Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 86: Aṣṭaka-Yayāti-Saṃvādaḥ Aṣṭakas Fragen an Yayāti: Die Lebensstufen und das Schweigegelübde des Weisen

Fortsetzung des philosophischen Dialogs zwischen König Aṣṭaka und Yayāti: Nach der Lehre über Hölle, Wiedergeburt und Hochmut (Adh. 85) fragt Aṣṭaka nun nach den vier Lebensstufen (Brahmacārin, Hausvater/gṛhastha, Waldeinsiedler/vānaprastha, Bettelmönch/bhikṣu) und ihren Pflichten. Yayāti beschreibt jede Stufe knapp und wendet sich dann ausführlich der Lebensweise des schweigenden Waldweisen (muni) zu, dessen radikale Entsagung – ohne Feuer, ohne festen Wohnsitz, ohne Sippenbindung, mit äußerst geringer Nahrung und Kleidung – zur Überwindung dieser wie auch der jenseitigen Welt führt.

aṣṭaka uvāca caran gṛhasthaḥ katham eti devān; kathaṃ bhikṣuḥ katham ācāryakarmā vānaprasthaḥ satpathe saṃniviṣṭo; bahūny asmin saṃprati vedayanti

Aṣṭaka sprach: Wie gelangt, wandelnd, der Hausvater (gṛhastha) zu den Göttern? Wie der Bettelmönch (bhikṣu)? Wie der im Lehrerdienst Stehende (der Brahmacārin)? Wie der Waldeinsiedler (vānaprastha), der auf dem rechten Pfad verharrt? Vieles wird darüber jetzt verkündet.

Wort für Wort
aṣṭaka uvāca caran gṛhasthaḥ katham eti devān; kathaṃ bhikṣuḥ katham ācāryakarmā vānaprasthaḥ satpathe saṃniviṣṭo; bahūny asmin saṃprati vedayanti
Aṣṭaka sprach: Wie gelangt, wandelnd, der Hausvater (gṛhastha) zu den Göttern? Wie der Bettelmönch (bhikṣu)? Wie der im Lehrerdienst Stehende (der Brahmacārin)? Wie der Waldeinsiedler (vānaprastha), der auf dem rechten Pfad verharrt? Vieles wird darüber jetzt verkündet.

yayātir uvāca āhūtādhyāyī gurukarmasvacodyaḥ; pūrvotthāyī caramaṃ copaśāyī mṛdur dānto dhṛtimān apramattaḥ; svādhyāyaśīlaḥ sidhyati brahmacārī

Yayāti sprach: Wer, gerufen, seine Lektion liest, wer im Dienst des Lehrers unaufgefordert tätig ist, wer als Erster aufsteht und als Letzter sich schlafen legt, milde, beherrscht, standhaft, unachtsam nie, dem Selbststudium zugetan – ein solcher Brahmacārin gelangt zur Vollendung.

Wort für Wort
yayātir uvāca āhūtādhyāyī gurukarmasvacodyaḥ; pūrvotthāyī caramaṃ copaśāyī mṛdur dānto dhṛtimān apramattaḥ; svādhyāyaśīlaḥ sidhyati brahmacārī
Yayāti sprach: Wer, gerufen, seine Lektion liest, wer im Dienst des Lehrers unaufgefordert tätig ist, wer als Erster aufsteht und als Letzter sich schlafen legt, milde, beherrscht, standhaft, unachtsam nie, dem Selbststudium zugetan – ein solcher Brahmacārin gelangt zur Vollendung.

dharmāgataṃ prāpya dhanaṃ yajeta; dadyāt sadaivātithīn bhojayec ca anādadānaś ca parair adattaṃ; saiṣā gṛhasthopaniṣat purāṇī

Auf rechtem Wege erlangtes Gut soll er opfern, stets soll er Gästen geben und sie bewirten, und nichts annehmen, was andere ihm nicht gegeben haben – dies ist die uralte Geheimlehre des Hausstandes.

