Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 130: Vāraṇāvatavivāsanamantraṇā Der Plan zur Verbannung nach Vāraṇāvata

Dhṛtarāṣṭra zögert zunächst, äußert aber Duryodhana gegenüber seine tief sitzende Sorge, dass die vom Volk geliebten Pāṇḍavas mit Bhīṣmas, Droṇas, Viduras und Kṛpas Unterstützung nicht vertrieben werden könnten. Duryodhana entgegnet, er habe bereits durch Geld und Ehre die Untertanen für sich gewonnen, und schlägt vor, die Pāṇḍavas mit einem scheinbar milden Vorwand nach Vāraṇāvata zu verbannen. Auf Dhṛtarāṣṭras Einwand, dass die einflussreichen Berater dem niemals zustimmen würden, argumentiert Duryodhana, Bhīṣma bleibe neutral, Droṇa folge seinem Sohn Aśvatthāman, Kṛpa folge Droṇa, und Vidura allein könne den Plan nicht verhindern – und drängt seinen Vater zur sofortigen Verbannung.

vaiśaṃpāyana uvāca dhṛtarāṣṭras tu putrasya śrutvā vacanam īdṛśam muhūrtam iva saṃcintya duryodhanam athābravīt

Vaiśaṃpāyana sprach: Dhṛtarāṣṭra aber, nachdem er die Worte seines Sohnes gehört hatte, überlegte einen Augenblick und sprach darauf zu Duryodhana:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca dhṛtarāṣṭras tu putrasya śrutvā vacanam īdṛśam muhūrtam iva saṃcintya duryodhanam athābravīt
Vaiśaṃpāyana sprach: Dhṛtarāṣṭra aber, nachdem er die Worte seines Sohnes gehört hatte, überlegte einen Augenblick und sprach darauf zu Duryodhana:

dharmanityaḥ sadā pāṇḍur mamāsīt priyakṛd dhitaḥ sarveṣu jñātiṣu tathā mayi tv āsīd viśeṣataḥ

‚Der Rechtschaffenheit stets ergeben, war Pāṇḍu mir zugetan und nützlich, gegenüber allen Verwandten, und mir gegenüber insbesondere.'

Wort für Wort
dharmanityaḥ sadā pāṇḍur mamāsīt priyakṛd dhitaḥ sarveṣu jñātiṣu tathā mayi tv āsīd viśeṣataḥ
‚Der Rechtschaffenheit stets ergeben, war Pāṇḍu mir zugetan und nützlich, gegenüber allen Verwandten, und mir gegenüber insbesondere.'

nāsya kiṃ cin na jānāmi bhojanādi cikīrṣitam nivedayati nityaṃ hi mama rājyaṃ dhṛtavrataḥ

‚Nichts von dem, was er vorhatte – sei es Speise oder anderes –, blieb mir unbekannt; denn er, seinem Gelübde treu, berichtete mir stets über mein Königreich.'

Wort für Wort
nāsya kiṃ cin na jānāmi bhojanādi cikīrṣitam nivedayati nityaṃ hi mama rājyaṃ dhṛtavrataḥ
‚Nichts von dem, was er vorhatte – sei es Speise oder anderes –, blieb mir unbekannt; denn er, seinem Gelübde treu, berichtete mir stets über mein Königreich.'

tasya putro yathā pāṇḍus tathā dharmaparāyaṇaḥ guṇavāṃl lokavikhyātaḥ paurāṇāṃ ca susaṃmataḥ

‚Sein Sohn ist ebenso der Rechtschaffenheit ergeben wie Pāṇḍu, voller Vorzüge, in der Welt berühmt und den Stadtbewohnern hoch angesehen.'

