Kapitel 77: Śarmiṣṭhā-Yayāti-Samāgamaḥ
Śarmiṣṭhās Vereinigung mit Yayāti
Devayānī gebiert Yayāti einen ersten Sohn. Als auch Śarmiṣṭhā ihre fruchtbare Zeit erreicht, bittet sie Yayāti heimlich um einen Sohn; er verweist zunächst auf Śukras Verbot, doch Śarmiṣṭhā überzeugt ihn mit der Lehre von den fünf sündenlosen Notlügen und dem Argument der 'gleichrangigen Heirat' (wer der Gatte der Freundin ist, ist auch ihrer). Yayāti gibt nach, verhilft ihr zum Dharma der Mutterschaft, und Śarmiṣṭhā empfängt ihren ersten Sohn.
vaiśaṃpāyana uvāca yayātiḥ svapuraṃ prāpya mahendrapurasaṃnibham praviśyāntaḥpuraṃ tatra devayānīṃ nyaveśayat
Vaiśaṃpāyana sprach: »Yayāti, in seiner eigenen Stadt angekommen, die der Stadt Indras glich, betrat den inneren Frauentrakt und ließ dort Devayānī wohnen.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca yayātiḥ svapuraṃ prāpya mahendrapurasaṃnibham praviśyāntaḥpuraṃ tatra devayānīṃ nyaveśayat
Vaiśaṃpāyana sprach: »Yayāti, in seiner eigenen Stadt angekommen, die der Stadt Indras glich, betrat den inneren Frauentrakt und ließ dort Devayānī wohnen.
Nach Ablauf von tausend Jahren sah Śarmiṣṭhā, die Tochter des Vṛṣaparvan, dass sie die Jugendreife erlangt hatte und in ihre fruchtbare Zeit gekommen war, und sie überlegte:
Nach Ablauf von tausend Jahren sah Śarmiṣṭhā, die Tochter des Vṛṣaparvan, dass sie die Jugendreife erlangt hatte und in ihre fruchtbare Zeit gekommen war, und sie überlegte:
[Anm.: 'tausend Jahre' folgt der hyperbolischen Zeitrechnung der epischen Erzählung, nicht wörtlicher Chronologie.
ṛtukālaś ca saṃprāpto na ca me 'sti patir vṛtaḥ kiṃ prāptaṃ kiṃ nu kartavyaṃ kiṃ vā kṛtvā kṛtaṃ bhavet
›Meine fruchtbare Zeit ist gekommen, doch habe ich keinen erwählten Gatten. Was ist mir zuteilgeworden, was ist nun zu tun, oder was, getan, würde recht getan sein?
Wort für Wort
ṛtukālaś ca saṃprāpto na ca me 'sti patir vṛtaḥ kiṃ prāptaṃ kiṃ nu kartavyaṃ kiṃ vā kṛtvā kṛtaṃ bhavet
›Meine fruchtbare Zeit ist gekommen, doch habe ich keinen erwählten Gatten. Was ist mir zuteilgeworden, was ist nun zu tun, oder was, getan, würde recht getan sein?
rājñā putraphalaṃ deyam iti me niścitā matiḥ apīdānīṃ sa dharmātmā iyān me darśanaṃ rahaḥ
Vom König soll mir die Frucht eines Sohnes gegeben werden - dies ist mein fester Entschluss. Möge doch jetzt der Dharma-Gesinnte mir eine heimliche Begegnung gewähren.‹
Wort für Wort
rājñā putraphalaṃ deyam iti me niścitā matiḥ apīdānīṃ sa dharmātmā iyān me darśanaṃ rahaḥ
Vom König soll mir die Frucht eines Sohnes gegeben werden - dies ist mein fester Entschluss. Möge doch jetzt der Dharma-Gesinnte mir eine heimliche Begegnung gewähren.‹
Denn an Schönheit, Herkunft und Wesen kennst du mich, o König, seit jeher. Ich, dies erbittend, bitte dich um Gnade: gib mir die Frucht meiner fruchtbaren Zeit, o Herrscher der Menschen.‹
Denn an Schönheit, Herkunft und Wesen kennst du mich, o König, seit jeher. Ich, dies erbittend, bitte dich um Gnade: gib mir die Frucht meiner fruchtbaren Zeit, o Herrscher der Menschen.‹
yayātir uvāca vedmi tvāṃ śīlasaṃpannāṃ daityakanyām aninditām rūpe ca te na paśyāmi sūcyagram api ninditam
Yayāti sprach: ›Ich kenne dich als von vollkommenem Wesen, als tadellose Daitya-Jungfrau; und an deiner Schönheit sehe ich nicht einmal die Spitze einer Nadel als tadelnswert.
Wort für Wort
yayātir uvāca vedmi tvāṃ śīlasaṃpannāṃ daityakanyām aninditām rūpe ca te na paśyāmi sūcyagram api ninditam
Yayāti sprach: ›Ich kenne dich als von vollkommenem Wesen, als tadellose Daitya-Jungfrau; und an deiner Schönheit sehe ich nicht einmal die Spitze einer Nadel als tadelnswert.
śarmiṣṭhovāca na narmayuktaṃ vacanaṃ hinasti; na strīṣu rājan na vivāhakāle prāṇātyaye sarvadhanāpahāre; pañcānṛtāny āhur apātakāni
Śarmiṣṭhā sprach: ›Ein im Scherz gesprochenes Wort schadet nicht, ebenso wenig bei Frauen, o König, noch zur Zeit der Heirat, bei Todesgefahr, oder beim Raub des gesamten Besitzes - fünf Arten der Unwahrheit nennt man sündenlos.
