Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Ādiparva

Kapitel 9: Pauloma-parva (Fortsetzung): Pramadvarās Wiederbelebung und Rurus Schlangen-Gelübde Pauloma-parva (Fortsetzung): Pramadvarās Wiederbelebung durch Lebenszeit-Teilung, Hochzeit und Rurus Gelübde gegen die Schlangen — (Kritische Ausgabe, BORI/Poona)

Übersetzt aus der kritischen Ausgabe (Bhandarkar Oriental Research Institute, Poona; lokale GRETIL-Unicode-Transkription, Datei mbh_01_u.htm, Verse „01,009.001“ bis „01,009.022“). Ruru klagt im Wald um die tote Pramadvarā; ein Götterbote (devadūta) bietet ihm ein von den Göttern eingerichtetes Mittel an: er soll ihr die Hälfte seiner eigenen Lebenszeit abtreten. Gandharva-König (Pramadvarās Vater) und Götterbote holen die Zustimmung Dharmarājas (Yama, des Totengottes) ein; Pramadvarā erwacht wieder zum Leben, und die Hochzeit wird vollzogen. Aus Dankbarkeit und Zorn über den Schlangenbiss legt Ruru ein Gelübde ab, fortan alle Schlangen zu töten – eine Vorgeschichte, die später (in der Sarpasatra-Rahmenerzählung) mit Janamejayas eigenem Schlangenopfer zusammenklingt. Der Adhyāya endet mit Rurus Angriff auf einen alten, harmlosen Ḍuṇḍubha, der ihn anspricht — Auftakt zur folgenden Lehre über Gewaltlosigkeit (Adhyāya 10). Wort-für-Wort-Gliederung wie bei den vorigen kritischen Kapiteln: ein Chunk pro Vers-Einheit.

sūta uvāca | teṣu tatropaviṣṭeṣu brāhmaṇeṣu samantataḥ | ruruś cukrośa gahanaṃ vanaṃ gatvā suduḥkhitaḥ

Sūta sprach: Während jene Brahmanen dort ringsum niedersaßen, schrie Ruru, in den dichten Wald gegangen, überaus bekümmert, laut auf.

Wort für Wort
sūta uvāca | teṣu tatropaviṣṭeṣu brāhmaṇeṣu samantataḥ | ruruś cukrośa gahanaṃ vanaṃ gatvā suduḥkhitaḥ
Sūta sprach: Während jene Brahmanen dort ringsum niedersaßen, schrie Ruru, in den dichten Wald gegangen, überaus bekümmert, laut auf.

śokenābhihataḥ so 'tha vilapan karuṇaṃ bahu | abravīd vacanaṃ śocan priyāṃ cintya pramadvarām

Vom Kummer geschlagen, viel Mitleiderregendes klagend, sprach er die Worte, trauernd, an seine Geliebte Pramadvarā denkend:

Wort für Wort
śokenābhihataḥ so 'tha vilapan karuṇaṃ bahu | abravīd vacanaṃ śocan priyāṃ cintya pramadvarām
Vom Kummer geschlagen, viel Mitleiderregendes klagend, sprach er die Worte, trauernd, an seine Geliebte Pramadvarā denkend:

śete sā bhuvi tanvaṅgī mama śokavivardhinī | bāndhavānāṃ ca sarveṣāṃ kiṃ nu duḥkham ataḥ param

„Da liegt sie am Boden, die Schlankgliedrige, die meinen Kummer vermehrt, und den aller meiner Verwandten – was für ein Leid könnte größer sein als dieses?

Wort für Wort
śete sā bhuvi tanvaṅgī mama śokavivardhinī | bāndhavānāṃ ca sarveṣāṃ kiṃ nu duḥkham ataḥ param
„Da liegt sie am Boden, die Schlankgliedrige, die meinen Kummer vermehrt, und den aller meiner Verwandten – was für ein Leid könnte größer sein als dieses?

yadi dattaṃ tapas taptaṃ guravo vā mayā yadi | samyag ārādhitās tena saṃjīvatu mama priyā

Wenn ich Gaben gegeben, Askese geübt habe, oder wenn meine Lehrer von mir recht verehrt worden sind – durch dies möge meine Geliebte wieder lebendig werden.