Wort für Wort
tasya putro yathā pāṇḍus tathā dharmaparāyaṇaḥ guṇavāṃl lokavikhyātaḥ paurāṇāṃ ca susaṃmataḥ
‚Sein Sohn ist ebenso der Rechtschaffenheit ergeben wie Pāṇḍu, voller Vorzüge, in der Welt berühmt und den Stadtbewohnern hoch angesehen.'

sa kathaṃ śakyam asmābhir apakraṣṭuṃ balād itaḥ pitṛpaitāmahād rājyāt sasahāyo viśeṣataḥ

‚Wie könnten wir ihn gewaltsam aus dem Königreich seiner Väter und Großväter vertreiben, zumal er Helfer hat?'

Wort für Wort
sa kathaṃ śakyam asmābhir apakraṣṭuṃ balād itaḥ pitṛpaitāmahād rājyāt sasahāyo viśeṣataḥ
‚Wie könnten wir ihn gewaltsam aus dem Königreich seiner Väter und Großväter vertreiben, zumal er Helfer hat?'

bhṛtā hi pāṇḍunāmātyā balaṃ ca satataṃ bhṛtam bhṛtāḥ putrāś ca pautrāś ca teṣām api viśeṣataḥ

‚Denn von Pāṇḍu wurden die Minister unterhalten, und stets wurde auch das Heer unterhalten; unterhalten wurden auch deren Söhne und Enkel, insbesondere.'

Wort für Wort
bhṛtā hi pāṇḍunāmātyā balaṃ ca satataṃ bhṛtam bhṛtāḥ putrāś ca pautrāś ca teṣām api viśeṣataḥ
‚Denn von Pāṇḍu wurden die Minister unterhalten, und stets wurde auch das Heer unterhalten; unterhalten wurden auch deren Söhne und Enkel, insbesondere.'

te purā satkṛtās tāta pāṇḍunā pauravā janāḥ kathaṃ yudhiṣṭhirasyārthe na no hanyuḥ sabāndhavān

‚Diese einst von Pāṇḍu wohlbehandelten Leute der Paurava-Sippe – wie sollten sie uns nicht samt unseren Verwandten für Yudhiṣṭhiras Sache erschlagen?'

Wort für Wort
te purā satkṛtās tāta pāṇḍunā pauravā janāḥ kathaṃ yudhiṣṭhirasyārthe na no hanyuḥ sabāndhavān
‚Diese einst von Pāṇḍu wohlbehandelten Leute der Paurava-Sippe – wie sollten sie uns nicht samt unseren Verwandten für Yudhiṣṭhiras Sache erschlagen?'

duryodhana uvāca evam etan mayā tāta bhāvitaṃ doṣam ātmani dṛṣṭvā prakṛtayaḥ sarvā arthamānena yojitāḥ

Duryodhana sprach: ‚So habe ich es auch bedacht, Vater; da ich den Mangel bei uns selbst erkannt habe, habe ich alle Untertanen mit Geld und Ehre für uns gewonnen.'

Wort für Wort
duryodhana uvāca evam etan mayā tāta bhāvitaṃ doṣam ātmani dṛṣṭvā prakṛtayaḥ sarvā arthamānena yojitāḥ
Duryodhana sprach: ‚So habe ich es auch bedacht, Vater; da ich den Mangel bei uns selbst erkannt habe, habe ich alle Untertanen mit Geld und Ehre für uns gewonnen.'

dhruvam asmatsahāyās te bhaviṣyanti pradhānataḥ arthavargaḥ sahāmātyo matsaṃstho 'dya mahīpate

‚Gewiss werden sie unsere Helfer sein, vor allem; die Gruppe der Vermögenden samt den Ministern steht mir heute bei, o Herrscher der Erde.'

Wort für Wort
dhruvam asmatsahāyās te bhaviṣyanti pradhānataḥ arthavargaḥ sahāmātyo matsaṃstho 'dya mahīpate
‚Gewiss werden sie unsere Helfer sein, vor allem; die Gruppe der Vermögenden samt den Ministern steht mir heute bei, o Herrscher der Erde.'

sa bhavān pāṇḍavān āśu vivāsayitum arhati mṛdunaivābhyupāyena nagaraṃ vāraṇāvatam

‚Du solltest daher die Pāṇḍavas rasch, mit einem milden Mittel, in die Stadt Vāraṇāvata verbannen.'

