Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 23: grahalokavarṇanam Beschreibung der Planetenbahnen, der sieben oberen Welten und die Gleichsetzung des Universums mit Viṣṇu als höchstem Brahman

Die Weisen bitten um eine Darstellung von Bhuvarloka und den übrigen Welten sowie der Planetenordnung. Lomaharṣaṇa beschreibt zunächst die Abstände der Himmelskörper von der Erde (Sonne, Mond, Sternenscheibe, Budha/Merkur, Uśanas/Venus, Aṅgāraka/Mars, Bṛhaspati/Jupiter, Sauri/Saturn, Saptarṣi-Sphäre, Dhruva/Polarstern), dann die sieben großen Welten (Bhūr-, Bhuvar-, Svar-, Mahar-, Jana-, Tapas- und Satyaloka) mit ihren Ausdehnungen, wobei die ersten drei als 'geschaffen' (kṛtaka), die letzten drei als 'ungeschaffen' (akṛtaka) und Maharloka als Zwischenstufe gelten. Es folgt die Beschreibung der kosmischen Eischale (aṇḍakaṭāha) mit ihren konzentrischen, jeweils zehnfach größeren Hüllen (Wasser, Feuer, Wind, Äther, Mahat), die im Pradhāna (der Urmaterie) ruhen, sowie der unzähligen, unendlichen Vielzahl solcher Welteneier. Den Abschluss bildet eine philosophische Passage, die über mehrere Gleichnisse (Baum und Samen, Reiskorn, Feuer im Holz) die untrennbare, stufenweise Entfaltung von Pradhāna und Puruṣa durch die Kraft Viṣṇus (viṣṇuśakti) lehrt und in der Identifikation Viṣṇus/Haris mit dem höchsten Brahman gipfelt, aus dem alles entsteht, in dem alles besteht und in das alles vergeht.

{munaya ūcuḥ:} kathitaṃ bhavatā sarvam asmākaṃ sakalaṃ tathā / bhuvarlokādikāṃl lokāñ śrotum icchāmahe vayam //

Die Weisen sprachen: Von dir ist uns alles vollständig verkündet worden; wir wollen nun von den Welten, angefangen mit Bhuvarloka, hören.

Wort für Wort
kathitam
verkündet, erzählt (Part.Perf.Pass.)
bhavatā
von dir (Instr. bhavat, ehrerbietig)
sarvam
alles
asmākam
uns, unser
sakalam
vollständig
tathā
so, ebenso
bhuvarlokādikān
angefangen mit Bhuvarloka (Akk.Pl.)
lokān
Welten (Akk.Pl.)
śrotum
zu hören (Inf.)
icchāmahe
wir wünschen (1.Pl.Ā.)
vayam
wir

tathaiva grahasaṃsthānaṃ pramāṇāni yathā tathā / samācakṣva mahābhāga yathāval lomaharṣaṇa //

Ebenso [wollen wir] die Anordnung der Planeten und die Maße hören, wie sie sind – erkläre sie uns wahrheitsgemäß, oh Glückreicher Lomaharṣaṇa.

Wort für Wort
tathaiva
ebenso
grahasaṃsthānam
die Anordnung/Stellung der Planeten
pramāṇāni
die Maße
yathā tathā
wie sie so sind (Korrelativ)
samācakṣva
erkläre! (Imp.)
mahābhāga
oh Glückreicher (Vok.)
yathāvat
wahrheitsgemäß
lomaharṣaṇa
Lomaharṣaṇa (Vok.)

{lomaharṣaṇa uvāca:} ravicandramasor yāvan mayūkhair avabhāsyate / sasamudrasaricchailā tāvatī pṛthivī smṛtā //

Lomaharṣaṇa sprach: Soweit die Erde von den Strahlen von Sonne und Mond erhellt wird, so groß wird die Erde samt ihren Ozeanen, Flüssen und Bergen überliefert.

Wort für Wort
ravicandramasoḥ
von Sonne und Mond (Gen.Dual)
yāvat
soweit
mayūkhaiḥ
durch die Strahlen
avabhāsyate
wird erhellt (Passiv)
sasamudrasaricchailā
samt Ozeanen, Flüssen und Bergen
tāvatī
so groß (fem., korrelativ)
pṛthivī
die Erde
smṛtā
wird überliefert

yāvatpramāṇā pṛthivī vistāraparimaṇḍalā / nabhas tāvatpramāṇaṃ hi vistāraparimaṇḍalam //

Von welchem Ausmaß die Erde ist, in Ausdehnung und Umfang, von ebendiesem Ausmaß ist auch der Himmelsraum, in Ausdehnung und Umfang.

