Kapitel 110: pippalatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Pippala-Tīrtha (Dadhīci, sein Opfertod und sein Sohn Pippalāda)
Das mit Abstand umfangreichste Kapitel bisher (229 Verse, weite Teile in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum): der Weise Dadhīci und seine Gattin (hier als Lopāmudrā vorgestellt, mit Schwester Gabhastinī/Vaḍavā) beherbergen nach einem Göttersieg die Devas, die ihre Waffen zur sicheren Aufbewahrung bei ihm hinterlegen; auf Rat seiner Frau nimmt Dadhīci die Kraft der Waffen über 1000 Jahre in Form geweihten Wassers in sich auf. Als die Götter die Waffen zurückfordern, opfert Dadhīci sein Leben, damit aus seinen Knochen (von Kühen freigelegt) neue Waffen geschmiedet werden können (Ursprung von Indras Vajra). Seine schwangere Gattin (im Verlauf des Kapitels auch Gabhastinī/Vaḍavā/Prātitheyī/Ambikā genannt – die genaue Identität bleibt im Quelltext uneinheitlich, vgl. Anmerkungen zu V.36, V.46, V.125, V.152, V.167) rettet das ungeborene Kind, legt es bei den Pippala-Bäumen nieder und geht ins Feuer; der von Soma mit Amṛta genährte Sohn wird 'Pippalāda' genannt. Nach Erfahren der Vorgeschichte schwört er Rache, erlangt durch Askese an der Gautamī/Cakreśvara die Schau von Śivas drittem Auge und erschafft eine Kṛtyā (Zauberwesen) zur Vernichtung der Götter, die jedoch alles Leben zu verschlingen droht. Śiva vermittelt: die Kṛtyā (in Vaḍavā-Gestalt) und das aus ihr entstandene Feuer werden in den Ozean geleitet (Ätiologie des Vaḍavānala/Vaḍavā-Flusses und des Gotīrtha/Pitṛtīrtha durch die Reinigung von Göttern und Kühen), die Sonne wird an der Stätte (Pratiṣṭhāna) angesiedelt, und Pippalāda erhält eine kurze, ersehnte Begegnung mit den Geistern seiner verstorbenen Eltern, bevor er sich besänftigen lässt. Ursprung der Pilgerstätte Cakreśvara/Pippaleśvara.
{Brahmā sprach:} Das Pippala-Tīrtha wird beschrieben, unmittelbar nach dem Cakra-Tīrtha – dort, wo der Gott Cakreśvara den Diskus erlangte, nämlich Hari.
Wort für Wort
pippalaṃ tīrtham ākhyātaṃ
das Pippala-Tīrtha wird beschrieben
cakratīrthād anantaram
unmittelbar nach dem Cakra-Tīrtha
yatra cakreśvaro devaś
wo der Gott Cakreśvara
cakram āpa yato hariḥ
den Diskus erlangte, nämlich Hari
[Anm.: V.1-2 wiederholen wörtlich die Eröffnungsverse von Kap.109 – vermutlich eine formelhafte Rekapitulation vor dem Übergang zur benachbarten Tīrtha-Erzählung.]
'Cakreśvara' und 'Pippaleśa' – den Grund für diese Namensgebung höre, o Nārada, mit Hingabe; er wird von mir dargelegt, wie unmittelbar im Veda verkündet.
Sie war als Lopāmudrā bekannt; ihre Schwester Gabhastinī – unter diesem Namen bekannt – wurde auch als 'Vaḍavā' gepriesen.
Wort für Wort
lopāmudreti yā khyātā
die als Lopāmudrā bekannt war
svasā tasyā gabhastinī
ihre Schwester Gabhastinī
iti nāmnā ca vikhyātā
unter diesem Namen bekannt
vaḍaveti prakīrtitā
wurde auch als 'Vaḍavā' gepriesen
[Anm.: die Identifikation der Dadhīci-Gattin mit der aus Ṛgveda/Mahābhārata bekannten Agastya-Gattin Lopāmudrā ist ungewöhnlich [?] und weicht von anderen Traditionen ab.]
an der Bhāgīrathī [Gaṅgā] wohnend, den Göttern und Gästen ganz zugetan, an seiner eigenen Gattin Freude findend, friedvoll, wie ein zweiter, aus dem Opferkrug Geborener [Agastya].
tatra devāḥ samājagmū rudrādityās tathāśvinau /
indro viṣṇur yamo 'gniś ca jitvā daityān upāgatān //
Dorthin kamen die Götter zusammen: die Rudras, die Ādityas, ebenso die beiden Aśvins, Indra, Viṣṇu, Yama und Agni, nachdem sie die herangekommenen Daityas besiegt hatten,
Dadhīci, von Freude erfüllt, verehrte die Götter, einen jeden für sich; dann verrichtete er zusammen mit seiner Gattin für die Götter die Gastpflichten des Hauses.
pṛṣṭāś ca kuśalaṃ tena kathāś cakruḥ surā api /
dadhīcim abruvan devā bhāryayā sukhitaṃ punaḥ //
Von ihm nach ihrem Wohlergehen befragt, führten auch die Götter Gespräche; die Götter fragten Dadhīci wiederum, ob es ihm mit seiner Gattin gut ergehe,
{Die Götter sprachen:} 'Was sollte uns heute in der Welt unerreichbar sein, o Weiser, wenn es unter uns einen Muni gibt, der dir gleicht, mitfühlend, ein irdischer Wunschbaum?'
Wort für Wort
kim adya durlabhaṃ loke
was sollte heute in der Welt unerreichbar sein
ṛṣe 'smākaṃ bhaviṣyati
für uns, o Weiser
tvādṛśaḥ sakṛpo yeṣu
unter denen [es] einen dir gleichen, mitfühlenden gibt
etad eva phalaṃ puṃsāṃ jīvatāṃ munisattama /
tīrthāplutir bhūtadayā darśanaṃ ca bhavādṛśām //
'Eben dies ist die Frucht des Lebens der Menschen, o Vortrefflichster der Munis: das Bad im Tīrtha, Mitgefühl mit den Wesen, und der Anblick von deinesgleichen.'
'Was aus Zuneigung von uns gesagt wird, das vernimm, o Muni: Nachdem wir die Daityas besiegt und die Rākṣasa-Anführer erschlagen hatten, sind wir hierher gelangt,'
'und wir sind glücklich, o Brahmane, besonders da wir dich erblickt haben; es bringt uns keinen Nutzen mehr, die Waffen [weiter] zu tragen – wir sind dazu nicht [mehr] gewillt.'
Wort für Wort
vayaṃ ca sukhino brahmaṃs
und wir sind glücklich, o Brahmane
tvayi dṛṣṭe viśeṣataḥ
besonders da wir dich erblickt haben
nāyudhaiḥ phalam asmākaṃ
kein Nutzen ist uns durch die Waffen
voḍhuṃ naiva kṣamā vayam
sie [weiter] zu tragen sind wir nicht [mehr] fähig/gewillt
[Anm.: Syntax dieser Zeile knapp und in Einzelheiten unsicher [?]; sinngemäß erklären die Götter, der Waffen überdrüssig zu sein.]
sthāpyadeśaṃ na paśyāma āyudhānāṃ munīśvara /
svarge suradviṣo jñātvā sthāpitāni haranti ca //
'Wir sehen keinen sicheren Ort, um die Waffen abzulegen, o Herr der Muni; im Himmel würden die Göttergegner, wenn sie es erführen, die abgelegten Waffen rauben,'
'sie würden die Waffen fortschaffen, und ebenso in der Unterwelt [wären sie unsicher]; darum sollen die Waffen in deiner heiligen Einsiedelei niedergelegt werden, o Ehrenspender.'
Wort für Wort
nayeyur āyudhānīti
sie würden die Waffen fortschaffen
tathaiva ca rasātale
und ebenso in der Unterwelt
tasmāt tavāśrame puṇye
darum in deiner heiligen Einsiedelei
sthāpyante 'strāṇi mānada
sollen die Waffen niedergelegt werden, o Ehrenspender
naivātra kiṃcid bhayam asti vipra BrP_110.21a
na dānavebhyo rākṣasebhyaś ca ghoram BrP_110.21b
tvadājñayā rakṣitapuṇyadeśo BrP_110.21c
na vidyate tapasā te samānaḥ BrP_110.21d
'Hier gibt es keinerlei Furcht, o Brahmane, nicht vor den Dānavas noch etwas Schreckliches von den Rākṣasas; durch dein Gebot wird dieser heilige Ort beschützt – niemand ist dir an Askese gleich.'
Wort für Wort
naivātra kiṃcid bhayam asti vipra
hier gibt es keinerlei Furcht, o Brahmane
na dānavebhyo rākṣasebhyaś ca ghoram
nicht vor Dānavas noch Schreckliches von Rākṣasas
tvadājñayā rakṣitapuṇyadeśo
durch dein Gebot wird der heilige Ort beschützt
na vidyate tapasā te samānaḥ
niemand ist dir an Askese gleich
[Anm.: Ab hier bis V.229 überwiegend in besonderem, padaweise gezähltem Hymnenmetrum (a/b/c/d), das als ein zusammenhängender Vers-Block wiedergegeben wird.]
'Wir haben die Feinde besiegt, o Bester der Kenner des Brahman, und die Scharen der Daityas wurden zuvor erschlagen; genug nun mit den Waffen, die zur Last geworden sind, da ihr Zweck erfüllt ist – ein Platz soll für sie in deiner Nähe eingerichtet werden, o Herr der Muni.'
Wort für Wort
jitārayo
die Feinde besiegt habend (wir)
vayaṃ ca pūrvaṃ nihatā daityasaṃghāḥ
und wir haben zuvor die Daitya-Scharen erschlagen
astrair alaṃ bhārabhūtaiḥ kṛtārthaiḥ
genug mit den Waffen, die (nun) zur Last geworden, ihr Zweck erfüllt
sthāpyaṃ sthānaṃ te samīpe munīśa
ein Ort soll in deiner Nähe eingerichtet werden, o Herr der Muni
'Wir wollen göttliche Genüsse mit unseren Geliebten im Göttergarten Nandana genießen; dann gehen wir, unsere Aufgabe erfüllt, mit Indra, ein jeder an seinen eigenen Ort, und die Waffen bleiben in Schutz.'
tvayā kṛtā jāyatāṃ tat praśādhi BrP_110.24a
samarthas tvaṃ rakṣaṇe dhāraṇe ca BrP_110.24b
'Möge dies durch dich geschehen – gebiete es; du bist fähig zum Schützen und Bewahren.'
Wort für Wort
tvayā kṛtā jāyatāṃ tat praśādhi
möge das durch dich Getane geschehen – gebiete es
samarthas tvaṃ rakṣaṇe dhāraṇe ca
du bist fähig zum Schützen und zum Bewahren
[Anm.: V.24 hat im Quelltext nur zwei Pādas (a–b), bevor die Erzählstimme mit {brahmovāca} zurückkehrt – eine der seltenen unregelmäßigen Verszählungen in diesem Kapitel.]
Nachdem Dadhīci diese Worte gehört hatte, sprach er zu den Göttern: 'So sei es' – obwohl er von seiner liebenswürdigen Gattin abgehalten wurde mit den Worten: 'Was nützt dir das Werk der Götter, das nur entgegenwirkt (Schaden bringt)?'
Wort für Wort
tadvākyam ākarṇya dadhīcir evaṃ
nachdem Dadhīci diese Worte gehört hatte
vākyaṃ jagau vibudhān evam astu
sprach er zu den Göttern das Wort: 'so sei es'
nivāryamāṇaḥ priyaśīlayā striyā
obwohl abgehalten von der liebenswürdigen Frau
kiṃ devakāryeṇa viruddhakāriṇā
was nützt das Werk der Götter, das entgegenwirkt?
[?: Zuordnung der wörtlichen Rede in Pāda d ist nicht ganz eindeutig – hier als Beginn der Gegenrede der Gattin gedeutet, die sich bis V.30 fortsetzt.]
ye jñātaśāstrāḥ paramārthaniṣṭhāḥ BrP_110.26a
saṃsāraceṣṭāsu gatānurāgāḥ BrP_110.26b
teṣāṃ parārthavyasanena kiṃ mune BrP_110.26c
yenātra vāmutra sukhaṃ na kiṃcit BrP_110.26d
'Diejenigen, die die Lehrschriften kennen und im höchsten Ziel gegründet sind, deren Zuneigung sich von den Geschäften des weltlichen Daseins abgewandt hat – was nützt ihnen, o Muni, die Sucht nach fremdem Nutzen, wodurch weder hier noch dort irgendein Glück entsteht?'
Wort für Wort
ye jñātaśāstrāḥ paramārthaniṣṭhāḥ
die, die die Lehrschriften kennen, im höchsten Ziel gegründet
saṃsāraceṣṭāsu gatānurāgāḥ
deren Zuneigung von den Geschäften des Daseins gewichen ist
teṣāṃ parārthavyasanena kiṃ mune
was nützt ihnen die Sucht nach fremdem Nutzen, o Muni
yenātra vāmutra sukhaṃ na kiṃcit
wodurch weder hier noch dort irgendein Glück (entsteht)
'Die Gott-Hasser [d.h. die Dämonen] werden dir mit Haß begegnen – höre, bester Brahmane: gibst du ihnen einen Aufbewahrungsort, und gehen die Waffen verloren oder werden geraubt, o Herr der Asketen, so werden auch die Götter zornig – so oder so werden sie dir zu Feinden.'
