Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 91: Mahābhiṣa-Gaṅgā-Vasusaṃvādaḥ Mahābhiṣas Fall und der Bund zwischen Gaṅgā und den Vasus

König Mahābhiṣa erlangt durch tausend Aśvamedha- und hundert Vājapeya-Opfer den Himmel, wird aber, weil er beim Anblick der Flussgöttin Gaṅgā vor Brahmā nicht wie die übrigen Götter den Blick abwendet, von Brahmā zur Wiedergeburt als Sterblicher verurteilt; er wählt Pratīpa als seinen künftigen irdischen Vater. Gaṅgā selbst begegnet darauf den acht, von Vasiṣṭha verfluchten Vasu-Göttern, die als Menschen geboren werden müssen; sie vereinbaren mit ihr, dass sie als ihre Söhne geboren und von ihr sogleich ins Wasser zurückgeworfen werden sollen, um die Erlösung von ihrem Fluch zu beschleunigen – nur der jüngste soll, mit vereinten Kräften aller acht Vasus zumindest teilweise zeugungsstark, am Leben bleiben, doch selbst kinderlos sein. Damit ist die Vorgeschichte zu Śaṃtanus Ehe mit Gaṅgā und zur Geburt Bhīṣmas (des im Menschenleib verbliebenen achten Vasu) grundgelegt.

vaiśaṃpāyana uvāca ikṣvākuvaṃśaprabhavo rājāsīt pṛthivīpatiḥ mahābhiṣa iti khyātaḥ satyavāk satyavikramaḥ

Vaiśaṃpāyana sprach: Es war einst ein König, ein Herr der Erde, aus dem Geschlecht des Ikṣvāku entsprossen, bekannt unter dem Namen Mahābhiṣa, wahrhaft in seinem Wort und wahrhaft in seiner Tapferkeit.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca ikṣvākuvaṃśaprabhavo rājāsīt pṛthivīpatiḥ mahābhiṣa iti khyātaḥ satyavāk satyavikramaḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Es war einst ein König, ein Herr der Erde, aus dem Geschlecht des Ikṣvāku entsprossen, bekannt unter dem Namen Mahābhiṣa, wahrhaft in seinem Wort und wahrhaft in seiner Tapferkeit.

so 'śvamedhasahasreṇa vājapeyaśatena ca toṣayām āsa devendraṃ svargaṃ lebhe tataḥ prabhuḥ

Er erfreute durch tausend Aśvamedha-Opfer und hundert Vājapeya-Opfer den Herrn der Götter (Indra); danach erlangte der mächtige Herrscher den Himmel.

Wort für Wort
so 'śvamedhasahasreṇa vājapeyaśatena ca toṣayām āsa devendraṃ svargaṃ lebhe tataḥ prabhuḥ
Er erfreute durch tausend Aśvamedha-Opfer und hundert Vājapeya-Opfer den Herrn der Götter (Indra); danach erlangte der mächtige Herrscher den Himmel.

tataḥ kadā cid brahmāṇam upāsāṃ cakrire surāḥ tatra rājarṣayo āsan sa ca rājā mahābhiṣaḥ

Einst dann wohnten die Götter dem Brahmā auf; dort waren auch königliche Weise zugegen, und darunter jener König Mahābhiṣa.

Wort für Wort
tataḥ kadā cid brahmāṇam upāsāṃ cakrire surāḥ tatra rājarṣayo āsan sa ca rājā mahābhiṣaḥ
Einst dann wohnten die Götter dem Brahmā auf; dort waren auch königliche Weise zugegen, und darunter jener König Mahābhiṣa.

atha gaṅgā saricchreṣṭhā samupāyāt pitāmaham tasyā vāsaḥ samuddhūtaṃ mārutena śaśiprabham

Da kam Gaṅgā, die beste der Flüsse, zum Großvater (Brahmā); ihr mondglänzendes Gewand wurde vom Windgott emporgewirbelt.

Wort für Wort
atha gaṅgā saricchreṣṭhā samupāyāt pitāmaham tasyā vāsaḥ samuddhūtaṃ mārutena śaśiprabham
Da kam Gaṅgā, die beste der Flüsse, zum Großvater (Brahmā); ihr mondglänzendes Gewand wurde vom Windgott emporgewirbelt.

tato 'bhavan suragaṇāḥ sahasāvāṅmukhās tadā mahābhiṣas tu rājarṣir aśaṅko dṛṣṭavān nadīm

Da wandten die Scharen der Götter sogleich ihr Antlitz ab; doch der königliche Weise Mahābhiṣa blickte ohne Scheu auf die Flussgöttin.