Wort für Wort
yāvatpramāṇā
von welchem Ausmaß
pṛthivī
die Erde
vistāraparimaṇḍalā
in Ausdehnung und kreisförmigem Umfang
nabhaḥ
der Himmelsraum
tāvatpramāṇam
von ebendiesem Ausmaß
hi
denn
vistāraparimaṇḍalam
in Ausdehnung und Umfang

bhūmer yojanalakṣe tu sauraṃ viprās tu maṇḍalam / lakṣe divākarāc cāpi maṇḍalaṃ śaśinaḥ sthitam //

In einem Lakh (100.000) Yojanas von der Erde entfernt, oh Brahmanen, befindet sich die Sonnenscheibe; und in einem Lakh von der Sonne entfernt steht die Scheibe des Mondes.

Wort für Wort
bhūmeḥ
von der Erde (Abl.)
yojanalakṣe
in einem Lakh Yojanas (100.000)
tu
aber
sauram maṇḍalam
die Sonnenscheibe
viprāḥ
oh Brahmanen
lakṣe
in einem Lakh
divākarāt
von der Sonne (Abl., 'Tagesmacher')
ca api
und auch
maṇḍalam śaśinaḥ
die Scheibe des Mondes
sthitam
steht, befindlich

pūrṇe śatasahasre tu yojanānāṃ niśākarāt / nakṣatramaṇḍalaṃ kṛtsnam upariṣṭāt prakāśate //

Bei vollen hunderttausend Yojanas vom Mond ('Nachtmacher') entfernt leuchtet die gesamte Sternenscheibe darüber.

Wort für Wort
pūrṇe
bei vollen
śatasahasre
hunderttausend
yojanānām
von Yojanas (partitiv)
niśākarāt
vom Mond ('Nachtmacher', Abl.)
nakṣatramaṇḍalam
die Sternenscheibe
kṛtsnam
die gesamte
upariṣṭāt
darüber
prakāśate
leuchtet

dvilakṣe cottare viprā budho nakṣatramaṇḍalāt / tāvatpramāṇabhāge tu budhasyāpy uśanā sthitaḥ //

Zwei Lakh darüber, oh Brahmanen, befindet sich Budha [Merkur], von der Sternenscheibe [entfernt]; und in ebendiesem Abstand von Budha steht Uśanas [Venus].

Wort für Wort
dvilakṣe
bei zwei Lakh
ca uttare
und darüber
viprāḥ
oh Brahmanen
budhaḥ
Budha (Merkur)
nakṣatramaṇḍalāt
von der Sternenscheibe (Abl.)
tāvatpramāṇabhāge
im ebenso großen Abstand (Lok.)
tu
aber
budhasya api
auch von Budha
uśanāḥ
Uśanas (Venus)
sthitaḥ
steht

aṅgārako 'pi śukrasya tatpramāṇe vyavasthitaḥ / lakṣadvayena bhaumasya sthito devapurohitaḥ //

Auch Aṅgāraka [Mars] steht in ebendiesem Abstand von Śukra [Venus]; und um zwei Lakh von Bhauma [Mars] entfernt steht der Priester der Götter [Bṛhaspati/Jupiter].

Wort für Wort
aṅgārakaḥ
Aṅgāraka (Mars)
api
auch
śukrasya
von Śukra (Venus, Gen.)
tatpramāṇe
in ebendiesem Abstand
vyavasthitaḥ
steht fest
lakṣadvayena
um zwei Lakh
bhaumasya
von Bhauma (Mars, Gen.)
sthitaḥ
steht
devapurohitaḥ
der Priester der Götter (=Bṛhaspati/Jupiter)

saurir bṛhaspater ūrdhvaṃ dvilakṣe samavasthitaḥ / saptarṣimaṇḍalaṃ tasmāl lakṣam ekaṃ dvijottamāḥ //

Sauri [Saturn] steht zwei Lakh oberhalb von Bṛhaspati; von dort ist die Sphäre der Sieben Weisen [Ursa Major] ein Lakh entfernt, oh Beste der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
sauriḥ
Sauri (Saturn/Śani, 'Sohn der Sonne')
bṛhaspateḥ
von Bṛhaspati (Gen.)
ūrdhvam
oberhalb
dvilakṣe
bei zwei Lakh
samavasthitaḥ
steht fest
saptarṣimaṇḍalam
die Sphäre der Sieben Weisen
tasmāt
von dort
lakṣam ekam
ein Lakh
dvijottamāḥ
oh Beste der Zweifachgeborenen

ṛṣibhyas tu sahasrāṇāṃ śatād ūrdhvaṃ vyavasthitaḥ / meḍhībhūtaḥ samastasya jyotiścakrasya vai dhruvaḥ //

Von den Weisen aber, hundert Tausend [Yojanas] darüber, steht Dhruva [der Polarstern], der zur Achse des gesamten Sternenrades geworden ist.

