Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 80: kuśāvartakapotatīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe der Pilgerstätten Kuśāvarta und Kapota

Brahmā beschreibt zunächst kurz das Kuśāvarta-Tīrtha (von Gautama mit Kuśa-Gras gelenktes Gaṅgā-Wasser) und dann ausführlich das Kapota-Tīrtha: Ein grausamer Jäger vom Brahmagiri gerät in einem Unwetter unter einen Baum, auf dem ein Taubenpaar mit seinen Jungen wohnt. Die Täubin ist versehentlich im Käfig des Jägers gefangen; ihr Gatte, sie für tot haltend, klagt über den Verlust und preist ihre Tugenden. Als er sie lebend im Käfig entdeckt, will er sie befreien, doch sie hält ihn – im Geiste der Gastfreundschafts-Lehre (atithi-dharma) – davon ab, den (nun hilflosen, erschöpften) Jäger zu verurteilen; stattdessen bewirtschaften die Tauben ihn mit Feuer und Wärme. Um die Gastpflicht ganz zu erfüllen, opfert sich zuerst der Täuberich, dann die Täubin selbst dem Feuer und wird dafür mit dem Gatten gemeinsam zum Himmel erhoben. Der reuige Jäger wird von dem Taubenpaar angewiesen, sich in der Gautamī zu baden, um von seiner Sünde befreit zu werden und ebenfalls den Himmel zu erlangen; auch er, mit den Tauben vereint, steigt schließlich durch die Macht der Gaṅgā gen Himmel auf. Seitdem heißt die Pilgerstätte 'Kāpota' (die der Taube).

{brahmovāca:} kuśāvartasya māhātmyam ahaṃ vaktuṃ na te kṣamaḥ / tasya smaraṇamātreṇa kṛtakṛtyo bhaven naraḥ //

{Brahmā sprach:} Die Größe des Kuśāvarta vermag ich dir nicht (vollständig) zu verkünden; durch die bloße Erinnerung daran wird ein Mensch zum Vollender seines Zieles.

Wort für Wort
kuśāvartasya māhātmyam aham vaktum na te kṣamaḥ
die Größe des Kuśāvarta vermag ich dir nicht zu verkünden
tasya smaraṇa-mātreṇa kṛta-kṛtyaḥ bhavet naraḥ
durch die bloße Erinnerung daran wird ein Mensch zum Vollender seines Zieles

kuśāvartam iti khyātaṃ narāṇāṃ sarvakāmadam / kuśenāvartitaṃ yatra gautamena mahātmanā //

Kuśāvarta genannt, allen Wünschen der Menschen gewährend – (die Stelle,) wo sie vom hochherzigen Gautama mit Kuśa-Gras umwunden/gelenkt wurde.

Wort für Wort
kuśāvartam iti khyātam narāṇām sarva-kāma-dam
Kuśāvarta genannt, allen Wünschen der Menschen gewährend
kuśena āvartitam yatra gautamena mahātmanā
wo sie vom hochherzigen Gautama mit Kuśa-Gras umwunden/gelenkt wurde

kuśenāvartayitvā tu ānayām āsa tāṃ muniḥ / tatra snānaṃ ca dānaṃ ca pitṝṇāṃ tṛptidāyakam //

Nachdem der Weise sie mit Kuśa-Gras gelenkt hatte, führte er sie dorthin; Bad und Gabe dort gewähren den Ahnen Sättigung.

Wort für Wort
kuśena āvartayitvā tu ānayām āsa tām muniḥ
nachdem der Weise sie mit Kuśa-Gras gelenkt hatte, führte er sie dorthin
tatra snānam ca dānam ca pitṝṇām tṛpti-dāyakam
Bad und Gabe dort gewähren den Ahnen Sättigung

nīlagaṅgā saricchreṣṭhā niḥsṛtā nīlaparvatāt / tatra snānādi yat kiṃcit karoti prayato naraḥ //

Die Nīlagaṅgā, die beste der Flüsse, entsprungen aus dem Nīla-Berg – was auch immer ein geläuterter Mensch dort an Bad usw. verrichtet,

Wort für Wort
nīlagaṅgā sarit-śreṣṭhā niḥsṛtā nīla-parvatāt
die Nīlagaṅgā, die beste der Flüsse, entsprungen aus dem Nīla-Berg
tatra snāna-ādi yat kiṃcit karoti prayataḥ naraḥ
was auch immer ein geläuterter Mensch dort an Bad usw. verrichtet

sarvaṃ tad akṣayaṃ vidyāt pitṝṇāṃ tṛptidāyakam / viśrutaṃ triṣu lokeṣu kapotaṃ tīrtham uttamam //

das alles erkenne man als unvergänglich, den Ahnen Sättigung gewährend. Berühmt in den drei Welten ist die vortreffliche Pilgerstätte Kapota (der Taube).

Wort für Wort
sarvam tat akṣayam vidyāt pitṝṇām tṛpti-dāyakam
das alles erkenne man als unvergänglich, den Ahnen Sättigung gewährend
viśrutam triṣu lokeṣu kapotam tīrtham uttamam
berühmt in den drei Welten ist die vortreffliche Pilgerstätte Kapota

tasya rūpaṃ ca vakṣyāmi mune śṛṇu mahāphalam / tatra brahmagirau kaścid vyādhaḥ paramadāruṇaḥ //

Ihre Geschichte will ich verkünden, o Weiser – höre, (es bringt) großen Lohn –: dort am Brahmagiri (lebte) einst ein überaus grausamer Jäger,

Wort für Wort
tasya rūpam ca vakṣyāmi mune śṛṇu mahā-phalam
ihre Geschichte will ich verkünden, o Weiser, höre, es bringt großen Lohn
tatra brahmagirau kaścit vyādhaḥ parama-dāruṇaḥ
dort am Brahmagiri lebte einst ein überaus grausamer Jäger

hinasti brāhmaṇān sādhūn yatīn gopakṣiṇo mṛgān / evaṃbhūtaḥ sa pāpātmā krodhano 'nṛtabhāṣaṇaḥ //

er tötete Brahmanen, Fromme, Asketen, Kühe, Vögel, Wild; so beschaffen war er – von böser Seele, zornig, lügenredend,

Wort für Wort
hinasti brāhmaṇān sādhūn yatīn go-pakṣiṇaḥ mṛgān
er tötet Brahmanen, Fromme, Asketen, Kühe, Vögel, Wild
evaṃbhūtaḥ sa pāpa-ātmā krodhanaḥ anṛta-bhāṣaṇaḥ
so beschaffen war er, von böser Seele, zornig, lügenredend

bhīṣaṇākṛtir atyugro nīlākṣo hrasvabāhukaḥ / danturo naṣṭanāsākṣo hrasvapāt pṛthukukṣikaḥ //

von furchterregender Gestalt, überaus grimmig, blauäugig, kurzarmig, mit vorstehenden Zähnen, mit verstümmelter Nase [?], kurzfüßig, dickbäuchig,

Wort für Wort
bhīṣaṇa-ākṛtiḥ ati-ugraḥ nīla-akṣaḥ hrasva-bāhukaḥ
von furchterregender Gestalt, überaus grimmig, blauäugig, kurzarmig
danturaḥ naṣṭa-nāsa-akṣaḥ hrasva-pāt pṛthu-kukṣikaḥ
mit vorstehenden Zähnen, mit verstümmelter Nase [?], kurzfüßig, dickbäuchig

[Anm.: 'naṣṭanāsākṣaḥ' (wörtl. etwa 'mit zerstörter Nase/Auge') ist wortbildungsmäßig unklar; hier vorsichtig als 'mit verstümmelter Nase' wiedergegeben.]

hrasvodaro hrasvabhujo vikṛto gardabhasvanaḥ / pāśahastaḥ pāpacittaḥ pāpiṣṭhaḥ sadhanuḥ sadā //

kurzbäuchig, kurzarmig, entstellt, mit Eselsstimme, mit einer Schlinge in der Hand, bösen Sinnes, überaus böse, stets mit Bogen (versehen).