Wort für Wort
sa bhavān pāṇḍavān āśu vivāsayitum arhati mṛdunaivābhyupāyena nagaraṃ vāraṇāvatam
‚Du solltest daher die Pāṇḍavas rasch, mit einem milden Mittel, in die Stadt Vāraṇāvata verbannen.'

yadā pratiṣṭhitaṃ rājyaṃ mayi rājan bhaviṣyati tadā kuntī sahāpatyā punar eṣyati bhārata

‚Wenn dann das Königreich fest in meiner Hand ist, o König, dann mag Kuntī samt ihren Kindern wieder zurückkehren, o Bhārata.'

Wort für Wort
yadā pratiṣṭhitaṃ rājyaṃ mayi rājan bhaviṣyati tadā kuntī sahāpatyā punar eṣyati bhārata
‚Wenn dann das Königreich fest in meiner Hand ist, o König, dann mag Kuntī samt ihren Kindern wieder zurückkehren, o Bhārata.'

dhṛtarāṣṭra uvāca duryodhana mamāpy etad dhṛdi saṃparivartate abhiprāyasya pāpatvān naitat tu vivṛṇomy aham

Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Duryodhana, auch mir bewegt sich dies im Herzen; doch wegen der Verwerflichkeit dieses Vorhabens spreche ich es nicht offen aus.'

Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca duryodhana mamāpy etad dhṛdi saṃparivartate abhiprāyasya pāpatvān naitat tu vivṛṇomy aham
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Duryodhana, auch mir bewegt sich dies im Herzen; doch wegen der Verwerflichkeit dieses Vorhabens spreche ich es nicht offen aus.'

na ca bhīṣmo na ca droṇo na kṣattā na ca gautamaḥ vivāsyamānān kaunteyān anumaṃsyanti karhi cit

‚Weder Bhīṣma noch Droṇa, weder der Kṣattṛ [Vidura] noch der Gautama [Kṛpa] werden jemals der Verbannung der Söhne Kuntīs zustimmen.'

Wort für Wort
na ca bhīṣmo na ca droṇo na kṣattā na ca gautamaḥ vivāsyamānān kaunteyān anumaṃsyanti karhi cit
‚Weder Bhīṣma noch Droṇa, weder der Kṣattṛ [Vidura] noch der Gautama [Kṛpa] werden jemals der Verbannung der Söhne Kuntīs zustimmen.'

samā hi kauraveyāṇāṃ vayam ete ca putraka naite viṣamam iccheyur dharmayuktā manasvinaḥ

‚Denn wir und jene sind für die Kauravas gleich wichtig, mein Sohn; sie, der Rechtschaffenheit ergeben und besonnen, würden kein Unrecht wollen.'

Wort für Wort
samā hi kauraveyāṇāṃ vayam ete ca putraka naite viṣamam iccheyur dharmayuktā manasvinaḥ
‚Denn wir und jene sind für die Kauravas gleich wichtig, mein Sohn; sie, der Rechtschaffenheit ergeben und besonnen, würden kein Unrecht wollen.'

te vayaṃ kauraveyāṇām eteṣāṃ ca mahātmanām kathaṃ na vadhyatāṃ tāta gacchema jagatas tathā

‚Wie sollten wir da nicht in der Welt als Mörder der Kauravas und dieser Hochherzigen gelten, mein Sohn?'

Wort für Wort
te vayaṃ kauraveyāṇām eteṣāṃ ca mahātmanām kathaṃ na vadhyatāṃ tāta gacchema jagatas tathā
‚Wie sollten wir da nicht in der Welt als Mörder der Kauravas und dieser Hochherzigen gelten, mein Sohn?'

duryodhana uvāca madhyasthaḥ satataṃ bhīṣmo droṇaputro mayi sthitaḥ yataḥ putras tato droṇo bhavitā nātra sāṃśayaḥ

Duryodhana sprach: ‚Bhīṣma bleibt stets neutral; doch der Sohn Droṇas steht auf meiner Seite – und wo der Sohn ist, dort wird zweifellos auch Droṇa sein.'

