Kapitel 69: Śakuntalopākhyānam (5)
Die Erzählung von Śakuntalā (5): Die Ākāśavāṇī und Bharatas Krönung
Śakuntalā weist Duḥṣanta in einer großen Lehrrede über Wahrheit, Sohnespflicht und die Folgen der Sohnesverleugnung zurecht und kündigt an, ihr Sohn werde auch ohne ihn die Erde beherrschen. Eine körperlose Himmelsstimme (Ākāśavāṇī) bestätigt öffentlich, dass der Knabe Duḥṣantas Sohn ist, und gibt ihm den Namen »Bharata« (»der zu Ernährende«) - Ursprung des Namens der Bhārata-Dynastie. Duḥṣanta erklärt sein vorheriges Leugnen als taktische Vorsichtsmaßnahme zur öffentlichen Reinwaschung, nimmt Sohn und Gattin ehrenvoll an, krönt Bharata zum Kronprinzen. Bharata wird zum Cakravartin, vollzieht das Govitata-Pferdeopfer unter Kaṇvas Leitung, und wird zum Namensgeber der Bhārata-Dynastie.
śakuntalovāca rājan sarṣapamātrāṇi paracchidrāṇi paśyasi ātmano bilvamātrāṇi paśyann api na paśyasi
Śakuntalā sprach: »O König, die Fehler anderer siehst du, so klein wie Senfkörner, doch deine eigenen, obwohl so groß wie Bilva-Früchte, siehst du nicht, obwohl du sie siehst.
Wort für Wort
śakuntalovāca rājan sarṣapamātrāṇi paracchidrāṇi paśyasi ātmano bilvamātrāṇi paśyann api na paśyasi
Śakuntalā sprach: »O König, die Fehler anderer siehst du, so klein wie Senfkörner, doch deine eigenen, obwohl so groß wie Bilva-Früchte, siehst du nicht, obwohl du sie siehst.
Auf der Erde wandelst du, o König, ich aber wandle im Luftraum - sieh den Unterschied zwischen uns beiden, wie zwischen dem Berg Meru und einem Senfkorn.
Auf der Erde wandelst du, o König, ich aber wandle im Luftraum - sieh den Unterschied zwischen uns beiden, wie zwischen dem Berg Meru und einem Senfkorn.
Glücklich leben die Toren, die ihre eigenen Fehler nicht kennen und nur Fehler bei anderen sehen; wo die Guten von anderen getadelt werden, da nennen die Guten jene ebenso fehlerhaft.
Glücklich leben die Toren, die ihre eigenen Fehler nicht kennen und nur Fehler bei anderen sehen; wo die Guten von anderen getadelt werden, da nennen die Guten jene ebenso fehlerhaft.
Vor einem Menschen, der von Wahrheit und Dharma abgefallen ist, erschrickt man wie vor einer zornigen, giftigen Schlange - selbst ein Ungläubiger erschrickt, wie viel mehr ein Gläubiger!
Vor einem Menschen, der von Wahrheit und Dharma abgefallen ist, erschrickt man wie vor einer zornigen, giftigen Schlange - selbst ein Ungläubiger erschrickt, wie viel mehr ein Gläubiger!
svayam utpādya vai putraṃ sadṛśaṃ yo 'vamanyate tasya devāḥ śriyaṃ ghnanti na ca lokān upāśnute
Wer seinen eigenen, ihm ähnlichen Sohn, den er selbst gezeugt hat, verachtet, dessen Wohlstand vernichten die Götter, und er erlangt keine himmlischen Welten.
Wort für Wort
svayam utpādya vai putraṃ sadṛśaṃ yo 'vamanyate tasya devāḥ śriyaṃ ghnanti na ca lokān upāśnute
Wer seinen eigenen, ihm ähnlichen Sohn, den er selbst gezeugt hat, verachtet, dessen Wohlstand vernichten die Götter, und er erlangt keine himmlischen Welten.
Fünf Arten von Söhnen nannte Manu: den aus der eigenen Gattin geborenen, den erworbenen, den gekauften, den aufgezogenen, den adoptierten, sowie den mit einer anderen Frau gezeugten.
Fünf Arten von Söhnen nannte Manu: den aus der eigenen Gattin geborenen, den erworbenen, den gekauften, den aufgezogenen, den adoptierten, sowie den mit einer anderen Frau gezeugten.
[Anm.: Der Vers zählt eigentlich sechs Kategorien auf (der Sanskrit-Text selbst spricht von »pañca«, »fünf«) - eine bekannte Unstimmigkeit zwischen Zahlwort und Aufzählung in der Dharma-Literatur.
sa tvaṃ nṛpatiśārdūla na putraṃ tyaktum arhasi ātmānaṃ satyadharmau ca pālayāno mahīpate narendrasiṃha kapaṭaṃ na voḍhuṃ tvam ihārhasi
So sollst auch du, o Tiger unter den Königen, den Sohn nicht verstoßen; bewahre dich selbst und Wahrheit und Dharma, o Herrscher der Erde - o Löwe unter den Königen, Falschheit ziemt sich hier für dich nicht.