Wort für Wort
hrasva-udaraḥ hrasva-bhujaḥ vikṛtaḥ gardabha-svanaḥ
kurzbäuchig, kurzarmig, entstellt, mit Eselsstimme
pāśa-hastaḥ pāpa-cittaḥ pāpiṣṭhaḥ sa-dhanuḥ sadā
mit einer Schlinge in der Hand, bösen Sinnes, überaus böse, stets mit Bogen

[Anm.: 'hrasvodaraḥ' (kurzbäuchig) steht in scheinbarem Widerspruch zu 'pṛthukukṣikaḥ' (dickbäuchig) in V8 – vermutlich ein bewusst widersprüchliches, monströses Erscheinungsbild.]

tasya bhāryā tathābhūtā apatyāny api nārada / tayā tu preryamāṇo 'sau viveśa gahanaṃ vanam //

Seine Gattin war ebenso beschaffen, (ebenso) seine Kinder, o Nārada; von ihr angetrieben, drang er in den dichten Wald ein.

Wort für Wort
tasya bhāryā tathābhūtā apatyāni api nārada
seine Gattin war ebenso beschaffen, ebenso seine Kinder, o Nārada
tayā tu preryamāṇaḥ asau viveśa gahanam vanam
von ihr angetrieben, drang er in den dichten Wald ein

sa jaghāna mṛgān pāpaḥ pakṣiṇo bahurūpiṇaḥ / pañjare prākṣipat kāṃścij jīvamānāṃs tathetarān //

Er, der Böse, tötete Wild und vielgestaltige Vögel; manche warf er lebend in einen Käfig, andere (tötete er).

Wort für Wort
sa jaghāna mṛgān pāpaḥ pakṣiṇaḥ bahu-rūpiṇaḥ
er, der Böse, tötete Wild und vielgestaltige Vögel
pañjare prākṣipat kāṃścit jīvamānān tathā itarān
manche warf er lebend in einen Käfig, andere ebenso

kṣudhayā paritaptāṅgo vihvalas tṛṣayā tathā / bhrāntadeśo bahutaraṃ nyavartata gṛhaṃ prati //

Mit vor Hunger gequältem Leib, ebenso von Durst überwältigt, nachdem er weite Gegenden durchirrt hatte, kehrte er zum Haus zurück.

Wort für Wort
kṣudhayā parītapta-aṅgaḥ vihvalaḥ tṛṣayā tathā
mit vor Hunger gequältem Leib, ebenso von Durst überwältigt
bhrānta-deśaḥ bahutaram nyavartata gṛham prati
nachdem er weite Gegenden durchirrt hatte, kehrte er zum Haus zurück

tato 'parāhṇe saṃprāpte nivṛtte madhumādhave / kṣaṇāt taḍid garjitaṃ ca sābhraṃ caivābhavat tadā //

Dann, als der Nachmittag angebrochen und der Frühling (madhu-mādhava) vorüber war, entstanden plötzlich Blitz und Donner, und es wurde bewölkt.

Wort für Wort
tataḥ aparāhṇe saṃprāpte nivṛtte madhu-mādhave
dann, als der Nachmittag angebrochen und der Frühling vorüber war
kṣaṇāt taḍit garjitam ca sa-abhram ca eva abhavat tadā
entstanden plötzlich Blitz und Donner, und es wurde bewölkt

vavau vāyuḥ sāśmavarṣo vāridhārātibhīṣaṇaḥ / sa gacchaṃl lubdhakaḥ śrāntaḥ panthānaṃ nāvabudhyata //

Es wehte ein Wind mit Steinregen, überaus furchtbar durch Wasserströme; der gehende Jäger, erschöpft, erkannte den Weg nicht mehr.

Wort für Wort
vavau vāyuḥ sa-aśma-varṣaḥ vāridhārā-ati-bhīṣaṇaḥ
es wehte ein Wind mit Steinregen, überaus furchtbar durch Wasserströme
sa gacchan lubdhakaḥ śrāntaḥ panthānam na avabudhyata
der gehende Jäger, erschöpft, erkannte den Weg nicht mehr

jalaṃ sthalaṃ gartam atho panthānam athavā diśaḥ / na bubodha tadā pāpaḥ śrāntaḥ śaraṇam apy atha //

Wasser, festen Boden, Grube, oder auch Weg oder Himmelsrichtungen erkannte der Böse da nicht mehr, erschöpft, auch keine Zuflucht.

Wort für Wort
jalam sthalam gartam atho panthānam athavā diśaḥ
Wasser, festen Boden, Grube, oder auch Weg oder Himmelsrichtungen
na bubodha tadā pāpaḥ śrāntaḥ śaraṇam api atha
erkannte der Böse da nicht mehr, erschöpft, auch keine Zuflucht

kva gacchāmi kva tiṣṭheyaṃ kiṃ karomīty acintayat / sarveṣāṃ prāṇināṃ prāṇān āhartāhaṃ yathāntakaḥ //

'Wohin soll ich gehen, wo soll ich bleiben, was soll ich tun' – so dachte er: 'Ich bin der Räuber der Lebenskraft aller Lebewesen, wie der Todesgott.'

Wort für Wort
kva gacchāmi kva tiṣṭheyam kim karomi iti acintayat
wohin soll ich gehen, wo soll ich bleiben, was soll ich tun - so dachte er
sarveṣām prāṇinām prāṇān āhartā aham yathā antakaḥ
der Lebenskraft aller Lebewesen Räuber bin ich, wie der Todesgott

mamāpy antakaraṃ bhūtaṃ saṃprāptaṃ cāśmavarṣaṇam / trātāraṃ naiva paśyāmi śilāṃ vā vṛkṣam antike //

Auch für mich ist nun das todbringende Ereignis, der Steinregen, eingetreten; einen Retter sehe ich nicht, noch einen Fels oder Baum in der Nähe.

Wort für Wort
mama api antakaram bhūtam saṃprāptam ca aśma-varṣaṇam
auch für mich ist nun das todbringende Ereignis, der Steinregen, eingetreten
trātāram na eva paśyāmi śilām vā vṛkṣam antike
einen Retter sehe ich gar nicht, noch einen Fels oder Baum in der Nähe

evaṃ bahuvidhaṃ vyādho vicintyāpaśyad antike / vane vanaspatim iva nakṣatrāṇāṃ yathātrijam //

So auf vielerlei Weise nachdenkend, erblickte der Jäger in der Nähe im Wald einen großen Baum, wie man unter den Gestirnen den Mondsohn des Atri (erblickt).

Wort für Wort
evam bahuvidham vyādhaḥ vicintya apaśyat antike
so auf vielerlei Weise nachdenkend, erblickte der Jäger in der Nähe
vane vanaspatim iva nakṣatrāṇām yathā ātrijam
im Wald einen großen Baum, wie unter den Gestirnen den Mondsohn des Atri

[Anm.: 'ātrijam' bezieht sich auf den Mondgott als 'Sohn des Atri'.]

mṛgāṇāṃ ca yathā siṃham āśramāṇāṃ gṛhādhipam / indriyāṇāṃ mana iva trātāraṃ prāṇināṃ nagam //

wie unter den Tieren den Löwen, wie unter den Einsiedeleien den Hausherrn, wie unter den Sinnesorganen den Geist – (so erblickte er) den Baum als Retter der Lebewesen,

Wort für Wort
mṛgāṇām ca yathā siṃham āśramāṇām gṛha-adhipam
wie unter den Tieren den Löwen, wie unter den Einsiedeleien den Hausherrn
indriyāṇām manaḥ iva trātāram prāṇinām nagam
wie unter den Sinnesorganen den Geist - (so erblickte er) den Baum als Retter der Lebewesen

śreṣṭhaṃ viṭapinaṃ śubhraṃ śākhāpallavamaṇḍitam / tam āśrityopaviṣṭo 'bhūt klinnavāsā sa lubdhakaḥ //

den vortrefflichen, glänzenden Baum, geschmückt mit Zweigen und Sprossen; sich an ihn lehnend, setzte sich der Jäger mit durchnässtem Gewand nieder.

Wort für Wort
śreṣṭham viṭapinam śubhram śākhā-pallava-maṇḍitam
den vortrefflichen, glänzenden Baum, geschmückt mit Zweigen und Sprossen
tam āśritya upaviṣṭaḥ abhūt klinna-vāsāḥ sa lubdhakaḥ
sich an ihn lehnend, setzte sich der Jäger mit durchnässtem Gewand nieder

smaran bhāryām apatyāni jīveyur athavā na vā / etasminn antare tatra cāstaṃ prāpto divākaraḥ //

An Gattin und Kinder denkend, (ob sie) wohl leben oder nicht – in diesem Augenblick war dort die Sonne untergegangen.

