Kapitel 23: grahalokavarṇanam
Beschreibung der Planetenbahnen, der sieben oberen Welten und die Gleichsetzung des Universums mit Viṣṇu als höchstem Brahman
Die Weisen bitten um eine Darstellung von Bhuvarloka und den übrigen Welten sowie der Planetenordnung. Lomaharṣaṇa beschreibt zunächst die Abstände der Himmelskörper von der Erde (Sonne, Mond, Sternenscheibe, Budha/Merkur, Uśanas/Venus, Aṅgāraka/Mars, Bṛhaspati/Jupiter, Sauri/Saturn, Saptarṣi-Sphäre, Dhruva/Polarstern), dann die sieben großen Welten (Bhūr-, Bhuvar-, Svar-, Mahar-, Jana-, Tapas- und Satyaloka) mit ihren Ausdehnungen, wobei die ersten drei als 'geschaffen' (kṛtaka), die letzten drei als 'ungeschaffen' (akṛtaka) und Maharloka als Zwischenstufe gelten. Es folgt die Beschreibung der kosmischen Eischale (aṇḍakaṭāha) mit ihren konzentrischen, jeweils zehnfach größeren Hüllen (Wasser, Feuer, Wind, Äther, Mahat), die im Pradhāna (der Urmaterie) ruhen, sowie der unzähligen, unendlichen Vielzahl solcher Welteneier. Den Abschluss bildet eine philosophische Passage, die über mehrere Gleichnisse (Baum und Samen, Reiskorn, Feuer im Holz) die untrennbare, stufenweise Entfaltung von Pradhāna und Puruṣa durch die Kraft Viṣṇus (viṣṇuśakti) lehrt und in der Identifikation Viṣṇus/Haris mit dem höchsten Brahman gipfelt, aus dem alles entsteht, in dem alles besteht und in das alles vergeht.
Lomaharṣaṇa sprach: Soweit die Erde von den Strahlen von Sonne und Mond erhellt wird, so groß wird die Erde samt ihren Ozeanen, Flüssen und Bergen überliefert.
bhūmer yojanalakṣe tu sauraṃ viprās tu maṇḍalam / lakṣe divākarāc cāpi maṇḍalaṃ śaśinaḥ sthitam //
In einem Lakh (100.000) Yojanas von der Erde entfernt, oh Brahmanen, befindet sich die Sonnenscheibe; und in einem Lakh von der Sonne entfernt steht die Scheibe des Mondes.
Zwei Lakh darüber, oh Brahmanen, befindet sich Budha [Merkur], von der Sternenscheibe [entfernt]; und in ebendiesem Abstand von Budha steht Uśanas [Venus].
Auch Aṅgāraka [Mars] steht in ebendiesem Abstand von Śukra [Venus]; und um zwei Lakh von Bhauma [Mars] entfernt steht der Priester der Götter [Bṛhaspati/Jupiter].
Sauri [Saturn] steht zwei Lakh oberhalb von Bṛhaspati; von dort ist die Sphäre der Sieben Weisen [Ursa Major] ein Lakh entfernt, oh Beste der Zweifachgeborenen.
Diese Dreiwelt ist euch in Kürze verkündet worden, oh Beste der Zweifachgeborenen; sie ist der Boden für die Frucht des Opfers, und das Opfer selbst ist hier begründet.
dhruvād ūrdhvaṃ maharloko yatra te kalpavāsinaḥ / ekayojanakoṭī tu maharloko vidhīyate //
Oberhalb von Dhruva befindet sich Maharloka, wo jene wohnen, die ein [ganzes] Weltzeitalter dort verweilen; Maharloka erstreckt sich über ein Koṭi [zehn Millionen] Yojanas.
dhruvasūryāntaraṃ yat tu niyutāni caturdaśa / svarlokaḥ so 'pi kathito lokasaṃsthānacintakaiḥ //
Was zwischen Dhruva und Sonne liegt, vierzehn Niyutas [an Ausdehnung], das wird Svarloka genannt, von jenen, die über die Anordnung der Welten nachsinnen.
Wort für Wort
dhruvasūryāntaram
der Zwischenraum von Dhruva und Sonne
yat tu
was aber
niyutāni caturdaśa
vierzehn Niyutas (je 100.000)
svarlokaḥ
Svarloka
saḥ api kathitaḥ
auch dieser wird genannt
lokasaṃsthānacintakaiḥ
von den über die Weltenordnung Nachsinnenden
[Anm.: Die Zahl stimmt mit der Summe der Einzelabstände aus V.5-10 überein (14 × 100.000 = 1.400.000 Yojanas von der Sonne bis Dhruva).]
