Kapitel 96: Kāśikanyā-Haraṇam
Der Raub der Kāśī-Jungfrauen und der Tod Vicitravīryas
Bhīṣma raubt bei einer Brautwahl in Vārāṇasī die drei Töchter des Königs von Kāśī – Ambā, Ambikā und Ambālikā – für seinen Bruder Vicitravīrya, besiegt die versammelten Fürsten sowie König Śālva von Saubha, den Ambā insgeheim erwählt hatte, im Kampf und lässt ihn am Leben. Ambā offenbart ihre frühere Bindung an Śālva, woraufhin Bhīṣma sie nach Beratung mit Brahmanen freigibt; Ambikā und Ambālikā werden mit Vicitravīrya vermählt. Nach sieben Jahren stirbt der junge König kinderlos an Schwindsucht (yakṣma), und Bhīṣma vollzieht seine Totenriten.
vaiśaṃpāyana uvāca hate citrāṅgade bhīṣmo bāle bhrātari cānagha pālayām āsa tad rājyaṃ satyavatyā mate sthitaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Citrāṅgada erschlagen war, o Makelloser, führte Bhīṣma für den jungen Bruder [Vicitravīrya] die Regentschaft über jenes Reich, dem Willen Satyavatīs folgend.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca hate citrāṅgade bhīṣmo bāle bhrātari cānagha pālayām āsa tad rājyaṃ satyavatyā mate sthitaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Citrāṅgada erschlagen war, o Makelloser, führte Bhīṣma für den jungen Bruder [Vicitravīrya] die Regentschaft über jenes Reich, dem Willen Satyavatīs folgend.
Und er sprach zu den Erdherrschern, mit einer Stimme wie Gewitterdonner, während er die Jungfrauen auf seinen Wagen hob – Bhīṣma, der Beste der Kämpfer:
Und er sprach zu den Erdherrschern, mit einer Stimme wie Gewitterdonner, während er die Jungfrauen auf seinen Wagen hob – Bhīṣma, der Beste der Kämpfer:
āhūya dānaṃ kanyānāṃ guṇavadbhyaḥ smṛtaṃ budhaiḥ alaṃkṛtya yathāśakti pradāya ca dhanāny api
‚Das Verschenken einer Jungfrau nach Einladung [des Freiers] an einen tugendhaften Mann gilt den Weisen als überliefert – nachdem man sie nach Vermögen geschmückt und ihr auch Reichtümer mitgegeben hat.
Wort für Wort
āhūya dānaṃ kanyānāṃ guṇavadbhyaḥ smṛtaṃ budhaiḥ alaṃkṛtya yathāśakti pradāya ca dhanāny api
‚Das Verschenken einer Jungfrau nach Einladung [des Freiers] an einen tugendhaften Mann gilt den Weisen als überliefert – nachdem man sie nach Vermögen geschmückt und ihr auch Reichtümer mitgegeben hat.
[Anm.: Bhīṣma zählt hier die klassischen ‚acht Formen der Ehe' (aṣṭavivāha) auf, um seinen Brautraub zu rechtfertigen; V8-11 nennen sie der Reihe nach, ohne die traditionellen Namen (Brahma-, Daiva-, Ārṣa-, Prājāpatya-, Āsura-, Gāndharva-, Rākṣasa-, Paiśāca-Vivāha) einzeln zu benennen.]
prayacchanti apare kanyāṃ mithunena gavām api vittena kathitenānye balenānye 'numānya ca
andere geben die Jungfrau für ein Rinderpaar [als Brautgabe]; andere für vereinbarten Reichtum; andere mit Gewalt; andere nach gegenseitigem Einverständnis;
Wort für Wort
prayacchanti apare kanyāṃ mithunena gavām api vittena kathitenānye balenānye 'numānya ca
andere geben die Jungfrau für ein Rinderpaar [als Brautgabe]; andere für vereinbarten Reichtum; andere mit Gewalt; andere nach gegenseitigem Einverständnis;
pramattām upayānti anye svayam anye ca vindate aṣṭamaṃ tam atho vitta vivāhaṃ kavibhiḥ smṛtam
andere nähern sich ihr, wenn sie unachtsam ist; andere wieder gewinnen sie aus eigenem Antrieb – das, wisse, ist die achte, von den Weisen überlieferte Form der Ehe.
Wort für Wort
pramattām upayānti anye svayam anye ca vindate aṣṭamaṃ tam atho vitta vivāhaṃ kavibhiḥ smṛtam
andere nähern sich ihr, wenn sie unachtsam ist; andere wieder gewinnen sie aus eigenem Antrieb – das, wisse, ist die achte, von den Weisen überlieferte Form der Ehe.
svayaṃvaraṃ tu rājanyāḥ praśaṃsanty upayānti ca pramathya tu hṛtām āhur jyāyasīṃ dharmavādinaḥ
Die Fürsten aber preisen die Selbstwahl (svayaṃvara) und nähern sich ihr auf diesem Weg; doch die des Dharma Kundigen nennen die mit Gewalt geraubte Braut die vorzüglichere Form.'