Wort für Wort
devadviṣo dveṣam anuprayānti
die Gott-Hasser geraten in Feindschaft (gegen dich)
datte sthāne vipravarya śṛṇuṣva
gibst du (ihnen) einen Ort – höre, bester Brahmane
naṣṭe hṛte cāyudhānāṃ munīśa
wenn die Waffen verloren gehen oder geraubt werden, Herr der Muni
kupyanti devā ripavas te bhavanti
werden die Götter zornig, werden dir zu Feinden
[?: Genaue Beziehung von 'devadviṣaḥ' (Gott-Hasser) zum übrigen Satz unsicher.]
tasmān nedaṃ vedavidāṃ variṣṭha BrP_110.28a
yuktaṃ dravye parakīye mamatvam BrP_110.28b
tāvac ca maitrī dravyabhāvaś ca tāvan BrP_110.28c
naṣṭe hṛte ripavas te bhavanti BrP_110.28d
'Darum, o Bester der Veda-Kenner, ist es nicht recht, sich fremdes Eigentum anzueignen; Freundschaft und der Bestand des Gutes währen nur so lange – ist es verloren oder geraubt, werden sie zu Feinden.'
Wort für Wort
tasmān nedaṃ vedavidāṃ variṣṭha
darum, o Bester der Veda-Kenner, ist dies nicht (recht)
yuktaṃ dravye parakīye mamatvam
'Mein-Gefühl' bei fremdem Gut (ist nicht) angebracht
tāvac ca maitrī dravyabhāvaś ca tāvan
so lange (währt) Freundschaft und Bestand des Gutes
ced asti śaktir dravyadāne tatas te BrP_110.29a
dātavyam evārthine kiṃ vicāryam BrP_110.29b
no cet santaḥ parakāryāṇi kuryur BrP_110.29c
vāgbhir manobhiḥ kṛtibhis tathaiva BrP_110.29d
'Wenn du die Fähigkeit hast, (eigenes) Gut zu geben, dann sollst du es dem Bittenden geben – was gibt es da zu überlegen? Wenn nicht, mögen die Guten die Angelegenheiten anderer dennoch durch Worte, durch Gedanken und ebenso durch Taten fördern (statt fremdes Eigentum in Verwahrung zu nehmen).'
Wort für Wort
ced asti śaktir dravyadāne tatas te
wenn du die Fähigkeit zum Geben von Gut hast
dātavyam evārthine kiṃ vicāryam
sollst du es dem Bittenden geben – was ist da zu überlegen
no cet santaḥ parakāryāṇi kuryur
wenn nicht, mögen die Guten fremde Angelegenheiten fördern
vāgbhir manobhiḥ kṛtibhis tathaiva
durch Worte, durch Gedanken und ebenso durch Taten
[?: Sinnzusammenhang von V.29c–d mit dem Vorangehenden nicht ganz sicher.]
śrutveritaṃ patyur iti priyāyāṃ BrP_110.33a
daivaṃ vinānyan na nṛṇāṃ samartham BrP_110.33b
tūṣṇīṃ sthitāyāṃ surasattamās te BrP_110.33c
saṃsthāpya cāstrāṇy atidīptimanti BrP_110.33d
Als die Geliebte die Worte ihres Gatten so vernommen hatte, [dachte sie]: 'Außer dem Schicksal ist den Menschen nichts möglich' – und verstummte. Da hinterlegten jene Besten der Götter die überaus glänzenden Waffen (bei Dadhīci).
Wort für Wort
śrutveritaṃ patyur iti priyāyāṃ
als die Geliebte die Worte des Gatten gehört hatte
daivaṃ vinānyan na nṛṇāṃ samartham
außer dem Schicksal ist den Menschen nichts möglich
Nachdem sie den Fürsten der Muni verehrt hatten, gingen die Feinde der Daityas, die Waffen niedergelegt, ihr Ziel erreicht, zu ihren Welten. Als die Götter gegangen waren, lebte der treffliche Muni glücklich und rechtschaffen mit seiner Gattin.
Wort für Wort
natvā munīndraṃ yayur eva lokān
den Fürsten der Muni verehrend, gingen sie zu ihren Welten
daityadviṣo nyastaśastrāḥ kṛtārthāḥ
die Feinde der Daityas, die Waffen niedergelegt, ihr Ziel erreicht
gateṣu deveṣu munipravaryo
als die Götter gegangen waren, der treffliche Muni
hṛṣṭo 'vasad bhāryayā dharmayuktaḥ
lebte glücklich und rechtschaffen mit seiner Gattin
gate ca kāle hy ativiprayukte BrP_110.35a
daive varṣe saṃkhyayā vai sahasre BrP_110.35b
na te surā āyudhānāṃ munīśa BrP_110.35c
vācaṃ manaś cāpi tathaiva cakruḥ BrP_110.35d
Als aber eine sehr lange Zeit vergangen war – tausend Götterjahre an Zahl –, richteten jene Götter, o Herr der Muni, weder Wort noch Gedanken mehr auf die Waffen.
Wort für Wort
gate ca kāle hy ativiprayukte
als eine sehr lange Zeit vergangen war
daive varṣe saṃkhyayā vai sahasre
tausend Götterjahre an Zahl
na te surā āyudhānāṃ munīśa
richteten jene Götter, o Herr der Muni, nicht auf die Waffen
Da sprach Dadhīci kraftvoll zu Gabhastī: 'Die Feinde der Götter hassen mich hier, o Gute; jene Götter aber scheinen die hier hinterlegten (Waffen) nicht mehr zurückholen zu wollen – sag mir, was recht ist zu tun.'
Wort für Wort
dadhīcir apy āha gabhastim ojasā
Dadhīci sprach kraftvoll zu Gabhastī
devārayo māṃ dviṣatīha bhadre
die Feinde der Götter hassen mich hier, o Gute
na te surā netukāmā bhavanti
jene Götter scheinen nicht zurückholen zu wollen
saṃsthāpitāny atra vadasva yuktam
die hier hinterlegten – sag, was recht ist
[Anm.: Hier wird die Gattin 'Gabhasti' genannt, obwohl sie in V.5–6 als Lopāmudrā eingeführt wurde (ihre Schwester als Gabhastinī/Vaḍavā) – der Quelltext scheint die beiden Schwestern-Namen nicht durchgehend konsistent zu verwenden.]
Sie aber sprach ehrerbietig zu ihrem Gatten das schon Gesagte: 'Du weißt, o Herr, was hier recht ist. (Doch bedenke:) die mächtig erstarkten, durch Askese gestärkten, kraftvollen Daityas werden (sonst) die eigenen Waffen (der Götter) rauben.'
Wort für Wort
sā cāha kāntaṃ vinayād uktam eva
sie sprach ehrerbietig zum Gatten das schon Gesagte
tvaṃ jānīṣe nātha yad atra yuktam
du weißt, o Herr, was hier recht ist
daityā hariṣyanti mahāpravṛddhās
die mächtig erstarkten Daityas werden rauben
tapoyuktā balinaḥ svāyudhāni
durch Askese gestärkt, kraftvoll, die eigenen Waffen
tadastrarakṣārtham idaṃ sa cakre BrP_110.38a
mantrais tu saṃkṣālya jalaiś ca puṇyaiḥ BrP_110.38b
tad vāri sarvāstramayaṃ supuṇyaṃ BrP_110.38c
tejoyuktaṃ tac ca papau dadhīciḥ BrP_110.38d
Um jene Waffen zu schützen, tat er dies: er wusch sie mit Mantras und heiligen Wassern ab, und jenes Wasser, das ganz aus (der Kraft) der Waffen bestand, hoch verdienstvoll und glanzerfüllt, trank Dadhīci.
Wort für Wort
tadastrarakṣārtham idaṃ sa cakre
zum Schutz jener Waffen tat er dies
mantrais tu saṃkṣālya jalaiś ca puṇyaiḥ
er wusch sie ab mit Mantras und heiligen Wassern
tad vāri sarvāstramayaṃ supuṇyaṃ
jenes Wasser, ganz aus den Waffen bestehend, hoch verdienstvoll
Die Waffen, ihrer Kraft beraubt, schwanden nach und nach durch den Lauf der Zeit dahin. Da kamen die Götter zusammen und sprachen zu Dadhīci: 'Große Furcht vor den Feinden ist über uns gekommen.'
Wort für Wort
nirvīryarūpāṇi tadāyudhāni
die Waffen, ihrer Kraft beraubt
kṣayaṃ jagmuḥ kramaśaḥ kālayogāt
schwanden nach und nach durch den Lauf der Zeit
surāḥ samāgatya dadhīcim ūcur
die Götter kamen zusammen und sprachen zu Dadhīci
mahābhayaṃ hy āgataṃ śātravaṃ naḥ
große Furcht vor den Feinden ist über uns gekommen
'Gib die Waffen zurück, o tapferster Muni, die von den Göttern bei dir hinterlegt wurden.' Dadhīci aber sprach – aus Furcht vor den Feinden der Götter und weil ihr so lange nicht gekommen seid, (habe ich gehandelt):
Wort für Wort
dadasva cāstrāṇi munipravīra
gib die Waffen, o tapferster Muni
yāni tvadante nihitāni devaiḥ
die bei dir von den Göttern hinterlegt wurden
dadhīcir apy āha surāribhītyā
Dadhīci sprach: aus Furcht vor den Feinden der Götter
astrāṇi pītāni śarīrasaṃsthāny BrP_110.41a
uktāni yuktaṃ mama tad vadantu BrP_110.41b
śrutvā taduktaṃ vacanaṃ tu devāḥ BrP_110.41c
procus tam itthaṃ vinayāvanamrāḥ BrP_110.41d
'... die Waffen sind (von mir) getrunken worden und befinden sich nun in meinem Körper – möget ihr sagen, was in dieser Sache für mich das Rechte ist.' Als die Götter dieses Wort gehört hatten, sprachen sie demütig gebeugt so zu ihm:
Wort für Wort
astrāṇi pītāni śarīrasaṃsthāny
die Waffen sind getrunken, befinden sich im Körper
astrāṇi dehīti ca vaktum etac BrP_110.42a
chakyaṃ na vānyat prativaktuṃ munīndra BrP_110.42b
vinā ca taiḥ paribhūyema nityaṃ BrP_110.42c
puṣṭārayaḥ kva prayāmo munīśa BrP_110.42d
'"Gib die Waffen" zu sagen, das können wir nicht, noch wissen wir, was anderes wir erwidern sollen, o Fürst der Muni; ohne sie würden wir ständig von den erstarkten Feinden gedemütigt werden – wohin sollen wir gehen, o Herr der Muni?'
Wort für Wort
astrāṇi dehīti ca vaktum etac
'gib die Waffen' zu sagen
chakyaṃ na vānyat prativaktuṃ munīndra
können wir nicht, noch anderes erwidern, Fürst der Muni
vinā ca taiḥ paribhūyema nityaṃ
ohne sie würden wir ständig gedemütigt
puṣṭārayaḥ kva prayāmo munīśa
von den erstarkten Feinden – wohin gehen wir, Herr der Muni
na martyaloke na tale na nāke BrP_110.43a
vāsaḥ surāṇāṃ bhavitādya tāta BrP_110.43b
tvaṃ vipravaryas tapasā caiva yukto BrP_110.43c
nānyad vaktuṃ yujyate te purastāt BrP_110.43d
'Weder in der Sterblichenwelt noch in der Unterwelt noch im Himmel wird heute noch eine Wohnstatt für die Götter sein, o Ehrwürdiger. Du bist der beste der Brahmanen und mit Askese ausgestattet – nichts anderes ziemt sich, dir vorzutragen (als unsere Bitte).'
Wort für Wort
na martyaloke na tale na nāke
weder in der Sterblichenwelt, Unterwelt noch im Himmel
vāsaḥ surāṇāṃ bhavitādya tāta
wird heute eine Wohnstatt der Götter sein, Vater
tvaṃ vipravaryas tapasā caiva yukto
du bist bester Brahmane und mit Askese ausgestattet
vipras tadovāca madasthisaṃsthāny BrP_110.44a
astrāṇi gṛhṇantu na saṃśayo 'tra BrP_110.44b
devās tam apy āhur anena kiṃ no hy BrP_110.44c
astrair hīnāḥ strītvam āptāḥ surendrāḥ BrP_110.44d
Da sprach der Brahmane: 'Sie mögen die Waffen, die nun in meinen Knochen wohnen, nehmen – daran ist kein Zweifel.' Die Götter aber sprachen zu ihm: 'Was nützt uns dies? Ohne Waffen sind die Herren der Götter kraftlos wie Frauen geworden.'