Diese Dreiwelt wird von den Brahmanen als 'geschaffen' (kṛtaka) bezeichnet; Jana-, Tapas- und ebenso Satya[loka] hingegen gelten als die dreifache 'Ungeschaffene' (akṛtaka).
kṛtakākṛtako madhye maharloka iti smṛtaḥ / śūnyo bhavati kalpānte yo 'ntaṃ na ca vinaśyati //
In der Mitte von Geschaffenem und Ungeschaffenem wird Maharloka überliefert, welches am Ende eines Weltzeitalters leer wird, aber nicht [selbst] zugrunde geht.
Diese sieben großen Welten sind euch von mir verkündet worden, oh Zweifachgeborene, und ebenso die sieben Unterwelten (Pātālas); dies ist die Ausdehnung des Brahma-Eis (des Weltalls).
Dieses [Weltall] ist von der Eischale (aṇḍakaṭāha) quer, oben und ebenso unten allseits umschlossen, wie der Samen der Kapittha-Frucht [von seiner Schale].
daśottareṇa payasā dvijāś cāṇḍaṃ ca tad vṛtam / sa cāmbuparivāro 'sau vahninā veṣṭito bahiḥ //
Das Ei [Weltall] ist, oh Zweifachgeborene, von Wasser umgeben, das zehnmal so [ausgedehnt] ist [wie das Ei selbst]; und diese Wasserhülle wiederum ist außen von Feuer umschlossen.
vahnis tu vāyunā vāyur viprās tu nabhasāvṛtaḥ / ākāśo 'pi muniśreṣṭhā mahatā pariveṣṭitaḥ //
Das Feuer aber ist vom Wind [umgeben], der Wind, oh Brahmanen, ist vom Äther/Raum umgeben; und der Äther/Raum, oh Beste der Weisen, ist vom Mahat [dem kosmischen Prinzip] umschlossen.
daśottarāṇy aśeṣāṇi viprāś caitāni sapta vai / mahāntaṃ ca samāvṛtya pradhānaṃ samavasthitam //
Diese sieben [Hüllen] sind jeweils zehnmal [größer als die vorhergehende], oh Brahmanen, ausnahmslos; und nachdem sie das Mahat mit umschlossen haben, ruhen sie im Pradhāna (der Urmaterie).
īdṛśānāṃ tathā tatra koṭikoṭiśatāni ca / dāruṇy agnir yathā tailaṃ tile tadvat pumān iha //
Und ebenso [gibt es] dort hundert Koṭis von Koṭis solcher [Welteier]; wie das Feuer im Holz [verborgen ist] oder das Öl im Sesamkorn, ebenso ist der Puruṣa [Geist] hier [in der Materie verborgen].
[Der Puruṣa,] im Pradhāna weilend, alldurchdringend, sich selbst als Bewusstsein offenbarend – Pradhāna und Puruṣa beide, durch [Viṣṇus] Gegenwart in allen Wesen [wirkend]...
...werden durch die Kraft Viṣṇus, oh Beste der Zweifachgeborenen, beide in wechselseitiger Abhängigkeit gehalten; und ebendiese [Kraft] ist die Ursache sowohl ihrer getrennten Existenz als auch ihrer Verbindung.
Und sie [Viṣṇus Kraft] wird zur Ursache der Erregung zur Zeit der Schöpfung, oh Beste der Zweifachgeborenen – so wie der Wind die im Wassertröpfchen befindliche Kühle bewirkt/trägt.
Wort für Wort
kṣobhakāraṇabhūtā
zur Ursache der Erregung geworden
ca sargakāle
und zur Zeit der Schöpfung
dvijottamāḥ
oh Beste der Zweifachgeborenen
yathā śaityam
wie die Kühle
jale
im Wasser
vātaḥ bibharti
der Wind trägt/bewirkt
kaṇikāgatam
im Tröpfchen befindlich [?]
[?: Das genaue Bild ('Kühle im Tröpfchen, vom Wind getragen') bleibt unklar; evtl. Anspielung auf durch Wind bewirkte Verdunstungskühle.]
Ebenso ist die Kraft Viṣṇus, die aus Pradhāna und Puruṣa besteht, [Ursache] der Welt; und wie ein Baum, der aus Wurzel, Stamm, Ästen und so weiter besteht...