Wort für Wort
tato 'bhavan suragaṇāḥ sahasāvāṅmukhās tadā mahābhiṣas tu rājarṣir aśaṅko dṛṣṭavān nadīm
Da wandten die Scharen der Götter sogleich ihr Antlitz ab; doch der königliche Weise Mahābhiṣa blickte ohne Scheu auf die Flussgöttin.

apadhyāto bhagavatā brahmaṇā sa mahābhiṣaḥ uktaś ca jāto martyeṣu punar lokān avāpsyasi

Da wurde jener Mahābhiṣa vom erhabenen Brahmā missbilligend angesehen und ihm gesagt: ‚Unter den Sterblichen geboren, wirst du die himmlischen Welten wiedererlangen.'

Wort für Wort
apadhyāto bhagavatā brahmaṇā sa mahābhiṣaḥ uktaś ca jāto martyeṣu punar lokān avāpsyasi
Da wurde jener Mahābhiṣa vom erhabenen Brahmā missbilligend angesehen und ihm gesagt: ‚Unter den Sterblichen geboren, wirst du die himmlischen Welten wiedererlangen.'

sa cintayitvā nṛpatir nṛpān sarvāṃs tapodhanān pratīpaṃ rocayām āsa pitaraṃ bhūrivarcasam

Da erwog jener Herrscher unter all den an Askese-Verdienst reichen Königen und wählte mit Wohlgefallen Pratīpa, den glanzreichen (künftigen) Vater, als Ort seiner Geburt.

Wort für Wort
sa cintayitvā nṛpatir nṛpān sarvāṃs tapodhanān pratīpaṃ rocayām āsa pitaraṃ bhūrivarcasam
Da erwog jener Herrscher unter all den an Askese-Verdienst reichen Königen und wählte mit Wohlgefallen Pratīpa, den glanzreichen (künftigen) Vater, als Ort seiner Geburt.

mahābhiṣaṃ tu taṃ dṛṣṭvā nadī dhairyāc cyutaṃ nṛpam tam eva manasādhyāyam upāvartat saridvarā

Als die Flussgöttin, die beste der Ströme, jenen König Mahābhiṣa sah, der aus seiner Standhaftigkeit gefallen war, kehrte sie, in Gedanken bei ihm verweilend, um.

Wort für Wort
mahābhiṣaṃ tu taṃ dṛṣṭvā nadī dhairyāc cyutaṃ nṛpam tam eva manasādhyāyam upāvartat saridvarā
Als die Flussgöttin, die beste der Ströme, jenen König Mahābhiṣa sah, der aus seiner Standhaftigkeit gefallen war, kehrte sie, in Gedanken bei ihm verweilend, um.

sā tu vidhvastavapuṣaḥ kaśmalābhihataujasaḥ dadarśa pathi gacchantī vasūn devān divaukasaḥ

Sie aber, deren Gestalt aufgelöst und deren Kraft von Trübsal geschlagen war, erblickte, auf dem Weg dahinschreitend, die Vasu-Götter, die Himmelsbewohner.

Wort für Wort
sā tu vidhvastavapuṣaḥ kaśmalābhihataujasaḥ dadarśa pathi gacchantī vasūn devān divaukasaḥ
Sie aber, deren Gestalt aufgelöst und deren Kraft von Trübsal geschlagen war, erblickte, auf dem Weg dahinschreitend, die Vasu-Götter, die Himmelsbewohner.

tathārūpāṃś ca tān dṛṣṭvā papraccha saritāṃ varā kim idaṃ naṣṭarūpāḥ stha kaccit kṣemaṃ divaukasām

Als sie diese in solcher Gestalt sah, fragte die beste der Flüsse: ‚Was ist dies, dass ihr eurer Gestalt beraubt seid? Steht es wohl gut um das Wohlergehen der Himmelsbewohner?'

Wort für Wort
tathārūpāṃś ca tān dṛṣṭvā papraccha saritāṃ varā kim idaṃ naṣṭarūpāḥ stha kaccit kṣemaṃ divaukasām
Als sie diese in solcher Gestalt sah, fragte die beste der Flüsse: ‚Was ist dies, dass ihr eurer Gestalt beraubt seid? Steht es wohl gut um das Wohlergehen der Himmelsbewohner?'

tām ūcur vasavo devāḥ śaptāḥ smo vai mahānadi alpe 'parādhe saṃrambhād vasiṣṭhena mahātmanā

Da sprachen die Vasu-Götter zu ihr: ‚Wir sind verflucht worden, o großer Strom, wegen eines geringen Vergehens, aus Zorn, von dem großherzigen Vasiṣṭha.'