Wort für Wort
vipras tadovāca madasthisaṃsthāny
da sprach der Brahmane: die in meinen Knochen wohnenden
astrāṇi gṛhṇantu na saṃśayo 'tra
Waffen mögen sie nehmen – daran kein Zweifel
devās tam apy āhur anena kiṃ no hy
die Götter sprachen: was nützt uns dies
astrair hīnāḥ strītvam āptāḥ surendrāḥ
ohne Waffen haben die Götterherren Weiblichkeit (Ohnmacht) erlangt
[Anm.: 'strītvam āptāḥ' ('haben Weiblichkeit erlangt') ist bildlich für Kraft- und Ohnmacht zu verstehen.]
'Tu es!' sprachen sie zu dem hochherzigen Dadhīci – so lautete die feuergleiche Antwort. Damals aber war seine liebe Gattin, die Prātitheyī, nicht in seiner Nähe, o Herr der Muni.
Wort für Wort
kuruṣva cety āhur adīnasattvaṃ
'tu es' sprachen sie zum hochherzigen
dadhīcim ity uttaram agnikalpam
Dadhīci – so die feuergleiche Antwort
tadā tu tasya priyam īrayantī
damals aber seine liebe (Gattin)
na sāṃnidhye prātitheyī munīśa
war die Prātitheyī nicht in der Nähe, Herr der Muni
[Anm.: 'Prātitheyī' erscheint hier und im Folgenden als Beiname/Name für Dadhīcis Gattin (etwa 'die mit den Gästen Verbundene'); das Verhältnis zu den zuvor genannten Namen Lopāmudrā/Gabhastī bleibt im Quelltext uneindeutig.]
te cāpi devās tām adṛṣṭvaiva śīghraṃ BrP_110.47a
tasyā bhītā vipram ūcuḥ kuruṣva BrP_110.47b
tatyāja jīvān dustyajān prītiyukto BrP_110.47c
yathāsukhaṃ deham imaṃ juṣadhvam BrP_110.47d
Auch jene Götter, sie nicht erblickend, sprachen rasch, aus Furcht vor ihr, zu dem Brahmanen: 'Tu es!' Da gab er, voller Freude, die schwer aufzugebenden Lebenskräfte auf: 'Nehmt diesen Körper, wie es euch beliebt.'
Wort für Wort
te cāpi devās tām adṛṣṭvaiva śīghraṃ
auch jene Götter, sie nicht erblickend, rasch
tasyā bhītā vipram ūcuḥ kuruṣva
aus Furcht vor ihr sprachen sie zum Brahmanen: tu es
tatyāja jīvān dustyajān prītiyukto
voller Freude gab er die schwer aufzugebenden Lebenskräfte auf
Nach diesen Worten setzte er sich in den gebundenen Lotossitz, den heiter-freien Blick auf die Nasenspitze gerichtet, und führte, durch die Yoga-Übung des Öffnens der mittleren (Nāḍī), den mit dem Feuer verbundenen Atem langsam in den Schoß des inneren (Herzens-)Raumes.
Wort für Wort
ity uktvāsau baddhapadmāsanastho
nach diesen Worten, im gebundenen Lotossitz
nāsāgradattākṣiprakāśaprasannaḥ
den heiteren Blick auf die Nasenspitze gerichtet
vāyuṃ savahniṃ madhyamodghāṭayogān
den Atem mit dem Feuer, durch Öffnen der mittleren (Nāḍī)
yad aprameyaṃ paramaṃ padaṃ yad BrP_110.50a
yad brahmarūpaṃ yad upāsitavyam BrP_110.50b
tatraiva vinyasya dhiyaṃ mahātmā BrP_110.50c
sāyujyatāṃ brahmaṇo 'sau jagāma BrP_110.50d
Und indem er seinen Geist ganz auf jenen unermesslichen, höchsten Ort richtete, der die Gestalt des Brahman ist und verehrungswürdig, ging der Hochherzige in die Vereinigung mit dem Brahman ein.
Er aber sprach zu ihnen: 'Wie soll ich das tun? Den Körper eines Brahmanen, o Götter – ich fürchte mich, dies Grausame zu tun, und bin unfähig, ihn zu zerschneiden, um die vortrefflichen Waffen (daraus zu machen).'
Wort für Wort
sa cāpi tān āha kathaṃ nu kāryaṃ
er aber sprach zu ihnen: wie soll ich das tun
kalevaraṃ brāhmaṇasyeha devāḥ
den Körper eines Brahmanen, o Götter
bibhemi kartuṃ dāruṇaṃ cākṣamo 'haṃ
ich fürchte mich, Grausames zu tun, bin unfähig
vidāritāny āyudhāny uttamāni
die vortrefflichen Waffen zu zerschneiden (daraus zu machen)
{Die Götter sprachen:} 'Euer Maul wird euch zum Nutzen zum Diamant/Blitz gemacht, o Kühe, von den Göttern, für die Waffen, im Nu: zerreißt sogleich Dadhīcis Körper und gebt uns heute die reinen Knochen!'
Wort für Wort
vajraṃ mukhaṃ vaḥ kriyate hitārthaṃ
euer Maul wird euch zum Nutzen zum Blitz/Diamant gemacht
Auf das Wort der Götter hin taten sie (die Kühe) genau dies: sie beleckten (den Körper) und gaben den Göttern die Knochen. Die hochherzigen Götter gingen eilends fort, und ebenso die Kühe zu ihrer eigenen Wohnstatt.
Nachdem Tvaṣṭṛ so die Waffen für die Götter gemacht hatte, ging er dann auf Geheiß der Götter (seines Weges). Danach, nach langer Zeit, eilte die tugendhafte, hochgesegnete, geliebte Gattin (Dadhīcis), die ein Kind (im Leib) trug,
Wort für Wort
kṛtvā tathāstrāṇi ca devatānāṃ
nachdem er die Waffen für die Götter gemacht hatte
tvaṣṭā jagāmātha surājñayā tadā
ging Tvaṣṭṛ dann auf Geheiß der Götter
tataś cirāc chīlavatī subhadrā
danach, nach langer Zeit, die tugendhafte, hochgesegnete
kare gṛhītvā kalaśaṃ vāripūrṇam BrP_110.57a
umāṃ natvā phalapuṣpaiḥ sametya BrP_110.57b
agniṃ ca bhartāram athāśramaṃ ca BrP_110.57c
saṃdraṣṭukāmā hy ājagāmātha śīghram BrP_110.57d
– einen mit Wasser gefüllten Krug in der Hand haltend, Umā verehrt und mit Früchten und Blumen versehen –, weil sie das (heilige) Feuer, ihren Gatten und die Einsiedelei zu sehen wünschte, schnell herbei.
Sie, die Prātitheyī, die da herankam, hielt damals der Fall einer Sternschnuppe (als böses Omen) auf. Verwirrt kam sie dennoch zu ihrer eigenen Einsiedelei, sah aber dort ihren Gatten nicht vor sich.
'Wohin ist er wohl gegangen?' – so fragte, voll Verwunderung, die Prātitheyī damals das (heilige) Feuer. Da erzählte ihr das Feuer ausführlich von der Ankunft der Götter und ihrer Bitte um den Leib (Dadhīcis).
– von der Entnahme der Knochen und (seinem) Hinscheiden. Als sie alles gehört hatte, wurde sie von Schmerz erfüllt; vor Schmerz und Aufregung sank sie zu Boden, und langsam, langsam wurde sie vom Feuer wieder zum Atmen gebracht.
Wort für Wort
asthnām upādānam atha prayāṇaṃ
von der Entnahme der Knochen und dem Hinscheiden
śrutvā sarvaṃ duḥkhitā sā babhūva
als sie alles gehört hatte, wurde sie von Schmerz erfüllt
śāpe 'marāṇāṃ tu nāhaṃ samarthā BrP_110.61a
agniṃ prāpsye kiṃ nu kāryaṃ bhaven me BrP_110.61b
{Prātitheyī sprach:} 'Einen Fluch gegen die Unsterblichen vermag ich nicht (auszusprechen) – ich werde ins Feuer gehen; was (anderes) könnte meine Aufgabe sein?'
Wort für Wort
śāpe 'marāṇāṃ tu nāhaṃ samarthā
einen Fluch gegen die Unsterblichen vermag ich nicht
agniṃ prāpsye kiṃ nu kāryaṃ bhaven me
ich werde ins Feuer gehen – was wäre sonst meine Aufgabe
utpadyate yat tu vināśi sarvaṃ BrP_110.63a
na śocyam astīti manuṣyaloke BrP_110.63b
govipradevārtham iha tyajanti BrP_110.63c
prāṇān priyān puṇyabhājo manuṣyāḥ BrP_110.63d
'Alles, was entsteht, ist vergänglich – darüber sollte man in der Menschenwelt nicht trauern. Für Kühe, Brahmanen und Götter geben verdienstvolle Menschen hier ihre lieben Lebenskräfte auf.'
Wort für Wort
utpadyate yat tu vināśi sarvaṃ
alles, was entsteht, ist vergänglich
na śocyam astīti manuṣyaloke
darüber sollte man in der Menschenwelt nicht trauern
saṃsāracakre parivartamāne BrP_110.64a
dehaṃ samarthaṃ dharmayuktaṃ tv avāpya BrP_110.64b
priyān prāṇān devaviprārthahetos BrP_110.64c
te vai dhanyāḥ prāṇino ye tyajanti BrP_110.64d
'Während sich das Rad des Daseinskreislaufs dreht, sind jene Lebewesen wahrhaft glücklich zu preisen, die, einen tüchtigen, der Rechtschaffenheit ergebenen Körper erlangt habend, ihre lieben Lebenskräfte um der Götter und Brahmanen willen aufgeben.'
Wort für Wort
saṃsāracakre parivartamāne
während sich das Rad des Daseinskreislaufs dreht
dehaṃ samarthaṃ dharmayuktaṃ tv avāpya
einen tüchtigen, rechtschaffenen Körper erlangt habend
priyān prāṇān devaviprārthahetos
die lieben Lebenskräfte um der Götter/Brahmanen willen
te vai dhanyāḥ prāṇino ye tyajanti
jene Lebewesen sind wahrhaft glücklich zu preisen, die (sie) aufgeben
prāṇāḥ sarve 'syāpi dehānvitasya BrP_110.65a
yātāro vai nātra saṃdehaleśaḥ BrP_110.65b
evaṃ jñātvā vipragodevadīnādy BrP_110.65c
arthaṃ cainān utsṛjantīśvarās te BrP_110.65d
'Alle Lebenskräfte dessen, der mit einem Körper versehen ist, werden vergehen – daran ist nicht der geringste Zweifel. Dies wissend, geben die Edlen sie um der Brahmanen, Kühe, Götter, Armen und dergleichen willen auf.'
Wort für Wort
prāṇāḥ sarve 'syāpi dehānvitasya
alle Lebenskräfte dessen, der einen Körper hat
yātāro vai nātra saṃdehaleśaḥ
werden vergehen – kein geringster Zweifel
evaṃ jñātvā vipragodevadīnādy
dies wissend, um der Brahmanen, Kühe, Götter, Armen willen
'Obwohl er von mir, seiner ergebenen Gattin, davon abgehalten wurde, nahm er dennoch die Waffen der Götter in Verwahrung. Doch wer kennt schon den im Geist verborgenen Ratschluss des Schöpfers, oder das Tun dessen, der über die Sterblichenwelt hinausgeht?'
Wort für Wort
nivāryamāṇo 'pi mayā prapannayā
obwohl von mir, der ergebenen, abgehalten
cakāra devāstraparigrahaṃ saḥ
nahm er die Waffen der Götter in Verwahrung
manogataṃ vetty athavā vidhātuḥ
wer kennt den im Geist verborgenen (Ratschluss) des Schöpfers
ko martyalokātigaceṣṭitasya
oder das Tun dessen, der über die Sterblichenwelt hinausgeht
Nachdem sie so gesprochen und die Feuer gebührend verehrt hatte, ging sie mit der Haut und den Haaren ihres Gatten (bei sich) hinein; die Prātitheyī öffnete darauf ihren Leib und nahm das im Mutterleib befindliche Kind mit der Hand heraus,
Wort für Wort
ity evam uktvāpūjya cāgnīn yathāvad
so gesprochen, die Feuer gebührend verehrt
bhartus tvacā lomabhiḥ sā viveśa
ging sie mit Haut und Haaren des Gatten hinein
garbhasthitaṃ bālakaṃ prātitheyī
das im Mutterleib befindliche Kind, die Prātitheyī
kukṣiṃ vidāryātha kare gṛhītvā
den Leib öffnend, mit der Hand ergreifend
[?: 'bhartus tvacā lomabhiḥ sā viveśa' ist syntaktisch und inhaltlich unklar – vielleicht Bezug auf von ihr mitgeführte Reliquien des Gatten.]
pitrā hīno bandhubhir gotrajaiś ca BrP_110.69a
mātrā hīno bālakaḥ sarva eva BrP_110.69b
rakṣantu sarve 'pi ca bhūtasaṃghās BrP_110.69c
tathauṣadhyo bālakaṃ lokapālāḥ BrP_110.69d
{Die Prātitheyī sprach:} 'Dieses Kind, das des Vaters, der Verwandten und Sippengenossen beraubt ist und nun auch der Mutter beraubt sein wird – mögen alle Scharen der Wesen und ebenso die Kräuter und die Weltenhüter das Kind beschützen!'