Wort für Wort
sa tvaṃ nṛpatiśārdūla na putraṃ tyaktum arhasi ātmānaṃ satyadharmau ca pālayāno mahīpate narendrasiṃha kapaṭaṃ na voḍhuṃ tvam ihārhasi
So sollst auch du, o Tiger unter den Königen, den Sohn nicht verstoßen; bewahre dich selbst und Wahrheit und Dharma, o Herrscher der Erde - o Löwe unter den Königen, Falschheit ziemt sich hier für dich nicht.
Besser als hundert Brunnen ist ein Teich, besser als hundert Teiche ein Opfer, besser als hundert Opfer ein Sohn, besser als hundert Söhne die Wahrheit.
Besser als hundert Brunnen ist ein Teich, besser als hundert Teiche ein Opfer, besser als hundert Opfer ein Sohn, besser als hundert Söhne die Wahrheit.
sarvavedādhigamanaṃ sarvatīrthāvagāhanam satyaṃ ca vadato rājan samaṃ vā syān na vā samam
Das Studium aller Veden und das Baden an allen Pilgerstätten - sie mögen dem, der die Wahrheit spricht, gleichkommen, o König, oder auch nicht gleichkommen.
Wort für Wort
sarvavedādhigamanaṃ sarvatīrthāvagāhanam satyaṃ ca vadato rājan samaṃ vā syān na vā samam
Das Studium aller Veden und das Baden an allen Pilgerstätten - sie mögen dem, der die Wahrheit spricht, gleichkommen, o König, oder auch nicht gleichkommen.
rājan satyaṃ paraṃ brahma satyaṃ ca samayaḥ paraḥ mā tyākṣīḥ samayaṃ rājan satyaṃ saṃgatam astu te
O König, die Wahrheit ist das höchste Brahman, die Wahrheit ist die höchste Verpflichtung; verlass nicht die Vereinbarung, o König - die Wahrheit sei mit dir verbunden!
Wort für Wort
rājan satyaṃ paraṃ brahma satyaṃ ca samayaḥ paraḥ mā tyākṣīḥ samayaṃ rājan satyaṃ saṃgatam astu te
O König, die Wahrheit ist das höchste Brahman, die Wahrheit ist die höchste Verpflichtung; verlass nicht die Vereinbarung, o König - die Wahrheit sei mit dir verbunden!
Vaiśaṃpāyana sprach: »Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, machte sich Śakuntalā auf den Weg. Da sprach im Luftraum eine körperlose Stimme zu Duḥṣanta, umgeben von den Opferpriestern, Hauspriestern, Lehrern und Ministern:
Vaiśaṃpāyana sprach: »Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, machte sich Śakuntalā auf den Weg. Da sprach im Luftraum eine körperlose Stimme zu Duḥṣanta, umgeben von den Opferpriestern, Hauspriestern, Lehrern und Ministern:
bhastrā mātā pituḥ putro yena jātaḥ sa eva saḥ bharasva putraṃ duḥṣanta māvamaṃsthāḥ śakuntalām
›Der Blasebalg ist die Mutter, der Sohn ist des Vaters Same - wer aus ihm geboren wird, der ist er selbst; ernähre deinen Sohn, Duḥṣanta, verachte Śakuntalā nicht!
Wort für Wort
bhastrā mātā pituḥ putro yena jātaḥ sa eva saḥ bharasva putraṃ duḥṣanta māvamaṃsthāḥ śakuntalām
›Der Blasebalg ist die Mutter, der Sohn ist des Vaters Same - wer aus ihm geboren wird, der ist er selbst; ernähre deinen Sohn, Duḥṣanta, verachte Śakuntalā nicht!
[Anm.: Bild vom Schmiedeblasebalg: die Mutter wird hier mit dem Blasebalg verglichen, der den väterlichen Samen (das Feuer/Metall) nur formt, während der Same selbst die eigentliche Substanz des Vaters ist - eine altindische physiologische Vorstellung von Zeugung.
Der Samenspender führt den Sohn aus dem Reich des Yama empor, o Herrscher der Menschen; du bist der Erschaffer dieses Fötus, die Wahrheit hat Śakuntalā gesprochen.
Der Samenspender führt den Sohn aus dem Reich des Yama empor, o Herrscher der Menschen; du bist der Erschaffer dieses Fötus, die Wahrheit hat Śakuntalā gesprochen.
Es ist ein Unglück - wer würde seinen lebenden eigenen Sohn zu Lebzeiten verstoßen? Ernähre den hochgesinnten Sohn der Śakuntalā, den Sohn des Duḥṣanta, o Paurava!
Es ist ein Unglück - wer würde seinen lebenden eigenen Sohn zu Lebzeiten verstoßen? Ernähre den hochgesinnten Sohn der Śakuntalā, den Sohn des Duḥṣanta, o Paurava!
