesagt wurde, ist keinesfalls Lüge; dies wird auf jeden Fall geschehen.

yat tu vakṣyāmi te vākyaṃ śṛṇu tan me dhṛtavrata | śrutvā ca hṛdi te vākyam idam astu tapodhana

Doch was ich dir nun sagen werde, das höre von mir, o Gelübdetreuer; und wenn du es gehört hast, möge dir dieses Wort im Herzen bleiben, o Asketenreicher:

Wort für Wort
yat tu vakṣyāmi te vākyaṃ śṛṇu tan me dhṛtavrata | śrutvā ca hṛdi te vākyam idam astu tapodhana
Doch was ich dir nun sagen werde, das höre von mir, o Gelübdetreuer; und wenn du es gehört hast, möge dir dieses Wort im Herzen bleiben, o Asketenreicher:

utpatsyati rurur nāma pramater ātmajaḥ śuciḥ | taṃ dṛṣṭvā śāpamokṣas te bhavitā nacirād iva

Es wird ein reiner Sohn Pramatis geboren werden, namens Ruru; wenn du ihn erblickst, wird deine Erlösung vom Fluch bald geschehen.“

Wort für Wort
utpatsyati rurur nāma pramater ātmajaḥ śuciḥ | taṃ dṛṣṭvā śāpamokṣas te bhavitā nacirād iva
Es wird ein reiner Sohn Pramatis geboren werden, namens Ruru; wenn du ihn erblickst, wird deine Erlösung vom Fluch bald geschehen.“

sa tvaṃ rurur iti khyātaḥ pramater ātmajaḥ śuciḥ | svarūpaṃ pratilabhyāham adya vakṣyāmi te hitam

Du bist eben jener Ruru, bekannt als der reine Sohn Pramatis; nachdem ich nun meine eigene Gestalt wiedererlangt habe, will ich dir heute etwas Heilsames sagen:

Wort für Wort
sa tvaṃ rurur iti khyātaḥ pramater ātmajaḥ śuciḥ | svarūpaṃ pratilabhyāham adya vakṣyāmi te hitam
Du bist eben jener Ruru, bekannt als der reine Sohn Pramatis; nachdem ich nun meine eigene Gestalt wiedererlangt habe, will ich dir heute etwas Heilsames sagen:

ahiṃsā paramo dharmaḥ sarvaprāṇabhṛtāṃ smṛtaḥ | tasmāt prāṇabhṛtaḥ sarvān na hiṃsyād brāhmaṇaḥ kva cit

Gewaltlosigkeit gilt als die höchste Pflicht gegenüber allen lebenden Wesen; darum soll ein Brahmane niemals irgendeinem lebenden Wesen Gewalt antun.

Wort für Wort
ahiṃsā paramo dharmaḥ sarvaprāṇabhṛtāṃ smṛtaḥ | tasmāt prāṇabhṛtaḥ sarvān na hiṃsyād brāhmaṇaḥ kva cit
Gewaltlosigkeit gilt als die höchste Pflicht gegenüber allen lebenden Wesen; darum soll ein Brahmane niemals irgendeinem lebenden Wesen Gewalt antun.

brāhmaṇaḥ saumya eveha jāyateti parā śrutiḥ | vedavedāṅgavit tāta sarvabhūtābhayapradaḥ

„Der Brahmane wird eben milde geboren“ – so lautet die höchste Überlieferung, o Sohn – kundig der Veden und Vedāṅgas, allen Wesen Sicherheit gewährend.

Wort für Wort
brāhmaṇaḥ saumya eveha jāyateti parā śrutiḥ | vedavedāṅgavit tāta sarvabhūtābhayapradaḥ
„Der Brahmane wird eben milde geboren“ – so lautet die höchste Überlieferung, o Sohn – kundig der Veden und Vedāṅgas, allen Wesen Sicherheit gewährend.

ahiṃsā satyavacanaṃ kṣamā ceti viniścitam | brāhmaṇasya paro dharmo vedānāṃ dharaṇād api

Gewaltlosigkeit, wahres Reden und Geduld – dies ist bestimmt als des Brahmanen höchste Pflicht, sogar noch über dem Bewahren der Veden.

Wort für Wort
ahiṃsā satyavacanaṃ kṣamā ceti viniścitam | brāhmaṇasya paro dharmo vedānāṃ dharaṇād api
Gewaltlosigkeit, wahres Reden und Geduld – dies ist bestimmt als des Brahmanen höchste Pflicht, sogar noch über dem Bewahren der Veden.

kṣatriyasya tu yo dharmaḥ sa neheṣyati vai tava | daṇḍadhāraṇam ugratvaṃ prajānāṃ paripālanam

Doch was die Pflicht des Kṣatriya ist, die wird hier für dich nicht gewünscht: das Führen der Strafgewalt, Strenge, das Beschützen der Untertanen.

Wort für Wort
kṣatriyasya tu yo dharmaḥ sa neheṣyati vai tava | daṇḍadhāraṇam ugratvaṃ prajānāṃ paripālanam
Doch was die Pflicht des Kṣatriya ist, die wird hier für dich nicht gewünscht: das Führen der Strafgewalt, Strenge, das Beschützen der Untertanen.

tad idaṃ kṣatriyasyāsīt karma vai śṛṇu me ruro | janamejayasya dharmātman sarpāṇāṃ hiṃsanaṃ purā

Dies war einst die Tat eines Kṣatriya – höre von mir, o Ruru, o Rechtschaffener: die Vernichtung der Schlangen durch Janamejaya, einst,

Wort für Wort
tad idaṃ kṣatriyasyāsīt karma vai śṛṇu me ruro | janamejayasya dharmātman sarpāṇāṃ hiṃsanaṃ purā
Dies war einst die Tat eines Kṣatriya – höre von mir, o Ruru, o Rechtschaffener: die Vernichtung der Schlangen durch Janamejaya, einst,

paritrāṇaṃ ca bhītānāṃ sarpāṇāṃ brāhmaṇād api | tapovīryabalopetād vedavedāṅgapāragāt | āstīkād dvijamukhyād vai sarpasatre dvijottama

und die Rettung der geängstigten Schlangen sogar durch einen Brahmanen – ausgestattet mit der Kraft der Askese, kundig der Veden und Vedāṅgas bis zum Ende – durch Āstīka, den Vortrefflichsten der Zweifachgeborenen, beim Schlangenopfer, o Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
paritrāṇaṃ ca bhītānāṃ sarpāṇāṃ brāhmaṇād api | tapovīryabalopetād vedavedāṅgapāragāt | āstīkād dvijamukhyād vai sarpasatre dvijottama
und die Rettung der geängstigten Schlangen sogar durch einen Brahmanen – ausgestattet mit der Kraft der Askese, kundig der Veden und Vedāṅgas bis zum Ende – durch Āstīka, den Vortrefflichsten der Zweifachgeborenen, beim Schlangenopfer, o Bester der Zweifachgeborenen.

[Anm.: Hier fällt zum ersten Mal in der kritischen Ausgabe der Name Āstīka, der Haupthandlungsträger der noch folgenden Āstīka-parva-Erzählung (Rettung der Schlangen vor Janamejayas Schlangenopfer) – eine bewusste Vorausdeutung, die die Ruru-/Pauloma-Erzählung mit der übergeordneten Sarpasatra-Rahmenhandlung (bereits aus Adhyāya 3 bekannt) verknüpft. Adhyāya 11 endet hier; Adhyāya 12 dürfte zur Fortsetzung der Bhārgava-Genealogie bzw. zum Übergang in die Āstīka-Erzählung überleiten.]

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