Wort für Wort
pitrā hīno bandhubhir gotrajaiś ca
des Vaters, der Verwandten und Sippengenossen beraubt
ye bālakaṃ mātṛpitṛprahīṇaṃ BrP_110.70a
sanirviśeṣaṃ svatanuprarūḍhaiḥ BrP_110.70b
paśyanti rakṣanti ta eva nūnaṃ BrP_110.70c
brahmādikānām api vandanīyāḥ BrP_110.70d
'Diejenigen, die ein Kind, das Mutter und Vater verloren hat, ohne Unterschied wie ihre eigenen leiblichen (Kinder) ansehen und beschützen, sind gewiss selbst von Brahmā und den anderen (Göttern) verehrungswürdig.'
Wort für Wort
ye bālakaṃ mātṛpitṛprahīṇaṃ
die ein Kind, das Mutter und Vater verloren hat
sanirviśeṣaṃ svatanuprarūḍhaiḥ
ohne Unterschied wie eigene leibliche (Kinder)
paśyanti rakṣanti ta eva nūnaṃ
ansehen und beschützen, sind gewiss
brahmādikānām api vandanīyāḥ
selbst von Brahmā und den anderen verehrungswürdig
ity uktvā cātyajad bālaṃ bhartṛcittaparāyaṇā /
pippalānāṃ samīpe tu nyasya bālaṃ namasya ca //
Nach diesen Worten übergab die ganz auf den Sinn ihres Gatten ausgerichtete (Frau) das Kind (den Bäumen), legte es nahe den Pippala-Bäumen nieder und verehrte es;
Wort für Wort
ity uktvā cātyajad bālaṃ bhartṛcittaparāyaṇā
so gesprochen, übergab sie das Kind, ganz auf den Sinn des Gatten ausgerichtet
pippalānāṃ samīpe tu nyasya bālaṃ namasya ca
nahe den Pippala-Bäumen das Kind niederlegend und verehrend
und nachdem sie, mit dem Opfergerät versehen, das Feuer rechtsherum umschritten hatte, ging die Prātitheyī in das Feuer ein und gelangte mit ihrem Gatten zusammen in den Himmel.
Wort für Wort
agniṃ pradakṣiṇīkṛtya yajñapātrasamanvitā
das Feuer rechtsherum umschreitend, mit dem Opfergerät versehen
viveśāgniṃ prātitheyī bhartrā saha divaṃ yayau
ging die Prātitheyī ins Feuer, gelangte mit dem Gatten in den Himmel
svargam āseduṣoḥ pitros tadapatyeṣv akṛtrimam /
ye kurvanty aniśaṃ snehaṃ ta eva kṛtino narāḥ //
{Die Bäume sprachen:} 'Diejenigen Menschen, die den Kindern von Eltern, die in den Himmel eingegangen sind, unablässig echte Zuneigung erweisen, sind wahrhaft erfolgreiche Menschen.'
Wort für Wort
svargam āseduṣoḥ pitros tadapatyeṣv akṛtrimam
den Kindern von Eltern, die in den Himmel eingegangen, echte (Zuneigung)
ye kurvanty aniśaṃ snehaṃ ta eva kṛtino narāḥ
die unablässig Zuneigung erweisen, sind wahrhaft erfolgreiche Menschen
sa tena tṛpto vavṛdhe śuklapakṣe yathā śaśī /
pippalaiḥ pālito yasmāt pippalādaḥ sa bālakaḥ /
pravṛddhaḥ pippalān evam uvāca tv ativismitaḥ //
Davon gesättigt, wuchs es wie der Mond in der hellen Monatshälfte; weil das Kind von den Pippala-Bäumen genährt worden war, (hieß es) 'Pippalāda' ('der von Pippala-Bäumen Genährte'). Herangewachsen, sprach es, sehr verwundert, so zu den Pippala-Bäumen:
Wort für Wort
sa tena tṛpto vavṛdhe śuklapakṣe yathā śaśī
davon gesättigt wuchs es wie der Mond in der hellen Monatshälfte
pippalaiḥ pālito yasmāt pippalādaḥ sa bālakaḥ
weil von Pippala-Bäumen genährt, (hieß) das Kind Pippalāda
pravṛddhaḥ pippalān evam uvāca tv ativismitaḥ
herangewachsen, sehr verwundert, sprach es so zu den Pippala-Bäumen
{Pippalāda sprach:} 'Von Menschen werden Menschen geboren, von Vögeln Vögel, aus Samen Pflanzen – in der Welt sieht man keine Abweichung (von dieser Regel). Wie aber bin ich, ein Baumwesen, mit Händen, Füßen und dergleichen Lebendigem, geboren worden?'
Wort für Wort
mānuṣebhyo mānuṣās tu jāyante pakṣibhiḥ khagāḥ
von Menschen werden Menschen geboren, von Vögeln Vögel
bījebhyo vīrudho loke vaiṣamyaṃ naiva dṛśyate
aus Samen Pflanzen – keine Abweichung sieht man in der Welt
vārkṣas tv ahaṃ kathaṃ jāto hastapādādijīvavān
wie aber bin ich, ein Baumwesen, mit Händen, Füßen usw. geboren
{Pippalāda sprach:} 'Ich werde die Mörder meiner Eltern töten – anders vermag ich nicht zu leben. Den Freunden und Feinden des Vaters folgt ebenso der Sohn nach.'
Wort für Wort
pitṛhantṝn haniṣye 'haṃ nānyathā jīvituṃ kṣamaḥ
die Mörder der Eltern werde ich töten, anders kann ich nicht leben
pitur mitrāṇi śatrūṃś ca tathā putro 'nuvartate
den Freunden und Feinden des Vaters folgt ebenso der Sohn
sa eva putro yo 'nyas tu putrarūpo ripuḥ smṛtaḥ /
vadanti pitṛmitrāṇi tārayanty ahitān api //
'Der ist wahrhaft ein Sohn (der so handelt); wer anders ist, gilt, obwohl in Sohnesgestalt, als Feind. Man sagt: die Freunde des Vaters retten (einen) sogar über Widriges hinweg.'
Wort für Wort
sa eva putro yo 'nyas tu putrarūpo ripuḥ smṛtaḥ
der ist wahrhaft Sohn; wer anders, gilt trotz Sohnesgestalt als Feind
vadanti pitṛmitrāṇi tārayanty ahitān api
man sagt: die Freunde des Vaters retten selbst über Widriges hinweg
Die Bäume nahmen das Kind und gingen zu Soma; die Bäume berichteten Soma die Worte des Kindes. Als Soma das gehört hatte, sprach er zu dem Kind Pippalāda:
Wort für Wort
vṛkṣās taṃ bālam ādāya somāntikam athāyayuḥ
die Bäume nahmen das Kind und gingen zu Soma
bālavākyaṃ tu te vṛkṣāḥ somāyātha nyavedayan
die Bäume berichteten Soma die Worte des Kindes
śrutvā somo 'pi taṃ bālaṃ pippalādam abhāṣata
als Soma das gehört hatte, sprach er zum Kind Pippalāda
gṛhāṇa vidyāṃ vidhivat samagrāṃ BrP_110.88a
tapaḥsamṛddhiṃ ca śubhāṃ ca vācam BrP_110.88b
śauryaṃ ca rūpaṃ ca balaṃ ca buddhiṃ BrP_110.88c
saṃprāpsyase putra madājñayā tvam BrP_110.88d
{Soma sprach:} 'Empfange die gesamte Wissenschaft nach Vorschrift, den Reichtum an Askese und eine gute Redegabe; Tapferkeit, Schönheit, Kraft und Verstand wirst du, mein Sohn, durch mein Geheiß erlangen.'
sarvam etad vṛthā manye pitṛhantṛviniṣkṛtim /
na karomy atra yāvac ca tasmāt tat prathamaṃ vada //
{Pippalāda sprach:} 'All dies halte ich für nutzlos, solange ich nicht die Vergeltung an den Mördern meiner Eltern vollzogen habe; darum sage mir zuerst jenes (wie ich das erreiche).'
Wort für Wort
sarvam etad vṛthā manye pitṛhantṛviniṣkṛtim
all dies halte ich für nutzlos, (bis zur) Vergeltung an den Mördern der Eltern
na karomy atra yāvac ca tasmāt tat prathamaṃ vada
solange ich das nicht tue, darum sage mir das zuerst
yasmin deśe yatra kāle yasmin deve ca mantrake /
yatra tīrthe ca sidhyeta matsaṃkalpaḥ surottama //
'An welchem Ort, zu welcher Zeit, durch welchen Gott oder Mantra-Kundigen, an welcher Pilgerstätte mein Vorhaben gelingen könnte, o Bester der Götter.'
Wort für Wort
yasmin deśe yatra kāle yasmin deve ca mantrake
an welchem Ort, zu welcher Zeit, durch welchen Gott oder Mantra-Kundigen
yatra tīrthe ca sidhyeta matsaṃkalpaḥ surottama
an welcher Pilgerstätte mein Vorhaben gelingen könnte, bester Gott
{Brahmā sprach:} Nachdem Candra lange nachgedacht hatte, sprach er: 'Ob Genuss oder Erlösung – alles entsteht aus dem großen Gott Śiva, daran ist kein Zweifel.'
Wort für Wort
candraḥ prāha ciraṃ dhyātvā bhuktir vā muktir eva vā
Candra sprach, lange nachdenkend: ob Genuss oder Erlösung
sa somaṃ punar apy āha kathaṃ drakṣye maheśvaram /
bālo 'haṃ bālabuddhiś ca na sāmarthyaṃ tapas tathā //
Er sprach wiederum zu Soma: 'Wie soll ich den großen Gott sehen? Ich bin ein Kind, von kindlichem Verstand, und habe weder die Fähigkeit noch die (nötige) Askese.'
Wort für Wort
sa somaṃ punar apy āha kathaṃ drakṣye maheśvaram
er sprach wiederum zu Soma: wie soll ich den großen Gott sehen
bālo 'haṃ bālabuddhiś ca na sāmarthyaṃ tapas tathā
ich bin ein Kind, kindlichen Verstandes, ohne Fähigkeit und Askese
cakreśvaraṃ nāma tīrthaṃ jānanty oṣadhayas tu tat /
taṃ gatvā stuhi deveśaṃ sarvabhāvena śaṃkaram /
sa te prītamanās tāta sarvān kāmān pradāsyati //
'Die Kräuter kennen jene Pilgerstätte namens Cakreśvara; geh dorthin und preise mit ganzem Herzen den Götterherrn Śaṃkara – er wird dir, zufriedenen Sinnes, mein Kind, alle Wünsche gewähren.'
Wort für Wort
cakreśvaraṃ nāma tīrthaṃ jānanty oṣadhayas tu tat
die Kräuter kennen jene Pilgerstätte namens Cakreśvara
taṃ gatvā stuhi deveśaṃ sarvabhāvena śaṃkaram
geh dorthin, preise mit ganzem Herzen den Götterherrn Śaṃkara
sa te prītamanās tāta sarvān kāmān pradāsyati
er wird dir, zufriedenen Sinnes, mein Kind, alle Wünsche gewähren
Die von Mitleid für das Kind erfüllten Pippala-Bäume kehrten zu ihrer eigenen Einsiedelei zurück; er selbst aber badete darauf in der Godāvarī, verehrte den Herrn der drei Welten, und der reine Pippalāda pries Śiva mit ganzem Herzen.
Wort für Wort
taṃ bālaṃ kṛpayāviṣṭāḥ pippalāḥ svāśramān yayuḥ
die von Mitleid für das Kind erfüllten Pippala-Bäume kehrten zur eigenen Einsiedelei zurück
godāvaryāṃ tataḥ snātvā natvā tribhuvaneśvaram
darauf in der Godāvarī badend, den Herrn der drei Welten verehrend
{Pippalāda sprach:} 'Den, zu dem die Standhaften, alle Werke aufgebend, alles Verlangen preisgegeben, den Wind des Geistes bezwungen habend, eifrig als Zuflucht zur Erlösung gehen – jenen Urgott Śaṃbhu verehre ich.'
Wort für Wort
sarvāṇi karmāṇi vihāya dhīrās
alle Werke aufgebend, die Standhaften
tyaktaiṣaṇā nirjitacittavātāḥ
alles Verlangen preisgegeben, den Geisteswind bezwungen
yaṃ yānti muktyai śaraṇaṃ prayatnāt
zu dem sie eifrig als Zuflucht zur Erlösung gehen
tam ādidevaṃ praṇamāmi śaṃbhum
jenen Urgott Śaṃbhu verehre ich
[Anm.: Beginn einer längeren Hymne (V.100–106) an Śiva.]
yaḥ sarvasākṣī sakalāntarātmā BrP_110.101a
sarveśvaraḥ sarvakalānidhānam BrP_110.101b
vijñāya maccittagataṃ samastaṃ BrP_110.101c
sa me smarāriḥ karuṇāṃ karotu BrP_110.101d
'Er, der aller Zeuge ist, die innere Seele von allem, der Herr über alles, der Hort aller Künste – nachdem er alles, was in meinem Geist ist, erkannt hat, möge jener Feind des Liebesgottes (Śiva) mir Erbarmen erweisen.'