Wort für Wort
ṛṣibhyaḥ
von den Weisen (Abl.Pl.)
tu
aber
sahasrāṇām śatāt
von hundert Tausenden (Abl.)
ūrdhvam
darüber
vyavasthitaḥ
steht fest
meḍhībhūtaḥ
zur Achse/zum Pflock geworden
samastasya
des gesamten
jyotiścakrasya
des Sternenrades
vai
wahrlich
dhruvaḥ
Dhruva, der Polarstern

trailokyam etat kathitaṃ saṃkṣepeṇa dvijottamāḥ / ijyāphalasya bhūr eṣā ijyā cātra pratiṣṭhitā //

Diese Dreiwelt ist euch in Kürze verkündet worden, oh Beste der Zweifachgeborenen; sie ist der Boden für die Frucht des Opfers, und das Opfer selbst ist hier begründet.

Wort für Wort
trailokyam etat
diese Dreiwelt (Bhūr-Bhuvar-Svar)
kathitam
verkündet
saṃkṣepeṇa
in Kürze
dvijottamāḥ
oh Beste der Zweifachgeborenen
ijyāphalasya
der Frucht des Opfers (Gen.)
bhūḥ eṣā
dieser Boden
ijyā
das Opfer
ca atra pratiṣṭhitā
und ist hierin begründet

dhruvād ūrdhvaṃ maharloko yatra te kalpavāsinaḥ / ekayojanakoṭī tu maharloko vidhīyate //

Oberhalb von Dhruva befindet sich Maharloka, wo jene wohnen, die ein [ganzes] Weltzeitalter dort verweilen; Maharloka erstreckt sich über ein Koṭi [zehn Millionen] Yojanas.

Wort für Wort
dhruvāt
von Dhruva (Abl.)
ūrdhvam
oberhalb
maharlokaḥ
die Welt Maharloka
yatra
wo
te kalpavāsinaḥ
jene, die ein Weltzeitalter lang wohnen
ekayojanakoṭī
ein Koṭi (10 Mio.) Yojanas
tu
nun
vidhīyate
wird bestimmt, erstreckt sich

dve koṭyau tu janaloko yatra te brahmaṇaḥ sutāḥ / sanandanādyāḥ kathitā viprāś cāmalacetasaḥ //

Zwei Koṭis [beträgt] Janaloka, wo jene Söhne Brahmās weilen, die als Sanandana und andere genannt werden, reine Weise von makellosem Geist.

Wort für Wort
dve koṭyau
zwei Koṭis
tu
nun
janalokaḥ
die Welt Janaloka
yatra
wo
te brahmaṇaḥ sutāḥ
jene Söhne Brahmās
sanandanādyāḥ
Sanandana und die anderen
kathitāḥ
genannt
viprāḥ
Weise
ca amalacetasaḥ
und von makellosem Geist

caturguṇottaraṃ cordhvaṃ janalokāt tapaḥ smṛtam / vairājā yatra te devāḥ sthitā dehavivarjitāḥ //

Vierfach darüber hinaus, oberhalb von Janaloka, wird Tapoloka überliefert, wo jene Götter, die Vairājas, körperlos verweilen.

Wort für Wort
caturguṇottaram
vierfach darüber hinausgehend
ca ūrdhvam
und oberhalb
janalokāt
von Janaloka (Abl.)
tapaḥ
Tapas[loka]
smṛtam
wird überliefert
vairājāḥ
die Vairājas (Götterklasse)
yatra
wo
te devāḥ sthitāḥ
jene Götter verweilen
dehavivarjitāḥ
körperlos

ṣaḍguṇena tapolokāt satyaloko virājate / apunarmārakaṃ yatra siddhādimunisevitam //

Sechsfach über Tapoloka hinaus erstrahlt Satyaloka, wo es kein Wiedersterben mehr gibt, und der von Siddhas und anderen Weisen bewohnt wird.

Wort für Wort
ṣaḍguṇena
sechsfach (Instr.)
tapolokāt
von Tapoloka (Abl.)
satyalokaḥ
die Welt Satyaloka
virājate
erstrahlt
apunarmārakam
wo es kein Wiedersterben gibt
yatra
wo
siddhādimunisevitam
von Siddhas und anderen Weisen bewohnt

pādagamyaṃ tu yat kiṃcid vastv asti pṛthivīmayam / sa bhūrlokaḥ samākhyāto vistāro 'sya mayoditaḥ //

Was auch immer an Erdhaftem mit den Füßen begehbar ist, das wird Bhūrloka genannt; seine Ausdehnung wurde von mir bereits genannt.