Auch diese [Bäume] tragen dieselbe Beschaffenheit als Ursache in sich, oh Zweifachgeborene; ebenso entstehen zuerst aus dem Unentfalteten (avyākṛta) das Mahat und die übrigen [Prinzipien].
viśeṣāntās tatas tebhyaḥ saṃbhavanti surādayaḥ / tebhyaś ca putrās teṣāṃ tu putrāṇāṃ parame sutāḥ //
...bis hin zu den Elementen (viśeṣas); aus jenen entstehen dann die Götter und andere [Wesen], aus jenen wiederum deren Söhne, und aus jenen Söhnen deren höchste [weiteren] Söhne.
Wie durch das Hervorwachsen eines Baumes aus dem Samen keine Verminderung des [Ur-]Baumes eintritt, so gibt es auch durch die Erzeugung von Wesen aus Wesen keine Verminderung.
Wie Raum, Zeit und die anderen [Faktoren] durch bloße Gegenwart die Ursache des Baumes sind, ebenso ist der ehrwürdige Hari, ohne [selbst] Wandlung [zu erfahren], die Ursache des Universums.
Wie im Reiskorn [der Anlage nach enthalten sind]: die Wurzel, der Halm, Blatt und Trieb, ebenso Stängelglieder und Hülsen, ebenso die Blüte, die Milch [des Kornes], und ebenso das [fertige] Reiskorn selbst...
tuṣāḥ kaṇāś ca santo vai yānty āvirbhāvam ātmanaḥ / prarohahetusāmagryam āsādya munisattamāḥ //
...die Spelzen und Körner, obgleich [der Anlage nach] schon seiend, gelangen zu ihrer eigenen Offenbarung erst, nachdem sie die Gesamtheit der Wachstumsursachen erlangt haben, oh Beste der Weisen.
Ebenso bestehen in vielfältigen [früheren] Handlungen (karma) die Körper der Götter und anderer [Wesen] bereits der Anlage nach; erst wenn sie die Kraft Viṣṇus erlangen, gelangen sie wahrlich zum [tatsächlichen] Hervorsprießen.
sa ca viṣṇuḥ paraṃ brahma yataḥ sarvam idaṃ jagat / jagac ca yo yatra cedaṃ yasmin vilayam eṣyati //
Und dieser Viṣṇu ist das höchste Brahman, aus dem dieses ganze Universum [entsteht]; und er ist es, in dem dieses Universum ist, und in den es [dereinst wieder] eingehen wird.
Jenes Brahman ist die höchste Stätte, Sein und Nichtsein, der höchste Ort, dessen [Erscheinung] diese gesamte bewegliche und unbewegliche Welt ist, ohne [wesentlichen] Unterschied [von ihm selbst].
sa eva mūlaprakṛtir vyaktarūpī jagac ca saḥ / tasminn eva layaṃ sarvaṃ yāti tatra ca tiṣṭhati //
Er selbst ist die Urnatur (mūlaprakṛti), er ist in offenbarter Form auch das Universum; in ihm selbst geht alles zur Auflösung ein, und dort besteht es [auch].
kartā kriyāṇāṃ sa ca ijyate kratuḥ / sa eva tatkarmaphalaṃ ca tasya yat / yugādi yasmāc ca bhaved aśeṣato / harer na kiṃcid vyatiriktam asti tat //
Er ist der Handelnde der Handlungen, und er ist das Opfer(-werk), das dargebracht wird; er selbst ist auch die Frucht jener Handlung, was auch immer sie sei; und woraus der Anfang der Weltzeitalter gänzlich entsteht – nichts von alledem ist verschieden von Hari.
Wort für Wort
kartā kriyāṇām
der Handelnde der Handlungen
saḥ ca ijyate kratuḥ
und er ist das Opfer(werk), das dargebracht wird
saḥ eva tatkarmaphalam
er selbst [ist] die Frucht jener Handlung
ca tasya yat
und was auch immer davon [ist]
yugādi
der Anfang der Weltzeitalter
yasmāt ca bhavet aśeṣataḥ
und woraus [er] vollständig entstehen möge
hareḥ na kiṃcit vyatiriktam
nichts von Hari Verschiedenes
asti tat
ist das
[Anm.: Vierpadiger Vers in abweichendem Versmaß (wie schon Kap.19 V.25-27), hier als ein Vers mit den Padas a-d unter derselben Nummer im Quelltext markiert; philosophisch dicht (Handelnder/Opfer/Frucht/Zeitursprung – alles nicht verschieden von Hari), Übersetzung sinngemäß.]