Wort für Wort
yaḥ sarvasākṣī sakalāntarātmā
der aller Zeuge, die innere Seele von allem
sarveśvaraḥ sarvakalānidhānam
der Herr über alles, der Hort aller Künste
vijñāya maccittagataṃ samastaṃ
nachdem er alles in meinem Geist erkannt hat
sa me smarāriḥ karuṇāṃ karotu
möge jener Feind des Liebesgottes mir Erbarmen erweisen
'Von jenem Zehnköpfigen (Rāvaṇa), der die Weltenhüter besiegt hatte und den von den Göttern verehrten Kailāsa, den Berg des Purāri (Śiva), erschütterte, und der von dessen bloßem großen Zeh in die Unterwelt hinabgedrückt wurde,'
Wort für Wort
digīśvarāñ jitya surārcitasya
nachdem er die Weltenhüter besiegt hatte, des von den Göttern verehrten
kailāsam āndolayataḥ purāreḥ
des Kailāsa, den Berg des Purāri, erschütternden
aṅguṣṭhakṛtyaiva rasātalād adho
durch den bloßen Zeh hinab in die Unterwelt
gatasya tasyaiva daśānanasya
des dorthin gebrachten, jenes Zehnköpfigen
[Anm.: Anspielung auf den bekannten Mythos, wie Rāvaṇa den Kailāsa erschütterte und von Śivas Zehe niedergedrückt wurde; Verse 102–106 bilden eine Kette von Relativsätzen, deren Hauptsatz erst implizit bleibt.]
– dessen Leib zusammengedrückt war –, als Er (Śiva) dessen Wehklagen vernommen hatte, lachte er zusammen mit der Göttin und gewährte ihm den gewünschten Wunsch, ihm gnädig, obwohl zornig: 'Du, großer Gott, bist einer, der auch Unwürdigen gibt!'
Wort für Wort
ālūnakāyasya giraṃ niśamya
dessen Leib zusammengedrückt war, dessen Wehklagen vernehmend
vihasya devyā saha dattam iṣṭam
mit der Göttin lachend, gewährte den gewünschten Wunsch
tasmai prasannaḥ kupito 'pi tadvad
ihm gnädig, obwohl ebenso zornig
ayuktadātāsi maheśvara tvam
'du, großer Gott, gibst auch Unwürdigen'
[?: Zuordnung der letzten Zeile als Rede der Göttin an Śiva ist unsicher.]
'(Der Dämonenfürst) Bāṇa, der stets über die Maßen eifrige Verehrung dargebracht hatte, warf die Sautrāmaṇī-Fülle danieder; der preisenswerte Bāṇa vollzog erhabene, liebliche, bezaubernde Verehrung dessen, der die Mondsichel im Haarschopf trägt (Śiva).'
Wort für Wort
sautrāmaṇīm ṛddhim adhaḥ sa cakre
die Sautrāmaṇī-Fülle warf er danieder
yo 'rcāṃ harau nityam atīva kṛtvā
der stets über die Maßen eifrige Verehrung dargebracht hatte
bāṇaḥ praśasyaḥ kṛtavān uccapūjāṃ
der preisenswerte Bāṇa vollzog erhabene Verehrung
ramyāṃ manojñāṃ śaśikhaṇḍamauleḥ
liebliche, bezaubernde, dessen, der die Mondsichel im Haarschopf trägt
[?: Anspielung auf einen Bāṇa-Mythos (Sautrāmaṇī-Fülle) ist ohne Kommentar nicht sicher zu identifizieren.]
'Nachdem Viśākha (Kārttikeya) die Feinde besiegt und die Scharen der Götter verehrt hatte, ging er, um seinen Lehrer (Śiva) zu grüßen; als er sah, wie der Herr der Scharen (Gaṇeśa) auf den Schoß gehoben wurde, wurde er zornig – 'Soma' (Śiva) aber setzte ihn (Gaṇeśa) auf den Schoß und lachte.'
Wort für Wort
jitvā ripūn devagaṇān prapūjya
nachdem er die Feinde besiegt, die Götterscharen verehrt hatte
guruṃ namaskartum agād viśākhaḥ
ging Viśākha, um den Lehrer (Śiva) zu grüßen
cukopa dṛṣṭvā gaṇanātham ūḍham
wurde zornig, als er den Scharenherrn (Gaṇeśa) getragen sah
aṅke tam āropya jahāsa somaḥ
'Soma' (Śiva) setzte ihn auf den Schoß und lachte
[Anm.: 'Somaḥ' wird hier und in V.106 als Beiname Śivas gedeutet ('der den Mond trägt', vgl. 'śaśikhaṇḍamauleḥ' in V.104), nicht als der Mondgott Candra.]
'Obwohl auf Īśas Schoß gehoben, ließ das Kind (Gaṇeśa), seiner kindlichen Natur wegen, den Schoß der Mutter nicht los; da er (Śiva) den zornigen Sohn (Viśākha) nicht zu besänftigen vermochte, nahm 'Soma' (Śiva) darauf die Gestalt des Ardhanārī (halb Mann, halb Frau) an.'
Wort für Wort
īśāṅkarūḍho 'pi śiśusvabhāvān
obwohl auf Īśas Schoß gehoben, kindlicher Natur wegen
na mātur aṅkaṃ pramumoca bālaḥ
ließ das Kind den Schoß der Mutter nicht los
kruddhaṃ sutaṃ bodhitum apy aśaktas
unfähig, den zornigen Sohn zu besänftigen
tato 'rdhanāritvam avāpa somaḥ
nahm 'Soma' (Śiva) darauf die Ardhanārī-Gestalt an
{Pippalāda sprach:} 'Getötet wurde von den Göttern, o großer Gott, mein hochberühmter, unverstellter, wahrredender Vater, und ebenso meine dem Gatten ergebene Mutter.'
Wort für Wort
hato devair mahādeva pitā mama mahāyaśāḥ
getötet von den Göttern, o großer Gott, mein hochberühmter Vater
adāmbhikaḥ satyavādī tathā mātā pativratā
unverstellt, wahrredend, und ebenso die dem Gatten ergebene Mutter
tasmān me dehi sāmarthyaṃ nāśayeyaṃ surān yathā /
avadhyasevyas trailokye tvam eva śaśiśekhara //
'Darum gib mir die Fähigkeit, damit ich die Götter vernichten kann; du allein bist in den drei Welten (der Herr), dem selbst die Unantastbaren dienen, o Mondbekrönter.'
Wort für Wort
tasmān me dehi sāmarthyaṃ nāśayeyaṃ surān yathā
darum gib mir die Fähigkeit, damit ich die Götter vernichten kann
avadhyasevyas trailokye tvam eva śaśiśekhara
du allein, dem die Unantastbaren dienen, in den drei Welten, Mondbekrönter
ganz der Meditation über Śiva hingegeben – obwohl ein Kind, doch wie ein Starker –, jeden Tag früh aufstehend, badend, der Reihe nach die Lehrer verehrend,
Wort für Wort
śivadhyānaikanirato bālo 'pi balavān iva
ganz der Śiva-Meditation hingegeben, obwohl Kind, wie ein Starker
bequem sitzend, den Geist ausschließlich auf die Suṣumnā(-Nāḍī) richtend, die Hände in der 'Svastika'-Haltung am Nabel gekreuzt, das weltliche Dasein vergessend,
Wort für Wort
sukhāsīno manaḥ kṛtvā suṣumnāyām ananyadhīḥ
bequem sitzend, den Geist ausschließlich auf die Suṣumnā richtend
hastasvastikam āropya nābhau vismṛtasaṃsṛtiḥ
die Hände in Svastika-Haltung am Nabel, das Dasein vergessend
von einem Ort zum nächsten aufsteigend, meditierte er über Śivas Glanz; da erblickte der Pippala-Esser (Pippalāda) das dritte Auge des Gottes; mit gefalteten Händen und demütig sprach er dies:
Als Pippalāśana (Pippalāda) jenes Wort der Mutter(-Ersatz, d.h. der Bäume/Vaḍavās) gehört hatte, wurde er zornig; innerlich in Stolz entbrannt, (erschien ihm) die gute Rede nutzlos.
Wort für Wort
tan mātṛvacanaṃ śrutvā kupitaḥ pippalāśanaḥ
jenes Wort der Mutter gehört habend, wurde Pippalāśana zornig
abhimāne jvalaty antaḥ sādhuvādo nirarthakaḥ
innerlich in Stolz entbrannt, die gute Rede nutzlos
'Gib, gib!' sprach er zu der aus dem Auge (Śivas) hervorgegangenen Kṛtyā; an Vaḍavā denkend, der Brahmane, (erschien) auch die Kṛtyā in Vaḍavā-Gestalt.
Wort für Wort
dehi dehīti taṃ prāha kṛtyā netravinirgatā
'gib, gib' sprach er zu der aus dem Auge hervorgegangenen Kṛtyā
vaḍaveti smaran vipraḥ kṛtyāpi vaḍavākṛtiḥ
an Vaḍavā denkend, der Brahmane; auch die Kṛtyā in Vaḍavā-Gestalt
[Anm.: Verknüpfung des Kṛtyā-Zauberwesens mit dem Namen/der Gestalt Vaḍavā, die die spätere Ätiologie des Flusses/Feuers Vaḍavā (Vaḍavānala) vorbereitet.]
Die zur Vernichtung aller Wesen mit gewaltigem Feuer im Schoß (geschaffene Kṛtyā glich) der Gabhastinī, die, das Kind im Leib tragend, die Mutter Pippalādas war;
Wort für Wort
sarvasattvavināśāya prabhūtānalagarbhiṇī
zur Vernichtung aller Wesen, mit gewaltigem Feuer im Schoß
gabhastinī bālagarbhā yā mātā pippalāśinaḥ
der Gabhastinī, die, das Kind tragend, Pippalādas Mutter war
[Anm.: Dies bestätigt, dass in dieser Fassung die Schwester Gabhastinī/Vaḍavā (nicht die in V.5–6 genannte Lopāmudrā) die eigentliche, hier 'Prātitheyī' genannte Mutter Pippalādas ist – vgl. auch V.152, wo Lopāmudrā als bloßer Vergleichsmaßstab, nicht als die Mutter selbst, erscheint.]
devaiś ca nirmitaṃ dehaṃ tato bhītaḥ śivaṃ yayau /
tuṣṭāva devaṃ sa muniḥ kṛtyāṃ prāha tadā śivaḥ //
'(Auch) den von den Göttern gemachten Körper (will ich verschlingen)' – da ging er, erschrocken, zu Śiva; der Muni pries den Gott, und Śiva sprach darauf zur Kṛtyā:
Wort für Wort
devaiś ca nirmitaṃ dehaṃ tato bhītaḥ śivaṃ yayau
'auch den von den Göttern gemachten Körper' – erschrocken ging er zu Śiva
tuṣṭāva devaṃ sa muniḥ kṛtyāṃ prāha tadā śivaḥ
der Muni pries den Gott; Śiva sprach darauf zur Kṛtyā
[Anm.: Die Kṛtyā wendet sich damit auch gegen Pippalāda selbst, da jeder Körper letztlich 'von den Göttern gemacht' ist.]
yojanāntaḥsthitāñ jīvān na gṛhāṇa madājñayā /
tasmād yāhi tato dūraṃ kṛtye kṛtyaṃ tataḥ kuru //
{Śiva sprach:} 'Auf mein Geheiß hin sollst du die Lebewesen, die sich innerhalb eines Yojana befinden, nicht ergreifen; darum geh von dort weit fort, Kṛtyā, und verrichte dann dein Werk.'
Wort für Wort
yojanāntaḥsthitāñ jīvān na gṛhāṇa madājñayā
die Lebewesen innerhalb eines Yojana sollst du auf mein Geheiß nicht ergreifen
tasmād yāhi tato dūraṃ kṛtye kṛtyaṃ tataḥ kuru
darum geh weit fort, Kṛtyā, und verrichte dann dein Werk
{Die Götter sprachen:} 'Beschütze uns, Śaṃbhu – die Kṛtyā bedrängt uns, jenes von dir hervorgebrachte Feuer! Sei eine Zuflucht, Herr über alles, du Furchtnehmender für die Furchtsamen.'
Wort für Wort
rakṣasva śaṃbho kṛtyāsmān bādhate tadbhavānalaḥ
beschütze uns, Śaṃbhu, die Kṛtyā bedrängt uns, jenes Feuer von dir
śaraṇaṃ bhava sarveśa bhītānām abhayaprada
sei Zuflucht, Herr über alles, Furchtnehmender für die Furchtsamen
tān abravīj jagannātho yojanāntarnivāsinaḥ /
na bādhate tv asau kṛtyā tasmād yūyam aharniśam /
ihaivāsadhvam amarās tasyā vo na bhayaṃ bhavet //
Der Herr der Welt sprach zu ihnen: 'Diejenigen, die innerhalb eines Yojana wohnen, bedrängt jene Kṛtyā nicht; darum bleibt ihr Unsterblichen Tag und Nacht eben hier – dann werdet ihr keine Furcht vor ihr haben.'
