Kapitel 1: brahmapurāṇam, prathamo 'dhyāyaḥ
Anrufung, Kosmogonie und die ersten Manvantaras (Verse 1–56, vollständig)
Adhyāya 1 ist mit Vers 56 vollständig übersetzt (Textgrundlage: GRETIL-Ausgabe, brahmppu.htm). Verse 1–2: Eröffnungs-Lobpreis. Verse 3–20: Naimiṣa-Wald/Opfersitzung. Verse 21–29: dreiteilige Verneigung (Viṣṇu, Brahmā/Götter, Guru Vyāsa). Verse 30–32: Rahmen-Ankündigung. Ab Vers 33: Kosmogonie (Pradhāna→Mahat→Ahaṃkāra, Nārāyaṇa-Etymologie, kosmisches Ei, Brahmās Geburt, sieben Prajāpatis, Rudra und seine Formen, Erschaffung der drei Veden/Sādhyas, der Prajāpati Āpava (= der Puruṣa/Manu Svāyambhuva selbst, wie Adhyāya 2 bestätigt), Virāj/Puruṣa, Einführung des Manvantara-Konzepts, Abschluss-Phalaśruti). Vier Stellen mit [?]/[Anm.] markiert (V.26, V.51, V.53, V.56).
Aus dem diese ganze, aus Vielfalt (prapañca) gebildete Welt der Māyā entsteht, in dem sie besteht und zur Zeit des Endes, Kalpa für Kalpa, wieder vergeht – ihn erlangen die Weisen, ihn meditierend, als die von aller Vielfalt freie, feste Erlösung: ihn verehre ich, den mit Namen Puruṣottama Genannten, den Makellosen, Ewigen, Alldurchdringenden, Unbewegten.
Wort für Wort
yasmāt
aus dem, von dem (Abl.)
sarvam
alles, ganz (Nom./Akk. n.)
idam
dieses (Nom. n.)
prapañca-racitam
aus Vielfalt/Erscheinung gebildet (Nom. n.)
māyā-jagat
die Welt der Māyā (Nom.)
jāyate
entsteht (3. Sg. Präs. Med.)
yasmin
in dem (Lok.)
tiṣṭhati
sie besteht, verweilt (3. Sg. Präs.)
yāti
sie vergeht, geht (3. Sg. Präs.)
ca
und
anta-samaye
zur Zeit des Endes (Lok.)
kalpa-anukalpe
Kalpa für Kalpa, in jedem Weltzeitalter (Lok.)
punaḥ
wieder, aufs Neue
yam
den (Akk.)
dhyātvā
meditierend, nachdem sie meditiert haben (Ger.)
munayaḥ
die Weisen (Nom. Pl.)
prapañca-rahitam
die von Vielfalt freie (Akk.)
vindanti
sie erlangen (3. Pl. Präs.)
mokṣam
die Erlösung (Akk.)
dhruvam
die feste, unwandelbare (Akk.)
tam
ihn (Akk.)
vande
ich verehre (1. Sg. Präs.)
puruṣottama-ākhyam
den mit Namen Puruṣottama (Akk.)
amalam
den Makellosen (Akk.)
nityam
den Ewigen (Akk.)
vibhum
den Alldurchdringenden (Akk.)
niścalam
den Unbewegten (Akk.)
[Anm.: Eröffnungsvers im Śārdūlavikrīḍita-Versmaß.]
Den die Weisen zur Zeit der Versenkung meditieren, den Reinen, dem Äther Gleichenden, den aus ewiger Wonne Bestehenden, den Heiteren, Makellosen, den Herrn von allem, den Eigenschaftslosen, den jenseits von Offenbartem und Unoffenbartem Stehenden, den von aller Vielfalt Freien, den allein durch Meditation Erreichbaren, den Alldurchdringenden – ihn, die Ursache der Vernichtung des Daseinskreislaufs, den Alterlosen, verehre ich: Hari, den Erlösung-Gebenden.
Wort für Wort
yam
den (Akk.)
dhyāyanti
sie meditieren (3. Pl. Präs.)
budhāḥ
die Weisen, Erwachten (Nom. Pl.)
samādhi-samaye
zur Zeit der Versenkung (Lok.)
