Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 124: putratīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Putra-Tīrtha (Diti, Danu und die Entstehung der Maruts)

Diti, verzweifelt über den Machtverfall ihrer Söhne (Daityas/Dānavas) gegenüber Aditis Söhnen (V.1-9), erhält von ihrem Gatten Kaśyapa ein zwölfjähriges Gelübde mit strengen Verhaltensregeln für einen mächtigen Sohn (V.16-26). Der Daitya Maya, aus Freundschaft mit Indra (nach der Namuci-Episode, V.32-50), verrät diesem Ditis Plan; Indra dringt während ihres unachtsamen Schlafs in ihren Leib ein und zerschneidet den heranwachsenden Fötus trotz dessen eindringlicher Bitten mit dem Donnerkeil in immer kleinere Teile - die daraus entstehenden 49 lebendigen Teile werden zu den Maruts, den Windgöttern (V.51-73). Agastya verflucht Indra für seine Tat, Diti verflucht ihn ebenfalls (Verlust der Herrschaft durch Frauen), doch Śiva vermittelt: die Maruts werden Indras Verbündete und opferberechtigt, Agastyas Fluch wird gemildert, und Diti erbittet von Śiva zum Wohl aller Menschen einen Segen für Kinderlose (V.74-136). Ursprung des Putra- (Sohnes-), Mitra- (Freundschafts-), Śakra- und Kamalā-Tīrtha am Zusammenfluss von Diti und Gaṅgā. [Anm.: V.74 mit unsicherer Bezugssetzung ('tava bhrātā'); V.97 mit ungewöhnlichem Śiva-Epitheton 'vāsava'; mehrere Verse mit drei Zeilen im Original sowie V.3 und V.6 mit unregelmäßiger Padazahl (2 bzw. 6 statt 4) im besonderen Hymnenmetrum.]

{brahmovāca: } putratīrtham iti khyātaṃ puṇyatīrthaṃ tad ucyate / sarvān kāmān avāpnoti yanmahimnaḥ śruter api // BrP_124.1 //

Brahmā sprach: 'Es wird Putra-Tīrtha genannt, jenes heilige Tīrtha; alle Wünsche erlangt man, dessen Größe schon durch bloßes Hören (bekannt ist).'

Wort für Wort
putratīrtham iti khyātaṃ puṇyatīrthaṃ tad ucyate
es wird Putra-Tīrtha genannt, jenes heilige Tīrtha
sarvān kāmān avāpnoti yanmahimnaḥ śruter api
alle Wünsche erlangt man, dessen Größe schon durch bloßes Hören bekannt ist

[Anm.: Beginn der Diti-Danu-Erzählung von der Entstehung der Maruts (49 Windgötter) aus dem im Mutterleib von Indra zerstückelten Sohn der Diti; Kap.124 umfasst 140 Einheiten.]

tasya svarūpaṃ vakṣyāmi śṛṇu yatnena nārada / diteḥ putrāś ca danujāḥ parikṣīṇā yadābhavan / adites tu sutā jyeṣṭhāḥ sarvabhāvena nārada // BrP_124.2 //

Ich werde sein Wesen darlegen, höre aufmerksam, Nārada: als einst die Söhne der Diti und die Danu-Söhne geschwächt waren, während die ältesten Söhne der Aditi in voller Kraft standen, o Nārada -

Wort für Wort
tasya svarūpaṃ vakṣyāmi śṛṇu yatnena nārada
ich werde sein Wesen darlegen, höre aufmerksam, Nārada
diteḥ putrāś ca danujāḥ parikṣīṇā yadābhavan
als einst die Söhne der Diti und die Danu-Söhne geschwächt waren
adites tu sutā jyeṣṭhāḥ sarvabhāvena nārada
während die ältesten Söhne der Aditi in voller Kraft standen, o Nārada

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

tadā ditiḥ putraviyogaduḥkhāt BrP_124.3a saṃspardhamānā danum ājagāma BrP_124.3b

- da kam Diti, von Schmerz über den Verlust ihrer Söhne getrieben, voller Eifersucht, zu Danu.

Wort für Wort
tadā ditiḥ putraviyogaduḥkhāt
da kam Diti, von Schmerz über den Verlust ihrer Söhne getrieben
saṃspardhamānā danum ājagāma
voller Eifersucht, zu Danu

[Anm.: V.3 nur zwei Padas im besonderen Hymnenmetrum, ohne die üblichen vier.]

{ditir uvāca: } kṣīṇāḥ sutā āvayor eva bhadre BrP_124.4a kiṃ kurmahe karma loke garīyaḥ BrP_124.4b paśyāditer vaṃśam abhinnam uttamaṃ BrP_124.4c saurājyayuktaṃ yaśasā jayaśriyā BrP_124.4d

Diti sprach: 'Erschöpft sind die Söhne von uns beiden, Gütige - was sollen wir tun, welche Tat wäre in der Welt gewichtiger? Sieh das ungebrochene, herausragende Geschlecht der Aditi, verbunden mit guter Herrschaft, mit Ruhm und Siegesglanz.'

Wort für Wort
kṣīṇāḥ sutā āvayor eva bhadre
'erschöpft sind die Söhne von uns beiden, Gütige'
kiṃ kurmahe karma loke garīyaḥ
'was sollen wir tun, welche Tat wäre in der Welt gewichtiger?'
paśyāditer vaṃśam abhinnam uttamaṃ
'sieh das ungebrochene, herausragende Geschlecht der Aditi'
saurājyayuktaṃ yaśasā jayaśriyā
'verbunden mit guter Herrschaft, mit Ruhm und Siegesglanz'

jitārim abhyunnatakīrtidharmaṃ BrP_124.5a maccittasaṃharṣavināśadakṣam BrP_124.5b samānabhartṛtvasamānadharme BrP_124.5c samānagotre 'pi samānarūpe BrP_124.5d

'- den Feind besiegend, von erhabenem Ruhm und Dharma, geschickt darin, die Freude meines Herzens zu zerstören - bei gleichem Gattenstand, gleichem Dharma, bei gleichem Geschlecht und auch gleicher Gestalt (wie ich)!'

Wort für Wort
jitārim abhyunnatakīrtidharmaṃ
'den Feind besiegend, von erhabenem Ruhm und Dharma'
maccittasaṃharṣavināśadakṣam
'geschickt darin, die Freude meines Herzens zu zerstören'
samānabhartṛtvasamānadharme
'bei gleichem Gattenstand, gleichem Dharma'
samānagotre 'pi samānarūpe
'bei gleichem Geschlecht und auch gleicher Gestalt'

na jīvayeyaṃ śriyam unnatiṃ ca BrP_124.6a jīrṇāsmi dṛṣṭvā tv aditiprasūtān BrP_124.6b kām apy avasthām anuyāmi duḥsthā BrP_124.6c 'diter vilokyātha parāṃ samṛddhim BrP_124.6d dāvapraveśo 'pi sukhāya nūnaṃ BrP_124.6e svapne 'py avekṣyā na sapatnalakṣmīḥ BrP_124.6f

'Ich könnte das Glück und die Erhöhung (der Aditi) nicht mitansehen und am Leben bleiben; ich bin verzehrt, die von Aditi Geborenen sehend. In welch elenden Zustand gerate ich, wenn ich der Aditi höchsten Wohlstand erblicke - selbst der Eintritt in ein Waldfeuer wäre gewiss angenehmer; selbst im Traum ist das Glück der Nebenbuhlerin nicht mitanzusehen.'

Wort für Wort
na jīvayeyaṃ śriyam unnatiṃ ca
'ich könnte das Glück und die Erhöhung nicht mitansehen und am Leben bleiben'
jīrṇāsmi dṛṣṭvā tv aditiprasūtān
'ich bin verzehrt, die von Aditi Geborenen sehend'
kām apy avasthām anuyāmi duḥsthā
'in welch elenden Zustand gerate ich'
'diter vilokyātha parāṃ samṛddhim
'wenn ich der Aditi höchsten Wohlstand erblicke'
dāvapraveśo 'pi sukhāya nūnaṃ
'selbst der Eintritt in ein Waldfeuer wäre gewiss angenehmer'
svapne 'py avekṣyā na sapatnalakṣmīḥ
'selbst im Traum ist das Glück der Nebenbuhlerin nicht mitanzusehen'

[Anm.: V.6 mit sechs Padas (a-f) im besonderen Hymnenmetrum, statt der üblichen vier.]

{brahmovāca: } evaṃ bruvāṇām atidīnavaktrāṃ BrP_124.7a viniśvasantīṃ parameṣṭhiputraḥ BrP_124.7b kṛtābhipūjo vigataśramas tāṃ BrP_124.7c sa sāntvayann āha manobhirāmām BrP_124.7d

Brahmā sprach: Zu ihr, die so sprach, mit überaus kläglichem Antlitz, tief seufzend, sprach der Sohn des Höchsten (Kaśyapa), von ihr geehrt, seine Müdigkeit ablegend, sie tröstend, die den Sinn Erfreuende.

Wort für Wort
evaṃ bruvāṇām atidīnavaktrāṃ
zu ihr, die so sprach, mit überaus kläglichem Antlitz
viniśvasantīṃ parameṣṭhiputraḥ
tief seufzend, (sprach) der Sohn des Höchsten (Kaśyapa)
kṛtābhipūjo vigataśramas tāṃ
von ihr geehrt, seine Müdigkeit ablegend, zu ihr
sa sāntvayann āha manobhirāmām
sie tröstend, sprach er, die den Sinn Erfreuende

{parameṣṭhiputra uvāca: } khedo na kāryaḥ samabhīpsitaṃ yat BrP_124.8a tat prāpyate puṇyata eva bhadre BrP_124.8b tatsādhanaṃ vetti mahānubhāvaḥ BrP_124.8c prajāpatis te sa tu vakṣyatīti BrP_124.8d

Kaśyapa sprach: 'Kein Kummer soll gemacht werden; was ersehnt wird, das wird durch Verdienst allein erlangt, Gütige; das Mittel dazu kennt der Hochherzige, der Herr der Geschöpfe (Brahmā) - er wird es dir sagen.'

Wort für Wort
khedo na kāryaḥ samabhīpsitaṃ yat
'kein Kummer soll gemacht werden; was ersehnt wird'
tat prāpyate puṇyata eva bhadre
'das wird durch Verdienst allein erlangt, Gütige'
tatsādhanaṃ vetti mahānubhāvaḥ
'das Mittel dazu kennt der Hochherzige'
prajāpatis te sa tu vakṣyatīti
'der Herr der Geschöpfe - er wird es dir sagen'

sādhvy etat sarvabhāvena praśrayāvanatā satī //* BrP_124.9 //

Die Tugendhafte, ganz und gar in Demut sich neigend, wahrhaft, (nahm dies willig an).

Wort für Wort
sādhvy etat sarvabhāvena
die Tugendhafte, ganz und gar
praśrayāvanatā satī
in Demut sich neigend, wahrhaft (nahm dies an)

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{brahmovāca: } evaṃ bruvāṇāṃ ca ditiṃ danuḥ provāca nārada //* BrP_124.10 //

Brahmā sprach: Zu Diti, die so sprach, sprach da Danu, o Nārada.

Wort für Wort
evaṃ bruvāṇāṃ ca ditiṃ
zu Diti, die so sprach
danuḥ provāca nārada
sprach da Danu, o Nārada

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{danur uvāca: } bhartāraṃ kaśyapaṃ bhadre toṣayasva nijair guṇaiḥ / tuṣṭo yadi bhaved bhartā tataḥ kāmān avāpsyasi // BrP_124.11 //

Danu sprach: 'Gütige, erfreue deinen Gatten Kaśyapa durch deine eigenen Tugenden; wenn der Gatte zufrieden ist, wirst du deine Wünsche erlangen.'

Wort für Wort
bhartāraṃ kaśyapaṃ bhadre toṣayasva nijair guṇaiḥ
'Gütige, erfreue deinen Gatten Kaśyapa durch deine eigenen Tugenden'
tuṣṭo yadi bhaved bhartā tataḥ kāmān avāpsyasi
'wenn der Gatte zufrieden ist, wirst du deine Wünsche erlangen'

{brahmovāca: } tathety uktvā sarvabhāvais toṣayām āsa kaśyapam / ditiṃ provāca bhagavān kaśyapo 'tha prajāpatiḥ // BrP_124.12 //

Brahmā sprach: 'So sei es', sagend, erfreute sie mit ganzem Wesen Kaśyapa; da sprach der erhabene Kaśyapa, der Herr der Geschöpfe, zu Diti.

Wort für Wort
tathety uktvā sarvabhāvais toṣayām āsa kaśyapam
'so sei es', sagend, erfreute sie mit ganzem Wesen Kaśyapa
ditiṃ provāca bhagavān kaśyapo 'tha prajāpatiḥ
da sprach der erhabene Kaśyapa, der Herr der Geschöpfe, zu Diti

{kaśyapa uvāca: } kiṃ dadāmi vadābhīṣṭaṃ dite varaya suvrate //* BrP_124.13 //

Kaśyapa sprach: 'Was soll ich geben? Sage deinen Wunsch, Diti, wähle, du Tugendreiche.'