Wort für Wort
yadi dattaṃ tapas taptaṃ guravo vā mayā yadi | samyag ārādhitās tena saṃjīvatu mama priyā
Wenn ich Gaben gegeben, Askese geübt habe, oder wenn meine Lehrer von mir recht verehrt worden sind – durch dies möge meine Geliebte wieder lebendig werden.

yathā janmaprabhṛti vai yatātmāhaṃ dhṛtavrataḥ | pramadvarā tathādyaiva samuttiṣṭhatu bhāminī

So wie ich seit meiner Geburt beherrscht war und meinen Gelübden treu, so möge Pramadvarā, die Schöne, eben heute noch aufstehen.“

Wort für Wort
yathā janmaprabhṛti vai yatātmāhaṃ dhṛtavrataḥ | pramadvarā tathādyaiva samuttiṣṭhatu bhāminī
So wie ich seit meiner Geburt beherrscht war und meinen Gelübden treu, so möge Pramadvarā, die Schöne, eben heute noch aufstehen.“

devadūta uvāca | abhidhatse ha yad vācā ruro duḥkhena tan mṛṣā | na tu martyasya dharmātmann āyur asti gatāyuṣaḥ

Der Götterbote sprach: „Was du, o Ruru, im Schmerz mit Worten sprichst, das ist vergeblich; denn für einen Sterblichen, o Rechtschaffener, dessen Lebenszeit abgelaufen ist, gibt es kein Leben mehr.

Wort für Wort
devadūta uvāca | abhidhatse ha yad vācā ruro duḥkhena tan mṛṣā | na tu martyasya dharmātmann āyur asti gatāyuṣaḥ
Der Götterbote sprach: „Was du, o Ruru, im Schmerz mit Worten sprichst, das ist vergeblich; denn für einen Sterblichen, o Rechtschaffener, dessen Lebenszeit abgelaufen ist, gibt es kein Leben mehr.

gatāyur eṣā kṛpaṇā gandharvāpsarasoḥ sutā | tasmāc choke manas tāta mā kṛthās tvaṃ kathaṃ cana

Ihre Lebenszeit ist abgelaufen, dieser bemitleidenswerten Tochter des Gandharven und der Apsaras; darum, mein Sohn, richte deinen Sinn keinesfalls auf Kummer.

Wort für Wort
gatāyur eṣā kṛpaṇā gandharvāpsarasoḥ sutā | tasmāc choke manas tāta mā kṛthās tvaṃ kathaṃ cana
Ihre Lebenszeit ist abgelaufen, dieser bemitleidenswerten Tochter des Gandharven und der Apsaras; darum, mein Sohn, richte deinen Sinn keinesfalls auf Kummer.

upāyaś cātra vihitaḥ pūrvaṃ devair mahātmabhiḥ | taṃ yadīcchasi kartuṃ tvaṃ prāpsyasīmāṃ pramadvarām

Doch es gibt hierfür ein Mittel, das einst von den hochgesinnten Göttern eingerichtet wurde; wenn du bereit bist, dieses anzuwenden, wirst du diese Pramadvarā zurückerlangen.“

Wort für Wort
upāyaś cātra vihitaḥ pūrvaṃ devair mahātmabhiḥ | taṃ yadīcchasi kartuṃ tvaṃ prāpsyasīmāṃ pramadvarām
Doch es gibt hierfür ein Mittel, das einst von den hochgesinnten Göttern eingerichtet wurde; wenn du bereit bist, dieses anzuwenden, wirst du diese Pramadvarā zurückerlangen.“

rurur uvāca | ka upāyaḥ kṛto devair brūhi tattvena khecara | kariṣye taṃ tathā śrutvā trātum arhati māṃ bhavān

Ruru sprach: „Welches Mittel wurde von den Göttern eingerichtet? Sage es mir der Wahrheit gemäß, o Luftwandler; ich werde es, sobald ich es gehört habe, so ausführen – du sollst mich retten.“

Wort für Wort
rurur uvāca | ka upāyaḥ kṛto devair brūhi tattvena khecara | kariṣye taṃ tathā śrutvā trātum arhati māṃ bhavān
Ruru sprach: „Welches Mittel wurde von den Göttern eingerichtet? Sage es mir der Wahrheit gemäß, o Luftwandler; ich werde es, sobald ich es gehört habe, so ausführen – du sollst mich retten.“

devadūta uvāca | āyuṣo 'rdhaṃ prayacchasva kanyāyai bhṛgunandana | evam utthāsyati ruro tava bhāryā pramadvarā

Der Götterbote sprach: „Gib die Hälfte deiner Lebenszeit dem Mädchen hin, o Freude der Bhṛgus; so wird deine Gattin Pramadvarā, o Ruru, aufstehen.“

Wort für Wort
devadūta uvāca | āyuṣo 'rdhaṃ prayacchasva kanyāyai bhṛgunandana | evam utthāsyati ruro tava bhāryā pramadvarā
Der Götterbote sprach: „Gib die Hälfte deiner Lebenszeit dem Mädchen hin, o Freude der Bhṛgus; so wird deine Gattin Pramadvarā, o Ruru, aufstehen.“

rurur uvāca | āyuṣo 'rdhaṃ prayacchāmi kanyāyai khecarottama | śṛṅgārarūpābharaṇā uttiṣṭhatu mama priyā