Wort für Wort
pādagamyam
mit den Füßen begehbar
tu yat kiṃcit vastu asti
was auch immer an Sache ist
pṛthivīmayam
erdhaft, aus Erde bestehend
saḥ bhūrlokaḥ
dieses [ist] Bhūrloka
samākhyātaḥ
genannt
vistāraḥ asya
seine Ausdehnung
mayā uditaḥ
von mir genannt

bhūmisūryāntaraṃ yat tu siddhādimunisevitam / bhuvarlokas tu so 'py ukto dvitīyo munisattamāḥ //

Was zwischen Erde und Sonne liegt und von Siddhas und anderen Weisen bewohnt wird, das wird Bhuvarloka genannt, die zweite Welt, oh Beste der Weisen.

Wort für Wort
bhūmisūryāntaram
der Zwischenraum von Erde und Sonne
yat tu
was aber
siddhādimunisevitam
von Siddhas und anderen Weisen bewohnt
bhuvarlokaḥ
Bhuvarloka
tu saḥ api uktaḥ
auch dieser wird genannt
dvitīyaḥ
zweiter
munisattamāḥ
oh Beste der Weisen

dhruvasūryāntaraṃ yat tu niyutāni caturdaśa / svarlokaḥ so 'pi kathito lokasaṃsthānacintakaiḥ //

Was zwischen Dhruva und Sonne liegt, vierzehn Niyutas [an Ausdehnung], das wird Svarloka genannt, von jenen, die über die Anordnung der Welten nachsinnen.

Wort für Wort
dhruvasūryāntaram
der Zwischenraum von Dhruva und Sonne
yat tu
was aber
niyutāni caturdaśa
vierzehn Niyutas (je 100.000)
svarlokaḥ
Svarloka
saḥ api kathitaḥ
auch dieser wird genannt
lokasaṃsthānacintakaiḥ
von den über die Weltenordnung Nachsinnenden

[Anm.: Die Zahl stimmt mit der Summe der Einzelabstände aus V.5-10 überein (14 × 100.000 = 1.400.000 Yojanas von der Sonne bis Dhruva).]

trailokyam etat kṛtakaṃ vipraiś ca paripaṭhyate / janas tapas tathā satyam iti cākṛtakaṃ trayam //

Diese Dreiwelt wird von den Brahmanen als 'geschaffen' (kṛtaka) bezeichnet; Jana-, Tapas- und ebenso Satya[loka] hingegen gelten als die dreifache 'Ungeschaffene' (akṛtaka).

Wort für Wort
trailokyam etat
diese Dreiwelt
kṛtakam
als geschaffen
vipraiḥ
von den Brahmanen
ca paripaṭhyate
und wird bezeichnet
janaḥ tapaḥ tathā satyam
Jana-, Tapas- und Satya[loka]
iti
so [genannt]
ca akṛtakam trayam
und die ungeschaffene Dreiheit

kṛtakākṛtako madhye maharloka iti smṛtaḥ / śūnyo bhavati kalpānte yo 'ntaṃ na ca vinaśyati //

In der Mitte von Geschaffenem und Ungeschaffenem wird Maharloka überliefert, welches am Ende eines Weltzeitalters leer wird, aber nicht [selbst] zugrunde geht.

Wort für Wort
kṛtakākṛtake
zwischen Geschaffenem und Ungeschaffenem (Lok.)
madhye
in der Mitte
maharlokaḥ
Maharloka
iti smṛtaḥ
wird so überliefert
śūnyaḥ bhavati
wird leer
kalpānte
am Ende des Weltzeitalters
yaḥ antam
welches sein Ende
na ca vinaśyati
aber nicht zugrunde geht

ete sapta mahālokā mayā vaḥ kathitā dvijāḥ / pātālāni ca saptaiva brahmāṇḍasyaiṣa vistaraḥ //

Diese sieben großen Welten sind euch von mir verkündet worden, oh Zweifachgeborene, und ebenso die sieben Unterwelten (Pātālas); dies ist die Ausdehnung des Brahma-Eis (des Weltalls).

Wort für Wort
ete sapta mahālokāḥ
diese sieben großen Welten
mayā vaḥ kathitāḥ
von mir euch verkündet
dvijāḥ
oh Zweifachgeborene
pātālāni ca sapta eva
und ebenso die sieben Pātālas
brahmāṇḍasya
des Brahma-Eis/Weltalls
eṣaḥ vistaraḥ
dies ist die Ausdehnung

etad aṇḍakaṭāhena tiryag ūrdhvam adhas tathā / kapitthasya yathā bījaṃ sarvato vai samāvṛtam //

Dieses [Weltall] ist von der Eischale (aṇḍakaṭāha) quer, oben und ebenso unten allseits umschlossen, wie der Samen der Kapittha-Frucht [von seiner Schale].