Hätte ich diesen Sohn allein auf ihr Wort hin angenommen, so wäre den Leuten ein Zweifel geblieben; so aber ist seine Reinheit nicht (unzweifelhaft) gewesen.‹
Hätte ich diesen Sohn allein auf ihr Wort hin angenommen, so wäre den Leuten ein Zweifel geblieben; so aber ist seine Reinheit nicht (unzweifelhaft) gewesen.‹
[Anm.: Sinn: Duḥṣanta rechtfertigt sein vorheriges öffentliches Leugnen als taktische Notwendigkeit, damit die Anerkennung des Sohnes erst durch das göttliche Zeugnis über jeden Zweifel erhaben würde.
mūrdhni cainam upāghrāya sasnehaṃ pariṣasvaje sabhājyamāno vipraiś ca stūyamānaś ca bandibhiḥ sa mudaṃ paramāṃ lebhe putrasaṃsparśajāṃ nṛpaḥ
Und indem er an seinem Haupt roch, umarmte er ihn liebevoll; geehrt von den Brahmanen und gepriesen von den Barden, empfand der König höchste Freude durch die Berührung des Sohnes.
Wort für Wort
mūrdhni cainam upāghrāya sasnehaṃ pariṣasvaje sabhājyamāno vipraiś ca stūyamānaś ca bandibhiḥ sa mudaṃ paramāṃ lebhe putrasaṃsparśajāṃ nṛpaḥ
Und indem er an seinem Haupt roch, umarmte er ihn liebevoll; geehrt von den Brahmanen und gepriesen von den Barden, empfand der König höchste Freude durch die Berührung des Sohnes.
kṛto lokaparokṣo 'yaṃ saṃbandho vai tvayā saha tasmād etan mayā devi tvacchuddhyarthaṃ vicāritam
›Diese unsere Verbindung wurde von dir vor der Öffentlichkeit verborgen geschlossen; deshalb, o Göttin, habe ich dies überlegt, um deine Reinheit in den Augen der Leute sicherzustellen.
Wort für Wort
kṛto lokaparokṣo 'yaṃ saṃbandho vai tvayā saha tasmād etan mayā devi tvacchuddhyarthaṃ vicāritam
›Diese unsere Verbindung wurde von dir vor der Öffentlichkeit verborgen geschlossen; deshalb, o Göttin, habe ich dies überlegt, um deine Reinheit in den Augen der Leute sicherzustellen.
Denn die Leute meinen, du habest dich mir aus weiblicher Zuneigung angeschlossen; und dieser Sohn wurde von mir für das Königreich erwählt - deshalb habe ich so überlegt gehandelt.
Denn die Leute meinen, du habest dich mir aus weiblicher Zuneigung angeschlossen; und dieser Sohn wurde von mir für das Königreich erwählt - deshalb habe ich so überlegt gehandelt.
Kaṇva ließ ihn, gleich Dakṣa, mit reichlichen Priestergaben opfern; er, der Glanzvolle, erlangte das ›Govitata‹ genannte Pferdeopfer, bei dem Bharata dem Kaṇva tausend Padmas schenkte.
Kaṇva ließ ihn, gleich Dakṣa, mit reichlichen Priestergaben opfern; er, der Glanzvolle, erlangte das ›Govitata‹ genannte Pferdeopfer, bei dem Bharata dem Kaṇva tausend Padmas schenkte.
[Anm.: »Padma« bezeichnet hier eine hohe Zahleneinheit von Goldmünzen, wörtlich »Lotus«.
bharatād bhāratī kīrtir yenedaṃ bhārataṃ kulam apare ye ca pūrve ca bhāratā iti viśrutāḥ
Von Bharata stammt der Ruhmesname ›Bhārata‹, wonach dieses Geschlecht der Bhāratas benannt ist, sowohl die späteren als auch die früheren, die als ›Bhāratas‹ bekannt sind.
Wort für Wort
bharatād bhāratī kīrtir yenedaṃ bhārataṃ kulam apare ye ca pūrve ca bhāratā iti viśrutāḥ
Von Bharata stammt der Ruhmesname ›Bhārata‹, wonach dieses Geschlecht der Bhāratas benannt ist, sowohl die späteren als auch die früheren, die als ›Bhāratas‹ bekannt sind.
yeṣām aparimeyāni nāmadheyāni sarvaśaḥ teṣāṃ tu te yathāmukhyaṃ kīrtayiṣyāmi bhārata mahābhāgān devakalpān satyārjavaparāyaṇān
Von ihnen, deren Namen in ihrer Gesamtheit unzählbar sind, will ich dir, wie sie an Bedeutung voranstehen, verkünden, o Bhārata - die Hochgesegneten, Göttergleichen, der Wahrheit und Aufrichtigkeit Ergebenen.«
Wort für Wort
yeṣām aparimeyāni nāmadheyāni sarvaśaḥ teṣāṃ tu te yathāmukhyaṃ kīrtayiṣyāmi bhārata mahābhāgān devakalpān satyārjavaparāyaṇān
Von ihnen, deren Namen in ihrer Gesamtheit unzählbar sind, will ich dir, wie sie an Bedeutung voranstehen, verkünden, o Bhārata - die Hochgesegneten, Göttergleichen, der Wahrheit und Aufrichtigkeit Ergebenen.«