Wort für Wort
tān abravīj jagannātho yojanāntarnivāsinaḥ
der Herr der Welt sprach zu ihnen: die innerhalb eines Yojana wohnen
na bādhate tv asau kṛtyā tasmād yūyam aharniśam
bedrängt jene Kṛtyā nicht; darum bleibt ihr Tag und Nacht
ihaivāsadhvam amarās tasyā vo na bhayaṃ bhavet
eben hier, Unsterbliche – dann habt ihr keine Furcht vor ihr
devo 'sau viśvataścakṣur yo devo viśvatomukhaḥ /
yo raśmibhis tu dhamate nityaṃ yo janako mataḥ //
{Śiva sprach:} 'Jener Gott, der nach allen Seiten Augen hat, der Gott, der nach allen Seiten Gesichter hat, der mit seinen Strahlen ständig erwärmt, der als Erzeuger gilt –'
Wort für Wort
devo 'sau viśvataścakṣur yo devo viśvatomukhaḥ
jener Gott mit Augen nach allen Seiten, der Gott mit Gesichtern nach allen Seiten
yo raśmibhis tu dhamate nityaṃ yo janako mataḥ
der mit Strahlen ständig erwärmt, der als Erzeuger gilt
'– dieser eine Sūrya (Sonnengott) allein möge hier für immer in leibhaftiger Gestalt Aufenthalt nehmen; in seiner Gestalt werdet ihr alle einen bleibenden Ort haben.'
Wort für Wort
sa sūrya eka evātra sākṣād rūpeṇa sarvadā
dieser eine Sūrya allein möge hier für immer in leibhaftiger Gestalt
{Tvaṣṭṛ sprach:} 'Weile eben hier, Herr der Welt, beschütze selbst diese Götter; auch wir wollen mit unseren Teilen hier in der Nähe Śaṃbhus verweilen.'
Wort für Wort
ihaivāssva jagatsvāmin rakṣemān vibudhān svayam
weile eben hier, Herr der Welt, beschütze selbst diese Götter
svāṃśaiś ca vayam apy atra tiṣṭhāmaḥ śaṃbhusaṃnidhau
auch wir wollen mit unseren Teilen hier bei Śaṃbhu verweilen
aṅgulyardhārdhamātraṃ tu gaṅgātīraṃ samāśritāḥ /
tisraḥ koṭyas tathā pañca śatāni munisattama /
tīrthānāṃ tatra vyuṣṭiṃ ca kaḥ śṛṇoti bravīti vā //
Auf je einer halben Fingerbreite des Gaṅgā-Ufers ließen sich drei Koṭi und fünfhundert (Pilgerstätten) nieder, o bester der Muni – wer könnte die Fülle der dortigen Tīrthas hören oder aussprechen?
Wort für Wort
aṅgulyardhārdhamātraṃ tu gaṅgātīraṃ samāśritāḥ
auf je einer halben Fingerbreite des Gaṅgā-Ufers niedergelassen
tisraḥ koṭyas tathā pañca śatāni munisattama
drei Koṭi und fünfhundert, bester der Muni
tīrthānāṃ tatra vyuṣṭiṃ ca kaḥ śṛṇoti bravīti vā
wer könnte die Fülle der dortigen Tīrthas hören oder aussprechen
nāśiteṣv api deveṣu pitā te nāgamiṣyati /
dattāḥ pitrā tava prāṇā devānāṃ kāryasiddhaye //
{Śiva sprach:} 'Selbst wenn die Götter vernichtet sind, wird dein Vater nicht zurückkehren; deine Lebenskräfte hat dein Vater zur Erfüllung des Werkes der Götter gegeben.'
Wort für Wort
nāśiteṣv api deveṣu pitā te nāgamiṣyati
selbst wenn die Götter vernichtet sind, wird dein Vater nicht zurückkehren
dattāḥ pitrā tava prāṇā devānāṃ kāryasiddhaye
deine Lebenskräfte hat dein Vater zur Werkerfüllung der Götter gegeben
dīnārtakaruṇābandhuḥ ko hi tādṛgbhave bhavet /
tathā yātā divaṃ tāta tava mātā pativratā //
'Wer wäre wohl in dieser Welt ein solcher aus Mitleid handelnder Freund der Elenden und Notleidenden (wie er)? Ebenso ist, mein Kind, deine dem Gatten ergebene Mutter in den Himmel gegangen.'
Wort für Wort
dīnārtakaruṇābandhuḥ ko hi tādṛgbhave bhavet
wer wäre in dieser Welt ein solcher, aus Mitleid handelnder Freund der Elenden
tathā yātā divaṃ tāta tava mātā pativratā
ebenso ist deine dem Gatten ergebene Mutter, mein Kind, in den Himmel gegangen
'Sie ist an Geisteshaltung der Lopāmudrā oder Arundhatī gleich zu erachten, da durch (ihre und Dadhīcis) Knochen alle Götter siegreich und für immer glücklich sind.'
Wort für Wort
samā kāpy atra matayā lopāmudrāpy arundhatī
gleich an Geisteshaltung der Lopāmudrā oder Arundhatī
yad asthibhiḥ surāḥ sarve jayinaḥ sukhinaḥ sadā
da durch (die) Knochen alle Götter siegreich und stets glücklich sind
[Anm.: Lopāmudrā erscheint hier als bloßer Vergleichsmaßstab (neben Arundhatī) für die Tugend der Mutter, nicht als die Mutter selbst – dies untermauert, dass mit ihr nicht die in V.5 genannte Lopāmudrā gemeint sein kann.]
{Śiva sprach, fortfahrend:} 'Dadurch hat deine Mutter unvergänglichen, gewaltigen Ruhm erlangt; von dir, dem Sohn, wurde überall nichts Höheres als dies vollbracht.'
Wort für Wort
tenāvāptaṃ yaśaḥ sphītaṃ tava mātrākṣayaṃ kṛtam
dadurch hat deine Mutter unvergänglichen, gewaltigen Ruhm erlangt
tvayā putreṇa sarvatra nātaḥ parataraṃ kṛtam
von dir, dem Sohn, wurde nichts Höheres als dies vollbracht
'Du sollst diejenigen beschützen, die aus Furcht vor deiner Macht aus dem Himmel gefallen sind; du sollst die vor Furcht vor dir ratlos umherirrenden Unsterblichen retten – es gibt nirgendwo ein größeres Verdienst als die Rettung der Bedrängten.'
'Solange schöner Ruhm in der Menschenwelt erstrahlt, so viele Tage währt für den in den Himmel Gegangenen – für jeden Tag eine Jahreszahl – ein unveränderlicher Aufenthalt in jener anderen Welt.'
Wort für Wort
yāvad yaśaḥ sphurati cāru manuṣyaloke
solange schöner Ruhm in der Menschenwelt erstrahlt
ahāni tāvanti divaṃ gatasya
so viele Tage für den in den Himmel Gegangenen
dine dine varṣasaṃkhyā parasmiṃl
für jeden Tag eine Jahreszahl, in jener
loke vāso jāyate nirvikāraḥ
anderen Welt entsteht ein unveränderlicher Aufenthalt
mṛtās ta evātra yaśo na yeṣām BrP_110.156a
andhās ta eva śrutavarjitā ye BrP_110.156b
ye dānaśīlā na napuṃsakās te BrP_110.156c
ye dharmaśīlā na ta eva śocyāḥ BrP_110.156d
'Tot sind eben jene, die keinen Ruhm haben; blind sind eben jene, denen (heiliges) Wissen fehlt; wer freigebig ist, ist kein Unmann; wer rechtschaffen ist, ist nicht zu bedauern.'
vāgbhir manobhiḥ kṛtibhiḥ kadācin BrP_110.158a
mamopakurvanti hite ratā ye BrP_110.158b
tebhyo hitārthaṃ tv iha cāpareṣāṃ BrP_110.158c
somaṃ namasyāmi surādipūjyam BrP_110.158d
{Pippalāda sprach:} 'Denen, die mir jemals durch Worte, Gedanken und Taten geholfen haben, meinem Wohl zugetan, und ebenso anderen zum Wohl hier, (zu deren Nutzen) verehre ich 'Soma' (Śiva, den Mondträger), den von den Göttern und anderen Verehrten.'
Wort für Wort
vāgbhir manobhiḥ kṛtibhiḥ kadācin
durch Worte, Gedanken, Taten jemals
mamopakurvanti hite ratā ye
denen, die mir geholfen haben, meinem Wohl zugetan
tebhyo hitārthaṃ tv iha cāpareṣāṃ
zu deren Nutzen und dem anderer hier
somaṃ namasyāmi surādipūjyam
verehre ich 'Soma', den von Göttern und anderen Verehrten
saṃrakṣito yair abhivardhitaś ca BrP_110.159a
samānagotraś ca samānadharmā BrP_110.159b
teṣām abhīṣṭāni śivaḥ karotu BrP_110.159c
bālendumauliṃ praṇato 'smi nityam BrP_110.159d
'Denen, die mich beschützt und großgezogen haben, die derselben Familie und demselben Dharma angehören, möge Śiva ihre Wünsche erfüllen – vor dem, der die junge Mondsichel im Haarschopf trägt, verneige ich mich beständig.'
Wort für Wort
saṃrakṣito yair abhivardhitaś ca
von denen ich beschützt und großgezogen wurde
samānagotraś ca samānadharmā
derselben Familie und demselben Dharma angehörig
teṣām abhīṣṭāni śivaḥ karotu
möge Śiva ihre Wünsche erfüllen
bālendumauliṃ praṇato 'smi nityam
vor dem Mondsichel-Träger verneige ich mich beständig
'Diejenigen, durch die ich beständig großgezogen wurde wie durch Mutter und Vater, o Herr – nach deren Namen möge eine Pilgerstätte in den drei Welten entstehen, o Gott der Götter.'
Wort für Wort
yair ahaṃ vardhito nityaṃ mātṛvat pitṛvat prabho
durch die ich beständig großgezogen wurde wie durch Mutter und Vater, Herr
tannāmnā jāyatāṃ tīrthaṃ devadeva jagattraye
nach deren Namen möge eine Pilgerstätte in den drei Welten entstehen
'So werde ihnen Ruhm zuteil, und ich bin ihnen dann nicht mehr verschuldet. Was für heilige Stätten der Götter es gibt, was für Pilgerstätten auf Erden –'
Wort für Wort
yaśas tu teṣāṃ bhavitā tebhyo 'ham anṛṇas tataḥ
ihnen werde Ruhm zuteil, ich bin ihnen dann nicht mehr verschuldet
yāni kṣetrāṇi devānāṃ yāni tīrthāni bhūtale
was für heilige Stätten der Götter, was für Pilgerstätten auf Erden
Da sprach er vor den Augen der Götter mit deutlicher Stimme, angesichts des Tausendäugigen (Indra) und der anderen an der Spitze; die Götter nahmen das von dem Sohn Dadhīcis Gesagte mit Achtung auf.
Wort für Wort
tataḥ samakṣaṃ surasākṣarāṃ giraṃ
da vor den Augen der Götter, mit deutlicher Stimme
sahasracakṣuḥpramukhāṃs tathāgrataḥ
angesichts des Tausendäugigen und der anderen an der Spitze
Als er den Verstand des Kindes, seine Bescheidenheit und Gelehrsamkeit, seine Tapferkeit, Kraft, Kühnheit und Wahrhaftigkeit, seine Hingabe an die Eltern und die Reinheit seines Herzens erkannt hatte, sprach Śaṃkara darauf zu Pippalāda:
Wort für Wort
bālasya buddhiṃ vinayaṃ ca vidyāṃ
des Kindes Verstand, Bescheidenheit und Gelehrsamkeit
śauryaṃ balaṃ sāhasaṃ satyavācam
Tapferkeit, Kraft, Kühnheit, Wahrhaftigkeit
pitror bhaktiṃ bhāvaśuddhiṃ viditvā
die Hingabe an die Eltern, die Reinheit des Herzens erkennend
vatsa yad vai priyaṃ kāmaṃ yac cāpi suravallabham /
prāpsyase vada kalyāṇaṃ nānyathā tvaṃ manaḥ kṛthāḥ //
{Śaṃkara sprach:} 'Mein Kind, was auch immer dir lieb und begehrt ist, und was auch den Göttern lieb ist, wirst du erlangen – sage es, Glückverheißendes; richte deinen Sinn nicht auf anderes.'
Wort für Wort
vatsa yad vai priyaṃ kāmaṃ yac cāpi suravallabham
mein Kind, was dir lieb und begehrt, und was den Göttern lieb ist
prāpsyase vada kalyāṇaṃ nānyathā tvaṃ manaḥ kṛthāḥ
wirst du erlangen; sage Glückverheißendes, richte den Sinn auf nichts anderes
ye gaṅgāyām āplutā dharmaniṣṭhāḥ BrP_110.166a
saṃpaśyanti tvatpadābjaṃ maheśa BrP_110.166b
sarvān kāmān āpnuvantu prasahya BrP_110.166c
dehānte te padam āyāntu śaivam BrP_110.166d
{Pippalāda sprach:} 'Diejenigen, die in der Gaṅgā gebadet haben, rechtschaffen sind und deinen Lotosfuß erblicken, o großer Herr, mögen alle Wünsche mit Nachdruck erlangen; am Ende des Körpers mögen sie zu Śivas Wohnstatt gelangen.'