Wort für Wort
etat
dieses
aṇḍakaṭāhena
von der Eischale (Instr.)
tiryak
quer
ūrdhvam
oben
adhaḥ tathā
und ebenso unten
kapitthasya
des Kapittha-Baumes/der -Frucht (Steinapfel)
yathā bījam
wie der Samen
sarvataḥ vai samāvṛtam
ist wahrlich allseits umschlossen

daśottareṇa payasā dvijāś cāṇḍaṃ ca tad vṛtam / sa cāmbuparivāro 'sau vahninā veṣṭito bahiḥ //

Das Ei [Weltall] ist, oh Zweifachgeborene, von Wasser umgeben, das zehnmal so [ausgedehnt] ist [wie das Ei selbst]; und diese Wasserhülle wiederum ist außen von Feuer umschlossen.

Wort für Wort
daśottareṇa
zehnmal so groß (Instr.)
payasā
von Wasser (Instr.)
dvijāḥ
oh Zweifachgeborene
ca aṇḍam ca tat vṛtam
und dieses Ei ist umgeben
saḥ ca ambuparivāraḥ asau
und diese Wasserhülle
vahninā
von Feuer
veṣṭitaḥ bahiḥ
ist außen umschlossen

vahnis tu vāyunā vāyur viprās tu nabhasāvṛtaḥ / ākāśo 'pi muniśreṣṭhā mahatā pariveṣṭitaḥ //

Das Feuer aber ist vom Wind [umgeben], der Wind, oh Brahmanen, ist vom Äther/Raum umgeben; und der Äther/Raum, oh Beste der Weisen, ist vom Mahat [dem kosmischen Prinzip] umschlossen.

Wort für Wort
vahniḥ tu vāyunā
das Feuer aber vom Wind
vāyuḥ viprāḥ tu
der Wind aber, oh Brahmanen
nabhasā āvṛtaḥ
vom Himmelsraum umgeben
ākāśaḥ api
auch der Äther/Raum
muniśreṣṭhāḥ
oh Beste der Weisen
mahatā
vom Mahat (Instr.)
pariveṣṭitaḥ
ist umschlossen

daśottarāṇy aśeṣāṇi viprāś caitāni sapta vai / mahāntaṃ ca samāvṛtya pradhānaṃ samavasthitam //

Diese sieben [Hüllen] sind jeweils zehnmal [größer als die vorhergehende], oh Brahmanen, ausnahmslos; und nachdem sie das Mahat mit umschlossen haben, ruhen sie im Pradhāna (der Urmaterie).

Wort für Wort
daśottarāṇi
jeweils zehnmal übersteigend
aśeṣāṇi
ausnahmslos
viprāḥ
oh Brahmanen
ca etāni sapta vai
und diese sieben wahrlich
mahāntam ca samāvṛtya
und nachdem sie das Mahat umschlossen haben
pradhānam
im Pradhāna
samavasthitam
ruhend, gegründet

anantasya na tasyāntaḥ saṃkhyānaṃ cāpi vidyate / tad anantam asaṃkhyātaṃ pramāṇenāpi vai yataḥ //

Von diesem Unendlichen gibt es kein Ende, und auch keine Berechnung; es ist unendlich und unzählbar, denn es entzieht sich auch dem Maß.

Wort für Wort
anantasya
des Unendlichen
na tasya antaḥ
hat kein Ende
saṃkhyānam ca api vidyate
und auch keine Zählung gibt es
tat anantam
das ist unendlich
asaṃkhyātam
unzählbar
pramāṇena api vai yataḥ
denn wahrlich auch durch ein Maß [entzieht es sich]

hetubhūtam aśeṣasya prakṛtiḥ sā parā dvijāḥ / aṇḍānāṃ tu sahasrāṇāṃ sahasrāṇy ayutāni ca //

Diese höchste Urnatur (Prakṛti) ist die Ursache von allem, oh Zweifachgeborene, und [enthält] Tausende und Myriaden von Tausenden solcher Welteneier.

Wort für Wort
hetubhūtam
zur Ursache geworden
aśeṣasya
von allem
prakṛtiḥ sā parā
diese höchste Urnatur
dvijāḥ
oh Zweifachgeborene
aṇḍānām
von Weltenei[er]n
tu sahasrāṇām
aber von Tausenden
sahasrāṇi ayutāni ca
Tausende und Myriaden (10.000er)

īdṛśānāṃ tathā tatra koṭikoṭiśatāni ca / dāruṇy agnir yathā tailaṃ tile tadvat pumān iha //

Und ebenso [gibt es] dort hundert Koṭis von Koṭis solcher [Welteier]; wie das Feuer im Holz [verborgen ist] oder das Öl im Sesamkorn, ebenso ist der Puruṣa [Geist] hier [in der Materie verborgen].

