Kapitel 67: Śakuntalopākhyānam (3)
Die Erzählung von Śakuntalā (3): Die Gāndharva-Ehe
Duḥṣanta wirbt um Śakuntalā und erklärt ihr die acht Ehearten des Dharma, insbesondere die für Kṣatriyas zulässige Gāndharva-Ehe. Śakuntalā stimmt unter der Bedingung zu, dass ihr Sohn Kronprinz werde; die Ehe wird vollzogen, Duḥṣanta zieht fort. Kaṇva kehrt zurück, erkennt alles mit seinem göttlichen Auge, heißt die Verbindung gut und weissagt einen mächtigen, weltherrschenden Sohn.
duḥṣanta uvāca suvyaktaṃ rājaputrī tvaṃ yathā kalyāṇi bhāṣase bhāryā me bhava suśroṇi brūhi kiṃ karavāṇi te
Duḥṣanta sprach: »Ganz offenkundig bist du eine Königstochter, wie du sprichst, du Holde. Sei meine Gattin, du Schönhüftige - sprich, was soll ich für dich tun?
Wort für Wort
duḥṣanta uvāca suvyaktaṃ rājaputrī tvaṃ yathā kalyāṇi bhāṣase bhāryā me bhava suśroṇi brūhi kiṃ karavāṇi te
Duḥṣanta sprach: »Ganz offenkundig bist du eine Königstochter, wie du sprichst, du Holde. Sei meine Gattin, du Schönhüftige - sprich, was soll ich für dich tun?
gāndharveṇa ca māṃ bhīru vivāhenaihi sundari vivāhānāṃ hi rambhoru gāndharvaḥ śreṣṭha ucyate
Und durch die Gāndharva-Ehe, du Furchtsame, komm zu mir, du Liebliche; denn unter den Ehearten, du Schönschenklige, gilt die Gāndharva-Ehe als die vorzüglichste.«
Wort für Wort
gāndharveṇa ca māṃ bhīru vivāhenaihi sundari vivāhānāṃ hi rambhoru gāndharvaḥ śreṣṭha ucyate
Und durch die Gāndharva-Ehe, du Furchtsame, komm zu mir, du Liebliche; denn unter den Ehearten, du Schönschenklige, gilt die Gāndharva-Ehe als die vorzüglichste.«
śakuntalovāca phalāhāro gato rājan pitā me ita āśramāt taṃ muhūrtaṃ pratīkṣasva sa māṃ tubhyaṃ pradāsyati
Śakuntalā sprach: »Mein Vater, o König, ist von hier zur Einsiedelei gegangen, um Früchte zu holen; warte einen Augenblick auf ihn, er wird mich dir geben.«
Wort für Wort
śakuntalovāca phalāhāro gato rājan pitā me ita āśramāt taṃ muhūrtaṃ pratīkṣasva sa māṃ tubhyaṃ pradāsyati
Śakuntalā sprach: »Mein Vater, o König, ist von hier zur Einsiedelei gegangen, um Früchte zu holen; warte einen Augenblick auf ihn, er wird mich dir geben.«
duḥṣanta uvāca icchāmi tvāṃ varārohe bhajamānām anindite tvadarthaṃ māṃ sthitaṃ viddhi tvadgataṃ hi mano mama
Duḥṣanta sprach: »Ich begehre dich, du Schönhüftige, Untadelige, dich mir zugetan zu wissen; wisse, dass ich um deinetwillen hier verweile, denn mein Herz ist zu dir gegangen.
Wort für Wort
duḥṣanta uvāca icchāmi tvāṃ varārohe bhajamānām anindite tvadarthaṃ māṃ sthitaṃ viddhi tvadgataṃ hi mano mama
Duḥṣanta sprach: »Ich begehre dich, du Schönhüftige, Untadelige, dich mir zugetan zu wissen; wisse, dass ich um deinetwillen hier verweile, denn mein Herz ist zu dir gegangen.
Der eigene Freund ist man sich selbst, die eigene Zuflucht ist man sich selbst; die Verfügung über sich selbst durch sich selbst zu treffen, geziemt sich nach dem Dharma.
Der eigene Freund ist man sich selbst, die eigene Zuflucht ist man sich selbst; die Verfügung über sich selbst durch sich selbst zu treffen, geziemt sich nach dem Dharma.
Acht Arten der Ehe werden zusammengefasst nach dem Dharma überliefert: die Brahma-Ehe, die Daiva-Ehe, ebenso die Ārṣa-Ehe, die Prājāpatya-Ehe, sowie die Āsura-Ehe,
Acht Arten der Ehe werden zusammengefasst nach dem Dharma überliefert: die Brahma-Ehe, die Daiva-Ehe, ebenso die Ārṣa-Ehe, die Prājāpatya-Ehe, sowie die Āsura-Ehe,
Die vier zuerst genannten gelten als für den Brahmanen empfohlen; die sechs, der Reihe nach, sollst du als für den Kṣatriya rechtmäßig wissen, du Untadelige.
