Kapitel 86: Aṣṭaka-Yayāti-Saṃvādaḥ
Aṣṭakas Fragen an Yayāti: Die Lebensstufen und das Schweigegelübde des Weisen
Fortsetzung des philosophischen Dialogs zwischen König Aṣṭaka und Yayāti: Nach der Lehre über Hölle, Wiedergeburt und Hochmut (Adh. 85) fragt Aṣṭaka nun nach den vier Lebensstufen (Brahmacārin, Hausvater/gṛhastha, Waldeinsiedler/vānaprastha, Bettelmönch/bhikṣu) und ihren Pflichten. Yayāti beschreibt jede Stufe knapp und wendet sich dann ausführlich der Lebensweise des schweigenden Waldweisen (muni) zu, dessen radikale Entsagung – ohne Feuer, ohne festen Wohnsitz, ohne Sippenbindung, mit äußerst geringer Nahrung und Kleidung – zur Überwindung dieser wie auch der jenseitigen Welt führt.
aṣṭaka uvāca caran gṛhasthaḥ katham eti devān; kathaṃ bhikṣuḥ katham ācāryakarmā vānaprasthaḥ satpathe saṃniviṣṭo; bahūny asmin saṃprati vedayanti
Aṣṭaka sprach: Wie gelangt, wandelnd, der Hausvater (gṛhastha) zu den Göttern? Wie der Bettelmönch (bhikṣu)? Wie der im Lehrerdienst Stehende (der Brahmacārin)? Wie der Waldeinsiedler (vānaprastha), der auf dem rechten Pfad verharrt? Vieles wird darüber jetzt verkündet.
Wort für Wort
aṣṭaka uvāca caran gṛhasthaḥ katham eti devān; kathaṃ bhikṣuḥ katham ācāryakarmā vānaprasthaḥ satpathe saṃniviṣṭo; bahūny asmin saṃprati vedayanti
Aṣṭaka sprach: Wie gelangt, wandelnd, der Hausvater (gṛhastha) zu den Göttern? Wie der Bettelmönch (bhikṣu)? Wie der im Lehrerdienst Stehende (der Brahmacārin)? Wie der Waldeinsiedler (vānaprastha), der auf dem rechten Pfad verharrt? Vieles wird darüber jetzt verkündet.
Yayāti sprach: Wer, gerufen, seine Lektion liest, wer im Dienst des Lehrers unaufgefordert tätig ist, wer als Erster aufsteht und als Letzter sich schlafen legt, milde, beherrscht, standhaft, unachtsam nie, dem Selbststudium zugetan – ein solcher Brahmacārin gelangt zur Vollendung.
Yayāti sprach: Wer, gerufen, seine Lektion liest, wer im Dienst des Lehrers unaufgefordert tätig ist, wer als Erster aufsteht und als Letzter sich schlafen legt, milde, beherrscht, standhaft, unachtsam nie, dem Selbststudium zugetan – ein solcher Brahmacārin gelangt zur Vollendung.
dharmāgataṃ prāpya dhanaṃ yajeta; dadyāt sadaivātithīn bhojayec ca anādadānaś ca parair adattaṃ; saiṣā gṛhasthopaniṣat purāṇī
Auf rechtem Wege erlangtes Gut soll er opfern, stets soll er Gästen geben und sie bewirten, und nichts annehmen, was andere ihm nicht gegeben haben – dies ist die uralte Geheimlehre des Hausstandes.
Wort für Wort
dharmāgataṃ prāpya dhanaṃ yajeta; dadyāt sadaivātithīn bhojayec ca anādadānaś ca parair adattaṃ; saiṣā gṛhasthopaniṣat purāṇī
Auf rechtem Wege erlangtes Gut soll er opfern, stets soll er Gästen geben und sie bewirten, und nichts annehmen, was andere ihm nicht gegeben haben – dies ist die uralte Geheimlehre des Hausstandes.
Von eigener Kraft lebend, von Sünde abgewandt, ein Geber für andere, niemandem Leid zufügend – ein solcher Weiser (muni) erlangt die höchste Vollendung, im Wald wohnend, mit geregelter Nahrung und geregeltem Tun.
Von eigener Kraft lebend, von Sünde abgewandt, ein Geber für andere, niemandem Leid zufügend – ein solcher Weiser (muni) erlangt die höchste Vollendung, im Wald wohnend, mit geregelter Nahrung und geregeltem Tun.
aśilpajīvī nagṛhaś ca nityaṃ; jitendriyaḥ sarvato vipramuktaḥ anokasārī laghur alpacāraś; caran deśān ekacaraḥ sa bhikṣuḥ
Nicht vom Handwerk lebend, stets ohne festes Haus, sinnenbeherrscht, von allem losgelöst, ohne Wohnstatt wandernd, genügsam, mit geringem Umherziehen, allein durch die Lande ziehend – das ist der Bettelmönch (bhikṣu).