Wort für Wort
īdṛśānām
von solchen
tathā tatra
und ebenso dort
koṭikoṭiśatāni ca
hundert Koṭis von Koṭis
dāruṇi agniḥ yathā
wie das Feuer im Holz
tailam tile
das Öl im Sesamkorn
tadvat
ebenso
pumān iha
der Puruṣa hier

pradhāne 'vasthito vyāpī cetanātmanivedanaḥ / pradhānaṃ ca pumāṃś caiva sarvabhūtānubhūtayā //

[Der Puruṣa,] im Pradhāna weilend, alldurchdringend, sich selbst als Bewusstsein offenbarend – Pradhāna und Puruṣa beide, durch [Viṣṇus] Gegenwart in allen Wesen [wirkend]...

Wort für Wort
pradhāne
im Pradhāna (Lok.)
avasthitaḥ
weilend
vyāpī
alldurchdringend
cetanātmanivedanaḥ
sich selbst als Bewusstsein offenbarend
pradhānam ca pumān ca eva
Pradhāna und Puruṣa beide
sarvabhūtānubhūtayā
durch die Gegenwart in allen Wesen (Instr.)

[Anm.: Der Satz setzt sich in V.30 fort.]

viṣṇuśaktyā dvijaśreṣṭhā dhṛtau saṃśrayadharmiṇau / tayoḥ saiva pṛthagbhāve kāraṇaṃ saṃśrayasya ca //

...werden durch die Kraft Viṣṇus, oh Beste der Zweifachgeborenen, beide in wechselseitiger Abhängigkeit gehalten; und ebendiese [Kraft] ist die Ursache sowohl ihrer getrennten Existenz als auch ihrer Verbindung.

Wort für Wort
viṣṇuśaktyā
durch die Kraft Viṣṇus (Instr.)
dvijaśreṣṭhāḥ
oh Beste der Zweifachgeborenen
dhṛtau
[beide] werden gehalten (Dual)
saṃśrayadharmiṇau
von wechselseitig-abhängiger Natur (Dual)
tayoḥ
von den beiden
sā eva
ebendiese Kraft
pṛthagbhāve
in ihrer getrennten Existenz
kāraṇam saṃśrayasya ca
die Ursache auch der Verbindung

kṣobhakāraṇabhūtā ca sargakāle dvijottamāḥ / yathā śaityaṃ jale vāto bibharti kaṇikāgatam //

Und sie [Viṣṇus Kraft] wird zur Ursache der Erregung zur Zeit der Schöpfung, oh Beste der Zweifachgeborenen – so wie der Wind die im Wassertröpfchen befindliche Kühle bewirkt/trägt.

Wort für Wort
kṣobhakāraṇabhūtā
zur Ursache der Erregung geworden
ca sargakāle
und zur Zeit der Schöpfung
dvijottamāḥ
oh Beste der Zweifachgeborenen
yathā śaityam
wie die Kühle
jale
im Wasser
vātaḥ bibharti
der Wind trägt/bewirkt
kaṇikāgatam
im Tröpfchen befindlich [?]

[?: Das genaue Bild ('Kühle im Tröpfchen, vom Wind getragen') bleibt unklar; evtl. Anspielung auf durch Wind bewirkte Verdunstungskühle.]

jagac chaktis tathā viṣṇoḥ pradhānapuruṣātmakam / yathā ca pādapo mūlaskandhaśākhādisaṃyutaḥ //

Ebenso ist die Kraft Viṣṇus, die aus Pradhāna und Puruṣa besteht, [Ursache] der Welt; und wie ein Baum, der aus Wurzel, Stamm, Ästen und so weiter besteht...

Wort für Wort
jagat śaktiḥ
die welterzeugende Kraft
tathā viṣṇoḥ
ebenso von Viṣṇu
pradhānapuruṣātmakam
aus Pradhāna und Puruṣa bestehend
yathā ca pādapaḥ
und wie ein Baum
mūlaskandhaśākhādisaṃyutaḥ
verbunden mit Wurzel, Stamm, Ästen usw.

ādyabījāt prabhavati bījāny anyāni vai tataḥ / prabhavanti tatas tebhyo bhavanty anye pare drumāḥ //

...aus dem Ursamen entsteht, [so] entstehen daraus wiederum andere Samen, und aus jenen wiederum entstehen andere, weitere Bäume.

Wort für Wort
ādyabījāt
aus dem Ursamen
prabhavati
entsteht
bījāni anyāni vai tataḥ
andere Samen wahrlich daraus
prabhavanti
entstehen
tataḥ tebhyaḥ
daraus, aus jenen
bhavanti anye pare drumāḥ
entstehen andere, weitere Bäume

te 'pi tallakṣaṇadravyakāraṇānugatā dvijāḥ / evam avyākṛtāt pūrvaṃ jāyante mahadādayaḥ //

Auch diese [Bäume] tragen dieselbe Beschaffenheit als Ursache in sich, oh Zweifachgeborene; ebenso entstehen zuerst aus dem Unentfalteten (avyākṛta) das Mahat und die übrigen [Prinzipien].

