Kapitel 42: virajātīrthapuruṣottamakṣetramāhātmyavarṇanam
Die Größe des Tīrtha Viraja und die Beschreibung des Puruṣottama-Feldes (Utkala)
Brahmā setzt seine Rede fort mit dem Preis der Göttin Virajā (Brahmāṇī) und des Flusses Vaitaraṇī am Ort Viraja, sowie einer Liste von acht dortigen Tīrthas. Ab V.13 folgt die berühmte Māhātmya-Beschreibung des Puruṣottama-Kṣetra am Nordufer des Ozeans im Land Utkala - traditionell mit dem Jagannātha-Tempel in Purī (Orissa) identifiziert -, mit ausführlicher Naturschilderung (Bäume, Blüten, Vögel, Gewässer) im Stil von Kap.41, gefolgt von der Aussage, dass alle Götter dort ständig weilen, und einer abschließenden Beschreibung des Antlitzes Kṛṣṇas als Puruṣottama.
{Brahmā sprach [Fortsetzung]:} In Viraja ist die Mutter Virajā, [die Göttin] Brahmāṇī, wohlgegründet, durch deren Anblick der Sterbliche seine Familie bis zum siebten Glied reinigt.
sakṛd dṛṣṭvā tu tāṃ devīṃ bhaktyāpūjya praṇamya ca /
naraḥ svavaṃśam uddhṛtya mama lokaṃ sa gacchati //
Wer aber diese Göttin auch nur einmal erblickt, mit Hingabe verehrt und sich verneigt hat, der Mann, seine eigene Sippe emporhebend, geht zu meiner Welt ein.
Dort ist der Fluss Vaitaraṇī, aller Sünde hinwegnehmend, in dem gebadet der beste der Männer von aller Sünde befreit wird.
Wort für Wort
āste
dort ist
vaitaraṇī
der Fluss Vaitaraṇī
tatra
dort
sarvapāpaharā nadī
aller Sünde hinwegnehmend, der Fluss
yasyām snātvā
in dem gebadet
naraśreṣṭhaḥ
der beste der Männer
sarvapāpaiḥ pramucyate
wird von aller Sünde befreit
[Anm.: Vaitaraṇī ist in der Mythologie üblicherweise der Grenzfluss der Unterwelt; hier wird ein gleichnamiger irdischer, sündentilgender Fluss am Ort Viraja beschrieben - vermutlich der reale Fluss dieses Namens in Orissa.]
Dort eben weilt der Selbstentstandene, Hari selbst in Eberform (Varāha); die ihn erblickt und mit Hingabe verneigt haben, gehen zum höchsten Viṣṇu ein.
in diesen Tīrthas - der Kluge, mit gebändigten Sinnen, zu den acht Tīrthas in Viraja gegangen, vorschriftsgemäß gebadet und die Götter verneigt habend,
snātvā yaḥ sāgare martyo dṛṣṭvā ca kapilaṃ harim /
paśyed devīṃ ca vārāhīṃ sa yāti tridaśālayam //
Welcher Sterbliche, im Ozean gebadet und den Kapila-Hari erblickt habend, [auch] die Göttin Vārāhī erblickt, der geht zur Wohnstatt der Dreißig [Götter] ein.
Am nördlichen Ufer des Ozeans, in jenem Land, o beste der Zweifachgeborenen, liegt ein geheimes, höchstes Feld, Erlösung gewährend, Sünde vernichtend,
Wort für Wort
samudrasya uttare tīre
am nördlichen Ufer des Ozeans
tasmin deśe
in jenem Land
dvijottamāḥ
o beste der Zweifachgeborenen
āste guhyam param kṣetram
liegt ein geheimes, höchstes Feld
muktidam pāpanāśanam
Erlösung gewährend, Sünde vernichtend
[Anm.: Ab hier beginnt die Beschreibung des Feldes von Puruṣottama (Utkala), das mit dem berühmten Jagannātha-Kṣetra (Purī, Orissa) identifiziert wird.]
campakaiḥ karṇikāraiś ca cūtabilvaiḥ sapāṭalaiḥ /
kadambaiḥ kovidāraiś ca lakucair nāgakesaraiḥ //
mit Campaka- und Karṇikāra-Bäumen, mit Mango- und Bilva-Bäumen samt Pāṭala-Bäumen, mit Kadamba- und Kovidāra-Bäumen, mit Lakuca- und Nāgakesara-Bäumen,
prācīnāmalakair lodhrair nāraṅgair dhavakhādiraiḥ /
sarjabhūrjāśvakarṇaiś ca tamālair devadārubhiḥ //
mit Prācīnāmalaka- und Lodhra-Bäumen, mit Orangenbäumen, mit Dhava- und Khadira-Bäumen, mit Sarja-, Birken- und Aśvakarṇa-Bäumen, mit Tamāla- und Devadāru-Bäumen,
aśvatthaiḥ saptaparṇaiś ca madhudhāraśubhāñjanaiḥ /
śiṃśapāmalakair nīpair nimbatinduvibhītakaiḥ //
mit Aśvattha- und Saptaparṇa-Bäumen, mit Madhudhāra- und schönen Añjana-Bäumen, mit Śiṃśapā- und Āmalaka-Bäumen, mit Nīpa-, Nimba-, Tindu- und Vibhītaka-Bäumen,
reich an Duft der Früchte aller Jahreszeiten, strahlend von Blüten aller Jahreszeiten, das Gemüt erfreuend, glänzend, von vielerlei Vogelrufen erfüllt,
mit dem Ohr erfreuenden, überaus süßen, aus jugendlicher Erregung [?] hervorgebrachten, dem Geist Freude erzeugenden Lauten, aus den Schnäbeln der Vögel ertönend,
Wort für Wort
śrotraramyaiḥ sumadhuraiḥ
mit dem Ohr erfreuenden, überaus süßen [Lauten]
balanirmadaneritaiḥ
aus jugendlicher Erregung hervorgebracht [?]