Ruru sprach: „Die Hälfte meiner Lebenszeit gebe ich dem Mädchen hin, o Vortrefflichster der Luftwandler; mit ihrer lieblichen Gestalt und ihrem Schmuck möge meine Geliebte aufstehen.“

Wort für Wort
rurur uvāca | āyuṣo 'rdhaṃ prayacchāmi kanyāyai khecarottama | śṛṅgārarūpābharaṇā uttiṣṭhatu mama priyā
Ruru sprach: „Die Hälfte meiner Lebenszeit gebe ich dem Mädchen hin, o Vortrefflichster der Luftwandler; mit ihrer lieblichen Gestalt und ihrem Schmuck möge meine Geliebte aufstehen.“

sūta uvāca | tato gandharvarājaś ca devadūtaś ca sattamau | dharmarājam upetyedaṃ vacanaṃ pratyabhāṣatām

Sūta sprach: Da gingen der Gandharva-König und der Götterbote, beide vortrefflich, zu Dharmarāja und sprachen zu ihm diese Worte:

Wort für Wort
sūta uvāca | tato gandharvarājaś ca devadūtaś ca sattamau | dharmarājam upetyedaṃ vacanaṃ pratyabhāṣatām
Sūta sprach: Da gingen der Gandharva-König und der Götterbote, beide vortrefflich, zu Dharmarāja und sprachen zu ihm diese Worte:

dharmarāja āyuṣo 'rdhena ruror bhāryā pramadvarā | samuttiṣṭhatu kalyāṇī mṛtaiva yadi manyase

„O Dharmarāja, durch die Hälfte von Rurus Lebenszeit möge Pramadvarā, Rurus Gattin, die Glückverheißende, auferstehen – die ja tot ist –, wenn du zustimmst.“

Wort für Wort
dharmarāja āyuṣo 'rdhena ruror bhāryā pramadvarā | samuttiṣṭhatu kalyāṇī mṛtaiva yadi manyase
„O Dharmarāja, durch die Hälfte von Rurus Lebenszeit möge Pramadvarā, Rurus Gattin, die Glückverheißende, auferstehen – die ja tot ist –, wenn du zustimmst.“

dharmarāja uvāca | pramadvarā ruror bhāryā devadūta yadīcchasi | uttiṣṭhatv āyuṣo 'rdhena ruror eva samanvitā

Dharmarāja sprach: „Wenn du es wünschst, o Götterbote, möge Pramadvarā, Rurus Gattin, durch die Hälfte von eben Rurus Lebenszeit ausgestattet, auferstehen.“

Wort für Wort
dharmarāja uvāca | pramadvarā ruror bhāryā devadūta yadīcchasi | uttiṣṭhatv āyuṣo 'rdhena ruror eva samanvitā
Dharmarāja sprach: „Wenn du es wünschst, o Götterbote, möge Pramadvarā, Rurus Gattin, durch die Hälfte von eben Rurus Lebenszeit ausgestattet, auferstehen.“

sūta uvāca | evam ukte tataḥ kanyā sodatiṣṭhat pramadvarā | ruros tasyāyuṣo 'rdhena supteva varavarṇinī

Sūta sprach: Als dies gesagt war, erhob sich da jenes Mädchen Pramadvarā, mittels der Hälfte von Rurus Lebenszeit, wie aus dem Schlaf erwachend, die Schönfarbige.

Wort für Wort
sūta uvāca | evam ukte tataḥ kanyā sodatiṣṭhat pramadvarā | ruros tasyāyuṣo 'rdhena supteva varavarṇinī
Sūta sprach: Als dies gesagt war, erhob sich da jenes Mädchen Pramadvarā, mittels der Hälfte von Rurus Lebenszeit, wie aus dem Schlaf erwachend, die Schönfarbige.

etad dṛṣṭaṃ bhaviṣye hi ruror uttamatejasaḥ | āyuṣo 'tipravṛddhasya bhāryārthe 'rdhaṃ hrasatv iti

Dies war nämlich vorherbestimmt, dass von Rurus, des höchst glanzvollen, überaus verlängerter Lebenszeit die Hälfte um der Gattin willen abnehmen sollte.