Wort für Wort
kiṃ dadāmi vadābhīṣṭaṃ dite
'was soll ich geben? Sage deinen Wunsch, Diti'
varaya suvrate
'wähle, du Tugendreiche'

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{brahmovāca: } ditir apy āha bhartāraṃ putraṃ bahuguṇānvitam / jetāraṃ sarvalokānāṃ sarvalokanamaskṛtam // BrP_124.14 //

Brahmā sprach: Auch Diti sprach zu ihrem Gatten: 'Einen Sohn, mit vielen Tugenden versehen, einen Bezwinger aller Welten, von allen Welten verehrt -'

Wort für Wort
ditir apy āha bhartāraṃ putraṃ bahuguṇānvitam
auch Diti sprach zu ihrem Gatten: 'einen Sohn, mit vielen Tugenden versehen'
jetāraṃ sarvalokānāṃ sarvalokanamaskṛtam
'einen Bezwinger aller Welten, von allen Welten verehrt'

yena jātena loke 'smin bhaveyaṃ vīraputriṇī / taṃ vareyaṃ surapitar ity āha vinayānvitā // BrP_124.15 //

'- durch dessen Geburt ich in dieser Welt eine Mutter eines Helden würde; diesen möchte ich wählen, o Vater der Götter' - so sprach sie in Demut.

Wort für Wort
yena jātena loke 'smin bhaveyaṃ vīraputriṇī
'durch dessen Geburt ich in dieser Welt eine Mutter eines Helden würde'
taṃ vareyaṃ surapitar ity āha vinayānvitā
'diesen möchte ich wählen, o Vater der Götter' - so sprach sie in Demut

{kaśyapa uvāca: } upadekṣye vrataṃ śreṣṭhaṃ dvādaśābdaphalapradam / tata āgatya te garbham ādhāsye yan manogatam / niṣpāpatāyāṃ jātāyāṃ sidhyanti hi manorathāḥ // BrP_124.16 //

Kaśyapa sprach: 'Ich werde dir ein vorzügliches Gelübde lehren, das nach zwölf Jahren Frucht trägt; danach zurückgekehrt, werde ich dir die Schwangerschaft geben, die dir im Sinn liegt; wenn Sündlosigkeit erreicht ist, gehen die Herzenswünsche in Erfüllung.'

Wort für Wort
upadekṣye vrataṃ śreṣṭhaṃ dvādaśābdaphalapradam
'ich werde dir ein vorzügliches Gelübde lehren, das nach zwölf Jahren Frucht trägt'
tata āgatya te garbham ādhāsye yan manogatam
'danach zurückgekehrt, werde ich dir die Schwangerschaft geben, die dir im Sinn liegt'
niṣpāpatāyāṃ jātāyāṃ sidhyanti hi manorathāḥ
'wenn Sündlosigkeit erreicht ist, gehen die Herzenswünsche in Erfüllung'

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{brahmovāca: } bhartṛvākyād ditiḥ prītā taṃ namasyāyatekṣaṇā / upadiṣṭaṃ vrataṃ cakre bhartrādiṣṭaṃ yathāvidhi // BrP_124.17 //

Brahmā sprach: Durch das Wort ihres Gatten erfreut, verneigte sich die langäugige Diti vor ihm und vollzog das von ihm gelehrte, vom Gatten angeordnete Gelübde vorschriftsgemäß.

Wort für Wort
bhartṛvākyād ditiḥ prītā taṃ namasyāyatekṣaṇā
durch das Wort ihres Gatten erfreut, verneigte sich die langäugige Diti vor ihm
upadiṣṭaṃ vrataṃ cakre bhartrādiṣṭaṃ yathāvidhi
und vollzog das von ihm gelehrte, vom Gatten angeordnete Gelübde vorschriftsgemäß

tīrthasevāpātradāna- vratacaryādivarjitāḥ / katham āsādayiṣyanti prāṇino 'tra manorathān // BrP_124.18 //

Diejenigen, die des Besuchs von Tīrthas, der Gabe an würdige Empfänger, der Ausübung von Gelübden und dergleichen entbehren, wie sollten Lebewesen hier ihre Herzenswünsche erreichen?

Wort für Wort
tīrthasevāpātradānavratacaryādivarjitāḥ
diejenigen, die des Besuchs von Tīrthas, der Gabe an würdige Empfänger, der Ausübung von Gelübden und dergleichen entbehren
katham āsādayiṣyanti prāṇino 'tra manorathān
wie sollten Lebewesen hier ihre Herzenswünsche erreichen

tataś cīrṇe vrate tasyāṃ dityāṃ garbham adhārayat / punaḥ kāntām athovāca kaśyapas tāṃ ditiṃ rahaḥ // BrP_124.19 //

Nachdem dann das Gelübde vollzogen war, empfing jene Diti eine Schwangerschaft; wieder sprach Kaśyapa im Verborgenen zu seiner Geliebten Diti.

Wort für Wort
tataś cīrṇe vrate tasyāṃ dityāṃ garbham adhārayat
nachdem dann das Gelübde vollzogen war, empfing jene Diti eine Schwangerschaft
punaḥ kāntām athovāca kaśyapas tāṃ ditiṃ rahaḥ
wieder sprach Kaśyapa im Verborgenen zu seiner Geliebten Diti

{kaśyapa uvāca: } na prāpnuvanti yatkāmān munayo 'pi tapassthitāḥ / yathāvihitakarmāṅga- avajñayā tac chucismite // BrP_124.20 //

Kaśyapa sprach: 'Was selbst in Askese verharrende Weise an Wünschen nicht erlangen, das (erlangst du), wenn nicht aus Geringschätzung gegen die vorschriftsgemäß angeordneten Handlungsglieder (verstoßen wird), du Lächelnde.'

Wort für Wort
na prāpnuvanti yatkāmān munayo 'pi tapassthitāḥ
'was selbst in Askese verharrende Weise an Wünschen nicht erlangen'
yathāvihitakarmāṅgaavajñayā tac chucismite
'das (erlangst du), wenn nicht aus Geringschätzung gegen die vorgeschriebenen Handlungsglieder verstoßen wird, du Lächelnde'

[Anm.: Konstruktion des zweiten Halbverses verdichtet; sinngemäß: Missachtung der folgenden Vorschriften würde den Erfolg des Gelübdes gefährden.]

ninditaṃ ca na kartavyaṃ saṃdhyayor ubhayor api / na svaptavyaṃ na gantavyaṃ muktakeśī ca no bhava // BrP_124.21 //

'Nichts Verwerfliches soll getan werden, in beiden Dämmerungen; nicht soll geschlafen, nicht gegangen werden, und sei nicht mit gelöstem Haar.'

Wort für Wort
ninditaṃ ca na kartavyaṃ saṃdhyayor ubhayor api
'nichts Verwerfliches soll getan werden, in beiden Dämmerungen'
na svaptavyaṃ na gantavyaṃ muktakeśī ca no bhava
'nicht soll geschlafen, nicht gegangen werden, und sei nicht mit gelöstem Haar'

bhoktavyaṃ subhage naiva kṣutaṃ vā jṛmbhaṇaṃ tathā / saṃdhyākāle na kartavyaṃ bhūtasaṃghasamākule // BrP_124.22 //

'Nicht soll gegessen, geniest oder gegähnt werden, Schönbrauige, zur Dämmerungszeit, die von Scharen von Geisterwesen erfüllt ist.'

Wort für Wort
bhoktavyaṃ subhage naiva kṣutaṃ vā jṛmbhaṇaṃ tathā
'nicht soll gegessen, geniest oder gegähnt werden, Schönbrauige'
saṃdhyākāle na kartavyaṃ bhūtasaṃghasamākule
'zur Dämmerungszeit, die von Scharen von Geisterwesen erfüllt ist'

sāntardhānaṃ sadā kāryaṃ hasitaṃ tu viśeṣataḥ / gṛhāntadeśe saṃdhyāsu na sthātavyaṃ kadācana // BrP_124.23 //

'Stets soll man sich verbergen, besonders beim Lachen; im Inneren des Hauses soll man während der Dämmerungen niemals verweilen.'

Wort für Wort
sāntardhānaṃ sadā kāryaṃ hasitaṃ tu viśeṣataḥ
'stets soll man sich verbergen, besonders beim Lachen'
gṛhāntadeśe saṃdhyāsu na sthātavyaṃ kadācana
'im Inneren des Hauses soll man während der Dämmerungen niemals verweilen'

muśalolūkhalādīni śūrpapīṭhapidhānakam / naivātikramaṇīyāni divā rātrau sadā priye // BrP_124.24 //

'Stößel, Mörser und dergleichen, Worfelkorb, Sitzbank, Deckel - diese sollen niemals überschritten werden, bei Tag und Nacht, stets, Geliebte.'

Wort für Wort
muśalolūkhalādīni śūrpapīṭhapidhānakam
'Stößel, Mörser und dergleichen, Worfelkorb, Sitzbank, Deckel'
naivātikramaṇīyāni divā rātrau sadā priye
'diese sollen niemals überschritten werden, bei Tag und Nacht, stets, Geliebte'

udakśīrṣaṃ tu śayanaṃ na saṃdhyāsu viśeṣataḥ / vaktavyaṃ nānṛtaṃ kiṃcin nānyagehāṭanaṃ tathā // BrP_124.25 //

'Mit dem Kopf zum Wasser hin soll das Lager nicht sein, besonders nicht zu den Dämmerungszeiten; keinerlei Unwahres soll gesprochen werden, ebenso kein Umherstreifen in fremden Häusern.'

Wort für Wort
udakśīrṣaṃ tu śayanaṃ na saṃdhyāsu viśeṣataḥ
'mit dem Kopf zum Wasser hin soll das Lager nicht sein, besonders nicht zu den Dämmerungszeiten'
vaktavyaṃ nānṛtaṃ kiṃcin nānyagehāṭanaṃ tathā
'keinerlei Unwahres soll gesprochen werden, ebenso kein Umherstreifen in fremden Häusern'

kāntād anyo na vīkṣyas tu prayatnena naraḥ kvacit / ityādiniyamair yuktā yadi tvam anuvartase / tatas te bhavitā putras trailokyaiśvaryabhājanam // BrP_124.26 //

'Kein anderer Mann als der Gatte soll je mit Absicht angeblickt werden. Wenn du, mit solchen und ähnlichen Regeln versehen, ihnen folgst, dann wird dir ein Sohn geboren werden, der Träger der Herrschaft über die drei Welten.'

Wort für Wort
kāntād anyo na vīkṣyas tu prayatnena naraḥ kvacit
'kein anderer Mann als der Gatte soll je mit Absicht angeblickt werden'
ityādiniyamair yuktā yadi tvam anuvartase
'wenn du, mit solchen und ähnlichen Regeln versehen, ihnen folgst'
tatas te bhavitā putras trailokyaiśvaryabhājanam
'dann wird dir ein Sohn geboren werden, der Träger der Herrschaft über die drei Welten'

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{brahmovāca: } tatheti pratijajñe sā bhartāraṃ lokapūjitam / gataś ca kaśyapo brahmann itaś cetaḥ surān prati // BrP_124.27 //

Brahmā sprach: 'So sei es', gelobte sie ihrem von der Welt verehrten Gatten; und Kaśyapa, o Brahmane, ging von hier dorthin, zu den Göttern.

Wort für Wort
tatheti pratijajñe sā bhartāraṃ lokapūjitam
'so sei es', gelobte sie ihrem von der Welt verehrten Gatten
gataś ca kaśyapo brahmann itaś cetaḥ surān prati
und Kaśyapa, o Brahmane, ging von hier dorthin, zu den Göttern

diter garbho 'pi vavṛdhe balavān puṇyasaṃbhavaḥ / etat sarvaṃ mayo daityo māyayā vetti tattvataḥ // BrP_124.28 //

Auch Ditis Schwangerschaft wuchs, kraftvoll, aus Verdienst entstanden; all dies wusste der Daitya Maya durch seine Zauberkraft der Wahrheit nach.

Wort für Wort
diter garbho 'pi vavṛdhe balavān puṇyasaṃbhavaḥ
auch Ditis Schwangerschaft wuchs, kraftvoll, aus Verdienst entstanden
etat sarvaṃ mayo daityo māyayā vetti tattvataḥ
all dies wusste der Daitya Maya durch seine Zauberkraft der Wahrheit nach

indrasya sakhyam abhavan mayena prītipūrvakam / mayo gatvā rahaḥ prāha indraṃ sa vinayānvitaḥ // BrP_124.29 //

Mit Maya entstand für Indra eine liebevolle Freundschaft; Maya, im Verborgenen zu ihm gegangen, sprach demütig zu Indra.

Wort für Wort
indrasya sakhyam abhavan mayena prītipūrvakam
mit Maya entstand für Indra eine liebevolle Freundschaft
mayo gatvā rahaḥ prāha indraṃ sa vinayānvitaḥ
Maya, im Verborgenen zu ihm gegangen, sprach demütig zu Indra

diter danor abhiprāyaṃ vrataṃ garbhasya vardhanam / tasya vīryaṃ ca vividhaṃ prītyendrāya nyavedayat // BrP_124.30 //

Die Absicht der Diti und Danu, das Gelübde, das Wachstum der Schwangerschaft, und dessen mannigfache Kraft berichtete er Indra freundlich.

Wort für Wort
diter danor abhiprāyaṃ vrataṃ garbhasya vardhanam
die Absicht der Diti und Danu, das Gelübde, das Wachstum der Schwangerschaft
tasya vīryaṃ ca vividhaṃ prītyendrāya nyavedayat
und dessen mannigfache Kraft berichtete er Indra freundlich

viśvāsaikagṛhaṃ mitram apāyatrāsavarjitam / arjitaṃ sukṛtaṃ nānā- vidhaṃ cet tad avāpyate // BrP_124.31 //

Ein Freund, das einzige Haus des Vertrauens, frei von der Furcht vor Verderben, wird erlangt, wenn mannigfaches, wohlerworbenes Verdienst vorhanden ist.

Wort für Wort
viśvāsaikagṛhaṃ mitram apāyatrāsavarjitam
ein Freund, das einzige Haus des Vertrauens, frei von der Furcht vor Verderben
arjitaṃ sukṛtaṃ nānāvidhaṃ cet tad avāpyate
wird erlangt, wenn mannigfaches, wohlerworbenes Verdienst vorhanden ist

[Anm.: Allgemeiner, sprichwortartiger Einschub über den Wert wahrer Freundschaft.]