Wort für Wort
svayaṃvaraṃ tu rājanyāḥ praśaṃsanty upayānti ca pramathya tu hṛtām āhur jyāyasīṃ dharmavādinaḥ
Die Fürsten aber preisen die Selbstwahl (svayaṃvara) und nähern sich ihr auf diesem Weg; doch die des Dharma Kundigen nennen die mit Gewalt geraubte Braut die vorzüglichere Form.'
tā imāḥ pṛthivīpālā jihīrṣāmi balād itaḥ te yatadhvaṃ paraṃ śaktyā vijayāyetarāya vā sthito 'haṃ pṛthivīpālā yuddhāya kṛtaniścayaḥ
‚Diese hier will ich, ihr Erdherrscher, mit Gewalt entführen. Strengt euch nach Kräften an, sei es zum Sieg oder zum Gegenteil – ich stehe, ihr Erdherrscher, zum Kampf entschlossen bereit.'
Wort für Wort
tā imāḥ pṛthivīpālā jihīrṣāmi balād itaḥ te yatadhvaṃ paraṃ śaktyā vijayāyetarāya vā sthito 'haṃ pṛthivīpālā yuddhāya kṛtaniścayaḥ
‚Diese hier will ich, ihr Erdherrscher, mit Gewalt entführen. Strengt euch nach Kräften an, sei es zum Sieg oder zum Gegenteil – ich stehe, ihr Erdherrscher, zum Kampf entschlossen bereit.'
evam uktvā mahīpālān kāśirājaṃ ca vīryavān sarvāḥ kanyāḥ sa kauravyo ratham āropayat svakam āmantrya ca sa tān prāyāc chīghraṃ kanyāḥ pragṛhya tāḥ
So zu den Erdherrschern und dem tapferen König von Kāśī sprechend, hob der Kaurava alle Jungfrauen auf seinen eigenen Wagen; nachdem er die Könige herausgefordert hatte, fuhr er eilig davon, die Jungfrauen mit sich führend.
Wort für Wort
evam uktvā mahīpālān kāśirājaṃ ca vīryavān sarvāḥ kanyāḥ sa kauravyo ratham āropayat svakam āmantrya ca sa tān prāyāc chīghraṃ kanyāḥ pragṛhya tāḥ
So zu den Erdherrschern und dem tapferen König von Kāśī sprechend, hob der Kaurava alle Jungfrauen auf seinen eigenen Wagen; nachdem er die Könige herausgefordert hatte, fuhr er eilig davon, die Jungfrauen mit sich führend.
bestiegen jene Helden, mit allen Waffen ausgerüstet, ihre von den Wagenlenkern bereitgestellten, prächtigen, mit trefflichen Rossen bespannten Wagen und verfolgten, die Waffen erhoben, den einzeln davonfahrenden Kaurava.
bestiegen jene Helden, mit allen Waffen ausgerüstet, ihre von den Wagenlenkern bereitgestellten, prächtigen, mit trefflichen Rossen bespannten Wagen und verfolgten, die Waffen erhoben, den einzeln davonfahrenden Kaurava.
wie ein Elefantenbulle, der Leitbulle der Herde, der Stärkste unter den Starken, der zu einer brünstigen Elefantenkuh gelangt ist, einen anderen mit den Stoßzähnen ins Hinterteil schlägt,
wie ein Elefantenbulle, der Leitbulle der Herde, der Stärkste unter den Starken, der zu einer brünstigen Elefantenkuh gelangt ist, einen anderen mit den Stoßzähnen ins Hinterteil schlägt,
Und zornig sprach er zu seinem Wagenlenker: ‚Fahre dorthin, wo dieser Fürst steht, damit ich ihn noch heute töte, wie der Vogelkönig [Garuḍa] eine Schlange.'
Und zornig sprach er zu seinem Wagenlenker: ‚Fahre dorthin, wo dieser Fürst steht, damit ich ihn noch heute töte, wie der Vogelkönig [Garuḍa] eine Schlange.'
Nachdem er, o Tiger unter den Königen, die Geschosse des Königs von Śālva mit eigenen Geschossen abgewehrt hatte, tötete Bhīṣma, der Kaurava, dessen Wagenlenker; und mit einem einzigen Geschoss tötete er auch dessen vorzügliche Rosse.
Nachdem er, o Tiger unter den Königen, die Geschosse des Königs von Śālva mit eigenen Geschossen abgewehrt hatte, tötete Bhīṣma, der Kaurava, dessen Wagenlenker; und mit einem einzigen Geschoss tötete er auch dessen vorzügliche Rosse.
Um der Jungfrauen willen, o Bester der Männer, ließ Bhīṣma Śāṃtanava den besiegten, aber vortrefflichen König am Leben und entließ ihn; darauf fuhr Śālva, o Stier der Bharatas, in seine eigene Stadt zurück.