Wort für Wort
dharmāgataṃ prāpya dhanaṃ yajeta; dadyāt sadaivātithīn bhojayec ca anādadānaś ca parair adattaṃ; saiṣā gṛhasthopaniṣat purāṇī
Auf rechtem Wege erlangtes Gut soll er opfern, stets soll er Gästen geben und sie bewirten, und nichts annehmen, was andere ihm nicht gegeben haben – dies ist die uralte Geheimlehre des Hausstandes.

svavīryajīvī vṛjinān nivṛtto; dātā parebhyo na paropatāpī tādṛṅ muniḥ siddhim upaiti mukhyāṃ; vasann araṇye niyatāhāraceṣṭaḥ

Von eigener Kraft lebend, von Sünde abgewandt, ein Geber für andere, niemandem Leid zufügend – ein solcher Weiser (muni) erlangt die höchste Vollendung, im Wald wohnend, mit geregelter Nahrung und geregeltem Tun.

Wort für Wort
svavīryajīvī vṛjinān nivṛtto; dātā parebhyo na paropatāpī tādṛṅ muniḥ siddhim upaiti mukhyāṃ; vasann araṇye niyatāhāraceṣṭaḥ
Von eigener Kraft lebend, von Sünde abgewandt, ein Geber für andere, niemandem Leid zufügend – ein solcher Weiser (muni) erlangt die höchste Vollendung, im Wald wohnend, mit geregelter Nahrung und geregeltem Tun.

aśilpajīvī nagṛhaś ca nityaṃ; jitendriyaḥ sarvato vipramuktaḥ anokasārī laghur alpacāraś; caran deśān ekacaraḥ sa bhikṣuḥ

Nicht vom Handwerk lebend, stets ohne festes Haus, sinnenbeherrscht, von allem losgelöst, ohne Wohnstatt wandernd, genügsam, mit geringem Umherziehen, allein durch die Lande ziehend – das ist der Bettelmönch (bhikṣu).

Wort für Wort
aśilpajīvī nagṛhaś ca nityaṃ; jitendriyaḥ sarvato vipramuktaḥ anokasārī laghur alpacāraś; caran deśān ekacaraḥ sa bhikṣuḥ
Nicht vom Handwerk lebend, stets ohne festes Haus, sinnenbeherrscht, von allem losgelöst, ohne Wohnstatt wandernd, genügsam, mit geringem Umherziehen, allein durch die Lande ziehend – das ist der Bettelmönch (bhikṣu).

rātryā yayā cābhijitāś ca lokā; bhavanti kāmā vijitāḥ sukhāś ca tām eva rātriṃ prayateta vidvān; araṇyasaṃstho bhavituṃ yatātmā

In eben jener Nacht, durch die die Welten gewonnen und die Begierden bezwungen und beglückt werden [?], möge sich der Wissende üben, um, im Wald weilend, selbstbeherrscht zu sein.

Wort für Wort
rātryā yayā cābhijitāś ca lokā; bhavanti kāmā vijitāḥ sukhāś ca tām eva rātriṃ prayateta vidvān; araṇyasaṃstho bhavituṃ yatātmā
In eben jener Nacht, durch die die Welten gewonnen und die Begierden bezwungen und beglückt werden [?], möge sich der Wissende üben, um, im Wald weilend, selbstbeherrscht zu sein.

[Anm.: V.6 ist im Sanskrit knapp und bildhaft ('yayā rātryā ... lokā bhavanti abhijitāḥ') – gemeint ist wohl eine bestimmte, geweihte Nacht der Entsagung oder Todesnacht, an der sich der Asket in besonderer Weise übt; die genaue Referenz bleibt unsicher.]

daśaiva pūrvān daśa cāparāṃs tu; jñātīn sahātmānam athaikaviṃśam araṇyavāsī sukṛte dadhāti; vimucyāraṇye svaśarīradhātūn

Zehn Ahnen vor sich und zehn Nachkommen nach sich, samt sich selbst als einundzwanzigstem Glied, führt der Waldbewohner seine Verwandten dem guten Werk zu, indem er im Wald die Elemente seines Leibes auflöst.

