Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 21: Āstīka-parva (Fortsetzung): Kadrūs Lobpreis an Indra Āstīka-parva (Fortsetzung): der Umzug zur Nāga-Insel, die Ohnmacht der Schlangen unter der Sonne und Kadrūs Lobpreis an Indra — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,021.001“ bis „01,021.017“). Garuḍa kehrt zu seiner versklavten Mutter Vinatā zurück; Kadrū befiehlt, zur Wohnstätte der Nāgas jenseits des Ozeans getragen zu werden – Vinatā trägt Kadrū, Garuḍa die Schlangen. Beim Flug nahe der Sonne fallen die Schlangen, von deren Hitze versengt, in Ohnmacht; Kadrū besänftigt daraufhin Indra mit einem langen, formelhaften Lobpreis (Vers 7-17), in dem sie ihn mit zahlreichen kosmischen Epitheta identifiziert und um rettenden Regen für ihre Söhne bittet. Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.

sūta uvāca | tataḥ kāmagamaḥ pakṣī mahāvīryo mahābalaḥ | mātur antikam āgacchat paraṃ tīraṃ mahodadheḥ

Sūta sprach: Da kam der nach Belieben fliegende Vogel, von großer Kraft und großer Stärke, in die Nähe seiner Mutter, ans jenseitige Ufer des großen Ozeans.

Wort für Wort
sūta uvāca | tataḥ kāmagamaḥ pakṣī mahāvīryo mahābalaḥ | mātur antikam āgacchat paraṃ tīraṃ mahodadheḥ
Sūta sprach: Da kam der nach Belieben fliegende Vogel, von großer Kraft und großer Stärke, in die Nähe seiner Mutter, ans jenseitige Ufer des großen Ozeans.

yatra sā vinatā tasmin paṇitena parājitā | atīva duḥkhasaṃtaptā dāsībhāvam upāgatā

dort, wo jene Vinatā, durch die Wette besiegt, überaus von Kummer versengt, in den Stand der Dienerin geraten war.

Wort für Wort
yatra sā vinatā tasmin paṇitena parājitā | atīva duḥkhasaṃtaptā dāsībhāvam upāgatā
dort, wo jene Vinatā, durch die Wette besiegt, überaus von Kummer versengt, in den Stand der Dienerin geraten war.

tataḥ kadā cid vinatāṃ pravaṇāṃ putrasaṃnidhau | kāla āhūya vacanaṃ kadrūr idam abhāṣata

Da rief Kadrū einst, als die Zeit gekommen war, die in der Nähe ihres Sohnes weilende, ergebene Vinatā herbei und sprach zu ihr dieses Wort:

Wort für Wort
tataḥ kadā cid vinatāṃ pravaṇāṃ putrasaṃnidhau | kāla āhūya vacanaṃ kadrūr idam abhāṣata
Da rief Kadrū einst, als die Zeit gekommen war, die in der Nähe ihres Sohnes weilende, ergebene Vinatā herbei und sprach zu ihr dieses Wort:

nāgānām ālayaṃ bhadre suramyaṃ ramaṇīyakam | samudrakukṣāv ekānte tatra māṃ vinate vaha

„Die liebliche, entzückende Wohnstätte der Nāgas, in einem abgelegenen Winkel des Ozeanschoßes, dorthin trage mich, o Vinatā, du Gütige.“

Wort für Wort
nāgānām ālayaṃ bhadre suramyaṃ ramaṇīyakam | samudrakukṣāv ekānte tatra māṃ vinate vaha
„Die liebliche, entzückende Wohnstätte der Nāgas, in einem abgelegenen Winkel des Ozeanschoßes, dorthin trage mich, o Vinatā, du Gütige.“

tataḥ suparṇamātā tām avahat sarpamātaram | pannagān garuḍaś cāpi mātur vacanacoditaḥ

Da trug die Mutter Suparṇas [Vinatā] sie, die Mutter der Schlangen [Kadrū]; und auch Garuḍa trug die Schlangen, durch das Wort der Mutter angetrieben.