Um der Jungfrauen willen, o Bester der Männer, ließ Bhīṣma Śāṃtanava den besiegten, aber vortrefflichen König am Leben und entließ ihn; darauf fuhr Śālva, o Stier der Bharatas, in seine eigene Stadt zurück.
rājāno ye ca tatrāsan svayaṃvaradidṛkṣavaḥ svāny eva te 'pi rāṣṭrāṇi jagmuḥ parapuraṃjaya
Und auch die übrigen Könige, die dort gewesen waren, um die Brautwahl mitanzusehen, kehrten, o Bezwinger feindlicher Städte, in ihre eigenen Reiche zurück.
Wort für Wort
rājāno ye ca tatrāsan svayaṃvaradidṛkṣavaḥ svāny eva te 'pi rāṣṭrāṇi jagmuḥ parapuraṃjaya
Und auch die übrigen Könige, die dort gewesen waren, um die Brautwahl mitanzusehen, kehrten, o Bezwinger feindlicher Städte, in ihre eigenen Reiche zurück.
Unversehrt, nachdem er seine Feinde im Kampf vernichtet hatte, von unzählbarer Heldenkraft, brachte der Sohn des Meeresstroms [Gaṅgā-Sohn Bhīṣma] die Töchter des Königs von Kāśī heim.
Unversehrt, nachdem er seine Feinde im Kampf vernichtet hatte, von unzählbarer Heldenkraft, brachte der Sohn des Meeresstroms [Gaṅgā-Sohn Bhīṣma] die Töchter des Königs von Kāśī heim.
Der Dharma-Kundige, der eine übermenschliche Tat nach der Weise der Rechtschaffenen vollbracht hatte, schickte sich, nachdem er sich mit Satyavatī gemeinsam beraten und einen Entschluss gefasst hatte, an, die Vermählung seines Bruders Vicitravīrya vorzubereiten.
Der Dharma-Kundige, der eine übermenschliche Tat nach der Weise der Rechtschaffenen vollbracht hatte, schickte sich, nachdem er sich mit Satyavatī gemeinsam beraten und einen Entschluss gefasst hatte, an, die Vermählung seines Bruders Vicitravīrya vorzubereiten.
mayā saubhapatiḥ pūrvaṃ manasābhivṛtaḥ patiḥ tena cāsmi vṛtā pūrvam eṣa kāmaś ca me pituḥ
‚Von mir wurde zuvor in Gedanken der Herrscher von Saubha zum Gatten erwählt, und auch er hat mich zuvor erwählt; das ist auch der Wunsch meines Vaters.
Wort für Wort
mayā saubhapatiḥ pūrvaṃ manasābhivṛtaḥ patiḥ tena cāsmi vṛtā pūrvam eṣa kāmaś ca me pituḥ
‚Von mir wurde zuvor in Gedanken der Herrscher von Saubha zum Gatten erwählt, und auch er hat mich zuvor erwählt; das ist auch der Wunsch meines Vaters.
So von jener Jungfrau in der Versammlung der Brahmanen angesprochen, verfiel der Held Bhīṣma in ein Nachdenken, das dieser Angelegenheit angemessen war.
So von jener Jungfrau in der Versammlung der Brahmanen angesprochen, verfiel der Held Bhīṣma in ein Nachdenken, das dieser Angelegenheit angemessen war.
Nachdem er, der Dharma-Kundige, sich mit den im Veda bewanderten Brahmanen beraten und entschieden hatte, gewährte er darauf der ältesten Tochter des Königs von Kāśī, Ambā, [ihre Bitte].
Nachdem er, der Dharma-Kundige, sich mit den im Veda bewanderten Brahmanen beraten und entschieden hatte, gewährte er darauf der ältesten Tochter des Königs von Kāśī, Ambā, [ihre Bitte].
tābhyāṃ saha samāḥ sapta viharan pṛthivīpatiḥ vicitravīryas taruṇo yakṣmāṇaṃ samapadyata
Nachdem er sieben Jahre lang mit ihnen beiden dem Liebesspiel nachgegangen war, verfiel der junge Erdenherrscher Vicitravīrya der Schwindsucht (yakṣma).
Wort für Wort
tābhyāṃ saha samāḥ sapta viharan pṛthivīpatiḥ vicitravīryas taruṇo yakṣmāṇaṃ samapadyata
Nachdem er sieben Jahre lang mit ihnen beiden dem Liebesspiel nachgegangen war, verfiel der junge Erdenherrscher Vicitravīrya der Schwindsucht (yakṣma).
Alle Totenriten für den König Vicitravīrya ließ Bhīṣma, dem Willen Satyavatīs folgend, zusammen mit den Opferpriestern und allen Stieren der Kurus ordnungsgemäß vollziehen.
Alle Totenriten für den König Vicitravīrya ließ Bhīṣma, dem Willen Satyavatīs folgend, zusammen mit den Opferpriestern und allen Stieren der Kurus ordnungsgemäß vollziehen.