śuddham
den Reinen (Akk.)
viyat-saṃnibham
dem Himmel/Äther gleichend (Akk.)
nitya-ānanda-mayam
aus ewiger Wonne bestehend (Akk.)
prasannam
den Heiteren, Klaren (Akk.)
amalam
den Makellosen (Akk.)
sarva-īśvaram
den Herrn von allem (Akk.)
nirguṇam
den Eigenschaftslosen (Akk.)
vyakta-avyakta-param
den jenseits von Offenbartem und Unoffenbartem Stehenden (Akk.)
prapañca-rahitam
den von Vielfalt Freien (Akk.)
dhyāna-eka-gamyam
den allein durch Meditation Erreichbaren (Akk.)
vibhum
den Alldurchdringenden (Akk.)
tam
ihn (Akk.)
saṃsāra-vināśa-hetum
die Ursache der Vernichtung des Daseinskreislaufs (Akk.)
kamen dorthin die Weisen und ebenso auch andere Zweifachgeborene.
Wort für Wort
ājagmuḥ
sie kamen (3. Pl. Perf.)
tatra
dorthin
munayaḥ
die Weisen (Nom. Pl.)
tathā
ebenso
anye api
auch andere
dvijātayaḥ
Zweifachgeborene (Nom. Pl.)
[Anm.: Hier endet die mit Vers 3 begonnene lange Satzperiode. Es folgt als Nächstes die namentliche Anrede an den Erzähler und der Beginn der eigentlichen Rahmenhandlung – in einer künftigen Erweiterung.]
[Verehrung sei] dem Unveränderlichen, dem Reinen, dem Ewigen, dem höchsten Selbst, dem von stets gleicher, wahrhafter Gestalt, Viṣṇu, dem alles Bezwingenden,
Wort für Wort
avikārāya
dem Unveränderlichen (Dat.)
śuddhāya
dem Reinen (Dat.)
nityāya
dem Ewigen (Dat.)
parama-ātmane
dem höchsten Selbst (Dat.)
sat-eka-rūpa-rūpāya
dem von stets gleicher, wahrhafter Gestalt (Dat.)
viṣṇave
dem Viṣṇu (Dat.)
sarva-jiṣṇave
dem alles Bezwingenden, Siegreichen (Dat.)
[Anm.: Verse 21–24 bilden eine einzige, durchgehende Anrufung, die erst in Vers 24 mit dem expliziten „namas tasmai … paramātmane“ ihren Hauptsatz erhält.]
Verehrung dem, dessen eigene Gestalt die eine und zugleich die vielfache ist, dem Selbst, das grob und fein zugleich ist, dem, der unoffenbart und offenbart geworden ist, Viṣṇu, der Ursache der Erlösung,
Wort für Wort
eka-aneka-svarūpāya
dem, dessen eigene Form die eine und die vielfache ist (Dat.)
sthūla-sūkṣma-ātmane
dem Selbst, das grob und fein ist (Dat.)
namaḥ
Verehrung
avyakta-vyakta-bhūtāya
dem, der unoffenbart und offenbart geworden ist (Dat.)
der, welcher, alterlos und unsterblich, die Wurzel für Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung der Welt ist – jenem Viṣṇu, dem höchsten Selbst, sei Verehrung.
Nachdem ich mich verneigt habe vor dem, der die Grundlage des Universums ist, dem Feineren als die Feinsten, dem in allen Wesen Weilenden, dem Unvergänglichen, dem höchsten Puruṣa,
Wort für Wort
ādhāra-bhūtam
den, der die Grundlage/Stütze ist (Akk.)
viśvasya
des Universums (Gen.)
api
auch, sogar
aṇīyāṃsam
den Feineren (Akk., Komp. von aṇu)
aṇīyasām
als die Feinsten (Gen. Pl.)
praṇamya
nachdem ich mich verneigt habe (Ger.)
sarva-bhūta-stham
den in allen Wesen Weilenden (Akk.)
acyutam
den Unvergänglichen (Akk.)
puruṣottamam
den höchsten Puruṣa (Akk.)
[Anm.: Mit diesem Vers beginnt eine neue, mit „praṇamya“ (nachdem ich mich verneigt habe) eingeleitete Satzperiode, die über mehrere Verse (25–29) läuft und in Vers 29 mit „vakṣyāmi“ (ich werde erzählen) endet.]
jñānasvarūpam atyantaṃ nirmalaṃ paramārthataḥ | tam evārthasvarūpeṇa bhrāntidarśanataḥ sthitam ||
dessen Wesen – der höchsten Wahrheit nach – völlig reine, makellose Erkenntnis ist; eben ihn, der durch trügerische Wahrnehmung [uns] in Gestalt der [sichtbaren] Wirklichkeit erscheint,
Wort für Wort
jñāna-svarūpam
dessen Wesen Erkenntnis ist (Akk.)
atyantam
gänzlich, äußerst (Akk.)
nirmalam
makellos (Akk.)
parama-arthataḥ
der höchsten Wahrheit nach (Adv.)
tam eva
eben ihn (Akk.)
artha-svarūpeṇa
in Gestalt der [sichtbaren] Wirklichkeit (Instr.)
bhrānti-darśanataḥ
durch trügerische Wahrnehmung (Adv.)
sthitam
der [scheinbar] befindlich ist (Akk.)