Wort für Wort
tataḥ suparṇamātā tām avahat sarpamātaram | pannagān garuḍaś cāpi mātur vacanacoditaḥ
Da trug die Mutter Suparṇas [Vinatā] sie, die Mutter der Schlangen [Kadrū]; und auch Garuḍa trug die Schlangen, durch das Wort der Mutter angetrieben.

sa sūryasyābhito yāti vainateyo vihaṃgamaḥ | sūryaraśmiparītāś ca mūrcchitāḥ pannagābhavan | tadavasthān sutān dṛṣṭvā kadrūḥ śakram athāstuvat

Er, der Sohn Vinatās, der Vogel, fliegt nahe an der Sonne vorbei; und, von den Sonnenstrahlen erfasst, wurden die Schlangen ohnmächtig. Als Kadrū ihre Söhne in diesem Zustand sah, pries sie da Śakra [Indra]:

Wort für Wort
sa sūryasyābhito yāti vainateyo vihaṃgamaḥ | sūryaraśmiparītāś ca mūrcchitāḥ pannagābhavan | tadavasthān sutān dṛṣṭvā kadrūḥ śakram athāstuvat
Er, der Sohn Vinatās, der Vogel, fliegt nahe an der Sonne vorbei; und, von den Sonnenstrahlen erfasst, wurden die Schlangen ohnmächtig. Als Kadrū ihre Söhne in diesem Zustand sah, pries sie da Śakra [Indra]:

namas te devadeveśa namas te balasūdana | namucighna namas te 'stu sahasrākṣa śacīpate

„Verehrung dir, o Herr der Götterherren, Verehrung dir, o Bala-Vernichter, o Namuci-Töter, Verehrung sei dir, o Tausendäugiger, Gemahl der Śacī.“

Wort für Wort
namas te devadeveśa namas te balasūdana | namucighna namas te 'stu sahasrākṣa śacīpate
„Verehrung dir, o Herr der Götterherren, Verehrung dir, o Bala-Vernichter, o Namuci-Töter, Verehrung sei dir, o Tausendäugiger, Gemahl der Śacī.“

[Anm.: Bala und Namuci sind von Indra erschlagene Dānavas/Asuras.]

sarpāṇāṃ sūryataptānāṃ vāriṇā tvaṃ plavo bhava | tvam eva paramaṃ trāṇam asmākam amarottama

„Für die von der Sonne versengten Schlangen sei du ein Floß aus Wasser; du allein bist unser höchster Schutz, o Bester der Unsterblichen.“

Wort für Wort
sarpāṇāṃ sūryataptānāṃ vāriṇā tvaṃ plavo bhava | tvam eva paramaṃ trāṇam asmākam amarottama
„Für die von der Sonne versengten Schlangen sei du ein Floß aus Wasser; du allein bist unser höchster Schutz, o Bester der Unsterblichen.“

īśo hy asi payaḥ sraṣṭuṃ tvam analpaṃ puraṃdara | tvam eva meghas tvaṃ vāyus tvam agnir vaidyuto 'mbare

„Denn du bist der Herr, um Wasser zu schaffen, in nicht geringer Menge, o Purandara; du allein bist die Wolke, du der Wind, du das Feuer, das Blitzfeuer am Himmel.“

Wort für Wort
īśo hy asi payaḥ sraṣṭuṃ tvam analpaṃ puraṃdara | tvam eva meghas tvaṃ vāyus tvam agnir vaidyuto 'mbare
„Denn du bist der Herr, um Wasser zu schaffen, in nicht geringer Menge, o Purandara; du allein bist die Wolke, du der Wind, du das Feuer, das Blitzfeuer am Himmel.“

tvam abhraghanavikṣeptā tvām evāhuḥ punar ghanam | tvaṃ vajram atulaṃ ghoraṃ ghoṣavāṃs tvaṃ balāhakaḥ