Wort für Wort
smaran bhāryām apatyāni jīveyuḥ athavā na vā
an Gattin und Kinder denkend, ob sie wohl leben oder nicht
etasmin antare tatra ca astam prāptaḥ divākaraḥ
in diesem Augenblick war dort die Sonne untergegangen

tam eva nagam āśritya kapoto bhāryayā saha / putrapautraiḥ parivṛto hy āste tatra nagottame //

Eben auf diesem Baum, zusammen mit seiner Gattin, umgeben von Söhnen und Enkeln, wohnte eine Taube dort auf dem vortrefflichen Baum.

Wort für Wort
tam eva nagam āśritya kapotaḥ bhāryayā saha
eben auf diesem Baum, zusammen mit seiner Gattin, wohnte eine Taube
putra-pautraiḥ parivṛtaḥ hi āste tatra naga-uttame
umgeben von Söhnen und Enkeln wohnte sie dort auf dem vortrefflichen Baum

sukhena nirbhayo bhūtvā sutṛptaḥ prīta eva ca / bahavo vatsarā yātā vasatas tasya pakṣiṇaḥ //

Glücklich, furchtlos geworden, wohlgesättigt und erfreut – viele Jahre vergingen, während dieser Vogel dort wohnte.

Wort für Wort
sukhena nirbhayaḥ bhūtvā su-tṛptaḥ prītaḥ eva ca
glücklich, furchtlos geworden, wohlgesättigt und erfreut
bahavaḥ vatsarāḥ yātāḥ vasataḥ tasya pakṣiṇaḥ
viele Jahre vergingen, während dieser Vogel dort wohnte

pativratā tasya bhāryā suprītā tena caiva hi / koṭare tannage śreṣṭhe jalavāyvagnivarjite //

Seine Gattin, ihrem Gatten treu ergeben, war fürwahr sehr glücklich mit ihm, in einer Höhlung jenes vortrefflichen Baumes, die frei war von Wasser, Wind und Feuer.

Wort für Wort
pativratā tasya bhāryā su-prītā tena ca eva hi
seine Gattin, dem Gatten treu ergeben, war fürwahr sehr glücklich mit ihm
koṭare tat-nage śreṣṭhe jala-vāyu-agni-varjite
in einer Höhlung jenes vortrefflichen Baumes, frei von Wasser, Wind und Feuer

bhāryāputraiḥ parivṛtaḥ sarvadāste kapotakaḥ / tasmin dine daivavaśāt kapotaś ca kapotakī //

Umgeben von Gattin und Söhnen wohnte die Taube dort stets; an jenem Tag, durch Schicksalsfügung, gingen die Taube und die Täubin –

Wort für Wort
bhāryā-putraiḥ parivṛtaḥ sarvadā āste kapotakaḥ
umgeben von Gattin und Söhnen wohnte die Taube dort stets
tasmin dine daiva-vaśāt kapotaḥ ca kapotakī
an jenem Tag, durch Schicksalsfügung, gingen die Taube und die Täubin

bhakṣyārthaṃ tu ubhau yātau kapoto nagam abhyagāt / sāpi daivavaśāt putra pañjarasthaiva vartate //

beide zogen aus, um Nahrung zu suchen; die Taube kehrte zum Baum zurück – sie aber befand sich, o Sohn, durch Schicksalsfügung bereits im Käfig.

Wort für Wort
bhakṣya-artham tu ubhau yātau kapotaḥ nagam abhyagāt
beide zogen aus, um Nahrung zu suchen; die Taube kehrte zum Baum zurück
sā api daiva-vaśāt putra pañjara-sthā eva vartate
sie aber befand sich, o Sohn, durch Schicksalsfügung bereits im Käfig

gṛhītā lubdhakenātha jīvamāneva vartate / kapotako 'py apatyāni mātṛhīnāny udīkṣya ca //

Vom Jäger ergriffen, befand sie sich (dort), noch lebend; die Taube aber, als sie ihre mutterlosen Kinder erblickte,

Wort für Wort
gṛhītā lubdhakena atha jīvamānā eva vartate
vom Jäger ergriffen, befand sie sich noch lebend
kapotakaḥ api apatyāni mātṛ-hīnāni udīkṣya ca
die Taube aber, als sie ihre mutterlosen Kinder erblickte

varṣaṃ ca bhīṣaṇaṃ prāptam astaṃ yāto divākaraḥ / svakoṭaraṃ tayā hīnam ālokya vilalāpa saḥ //

und den furchtbaren Regen hereingebrochen und die Sonne untergegangen sah, und seine eigene Höhlung ohne sie erblickte, klagte er.

Wort für Wort
varṣam ca bhīṣaṇam prāptam astam yātaḥ divākaraḥ
und den furchtbaren Regen hereingebrochen und die Sonne untergegangen sah
svakoṭaram tayā hīnam ālokya vilalāpa saḥ
und seine eigene Höhlung ohne sie erblickte, klagte er

tāṃ baddhāṃ pañjarasthāṃ vā na bubodha kapotarāṭ / anvārebhe kapoto vai priyāyā guṇakīrtanam //

Dass sie gefesselt im Käfig war, wusste der Taubenfürst nicht; die Taube begann, die Tugenden der Geliebten zu preisen.

Wort für Wort
tām baddhām pañjara-sthām vā na bubodha kapota-rāṭ
dass sie gefesselt im Käfig war, wusste der Taubenfürst nicht
anvārebhe kapotaḥ vai priyāyāḥ guṇa-kīrtanam
die Taube begann fürwahr, die Tugenden der Geliebten zu preisen

nādyāpy āyāti kalyāṇī mama harṣavivardhinī / mama dharmasya jananī mama dehasya ceśvarī //

'Noch immer kommt nicht die Holde, die meine Freude mehrt, die Mutter meines Dharma und die Herrin meines Leibes.'

Wort für Wort
na adya api āyāti kalyāṇī mama harṣa-vivardhinī
noch immer kommt nicht die Holde, die meine Freude mehrt
mama dharmasya jananī mama dehasya ca īśvarī
die Mutter meines Dharma und die Herrin meines Leibes

dharmārthakāmamokṣāṇāṃ saiva nityaṃ sahāyinī / tuṣṭe hasantī ruṣṭe ca mama duḥkhapramārjanī //

'Von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa ist eben sie stets die Gefährtin; wenn ich zufrieden bin, lachend, und wenn ich zornig bin, meines Leides Tilgerin,

Wort für Wort
dharma-artha-kāma-mokṣāṇām sā eva nityam sahāyinī
von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa ist eben sie stets die Gefährtin
tuṣṭe hasantī ruṣṭe ca mama duḥkha-pramārjanī
wenn ich zufrieden bin, lachend, und wenn ich zornig bin, meines Leides Tilgerin

sakhī mantreṣu sā nityaṃ mama vākyaratā sadā / nādyāpy āyāti kalyāṇī saṃprayāte 'pi bhāskare //

die Freundin in Beratungen ist sie stets, an meinen Worten stets erfreut; noch immer kommt die Holde nicht, obwohl die Sonne schon vergangen ist.'

Wort für Wort
sakhī mantreṣu sā nityam mama vākya-ratā sadā
die Freundin in Beratungen ist sie stets, an meinen Worten stets erfreut
na adya api āyāti kalyāṇī saṃprayāte api bhāskare
noch immer kommt die Holde nicht, obwohl die Sonne schon vergangen ist

na jānāti vrataṃ mantraṃ daivaṃ dharmārtham eva ca / pativratā patiprāṇā patimantrā patipriyā //

'(Sie, die jetzt) Gelübde, Rat, Schicksal und Dharma-Artha nicht (mehr beachtet) – sie, dem Gatten treu ergeben, dem Gatten ihr Leben (weihend), dem Gatten in Gedanken (verbunden), dem Gatten lieb –'

Wort für Wort
na jānāti vratam mantram daivam dharma-artham eva ca
sie beachtet jetzt nicht mehr Gelübde, Rat, Schicksal und Dharma-Artha
pativratā pati-prāṇā pati-mantrā pati-priyā
sie, dem Gatten treu ergeben, dem Gatten ihr Leben weihend, dem Gatten in Gedanken verbunden, dem Gatten lieb

[Anm.: Der Vers setzt die Klage der Taube fort; grammatischer Anschluss an den vorherigen Vers bleibt im Original elliptisch.]

nādyāpy āyāti kalyāṇī kiṃ karomi kva yāmi vā / kiṃ me gṛhaṃ kānanaṃ ca tayā hīnaṃ hi dṛśyate //

'Noch immer kommt die Holde nicht; was soll ich tun, wohin soll ich gehen? Was ist mir Haus und Wald, ohne sie erscheint (alles) leer.'