Wort für Wort
śarmiṣṭhovāca na narmayuktaṃ vacanaṃ hinasti; na strīṣu rājan na vivāhakāle prāṇātyaye sarvadhanāpahāre; pañcānṛtāny āhur apātakāni
Śarmiṣṭhā sprach: ›Ein im Scherz gesprochenes Wort schadet nicht, ebenso wenig bei Frauen, o König, noch zur Zeit der Heirat, bei Todesgefahr, oder beim Raub des gesamten Besitzes - fünf Arten der Unwahrheit nennt man sündenlos.
pṛṣṭaṃ tu sākṣye pravadantam anyathā; vadanti mithyopahitaṃ narendra ekārthatāyāṃ tu samāhitāyāṃ; mithyā vadantam anṛtaṃ hinasti
Wer aber, als Zeuge befragt, anders aussagt, den nennt man einen Falschredenden, o Herrscher der Menschen; besteht aber Übereinstimmung in der eigentlichen Sache, so schadet Falschreden [in solchen Nebenpunkten] nicht als Unwahrheit.‹
Wort für Wort
pṛṣṭaṃ tu sākṣye pravadantam anyathā; vadanti mithyopahitaṃ narendra ekārthatāyāṃ tu samāhitāyāṃ; mithyā vadantam anṛtaṃ hinasti
Wer aber, als Zeuge befragt, anders aussagt, den nennt man einen Falschredenden, o Herrscher der Menschen; besteht aber Übereinstimmung in der eigentlichen Sache, so schadet Falschreden [in solchen Nebenpunkten] nicht als Unwahrheit.‹
yayātir uvāca rājā pramāṇaṃ bhūtānāṃ sa naśyeta mṛṣā vadan arthakṛcchram api prāpya na mithyā kartum utsahe
Yayāti sprach: ›Ein König ist die Richtschnur für die Geschöpfe; er ginge zugrunde, spräche er die Unwahrheit. Selbst in schwerer Bedrängnis wage ich nicht, falsch zu handeln.‹
Wort für Wort
yayātir uvāca rājā pramāṇaṃ bhūtānāṃ sa naśyeta mṛṣā vadan arthakṛcchram api prāpya na mithyā kartum utsahe
Yayāti sprach: ›Ein König ist die Richtschnur für die Geschöpfe; er ginge zugrunde, spräche er die Unwahrheit. Selbst in schwerer Bedrängnis wage ich nicht, falsch zu handeln.‹
śarmiṣṭhovāca samāv etau matau rājan patiḥ sakhyāś ca yaḥ patiḥ samaṃ vivāham ity āhuḥ sakhyā me 'si patir vṛtaḥ
Śarmiṣṭhā sprach: ›Diese beiden gelten als gleich, o König: der eigene Gatte und der Gatte der Freundin - man nennt das eine gleichrangige Heirat. Von meiner Freundin bist du zum Gatten erwählt worden [also auch von mir].‹
Wort für Wort
śarmiṣṭhovāca samāv etau matau rājan patiḥ sakhyāś ca yaḥ patiḥ samaṃ vivāham ity āhuḥ sakhyā me 'si patir vṛtaḥ
Śarmiṣṭhā sprach: ›Diese beiden gelten als gleich, o König: der eigene Gatte und der Gatte der Freundin - man nennt das eine gleichrangige Heirat. Von meiner Freundin bist du zum Gatten erwählt worden [also auch von mir].‹
Śarmiṣṭhā sprach: ›Rette mich vor dem Unrecht, o König, und verhilf mir zum Dharma; möge ich, durch dich mit Nachkommenschaft gesegnet, in der Welt dem höchsten Dharma folgen.
Śarmiṣṭhā sprach: ›Rette mich vor dem Unrecht, o König, und verhilf mir zum Dharma; möge ich, durch dich mit Nachkommenschaft gesegnet, in der Welt dem höchsten Dharma folgen.
traya evādhanā rājan bhāryā dāsas tathā sutaḥ yat te samadhigacchanti yasya te tasya tad dhanam
Drei nur sind besitzlos, o König: die Ehefrau, der Diener, ebenso der Sohn; was sie erwerben, dessen Eigentum sie selbst sind, dem gehört auch das von ihnen Erworbene.
Wort für Wort
traya evādhanā rājan bhāryā dāsas tathā sutaḥ yat te samadhigacchanti yasya te tasya tad dhanam
Drei nur sind besitzlos, o König: die Ehefrau, der Diener, ebenso der Sohn; was sie erwerben, dessen Eigentum sie selbst sind, dem gehört auch das von ihnen Erworbene.
samāgamya ca śarmiṣṭhāṃ yathākāmam avāpya ca anyonyam abhisaṃpūjya jagmatus tau yathāgatam
Und nachdem er sich mit Śarmiṣṭhā vereinigt und den Wunsch erfüllt hatte, ehrten sie einander und gingen beide wieder ihres Weges, wie sie gekommen waren.
Wort für Wort
samāgamya ca śarmiṣṭhāṃ yathākāmam avāpya ca anyonyam abhisaṃpūjya jagmatus tau yathāgatam
Und nachdem er sich mit Śarmiṣṭhā vereinigt und den Wunsch erfüllt hatte, ehrten sie einander und gingen beide wieder ihres Weges, wie sie gekommen waren.