{nārada uvāca: } namuceś ca priyo bhrātā mayo daityo mahābalaḥ / bhrātṛhantrā kathaṃ maitryaṃ mayasyāsīt sureśvara // BrP_124.32 //

Nārada sprach: 'Maya, der mächtige Daitya, ist doch der geliebte Bruder Namucis - wie konnte Freundschaft zwischen Maya und dem Mörder seines Bruders entstehen, Herr der Götter?'

Wort für Wort
namuceś ca priyo bhrātā mayo daityo mahābalaḥ
'Maya, der mächtige Daitya, ist doch der geliebte Bruder Namucis'
bhrātṛhantrā kathaṃ maitryaṃ mayasyāsīt sureśvara
'wie konnte Freundschaft zwischen Maya und dem Mörder seines Bruders entstehen, Herr der Götter?'

{brahmovāca: } daityānām adhipaś cāsīd balavān namuciḥ purā / indreṇa vairam abhavad bhīṣaṇaṃ lomaharṣaṇam // BrP_124.33 //

Brahmā sprach: Es gab einst einen mächtigen Herrscher der Daityas namens Namuci; zwischen ihm und Indra entstand eine schreckliche, haarsträubende Feindschaft.

Wort für Wort
daityānām adhipaś cāsīd balavān namuciḥ purā
es gab einst einen mächtigen Herrscher der Daityas namens Namuci
indreṇa vairam abhavad bhīṣaṇaṃ lomaharṣaṇam
zwischen ihm und Indra entstand eine schreckliche, haarsträubende Feindschaft

yuddhaṃ hitvā kadācid bho gacchantaṃ tu śatakratum / dṛṣṭvā daityapatiḥ śūro namuciḥ pṛṣṭhato 'nvagāt // BrP_124.34 //

Einst, als Śatakratu (Indra) den Kampf aufgab und davonging, sah ihn der heldenhafte Daitya-Herr Namuci und verfolgte ihn von hinten.

Wort für Wort
yuddhaṃ hitvā kadācid bho gacchantaṃ tu śatakratum
einst, als Śatakratu den Kampf aufgab und davonging
dṛṣṭvā daityapatiḥ śūro namuciḥ pṛṣṭhato 'nvagāt
sah ihn der heldenhafte Daitya-Herr Namuci und verfolgte ihn von hinten

tam āyāntam abhiprekṣya śacībhartā bhayāturaḥ / airāvataṃ gajaṃ tyaktvā indraḥ phenam athāviśat // BrP_124.35 //

Ihn kommen sehend, von Furcht ergriffen, verließ Indra, Śacīs Gatte, den Elefanten Airāvata und trat in den Wasserschaum ein.

Wort für Wort
tam āyāntam abhiprekṣya śacībhartā bhayāturaḥ
ihn kommen sehend, von Furcht ergriffen, Śacīs Gatte
airāvataṃ gajaṃ tyaktvā indraḥ phenam athāviśat
verließ Indra den Elefanten Airāvata und trat in den Wasserschaum ein

sa vajrapāṇis tarasā phenenaivāhanad ripum / namucir nāśam agamat tasya bhrātā mayo 'nujaḥ // BrP_124.36 //

Er, der Donnerkeilträger, tötete rasch den Feind mit eben dem Schaum; Namuci ging zugrunde - Maya war sein jüngerer Bruder.

Wort für Wort
sa vajrapāṇis tarasā phenenaivāhanad ripum
er, der Donnerkeilträger, tötete rasch den Feind mit eben dem Schaum
namucir nāśam agamat tasya bhrātā mayo 'nujaḥ
Namuci ging zugrunde - Maya war sein jüngerer Bruder

[Anm.: Anspielung auf den bekannten Mythos, wonach Indra Namuci mit Schaum tötete, da er zuvor geschworen hatte, ihn weder mit trockener noch mit feuchter Waffe zu töten.]

bhrātṛhantṛvināśāya tapas tepe mayo mahat / māyāṃ ca vividhām āpa devānām atibhīṣaṇām // BrP_124.37 //

Um den Mörder seines Bruders zu vernichten, übte Maya große Askese und erlangte mannigfache, für die Götter überaus furchterregende Zauberkraft.

Wort für Wort
bhrātṛhantṛvināśāya tapas tepe mayo mahat
um den Mörder seines Bruders zu vernichten, übte Maya große Askese
māyāṃ ca vividhām āpa devānām atibhīṣaṇām
und erlangte mannigfache, für die Götter überaus furchterregende Zauberkraft

varāṃś cāvāpya tapasā viṣṇor lokaparāyaṇāt / dānaśauṇḍaḥ priyālāpī tadābhavad asau mayaḥ // BrP_124.38 //

Nachdem er durch Askese Gaben von Viṣṇu, dem Zufluchtsort der Welt, erhalten hatte, wurde jener Maya da freigebig im Schenken und liebenswürdig im Reden.

Wort für Wort
varāṃś cāvāpya tapasā viṣṇor lokaparāyaṇāt
nachdem er durch Askese Gaben von Viṣṇu, dem Zufluchtsort der Welt, erhalten hatte
dānaśauṇḍaḥ priyālāpī tadābhavad asau mayaḥ
wurde jener Maya da freigebig im Schenken und liebenswürdig im Reden

agnīṃś ca brāhmaṇān pūjya jetum indraṃ kṛtakṣaṇaḥ / dātāraṃ ca tadārthibhyaḥ stūyamānaṃ ca bandibhiḥ // BrP_124.39 //

Die Feuer und Brahmanen verehrend, bereit, Indra zu besiegen, wurde er ein Geber für die Bittenden und von Barden gepriesen.

Wort für Wort
agnīṃś ca brāhmaṇān pūjya jetum indraṃ kṛtakṣaṇaḥ
die Feuer und Brahmanen verehrend, bereit, Indra zu besiegen
dātāraṃ ca tadārthibhyaḥ stūyamānaṃ ca bandibhiḥ
wurde er ein Geber für die Bittenden und von Barden gepriesen

viditvā maghavā vāyor mayaṃ māyāvinaṃ ripum / upakrāntaṃ suyuddhāya vipro bhūtvā tam abhyagāt / śacībhartā mayaṃ daityaṃ provācedaṃ punaḥ punaḥ // BrP_124.40 //

Als Maghavan (Indra) durch Vāyu erfuhr, dass Maya, der zauberkundige Feind, sich zum rechten Kampf anschickte, ging er, ein Brahmane geworden, zu ihm; Śacīs Gatte sprach immer wieder dies zu dem Daitya Maya.

Wort für Wort
viditvā maghavā vāyor mayaṃ māyāvinaṃ ripum
als Maghavan durch Vāyu erfuhr, dass Maya, der zauberkundige Feind
upakrāntaṃ suyuddhāya vipro bhūtvā tam abhyagāt
sich zum rechten Kampf anschickte, ging er, ein Brahmane geworden, zu ihm
śacībhartā mayaṃ daityaṃ provācedaṃ punaḥ punaḥ
Śacīs Gatte sprach immer wieder dies zu dem Daitya Maya

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{indra uvāca: } dehi daityapate mahyam arthine 'pekṣitaṃ varam / tvāṃ śrutvā dātṛtilakam āgato 'haṃ dvijottamaḥ // BrP_124.41 //

Indra sprach: 'Gib mir, dem Bittsteller, o Herr der Daityas, die erwünschte Gabe; von dir gehört habend, dem Musterbild der Freigebigkeit, bin ich, der beste der Zweifachgeborenen, gekommen.'

Wort für Wort
dehi daityapate mahyam arthine 'pekṣitaṃ varam
'gib mir, dem Bittsteller, o Herr der Daityas, die erwünschte Gabe'
tvāṃ śrutvā dātṛtilakam āgato 'haṃ dvijottamaḥ
'von dir gehört habend, dem Musterbild der Freigebigkeit, bin ich, der beste der Zweifachgeborenen, gekommen'

{brahmovāca: } mayo 'pi brāhmaṇaṃ matvā 'vadad dattaṃ mayā tava / vicārayanti kṛtino bahv alpaṃ vā puro 'rthini // BrP_124.42 //

Brahmā sprach: Auch Maya, ihn für einen Brahmanen haltend, sprach: 'Gegeben ist von mir dir, was du wünschst; die Rechtschaffenen erwägen nicht, ob es viel oder wenig ist, vor einem Bittenden.'

Wort für Wort
mayo 'pi brāhmaṇaṃ matvā 'vadad dattaṃ mayā tava
auch Maya, ihn für einen Brahmanen haltend, sprach: 'gegeben ist von mir dir, was du wünschst'
vicārayanti kṛtino bahv alpaṃ vā puro 'rthini
'die Rechtschaffenen erwägen nicht, ob es viel oder wenig ist, vor einem Bittenden'

ity ukte tu hariḥ prāha sakhyam icche hy ahaṃ tvayā / indraṃ mayaḥ punaḥ prāha kim anena dvijottama // BrP_124.43 //

Als dies gesagt war, sprach Hari (Indra): 'Freundschaft wünsche ich mit dir'; Maya sprach wieder zu Indra: 'Was nützt das, bester der Zweifachgeborenen?'

Wort für Wort
ity ukte tu hariḥ prāha sakhyam icche hy ahaṃ tvayā
als dies gesagt war, sprach Hari: 'Freundschaft wünsche ich mit dir'
indraṃ mayaḥ punaḥ prāha kim anena dvijottama
Maya sprach wieder zu Indra: 'was nützt das, bester der Zweifachgeborenen?'

na tvayā mama vairaṃ bhoḥ svastīty āha harir mayam / tattvaṃ vadeti sa harir daityenoktaḥ svakaṃ vapuḥ // BrP_124.44 //

'Ich habe keine Feindschaft mit dir, wohlan, es sei Wohlergehen!' - so sprach Hari zu Maya. 'Sage die Wahrheit, wer du bist!' - so von dem Daitya aufgefordert, (zeigte) jener Hari seine eigene Gestalt.

Wort für Wort
na tvayā mama vairaṃ bhoḥ svastīty āha harir mayam
'ich habe keine Feindschaft mit dir, wohlan, es sei Wohlergehen!' - so sprach Hari zu Maya
tattvaṃ vadeti sa harir daityenoktaḥ svakaṃ vapuḥ
'sage die Wahrheit, wer du bist!' - so von dem Daitya aufgefordert, (zeigte) jener Hari seine eigene Gestalt

darśayām āsa daityāya sahasrākṣaṃ yad ucyate / tataḥ savismayo daityo mayo harim uvāca ha // BrP_124.45 //

Er zeigte dem Daitya jene Gestalt, die 'Tausendäugiger' genannt wird; da sprach der erstaunte Daitya Maya zu Hari.

Wort für Wort
darśayām āsa daityāya sahasrākṣaṃ yad ucyate
er zeigte dem Daitya jene Gestalt, die 'Tausendäugiger' genannt wird
tataḥ savismayo daityo mayo harim uvāca ha
da sprach der erstaunte Daitya Maya zu Hari

{maya uvāca: } kim idaṃ vajrapāṇis tvaṃ tavāyogyā kṛtiḥ sakhe //* BrP_124.46 //

Maya sprach: 'Was ist das? Du bist der Donnerkeilträger - deine Tat war deiner nicht würdig, Freund!'

Wort für Wort
kim idaṃ vajrapāṇis tvaṃ
'was ist das? Du bist der Donnerkeilträger'
tavāyogyā kṛtiḥ sakhe
'deine Tat war deiner nicht würdig, Freund'

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{brahmovāca: } pariṣvajya vihasyātha vṛttam ity abravīd dhariḥ / kenāpi sādhayanty atra paṇḍitāś ca samīhitam // BrP_124.47 //

Brahmā sprach: Ihn umarmend und lachend, sprach Hari, wie es sich zugetragen hatte: 'Mit irgendeinem Mittel erreichen die Klugen hier ihr Ziel.'

Wort für Wort
pariṣvajya vihasyātha vṛttam ity abravīd dhariḥ
ihn umarmend und lachend, sprach Hari, wie es sich zugetragen hatte
kenāpi sādhayanty atra paṇḍitāś ca samīhitam
'mit irgendeinem Mittel erreichen die Klugen hier ihr Ziel'

tataḥ prabhṛti śakrasya mayena mahatī hy abhūt / suprītir muniśārdūla mayo harihitaḥ sadā // BrP_124.48 //

Von da an entstand zwischen Śakra und Maya eine große Freundschaft, o Tiger unter den Weisen; Maya war stets Hari zugetan.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti śakrasya mayena mahatī hy abhūt
von da an entstand zwischen Śakra und Maya eine große
suprītir muniśārdūla mayo harihitaḥ sadā
Freundschaft, o Tiger unter den Weisen; Maya war stets Hari zugetan

indrasya bhavanaṃ gatvā tasmai sarvaṃ nyavedayat / kiṃ me kṛtyam iti prāha mayaṃ māyāvinaṃ hariḥ // BrP_124.49 //

Zu Indras Wohnstatt gegangen, berichtete er (Maya) ihm alles; 'Was ist meine Aufgabe?' sprach Hari zu dem zauberkundigen Maya.

Wort für Wort
indrasya bhavanaṃ gatvā tasmai sarvaṃ nyavedayat
zu Indras Wohnstatt gegangen, berichtete er ihm alles
kiṃ me kṛtyam iti prāha mayaṃ māyāvinaṃ hariḥ
'was ist meine Aufgabe?' sprach Hari zu dem zauberkundigen Maya

haraye ca mayo māyāṃ prādāt prītyā tathā hariḥ / prāptaḥ saṃprītimān āha kiṃ kṛtyaṃ maya tad vada // BrP_124.50 //

Und Maya gab Hari aus Freundschaft seine Zauberkraft; ebenso sprach der zufriedene Hari, sie erhalten habend: 'Was ist zu tun, Maya? Das sage.'