Wort für Wort
te api
auch diese
tallakṣaṇadravyakāraṇānugatāḥ
der Ursache mit denselben Merkmalen folgend
dvijāḥ
oh Zweifachgeborene
evam
ebenso
avyākṛtāt
aus dem Unentfalteten (Abl.)
pūrvam
zuerst
jāyante
entstehen
mahadādayaḥ
das Mahat und die weiteren Prinzipien

viśeṣāntās tatas tebhyaḥ saṃbhavanti surādayaḥ / tebhyaś ca putrās teṣāṃ tu putrāṇāṃ parame sutāḥ //

...bis hin zu den Elementen (viśeṣas); aus jenen entstehen dann die Götter und andere [Wesen], aus jenen wiederum deren Söhne, und aus jenen Söhnen deren höchste [weiteren] Söhne.

Wort für Wort
viśeṣāntāḥ
bis hin zu den Besonderheiten/Elementen
tataḥ tebhyaḥ
dann aus jenen
saṃbhavanti surādayaḥ
entstehen die Götter und andere
tebhyaḥ ca putrāḥ
und aus jenen deren Söhne
teṣām tu putrāṇām
von jenen Söhnen aber
parame sutāḥ
die höchsten weiteren Söhne

bījād vṛkṣapraroheṇa yathā nāpacayas taroḥ / bhūtānāṃ bhūtasargeṇa naivāsty apacayas tathā //

Wie durch das Hervorwachsen eines Baumes aus dem Samen keine Verminderung des [Ur-]Baumes eintritt, so gibt es auch durch die Erzeugung von Wesen aus Wesen keine Verminderung.

Wort für Wort
bījāt
aus dem Samen
vṛkṣapraroheṇa
durch das Hervorwachsen eines Baumes
yathā na apacayaḥ taroḥ
wie keine Verminderung des Baumes eintritt
bhūtānām
der Wesen
bhūtasargeṇa
durch die Erzeugung von Wesen
na eva asti apacayaḥ tathā
so gibt es ebenso keine Verminderung

saṃnidhānād yathākāśakālādyāḥ kāraṇaṃ taroḥ / tathaivāpariṇāmena viśvasya bhagavān hariḥ //

Wie Raum, Zeit und die anderen [Faktoren] durch bloße Gegenwart die Ursache des Baumes sind, ebenso ist der ehrwürdige Hari, ohne [selbst] Wandlung [zu erfahren], die Ursache des Universums.

Wort für Wort
saṃnidhānāt
durch bloße Gegenwart
yathā ākāśakālādyāḥ
wie Raum, Zeit und die anderen
kāraṇam taroḥ
die Ursache des Baumes
tathā eva
ebenso
apariṇāmena
ohne eigene Wandlung (Instr.)
viśvasya
des Universums
bhagavān hariḥ
der ehrwürdige Hari

vrīhibīje yathā mūlaṃ nālaṃ pattrāṅkurau tathā / kāṇḍakoṣās tathā puṣpaṃ kṣīraṃ tadvac ca taṇḍulaḥ //

Wie im Reiskorn [der Anlage nach enthalten sind]: die Wurzel, der Halm, Blatt und Trieb, ebenso Stängelglieder und Hülsen, ebenso die Blüte, die Milch [des Kornes], und ebenso das [fertige] Reiskorn selbst...

Wort für Wort
vrīhibīje
im Reiskorn
yathā mūlam
wie die Wurzel
nālam
der Halm
pattrāṅkurau tathā
Blatt und Trieb, ebenso
kāṇḍakoṣāḥ
Stängelglieder und Hülsen
tathā puṣpam
ebenso die Blüte
kṣīram
die Milch des jungen Korns
tadvat ca taṇḍulaḥ
und ebenso das reife Reiskorn

tuṣāḥ kaṇāś ca santo vai yānty āvirbhāvam ātmanaḥ / prarohahetusāmagryam āsādya munisattamāḥ //

...die Spelzen und Körner, obgleich [der Anlage nach] schon seiend, gelangen zu ihrer eigenen Offenbarung erst, nachdem sie die Gesamtheit der Wachstumsursachen erlangt haben, oh Beste der Weisen.