[?: Vers philosophisch dicht (vedāntische Illusionslehre); „bhrāntidarśanataḥ sthitam“ hier als „durch trügerische Wahrnehmung [scheinbar] befindlich“ gedeutet.]
Viṣṇu, den Verschlinger des Universums [bei dessen Auflösung], ebenso den Herrn in [dessen] Erhaltung und Schöpfung, den Allwissenden, den Herrscher der Welten, den Ungeborenen, den Unvergänglichen, den Unwandelbaren,
ādyaṃ susūkṣmaṃ viśveśaṃ brahmādīn praṇipatya ca | itihāsapurāṇajñaṃ vedavedāṅgapāragam ||
den Ursprünglichen, überaus Feinen, den Herrn des Universums – und nachdem ich mich auch vor Brahmā und den anderen [Göttern] verneigt habe: den in Geschichte und Purāṇas Kundigen, den, der Veda und Vedāṅgas vollständig durchdrungen hat,
Wort für Wort
ādyam
den Ursprünglichen (Akk.)
su-sūkṣmam
den überaus Feinen (Akk.)
viśva-īśam
den Herrn des Universums (Akk.)
brahma-ādīn
Brahmā und die anderen (Akk. Pl.)
praṇipatya
nachdem ich mich [ihnen] zu Füßen geworfen habe (Ger.)
ca
und
itihāsa-purāṇa-jñam
den in Geschichtswerken und Purāṇas Kundigen (Akk.)
veda-vedāṅga-pāragam
den, der Veda und Vedāṅgas vollständig durchdrungen hat (Akk.)
[Anm.: Ab hier wird der Bezug von der Viṣṇu-Anrufung (Verse 25–27) auf eine zweite Verneigung – vor Brahmā und den Göttern – und dann, ab dieser Zeile, auf eine dritte Verneigung vor dem Guru (Vyāsa, s. Vers 29) umgelenkt; „itihāsapurāṇajñaṃ … pāragam“ beschreibt bereits den Guru, nicht mehr Viṣṇu.]
den die Wahrheit des Sinns aller Lehrschriften Kennenden, den Herrn, den Sohn des Parāśara [Vyāsa] – nachdem ich mich vor dem Guru verneigt habe, werde ich das Purāṇa erzählen, das dem Veda gleichwertig ist.
Wort für Wort
sarva-śāstra-artha-tattva-jñam
den die Wahrheit des Sinns aller Lehrschriften Kennenden (Akk.)
Ich erzähle es so, wie einst, von Dakṣa und anderen besten der Weisen befragt, der Erhabene, der Lotos-Geborene, der Großvater [Brahmā], es verkündete.
Höret! Ich werde vollständig die Erzählung verkünden, die Sünde vernichtet – von mir erzählt, wunderbar, reich an Bedeutung, ausführlich an [vedischer] Überlieferung.
Wer aber diese [Erzählung] beständig im Gedächtnis bewahrt oder sie auch nur wiederholt hört, der wird, nachdem er die Fortdauer seiner eigenen Sippe gesichert hat, in der Himmelswelt geehrt.
Jene unoffenbarte Ursache, die ewig und von der Natur des Seienden und Nicht-Seienden zugleich ist – das Pradhāna [die Urmaterie] –: aus ihr formte der Puruṣa als Īśvara [Herr] das Universum.
Wort für Wort
avyaktam
die unoffenbarte (Akk./Nom. n.)
kāraṇam
die Ursache (Nom.)
yat tat
welche jene (Nom. n.)
nityam
ewig (Nom.)
sat-asat-ātmakam
von der Natur des Seienden und Nicht-Seienden (Nom.)
pradhānam
das Pradhāna, die Urmaterie (Nom.)
puruṣaḥ
der Puruṣa (Nom.)
tasmāt
aus ihr (Abl.)
nirmame
er formte (3. Sg. Perf. Med.)
viśvam
das Universum (Akk.)
īśvaraḥ
als Herr, der Herr (Nom.)