Wort für Wort
tām ūcur vasavo devāḥ śaptāḥ smo vai mahānadi alpe 'parādhe saṃrambhād vasiṣṭhena mahātmanā
Da sprachen die Vasu-Götter zu ihr: ‚Wir sind verflucht worden, o großer Strom, wegen eines geringen Vergehens, aus Zorn, von dem großherzigen Vasiṣṭha.'

vimūḍhā hi vayaṃ sarve pracchannam ṛṣisattamam saṃdhyāṃ vasiṣṭham āsīnaṃ tam atyabhisṛtāḥ purā

‚Denn töricht waren wir alle: Wir haben einst den besten der Seher, Vasiṣṭha, der verborgen in der Dämmerungsandacht saß, missachtend überlaufen.'

Wort für Wort
vimūḍhā hi vayaṃ sarve pracchannam ṛṣisattamam saṃdhyāṃ vasiṣṭham āsīnaṃ tam atyabhisṛtāḥ purā
‚Denn töricht waren wir alle: Wir haben einst den besten der Seher, Vasiṣṭha, der verborgen in der Dämmerungsandacht saß, missachtend überlaufen.'

[Anm.: Dieser Vers spielt knapp auf die bekanntere, an anderer Stelle der Tradition ausführlicher erzählte Geschichte vom Diebstahl der Wunschkuh Nandinī durch die acht Vasus an, für den Vasiṣṭha sie verflucht hatte; die volle Erzählung wird in diesem Kapitel der kritischen Ausgabe nicht eigens nachgeholt.]

tena kopād vayaṃ śaptā yonau saṃbhavateti ha na śakyam anyathā kartuṃ yad uktaṃ brahmavādinā

‚Von ihm wurden wir im Zorn verflucht: »In einem Mutterschoß sollt ihr entstehen!« Es lässt sich nicht anders wenden, was der Brahma-Kundige ausgesprochen hat.'

Wort für Wort
tena kopād vayaṃ śaptā yonau saṃbhavateti ha na śakyam anyathā kartuṃ yad uktaṃ brahmavādinā
‚Von ihm wurden wir im Zorn verflucht: »In einem Mutterschoß sollt ihr entstehen!« Es lässt sich nicht anders wenden, was der Brahma-Kundige ausgesprochen hat.'

tvaṃ tasmān mānuṣī bhūtvā sūṣva putrān vasūn bhuvi na mānuṣīṇāṃ jaṭharaṃ praviśemāśubhaṃ vayam

‚Darum sollst du, eine Menschin geworden, uns, die Vasus, als Söhne auf der Erde gebären; wir wollen nicht in den unheilvollen Mutterleib menschlicher Frauen eingehen.'

Wort für Wort
tvaṃ tasmān mānuṣī bhūtvā sūṣva putrān vasūn bhuvi na mānuṣīṇāṃ jaṭharaṃ praviśemāśubhaṃ vayam
‚Darum sollst du, eine Menschin geworden, uns, die Vasus, als Söhne auf der Erde gebären; wir wollen nicht in den unheilvollen Mutterleib menschlicher Frauen eingehen.'

ity uktā tān vasūn gaṅgā tathety uktvābravīd idam martyeṣu puruṣaśreṣṭhaḥ ko vaḥ kartā bhaviṣyati

So von den Vasus angesprochen, sagte Gaṅgā ‚So sei es' und sprach dies: ‚Wer unter den Sterblichen wird der Zeuger für euch sein?'

Wort für Wort
ity uktā tān vasūn gaṅgā tathety uktvābravīd idam martyeṣu puruṣaśreṣṭhaḥ ko vaḥ kartā bhaviṣyati
So von den Vasus angesprochen, sagte Gaṅgā ‚So sei es' und sprach dies: ‚Wer unter den Sterblichen wird der Zeuger für euch sein?'

vasava ūcuḥ pratīpasya suto rājā śaṃtanur nāma dhārmikaḥ bhavitā mānuṣe loke sa naḥ kartā bhaviṣyati

Die Vasus sprachen: ‚Der Sohn des Pratīpa, ein König namens Śaṃtanu, dharmatreu, wird in der Menschenwelt sein; er wird unser Zeuger sein.'

Wort für Wort
vasava ūcuḥ pratīpasya suto rājā śaṃtanur nāma dhārmikaḥ bhavitā mānuṣe loke sa naḥ kartā bhaviṣyati
Die Vasus sprachen: ‚Der Sohn des Pratīpa, ein König namens Śaṃtanu, dharmatreu, wird in der Menschenwelt sein; er wird unser Zeuger sein.'

gaṅgovāca mamāpy evaṃ mataṃ devā yathāvadata mānaghāḥ priyaṃ tasya kariṣyāmi yuṣmākaṃ caitad īpśitam

Gaṅgā sprach: ‚Auch mir ist es so recht, ihr Götter, wie ihr gesagt habt, ihr Sündenlosen; ich werde ihm zu Gefallen sein, und auch euer Wunsch soll erfüllt werden.'