Die vier zuerst genannten gelten als für den Brahmanen empfohlen; die sechs, der Reihe nach, sollst du als für den Kṣatriya rechtmäßig wissen, du Untadelige.
rājñāṃ tu rākṣaso 'py ukto viṭśūdreṣv āsuraḥ smṛtaḥ pañcānāṃ tu trayo dharmyā dvāv adharmyau smṛtāv iha
Für Könige gilt auch die Rākṣasa-Ehe als erlaubt, für Vaiśyas und Śūdras die Āsura-Ehe; von den fünf übrigen sind drei rechtmäßig, zwei gelten hier als unrechtmäßig -
Wort für Wort
rājñāṃ tu rākṣaso 'py ukto viṭśūdreṣv āsuraḥ smṛtaḥ pañcānāṃ tu trayo dharmyā dvāv adharmyau smṛtāv iha
Für Könige gilt auch die Rākṣasa-Ehe als erlaubt, für Vaiśyas und Śūdras die Āsura-Ehe; von den fünf übrigen sind drei rechtmäßig, zwei gelten hier als unrechtmäßig -
Die Gāndharva- und die Rākṣasa-Ehe sind für den Kṣatriya rechtmäßig - daran sollst du nicht zweifeln - ob einzeln oder gemischt vollzogen, ohne Zweifel.
Die Gāndharva- und die Rākṣasa-Ehe sind für den Kṣatriya rechtmäßig - daran sollst du nicht zweifeln - ob einzeln oder gemischt vollzogen, ohne Zweifel.
śakuntalovāca yadi dharmapathas tv eṣa yadi cātmā prabhur mama pradāne pauravaśreṣṭha śṛṇu me samayaṃ prabho
Śakuntalā sprach: »Wenn dies der Pfad des Dharma ist, und wenn ich selbst Herrin über meine Vergabe bin, o Bester der Pauravas, so höre meine Bedingung, o Herr.
Wort für Wort
śakuntalovāca yadi dharmapathas tv eṣa yadi cātmā prabhur mama pradāne pauravaśreṣṭha śṛṇu me samayaṃ prabho
Śakuntalā sprach: »Wenn dies der Pfad des Dharma ist, und wenn ich selbst Herrin über meine Vergabe bin, o Bester der Pauravas, so höre meine Bedingung, o Herr.
vaiśaṃpāyana uvāca evam astv iti tāṃ rājā pratyuvācāvicārayan api ca tvāṃ nayiṣyāmi nagaraṃ svaṃ śucismite yathā tvam arhā suśroṇi satyam etad bravīmi te
Vaiśaṃpāyana sprach: »So sei es« - antwortete ihr der König, ohne zu zögern; »und ich werde dich auch in meine eigene Stadt führen, du mit dem reinen Lächeln, wie es dir geziemt, du Schönhüftige - dies sage ich dir wahrhaftig.«
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evam astv iti tāṃ rājā pratyuvācāvicārayan api ca tvāṃ nayiṣyāmi nagaraṃ svaṃ śucismite yathā tvam arhā suśroṇi satyam etad bravīmi te
Vaiśaṃpāyana sprach: »So sei es« - antwortete ihr der König, ohne zu zögern; »und ich werde dich auch in meine eigene Stadt führen, du mit dem reinen Lächeln, wie es dir geziemt, du Schönhüftige - dies sage ich dir wahrhaftig.«
viśvāsya caināṃ sa prāyād abravīc ca punaḥ punaḥ preṣayiṣye tavārthāya vāhinīṃ caturaṅgiṇīm tayā tvām ānayiṣyāmi nivāsaṃ svaṃ śucismite
Nachdem er sie beruhigt hatte, zog er fort und sprach immer wieder: »Ich werde dir zuliebe ein viergliedriges Heer entsenden; mit ihm werde ich dich in meine eigene Wohnstatt holen, du mit dem reinen Lächeln.«
Wort für Wort
viśvāsya caināṃ sa prāyād abravīc ca punaḥ punaḥ preṣayiṣye tavārthāya vāhinīṃ caturaṅgiṇīm tayā tvām ānayiṣyāmi nivāsaṃ svaṃ śucismite
Nachdem er sie beruhigt hatte, zog er fort und sprach immer wieder: »Ich werde dir zuliebe ein viergliedriges Heer entsenden; mit ihm werde ich dich in meine eigene Wohnstatt holen, du mit dem reinen Lächeln.«
tvayādya rājānvayayā mām anādṛtya yatkṛtaḥ puṃsā saha samāyogo na sa dharmopaghātakaḥ
»Was du heute getan hast, ohne mich, den König betreffend, zu missachten - die Vereinigung mit einem Mann, die du vollzogen hast, ist kein Verstoß gegen den Dharma.
Wort für Wort
tvayādya rājānvayayā mām anādṛtya yatkṛtaḥ puṃsā saha samāyogo na sa dharmopaghātakaḥ
»Was du heute getan hast, ohne mich, den König betreffend, zu missachten - die Vereinigung mit einem Mann, die du vollzogen hast, ist kein Verstoß gegen den Dharma.
Denn für den Kṣatriya gilt die Gāndharva-Ehe als die vorzüglichste; ohne förmliche Zeremonie, im Geheimen zwischen zwei Verlangenden, wird sie überliefert.
Denn für den Kṣatriya gilt die Gāndharva-Ehe als die vorzüglichste; ohne förmliche Zeremonie, im Geheimen zwischen zwei Verlangenden, wird sie überliefert.
Und sein Rad, das des Hochgesinnten, wird, wenn er auszieht, stets unaufhaltsam sein - das eines Weltenherrschers (Cakravartin).«
[Anm.: »Cakravartin« (wörtl. »der das Rad Wälzende«) bezeichnet den idealen Weltherrscher, dessen Streitwagen-Rad ungehindert bis an die Grenzen der Erde rollt.