manasaḥ prītijanakaiḥ śabdaiḥ
dem Geist Freude erzeugenden Lauten
khagamukheritaiḥ
aus den Schnäbeln der Vögel ertönend
[?] "balanirmadaneritaiḥ" ist kompositionell unsicher (bala = Kraft/Jugend, nirmadana = Erregung/Vertreibung von Trägheit); Sinn sinngemäß auf die lebhafte Vogelstimmung bezogen.
mit Jambīra-, Karuṇa- und Aṅkola-Bäumen, mit Granatapfel- und Bījapūraka-Bäumen, mit Zitronenbäumen, Areka-Früchten, Hintāla-Bäumen und Bananenwäldern,
anyaiś ca vividhair vṛkṣaiḥ puṣpaiś cānyair manoharaiḥ /
latāvitānagulmaiś ca vividhaiś ca jalāśayaiḥ //
und mit anderen mannigfaltigen Bäumen und anderen bezaubernden Blüten, mit Schlingpflanzen-Baldachinen und Sträuchern, und mit mancherlei Wasserbecken,
mit Kāraṇḍava-Enten, Tauchvögeln, Schwänen, Schildkröten, Fischen und Madgu-Vögeln, von Dātyūha- und Kranich-Vögeln wimmelnd, mit Koyaṣṭi- und Reihervögeln geschmückt,
etaiś cānyaiś ca kūjadbhiḥ samantāj jalacāribhiḥ /
khagair jalacaraiś cānyaiḥ kusumaiś ca jalodbhavaiḥ //
mit diesen und anderen ringsum zwitschernden, im Wasser lebenden [Tieren], mit Vögeln und anderen Wasserlebewesen, und mit im Wasser entstandenen Blüten,
mit in ihrer eigenen Pflicht beharrenden Kasten und ebenso mit anderen [Bewohnern] geschmückt, von frohen, wohlgenährten Leuten wimmelnd, von Männern und Frauen erfüllt,
eine Wohnstatt allen Wissens ohne Rest, eine Fundgrube aller Dharma-Tugenden - so mit allen [guten] Eigenschaften versehen ist das Feld, überaus schwer zu erlangen.
jagadvyāpī jagannāthas tatra sarvaṃ pratiṣṭhitam /
ahaṃ rudraś ca śakraś ca devāś cāgnipurogamāḥ //
Der die Welt durchdringende Herr der Welt (Jagannātha) - dort ist alles gegründet. Ich und Rudra und Śakra [Indra] und die Götter mit Agni an der Spitze,
die Yakṣas, Vidyādharas, Siddhas, die Weisen von strengen Gelübden, die Ṛṣis und die Vālakhilyas, und die Herren der Geschöpfe mit Kaśyapa an der Spitze,
Wort für Wort
yakṣāḥ vidyādharāḥ siddhāḥ
die Yakṣas, Vidyādharas, Siddhas
munayaḥ saṃśitavratāḥ
die Weisen von strengen Gelübden
ṛṣayaḥ vālakhilyāḥ ca
die Ṛṣis und die Vālakhilyas
kaśyapādyāḥ prajeśvarāḥ
die Herren der Geschöpfe mit Kaśyapa an der Spitze
suparṇāḥ kiṃnarā nāgās tathānye svargavāsinaḥ /
sāṅgāś ca caturo vedāḥ śāstrāṇi vividhāni ca //
die Suparṇas, Kiṃnaras, Nāgas, und ebenso andere Himmelsbewohner; die vier Veden samt ihren Anhangswissenschaften und die mannigfaltigen Lehrschriften,
und die Ozeane und ebenso die Berge sind in jenem Lande gegründet. In solch einem allerheiligsten Land, das von Göttern, Weisen und Ahnen aufgesucht wird,
[erblicken sie] das den drei Welten Wonne erzeugende Lotosgesicht Kṛṣṇas.
Wort für Wort
trailokyānandajananam
das den drei Welten Wonne erzeugende
kṛṣṇasya mukhapaṅkajam
Lotosgesicht Kṛṣṇas
[Anm.: V.49 besteht im Quelltext nur aus einer einzelnen Zeile (mit Asteriskmarkierung "//*" wie an anderen Stellen des Textes) und bildet den Abschluss der langen Beschreibung des Gottesantlitzes (V.47-49), die grammatisch von "ye paśyanti" in V.47 abhängt.]