Wort für Wort
ye gaṅgāyām āplutā dharmaniṣṭhāḥ
die in der Gaṅgā gebadet haben, rechtschaffen
saṃpaśyanti tvatpadābjaṃ maheśa
die deinen Lotosfuß erblicken, großer Herr
sarvān kāmān āpnuvantu prasahya
mögen alle Wünsche mit Nachdruck erlangen
dehānte te padam āyāntu śaivam
am Ende des Körpers mögen sie zu Śivas Wohnstatt gelangen
tātaḥ prāptas tvatpadaṃ cāmbikā me BrP_110.167a
nātha prāptā pippalaś cāmarāś ca BrP_110.167b
sukhaṃ prāptā nāthanāthaṃ vilokya BrP_110.167c
tvāṃ paśyeyus tvatpadaṃ te prayāntu BrP_110.167d
'Mein Vater ist zu deiner Wohnstatt gelangt, und auch meine Mutter Ambikā, o Herr; die Pippala-Bäume und die Unsterblichen mögen ebenso Glück erlangen, dich, den Herrn der Herren, erblickend; mögen sie dich sehen und zu deiner Wohnstatt gelangen.'
Wort für Wort
tātaḥ prāptas tvatpadaṃ cāmbikā me
mein Vater ist zu deiner Wohnstatt gelangt, und auch meine Mutter Ambikā
nātha prāptā pippalaś cāmarāś ca
die Pippala-Bäume und die Unsterblichen mögen (Glück) erlangen, Herr
sukhaṃ prāptā nāthanāthaṃ vilokya
Glück erlangend, den Herrn der Herren erblickend
tvāṃ paśyeyus tvatpadaṃ te prayāntu
mögen sie dich sehen, zu deiner Wohnstatt gelangen
[?: 'ambikā' hier offenbar als weiterer Name/Beiname für Pippalādas Mutter verwendet, zusätzlich zu Prātitheyī/Gabhastinī/Vaḍavā.]
Nachdem der große Gott der Götter zu Pippalāda 'So sei es' gesagt und ihn beglückwünscht hatte, sprach er darauf zusammen mit den Göttern weitere Worte.
Wort für Wort
tathety uktvā pippalādaṃ devadevo maheśvaraḥ
'so sei es' zu Pippalāda gesagt habend, der große Gott der Götter
abhinandya ca taṃ devaiḥ sārdhaṃ vākyam athābravīt
ihn beglückwünschend, sprach er darauf mit den Göttern (weitere) Worte
surāṇāṃ yad abhīṣṭaṃ ca tvayā kṛtam asaṃśayam /
pālitā devadevasya ājñā trailokyamaṇḍanī //
{Die Götter sprachen:} 'Was den Göttern lieb war, hast du zweifellos vollbracht; du hast das Gebot des Gottes der Götter befolgt, das die drei Welten schmückt.'
Wort für Wort
surāṇāṃ yad abhīṣṭaṃ ca tvayā kṛtam asaṃśayam
was den Göttern lieb war, hast du zweifellos vollbracht
pālitā devadevasya ājñā trailokyamaṇḍanī
du hast das Gebot des Gottes der Götter befolgt, das die drei Welten schmückt
punaḥ punas tad evocuḥ surasaṃghā dvijottamam /
kṛtāñjalipuṭaḥ pūrvaṃ natvā śaṃbhusurān idam /
uvāca pippalādaś ca umāṃ natvā ca pippalān //
Immer wieder sprachen die Scharen der Götter dasselbe zu dem besten der Brahmanen; Pippalāda, zuvor mit gefalteten Händen Śaṃbhu und die Götter verehrt, und Umā und die Pippala-Bäume verehrt habend, sprach dies:
Wort für Wort
punaḥ punas tad evocuḥ surasaṃghā dvijottamam
immer wieder sprachen die Götterscharen dasselbe zum besten der Brahmanen
kṛtāñjalipuṭaḥ pūrvaṃ natvā śaṃbhusurān idam
mit gefalteten Händen zuvor Śaṃbhu und die Götter verehrend
uvāca pippalādaś ca umāṃ natvā ca pippalān
sprach Pippalāda, Umā und die Pippala-Bäume verehrend
pitarau draṣṭukāmo 'smi sadā me śabdagocarau /
te dhanyāḥ prāṇino loke mātāpitror vaśe sthitāḥ //
{Pippalāda sprach:} 'Ich wünsche stets meine Eltern zu sehen, die für mich bisher nur durch Worte wahrnehmbar sind; glücklich zu preisen sind jene Lebewesen in der Welt, die im Gehorsam gegenüber Mutter und Vater stehen.'
Wort für Wort
pitarau draṣṭukāmo 'smi sadā me śabdagocarau
ich wünsche stets meine Eltern zu sehen, die für mich nur durch Worte wahrnehmbar sind
te dhanyāḥ prāṇino loke mātāpitror vaśe sthitāḥ
glücklich sind jene Lebewesen in der Welt, im Gehorsam gegenüber den Eltern
'– von den beiden (Eltern) empfangen habend, wird man selbst durch den Dienst an ihnen zum Erfüllten. Selbst Tieren und Vögeln ist das Sehen der Mutter leicht zugänglich –'
Wort für Wort
parilabhya tayoḥ kṛtye kṛtakṛtyo bhavet svayam
von beiden empfangen, wird man durch den Dienst an ihnen selbst erfüllt
paśūnāṃ pakṣiṇāṃ cāpi sulabhaṃ mātṛdarśanam
selbst Tieren und Vögeln ist das Sehen der Mutter leicht zugänglich
durlabhaṃ mama tac cāpi pṛcche pāpaphalaṃ nu kim /
durlabhaṃ ca tathā cet syāt sarveṣāṃ yasya kasyacit //
'– mir aber ist eben dies unzugänglich; ich frage: ist das etwa die Frucht einer Sünde? Und wenn es ebenso irgendjemandem unter allen unzugänglich wäre –'
Wort für Wort
durlabhaṃ mama tac cāpi pṛcche pāpaphalaṃ nu kim
mir ist eben dies unzugänglich; ich frage, ist das die Frucht einer Sünde?
durlabhaṃ ca tathā cet syāt sarveṣāṃ yasya kasyacit
und wenn es ebenso irgendjemandem unter allen unzugänglich wäre
'– so wäre es nicht angemessen, dass es (sonst) leicht zugänglich ist; es gibt keinen größeren Sünder als mich. Wenn ich auch nur den bloßen Anblick der beiden erlangen sollte, o beste der Götter,'
Wort für Wort
nopapadyeta sulabhaṃ matto nānyo 'sti pāpakṛt
es wäre nicht angemessen, dass es leicht zugänglich ist; es gibt keinen größeren Sünder als mich
tayor darśanamātraṃ ca yadi prāpsye surottamāḥ
wenn ich den bloßen Anblick der beiden erlangen sollte, beste der Götter
manovākkāyakarmabhyaḥ phalaṃ prāptaṃ bhaviṣyati /
pitarau ye na paśyanti samutpannā na saṃsṛtau /
teṣāṃ mahāpātakānāṃ kaḥ saṃkhyāṃ kartum īśvaraḥ //
'– so würde die Frucht meiner Taten in Gedanken, Wort und Werk erlangt sein. Diejenigen, die ihre im Daseinskreislauf erzeugten Eltern nicht sehen – wer wäre imstande, deren große Sünden zu zählen?'
Wort für Wort
manovākkāyakarmabhyaḥ phalaṃ prāptaṃ bhaviṣyati
so würde die Frucht der Taten in Gedanken, Wort und Werk erlangt sein
pitarau ye na paśyanti samutpannā na saṃsṛtau
die ihre im Daseinskreislauf erzeugten Eltern nicht sehen
tad ṛṣer vacanaṃ śrutvā mithaḥ saṃmantrya te surāḥ /
vimānavaram ārūḍhau pitarau daṃpatī śubhau //
Nachdem sie jenes Wort des Ṛṣi gehört und sich untereinander beraten hatten, brachten jene Götter die beiden Eltern, das glückverheißende Ehepaar, auf einem herrlichen Himmelswagen herbei,
Wort für Wort
tad ṛṣer vacanaṃ śrutvā mithaḥ saṃmantrya te surāḥ
jenes Wort des Ṛṣi gehört, sich untereinander beraten, jene Götter
vimānavaram ārūḍhau pitarau daṃpatī śubhau
auf einem herrlichen Himmelswagen, die Eltern, das glückverheißende Ehepaar
'Sieh, sieh!' sprachen die besten der Götter zu dem Sohn Dadhīcis, 'dort, auf einem herrlichen Himmelswagen, die beiden Himmlischen, mit goldenem Schmuck,'
Wort für Wort
paśya paśyeti taṃ prāhur dādhīcaṃ surasattamāḥ
'sieh, sieh' sprachen die besten der Götter zum Sohn Dadhīcis
vimānavaram ārūḍhau svargiṇau svarṇabhūṣaṇau
auf einem herrlichen Himmelswagen, die Himmlischen, mit goldenem Schmuck
tārayanty eva pitarāv anye putrāḥ kulodvahāḥ /
ahaṃ tu mātur udare kevalaṃ bhedakāraṇam /
evaṃbhūto 'pi tau mohāt paśyeyam atidurmatiḥ //
{Der Sohn sprach:} 'Andere Söhne, die Träger des Geschlechts, erretten wahrhaft ihre Eltern; ich aber war im Leib der Mutter nur Ursache ihrer Zerreißung – obwohl ich so beschaffen bin, möchte ich, von Verblendung befangen und höchst übelgesinnt, sie doch sehen.'
Wort für Wort
tārayanty eva pitarāv anye putrāḥ kulodvahāḥ
andere Söhne, Träger des Geschlechts, erretten wahrhaft ihre Eltern
ahaṃ tu mātur udare kevalaṃ bhedakāraṇam
ich aber war im Leib der Mutter nur Ursache ihrer Zerreißung
evaṃbhūto 'pi tau mohāt paśyeyam atidurmatiḥ
obwohl so beschaffen, möchte ich sie von Verblendung befangen doch sehen
'Glücklich zu preisen bist du, mein Sohn, in den Welten, dessen Ruhm bis zum Himmel gereicht hat; von dir wurde der Dreiäugige (Śiva) leibhaftig geschaut, und von dir wurden die Götter beruhigt; durch dich, den Sohn, werden die guten Welten niemals schwinden.'
Wort für Wort
dhanyas tvaṃ putra lokeṣu yasya kīrtir gatā divam
glücklich zu preisen bist du, mein Sohn, dessen Ruhm bis zum Himmel gereicht hat
sākṣātkṛtas tvayā tryakṣo devāś cāśvāsitās tvayā
von dir wurde der Dreiäugige leibhaftig geschaut, die Götter von dir beruhigt
tvayā putreṇa sallokā na kṣīyante kadācana
durch dich, den Sohn, schwinden die guten Welten niemals
āśiṣaṃ tu sute dattvā dadhīciḥ saha bhāryayā /
śaṃbhuṃ gaṅgāṃ surān natvā putraṃ vākyam athābravīt //
Nachdem Dadhīci zusammen mit seiner Gattin dem Sohn seinen Segen gegeben und Śaṃbhu, die Gaṅgā und die Götter verehrt hatte, sprach er darauf zu seinem Sohn:
Wort für Wort
āśiṣaṃ tu sute dattvā dadhīciḥ saha bhāryayā
nachdem Dadhīci zusammen mit seiner Gattin dem Sohn den Segen gegeben hatte
prāpya bhāryāṃ śive bhaktiṃ kuru gaṅgāṃ ca sevaya /
putrān utpādya vidhivad yajñān iṣṭvā sadakṣiṇān /
kṛtakṛtyas tato vatsa ākramasva ciraṃ divam //
{Dadhīci sprach:} 'Nimm dir eine Gattin, übe Hingabe zu Śiva und diene der Gaṅgā; nachdem du vorschriftsmäßig Söhne gezeugt und Opfer mit Priestergaben dargebracht hast, sollst du dann, dein Werk vollendet, mein Kind, für lange Zeit den Himmel besteigen.'
Wort für Wort
prāpya bhāryāṃ śive bhaktiṃ kuru gaṅgāṃ ca sevaya
nimm dir eine Gattin, übe Hingabe zu Śiva, diene der Gaṅgā
putrān utpādya vidhivad yajñān iṣṭvā sadakṣiṇān
vorschriftsmäßig Söhne gezeugt, Opfer mit Priestergaben dargebracht habend
kṛtakṛtyas tato vatsa ākramasva ciraṃ divam
dein Werk vollendet, mein Kind, besteige dann für lange Zeit den Himmel
māṃ dṛṣṭvā sā mahāraudrā viparītaṃ kariṣyati /
tām eva gatvā vibudhāḥ procus te śāntikāraṇam //
'Sähe sie mich, die überaus Furchtbare, würde sie das Gegenteil tun.' Da gingen die Götter zu ihr selbst und sprachen von einem Mittel zur Besänftigung.