Wort für Wort
tuṣāḥ
die Spelzen
kaṇāḥ ca
und die Körner
santaḥ vai
obwohl der Anlage nach seiend
yānti āvirbhāvam ātmanaḥ
gelangen zur eigenen Offenbarung
prarohahetusāmagryam
die Gesamtheit der Wachstumsursachen
āsādya
nachdem sie erlangt haben
munisattamāḥ
oh Beste der Weisen

tathā karmasv anekeṣu devādyās tanavaḥ sthitāḥ / viṣṇuśaktiṃ samāsādya praroham upayānti vai //

Ebenso bestehen in vielfältigen [früheren] Handlungen (karma) die Körper der Götter und anderer [Wesen] bereits der Anlage nach; erst wenn sie die Kraft Viṣṇus erlangen, gelangen sie wahrlich zum [tatsächlichen] Hervorsprießen.

Wort für Wort
tathā
ebenso
karmasu anekeṣu
in vielfältigen Handlungen
devādyāḥ tanavaḥ
die Körper der Götter und anderer
sthitāḥ
bereits bestehend
viṣṇuśaktim
die Kraft Viṣṇus (Akk.)
samāsādya
nachdem sie erlangt haben
praroham upayānti vai
gelangen wahrlich zum Hervorsprießen

sa ca viṣṇuḥ paraṃ brahma yataḥ sarvam idaṃ jagat / jagac ca yo yatra cedaṃ yasmin vilayam eṣyati //

Und dieser Viṣṇu ist das höchste Brahman, aus dem dieses ganze Universum [entsteht]; und er ist es, in dem dieses Universum ist, und in den es [dereinst wieder] eingehen wird.

Wort für Wort
saḥ ca viṣṇuḥ
und dieser Viṣṇu
param brahma
ist das höchste Brahman
yataḥ
aus dem
sarvam idam jagat
dieses ganze Universum [entsteht]
jagat ca yaḥ
und das Universum, der [Viṣṇu]
yatra ca idam
worin dieses [Universum ist]
yasmin vilayam eṣyati
in den es eingehen wird

tad brahma paramaṃ dhāma sadasat paramaṃ padam / yasya sarvam abhedena jagad etac carācaram //

Jenes Brahman ist die höchste Stätte, Sein und Nichtsein, der höchste Ort, dessen [Erscheinung] diese gesamte bewegliche und unbewegliche Welt ist, ohne [wesentlichen] Unterschied [von ihm selbst].

Wort für Wort
tat brahma
jenes Brahman
paramam dhāma
die höchste Stätte
sadasat
Sein und Nichtsein
paramam padam
der höchste Ort/Zustand
yasya
dessen
sarvam abhedena
alles ohne Unterschied
jagat etat carācaram
diese bewegliche und unbewegliche Welt

sa eva mūlaprakṛtir vyaktarūpī jagac ca saḥ / tasminn eva layaṃ sarvaṃ yāti tatra ca tiṣṭhati //

Er selbst ist die Urnatur (mūlaprakṛti), er ist in offenbarter Form auch das Universum; in ihm selbst geht alles zur Auflösung ein, und dort besteht es [auch].

Wort für Wort
saḥ eva
er selbst
mūlaprakṛtiḥ
die Wurzelnatur/Urmaterie
vyaktarūpī
in offenbarter Form
jagat ca saḥ
und er ist das Universum
tasmin eva
in ihm selbst
layam sarvam yāti
geht alles zur Auflösung ein
tatra ca tiṣṭhati
und dort besteht es auch

kartā kriyāṇāṃ sa ca ijyate kratuḥ / sa eva tatkarmaphalaṃ ca tasya yat / yugādi yasmāc ca bhaved aśeṣato / harer na kiṃcid vyatiriktam asti tat //

Er ist der Handelnde der Handlungen, und er ist das Opfer(-werk), das dargebracht wird; er selbst ist auch die Frucht jener Handlung, was auch immer sie sei; und woraus der Anfang der Weltzeitalter gänzlich entsteht – nichts von alledem ist verschieden von Hari.

Wort für Wort
kartā kriyāṇām
der Handelnde der Handlungen
saḥ ca ijyate kratuḥ
und er ist das Opfer(werk), das dargebracht wird
saḥ eva tatkarmaphalam
er selbst [ist] die Frucht jener Handlung
ca tasya yat
und was auch immer davon [ist]
yugādi
der Anfang der Weltzeitalter
yasmāt ca bhavet aśeṣataḥ
und woraus [er] vollständig entstehen möge
hareḥ na kiṃcit vyatiriktam
nichts von Hari Verschiedenes
asti tat
ist das

[Anm.: Vierpadiger Vers in abweichendem Versmaß (wie schon Kap.19 V.25-27), hier als ein Vers mit den Padas a-d unter derselben Nummer im Quelltext markiert; philosophisch dicht (Handelnder/Opfer/Frucht/Zeitursprung – alles nicht verschieden von Hari), Übersetzung sinngemäß.]

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