Wort für Wort
gaṅgovāca mamāpy evaṃ mataṃ devā yathāvadata mānaghāḥ priyaṃ tasya kariṣyāmi yuṣmākaṃ caitad īpśitam
Gaṅgā sprach: ‚Auch mir ist es so recht, ihr Götter, wie ihr gesagt habt, ihr Sündenlosen; ich werde ihm zu Gefallen sein, und auch euer Wunsch soll erfüllt werden.'

vasava ūcuḥ jātān kumārān svān apsu prakṣeptuṃ vai tvam arhasi yathā nacirakālaṃ no niṣkṛtiḥ syāt trilokage

Die Vasus sprachen: ‚Du sollst uns, sobald wir als Knaben geboren sind, ins Wasser werfen, damit unsere Erlösung, o Durchwandlerin der drei Welten, nicht lange auf sich warten lässt.'

Wort für Wort
vasava ūcuḥ jātān kumārān svān apsu prakṣeptuṃ vai tvam arhasi yathā nacirakālaṃ no niṣkṛtiḥ syāt trilokage
Die Vasus sprachen: ‚Du sollst uns, sobald wir als Knaben geboren sind, ins Wasser werfen, damit unsere Erlösung, o Durchwandlerin der drei Welten, nicht lange auf sich warten lässt.'

gaṅgovāca evam etat kariṣyāmi putras tasya vidhīyatām nāsya moghaḥ saṃgamaḥ syāt putrahetor mayā saha

Gaṅgā sprach: ‚So werde ich es tun. Doch soll ihm auch ein Sohn bestimmt werden; nicht vergeblich soll seine Vereinigung mit mir sein, um eines Sohnes willen.'

Wort für Wort
gaṅgovāca evam etat kariṣyāmi putras tasya vidhīyatām nāsya moghaḥ saṃgamaḥ syāt putrahetor mayā saha
Gaṅgā sprach: ‚So werde ich es tun. Doch soll ihm auch ein Sohn bestimmt werden; nicht vergeblich soll seine Vereinigung mit mir sein, um eines Sohnes willen.'

vasava ūcuḥ turīyārdhaṃ pradāsyāmo vīryasyaikaikaśo vayam tena vīryeṇa putras te bhavitā tasya cepsitaḥ

Die Vasus sprachen: ‚Wir werden, jeder von uns, ein Achtel unserer Kraft hingeben [?]; durch diese Kraft wird dir ein Sohn geboren werden, der auch ihm willkommen sein wird.'

Wort für Wort
vasava ūcuḥ turīyārdhaṃ pradāsyāmo vīryasyaikaikaśo vayam tena vīryeṇa putras te bhavitā tasya cepsitaḥ
Die Vasus sprachen: ‚Wir werden, jeder von uns, ein Achtel unserer Kraft hingeben [?]; durch diese Kraft wird dir ein Sohn geboren werden, der auch ihm willkommen sein wird.'

[Anm.: 'turīyārdham' bedeutet wörtlich 'die Hälfte eines Viertels', also ein Achtel – passend zur Achtzahl der Vasus, von denen jeder einen Anteil an der Zeugungskraft beisteuert.]

na saṃpatsyati martyeṣu punas tasya tu saṃtatiḥ tasmād aputraḥ putras te bhaviṣyati sa vīryavān

‚Doch wird seine Nachkommenschaft unter den Sterblichen nicht gedeihen; darum wird dieser dein Sohn, obgleich kraftvoll, selbst sohnlos bleiben.'

Wort für Wort
na saṃpatsyati martyeṣu punas tasya tu saṃtatiḥ tasmād aputraḥ putras te bhaviṣyati sa vīryavān
‚Doch wird seine Nachkommenschaft unter den Sterblichen nicht gedeihen; darum wird dieser dein Sohn, obgleich kraftvoll, selbst sohnlos bleiben.'

vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ te samayaṃ kṛtvā gaṅgayā vasavaḥ saha jagmuḥ prahṛṣṭamanaso yathāsaṃkalpam añjasā

Vaiśaṃpāyana sprach: So schlossen die Vasus mit Gaṅgā diesen Bund; frohen Sinnes gingen sie, ihrem Vorhaben gemäß, alsbald davon.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ te samayaṃ kṛtvā gaṅgayā vasavaḥ saha jagmuḥ prahṛṣṭamanaso yathāsaṃkalpam añjasā
Vaiśaṃpāyana sprach: So schlossen die Vasus mit Gaṅgā diesen Bund; frohen Sinnes gingen sie, ihrem Vorhaben gemäß, alsbald davon.

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