Wort für Wort
māṃ dṛṣṭvā sā mahāraudrā viparītaṃ kariṣyati
sähe sie mich, die überaus Furchtbare, würde sie das Gegenteil tun
tām eva gatvā vibudhāḥ procus te śāntikāraṇam
zu ihr selbst gehend, sprachen die Götter von einem Besänftigungsmittel
analaṃ ca yathāprīti te ubhe nety avocatām /
sarveṣāṃ bhakṣaṇāyaiva sṛṣṭā cāhaṃ dvijanmanā //
Und wie es ihnen beliebte (versuchten sie, auch das Feuer zu besänftigen); die beiden (Kṛtyā und Feuer) aber sprachen: 'Nein! Zum Verzehr von allem bin ich vom zweifach Geborenen (Pippalāda) erschaffen worden.'
Wort für Wort
analaṃ ca yathāprīti te ubhe nety avocatām
und wie beliebt (versuchten sie es); die beiden aber sprachen: nein
sarveṣāṃ bhakṣaṇāyaiva sṛṣṭā cāhaṃ dvijanmanā
zum Verzehr von allem bin ich vom zweifach Geborenen erschaffen
sarvam asmanmukhe vidyād vaktavyaṃ nāvaśiṣyate /
mayā saṃmantrya te devāḥ punar ūcur ubhāv api //
'– man wisse, dass alles in unserem Mund (endet); nichts bleibt mehr zu sagen.' Nachdem sich die Götter mit mir beraten hatten, sprachen sie wiederum zu den beiden:
Wort für Wort
sarvam asmanmukhe vidyād vaktavyaṃ nāvaśiṣyate
man wisse, dass alles in unserem Mund (endet); nichts bleibt zu sagen
mayā saṃmantrya te devāḥ punar ūcur ubhāv api
nachdem sich die Götter mit mir beraten hatten, sprachen sie wiederum zu beiden
vaḍavā sā nadī jātā gaṅgayā saṃgatā mune /
tadbhavas tu mahān agnir ya āsīd atibhīṣaṇaḥ /
tam āhur amarā vahniṃ bhūtānām ādito viduḥ //
Jene Vaḍavā wurde zu einem Fluss, der sich mit der Gaṅgā vereinigte, o Muni; das gewaltige, überaus furchtbare Feuer aber, das aus ihr entstanden war, nennen die Unsterblichen 'Vahni' (Feuer) – als solches kennen es die Wesen von Anfang an.
Wort für Wort
vaḍavā sā nadī jātā gaṅgayā saṃgatā mune
jene Vaḍavā wurde zu einem Fluss, der sich mit der Gaṅgā vereinigte, Muni
tadbhavas tu mahān agnir ya āsīd atibhīṣaṇaḥ
das daraus entstandene gewaltige, überaus furchtbare Feuer
tam āhur amarā vahniṃ bhūtānām ādito viduḥ
nennen die Unsterblichen 'Vahni', kennen es die Wesen von Anfang an
[Anm.: Ätiologie des Flusses Vaḍavā und des kosmischen (submarinen) Feuers Vaḍavānala, das in den folgenden Versen in den Ozean geleitet wird.]
{Die Götter sprachen:} 'Die Wasser sind als die Ältesten zu erkennen, und du bist ebenso der Erste (unter den Elementen); mache dort den Ozean, den ältesten Herrn der Gewässer, zu deiner Speise; geh, wie wir es sagen, und genieße nach Belieben.'
Wort für Wort
āpo jyeṣṭhatamā jñeyās tathaiva prathamaṃ bhavān
die Wasser sind als die Ältesten zu erkennen, ebenso bist du der Erste
tatrāpy apāṃpatiṃ jyeṣṭhaṃ samudram aśanaṃ kuru
mache dort den Ozean, den ältesten Herrn der Gewässer, zu deiner Speise
yathaiva tu vayaṃ brūmo gaccha bhuṅkṣva yathāsukham
analas tv amarān āha āpas tatra kathaṃ tv aham /
vrajeyaṃ yadi māṃ tatra prāpayanty udakaṃ mahat //
Das Feuer aber sprach zu den Unsterblichen: 'Wie sollte ich dorthin zu den Wassern gehen, wenn mich dort die gewaltigen Wasser (auslöschen), sobald sie mich erreichen?'
Wort für Wort
analas tv amarān āha āpas tatra kathaṃ tv aham
das Feuer sprach zu den Unsterblichen: wie sollte ich zu den Wassern gehen
vrajeyaṃ yadi māṃ tatra prāpayanty udakaṃ mahat
wenn mich dort die gewaltigen Wasser erreichen (und auslöschen)
hiraṇyakalaśe sthāpya nayed yatra gatir mama /
tasya tad vacanaṃ śrutvā kanyām ūcuḥ sarasvatīm //
'– in einen goldenen Krug gesetzt dorthin bringen, wohin mein Weg führen soll.' Nachdem sie dieses sein Wort gehört hatten, sprachen sie zu der Jungfrau Sarasvatī:
Wort für Wort
hiraṇyakalaśe sthāpya nayed yatra gatir mama
in einen goldenen Krug gesetzt, dorthin bringen, wohin mein Weg führen soll
tasya tad vacanaṃ śrutvā kanyām ūcuḥ sarasvatīm
dieses sein Wort gehört, sprachen sie zur Jungfrau Sarasvatī
Sarasvatī sprach zu den Göttern: 'Ich allein bin nicht fähig, es zu tragen; verbunden mit vier (anderen Flüssen) will ich es rasch zur Wohnstatt Varuṇas bringen.'
Wort für Wort
sarasvatī surān āha naikā śaktā ca dhāraṇe
Sarasvatī sprach zu den Göttern: ich allein bin nicht fähig, es zu tragen
yuktā catasṛbhiḥ śīghraṃ vaheyaṃ varuṇālayam
mit vier verbunden, will ich es rasch zur Wohnstatt Varuṇas bringen
Die Asche, Knochen, Nägel oder Haare irgendeines Lebewesens, die an jener Pilgerstätte niedergelegt werden, (bewirken, dass es) solange Mond, Sonne und Sterne (bestehen im Himmel weilt) –
Wort für Wort
bhasmāsthinakharomāṇi prāṇino yasya kasyacit
Asche, Knochen, Nägel oder Haare irgendeines Lebewesens
tatra tīrthe saṃkrameran yāvac candrārkatārakam
an jener Pilgerstätte niedergelegt, solange Mond, Sonne und Sterne bestehen
– eine Wohnstatt im Himmel wird ihm zuteil, selbst wenn er Übles getan hat. Ebenso gibt es vom Cakreśvara-Tīrtha aus drei weitere Pilgerstätten, o Nārada. Darauf sprachen die gereinigten Scharen der Götter und die Kühe zu Śaṃbhu:
Wort für Wort
svarge vāso bhavet tasya api duṣkṛtakarmaṇaḥ
eine Wohnstatt im Himmel wird ihm zuteil, selbst dem Übeltäter
tathā cakreśvarāt tīrthāt trīṇi tīrthāni nārada
ebenso gibt es vom Cakreśvara-Tīrtha aus drei Pilgerstätten, Nārada
tataḥ pūtāḥ suragaṇā gāvaḥ śaṃbhum athābruvan
darauf sprachen die gereinigten Götterscharen und Kühe zu Śaṃbhu
{Die Götter und Kühe sprachen:} 'Wir gehen nun ein jeder an seinen eigenen Wohnsitz; hier ist die Sonne fest eingesetzt; wenn diese Sonne bleibt, sind alle Götter darin fest gegründet.'
divākaro devamayas tatrāsmābhiḥ pratiṣṭhitaḥ /
yatra gaṅgā jagaddhātrī yatra vai tryambakaḥ svayam /
suravāsaṃ pratiṣṭhānaṃ bhaved yatra ca tryambakam //
'Die aus den Göttern bestehende Sonne wurde dort von uns eingesetzt, wo die Gaṅgā, die Erhalterin der Welt, fließt, und wo der Dreiäugige (Śiva) selbst weilt – dort möge die Götterwohnstatt gegründet sein, wo auch der Dreiäugige ist.'
Wort für Wort
divākaro devamayas tatrāsmābhiḥ pratiṣṭhitaḥ
die aus den Göttern bestehende Sonne wurde von uns dort eingesetzt
yatra gaṅgā jagaddhātrī yatra vai tryambakaḥ svayam
wo die Gaṅgā, die Welterhalterin, wo der Dreiäugige selbst
suravāsaṃ pratiṣṭhānaṃ bhaved yatra ca tryambakam
dort möge die Götterwohnstatt gegründet sein, wo der Dreiäugige ist
Nachdem sie von Pippalāda Abschied genommen hatten, gingen die Götter zu ihrer eigenen Wohnstatt; die Pippala-Bäume gingen im Laufe der Zeit darauf zum unvergänglichen Himmel.
Wort für Wort
āpṛcchya pippalādaṃ taṃ surāḥ svaṃ sadanaṃ yayuḥ
von Pippalāda Abschied genommen, gingen die Götter zu ihrer Wohnstatt
pippalāḥ kālaparyāye svargaṃ jagmur athākṣayam
die Pippala-Bäume gingen im Lauf der Zeit zum unvergänglichen Himmel
dadhīcisūnur munir ugratejā BrP_110.225a
avāpya bhāryāṃ gautamasyātmajāṃ ca BrP_110.225b
putrān athāvāpya śriyaṃ yaśaś ca BrP_110.225c
suhṛjjanaiḥ svargam avāpa dhīraḥ BrP_110.225d
Der Sohn Dadhīcis, der Muni von gewaltigem Glanz, nahm sich die Tochter des Gautama zur Gattin; nachdem er Söhne, Wohlstand und Ruhm erlangt hatte, gelangte der Standhafte zusammen mit seinen Freunden in den Himmel.
Wort für Wort
dadhīcisūnur munir ugratejā
der Sohn Dadhīcis, der Muni von gewaltigem Glanz
avāpya bhāryāṃ gautamasyātmajāṃ ca
nahm sich die Tochter des Gautama zur Gattin
putrān athāvāpya śriyaṃ yaśaś ca
nachdem er Söhne, Wohlstand und Ruhm erlangt hatte
suhṛjjanaiḥ svargam avāpa dhīraḥ
gelangte der Standhafte mit seinen Freunden in den Himmel
[?: Bezug von 'gautamasya' (des Gautama) unklar – möglicherweise bloßer Namensgleichklang mit dem Gautama aus Kap. 107, nicht notwendig dieselbe Figur.]
Von da an wird jene Pilgerstätte 'Pippaleśvara' genannt; sie trägt die Frucht aller Opfer, ist verdienstvoll, vernichtet allein durch Erinnerung die Sünde.
Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ pippaleśvaram ucyate
von da an wird jene Pilgerstätte 'Pippaleśvara' genannt
sarvakratuphalaṃ puṇyaṃ smaraṇād aghanāśanam
trägt die Frucht aller Opfer, vernichtet allein durch Erinnerung die Sünde
Wieviel mehr erst durch Baden und Spenden, und durch den Anblick der Sonne! 'Cakreśvara' und 'Pippaleśa' sind die (beiden) Namen des Gottes der Götter dort.
Wort für Wort
kiṃ punaḥ snānadānābhyām ādityasya tu darśanāt
wieviel mehr durch Baden, Spenden und den Anblick der Sonne
cakreśvaraḥ pippaleśo devadevasya nāmanī
'Cakreśvara' und 'Pippaleśa' sind die Namen des Gottes der Götter
sarahasyaṃ viditvā tu sarvakāmān avāpnuyāt /
sūryasya ca pratiṣṭhānāt suravāse pratiṣṭhite /
pratiṣṭhānaṃ tu tat kṣetraṃ surāṇām api vallabham //
Wer das Geheimnis kennt, erlangt alle Wünsche; durch die Einsetzung der Sonne, als die Götterwohnstatt gegründet wurde, ist jene heilige Stätte 'Pratiṣṭhāna' auch den Göttern lieb.
Wort für Wort
sarahasyaṃ viditvā tu sarvakāmān avāpnuyāt
wer das Geheimnis kennt, erlangt alle Wünsche
sūryasya ca pratiṣṭhānāt suravāse pratiṣṭhite
durch die Einsetzung der Sonne, als die Götterwohnstatt gegründet wurde
pratiṣṭhānaṃ tu tat kṣetraṃ surāṇām api vallabham
ist jene Stätte 'Pratiṣṭhāna' auch den Göttern lieb
So ist dies eine überaus verdienstvolle Erzählung; wer sie liest, hört oder sich ihrer erinnert, wird langlebig, reich und rechtschaffen sein und gelangt, sich am Ende (des Lebens) erinnernd, für immer zu Śaṃbhu.
Wort für Wort
itīdam ākhyānam atīva puṇyaṃ
so ist dies eine überaus verdienstvolle Erzählung
paṭheta vā yaḥ śṛṇuyāt smared vā
wer sie liest, hört oder sich ihrer erinnert
sa dīrghajīvī dhanavān dharmayuktaś
wird langlebig, reich und rechtschaffen sein
cānte smarañ śaṃbhum upaiti nityam
und gelangt, sich am Ende erinnernd, für immer zu Śaṃbhu