Wort für Wort
na adya api āyāti kalyāṇī kim karomi kva yāmi vā
noch immer kommt die Holde nicht; was soll ich tun, wohin soll ich gehen
kim me gṛham kānanam ca tayā hīnam hi dṛśyate
was ist mir Haus und Wald, ohne sie erscheint alles leer

tayā yuktaṃ śriyā yuktaṃ bhīṣaṇaṃ vāpi śobhanam / nādyāpy āyāti me kāntā yayā gṛham udīritam //

'Mit ihr vereint, mit Glanz vereint, (sei es sonst) furchtbar oder schön – noch immer kommt meine Geliebte nicht, durch die (erst) das Haus (zum Haus) erklärt wird.'

Wort für Wort
tayā yuktam śriyā yuktam bhīṣaṇam vā api śobhanam
mit ihr vereint, mit Glanz vereint, sei es sonst furchtbar oder schön
na adya api āyāti me kāntā yayā gṛham udīritam
noch immer kommt meine Geliebte nicht, durch die das Haus zum Haus erklärt wird

vinānayā na jīviṣye tyaje vāpi priyāṃ tanum / kiṃ kurvantu tv apatyāni luptadharmas tv ahaṃ punaḥ //

'Ohne sie werde ich nicht leben, oder ich gebe meinen lieben Leib auf; doch was sollen die Kinder tun? Ich aber wäre (dann) meines Dharma verlustig.'

Wort für Wort
vinā anayā na jīviṣye tyaje vā api priyām tanum
ohne sie werde ich nicht leben, oder ich gebe meinen lieben Leib auf
kim kurvantu tu apatyāni lupta-dharmaḥ tu aham punaḥ
doch was sollen die Kinder tun? Ich aber wäre dann meines Dharma verlustig

evaṃ vilapatas tasya bhartur vākyaṃ niśamya sā / pañjarasthaiva sā vākyaṃ bhartāram idam abravīt //

Als sie, noch im Käfig befindlich, die Worte ihres so klagenden Gatten vernahm, sprach sie zu ihrem Gatten diese Worte:

Wort für Wort
evam vilapataḥ tasya bhartuḥ vākyam niśamya sā
als sie die Worte ihres so klagenden Gatten vernahm
pañjara-sthā eva sā vākyam bhartāram idam abravīt
sprach sie, noch im Käfig befindlich, zu ihrem Gatten diese Worte

{kapotaky uvāca:} atrāham asmi baddhaiva vivaśāsmi khagottama / ānītāhaṃ lubdhakena baddhā pāśair mahāmate //

{Die Täubin sprach:} Hier bin ich, gefesselt, ohnmächtig bin ich, o bester der Vögel; hierher gebracht wurde ich vom Jäger, gefesselt mit Schlingen, o Hochsinniger.

Wort für Wort
atra aham asmi baddhā eva vivaśā asmi khaga-uttama
hier bin ich, gefesselt, ohnmächtig bin ich, o bester der Vögel
ānītā aham lubdhakena baddhā pāśaiḥ mahāmate
hierher gebracht wurde ich vom Jäger, gefesselt mit Schlingen, o Hochsinniger

dhanyāsmy anugṛhītāsmi patir vakti guṇān mama / sato vāpy asato vāpi kṛtārthāhaṃ na saṃśayaḥ //

Glücklich bin ich, begnadet bin ich, dass der Gatte meine Tugenden preist, seien sie wahr oder unwahr; ich bin zweifellos meines Zieles teilhaftig geworden.

Wort für Wort
dhanyā asmi anugṛhītā asmi patiḥ vakti guṇān mama
glücklich bin ich, begnadet bin ich, dass der Gatte meine Tugenden preist
sataḥ vā api asataḥ vā api kṛtārthā aham na saṃśayaḥ
seien sie wahr oder unwahr, ich bin zweifellos meines Zieles teilhaftig geworden

tuṣṭe bhartari nārīṇāṃ tuṣṭāḥ syuḥ sarvadevatāḥ / viparyaye tu nārīṇām avaśyaṃ nāśam āpnuyāt //

Wenn der Gatte einer Frau zufrieden ist, sind alle Gottheiten zufrieden; im Gegenteil (wenn er unzufrieden ist), gerät die Frau unweigerlich ins Verderben.

Wort für Wort
tuṣṭe bhartari nārīṇām tuṣṭāḥ syuḥ sarva-devatāḥ
wenn der Gatte einer Frau zufrieden ist, sind alle Gottheiten zufrieden
viparyaye tu nārīṇām avaśyam nāśam āpnuyāt
im Gegenteil gerät die Frau unweigerlich ins Verderben

tvaṃ daivaṃ tvaṃ prabhur mahyaṃ tvaṃ suhṛt tvaṃ parāyaṇam / tvaṃ vrataṃ tvaṃ paraṃ brahma svargo mokṣas tvam eva ca //

Du bist mein Schicksal, du mein Herr, du mein Freund, du meine höchste Zuflucht; du bist mein Gelübde, du das höchste Brahman, Himmel und Erlösung bist du fürwahr.

Wort für Wort
tvam daivam tvam prabhuḥ mahyam tvam suhṛt tvam parāyaṇam
du bist mein Schicksal, du mein Herr, du mein Freund, du meine höchste Zuflucht
tvam vratam tvam param brahma svargaḥ mokṣaḥ tvam eva ca
du bist mein Gelübde, du das höchste Brahman, Himmel und Erlösung bist du fürwahr

[Anm.: Im Original springt die Verszählung nach V41 direkt zu V43 – V42 fehlt in der Quelle.]

mā cintāṃ kuru kalyāṇa dharme buddhiṃ sthirāṃ kuru / tvatprasādāc ca bhuktā hi bhogāś ca vividhā mayā / alaṃ khedena majjena dharme buddhiṃ kuru sthirām //

Sei nicht bekümmert, Holder, richte deinen Sinn fest auf den Dharma; durch deine Gnade wurden ja auch von mir mancherlei Genüsse genossen. Genug des (dich) versenkenden Kummers [?] – richte deinen Sinn fest auf den Dharma.

Wort für Wort
mā cintām kuru kalyāṇa dharme buddhim sthirām kuru
sei nicht bekümmert, Holder, richte deinen Sinn fest auf den Dharma
tvat-prasādāt ca bhuktāḥ hi bhogāḥ ca vividhāḥ mayā
durch deine Gnade wurden ja auch von mir mancherlei Genüsse genossen
alam khedena majjena dharme buddhim kuru sthirām
genug des versenkenden Kummers [?] - richte deinen Sinn fest auf den Dharma

[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original. 'majjena' ist lexikalisch unsicher, hier als Adjektiv zu 'khedena' ('versenkend') gedeutet.]

{brahmovāca:} iti śrutvā priyāvākyam uttatāra nagottamāt / yatra sā pañjarasthā tu kapotī vartate tvaram //

{Brahmā sprach:} Nachdem er diese Worte der Geliebten vernommen hatte, stieg er eilends vom vortrefflichen Baum herab, dorthin, wo sich die im Käfig befindliche Täubin aufhielt.

Wort für Wort
iti śrutvā priyā-vākyam uttatāra naga-uttamāt
nachdem er diese Worte der Geliebten vernommen hatte, stieg er vom vortrefflichen Baum herab
yatra sā pañjara-sthā tu kapotī vartate tvaram
eilends dorthin, wo sich die im Käfig befindliche Täubin aufhielt

tām āgatya priyāṃ dṛṣṭvā mṛtavac cāpi lubdhakam / mocayāmīti tām āha niśceṣṭo lubdhako 'dhunā //

Dorthin gekommen, die Geliebte erblickend, und auch den Jäger wie tot (reglos), sprach er zu ihr: 'Ich befreie (dich).' Der Jäger war jetzt regungslos.

Wort für Wort
tām āgatya priyām dṛṣṭvā mṛtavat ca api lubdhakam
dorthin gekommen, die Geliebte erblickend, und auch den Jäger wie tot
mocayāmi iti tām āha niśceṣṭaḥ lubdhakaḥ adhunā
sprach er zu ihr: 'Ich befreie dich' - der Jäger war jetzt regungslos

mā muñcasva mahābhāga jñātvā saṃbandham asthiram / lubdhānāṃ khecarā hy annaṃ jīvo jīvasya cāśanam //

'Befreie (ihn) nicht, o Hochgesegneter, da du weißt, dass die Bindung (zwischen Beute und Jäger) unbeständig ist; für die Gierigen sind fürwahr die Vögel Speise – ein Lebewesen ist des anderen Lebewesens Nahrung.'