Wort für Wort
daśaiva pūrvān daśa cāparāṃs tu; jñātīn sahātmānam athaikaviṃśam araṇyavāsī sukṛte dadhāti; vimucyāraṇye svaśarīradhātūn
Zehn Ahnen vor sich und zehn Nachkommen nach sich, samt sich selbst als einundzwanzigstem Glied, führt der Waldbewohner seine Verwandten dem guten Werk zu, indem er im Wald die Elemente seines Leibes auflöst.

aṣṭaka uvāca kati svid eva munayo maunāni kati cāpy uta bhavantīti tad ācakṣva śrotum icchāmahe vayam

Aṣṭaka sprach: Wie viele Weise (munayaḥ) und wie viele Arten des Schweigens (maunāni) gibt es? Das verkünde uns – wir begehren es zu hören.

Wort für Wort
aṣṭaka uvāca kati svid eva munayo maunāni kati cāpy uta bhavantīti tad ācakṣva śrotum icchāmahe vayam
Aṣṭaka sprach: Wie viele Weise (munayaḥ) und wie viele Arten des Schweigens (maunāni) gibt es? Das verkünde uns – wir begehren es zu hören.

yayātir uvāca araṇye vasato yasya grāmo bhavati pṛṣṭhataḥ grāme vā vasato 'raṇyaṃ sa muniḥ syāj janādhipa

Yayāti sprach: Wessen Dorf hinter ihm liegt, während er im Wald wohnt, oder wessen Wald hinter ihm liegt, während er im Dorf wohnt – ein solcher ist ein Weiser (muni), o Herr der Menschen.

Wort für Wort
yayātir uvāca araṇye vasato yasya grāmo bhavati pṛṣṭhataḥ grāme vā vasato 'raṇyaṃ sa muniḥ syāj janādhipa
Yayāti sprach: Wessen Dorf hinter ihm liegt, während er im Wald wohnt, oder wessen Wald hinter ihm liegt, während er im Dorf wohnt – ein solcher ist ein Weiser (muni), o Herr der Menschen.

aṣṭaka uvāca kathaṃ svid vasato 'raṇye grāmo bhavati pṛṣṭhataḥ grāme vā vasato 'raṇyaṃ kathaṃ bhavati pṛṣṭhataḥ

Aṣṭaka sprach: Wie liegt, während einer im Wald wohnt, das Dorf hinter ihm? Und wie liegt, während einer im Dorf wohnt, der Wald hinter ihm?

Wort für Wort
aṣṭaka uvāca kathaṃ svid vasato 'raṇye grāmo bhavati pṛṣṭhataḥ grāme vā vasato 'raṇyaṃ kathaṃ bhavati pṛṣṭhataḥ
Aṣṭaka sprach: Wie liegt, während einer im Wald wohnt, das Dorf hinter ihm? Und wie liegt, während einer im Dorf wohnt, der Wald hinter ihm?

yayātir uvāca na grāmyam upayuñjīta ya āraṇyo munir bhavet tathāsya vasato 'raṇye grāmo bhavati pṛṣṭhataḥ

Yayāti sprach: Wer nichts Dörfliches genießt, der ist ein Waldweiser; so liegt, während er im Wald wohnt, das Dorf hinter ihm.

Wort für Wort
yayātir uvāca na grāmyam upayuñjīta ya āraṇyo munir bhavet tathāsya vasato 'raṇye grāmo bhavati pṛṣṭhataḥ
Yayāti sprach: Wer nichts Dörfliches genießt, der ist ein Waldweiser; so liegt, während er im Wald wohnt, das Dorf hinter ihm.

anagnir aniketaś ca agotracaraṇo muniḥ kaupīnācchādanaṃ yāvat tāvad icchec ca cīvaram

Ohne Feuer, ohne feste Stätte, ohne Bindung an seine Sippe wandelt der Weise; nur so viel Kleidung begehre er, wie zur Bedeckung der Scham nötig ist.

Wort für Wort
anagnir aniketaś ca agotracaraṇo muniḥ kaupīnācchādanaṃ yāvat tāvad icchec ca cīvaram
Ohne Feuer, ohne feste Stätte, ohne Bindung an seine Sippe wandelt der Weise; nur so viel Kleidung begehre er, wie zur Bedeckung der Scham nötig ist.

yāvat prāṇābhisaṃdhānaṃ tāvad icchec ca bhojanam tathāsya vasato grāme 'raṇyaṃ bhavati pṛṣṭhataḥ

Nur so viel Nahrung begehre er, wie zur Erhaltung des Lebensatems nötig ist – so liegt, während er im Dorf wohnt, der Wald hinter ihm.