Wort für Wort
haraye ca mayo māyāṃ prādāt prītyā tathā hariḥ
und Maya gab Hari aus Freundschaft seine Zauberkraft; ebenso Hari
prāptaḥ saṃprītimān āha kiṃ kṛtyaṃ maya tad vada
sprach der zufriedene, sie erhalten habend: 'was ist zu tun, Maya? Das sage'

{maya uvāca: } agastyasyāśramaṃ gaccha tatrāste garbhiṇī ditiḥ / tasyāḥ śuśrūṣaṇaṃ kurvann āssva tatra kiyanti ca // BrP_124.51 //

Maya sprach: 'Geh zum Āśrama des Agastya; dort weilt die schwangere Diti. Ihr aufwartend, verweile dort einige (Tage).'

Wort für Wort
agastyasyāśramaṃ gaccha tatrāste garbhiṇī ditiḥ
'geh zum Āśrama des Agastya; dort weilt die schwangere Diti'
tasyāḥ śuśrūṣaṇaṃ kurvann āssva tatra kiyanti ca
'ihr aufwartend, verweile dort einige (Tage)'

ahāni maghavaṃs tasyā garbham āviśya vajradhṛk / vardhamānaṃ ca taṃ chindhi yāvad vaśyo 'thavā mṛtim / prāpnoti tāvad vajreṇa tato na bhavitā ripuḥ // BrP_124.52 //

'- Tage, o Maghavan; und, o Donnerkeilträger, in ihren Schoß eingetreten, zerschneide den heranwachsenden (Fötus), bis er dir untertan wird, oder mit dem Donnerkeil den Tod erlangt - dann wird kein Feind mehr sein.'

Wort für Wort
ahāni maghavaṃs tasyā garbham āviśya vajradhṛk
'Tage, o Maghavan; und, o Donnerkeilträger, in ihren Schoß eingetreten'
vardhamānaṃ ca taṃ chindhi yāvad vaśyo 'thavā mṛtim
'zerschneide den heranwachsenden Fötus, bis er dir untertan wird, oder den Tod'
prāpnoti tāvad vajreṇa tato na bhavitā ripuḥ
'erlangt mit dem Donnerkeil - dann wird kein Feind mehr sein'

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{brahmovāca: } tathety uktvā mayaṃ pūjya maghavān eka eva hi BrP_124.53a vinītavat tadā prāyād ditiṃ mātaram añjasā BrP_124.53b śuśrūṣamāṇas tāṃ devīṃ śakro daiteyamātaram BrP_124.53c sā na jānāti tac cittaṃ śakrasya dviṣato ditiḥ BrP_124.53d

Brahmā sprach: 'So sei es', sagend, Maya verehrend, ging Maghavan da ganz allein, demütig, geradewegs zur Mutter Diti, Śakra, jener Göttin, der Mutter der Daityas, aufwartend; sie, Diti, kannte nicht jenen feindseligen Sinn Śakras.

Wort für Wort
tathety uktvā mayaṃ pūjya maghavān eka eva hi
'so sei es', sagend, Maya verehrend, Maghavan ganz allein
vinītavat tadā prāyād ditiṃ mātaram añjasā
ging da demütig geradewegs zur Mutter Diti
śuśrūṣamāṇas tāṃ devīṃ śakro daiteyamātaram
Śakra, jener Göttin, der Mutter der Daityas, aufwartend
sā na jānāti tac cittaṃ śakrasya dviṣato ditiḥ
sie, Diti, kannte nicht jenen feindseligen Sinn Śakras

garbhe sthitaṃ tu yad bhūtaṃ devendrasya viceṣṭitam / amoghaṃ tan munes tejaḥ kaśyapasya durāsadam // BrP_124.54 //

Doch was auch immer im Mutterleib geschah als Tun des Götterfürsten - unfehlbar blieb jene Glut des Weisen Kaśyapa, unangreifbar.

Wort für Wort
garbhe sthitaṃ tu yad bhūtaṃ devendrasya viceṣṭitam
doch was auch immer im Mutterleib geschah als Tun des Götterfürsten
amoghaṃ tan munes tejaḥ kaśyapasya durāsadam
unfehlbar blieb jene Glut des Weisen Kaśyapa, unangreifbar

tataḥ pragṛhya kuliśaṃ sahasrākṣaḥ puraṃdaraḥ / antaḥpraveśakāmo 'sau bahukālaṃ samāvasan // BrP_124.55 //

Dann, den Donnerkeil ergreifend, verweilte der tausendäugige Puraṃdara lange Zeit, den Wunsch hegend, einzudringen.

Wort für Wort
tataḥ pragṛhya kuliśaṃ sahasrākṣaḥ puraṃdaraḥ
dann, den Donnerkeil ergreifend, der tausendäugige Puraṃdara
antaḥpraveśakāmo 'sau bahukālaṃ samāvasan
verweilte lange Zeit, den Wunsch hegend, einzudringen

saṃdhyodakśīrṣanidrāṃ tām avekṣya kuliśāyudhaḥ / idam antaram ity uktvā dityāḥ kukṣiṃ samāviśat // BrP_124.56 //

Sie im Dämmerungsschlaf mit dem Kopf zum Wasser liegend sehend, sprach der Donnerkeilbewaffnete: 'Dies ist die Gelegenheit' und drang in Ditis Leib ein.

Wort für Wort
saṃdhyodakśīrṣanidrāṃ tām avekṣya kuliśāyudhaḥ
sie im Dämmerungsschlaf mit dem Kopf zum Wasser liegend sehend, der Donnerkeilbewaffnete
idam antaram ity uktvā dityāḥ kukṣiṃ samāviśat
sprach: 'dies ist die Gelegenheit' und drang in Ditis Leib ein

antarvarti ca yad bhūtaṃ indraṃ dṛṣṭvā dhṛtāyudham / hantukāmaṃ tadovāca punaḥ punar abhītavat // BrP_124.57 //

Und der im Leib befindliche Fötus, Indra mit erhobener Waffe erblickend, der ihn töten wollte, sprach da, immer wieder von Furcht ergriffen.

Wort für Wort
antarvarti ca yad bhūtaṃ indraṃ dṛṣṭvā dhṛtāyudham
und der im Leib befindliche Fötus, Indra mit erhobener Waffe erblickend
hantukāmaṃ tadovāca punaḥ punar abhītavat
der ihn töten wollte, sprach da, immer wieder von Furcht ergriffen

{garbhastha uvāca: } kiṃ māṃ na rakṣase vajrin bhrātaraṃ tvaṃ jighāṃsasi / nāraṇe māraṇād anyat pātakaṃ vidyate mahat // BrP_124.58 //

Der im Leib Befindliche sprach: 'Warum beschützt du mich nicht, Donnerkeilträger? Du willst deinen Bruder töten! Es gibt keine größere Sünde als das Töten außerhalb der Schlacht.'

Wort für Wort
kiṃ māṃ na rakṣase vajrin bhrātaraṃ tvaṃ jighāṃsasi
'warum beschützt du mich nicht, Donnerkeilträger? Du willst deinen Bruder töten!'
nāraṇe māraṇād anyat pātakaṃ vidyate mahat
'es gibt keine größere Sünde als das Töten außerhalb der Schlacht'

ṛte yuddhān mahābāho śakra yudhyasva nirgate / mayi tasmān naitad evaṃ tava yuktaṃ bhaviṣyati // BrP_124.59 //

'Ohne Kampf, o Starkarmiger Śakra - kämpfe erst, wenn ich herausgekommen bin; daher wird dies so, an mir verübt, dir nicht geziemen.'

Wort für Wort
ṛte yuddhān mahābāho śakra yudhyasva nirgate
'ohne Kampf, o Starkarmiger Śakra - kämpfe erst, wenn ich herausgekommen bin'
mayi tasmān naitad evaṃ tava yuktaṃ bhaviṣyati
'daher wird dies so, an mir verübt, dir nicht geziemen'

śatakratuḥ sahasrākṣaḥ śacībhartā puraṃdaraḥ / vajrapāṇiḥ surendras tvaṃ te na yuktaṃ bhavet prabho // BrP_124.60 //

'Du bist Śatakratu, der Tausendäugige, Śacīs Gatte, Puraṃdara, der Donnerkeilträger, der Herr der Götter - dir würde dies nicht geziemen, o Herr.'

Wort für Wort
śatakratuḥ sahasrākṣaḥ śacībhartā puraṃdaraḥ
'du bist Śatakratu, der Tausendäugige, Śacīs Gatte, Puraṃdara'
vajrapāṇiḥ surendras tvaṃ te na yuktaṃ bhavet prabho
'der Donnerkeilträger, der Herr der Götter - dir würde dies nicht geziemen, o Herr'

athavā yuddhakāmas tvaṃ mama niṣkramaṇaṃ yathā / tathā kuru mahābāho mārgād asmād apāsara // BrP_124.61 //

'Oder, wenn du kampfbegierig bist - handle so, dass mein Herauskommen möglich wird; tritt, o Starkarmiger, von diesem Weg zurück.'

Wort für Wort
athavā yuddhakāmas tvaṃ mama niṣkramaṇaṃ yathā
'oder, wenn du kampfbegierig bist - so, dass mein Herauskommen möglich wird'
tathā kuru mahābāho mārgād asmād apāsara
'handle so, o Starkarmiger; tritt von diesem Weg zurück'

kumārge na pravartante mahānto 'pi vipadgatāḥ / avidyaś cāpy aśastraś ca naiva cāyudhasaṃgrahaḥ // BrP_124.62 //

'Auf einem falschen Weg schreiten selbst Große nicht voran, auch wenn sie ins Unglück geraten sind; ich bin unwissend und waffenlos, und es gibt auch kein Ergreifen einer Waffe bei mir.'

Wort für Wort
kumārge na pravartante mahānto 'pi vipadgatāḥ
'auf einem falschen Weg schreiten selbst Große nicht voran, auch wenn sie ins Unglück geraten sind'
avidyaś cāpy aśastraś ca naiva cāyudhasaṃgrahaḥ
'ich bin unwissend und waffenlos, und es gibt auch kein Ergreifen einer Waffe bei mir'

tvaṃ vidyāvān vajrapāṇe māṃ nighnan kiṃ na lajjase / kurvanti garhitaṃ karma na kulīnāḥ kadācana // BrP_124.63 //

'Du bist kundig, o Donnerkeilträger - mich tötend, schämst du dich nicht? Wohlgeborene tun niemals eine verwerfliche Tat.'

Wort für Wort
tvaṃ vidyāvān vajrapāṇe māṃ nighnan kiṃ na lajjase
'du bist kundig, o Donnerkeilträger - mich tötend, schämst du dich nicht?'
kurvanti garhitaṃ karma na kulīnāḥ kadācana
'Wohlgeborene tun niemals eine verwerfliche Tat'

hatvā vā kiṃ tu jāyeta yaśo vā puṇyam eva vā / vadhyante bhrātaraḥ kāmād garbhasthāḥ kiṃ nu pauruṣam // BrP_124.64 //

'Was würde denn durch das Töten entstehen - Ruhm oder gar Verdienst? Brüder, die im Mutterleib sind, aus Begierde zu töten - was ist das für Männlichkeit?'

Wort für Wort
hatvā vā kiṃ tu jāyeta yaśo vā puṇyam eva vā
'was würde denn durch das Töten entstehen - Ruhm oder gar Verdienst?'
vadhyante bhrātaraḥ kāmād garbhasthāḥ kiṃ nu pauruṣam
'Brüder, die im Mutterleib sind, aus Begierde zu töten - was ist das für Männlichkeit?'

yadi vā yuddhabhaktis te mayi bhrātar asaṃśayam / tato muṣṭiṃ puraskṛtya vajriṇe 'sau vyavasthitaḥ // BrP_124.65 //

'Oder, wenn du wahrhaftig Kampfeslust gegen mich hast, Bruder' - da stellte er sich, die Faust vorstreckend, dem Donnerkeilträger entgegen.

Wort für Wort
yadi vā yuddhabhaktis te mayi bhrātar asaṃśayam
'oder, wenn du wahrhaftig Kampfeslust gegen mich hast, Bruder'
tato muṣṭiṃ puraskṛtya vajriṇe 'sau vyavasthitaḥ
da stellte er sich, die Faust vorstreckend, dem Donnerkeilträger entgegen

[Anm.: Der unbewaffnete Fötus bietet, seiner eigenen Aussage in V.62 gemäß, den Faustkampf als einzig mögliche Form des Kampfes an.]

bālaghātī brahmaghātī tathā viśvāsaghātakaḥ / evaṃbhūtaṃ phalaṃ śakra kasmān māṃ hantum udyataḥ // BrP_124.66 //

'Kindsmörder, Brahmanenmörder und ebenso Vertrauensbrecher - solches wird die Frucht sein, Śakra; warum bist du bereit, mich zu töten?'

Wort für Wort
bālaghātī brahmaghātī tathā viśvāsaghātakaḥ
'Kindsmörder, Brahmanenmörder und ebenso Vertrauensbrecher'
evaṃbhūtaṃ phalaṃ śakra kasmān māṃ hantum udyataḥ
'solches wird die Frucht sein, Śakra; warum bist du bereit, mich zu töten?'

yasyājñayā sarvam idaṃ vartate sacarācaram / sa hantā bālakaṃ māṃ vai kiṃ yaśaḥ kiṃ tu pauruṣam // BrP_124.67 //

'Auf wessen Befehl hin all dies, das Bewegliche und Unbewegliche, besteht - wenn eben der (du) mich, ein Kind, tötet, was ist das für Ruhm, was für Männlichkeit?'