[Anm.: Hier beginnt die eigentliche Kosmogonie, in sāṃkhya-nahen Begriffen (Pradhāna = unmanifeste Urmaterie).]
ahaṃkāras tu mahatas tasmād bhūtāni jajñire | bhūtabhedāś ca bhūtebhya iti sargaḥ sanātanaḥ ||
Aus dem Mahat [dem Prinzip der kosmischen Erkenntnis] aber [entstand] das Ahaṃkāra [Ich-Prinzip]; aus diesem wurden die [groben] Elemente geboren, und aus den Elementen die Unterscheidungen der Elemente – so [verläuft] die ewige Schöpfung.
Und [diese Schöpfung] in ihren Teilen ausführlich, so wie es meinem Wissen und der [vedischen] Überlieferung entspricht, wird nun verkündet – höret sie, euch allen die Ehre mehrend.
Verkündet, mehrt es das Verdienst all derer, deren Ruhm beständig ist. Darauf [wollte] der Erhabene, der Selbstentstandene [Svayaṃbhū], mannigfaltige Geschöpfe erschaffen –
apa eva sasarjādau tāsu vīryam athāsṛjat | āpo nārā iti proktā āpo vai narasūnavaḥ ||
erschuf er zuerst allein das Wasser; dann warf er seinen Samen [seine Kraft] hinein. Die Wasser (āpaḥ) werden „nārāḥ“ genannt, denn die Wasser sind wahrlich die Kinder des Nara.
Wort für Wort
āpaḥ
das Wasser (Akk. Pl., hier als Objekt gebraucht)
eva
allein, gerade
sasarja
er erschuf (3. Sg. Perf.)
ādau
zuerst (Lok.)
tāsu
in jene [Wasser] (Lok. Pl.)
vīryam
den Samen, die Kraft (Akk.)
atha
dann
asṛjat
er warf hinein (3. Sg. Impf.)
āpaḥ
die Wasser (Nom. Pl.)
nārāḥ
„zu Nara gehörig“ (Nom. Pl.)
iti
so
proktāḥ
genannt (Nom. Pl.)
āpaḥ
die Wasser (Nom. Pl.)
vai
wahrlich
nara-sūnavaḥ
die Kinder des Nara (Nom. Pl.)
[Anm.: Volksetymologische Ableitung: nārāḥ („zu Nara gehörig“) → Nārāyaṇa, „dessen Wohnstatt (ayana) die Wasser sind“, s. folgender Vers.]
Darin wurde Brahmā selbst geboren, der Selbstentstandene – so haben wir gehört. Der goldfarbene Erhabene, nachdem er ein volles Jahr [darin] verweilt hatte,
apsu pāriplavāṃ pṛthvīṃ diśaś ca daśadhā dadhe | tatra kālaṃ mano vācaṃ kāmaṃ krodham atho ratim ||
Er setzte die auf den Wassern schwimmende Erde ein sowie die Himmelsrichtungen in zehnfacher Weise; dort [schuf er] Zeit, Denken, Sprache, Verlangen, Zorn und auch Freude.
vasiṣṭhaṃ ca mahātejāḥ so 'sṛjat sapta mānasān | sapta brahmāṇa ity ete purāṇe niścayaṃ gatāḥ ||
und Vasiṣṭha – diese sieben, geistgeborenen [Söhne], erschuf er, der von großer Leuchtkraft. Diese sieben sind es, die im Purāṇa mit Sicherheit als die [sieben] Brahmās gelten.
nārāyaṇātmakānāṃ tu saptānāṃ brahmajanmanām | tato 'sṛjat purā brahmā rudraṃ roṣātmasaṃbhavam ||
Von diesen sieben Brahmā-Geborenen aber, deren Wesen Nārāyaṇa ist, [einer beiseite gelassen] – darauf erschuf Brahmā einst Rudra, entstanden aus der Natur des Zorns.
Wort für Wort
nārāyaṇa-ātmakānām
derer, deren Wesen Nārāyaṇa ist (Gen. Pl.)
tu
aber
saptānām
der sieben (Gen. Pl.)
brahma-janmanām
der Brahmā-Geborenen (Gen. Pl.)
tataḥ
darauf
asṛjat
er erschuf (3. Sg. Impf.)
purā
einst
brahmā
Brahmā (Nom.)
rudram
Rudra (Akk.)
roṣa-ātma-saṃbhavam
entstanden aus der Natur des Zorns (Akk.)