Wort für Wort
yāvat prāṇābhisaṃdhānaṃ tāvad icchec ca bhojanam tathāsya vasato grāme 'raṇyaṃ bhavati pṛṣṭhataḥ
Nur so viel Nahrung begehre er, wie zur Erhaltung des Lebensatems nötig ist – so liegt, während er im Dorf wohnt, der Wald hinter ihm.

yas tu kāmān parityajya tyaktakarmā jitendriyaḥ ātiṣṭheta munir maunaṃ sa loke siddhim āpnuyāt

Wer aber, die Begierden aufgebend, das Wirken aufgebend, sinnenbeherrscht, das Schweigegelübde einhält, ein solcher Weiser erlangt in der Welt die Vollendung.

Wort für Wort
yas tu kāmān parityajya tyaktakarmā jitendriyaḥ ātiṣṭheta munir maunaṃ sa loke siddhim āpnuyāt
Wer aber, die Begierden aufgebend, das Wirken aufgebend, sinnenbeherrscht, das Schweigegelübde einhält, ein solcher Weiser erlangt in der Welt die Vollendung.

dhautadantaṃ kṛttanakhaṃ sadā snātam alaṃkṛtam asitaṃ sitakarmasthaṃ kas taṃ nārcitum arhati

Wer gereinigte Zähne, geschnittene Nägel hat, stets gebadet und geschmückt ist, dunkel gekleidet [?] und doch reinem Werk zugetan – wer wagte es, einen solchen nicht zu verehren?

Wort für Wort
dhautadantaṃ kṛttanakhaṃ sadā snātam alaṃkṛtam asitaṃ sitakarmasthaṃ kas taṃ nārcitum arhati
Wer gereinigte Zähne, geschnittene Nägel hat, stets gebadet und geschmückt ist, dunkel gekleidet [?] und doch reinem Werk zugetan – wer wagte es, einen solchen nicht zu verehren?

[Anm.: V.15 ('asitaṃ sitakarmasthaṃ') ist im Sanskrit paradox formuliert – wörtlich 'dunkel/schwarz, im weißen/reinen Werk stehend'. Gemeint ist wohl der asketische Weise, dessen äußere Erscheinung schlicht oder dunkel ist, dessen Tun aber lauter bleibt; die genaue Bildlichkeit ist unsicher.]

tapasā karśitaḥ kṣāmaḥ kṣīṇamāṃsāsthiśoṇitaḥ yadā bhavati nirdvandvo munir maunaṃ samāsthitaḥ atha lokam imaṃ jitvā lokaṃ vijayate param

Von der Askese abgemagert, hager, mit geschwundenem Fleisch, Knochen und Blut – wenn der Weise, im Schweigen verharrend, frei von den Gegensätzen wird, dann erobert er, nachdem er diese Welt bezwungen hat, auch die jenseitige.

Wort für Wort
tapasā karśitaḥ kṣāmaḥ kṣīṇamāṃsāsthiśoṇitaḥ yadā bhavati nirdvandvo munir maunaṃ samāsthitaḥ atha lokam imaṃ jitvā lokaṃ vijayate param
Von der Askese abgemagert, hager, mit geschwundenem Fleisch, Knochen und Blut – wenn der Weise, im Schweigen verharrend, frei von den Gegensätzen wird, dann erobert er, nachdem er diese Welt bezwungen hat, auch die jenseitige.

āsyena tu yadāhāraṃ govan mṛgayate muniḥ athāsya lokaḥ pūrvo yaḥ so 'mṛtatvāya kalpate

Wenn aber der Weise mit dem Munde allein, wie ein Rind, seine Nahrung sucht, dann eignet sich für ihn jene frühere Welt zur Unsterblichkeit.

Wort für Wort
āsyena tu yadāhāraṃ govan mṛgayate muniḥ athāsya lokaḥ pūrvo yaḥ so 'mṛtatvāya kalpate
Wenn aber der Weise mit dem Munde allein, wie ein Rind, seine Nahrung sucht, dann eignet sich für ihn jene frühere Welt zur Unsterblichkeit.

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