„Du bist der Zerstreuer der Wolkenmassen, dich nennt man wiederum auch die Wolke selbst; du bist der unvergleichliche, schreckliche Donnerkeil, du der tosende Gewitterwolkenträger.“

Wort für Wort
tvam abhraghanavikṣeptā tvām evāhuḥ punar ghanam | tvaṃ vajram atulaṃ ghoraṃ ghoṣavāṃs tvaṃ balāhakaḥ
„Du bist der Zerstreuer der Wolkenmassen, dich nennt man wiederum auch die Wolke selbst; du bist der unvergleichliche, schreckliche Donnerkeil, du der tosende Gewitterwolkenträger.“

sraṣṭā tvam eva lokānāṃ saṃhartā cāparājitaḥ | tvaṃ jyotiḥ sarvabhūtānāṃ tvam ādityo vibhāvasuḥ

„Du allein bist der Schöpfer der Welten, und ihr unbesiegter Zerstörer; du bist das Licht aller Wesen, du der Āditya, der Glanzreiche.“

Wort für Wort
sraṣṭā tvam eva lokānāṃ saṃhartā cāparājitaḥ | tvaṃ jyotiḥ sarvabhūtānāṃ tvam ādityo vibhāvasuḥ
„Du allein bist der Schöpfer der Welten, und ihr unbesiegter Zerstörer; du bist das Licht aller Wesen, du der Āditya, der Glanzreiche.“

tvaṃ mahad bhūtam āścaryaṃ tvaṃ rājā tvaṃ surottamaḥ | tvaṃ viṣṇus tvaṃ sahasrākṣas tvaṃ devas tvaṃ parāyaṇam

„Du bist das große, wunderbare Wesen, du der König, du der Beste der Götter; du bist Viṣṇu, du der Tausendäugige, du der Gott, du das höchste Ziel.“

Wort für Wort
tvaṃ mahad bhūtam āścaryaṃ tvaṃ rājā tvaṃ surottamaḥ | tvaṃ viṣṇus tvaṃ sahasrākṣas tvaṃ devas tvaṃ parāyaṇam
„Du bist das große, wunderbare Wesen, du der König, du der Beste der Götter; du bist Viṣṇu, du der Tausendäugige, du der Gott, du das höchste Ziel.“

tvaṃ sarvam amṛtaṃ deva tvaṃ somaḥ paramārcitaḥ | tvaṃ muhūrtas tithiś ca tvaṃ lavas tvaṃ vai punaḥ kṣaṇaḥ

„Du bist alles, das Amṛta selbst, o Gott, du der hochverehrte Soma; du bist der Augenblick, der Mondtag, du das kleinste Zeitmaß, du wiederum auch der Moment.“

Wort für Wort
tvaṃ sarvam amṛtaṃ deva tvaṃ somaḥ paramārcitaḥ | tvaṃ muhūrtas tithiś ca tvaṃ lavas tvaṃ vai punaḥ kṣaṇaḥ
„Du bist alles, das Amṛta selbst, o Gott, du der hochverehrte Soma; du bist der Augenblick, der Mondtag, du das kleinste Zeitmaß, du wiederum auch der Moment.“

śuklas tvaṃ bahulaś caiva kalā kāṣṭhā truṭis tathā | saṃvatsarartavo māsā rajanyaś ca dināni ca

„Du bist die helle wie auch die dunkle Mondhälfte, die Kalā, die Kāṣṭhā, ebenso die Truṭi, das Jahr, die Jahreszeiten, die Monate, die Nächte und die Tage.“

Wort für Wort
śuklas tvaṃ bahulaś caiva kalā kāṣṭhā truṭis tathā | saṃvatsarartavo māsā rajanyaś ca dināni ca
„Du bist die helle wie auch die dunkle Mondhälfte, die Kalā, die Kāṣṭhā, ebenso die Truṭi, das Jahr, die Jahreszeiten, die Monate, die Nächte und die Tage.“