Wort für Wort
mā muñcasva mahābhāga jñātvā saṃbandham asthiram
befreie ihn nicht, o Hochgesegneter, da du weißt, dass die Bindung unbeständig ist
lubdhānām khecarāḥ hi annam jīvaḥ jīvasya ca aśanam
für die Gierigen sind fürwahr die Vögel Speise, ein Lebewesen ist des anderen Nahrung

[Anm.: Im Original folgt hier kein neuer Sprecherwechsel-Vermerk; nach dem Sinn handelt es sich um die fortgesetzte Rede der Täubin, die ihren Gatten von der Freilassung des Jägers abzubringen versucht bzw. ihn zur Gastfreundschaft anhält (bis V55, wo mit {kapota uvāca:} wieder ein expliziter Sprecherwechsel erfolgt).]

nāparādhaṃ smarāmy asya dharmabuddhiṃ sthirāṃ kuru / gurur agnir dvijātīnāṃ varṇānāṃ brāhmaṇo guruḥ //

'Ich gedenke keiner Schuld bei ihm; richte deinen Sinn fest auf den Dharma. Der Lehrer der Zweifachgeborenen ist das Feuer, der Lehrer der (übrigen) Stände ist der Brahmane,'

Wort für Wort
na aparādham smarāmi asya dharma-buddhim sthirām kuru
ich gedenke keiner Schuld bei ihm; richte deinen Sinn fest auf den Dharma
guruḥ agniḥ dvijātīnām varṇānām brāhmaṇaḥ guruḥ
der Lehrer der Zweifachgeborenen ist das Feuer, der Lehrer der Stände ist der Brahmane

patir eva guruḥ strīṇāṃ sarvasyābhyāgato guruḥ / abhyāgatam anuprāptaṃ vacanais toṣayanti ye //

'der Gatte allein ist der Lehrer der Frauen, aller (Wesen) Lehrer ist der Gast. Diejenigen, die den angekommenen Gast mit Worten erfreuen,'

Wort für Wort
patiḥ eva guruḥ strīṇām sarvasya abhyāgataḥ guruḥ
der Gatte allein ist der Lehrer der Frauen, aller Wesen Lehrer ist der Gast
abhyāgatam anuprāptam vacanaiḥ toṣayanti ye
diejenigen, die den angekommenen Gast mit Worten erfreuen

teṣāṃ vāgīśvarī devī tṛptā bhavati niścitam / tasyānnasya pradānena śakras tṛptim avāpnuyāt //

'deren wird die Göttin der Rede gewiss zufrieden. Durch die Gabe von dessen Speise erlangt Indra Sättigung,'

Wort für Wort
teṣām vāg-īśvarī devī tṛptā bhavati niścitam
deren wird die Göttin der Rede gewiss zufrieden
tasya annasya pradānena śakraḥ tṛptim avāpnuyāt
durch die Gabe von dessen Speise erlangt Indra Sättigung

pitaraḥ pādaśaucena annādyena prajāpatiḥ / tasyopacārād vai lakṣmīr viṣṇunā prītim āpnuyāt //

'die Ahnen durch das Waschen seiner Füße, Prajāpati durch die Speise; durch seine Bewirtung erlangt fürwahr Lakṣmī zusammen mit Viṣṇu Freude,'

Wort für Wort
pitaraḥ pāda-śaucena anna-ādyena prajāpatiḥ
die Ahnen durch das Waschen seiner Füße, Prajāpati durch die Speise
tasya upacārāt vai lakṣmīḥ viṣṇunā prītim āpnuyāt
durch seine Bewirtung erlangt fürwahr Lakṣmī zusammen mit Viṣṇu Freude

śayane sarvadevās tu tasmāt pūjyatamo 'tithiḥ / abhyāgatam anuśrāntaṃ sūryoḍhaṃ gṛham āgatam //

'durch das Lager alle Götter; deshalb ist der Gast der am meisten zu Verehrende: den angekommenen, erschöpften, den ganzen Tag von der Sonne begleiteten, ins Haus gekommenen (Gast)

Wort für Wort
śayane sarva-devāḥ tu tasmāt pūjya-tamaḥ atithiḥ
durch das Lager alle Götter; deshalb ist der Gast der am meisten zu Verehrende
abhyāgatam anuśrāntam sūrya-ūḍham gṛham āgatam
den angekommenen, erschöpften, von der Sonne begleiteten, ins Haus gekommenen Gast

[Anm.: 'sūryoḍham' (wörtl. 'von der Sonne getragen') hier als 'den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt/von ihr begleitet' gedeutet.]

abhyāgataṃ śrāntam anuvrajanti / devāś ca sarve pitaro 'gnayaś ca / tasmin hi tṛpte mudam āpnuvanti / gate nirāśe 'pi ca te nirāśāḥ //

'dem erschöpften Gast folgen alle Götter, die Ahnen und die Feuer; wenn dieser gesättigt ist, erlangen sie Freude; ist er (aber) unerfüllt fortgegangen, sind auch sie unerfüllt.'

Wort für Wort
abhyāgatam śrāntam anuvrajanti devāḥ ca sarve pitaraḥ agnayaḥ ca
dem erschöpften Gast folgen alle Götter, die Ahnen und die Feuer
tasmin hi tṛpte mudam āpnuvanti gate nirāśe api ca te nirāśāḥ
wenn dieser gesättigt ist, erlangen sie Freude; ist er unerfüllt fortgegangen, sind auch sie unerfüllt

[Anm.: Vierzeiliger Vers in längerem Versmaß (a/b/c/d), im Original unter einer einzigen Nummer.]

tasmāt sarvātmanā kānta duḥkhaṃ tyaktvā śamaṃ vraja / kṛtvā tiṣṭha śubhāṃ buddhiṃ dharmakṛtyaṃ samācara //

'Deshalb, Geliebter, gib mit ganzer Seele den Kummer auf und gehe zur Ruhe; fasse einen guten Entschluss und verrichte dein Dharma-Werk.'

Wort für Wort
tasmāt sarva-ātmanā kānta duḥkham tyaktvā śamam vraja
deshalb, Geliebter, gib mit ganzer Seele den Kummer auf und gehe zur Ruhe
kṛtvā tiṣṭha śubhām buddhim dharma-kṛtyam samācara
fasse einen guten Entschluss und verrichte dein Dharma-Werk

upakāro 'pakāraś ca pravarāv iti saṃmatau / upakāriṣu sarvo 'pi karoty upakṛtiṃ punaḥ //

'Wohltat und Untat gelten als die beiden wichtigsten (Dinge); gegenüber Wohltätern erweist jeder wiederum eine Wohltat,'

Wort für Wort
upakāraḥ apakāraḥ ca pravarau iti saṃmatau
Wohltat und Untat gelten als die beiden wichtigsten Dinge
upakāriṣu sarvaḥ api karoti upakṛtim punaḥ
gegenüber Wohltätern erweist jeder wiederum eine Wohltat

apakāriṣu yaḥ sādhuḥ puṇyabhāk sa udāhṛtaḥ //

'wer aber gegenüber Übeltätern gut (bleibt), der wird als verdienstvoll bezeichnet.'

Wort für Wort
apakāriṣu yaḥ sādhuḥ puṇya-bhāk sa udāhṛtaḥ
wer aber gegenüber Übeltätern gut bleibt, der wird als verdienstvoll bezeichnet

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert – evtl. unvollständig überliefert; damit endet die (untertitellose) Rede der Täubin.]

{kapota uvāca:} āvayor anurūpaṃ ca tvayoktaṃ sādhu manyase / kiṃtu vaktavyam apy asti tac chṛṇuṣva varānane //

{Die Taube sprach:} Was du gesagt hast, entspricht uns beiden, und du hältst es für gut; doch es gibt noch etwas, was gesagt werden muss – höre das, o Schönantlitzige.

Wort für Wort
āvayoḥ anurūpam ca tvayā uktam sādhu manyase
was du gesagt hast, entspricht uns beiden, und du hältst es für gut
kiṃtu vaktavyam api asti tat śṛṇuṣva vara-ānane
doch es gibt noch etwas, was gesagt werden muss - höre das, o Schönantlitzige

sahasraṃ bharate kaścit chatam anyo daśāparaḥ / ātmānaṃ ca sukhenānyo vayaṃ kaṣṭodaraṃbharāḥ //

'Mancher ernährt tausend (Menschen), ein anderer hundert, ein anderer zehn, ein anderer (nur) sich selbst mit Leichtigkeit; wir aber füllen unseren Bauch nur mit Mühe.'