[Anm.: Der genaue Bezug des Genitivs „nārāyaṇātmakānāṃ … saptānāṃ brahmajanmanām“ zum Hauptsatz ist im vorliegenden Vers elliptisch; hier wörtlich als Genitiv-Angabe wiedergegeben, ohne die im Original nicht ausgeführte Verbindung zu ergänzen. Hier endet der bisher übersetzte Abschnitt von Adhyāya 1.]
sanatkumāraṃ ca vibhuṃ pūrveṣām api pūrvajam | saptasv etā ajāyanta prajā rudrāś ca bho dvijāḥ ||
und Sanatkumāra, den Mächtigen, der noch vor den Frühesten geboren war. In den Sieben wurden diese Geschöpfe geboren – die Rudras, o Zweifachgeborene.
Wort für Wort
sanatkumāram
Sanatkumāra (Akk.)
ca
und
vibhum
den Mächtigen, Alldurchdringenden (Akk.)
pūrveṣām api pūrvajam
den noch vor den Frühesten Geborenen (Akk.)
saptasu
in den Sieben (Lok. Pl.)
etāḥ
diese (Nom. Pl. f.)
ajāyanta
sie wurden geboren (3. Pl. Impf. Med.)
prajāḥ
Geschöpfe (Nom. Pl.)
rudrāḥ
die Rudras (Nom. Pl.)
ca
und
bhoḥ dvijāḥ
o Zweifachgeborene (Vok. Pl.)
[?: Bezug von „saptasu“ („in den Sieben“) unklar – möglicherweise auf die zuvor genannten sieben Prajāpatis bezogen, als deren Nachkommenschaft die Rudras erscheinen; hier wörtlich, ohne Ergänzung, wiedergegeben. Hinweis: Die GRETIL-Digitalisierung führte für die folgende Passage bis Vers 50 keine eigenen Versnummern; die Nummerierung 46–50 wurde hier anhand der Anuṣṭubh-Zeilenpaare fortlaufend angesetzt und durch den unmittelbar folgenden, wieder nummerierten Vers 51 der Quelle bestätigt.]
Skanda und Sanatkumāra verharren, ihre Glut zurückgehalten. Von diesen [Rudras] gibt es sieben große, göttliche Geschlechter, begleitet von Scharen der Götter,
kriyāvantaḥ prajāvanto maharṣibhir alaṃkṛtāḥ | vidyuto 'śanimeghāṃś ca rohitendradhanūṃṣi ca ||
reich an [rituellem] Handeln und an Nachkommenschaft, geschmückt durch große Weise. Blitze, Donnerkeile und Wolken, sowie Röte [am Himmel] und Regenbögen,
vayāṃsi ca sasarjādau parjanyaṃ ca sasarja ha | ṛco yajūṃṣi sāmāni nirmame yajñasiddhaye ||
und er erschuf zu Anfang die Vögel, und er erschuf auch Parjanya [den Regengott]. Die Ṛc-Verse, die Yajus-Formeln und die Sāman-Gesänge formte er zur Vollendung des Opfers.
Er erzeugte die Sādhya-Götter – so haben es [die Überliefernden] weitergesagt. Mannigfaltige, hohe und niedrige Wesen wurden aus seinen Gliedern geboren.
Wort für Wort
sādhyān
die Sādhya-Götter (Akk. Pl.)
ajanayat
er erzeugte (3. Sg. Impf.)
devān
Götter (Akk. Pl.)
iti evam
so, auf diese Weise
anusaṃjaguḥ
sie besangen/verkündeten nacheinander (3. Pl. Perf.)
Denn als der Prajāpati Āpava die Schöpfung der Geschöpfe erschuf, vermehrten sich die erschaffen werdenden Geschöpfe keineswegs.
Wort für Wort
āpavasya
des Āpava [Prajāpati-Beiname, Identifikation unsicher] (Gen.)
prajā-sargam
die Geschöpfe-Schöpfung (Akk.)
sṛjataḥ
während er erschuf (Gen., Ptz.)
hi
denn
prajāpateḥ
des Prajāpati (Gen.)
sṛjyamānāḥ
die erschaffen werdenden (Nom. Pl.)
prajāḥ
Geschöpfe (Nom. Pl.)
na eva
keineswegs
vivardhante
sie vermehren sich (3. Pl. Präs.)
yadā tadā
als … da (Korrelativ)
[?: „Āpavasya“ – Identifikation unsicher; das Wort kann ein Beiname eines Prajāpati (evtl. Vasiṣṭha, „Sohn der Gewässer“) sein. Hier unübersetzt als Eigenname stehengelassen.]