Wort für Wort
etad dṛṣṭaṃ bhaviṣye hi ruror uttamatejasaḥ | āyuṣo 'tipravṛddhasya bhāryārthe 'rdhaṃ hrasatv iti
Dies war nämlich vorherbestimmt, dass von Rurus, des höchst glanzvollen, überaus verlängerter Lebenszeit die Hälfte um der Gattin willen abnehmen sollte.

tata iṣṭe 'hani tayoḥ pitarau cakratur mudā | vivāhaṃ tau ca remāte parasparahitaiṣiṇau

Da vollzogen an einem günstigen Tag ihre beiden Väter mit Freude die Hochzeit, und die beiden, einander wohlgesinnt, ergötzten sich.

Wort für Wort
tata iṣṭe 'hani tayoḥ pitarau cakratur mudā | vivāhaṃ tau ca remāte parasparahitaiṣiṇau
Da vollzogen an einem günstigen Tag ihre beiden Väter mit Freude die Hochzeit, und die beiden, einander wohlgesinnt, ergötzten sich.

sa labdhvā durlabhāṃ bhāryāṃ padmakiñjalkasaprabhām | vrataṃ cakre vināśāya jihmagānāṃ dhṛtavrataḥ

Er, nachdem er die schwer zu erlangende Gattin erlangt hatte, von der Farbe des Lotus-Blütenstaubs, legte, seinen Gelübden treu, das Gelübde ab, die Kriechtiere [Schlangen] zu vernichten.

Wort für Wort
sa labdhvā durlabhāṃ bhāryāṃ padmakiñjalkasaprabhām | vrataṃ cakre vināśāya jihmagānāṃ dhṛtavrataḥ
Er, nachdem er die schwer zu erlangende Gattin erlangt hatte, von der Farbe des Lotus-Blütenstaubs, legte, seinen Gelübden treu, das Gelübde ab, die Kriechtiere [Schlangen] zu vernichten.

sa dṛṣṭvā jihmagān sarvāṃs tīvrakopasamanvitaḥ | abhihanti yathāsannaṃ gṛhya praharaṇaṃ sadā

Sobald er irgendwelche Schlangen erblickte, von heftigem Zorn erfüllt, ergriff er stets eine Waffe und erschlug die ihm Nahegekommenen.

Wort für Wort
sa dṛṣṭvā jihmagān sarvāṃs tīvrakopasamanvitaḥ | abhihanti yathāsannaṃ gṛhya praharaṇaṃ sadā
Sobald er irgendwelche Schlangen erblickte, von heftigem Zorn erfüllt, ergriff er stets eine Waffe und erschlug die ihm Nahegekommenen.

sa kadā cid vanaṃ vipro rurur abhyāgaman mahat | śayānaṃ tatra cāpaśyaḍ ḍuṇḍubhaṃ vayasānvitam

Einst kam der Brahmane Ruru in einen großen Wald und erblickte dort einen schlafenden Ḍuṇḍubha, hochbetagt.

Wort für Wort
sa kadā cid vanaṃ vipro rurur abhyāgaman mahat | śayānaṃ tatra cāpaśyaḍ ḍuṇḍubhaṃ vayasānvitam
Einst kam der Brahmane Ruru in einen großen Wald und erblickte dort einen schlafenden Ḍuṇḍubha, hochbetagt.

tata udyamya daṇḍaṃ sa kāladaṇḍopamaṃ tadā | abhyaghnad ruṣito vipras tam uvācātha ḍuṇḍubhaḥ

Da erhob der zornige Brahmane einen Stock, dem Stab des Todesgottes gleich, und schlug auf ihn ein; da sprach der Ḍuṇḍubha zu ihm:

Wort für Wort
tata udyamya daṇḍaṃ sa kāladaṇḍopamaṃ tadā | abhyaghnad ruṣito vipras tam uvācātha ḍuṇḍubhaḥ
Da erhob der zornige Brahmane einen Stock, dem Stab des Todesgottes gleich, und schlug auf ihn ein; da sprach der Ḍuṇḍubha zu ihm:

nāparādhyāmi te kiṃ cid aham adya tapodhana | saṃrambhāt tat kimarthaṃ mām abhihaṃsi ruṣānvitaḥ

„Ich habe dir heute nichts zuleide getan, o Asketenreicher; weshalb schlägst du mich in Zorn und Wut?“

Wort für Wort
nāparādhyāmi te kiṃ cid aham adya tapodhana | saṃrambhāt tat kimarthaṃ mām abhihaṃsi ruṣānvitaḥ
„Ich habe dir heute nichts zuleide getan, o Asketenreicher; weshalb schlägst du mich in Zorn und Wut?“

[Anm.: Adhyāya 9 endet hier gemäß der lokalen Quelldatei, mitten in der Begegnung mit dem Ḍuṇḍubha (einer harmlosen, ungiftigen Schlangenart); die Antwort und die daraus folgende Belehrung Rurus über Gewaltlosigkeit gegenüber unschädlichen Kriechtieren folgt in Adhyāya 10.]

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