Wort für Wort
sahasram bharate kaścit śatam anyaḥ daśa aparaḥ
mancher ernährt tausend, ein anderer hundert, ein anderer zehn
ātmānam ca sukhena anyaḥ vayam kaṣṭa-udaraṃ-bharāḥ
ein anderer sich selbst mit Leichtigkeit, wir aber füllen unseren Bauch nur mit Mühe

gartadhānyadhanāḥ kecit kuśūladhanino 'pare / ghaṭakṣiptadhanāḥ kecic cañcukṣiptadhanā vayam //

'Manche haben ihren Reichtum an Korn in einer Grube, andere haben ihren Reichtum im Kornspeicher; manche haben ihren Reichtum in einem Topf verwahrt, wir aber (nur) in unserem Schnabel getragen.'

Wort für Wort
garta-dhānya-dhanāḥ kecit kuśūla-dhaninaḥ apare
manche haben ihren Reichtum an Korn in einer Grube, andere im Kornspeicher
ghaṭa-kṣipta-dhanāḥ kecit cañcu-kṣipta-dhanāḥ vayam
manche haben ihren Reichtum in einem Topf verwahrt, wir in unserem Schnabel getragen

pūjayāmi kathaṃ śrāntam abhyāgatam imaṃ śubhe //

'Wie soll ich, o Holde, diesen erschöpften Gast (angemessen) bewirten?'

Wort für Wort
pūjayāmi katham śrāntam abhyāgatam imam śubhe
wie soll ich, o Holde, diesen erschöpften Gast bewirten

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert.]

{kapoty uvāca:} agnir āpaḥ śubhā vāṇī tṛṇakāṣṭhādikaṃ ca yat / etad apy arthine deyaṃ śītārto lubdhakas tv ayam //

{Die Täubin sprach:} Feuer, Wasser, freundliches Wort, und was an Gras, Holz usw. (vorhanden ist) – auch das ist dem Bedürftigen zu geben; dieser Jäger ist ja von Kälte gequält.

Wort für Wort
agniḥ āpaḥ śubhā vāṇī tṛṇa-kāṣṭha-ādikam ca yat
Feuer, Wasser, freundliches Wort, und was an Gras, Holz usw. vorhanden ist
etat api arthine deyam śīta-ārtaḥ lubdhakaḥ tu ayam
auch das ist dem Bedürftigen zu geben; dieser Jäger ist ja von Kälte gequält

{brahmovāca:} etac chrutvā priyāvākyaṃ vṛkṣam āruhya pakṣirāṭ / ālokayām āsa tadā vahniṃ dūraṃ dadarśa ha //

{Brahmā sprach:} Diese Worte der Geliebten vernehmend, stieg der Vogelfürst auf den Baum und blickte umher; da erblickte er in der Ferne Feuer.

Wort für Wort
etat śrutvā priyā-vākyam vṛkṣam āruhya pakṣi-rāṭ
diese Worte der Geliebten vernehmend, stieg der Vogelfürst auf den Baum
ālokayām āsa tadā vahnim dūram dadarśa ha
und blickte umher; da erblickte er fürwahr in der Ferne Feuer

sa tu gatvā vahnideśaṃ cañcunolmukam āharat / puro 'gniṃ jvālayām āsa lubdhakasya kapotakaḥ //

Er aber flog zur Feuerstelle, holte mit dem Schnabel einen Feuerbrand, und die Taube entfachte vor dem Jäger ein Feuer.

Wort für Wort
sa tu gatvā vahni-deśam cañcunā ulmukam āharat
er aber flog zur Feuerstelle, holte mit dem Schnabel einen Feuerbrand
puraḥ agnim jvālayām āsa lubdhakasya kapotakaḥ
und die Taube entfachte vor dem Jäger ein Feuer

śuṣkakāṣṭhāni parṇāni tṛṇāni ca punaḥ punaḥ / agnau nikṣepayām āsa niśīthe sa kapotarāṭ //

Trockenes Holz, Blätter und Gras warf der Taubenfürst immer wieder ins Feuer, mitten in der Nacht.

Wort für Wort
śuṣka-kāṣṭhāni parṇāni tṛṇāni ca punaḥ punaḥ
trockenes Holz, Blätter und Gras immer wieder
agnau nikṣepayām āsa niśīthe sa kapota-rāṭ
warf der Taubenfürst ins Feuer, mitten in der Nacht

tam agniṃ jvalitaṃ dṛṣṭvā lubdhakaḥ śītaduḥkhitaḥ / avaśāni svakāṅgāni pratāpya sukham āptavān //

Das lodernde Feuer erblickend, wärmte der von Kälte gequälte Jäger seine erstarrten Glieder und erlangte Wohlbefinden.

Wort für Wort
tam agnim jvalitam dṛṣṭvā lubdhakaḥ śīta-duḥkhitaḥ
das lodernde Feuer erblickend, der von Kälte gequälte Jäger
avaśāni svaka-aṅgāni pratāpya sukham āptavān
wärmte seine erstarrten Glieder und erlangte Wohlbefinden

kṣudhāgninā dahyamānaṃ vyādhaṃ dṛṣṭvā kapotakī / mā muñcasva mahābhāga iti bhartāram abravīt //

Als die Täubin den vom Feuer des Hungers verzehrten Jäger erblickte, sprach sie zu ihrem Gatten: 'Lass (mich) nicht (frei), o Hochgesegneter,'

Wort für Wort
kṣudhā-agninā dahyamānam vyādham dṛṣṭvā kapotakī
als die Täubin den vom Feuer des Hungers verzehrten Jäger erblickte
mā muñcasva mahābhāga iti bhartāram abravīt
sprach sie zu ihrem Gatten: 'Lass mich nicht frei, o Hochgesegneter'

svaśarīreṇa duḥkhārtaṃ lubdhakaṃ prīṇayāmi tam / iṣṭātithīnāṃ ye lokās tāṃs tvaṃ prāpnuhi suvrata //

'mit meinem eigenen Leib will ich den von Leid gequälten Jäger erfreuen. Die Welten, die denen zuteilwerden, die den Gast (recht) verehrt haben – diese mögest du erlangen, o Tugendreicher.'

Wort für Wort
sva-śarīreṇa duḥkha-ārtam lubdhakam prīṇayāmi tam
mit meinem eigenen Leib will ich den von Leid gequälten Jäger erfreuen
iṣṭa-atithīnām ye lokāḥ tān tvam prāpnuhi su-vrata
die Welten der (Gast-)Verehrer mögest du erlangen, o Tugendreicher

{kapota uvāca:} mayi tiṣṭhati naivāyaṃ tava dharmo vidhīyate / iṣṭātithir bhavāmīha anujānīhi māṃ śubhe //

{Die Taube sprach:} Solange ich (noch) da bin, wird dieser dein (Gast-)Dharma nicht (recht) vollzogen; ich selbst will hier der (Speise für den) Gast sein – erlaube es mir, o Holde.

Wort für Wort
mayi tiṣṭhati na eva ayam tava dharmaḥ vidhīyate
solange ich noch da bin, wird dieser dein Gast-Dharma nicht recht vollzogen
iṣṭa-atithiḥ bhavāmi iha anujānīhi mām śubhe
ich selbst will hier die Gast-Speise sein - erlaube es mir, o Holde

{brahmovāca:} ity uktvāgniṃ trir āvartya smaran devaṃ caturbhujam / viśvātmakaṃ mahāviṣṇuṃ śaraṇyaṃ bhaktavatsalam //

{Brahmā sprach:} Dies sprechend, umkreiste er dreimal das Feuer, indem er des vierarmigen Gottes gedachte, des Allgeist-Mahāviṣṇu, des Zufluchtgewährenden, der seine Verehrer liebt,

Wort für Wort
iti uktvā agnim triḥ āvartya smaran devam catur-bhujam
dies sprechend, umkreiste er dreimal das Feuer, des vierarmigen Gottes gedenkend
viśva-ātmakam mahā-viṣṇum śaraṇyam bhakta-vatsalam
des Allgeist-Mahāviṣṇu, des Zufluchtgewährenden, der seine Verehrer liebt

yathāsukhaṃ juṣasveti vadann agniṃ tathāviśat / taṃ dṛṣṭvāgnau kṣiptajīvaṃ lubdhako vākyam abravīt //

und sprechend 'Genieße nach Belieben (meinen Leib)', ging er so ins Feuer ein. Als der Jäger ihn sah, wie er sein Leben ins Feuer geworfen hatte, sprach er diese Worte:

Wort für Wort
yathāsukham juṣasva iti vadan agnim tathā āviśat
sprechend 'Genieße nach Belieben', ging er so ins Feuer ein
tam dṛṣṭvā agnau kṣipta-jīvam lubdhakaḥ vākyam abravīt
als der Jäger ihn sah, wie er sein Leben ins Feuer geworfen hatte, sprach er diese Worte

{lubdhaka uvāca:} aho mānuṣadehasya dhig jīvitam idaṃ mama / yad idaṃ pakṣirājena madarthe sāhasaṃ kṛtam //

{Der Jäger sprach:} Ach, verflucht sei dieses mein Leben eines Menschenleibes, da dieses Wagnis vom Vogelfürsten meinetwegen vollbracht wurde!