Wort für Wort
yasyājñayā sarvam idaṃ vartate sacarācaram
'auf wessen Befehl hin all dies, das Bewegliche und Unbewegliche, besteht'
sa hantā bālakaṃ māṃ vai kiṃ yaśaḥ kiṃ tu pauruṣam
'wenn eben der mich, ein Kind, tötet, was ist das für Ruhm, was für Männlichkeit?'

{brahmovāca: } evaṃ bruvantaṃ taṃ garbhaṃ ciccheda kuliśena saḥ / krodhāndhānāṃ lobhināṃ ca na ghṛṇā kvāpi vidyate // BrP_124.68 //

Brahmā sprach: Während er so sprach, zerschnitt jener den Fötus mit dem Donnerkeil; bei den von Zorn Verblendeten und den Gierigen gibt es nirgends Mitleid.

Wort für Wort
evaṃ bruvantaṃ taṃ garbhaṃ ciccheda kuliśena saḥ
während er so sprach, zerschnitt jener den Fötus mit dem Donnerkeil
krodhāndhānāṃ lobhināṃ ca na ghṛṇā kvāpi vidyate
bei den von Zorn Verblendeten und den Gierigen gibt es nirgends Mitleid

na mamāra tato duḥkhād āhus te bhrātaro vayam / punaś ciccheda tān khaṇḍān mā vadhīr iti cābruvan // BrP_124.69 //

Er starb dennoch nicht vor Schmerz; 'wir sind deine Brüder', sagten sie; wieder zerschnitt er jene Teile; 'töte uns nicht!' riefen sie.

Wort für Wort
na mamāra tato duḥkhād āhus te bhrātaro vayam
er starb dennoch nicht vor Schmerz; 'wir sind deine Brüder', sagten sie
punaś ciccheda tān khaṇḍān mā vadhīr iti cābruvan
wieder zerschnitt er jene Teile; 'töte uns nicht!' riefen sie

viśvastān mātṛgarbhasthān nijabhrātṝñ śatakrato / dveṣavidhvastabuddhīnāṃ na citte karuṇākaṇaḥ // BrP_124.70 //

Selbst die vertrauensvollen, im Mutterleib befindlichen eigenen Brüder, o Śatakratu - bei denen, deren Verstand vom Hass zerstört ist, gibt es kein Körnchen Mitgefühl im Herzen.

Wort für Wort
viśvastān mātṛgarbhasthān nijabhrātṝñ śatakrato
selbst die vertrauensvollen, im Mutterleib befindlichen eigenen Brüder, o Śatakratu
dveṣavidhvastabuddhīnāṃ na citte karuṇākaṇaḥ
bei denen, deren Verstand vom Hass zerstört ist, gibt es kein Körnchen Mitgefühl im Herzen

evaṃ tu khaṇḍitaṃ khaṇḍaṃ hastapādādijīvavat / nirvikāraṃ tato dṛṣṭvā saptasapta suvismitaḥ // BrP_124.71 //

So aber, jedes zerschnittene Stück, als hätte es Hände, Füße usw., unverändert weiterlebend, sehend, siebenmal sieben Stücke, höchst erstaunt -

Wort für Wort
evaṃ tu khaṇḍitaṃ khaṇḍaṃ hastapādādijīvavat
so aber, jedes zerschnittene Stück, als hätte es Hände, Füße usw.
nirvikāraṃ tato dṛṣṭvā saptasapta suvismitaḥ
unverändert weiterlebend sehend, siebenmal sieben Stücke, höchst erstaunt

ekavad bahurūpāṇi garbhasthāni śubhāni ca / rudanti bahurūpāṇi mā rutety abravīd dhariḥ // BrP_124.72 //

- waren nun viele Gestalten wie eine einzige, im Mutterleib befindlich und schön; die vielgestaltigen Wesen weinten; 'weint nicht!' sprach Hari.

Wort für Wort
ekavad bahurūpāṇi garbhasthāni śubhāni ca
waren nun viele Gestalten wie eine einzige, im Mutterleib befindlich und schön
rudanti bahurūpāṇi mā rutety abravīd dhariḥ
die vielgestaltigen Wesen weinten; 'weint nicht!' sprach Hari

tatas te maruto jātā balavanto mahaujasaḥ / garbhasthā eva te 'nyonyam ūcuḥ śakraṃ gatabhramāḥ // BrP_124.73 //

Dann wurden sie zu den Maruts, kraftvoll, von großer Macht; noch im Mutterleib sprachen sie, ihre Verwirrung überwunden, zueinander über Śakra.

Wort für Wort
tatas te maruto jātā balavanto mahaujasaḥ
dann wurden sie zu den Maruts, kraftvoll, von großer Macht
garbhasthā eva te 'nyonyam ūcuḥ śakraṃ gatabhramāḥ
noch im Mutterleib sprachen sie, ihre Verwirrung überwunden, zueinander über Śakra

agastyaṃ muniśārdūlaṃ mātā yasyāśrame sthitā / asmatpitā tava bhrātā sakhyaṃ te bahu manyate // BrP_124.74 //

'Agastya, den Tiger unter den Weisen, in dessen Āśrama unsere Mutter weilt - unser Vater ist (auch) dein Bruder (im Geiste); er schätzt deine Freundschaft sehr.'

Wort für Wort
agastyaṃ muniśārdūlaṃ mātā yasyāśrame sthitā
'Agastya, den Tiger unter den Weisen, in dessen Āśrama unsere Mutter weilt'
asmatpitā tava bhrātā sakhyaṃ te bahu manyate
'unser Vater ist dein Bruder; er schätzt deine Freundschaft sehr'

[Anm.: Bezugsverhältnis von 'tava bhrātā' ('dein Bruder') unklar - möglicherweise auf die gemeinsame Abstammung Kaśyapas und Indras von Brahmā anspielend; Konstruktion unsicher.]

asmān upari sasnehaṃ manas te vidmahe mune / na yat karoti śvapacaḥ pravṛttas tatra vajradhṛk // BrP_124.75 //

'Wir kennen deinen liebevollen Sinn uns gegenüber, o Weiser; was aber selbst ein Hundekocher (Ausgestoßener) nicht täte, das hat der Donnerkeilträger dort begangen.'

Wort für Wort
asmān upari sasnehaṃ manas te vidmahe mune
'wir kennen deinen liebevollen Sinn uns gegenüber, o Weiser'
na yat karoti śvapacaḥ pravṛttas tatra vajradhṛk
'was aber selbst ein Hundekocher nicht täte, das hat der Donnerkeilträger dort begangen'

{brahmovāca: } ity etad vacanaṃ śrutvā agastyo 'gāt sasaṃbhramaḥ / ditiṃ saṃbodhayām āsa vyathitāṃ garbhavedanāt // BrP_124.76 //

Brahmā sprach: Dieses Wort hörend, ging Agastya eilig hin; er sprach zu Diti, die von den Schmerzen der Schwangerschaft gequält war.

Wort für Wort
ity etad vacanaṃ śrutvā agastyo 'gāt sasaṃbhramaḥ
dieses Wort hörend, ging Agastya eilig hin
ditiṃ saṃbodhayām āsa vyathitāṃ garbhavedanāt
er sprach zu Diti, die von den Schmerzen der Schwangerschaft gequält war

tatrāgastyaḥ śacīkāntam aśapat kupito bhṛśam //* BrP_124.77 //

Dort verfluchte Agastya, heftig zornig, Śacīs Gatten (Indra).

Wort für Wort
tatrāgastyaḥ śacīkāntam
dort verfluchte Agastya Śacīs Gatten
aśapat kupito bhṛśam
heftig zornig

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{agastya uvāca: } saṃgrāme ripavaḥ pṛṣṭhaṃ paśyeyus te sadā hare / jīvatām eva maraṇam etad eva hi māninām / pṛṣṭhaṃ palāyamānānāṃ yat paśyanti ahitā raṇe // BrP_124.78 //

Agastya sprach: 'Deine Feinde sollen im Kampf stets deinen Rücken sehen, Hari; dies eben ist für Stolze der Tod bei Lebzeiten - wenn die Feinde im Kampf den Rücken der Fliehenden sehen.'

Wort für Wort
saṃgrāme ripavaḥ pṛṣṭhaṃ paśyeyus te sadā hare
'deine Feinde sollen im Kampf stets deinen Rücken sehen, Hari'
jīvatām eva maraṇam etad eva hi māninām
'dies eben ist für Stolze der Tod bei Lebzeiten'
pṛṣṭhaṃ palāyamānānāṃ yat paśyanti ahitā raṇe
'wenn die Feinde im Kampf den Rücken der Fliehenden sehen'

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{brahmovāca: } sāpi taṃ garbhasaṃsthaṃ ca śaśāpendraṃ ruṣā ditiḥ //* BrP_124.79 //

Brahmā sprach: Auch sie, Diti, verfluchte, aus Zorn über den (Vorgang) im Mutterleib, Indra.

Wort für Wort
sāpi taṃ garbhasaṃsthaṃ ca
auch sie, über den Vorgang im Mutterleib
śaśāpendraṃ ruṣā ditiḥ
verfluchte, aus Zorn, Diti, den Indra

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{ditir uvāca: } na pauruṣaṃ kṛtaṃ tasmāc chāpo 'yaṃ bhavitā tava / strībhiḥ paribhavaṃ prāpya rājyāt prabhraśyase hare // BrP_124.80 //

Diti sprach: 'Da du keine Männlichkeit gezeigt hast, soll dies dein Fluch sein: durch Frauen Schmach erleidend, sollst du deiner Herrschaft entfallen, Hari.'

Wort für Wort
na pauruṣaṃ kṛtaṃ tasmāc chāpo 'yaṃ bhavitā tava
'da du keine Männlichkeit gezeigt hast, soll dies dein Fluch sein'
strībhiḥ paribhavaṃ prāpya rājyāt prabhraśyase hare
'durch Frauen Schmach erleidend, sollst du deiner Herrschaft entfallen, Hari'

{brahmovāca: } etasminn antare tatra kaśyapo vai prajāpatiḥ / prāyāc ca vyathito 'gastyāc chrutvā śakraviceṣṭitam / garbhāntaragataḥ śakraḥ pitaraṃ prāha bhītavat // BrP_124.81 //

Brahmā sprach: Währenddessen kam dort der Herr der Geschöpfe Kaśyapa, betrübt, nachdem er von Agastya von Śakras Tun gehört hatte; der im Mutterleib befindliche Śakra sprach furchtsam zu seinem Vater.

Wort für Wort
etasminn antare tatra kaśyapo vai prajāpatiḥ
währenddessen kam dort der Herr der Geschöpfe Kaśyapa
prāyāc ca vyathito 'gastyāc chrutvā śakraviceṣṭitam
betrübt, nachdem er von Agastya von Śakras Tun gehört hatte
garbhāntaragataḥ śakraḥ pitaraṃ prāha bhītavat
der im Mutterleib befindliche Śakra sprach furchtsam zu seinem Vater

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{śakra uvāca: } agastyāc ca diteś caiva bibhemi kramituṃ bahiḥ //* BrP_124.82 //

Śakra sprach: 'Vor Agastya und vor Diti fürchte ich mich, nach draußen zu treten.'

Wort für Wort
agastyāc ca diteś caiva
'vor Agastya und vor Diti'
bibhemi kramituṃ bahiḥ
'fürchte ich mich, nach draußen zu treten'

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{brahmovāca: } etasminn antare prāpya kaśyapo 'pi prajāpatiḥ / putrakarma ca tad dṛṣṭvā garbhāntaḥsthitim eva ca / ditiśāpam agastyasya śrutvāsau duḥkhito 'bhavat // BrP_124.83 //

Brahmā sprach: Währenddessen, dort angekommen, sah auch der Herr der Geschöpfe Kaśyapa jene Tat des Sohnes und dessen Verbleiben im Mutterleib; Ditis Fluch und den des Agastya hörend, wurde er betrübt.

Wort für Wort
etasminn antare prāpya kaśyapo 'pi prajāpatiḥ
währenddessen, dort angekommen, auch der Herr der Geschöpfe Kaśyapa
putrakarma ca tad dṛṣṭvā garbhāntaḥsthitim eva ca
sah jene Tat des Sohnes und dessen Verbleiben im Mutterleib
ditiśāpam agastyasya śrutvāsau duḥkhito 'bhavat
Ditis Fluch und den des Agastya hörend, wurde er betrübt

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{kaśyapa uvāca: } nirgaccha śakra putraitat pāpaṃ kiṃ kṛtavān asi / na nirmalakulotpannā manaḥ kurvanti pātake // BrP_124.84 //

Kaśyapa sprach: 'Komm heraus, Śakra, mein Sohn! Was für eine Sünde hast du begangen? Aus reinem Geschlecht Entsprossene richten ihren Sinn nicht auf Sünde.'

Wort für Wort
nirgaccha śakra putraitat pāpaṃ kiṃ kṛtavān asi
'komm heraus, Śakra, mein Sohn! Was für eine Sünde hast du begangen?'
na nirmalakulotpannā manaḥ kurvanti pātake
'aus reinem Geschlecht Entsprossene richten ihren Sinn nicht auf Sünde'

{brahmovāca: } sa nirgato vajrapāṇiḥ savrīḍo 'dhomukho 'bravīt / tanmūrtir eva vadati sadasacceṣṭitaṃ nṛṇām // BrP_124.85 //

Brahmā sprach: Er, der Donnerkeilträger, kam heraus, beschämt, mit gesenktem Gesicht, und sprach; die äußere Gestalt selbst verrät das gute oder schlechte Tun der Menschen.