[Anm.: Kalā, Kāṣṭhā und Truṭi sind traditionelle, immer kleinere Zeitmaße der altindischen Zeitrechnung.]

tvam uttamā sagirivanā vasuṃdharā sabhāskaraṃ vitimiram ambaraṃ tathā | mahodadhiḥ satimitimiṃgilas tathā mahormimān bahumakaro jhaṣālayaḥ

„Du bist die höchste Erde samt ihren Bergen und Wäldern, ebenso der Himmel samt der Sonne, frei von Dunkel, und der große Ozean, mit Fischen und Walfischen, von großen Wellen, reich an Krokodilen, die Wohnstätte der Fische.“

Wort für Wort
tvam uttamā sagirivanā vasuṃdharā sabhāskaraṃ vitimiram ambaraṃ tathā | mahodadhiḥ satimitimiṃgilas tathā mahormimān bahumakaro jhaṣālayaḥ
„Du bist die höchste Erde samt ihren Bergen und Wäldern, ebenso der Himmel samt der Sonne, frei von Dunkel, und der große Ozean, mit Fischen und Walfischen, von großen Wellen, reich an Krokodilen, die Wohnstätte der Fische.“

mahad yaśas tvam iti sadābhipūjyase manīṣibhir muditamanā maharṣibhiḥ | abhiṣṭutaḥ pibasi ca somam adhvare vaṣaṭkṛtāny api ca havīṃṣi bhūtaye

„Großer Ruhm bist du – als solcher wirst du stets hochverehrt von den Weisen, frohen Sinnes, von den großen Sehern; gepriesen trinkst du den Soma beim Opfer, und ebenso die mit ‚Vaṣaṭ‘ dargebrachten Opferspenden, zum Wohl der Wesen.“

Wort für Wort
mahad yaśas tvam iti sadābhipūjyase manīṣibhir muditamanā maharṣibhiḥ | abhiṣṭutaḥ pibasi ca somam adhvare vaṣaṭkṛtāny api ca havīṃṣi bhūtaye
„Großer Ruhm bist du – als solcher wirst du stets hochverehrt von den Weisen, frohen Sinnes, von den großen Sehern; gepriesen trinkst du den Soma beim Opfer, und ebenso die mit ‚Vaṣaṭ‘ dargebrachten Opferspenden, zum Wohl der Wesen.“

tvaṃ vipraiḥ satatam ihejyase phalārthaṃ vedāṅgeṣv atulabalaugha gīyase ca | tvaddhetor yajanaparāyaṇā dvijendrā vedāṅgāny abhigamayanti sarvavedaiḥ

„Dir opfern beständig hier die Brahmanen um des Lohnes willen; in den Vedāṅgas wirst du besungen, o du von unvergleichlicher Kraftfülle; deinetwegen gelangen die dem Opfer hingegebenen Besten der Zweifachgeborenen mit allen Veden zu den Vedāṅgas [?].“

Wort für Wort
tvaṃ vipraiḥ satatam ihejyase phalārthaṃ vedāṅgeṣv atulabalaugha gīyase ca | tvaddhetor yajanaparāyaṇā dvijendrā vedāṅgāny abhigamayanti sarvavedaiḥ
„Dir opfern beständig hier die Brahmanen um des Lohnes willen; in den Vedāṅgas wirst du besungen, o du von unvergleichlicher Kraftfülle; deinetwegen gelangen die dem Opfer hingegebenen Besten der Zweifachgeborenen mit allen Veden zu den Vedāṅgas [?].“

[Anm.: Die letzte Vershälfte ist im Sanskrit syntaktisch verdichtet und lässt sich nur ungefähr wiedergeben; der genaue Sinn von „vedāṅgāny abhigamayanti sarvavedaiḥ“ (etwa: die Zweifachgeborenen führen [andere/sich selbst] mittels aller Veden zu den Vedāṅgas hin) bleibt unsicher und wird daher mit [?] gekennzeichnet.]

Dieses Kapitel in der Leseansicht