Wort für Wort
aho mānuṣa-dehasya dhik jīvitam idam mama
ach, verflucht sei dieses mein Leben eines Menschenleibes
yat idam pakṣi-rājena mad-arthe sāhasam kṛtam
da dieses Wagnis vom Vogelfürsten meinetwegen vollbracht wurde

{brahmovāca:} evaṃ bruvantaṃ taṃ lubdhaṃ pakṣiṇī vākyam abravīt //

{Brahmā sprach:} Zu dem so sprechenden Jäger sagte die Vogelfrau diese Worte:

Wort für Wort
evam bruvantam tam lubdham pakṣiṇī vākyam abravīt
zu dem so sprechenden Jäger sagte die Vogelfrau diese Worte

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert.]

{kapotaky uvāca:} māṃ tvaṃ muñca mahābhāga dūraṃ yāty eṣa me patiḥ //

{Die Täubin sprach:} Lass du mich frei, o Hochgesegneter, denn dieser mein Gatte geht (nun) fort in die Ferne.

Wort für Wort
mām tvam muñca mahābhāga dūram yāti eṣa me patiḥ
lass du mich frei, o Hochgesegneter, denn dieser mein Gatte geht fort in die Ferne

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert.]

{brahmovāca:} tasyās tad vacanaṃ śrutvā pañjarasthāṃ kapotakīm / lubdhako mocayām āsa tarasā bhītavat tadā //

{Brahmā sprach:} Nachdem er ihre Worte vernommen hatte, befreite der Jäger die im Käfig befindliche Täubin eilends, wie erschrocken.

Wort für Wort
tasyāḥ tat vacanam śrutvā pañjara-sthām kapotakīm
nachdem er ihre Worte vernommen hatte, die im Käfig befindliche Täubin
lubdhakaḥ mocayām āsa tarasā bhītavat tadā
befreite der Jäger eilends, wie erschrocken

sāpi pradakṣiṇaṃ kṛtvā patim agniṃ tadā jagau //

Sie aber vollzog die Umkreisung des Feuers, (in dem) ihr Gatte (weilte), und sang dann:

Wort für Wort
sā api pradakṣiṇam kṛtvā patim agnim tadā jagau
sie aber vollzog die Umkreisung des Feuers, in dem ihr Gatte weilte, und sang dann

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert.]

{kapoty uvāca:} strīṇām ayaṃ paro dharmo yad bhartur anuveśanam / vede ca vihito mārgaḥ sarvalokeṣu pūjitaḥ //

{Die Täubin sprach:} Dies ist der höchste Dharma der Frauen, dass sie dem Gatten (ins Feuer) nachfolgen; auch im Veda ist dieser Weg vorgeschrieben, in allen Welten verehrt.

Wort für Wort
strīṇām ayam paraḥ dharmaḥ yat bhartuḥ anuveśanam
dies ist der höchste Dharma der Frauen, dass sie dem Gatten nachfolgen
vede ca vihitaḥ mārgaḥ sarva-lokeṣu pūjitaḥ
auch im Veda ist dieser Weg vorgeschrieben, in allen Welten verehrt

vyālagrāhī yathā vyālaṃ bilād uddharate balāt / evaṃ tv anugatā nārī saha bhartrā divaṃ vrajet //

Wie ein Schlangenfänger eine Schlange mit Gewalt aus ihrem Loch herauszieht, so gelangt die (ihrem Gatten) nachfolgende Frau zusammen mit dem Gatten zum Himmel.

Wort für Wort
vyāla-grāhī yathā vyālam bilāt uddharate balāt
wie ein Schlangenfänger eine Schlange mit Gewalt aus ihrem Loch herauszieht
evam tu anugatā nārī saha bhartrā divam vrajet
so gelangt die nachfolgende Frau zusammen mit dem Gatten zum Himmel

tisraḥ koṭyo 'rdhakoṭī ca yāni romāṇi mānuṣe / tāvatkālaṃ vaset svarge bhartāraṃ yānugacchati //

So viele Haare, wie es am menschlichen Körper gibt – drei Koṭi und ein halbes Koṭi – so lange Zeit weilt im Himmel (die Frau), die dem Gatten nachfolgt.

Wort für Wort
tisraḥ koṭyaḥ ardha-koṭī ca yāni romāṇi mānuṣe
drei Koṭi und ein halbes Koṭi - so viele Haare, wie es am menschlichen Körper gibt
tāvat-kālam vaset svarge bhartāram yā anugacchati
so lange Zeit weilt im Himmel die Frau, die dem Gatten nachfolgt

{brahmovāca:} namaskṛtvā bhuvaṃ devān gaṅgāṃ cāpi vanaspatīn / āśvāsya tāny apatyāni lubdhakaṃ vākyam abravīt //

{Brahmā sprach:} Nachdem sie der Erde, den Göttern, der Gaṅgā und auch den Bäumen Verehrung erwiesen hatte, tröstete sie jene Kinder und sprach zum Jäger diese Worte:

Wort für Wort
namaskṛtvā bhuvam devān gaṅgām ca api vanaspatīn
nachdem sie der Erde, den Göttern, der Gaṅgā und auch den Bäumen Verehrung erwiesen hatte
āśvāsya tāni apatyāni lubdhakam vākyam abravīt
tröstete sie jene Kinder und sprach zum Jäger diese Worte

{kapoty uvāca:} tvatprasādān mahābhāga upapannaṃ mamedṛśam / apatyānāṃ kṣamasveha bhartrā yāmi triviṣṭapam //

{Die Täubin sprach:} Durch deine Gnade, o Hochgesegneter, ist mir solches (Glück) zuteilgeworden; verzeih (mir) hier um der Kinder willen – ich gehe mit meinem Gatten zum Himmel.

Wort für Wort
tvat-prasādāt mahābhāga upapannam mama īdṛśam
durch deine Gnade, o Hochgesegneter, ist mir solches zuteilgeworden
apatyānām kṣamasva iha bhartrā yāmi triviṣṭapam
verzeih hier um der Kinder willen - ich gehe mit meinem Gatten zum Himmel

{brahmovāca:} ity uktvā pakṣiṇī sādhvī praviveśa hutāśanam / praviṣṭāyāṃ hutavahe jayaśabdo nyavartata //

{Brahmā sprach:} Dies gesagt habend, ging die fromme Vogelfrau ins Feuer ein; als sie ins Feuer eingegangen war, erhob sich ein Siegesruf.

Wort für Wort
iti uktvā pakṣiṇī sādhvī praviveśa hutāśanam
dies gesagt habend, ging die fromme Vogelfrau ins Feuer ein
praviṣṭāyām hutavahe jaya-śabdaḥ nyavartata
als sie ins Feuer eingegangen war, erhob sich ein Siegesruf

gagane sūryasaṃkāśaṃ vimānam atiśobhanam / tadārūḍhau suranibhau daṃpatī dadṛśe tataḥ //

Am Himmel (erschien) ein sonnengleiches, überaus prächtiges Flugwerk; darauf sah man dann das Ehepaar, den Göttern ähnlich, emporgestiegen.

