Kapitel 150: Kuntīyudhiṣṭhirasaṃvādaḥ
Das Gespräch zwischen Kuntī und Yudhiṣṭhira
Yudhiṣṭhira erfährt heimlich von Kuntīs Entschluss und stellt sie zur Rede: die Preisgabe Bhīmas, auf dessen Kraft die ganze Familie angewiesen sei, widerspreche der Weltordnung. Kuntī rechtfertigt sich ausführlich: Vertrauen in Bhīmas außergewöhnliche, seit der Kindheit bewiesene Kraft, die Pflicht zur Vergeltung für die gastliche Aufnahme im Brahmanenhaus, sowie eine Berufung auf eine frühere Lehre des Vyāsa über den Lohn kṣatriyischen Beistands für die drei anderen Stände. Yudhiṣṭhira erkennt die Weisheit ihres wohlüberlegten Entschlusses an und mahnt nur zur Geheimhaltung gegenüber den Stadtbewohnern.
vaiśaṃpāyana uvāca kariṣya iti bhīmena pratijñāte tu bhārata ājagmus te tataḥ sarve bhaikṣam ādāya pāṇḍavāḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Bhīma also ‚Ich werde es tun' zugesagt hatte, o Bhārata, kamen darauf alle Pāṇḍavas, die Bettelspeise mit sich bringend, zurück.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca kariṣya iti bhīmena pratijñāte tu bhārata ājagmus te tataḥ sarve bhaikṣam ādāya pāṇḍavāḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Bhīma also ‚Ich werde es tun' zugesagt hatte, o Bhārata, kamen darauf alle Pāṇḍavas, die Bettelspeise mit sich bringend, zurück.
yudhiṣṭhira uvāca kim idaṃ sāhasaṃ tīkṣṇaṃ bhavatyā duṣkṛtaṃ kṛtam parityāgaṃ hi putrasya na praśaṃsanti sādhavaḥ
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Was ist das für eine schroffe, verwegene Tat, ein Übles, das du begangen hast? Denn die Preisgabe eines Sohnes loben die Rechtschaffenen nicht.'
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca kim idaṃ sāhasaṃ tīkṣṇaṃ bhavatyā duṣkṛtaṃ kṛtam parityāgaṃ hi putrasya na praśaṃsanti sādhavaḥ
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Was ist das für eine schroffe, verwegene Tat, ein Übles, das du begangen hast? Denn die Preisgabe eines Sohnes loben die Rechtschaffenen nicht.'
kathaṃ parasutasyārthe svasutaṃ tyaktum icchasi lokavṛttiviruddhaṃ vai putratyāgāt kṛtaṃ tvayā
‚Wie kannst du um eines fremden Sohnes willen den eigenen Sohn preisgeben wollen? Der Weltordnung zuwider ist, was du mit der Preisgabe eines Sohnes getan hast.'
Wort für Wort
kathaṃ parasutasyārthe svasutaṃ tyaktum icchasi lokavṛttiviruddhaṃ vai putratyāgāt kṛtaṃ tvayā
‚Wie kannst du um eines fremden Sohnes willen den eigenen Sohn preisgeben wollen? Der Weltordnung zuwider ist, was du mit der Preisgabe eines Sohnes getan hast.'
tasya vyavasitas tyāgo buddhim āsthāya kāṃ tvayā kaccin na duḥkhair buddhis te viplutā gatacetasaḥ
‚Von welcher Überlegung geleitet, hast du dessen Preisgabe beschlossen? Ist dir dein Verstand etwa durch die Leiden verwirrt worden, dass du den Sinn verloren hast?'
Wort für Wort
tasya vyavasitas tyāgo buddhim āsthāya kāṃ tvayā kaccin na duḥkhair buddhis te viplutā gatacetasaḥ
‚Von welcher Überlegung geleitet, hast du dessen Preisgabe beschlossen? Ist dir dein Verstand etwa durch die Leiden verwirrt worden, dass du den Sinn verloren hast?'
kunty uvāca yudhiṣṭhira na saṃtāpaḥ kāryaḥ prati vṛkodaram na cāyaṃ buddhidaurbalyād vyavasāyaḥ kṛto mayā
Kuntī sprach: ‚Yudhiṣṭhira, du sollst dich wegen Vṛkodaras nicht grämen; auch ist dieser Entschluss von mir nicht aus Schwäche des Verstandes gefasst worden.'