Wort für Wort
sa nirgato vajrapāṇiḥ savrīḍo 'dhomukho 'bravīt
er, der Donnerkeilträger, kam heraus, beschämt, mit gesenktem Gesicht, und sprach
tanmūrtir eva vadati sadasacceṣṭitaṃ nṛṇām
die äußere Gestalt selbst verrät das gute oder schlechte Tun der Menschen

{śakra uvāca: } yad uktam atra śreyaḥ syāt tatkartāham asaṃśayam //* BrP_124.86 //

Śakra sprach: 'Was hier als heilsam gesagt wird, das werde ich ohne Zweifel tun.'

Wort für Wort
yad uktam atra śreyaḥ syāt
'was hier als heilsam gesagt wird'
tatkartāham asaṃśayam
'das werde ich ohne Zweifel tun'

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{brahmovāca: } tato mamāntikaṃ prāyāl lokapālaiḥ sa kaśyapaḥ / sarvaṃ vṛttam athovāca punaḥ papraccha māṃ suraiḥ // BrP_124.87 //

Brahmā sprach: Da kam jener Kaśyapa mit den Weltenhütern zu mir; er berichtete alles, was geschehen war, und fragte mich dann wieder, zusammen mit den Göttern.

Wort für Wort
tato mamāntikaṃ prāyāl lokapālaiḥ sa kaśyapaḥ
da kam jener Kaśyapa mit den Weltenhütern zu mir
sarvaṃ vṛttam athovāca punaḥ papraccha māṃ suraiḥ
er berichtete alles, was geschehen war, und fragte mich dann wieder, zusammen mit den Göttern

ditigarbhasya vai śāntiṃ sahasrākṣaviśāpatām / garbhasthānāṃ ca sarveṣām indreṇa saha mitratām // BrP_124.88 //

- nach der Beruhigung von Ditis Schwangerschaft, der Aufhebung des Fluchs des Tausendäugigen, und der Freundschaft aller im Mutterleib Befindlichen mit Indra,

Wort für Wort
ditigarbhasya vai śāntiṃ sahasrākṣaviśāpatām
nach der Beruhigung von Ditis Schwangerschaft, der Aufhebung des Fluchs des Tausendäugigen
garbhasthānāṃ ca sarveṣām indreṇa saha mitratām
und der Freundschaft aller im Mutterleib Befindlichen mit Indra

teṣām ārogyatāṃ cāpi śacībhartur adoṣatām / agastyadattaśāpasya viśāpatvam api kramāt // BrP_124.89 //

- und auch nach deren Gesundheit, nach der Schuldlosigkeit von Śacīs Gatten, und nach der schrittweisen Aufhebung des von Agastya gegebenen Fluches.

Wort für Wort
teṣām ārogyatāṃ cāpi śacībhartur adoṣatām
auch nach deren Gesundheit, nach der Schuldlosigkeit von Śacīs Gatten
agastyadattaśāpasya viśāpatvam api kramāt
und nach der schrittweisen Aufhebung des von Agastya gegebenen Fluches

tato 'ham abravaṃ vākyaṃ kaśyapaṃ vinayānvitam / prajāpate kaśyapa tvaṃ vasubhir lokapālakaiḥ // BrP_124.90 //

Da sprach ich diese Worte zu dem demütigen Kaśyapa: 'Herr der Geschöpfe Kaśyapa, du sollst mit den Vasus, den Weltenhütern -'

Wort für Wort
tato 'ham abravaṃ vākyaṃ kaśyapaṃ vinayānvitam
da sprach ich diese Worte zu dem demütigen Kaśyapa
prajāpate kaśyapa tvaṃ vasubhir lokapālakaiḥ
'Herr der Geschöpfe Kaśyapa, du sollst mit den Vasus, den Weltenhütern'

indreṇa sahitaḥ śīghraṃ gautamīṃ yāhi mānada / tatra snātvā maheśānaṃ stuhi sarvaiḥ samanvitaḥ // BrP_124.91 //

'- zusammen mit Indra rasch zur Gautamī gehen, o Ehrenspender; dort gebadet, preise den großen Herrn (Śiva), von allen begleitet.'

Wort für Wort
indreṇa sahitaḥ śīghraṃ gautamīṃ yāhi mānada
'zusammen mit Indra rasch zur Gautamī gehen, o Ehrenspender'
tatra snātvā maheśānaṃ stuhi sarvaiḥ samanvitaḥ
'dort gebadet, preise den großen Herrn, von allen begleitet'

tataḥ śivaprasādena sarvaṃ śreyo bhaved iti / tathety uktvā jagāmāsau kaśyapo gautamīṃ tadā // BrP_124.92 //

'Dann wird durch Śivas Gnade alles zum Heil gereichen.' 'So sei es', sagend, ging jener Kaśyapa da zur Gautamī.

Wort für Wort
tataḥ śivaprasādena sarvaṃ śreyo bhaved iti
'dann wird durch Śivas Gnade alles zum Heil gereichen'
tathety uktvā jagāmāsau kaśyapo gautamīṃ tadā
'so sei es', sagend, ging jener Kaśyapa da zur Gautamī

snātvā tuṣṭāva deveśam ebhir eva padakramaiḥ / sarvaduḥkhāpanodāya dvayam eva prakīrtitam / gautamī vā puṇyanadī śivo vā karuṇākaraḥ // BrP_124.93 //

Gebadet, pries er den Götterherrn mit ebendiesen Versfolgen; zur Beseitigung allen Leids werden eben zwei Dinge gepriesen: die heilige Gautamī oder Śiva, der Quell des Erbarmens.

Wort für Wort
snātvā tuṣṭāva deveśam ebhir eva padakramaiḥ
gebadet, pries er den Götterherrn mit ebendiesen Versfolgen
sarvaduḥkhāpanodāya dvayam eva prakīrtitam
zur Beseitigung allen Leids werden eben zwei Dinge gepriesen
gautamī vā puṇyanadī śivo vā karuṇākaraḥ
die heilige Gautamī oder Śiva, der Quell des Erbarmens

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{kaśyapa uvāca: } pāhi śaṃkara deveśa pāhi lokanamaskṛta / pāhi pāvana vāgīśa pāhi pannagabhūṣaṇa // BrP_124.94 //

Kaśyapa sprach: 'Beschütze, Śaṃkara, Herr der Götter! Beschütze, von der Welt Verehrter! Beschütze, Reiniger, Herr der Rede! Beschütze, mit Schlangen Geschmückter!'

Wort für Wort
pāhi śaṃkara deveśa pāhi lokanamaskṛta
'beschütze, Śaṃkara, Herr der Götter! Beschütze, von der Welt Verehrter!'
pāhi pāvana vāgīśa pāhi pannagabhūṣaṇa
'beschütze, Reiniger, Herr der Rede! Beschütze, mit Schlangen Geschmückter!'

pāhi dharma vṛṣārūḍha pāhi vedatrayekṣaṇa / pāhi godhara lakṣmīśa pāhi śarva gajāmbara // BrP_124.95 //

'Beschütze, Dharma, auf dem Stier Reitender! Beschütze, dessen Augen die drei Veden sind! Beschütze, Erdträger, Herr der Lakṣmī! Beschütze, Śarva, in Elefantenhaut Gekleideter!'

Wort für Wort
pāhi dharma vṛṣārūḍha pāhi vedatrayekṣaṇa
'beschütze, Dharma, auf dem Stier Reitender! Beschütze, dessen Augen die drei Veden sind!'
pāhi godhara lakṣmīśa pāhi śarva gajāmbara
'beschütze, Erdträger, Herr der Lakṣmī! Beschütze, Śarva, in Elefantenhaut Gekleideter!'

pāhi tripurahan nātha pāhi somārdhabhūṣaṇa / pāhi yajñeśa someśa pāhy abhīṣṭapradāyaka // BrP_124.96 //

'Beschütze, Töter der Tripura, Herr! Beschütze, mit dem Halbmond Geschmückter! Beschütze, Herr des Opfers, Someśa! Beschütze, Gewährer der Wünsche!'

Wort für Wort
pāhi tripurahan nātha pāhi somārdhabhūṣaṇa
'beschütze, Töter der Tripura, Herr! Beschütze, mit dem Halbmond Geschmückter!'
pāhi yajñeśa someśa pāhy abhīṣṭapradāyaka
'beschütze, Herr des Opfers, Someśa! Beschütze, Gewährer der Wünsche!'

pāhi kāruṇyanilaya pāhi maṅgaladāyaka / pāhi prabhava sarvasya pāhi pālaka vāsava // BrP_124.97 //

'Beschütze, Wohnstatt des Erbarmens! Beschütze, Glückspender! Beschütze, Ursprung von allem! Beschütze, Beschützer, o Herr der Vasus!'

Wort für Wort
pāhi kāruṇyanilaya pāhi maṅgaladāyaka
'beschütze, Wohnstatt des Erbarmens! Beschütze, Glückspender!'
pāhi prabhava sarvasya pāhi pālaka vāsava
'beschütze, Ursprung von allem! Beschütze, Beschützer, o Herr der Vasus!'

[Anm.: 'vāsava' ('Herr der Vasus', gewöhnlich Beiname Indras) hier ungewöhnlich als Śiva-Epitheton verwendet, wohl im Sinne von 'Herr der Vasu-Gottheiten'.]

pāhi bhāskara vitteśa pāhi brahmanamaskṛta / pāhi viśveśa siddheśa pāhi pūrṇa namo 'stu te // BrP_124.98 //

'Beschütze, Sonnenhafter, Herr des Reichtums! Beschütze, von Brahmā Verehrter! Beschütze, Herr des Alls, Herr der Siddhas! Beschütze, Vollkommener - Verehrung sei dir!'

Wort für Wort
pāhi bhāskara vitteśa pāhi brahmanamaskṛta
'beschütze, Sonnenhafter, Herr des Reichtums! Beschütze, von Brahmā Verehrter!'
pāhi viśveśa siddheśa pāhi pūrṇa namo 'stu te
'beschütze, Herr des Alls, Herr der Siddhas! Beschütze, Vollkommener - Verehrung sei dir!'

ghorasaṃsārakāntāra- saṃcārodvignacetasām / śarīriṇāṃ kṛpāsindho tvam eva śaraṇaṃ śiva // BrP_124.99 //

'Für die verkörperten Wesen, deren Sinn beunruhigt ist durch das Wandern in der schrecklichen Wildnis des Daseinskreislaufs - du allein bist die Zuflucht, o Mitleidsozean, Śiva.'

Wort für Wort
ghorasaṃsārakāntārasaṃcārodvignacetasām
für die, deren Sinn beunruhigt ist durch das Wandern in der schrecklichen Wildnis des Daseinskreislaufs
śarīriṇāṃ kṛpāsindho tvam eva śaraṇaṃ śiva
der verkörperten Wesen - du allein bist die Zuflucht, o Mitleidsozean, Śiva

{brahmovāca: } evaṃ saṃstuvatas tasya purato 'bhūd vṛṣadhvajaḥ / vareṇa cchandayām āsa kaśyapaṃ taṃ prajāpatim // BrP_124.100 //

Brahmā sprach: Während er so pries, erschien der Stierbannerträger vor ihm; er lud jenen Herrn der Geschöpfe Kaśyapa ein, eine Gabe zu wählen.

Wort für Wort
evaṃ saṃstuvatas tasya purato 'bhūd vṛṣadhvajaḥ
während er so pries, erschien der Stierbannerträger vor ihm
vareṇa cchandayām āsa kaśyapaṃ taṃ prajāpatim
er lud jenen Herrn der Geschöpfe Kaśyapa ein, eine Gabe zu wählen

kaśyapo 'pi śivaṃ prāha vinītavad idaṃ vacaḥ / sa prāha vistareṇātha indrasya tu viceṣṭitam // BrP_124.101 //

Auch Kaśyapa sprach demütig diese Worte zu Śiva; er berichtete dann ausführlich Indras Tun,

Wort für Wort
kaśyapo 'pi śivaṃ prāha vinītavad idaṃ vacaḥ
auch Kaśyapa sprach demütig diese Worte zu Śiva
sa prāha vistareṇātha indrasya tu viceṣṭitam
er berichtete dann ausführlich Indras Tun

śāpaṃ nāśaṃ ca putrāṇāṃ parasparam amitratām / pāpaprāptiṃ tu śakrasya śāpaprāptiṃ tathaiva ca / tato vṛṣākapiḥ prāha ditiṃ cāgastyam eva ca // BrP_124.102 //

den Fluch und den Verlust der Söhne, die gegenseitige Feindschaft, das Erlangen von Sünde durch Śakra und ebenso das Erlangen des Fluches; da sprach Vṛṣākapi (Śiva) sowohl zu Diti als auch zu Agastya.

Wort für Wort
śāpaṃ nāśaṃ ca putrāṇāṃ parasparam amitratām
den Fluch und den Verlust der Söhne, die gegenseitige Feindschaft
pāpaprāptiṃ tu śakrasya śāpaprāptiṃ tathaiva ca
das Erlangen von Sünde durch Śakra und ebenso das Erlangen des Fluches
tato vṛṣākapiḥ prāha ditiṃ cāgastyam eva ca
da sprach Vṛṣākapi sowohl zu Diti als auch zu Agastya

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{śiva uvāca: } maruto ye bhavatputrāḥ pañcāśac caikavarjitāḥ / sarve bhaveyuḥ subhagā bhaveyur yajñabhāginaḥ // BrP_124.103 //

Śiva sprach: 'Die Maruts, die deine Söhne sind, neunundvierzig an der Zahl, sollen alle glückhaft sein und Anteil am Opfer haben.'