Wort für Wort
aśilpajīvī nagṛhaś ca nityaṃ; jitendriyaḥ sarvato vipramuktaḥ anokasārī laghur alpacāraś; caran deśān ekacaraḥ sa bhikṣuḥ
Nicht vom Handwerk lebend, stets ohne festes Haus, sinnenbeherrscht, von allem losgelöst, ohne Wohnstatt wandernd, genügsam, mit geringem Umherziehen, allein durch die Lande ziehend – das ist der Bettelmönch (bhikṣu).
rātryā yayā cābhijitāś ca lokā; bhavanti kāmā vijitāḥ sukhāś ca tām eva rātriṃ prayateta vidvān; araṇyasaṃstho bhavituṃ yatātmā
In eben jener Nacht, durch die die Welten gewonnen und die Begierden bezwungen und beglückt werden [?], möge sich der Wissende üben, um, im Wald weilend, selbstbeherrscht zu sein.
Wort für Wort
rātryā yayā cābhijitāś ca lokā; bhavanti kāmā vijitāḥ sukhāś ca tām eva rātriṃ prayateta vidvān; araṇyasaṃstho bhavituṃ yatātmā
In eben jener Nacht, durch die die Welten gewonnen und die Begierden bezwungen und beglückt werden [?], möge sich der Wissende üben, um, im Wald weilend, selbstbeherrscht zu sein.
[Anm.: V.6 ist im Sanskrit knapp und bildhaft ('yayā rātryā ... lokā bhavanti abhijitāḥ') – gemeint ist wohl eine bestimmte, geweihte Nacht der Entsagung oder Todesnacht, an der sich der Asket in besonderer Weise übt; die genaue Referenz bleibt unsicher.]
Zehn Ahnen vor sich und zehn Nachkommen nach sich, samt sich selbst als einundzwanzigstem Glied, führt der Waldbewohner seine Verwandten dem guten Werk zu, indem er im Wald die Elemente seines Leibes auflöst.
Zehn Ahnen vor sich und zehn Nachkommen nach sich, samt sich selbst als einundzwanzigstem Glied, führt der Waldbewohner seine Verwandten dem guten Werk zu, indem er im Wald die Elemente seines Leibes auflöst.
Yayāti sprach: Wessen Dorf hinter ihm liegt, während er im Wald wohnt, oder wessen Wald hinter ihm liegt, während er im Dorf wohnt – ein solcher ist ein Weiser (muni), o Herr der Menschen.
Yayāti sprach: Wessen Dorf hinter ihm liegt, während er im Wald wohnt, oder wessen Wald hinter ihm liegt, während er im Dorf wohnt – ein solcher ist ein Weiser (muni), o Herr der Menschen.
yas tu kāmān parityajya tyaktakarmā jitendriyaḥ ātiṣṭheta munir maunaṃ sa loke siddhim āpnuyāt
Wer aber, die Begierden aufgebend, das Wirken aufgebend, sinnenbeherrscht, das Schweigegelübde einhält, ein solcher Weiser erlangt in der Welt die Vollendung.
Wort für Wort
yas tu kāmān parityajya tyaktakarmā jitendriyaḥ ātiṣṭheta munir maunaṃ sa loke siddhim āpnuyāt
Wer aber, die Begierden aufgebend, das Wirken aufgebend, sinnenbeherrscht, das Schweigegelübde einhält, ein solcher Weiser erlangt in der Welt die Vollendung.
Wer gereinigte Zähne, geschnittene Nägel hat, stets gebadet und geschmückt ist, dunkel gekleidet [?] und doch reinem Werk zugetan – wer wagte es, einen solchen nicht zu verehren?
Wer gereinigte Zähne, geschnittene Nägel hat, stets gebadet und geschmückt ist, dunkel gekleidet [?] und doch reinem Werk zugetan – wer wagte es, einen solchen nicht zu verehren?
[Anm.: V.15 ('asitaṃ sitakarmasthaṃ') ist im Sanskrit paradox formuliert – wörtlich 'dunkel/schwarz, im weißen/reinen Werk stehend'. Gemeint ist wohl der asketische Weise, dessen äußere Erscheinung schlicht oder dunkel ist, dessen Tun aber lauter bleibt; die genaue Bildlichkeit ist unsicher.]
Von der Askese abgemagert, hager, mit geschwundenem Fleisch, Knochen und Blut – wenn der Weise, im Schweigen verharrend, frei von den Gegensätzen wird, dann erobert er, nachdem er diese Welt bezwungen hat, auch die jenseitige.
Von der Askese abgemagert, hager, mit geschwundenem Fleisch, Knochen und Blut – wenn der Weise, im Schweigen verharrend, frei von den Gegensätzen wird, dann erobert er, nachdem er diese Welt bezwungen hat, auch die jenseitige.