dvidhā kṛtvātmano deham ardhena puruṣo 'bhavat | ardhena nārī tasyāṃ tu so 'sṛjad dvividhāḥ prajāḥ ||
Nachdem er seinen eigenen Körper zweigeteilt hatte, wurde er mit der einen Hälfte zum Mann, mit der anderen Hälfte zur Frau; in ihr aber erzeugte er zweifache Geschöpfe.
divaṃ ca pṛthivīṃ caiva mahimnā vyāpya tiṣṭhati | virājam asṛjad viṣṇuḥ so 'sṛjat puruṣaṃ virāṭ ||
Himmel und Erde durchdringend, besteht er durch seine Macht. Viṣṇu erschuf den Virāj; dieser Virāj [wiederum] erschuf den Puruṣa.
Wort für Wort
divam ca pṛthivīm ca eva
Himmel und Erde
mahimnā
durch seine Macht, Größe (Instr.)
vyāpya
durchdringend (Ger.)
tiṣṭhati
er besteht, verweilt (3. Sg. Präs.)
virājam
den Virāj (Akk.)
asṛjat
er erschuf (3. Sg. Impf.)
viṣṇuḥ
Viṣṇu (Nom.)
saḥ
dieser
asṛjat
er erschuf
puruṣam
den Puruṣa (Akk.)
virāṭ
der Virāj (Nom.)
[Anm.: Die Reihenfolge Puruṣa↔Virāj ist hier gegenüber der bekannten Puruṣa-Sūkta-Stelle (Ṛgveda 10.90.5, „virājo adhi pūruṣaḥ“ – dort entsteht der Virāj aus dem Puruṣa) umgekehrt; hier wörtlich wiedergegeben, ohne die Spannung aufzulösen.]
Man erkenne diesen Puruṣa als Manu; sein Weltzeitalter (manvantara) wird überliefert. Dies wird als das zweite Manu-Zeitalter bezeichnet, [das] des geistgeborenen [Manu].
Wort für Wort
puruṣam
den Puruṣa (Akk.)
tam
diesen (Akk.)
manum
als Manu (Akk.)
vidyāt
man möge erkennen (Opt.)
tasya
sein (Gen.)
manvantaram
das Manu-Zeitalter (Nom.)
smṛtam
wird überliefert (Nom.)
dvitīyam
das zweite (Nom.)
mānasasya
des geistgeborenen [Manu] (Gen.)
etat
dies (Nom.)
manoḥ antaram
das Zeitalter des Manu (Nom.)
ucyate
es wird genannt (3. Sg. Präs. Passiv)
[Anm.: Hier bricht der bislang übersetzte Abschnitt von Adhyāya 1 ab – die Fortsetzung (weitere Manvantaras bzw. der Fortgang der Erzählung) folgt in einer künftigen Erweiterung. Grund: Die Quelle ließ sich für den unmittelbar folgenden Abschnitt in dieser Sitzung nicht mehr in ausreichend großen, gesicherten Abschnitten abrufen.]
Jener aus dem Virāj hervorgegangene Puruṣa, der Herr, brachte die Schöpfung der Geschöpfe hervor; auch dessen Geschöpfe, Teil der Emanation des Nārāyaṇa, waren nicht aus einem Mutterschoß geboren.
Langlebig, ruhmreich, verdienstvoll und reich an Nachkommenschaft werde der Mensch, der diese Ur-Schöpfung erkannt hat, und er möge den gewünschten Weg [zur Erlösung] erlangen.
Wort für Wort
āyuṣmān
langlebig (Nom.)
kīrtimān
ruhmreich (Nom.)
puṇyaḥ
verdienstvoll (Nom.)
prajāvān
reich an Nachkommenschaft (Nom.)
ca
und
bhavet
er werde (Opt.)
naraḥ
der Mensch (Nom.)
ādi-sargam
die Ur-Schöpfung (Akk.)
viditvā
nachdem er erkannt hat (Ger.)
imam
diese (Akk.)
yatheṣṭām
die gewünschte (Akk.)
ca
und
āpnuyāt
er möge erlangen (Opt.)
gatim
den Weg, Zustand (Akk.)
[Anm.: Mit diesem Vers endet Adhyāya 1 (Phalaśruti-Formel). Die verfügbare Digitalisierung zeigt keinen gesonderten Kolophon-Satz; die Kapitelgrenze ergibt sich aus dem Sprecherwechsel zu Lomaharṣaṇa und der Neuzählung ab Vers 2.1.]