Wort für Wort
maruto ye bhavatputrāḥ pañcāśac caikavarjitāḥ
'die Maruts, die deine Söhne sind, neunundvierzig an der Zahl'
sarve bhaveyuḥ subhagā bhaveyur yajñabhāginaḥ
'sollen alle glückhaft sein und Anteil am Opfer haben'

indreṇa sahitā nityaṃ vartayeyur mudānvitāḥ //* BrP_124.104 //

'Zusammen mit Indra sollen sie stets, von Freude erfüllt, verweilen.'

Wort für Wort
indreṇa sahitā nityaṃ
'zusammen mit Indra sollen sie stets'
vartayeyur mudānvitāḥ
'von Freude erfüllt, verweilen'

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

indrasya tu havirbhāgo yatra yatra makhe bhavet / ādau tu marutas tatra bhaveyur nātra saṃśayaḥ // BrP_124.105 //

'Wo immer bei einem Opfer Indras Opferanteil ist, dort sollen zuerst die Maruts sein, ohne Zweifel.'

Wort für Wort
indrasya tu havirbhāgo yatra yatra makhe bhavet
'wo immer bei einem Opfer Indras Opferanteil ist'
ādau tu marutas tatra bhaveyur nātra saṃśayaḥ
'dort sollen zuerst die Maruts sein, ohne Zweifel'

marudbhiḥ sahitaṃ śakraṃ na jayeyuḥ kadācana / jetā bhavet sarvadaiva sukhaṃ tiṣṭha prajāpate // BrP_124.106 //

'Śakra, mit den Maruts vereint, soll niemals besiegt werden; er soll stets Sieger sein - sei getrost, Herr der Geschöpfe.'

Wort für Wort
marudbhiḥ sahitaṃ śakraṃ na jayeyuḥ kadācana
'Śakra, mit den Maruts vereint, soll niemals besiegt werden'
jetā bhavet sarvadaiva sukhaṃ tiṣṭha prajāpate
'er soll stets Sieger sein - sei getrost, Herr der Geschöpfe'

adyaprabhṛti ye kuryur anayād bhrātṛghātanam / vaṃśacchedo vipattiś ca nityaṃ teṣāṃ bhaviṣyati // BrP_124.107 //

'Von heute an, wer aus Unrecht Brudermord begeht, dessen Geschlecht wird abgeschnitten werden, und stets Unglück wird ihm zuteilwerden.'

Wort für Wort
adyaprabhṛti ye kuryur anayād bhrātṛghātanam
'von heute an, wer aus Unrecht Brudermord begeht'
vaṃśacchedo vipattiś ca nityaṃ teṣāṃ bhaviṣyati
'dessen Geschlecht wird abgeschnitten werden, und stets Unglück wird ihm zuteilwerden'

{brahmovāca: } agastyam ṛṣiśārdūlaṃ śaṃbhur apy āha yatnataḥ //* BrP_124.108 //

Brahmā sprach: Auch zu Agastya, dem Tiger unter den Weisen, sprach Śambhu eindringlich.

Wort für Wort
agastyam ṛṣiśārdūlaṃ
zu Agastya, dem Tiger unter den Weisen
śaṃbhur apy āha yatnataḥ
sprach auch Śambhu eindringlich

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{śaṃbhur uvāca: } na kuryās tvaṃ ca kopaṃ ca śacībhartari vai mune / śamaṃ vraja mahāprājña marutas tv amarā bhavan // BrP_124.109 //

Śambhu sprach: 'Übe du keinen Zorn gegen Śacīs Gatten, o Weiser; finde Frieden, Hochweiser; die Maruts sind nun unsterblich geworden.'

Wort für Wort
na kuryās tvaṃ ca kopaṃ ca śacībhartari vai mune
'übe du keinen Zorn gegen Śacīs Gatten, o Weiser'
śamaṃ vraja mahāprājña marutas tv amarā bhavan
'finde Frieden, Hochweiser; die Maruts sind nun unsterblich geworden'

{brahmovāca: } ditiṃ cāpi śivaḥ prāha prasanno vṛṣabhadhvajaḥ //* BrP_124.110 //

Brahmā sprach: Auch zu Diti sprach der gnädige, den Stier im Banner führende Śiva.

Wort für Wort
ditiṃ cāpi śivaḥ prāha
auch zu Diti sprach Śiva
prasanno vṛṣabhadhvajaḥ
der gnädige, den Stier im Banner führende

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{śiva uvāca: } eko bhūyān mama sutas trailokyaiśvaryamaṇḍitaḥ / ity evaṃ cintayantī tvaṃ tapase niyatābhavaḥ // BrP_124.111 //

Śiva sprach: '"Ein einziger möge mein Sohn werden, geschmückt mit der Herrschaft über die drei Welten" - so denkend, hast du dich der Askese hingegeben.'

Wort für Wort
eko bhūyān mama sutas trailokyaiśvaryamaṇḍitaḥ
'"ein einziger möge mein Sohn werden, geschmückt mit der Herrschaft über die drei Welten"'
ity evaṃ cintayantī tvaṃ tapase niyatābhavaḥ
'so denkend, hast du dich der Askese hingegeben'

tad etat saphalaṃ te 'dya putrā bahuguṇāḥ śubhāḥ / abhavan balinaḥ śūrās tasmāj jahi manorujam / anyān api varān subhrūr yācasva gatasaṃbhramā // BrP_124.112 //

'Dies ist heute für dich Frucht getragen: viele tugendreiche, gute, kraftvolle, heldenhafte Söhne sind entstanden; darum lass den Seelenschmerz. Bitte, du Schönbrauige, deine Verwirrung überwindend, auch um andere Gaben.'

Wort für Wort
tad etat saphalaṃ te 'dya putrā bahuguṇāḥ śubhāḥ
'dies ist heute für dich Frucht getragen: viele tugendreiche, gute Söhne'
abhavan balinaḥ śūrās tasmāj jahi manorujam
'kraftvoll, heldenhaft sind entstanden; darum lass den Seelenschmerz'
anyān api varān subhrūr yācasva gatasaṃbhramā
'bitte, du Schönbrauige, deine Verwirrung überwindend, auch um andere Gaben'

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{brahmovāca: } tad etad vacanaṃ śrutvā devadevasya sā ditiḥ / kṛtāñjalipuṭā natvā śaṃbhuṃ vākyam athābravīt // BrP_124.113 //

Brahmā sprach: Dieses Wort des Gottes der Götter hörend, verneigte sich jene Diti mit gefalteten Händen und sprach diese Worte zu Śambhu.

Wort für Wort
tad etad vacanaṃ śrutvā devadevasya sā ditiḥ
dieses Wort des Gottes der Götter hörend, jene Diti
kṛtāñjalipuṭā natvā śaṃbhuṃ vākyam athābravīt
verneigte sich mit gefalteten Händen und sprach diese Worte zu Śambhu

{ditir uvāca: } loke yad etat paramaṃ yat pitroḥ putradarśanam / viśeṣeṇa tu tan mātuḥ priyaṃ syāt surapūjita // BrP_124.114 //

Diti sprach: 'Was in der Welt das Höchste ist, ist das Erblicken des Sohnes durch die Eltern; besonders der Mutter ist dies lieb, o von den Göttern Verehrter.'

Wort für Wort
loke yad etat paramaṃ yat pitroḥ putradarśanam
'was in der Welt das Höchste ist, ist das Erblicken des Sohnes durch die Eltern'
viśeṣeṇa tu tan mātuḥ priyaṃ syāt surapūjita
'besonders der Mutter ist dies lieb, o von den Göttern Verehrter'

tatrāpi rūpasaṃpatti- śauryavikramavān bhavet / eko 'pi tanayaḥ kiṃtu bahavaś cet kim ucyate // BrP_124.115 //

'Sogar wenn nur ein einziger Sohn, mit Schönheit, Heldenmut und Tapferkeit ausgestattet, geboren wäre, wäre dies schon viel - wenn es aber viele sind, was lässt sich da noch sagen?'

Wort für Wort
tatrāpi rūpasaṃpattiśauryavikramavān bhavet
sogar wenn nur ein einziger Sohn, mit Schönheit, Heldenmut und Tapferkeit ausgestattet, geboren wäre
eko 'pi tanayaḥ kiṃtu bahavaś cet kim ucyate
'wäre dies schon viel - wenn es aber viele sind, was lässt sich da noch sagen?'

matputrās te prabhāvāc ca jetāro balino dhruvam / indrasya bhrātaraḥ satyaṃ putrāś caiva prajāpateḥ // BrP_124.116 //

'Meine Söhne sind durch deine Macht gewiss siegreich und kraftvoll geworden - wahrlich Brüder Indras und auch Söhne des Herrn der Geschöpfe (Kaśyapa).'

Wort für Wort
matputrās te prabhāvāc ca jetāro balino dhruvam
'meine Söhne sind durch deine Macht gewiss siegreich und kraftvoll geworden'
indrasya bhrātaraḥ satyaṃ putrāś caiva prajāpateḥ
'wahrlich Brüder Indras und auch Söhne des Herrn der Geschöpfe'

agastyasya prasādāc ca gaṅgāyāś ca prasādataḥ / yatra deva prasādas te tac chubhaṃ ko 'tra saṃśayaḥ // BrP_124.117 //

'Durch Agastyas Gnade und durch die Gnade der Gaṅgā - wo deine Gnade ist, o Gott, dort ist Heil, welchen Zweifel gibt es daran?'

Wort für Wort
agastyasya prasādāc ca gaṅgāyāś ca prasādataḥ
'durch Agastyas Gnade und durch die Gnade der Gaṅgā'
yatra deva prasādas te tac chubhaṃ ko 'tra saṃśayaḥ
'wo deine Gnade ist, o Gott, dort ist Heil, welchen Zweifel gibt es daran?'

kṛtārthāhaṃ tathāpi tvāṃ bhaktyā vijñāpayāmy aham / śṛṇuṣva deva vacanaṃ kuruṣva ca jagaddhitam // BrP_124.118 //

'Erfüllt ist mein Zweck; dennoch bitte ich dich mit Hingabe: höre, o Gott, mein Wort und wirke zum Wohl der Welt.'

Wort für Wort
kṛtārthāhaṃ tathāpi tvāṃ bhaktyā vijñāpayāmy aham
'erfüllt ist mein Zweck; dennoch bitte ich dich mit Hingabe'
śṛṇuṣva deva vacanaṃ kuruṣva ca jagaddhitam
'höre, o Gott, mein Wort und wirke zum Wohl der Welt'

{brahmovāca: } vadety uktā jagaddhātrā ditir namrābravīd idam //* BrP_124.119 //

Brahmā sprach: Vom Weltenschöpfer aufgefordert zu sprechen, sagte Diti demütig dies.

Wort für Wort
vadety uktā jagaddhātrā
vom Weltenschöpfer aufgefordert zu sprechen
ditir namrābravīd idam
sagte Diti demütig dies

[Anm.: einzeiliger, asterisk-markierter Halbvers.]

{ditir uvāca: } saṃtatiprāpaṇaṃ loke durlabhaṃ suravandita / viśeṣeṇa priyaṃ mātuḥ putraś cet kiṃ nu varṇyate // BrP_124.120 //

Diti sprach: 'Nachkommenschaft zu erlangen ist in der Welt schwer erreichbar, du von den Göttern Verehrter; wenn es der Mutter besonders lieb ist, ein Sohn - was lässt sich davon noch weiter beschreiben?'

Wort für Wort
saṃtatiprāpaṇaṃ loke durlabhaṃ suravandita
'Nachkommenschaft zu erlangen ist in der Welt schwer erreichbar, du von den Göttern Verehrter'
viśeṣeṇa priyaṃ mātuḥ putraś cet kiṃ nu varṇyate
'wenn es der Mutter besonders lieb ist, ein Sohn - was lässt sich davon noch weiter beschreiben?'

sa cāpi guṇavāñ śrīmān āyuṣmān yadi jāyate / kiṃ tu svargeṇa deveśa pārameṣṭhyapadena vā // BrP_124.121 //

'Und wenn dieser Sohn tugendreich, glanzvoll und langlebig geboren wird - was bedeutet dann noch der Himmel, o Götterherr, oder die Stellung des Höchsten?'

Wort für Wort
sa cāpi guṇavāñ śrīmān āyuṣmān yadi jāyate
'und wenn dieser Sohn tugendreich, glanzvoll und langlebig geboren wird'
kiṃ tu svargeṇa deveśa pārameṣṭhyapadena vā
'was bedeutet dann noch der Himmel, o Götterherr, oder die Stellung des Höchsten?'

sarveṣām api bhūtānām ihāmutra phalaiṣiṇām / guṇavatputrasaṃprāptir abhīṣṭā sarvadaiva ca / tasmād āplavanād atra kriyatāṃ samanugrahaḥ // BrP_124.122 //

'Für alle Lebewesen, die hier und im Jenseits nach Frucht streben, ist die Erlangung eines tugendhaften Sohnes stets der ersehnte Wunsch; darum möge hier durch das Bad Gnade erwiesen werden.'

Wort für Wort
sarveṣām api bhūtānām ihāmutra phalaiṣiṇām
'für alle Lebewesen, die hier und im Jenseits nach Frucht streben'
guṇavatputrasaṃprāptir abhīṣṭā sarvadaiva ca
'ist die Erlangung eines tugendhaften Sohnes stets der ersehnte Wunsch'
tasmād āplavanād atra kriyatāṃ samanugrahaḥ
'darum möge hier durch das Bad Gnade erwiesen werden'

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{śaṃkara uvāca: } mahāpāpaphalaṃ cedaṃ yad etad anapatyatā / striyā vā puruṣasyāpi vandhyatvaṃ yadi jāyate // BrP_124.123 //

Śaṃkara sprach: 'Dies, die Kinderlosigkeit, ist die Frucht großer Sünde, wenn Unfruchtbarkeit bei einer Frau oder auch bei einem Mann entsteht.'