Wort für Wort
duryodhana uvāca madhyasthaḥ satataṃ bhīṣmo droṇaputro mayi sthitaḥ yataḥ putras tato droṇo bhavitā nātra sāṃśayaḥ
Duryodhana sprach: ‚Bhīṣma bleibt stets neutral; doch der Sohn Droṇas steht auf meiner Seite – und wo der Sohn ist, dort wird zweifellos auch Droṇa sein.'

kṛpaḥ śāradvataś caiva yata ete trayas tataḥ droṇaṃ ca bhāgineyaṃ ca na sa tyakṣyati karhi cit

‚Und Kṛpa, der Sohn Śaradvats, wird dort sein, wo diese drei sind; denn er wird niemals Droṇa und seinen Neffen [Aśvatthāman] verlassen.'

Wort für Wort
kṛpaḥ śāradvataś caiva yata ete trayas tataḥ droṇaṃ ca bhāgineyaṃ ca na sa tyakṣyati karhi cit
‚Und Kṛpa, der Sohn Śaradvats, wird dort sein, wo diese drei sind; denn er wird niemals Droṇa und seinen Neffen [Aśvatthāman] verlassen.'

[Anm.: ete trayas (‚diese drei') ist nicht ganz eindeutig identifiziert; vermutlich Duryodhana, Aśvatthāman und Droṇa gemeint.

kṣattārthabaddhas tv asmākaṃ pracchannaṃ tu yataḥ pare na caikaḥ sa samartho 'smān pāṇḍavārthe prabādhitum

‚Der Kṣattṛ aber ist, wenn auch verdeckt, durch Interesse an uns gebunden, da die übrigen neutral bzw. auf unserer Seite sind; und er allein ist nicht imstande, uns wegen der Pāṇḍavas zu behindern.'

Wort für Wort
kṣattārthabaddhas tv asmākaṃ pracchannaṃ tu yataḥ pare na caikaḥ sa samartho 'smān pāṇḍavārthe prabādhitum
‚Der Kṣattṛ aber ist, wenn auch verdeckt, durch Interesse an uns gebunden, da die übrigen neutral bzw. auf unserer Seite sind; und er allein ist nicht imstande, uns wegen der Pāṇḍavas zu behindern.'

sa viśrabdhaḥ pāṇḍuputrān saha mātrā vivāsaya vāraṇāvatam adyaiva nātra doṣo bhaviṣyati

‚So verbanne beruhigt die Söhne Pāṇḍus samt ihrer Mutter noch heute nach Vāraṇāvata – kein Makel wird daraus entstehen.'

Wort für Wort
sa viśrabdhaḥ pāṇḍuputrān saha mātrā vivāsaya vāraṇāvatam adyaiva nātra doṣo bhaviṣyati
‚So verbanne beruhigt die Söhne Pāṇḍus samt ihrer Mutter noch heute nach Vāraṇāvata – kein Makel wird daraus entstehen.'

vinidrakaraṇaṃ ghoraṃ hṛdi śalyam ivārpitam śokapāvakam udbhūtaṃ karmaṇaitena nāśaya

‚Den schrecklichen, schlaflos machenden, wie ein Pfeil im Herzen steckenden, aufgestiegenen Kummerbrand – lösche ihn durch diese Tat.'

Wort für Wort
vinidrakaraṇaṃ ghoraṃ hṛdi śalyam ivārpitam śokapāvakam udbhūtaṃ karmaṇaitena nāśaya
‚Den schrecklichen, schlaflos machenden, wie ein Pfeil im Herzen steckenden, aufgestiegenen Kummerbrand – lösche ihn durch diese Tat.'

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