Wort für Wort
kunty uvāca yudhiṣṭhira na saṃtāpaḥ kāryaḥ prati vṛkodaram na cāyaṃ buddhidaurbalyād vyavasāyaḥ kṛto mayā
Kuntī sprach: ‚Yudhiṣṭhira, du sollst dich wegen Vṛkodaras nicht grämen; auch ist dieser Entschluss von mir nicht aus Schwäche des Verstandes gefasst worden.'
iha viprasya bhavane vayaṃ putra sukhoṣitāḥ tasya pratikriyā tāta mayeyaṃ prasamīkṣitā etāvān eva puruṣaḥ kṛtaṃ yasmin na naśyati
‚Hier im Hause des Brahmanen, mein Sohn, haben wir glücklich gewohnt – dies ist die Gegenleistung dafür, o Kind, die ich erwogen habe; nur der ist wahrlich ein wahrer Mann, bei dem eine erwiesene Wohltat nicht verloren geht.'
Wort für Wort
iha viprasya bhavane vayaṃ putra sukhoṣitāḥ tasya pratikriyā tāta mayeyaṃ prasamīkṣitā etāvān eva puruṣaḥ kṛtaṃ yasmin na naśyati
‚Hier im Hause des Brahmanen, mein Sohn, haben wir glücklich gewohnt – dies ist die Gegenleistung dafür, o Kind, die ich erwogen habe; nur der ist wahrlich ein wahrer Mann, bei dem eine erwiesene Wohltat nicht verloren geht.'
‚Da ich damals im Lackhaus die große Tapferkeit [Bhīmas] gesehen habe, und ebenso am Tod Hiḍimbas, habe ich Vertrauen in Vṛkodara.'
[?] Die Quelle liest hier ‚bhīṣmasya' (,Bhīṣmas'), was dem Sinnzusammenhang nach (Lackhaus-Tapferkeit, Vertrauen in Vṛkodara/Bhīma) offenkundig ‚bhīmasya' (,Bhīmas') meint – vermutlich eine Textverderbnis oder Lesart der Überlieferung; hier sinngemäß als Bhīma übersetzt.
vṛkodarabalo nānyo na bhūto na bhaviṣyati yo 'bhyudīyād yudhi śreṣṭham api vajradharaṃ svayam
‚Keiner von der Kraft Vṛkodaras – weder ist ein solcher gewesen noch wird ein solcher sein –, der im Kampf auch nur den Besten, den Blitzträger Indra selbst, überträfe.'
Wort für Wort
vṛkodarabalo nānyo na bhūto na bhaviṣyati yo 'bhyudīyād yudhi śreṣṭham api vajradharaṃ svayam
‚Keiner von der Kraft Vṛkodaras – weder ist ein solcher gewesen noch wird ein solcher sein –, der im Kampf auch nur den Besten, den Blitzträger Indra selbst, überträfe.'
‚Kaum geboren, ist dieser einst von meinem Schoß auf einen Berg gefallen, und durch die Schwere seines Körpers wurde der Fels von seinen Gliedern zermalmt.'
‚Kaum geboren, ist dieser einst von meinem Schoß auf einen Berg gefallen, und durch die Schwere seines Körpers wurde der Fels von seinen Gliedern zermalmt.'
[Anm.: Anspielung auf eine frühere, hier erstmals genannte Episode aus Bhīmas Säuglingszeit, in der sein Körpergewicht allein einen Felsen zermalmte.
nedaṃ lobhān na cājñānān na ca mohād viniścitam buddhipūrvaṃ tu dharmasya vyavasāyaḥ kṛto mayā
‚Dies ist nicht aus Gier, nicht aus Unwissenheit, nicht aus Verblendung entschieden worden; wohlüberlegt vielmehr habe ich den Entschluss zum Dharma gefasst.'
Wort für Wort
nedaṃ lobhān na cājñānān na ca mohād viniścitam buddhipūrvaṃ tu dharmasya vyavasāyaḥ kṛto mayā
‚Dies ist nicht aus Gier, nicht aus Unwissenheit, nicht aus Verblendung entschieden worden; wohlüberlegt vielmehr habe ich den Entschluss zum Dharma gefasst.'
‚Und ein König, der einen Śūdra befreit, der schutzsuchend zu ihm gekommen ist, erlangt hier künftige Geburt in einer wohlhabenden, königlich geehrten Familie.'
‚Und ein König, der einen Śūdra befreit, der schutzsuchend zu ihm gekommen ist, erlangt hier künftige Geburt in einer wohlhabenden, königlich geehrten Familie.'
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Es entspricht dir, Mutter, dass du dies wohlüberlegt getan hast, aus Mitleid mit dem leidenden Brahmanen; gewiss wird dieser Bhīma zurückkehren, nachdem er den Menschenfresser erschlagen hat.'
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Es entspricht dir, Mutter, dass du dies wohlüberlegt getan hast, aus Mitleid mit dem leidenden Brahmanen; gewiss wird dieser Bhīma zurückkehren, nachdem er den Menschenfresser erschlagen hat.'