Wort für Wort
mahāpāpaphalaṃ cedaṃ yad etad anapatyatā
'dies, die Kinderlosigkeit, ist die Frucht großer Sünde'
striyā vā puruṣasyāpi vandhyatvaṃ yadi jāyate
'wenn Unfruchtbarkeit bei einer Frau oder auch bei einem Mann entsteht'

tad atra snānamātreṇa taddoṣo nāśam āpnuyāt / snātvā tatra phalaṃ dadyāt stotram etac ca yaḥ paṭhet // BrP_124.124 //

'Dieser Makel möge hier durch bloßes Baden Vernichtung erlangen; wer dort gebadet hat, eine Frucht(-opfergabe) darbringt und diese Hymne rezitiert -'

Wort für Wort
tad atra snānamātreṇa taddoṣo nāśam āpnuyāt
'dieser Makel möge hier durch bloßes Baden Vernichtung erlangen'
snātvā tatra phalaṃ dadyāt stotram etac ca yaḥ paṭhet
'wer dort gebadet hat, eine Frucht(-opfergabe) darbringt und diese Hymne rezitiert'

sa tu putram avāpnoti trimāsasnānadānataḥ / aputriṇī tv atra snānaṃ kṛtvā putram avāpnuyāt // BrP_124.125 //

'- der erlangt einen Sohn durch dreimonatiges Baden und Geben; auch eine Kinderlose erlangt, hier gebadet habend, einen Sohn.'

Wort für Wort
sa tu putram avāpnoti trimāsasnānadānataḥ
'der erlangt einen Sohn durch dreimonatiges Baden und Geben'
aputriṇī tv atra snānaṃ kṛtvā putram avāpnuyāt
'auch eine Kinderlose erlangt, hier gebadet habend, einen Sohn'

ṛtusnātā tu yā kācit tatra snātā sutāṃl labhet / trimāsābhyantaraṃ yā tu gurviṇī bhaktitas tv iha // BrP_124.126 //

'Welche Frau auch immer, nach der Regelreinigung dort gebadet, erlangt einen Sohn; welche Schwangere aber innerhalb von drei Monaten hier mit Hingabe -'

Wort für Wort
ṛtusnātā tu yā kācit tatra snātā sutāṃl labhet
'welche Frau auch immer, nach der Regelreinigung dort gebadet, erlangt einen Sohn'
trimāsābhyantaraṃ yā tu gurviṇī bhaktitas tv iha
'welche Schwangere aber innerhalb von drei Monaten hier mit Hingabe'

phalaiḥ snātvā tu māṃ paśyet stotreṇa stauti māṃ tathā / tasyāḥ śakrasamaḥ putro jāyate nātra saṃśayaḥ // BrP_124.127 //

'- mit Früchten gebadet, mich erblickt und mich mit dieser Hymne preist, deren Sohn wird Indra gleich geboren, ohne Zweifel.'

Wort für Wort
phalaiḥ snātvā tu māṃ paśyet stotreṇa stauti māṃ tathā
'mit Früchten gebadet, mich erblickt und mich mit dieser Hymne preist'
tasyāḥ śakrasamaḥ putro jāyate nātra saṃśayaḥ
'deren Sohn wird Indra gleich geboren, ohne Zweifel'

pitṛdoṣaiś ca ye putraṃ na labhante dite śṛṇu / dhanāpahāradoṣaiś ca tatraiṣā niṣkṛtiḥ parā // BrP_124.128 //

'Und diejenigen, die wegen Verfehlungen gegenüber den Vorfahren oder wegen des Vergehens des Raubes von Vermögen keinen Sohn erlangen, höre, Diti: dafür gibt es dort diese höchste Sühne -'

Wort für Wort
pitṛdoṣaiś ca ye putraṃ na labhante dite śṛṇu
'und diejenigen, die wegen Verfehlungen gegenüber den Vorfahren keinen Sohn erlangen, höre, Diti'
dhanāpahāradoṣaiś ca tatraiṣā niṣkṛtiḥ parā
'oder wegen des Vergehens des Raubes von Vermögen - dafür gibt es dort diese höchste Sühne'

tatraiṣāṃ piṇḍadānena pitṝṇāṃ prīṇanena ca / kiṃcit suvarṇadānena tataḥ putro bhaved dhruvam // BrP_124.129 //

'- dort, durch das Darbringen von Reisopfergaben für sie, durch das Erfreuen der Vorfahren und durch eine kleine Goldgabe, wird gewiss ein Sohn entstehen.'

Wort für Wort
tatraiṣāṃ piṇḍadānena pitṝṇāṃ prīṇanena ca
'dort, durch das Darbringen von Reisopfergaben für sie, durch das Erfreuen der Vorfahren'
kiṃcit suvarṇadānena tataḥ putro bhaved dhruvam
'und durch eine kleine Goldgabe, wird gewiss ein Sohn entstehen'

ye nyāsādyapahartāro ratnāpahnavakārakāḥ / śrāddhakarmavihīnāś ca teṣāṃ vaṃśo na vardhate // BrP_124.130 //

'Diejenigen, die anvertrautes Gut und dergleichen unterschlagen, Edelsteine veruntreuen und die Śrāddha-Riten unterlassen - deren Geschlecht wächst nicht.'

Wort für Wort
ye nyāsādyapahartāro ratnāpahnavakārakāḥ
'diejenigen, die anvertrautes Gut und dergleichen unterschlagen, Edelsteine veruntreuen'
śrāddhakarmavihīnāś ca teṣāṃ vaṃśo na vardhate
'und die Śrāddha-Riten unterlassen - deren Geschlecht wächst nicht'

doṣiṇāṃ tu paretānāṃ gatir eṣā bhaved iti / saṃtatir jāyatāṃ ślāghyā jīvatāṃ tīrthasevanāt // BrP_124.131 //

'Dies möge der Erlösungsweg für die Schuldbeladenen sein, die verstorben sind; lobenswerte Nachkommenschaft möge den Lebenden entstehen durch den Dienst an diesem Tīrtha.'

Wort für Wort
doṣiṇāṃ tu paretānāṃ gatir eṣā bhaved iti
'dies möge der Erlösungsweg für die Schuldbeladenen sein, die verstorben sind'
saṃtatir jāyatāṃ ślāghyā jīvatāṃ tīrthasevanāt
'lobenswerte Nachkommenschaft möge den Lebenden entstehen durch den Dienst an diesem Tīrtha'

saṃgame ditigaṅgāyāḥ snātvā siddheśvaraṃ prabhum / anādyapāram ajaraṃ citsadānandavigraham // BrP_124.132 //

'Am Zusammenfluss von Diti(-Fluss) und Gaṅgā gebadet, (verehre) den Herrn Siddheśvara, den Herrn ohne Anfang und Ende, den Alterlosen, dessen Gestalt aus Bewusstsein, Sein und ewiger Wonne besteht,'

Wort für Wort
saṃgame ditigaṅgāyāḥ snātvā siddheśvaraṃ prabhum
'am Zusammenfluss von Diti und Gaṅgā gebadet, (verehre) den Herrn Siddheśvara'
anādyapāram ajaraṃ citsadānandavigraham
'den Herrn ohne Anfang und Ende, den Alterlosen, von der Gestalt aus Bewusstsein, Sein und ewiger Wonne'

devarṣisiddhagandharva- yogīśvaraniṣevitam / liṅgātmakaṃ mahādevaṃ jyotirmayam anāmayam // BrP_124.133 //

'- von Götterweisen, Siddhas, Gandharvas und Herren der Yogis verehrt, in Liṅga-Gestalt, den großen Gott, aus Licht bestehend, frei von Krankheit -'

Wort für Wort
devarṣisiddhagandharvayogīśvaraniṣevitam
von Götterweisen, Siddhas, Gandharvas und Herren der Yogis verehrt
liṅgātmakaṃ mahādevaṃ jyotirmayam anāmayam
in Liṅga-Gestalt, den großen Gott, aus Licht bestehend, frei von Krankheit

pūjayitvopacāraiś ca nityaṃ bhaktyā yatavrataḥ / stotreṇānena yaḥ stauti caturdaśyaṣṭamīṣu ca // BrP_124.134 //

'- wer ihn mit rituellen Diensten verehrt, stets mit Hingabe, in Gelübden verharrend, und ihn mit dieser Hymne an den vierzehnten und achten (Tagen des Mondmonats) preist,'

Wort für Wort
pūjayitvopacāraiś ca nityaṃ bhaktyā yatavrataḥ
wer ihn mit rituellen Diensten verehrt, stets mit Hingabe, in Gelübden verharrend
stotreṇānena yaḥ stauti caturdaśyaṣṭamīṣu ca
und ihn mit dieser Hymne an den vierzehnten und achten Tagen preist

yathāśaktyā svarṇadānaṃ brāhmaṇānāṃ ca bhojanam / yaḥ karoty atra gaṅgāyāṃ sa putraśatam āpnuyāt // BrP_124.135 //

'- wer nach Kräften eine Goldgabe und eine Speisung von Brahmanen hier an der Gaṅgā vollzieht, der erlangt hundert Söhne.'

Wort für Wort
yathāśaktyā svarṇadānaṃ brāhmaṇānāṃ ca bhojanam
wer nach Kräften eine Goldgabe und eine Speisung von Brahmanen
yaḥ karoty atra gaṅgāyāṃ sa putraśatam āpnuyāt
hier an der Gaṅgā vollzieht, der erlangt hundert Söhne

saṃprāpya sakalān kāmān ante śivapuraṃ vrajet / stotreṇānena yaḥ kaścid yatra kvāpi stavīti mām / ṣaṇmāsāt putram āpnoti api vandhyāpy aśaṅkitam // BrP_124.136 //

'Nachdem er alle Wünsche erlangt hat, geht er am Ende in Śivas Stadt ein. Wer auch immer mich mit dieser Hymne preist, wo auch immer, erlangt binnen sechs Monaten einen Sohn - selbst eine Unfruchtbare, ohne Zweifel.'

Wort für Wort
saṃprāpya sakalān kāmān ante śivapuraṃ vrajet
'nachdem er alle Wünsche erlangt hat, geht er am Ende in Śivas Stadt ein'
stotreṇānena yaḥ kaścid yatra kvāpi stavīti mām
'wer auch immer mich mit dieser Hymne preist, wo auch immer'
ṣaṇmāsāt putram āpnoti api vandhyāpy aśaṅkitam
'erlangt binnen sechs Monaten einen Sohn - selbst eine Unfruchtbare, ohne Zweifel'

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

{brahmovāca: } tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ putratīrtham udāhṛtam / tatra tu snānadānādyaiḥ sarvakāmān avāpnuyāt // BrP_124.137 //

Brahmā sprach: Von da an wurde jenes Tīrtha 'Putra-Tīrtha' genannt; dort erlangt man durch Baden, Geben und dergleichen alle Wünsche.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ putratīrtham udāhṛtam
von da an wurde jenes Tīrtha 'Putra-Tīrtha' genannt
tatra tu snānadānādyaiḥ sarvakāmān avāpnuyāt
dort erlangt man durch Baden, Geben und dergleichen alle Wünsche

marudbhiḥ saha maitryeṇa mitratīrthaṃ tad ucyate / niṣpāpatvena cendrasya śakratīrthaṃ tad ucyate // BrP_124.138 //

Wegen der Freundschaft mit den Maruts wird es Mitra-Tīrtha genannt; wegen Indras Sündlosigkeit wird es Śakra-Tīrtha genannt.

Wort für Wort
marudbhiḥ saha maitryeṇa mitratīrthaṃ tad ucyate
wegen der Freundschaft mit den Maruts wird es Mitra-Tīrtha genannt
niṣpāpatvena cendrasya śakratīrthaṃ tad ucyate
wegen Indras Sündlosigkeit wird es Śakra-Tīrtha genannt

aindrīṃ śriyaṃ yatra lebhe tat tīrthaṃ kamalābhidham / etāni sarvatīrthāni sarvābhīṣṭapradāni hi // BrP_124.139 //

Wo Indra die indrische Herrlichkeit wiedererlangte, jenes Tīrtha heißt 'Kamalā' (Lotus-benannt); all diese Tīrthas gewähren ja alle Wünsche.

Wort für Wort
aindrīṃ śriyaṃ yatra lebhe tat tīrthaṃ kamalābhidham
wo Indra die indrische Herrlichkeit wiedererlangte, jenes Tīrtha heißt 'Kamalā'
etāni sarvatīrthāni sarvābhīṣṭapradāni hi
all diese Tīrthas gewähren ja alle Wünsche

sarvaṃ bhaviṣyatīty uktvā śivaś cāntaradhīyata / kṛtakṛtyāś ca te jagmuḥ sarva eva yathāgatam / tīrthānāṃ puṇyadaṃ tatra lakṣam ekaṃ prakīrtitam // BrP_124.140 //

'Alles wird geschehen', sprach Śiva und verschwand; und, ihr Ziel erreicht habend, gingen sie alle so, wie sie gekommen waren; dort werden hunderttausend segenspendende Tīrthas verkündet.

Wort für Wort
sarvaṃ bhaviṣyatīty uktvā śivaś cāntaradhīyata
'alles wird geschehen', sprach Śiva und verschwand
kṛtakṛtyāś ca te jagmuḥ sarva eva yathāgatam
und, ihr Ziel erreicht habend, gingen sie alle so, wie sie gekommen waren
tīrthānāṃ puṇyadaṃ tatra lakṣam ekaṃ prakīrtitam
dort werden hunderttausend segenspendende Tīrthas verkündet

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Original.]

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