Wort für Wort
gagane sūrya-saṃkāśam vimānam ati-śobhanam
am Himmel erschien ein sonnengleiches, überaus prächtiges Flugwerk
tat-ārūḍhau sura-nibhau daṃpatī dadṛśe tataḥ
darauf sah man dann das Ehepaar, den Göttern ähnlich, emporgestiegen

harṣeṇa procatur ubhau lubdhakaṃ vismayānvitam //

Voller Freude sprachen beide zu dem staunenerfüllten Jäger:

Wort für Wort
harṣeṇa procatuḥ ubhau lubdhakam vismaya-anvitam
voller Freude sprachen beide zu dem staunenerfüllten Jäger

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert.]

{daṃpatī ūcatuḥ:} gacchāvas tridaśasthānam āpṛṣṭo 'si mahāmate / āvayoḥ svargasopānam atithis tvaṃ namo 'stu te //

{Das Paar sprach:} Wir gehen zum Ort der Götter; gefragt (um Erlaubnis) bist du hiermit, o Hochsinniger; du bist der Gast (gewesen, der zur Ursache wurde) unserer Himmelstreppe – Verehrung sei dir!

Wort für Wort
gacchāvaḥ tridaśa-sthānam āpṛṣṭaḥ asi mahāmate
wir gehen zum Ort der Götter; gefragt bist du hiermit, o Hochsinniger
āvayoḥ svarga-sopānam atithiḥ tvam namaḥ astu te
du bist der Gast unserer Himmelstreppe gewesen - Verehrung sei dir

{brahmovāca:} vimānavaram ārūḍhau tau dṛṣṭvā lubdhako 'pi saḥ / sadhanuḥ pañjaraṃ tyaktvā kṛtāñjalir abhāṣata //

{Brahmā sprach:} Die beiden, auf dem vortrefflichen Flugwerk aufgestiegen, erblickend, ließ auch der Jäger Bogen und Käfig zurück und sprach mit gefalteten Händen:

Wort für Wort
vimāna-varam ārūḍhau tau dṛṣṭvā lubdhakaḥ api saḥ
die beiden, auf dem vortrefflichen Flugwerk aufgestiegen, erblickend, auch der Jäger
sa-dhanuḥ pañjaram tyaktvā kṛta-añjaliḥ abhāṣata
ließ er Bogen und Käfig zurück und sprach mit gefalteten Händen

{lubdhaka uvāca:} na tyaktavyo mahābhāgau deyaṃ kiṃcid ajānate / aham atrātithir mānyo niṣkṛtiṃ vaktum arhathaḥ //

{Der Jäger sprach:} Ihr dürft mich nicht verlassen, o Hochgesegnete beide, denn einem, der nichts weiß, ist etwas zu geben; ich bin hier ein zu ehrender Gast (gewesen) – ihr solltet (mir) den Ausgleich verkünden.

Wort für Wort
na tyaktavyaḥ mahābhāgau deyam kiṃcit ajānate
ihr dürft mich nicht verlassen, o Hochgesegnete beide, denn dem Unwissenden ist etwas zu geben
aham atra atithiḥ mānyaḥ niṣkṛtim vaktum arhathaḥ
ich bin hier ein zu ehrender Gast gewesen - ihr solltet den Ausgleich verkünden

{daṃpatī ūcatuḥ:} gautamīṃ gaccha bhadraṃ te tasyāḥ pāpaṃ nivedaya / tatraivāplavanāt pakṣaṃ sarvapāpair vimokṣyase //

{Das Paar sprach:} Geh zur Gautamī, Heil sei dir; bekenne ihr deine Sünde; allein durch das Baden dort wirst du binnen einer Halbmonatsfrist von allen Sünden befreit werden.

Wort für Wort
gautamīm gaccha bhadram te tasyāḥ pāpam nivedaya
geh zur Gautamī, Heil sei dir, bekenne ihr deine Sünde
tatra eva āplavanāt pakṣam sarva-pāpaiḥ vimokṣyase
allein durch das Baden dort wirst du binnen einer Halbmonatsfrist von allen Sünden befreit

muktapāpaḥ punas tatra gaṅgāyām avagāhane / aśvamedhaphalaṃ puṇyaṃ prāpya puṇyo bhaviṣyasi //

Von Sünde befreit, wirst du, wenn du dich dort abermals in die Gaṅgā tauchst, die verdienstvolle Frucht eines Pferdeopfers erlangen und rein werden.

Wort für Wort
mukta-pāpaḥ punaḥ tatra gaṅgāyām avagāhane
von Sünde befreit, wenn du dich dort abermals in die Gaṅgā tauchst
aśvamedha-phalam puṇyam prāpya puṇyaḥ bhaviṣyasi
wirst du die verdienstvolle Frucht eines Pferdeopfers erlangen und rein werden

saridvarāyāṃ gautamyāṃ brahmaviṣṇvīśasaṃbhuvi / punar āplavanād eva tyaktvā dehaṃ malīmasam //

In der vortrefflichen Flussgöttin Gautamī, die von Brahmā, Viṣṇu und Śiva zusammen entstanden ist, wirst du, allein durch abermaliges Baden, deinen befleckten Leib ablegend,

Wort für Wort
sarit-varāyām gautamyām brahma-viṣṇu-īśa-saṃbhuvi
in der vortrefflichen Flussgöttin Gautamī, die von Brahmā, Viṣṇu und Śiva zusammen entstanden ist
punaḥ āplavanāt eva tyaktvā deham malīmasam
allein durch abermaliges Baden deinen befleckten Leib ablegend

vimānavaram ārūḍhaḥ svargaṃ gantāsy asaṃśayam //

auf einem vortrefflichen Flugwerk emporgestiegen, wirst du zweifellos zum Himmel gelangen.

Wort für Wort
vimāna-varam ārūḍhaḥ svargam gantā asi asaṃśayam
auf einem vortrefflichen Flugwerk emporgestiegen, wirst du zweifellos zum Himmel gelangen

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert.]

{brahmovāca:} tac chrutvā vacanaṃ tābhyāṃ tathā cakre sa lubdhakaḥ / vimānavaram ārūḍho divyarūpadharo 'bhavat //

{Brahmā sprach:} Diese Worte von den beiden vernehmend, tat der Jäger ebenso; auf einem vortrefflichen Flugwerk emporgestiegen, nahm er göttliche Gestalt an.

Wort für Wort
tat śrutvā vacanam tābhyām tathā cakre sa lubdhakaḥ
diese Worte von den beiden vernehmend, tat der Jäger ebenso
vimāna-varam ārūḍhaḥ divya-rūpa-dharaḥ abhavat
auf einem vortrefflichen Flugwerk emporgestiegen, nahm er göttliche Gestalt an

divyamālyāmbaradharaḥ pūjyamāno 'psarogaṇaiḥ / kapotaś ca kapotī ca tṛtīyo lubdhakas tathā / gaṅgāyāś ca prabhāveṇa sarve vai divam ākraman //

Göttliche Kränze und Gewänder tragend, von Scharen von Apsaras verehrt – die Taube, die Täubin, und als dritter der Jäger – durch die Macht der Gaṅgā erstiegen sie alle fürwahr den Himmel.

Wort für Wort
divya-mālya-ambara-dharaḥ pūjyamānaḥ apsaraḥ-gaṇaiḥ
göttliche Kränze und Gewänder tragend, von Scharen von Apsaras verehrt
kapotaḥ ca kapotī ca tṛtīyaḥ lubdhakaḥ tathā
die Taube, die Täubin, und als dritter der Jäger
gaṅgāyāḥ ca prabhāveṇa sarve vai divam ākraman
durch die Macht der Gaṅgā erstiegen sie alle fürwahr den Himmel

[Anm.: Dreizeiliger Vers unter einer einzigen Nummer im Original.]

tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ kāpotam iti viśrutam / tatra snānaṃ ca dānaṃ ca pitṛpūjanam eva ca //

Seitdem ist jene Pilgerstätte als 'Kāpota' berühmt; Bad und Gabe dort, sowie die Verehrung der Ahnen,

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrtham kāpotam iti viśrutam
seitdem ist jene Pilgerstätte als 'Kāpota' berühmt
tatra snānam ca dānam ca pitṛ-pūjanam eva ca
Bad und Gabe dort, sowie die Verehrung der Ahnen

japayajñādikaṃ karma tad ānantyāya kalpate //

Japa, Opfer und andere (gute) Werke – das führt zur Unvergänglichkeit (ewigem Lohn).

Wort für Wort
japa-yajña-ādikam karma tat ānantyāya kalpate
Japa, Opfer und andere Werke - das führt zur Unvergänglichkeit

[Anm.: Halbvers, im Original mit "//*" markiert; schließt die Erzählung von Kapota-Tīrtha ab.]

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