Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 130: āpastambatīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Āpastamba-Tīrtha (Agastya, die Wesenseinheit von Brahmā, Viṣṇu und Śiva, und der Hymnus des Āpastamba)

Der Weise Āpastamba fragt Agastya, welcher der drei Götter (Brahmā, Viṣṇu, Śiva) der Verehrungswürdigste, Ewige und Unendliche sei. Agastya lehrt die Wesenseinheit der drei Götter (eine Gestalt in dreifacher Erscheinung, je nach Funktion von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung), wobei der, der einen echten Unterschied zwischen ihnen behauptet (liṅgabhedin), unsühnbar fehlgeht; über den gestalthaften Formen steht das eine Gestaltlose. Da Āpastamba noch nicht befriedigt ist, rät Agastya ihm dennoch, sich mit Hingabe an Śiva - die Ursache der Weltentfaltung - an der Gautamī im Daṇḍaka-Wald zu wenden. Dort badet Āpastamba und besingt Śiva mit einem neunversigen Hymnus (V.23-31, u.a. mit den Bildern von Feuer im Holz, Duft in der Blüte, Gold im Gestein). Śiva erscheint zufrieden und gewährt: alle, die dort baden und den Herrn der Welten erblicken, erlangen alle Wünsche. Ursprung des Āpastamba-Tīrtha, das die Finsternis der Unwissenheit mit der Wurzel ausreißt.

āpastambam iti khyātaṃ tīrthaṃ trailokyaviśrutam / smaraṇād apy aśeṣāgha-saṃghavidhvaṃsanakṣamam //

Bekannt als [das Tīrtha] Āpastamba, ein in den drei Welten berühmtes Tīrtha, imstande, allein durch Erinnerung die gesamte Menge der Sünden zu vernichten.

Wort für Wort
āpastambam iti khyātaṃ tīrthaṃ trailokyaviśrutam
Bekannt als das Tīrtha Āpastamba, ein in den drei Welten berühmtes Tīrtha
smaraṇād apy aśeṣāgha-saṃghavidhvaṃsanakṣamam
imstande, allein durch Erinnerung die gesamte Menge der Sünden zu vernichten

āpastambo mahāprājño munir āsīn mahāyaśāḥ / tasya bhāryākṣasūtreti patidharmaparāyaṇā //

Es gab einen hochweisen, hochberühmten Weisen namens Āpastamba; seine Gattin, Akṣasūtrā genannt, war ganz der Pflicht der Gattin hingegeben.

Wort für Wort
āpastambo mahāprājño munir āsīn mahāyaśāḥ
Es gab einen hochweisen, hochberühmten Weisen namens Āpastamba
tasya bhāryākṣasūtreti patidharmaparāyaṇā
seine Gattin, Akṣasūtrā genannt, war ganz der Pflicht der Gattin hingegeben

tasya putro mahāprājñaḥ karkināmātha tattvavit / tasyāśramam anuprāpto hy agastyo munisattamaḥ //

Sein Sohn, hochweise und die Wahrheit kennend, hieß Karkin; zu dessen Einsiedelei kam der beste der Weisen, Agastya.

Wort für Wort
tasya putro mahāprājñaḥ karkināmātha tattvavit
Sein Sohn, hochweise und die Wahrheit kennend, hieß Karkin
tasyāśramam anuprāpto hy agastyo munisattamaḥ
zu dessen Einsiedelei kam der beste der Weisen, Agastya

tam agastyaṃ pūjayitvā āpastambo munīśvaraḥ / śiṣyair anugato dhīmāṃs taṃ praṣṭum upacakrame //

Nachdem er jenen Agastya verehrt hatte, begann der weise Fürst der Weisen, Āpastamba, von Schülern begleitet, ihn zu befragen.

Wort für Wort
tam agastyaṃ pūjayitvā āpastambo munīśvaraḥ
Nachdem er jenen Agastya verehrt hatte, der weise Fürst der Weisen, Āpastamba
śiṣyair anugato dhīmāṃs taṃ praṣṭum upacakrame
von Schülern begleitet, begann er, ihn zu befragen

{āpastamba uvāca:} trayāṇāṃ ko nu pūjyaḥ syād devānāṃ munisattama / bhuktir muktiś ca kasmād vā syād anādiś ca ko bhavet //

Āpastamba sprach: Wer von den drei Göttern, bester der Weisen, ist wohl der Verehrungswürdigste? Wovon kommen Genuss und Befreiung, und wer ist der Anfanglose?

Wort für Wort
{āpastamba uvāca:} trayāṇāṃ ko nu pūjyaḥ syād devānāṃ munisattama
Āpastamba sprach: Wer von den drei Göttern, bester der Weisen, ist wohl der Verehrungswürdigste?
bhuktir muktiś ca kasmād vā syād anādiś ca ko bhavet
Wovon kommen Genuss und Befreiung, und wer ist der Anfanglose?

anantaś cāpi ko vipra devānām api daivatam / yajñaiḥ ka ijyate devaḥ ko vedeṣv anugīyate / etaṃ me saṃśayaṃ chettuṃ vadāgastya mahāmune //

Wer, o Brahmane, ist der Unendliche, die Gottheit selbst der Götter? Welcher Gott wird mit Opfern verehrt, welcher in den Veden besungen? Zerschneide mir diesen Zweifel, sprich, o großer Weiser Agastya!

Wort für Wort
anantaś cāpi ko vipra devānām api daivatam
Wer, o Brahmane, ist der Unendliche, die Gottheit selbst der Götter?
yajñaiḥ ka ijyate devaḥ ko vedeṣv anugīyate
Welcher Gott wird mit Opfern verehrt, welcher in den Veden besungen?
etaṃ me saṃśayaṃ chettuṃ vadāgastya mahāmune
Zerschneide mir diesen Zweifel, sprich, o großer Weiser Agastya!

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{agastya uvāca:} dharmārthakāmamokṣāṇāṃ pramāṇaṃ śabda ucyate / tatrāpi vaidikaḥ śabdaḥ pramāṇaṃ paramaṃ mataḥ //

Agastya sprach: Für Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa gilt das [heilige] Wort als Beweismittel; darunter gilt das vedische Wort als das höchste Beweismittel.

Wort für Wort
{agastya uvāca:} dharmārthakāmamokṣāṇāṃ pramāṇaṃ śabda ucyate
Agastya sprach: Für Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa gilt das heilige Wort als Beweismittel
tatrāpi vaidikaḥ śabdaḥ pramāṇaṃ paramaṃ mataḥ
darunter gilt das vedische Wort als das höchste Beweismittel

vedena gīyate yas tu puruṣaḥ sa parāt paraḥ / mṛto 'paraḥ sa vijñeyo hy amṛtaḥ para ucyate //

Der Puruṣa, der vom Veda besungen wird, ist der Höchste über dem Höchsten; man erkenne: der Sterbliche ist der Niedere, der Unsterbliche wird als der Höhere bezeichnet.

Wort für Wort
vedena gīyate yas tu puruṣaḥ sa parāt paraḥ
Der Puruṣa, der vom Veda besungen wird, ist der Höchste über dem Höchsten
mṛto 'paraḥ sa vijñeyo hy amṛtaḥ para ucyate
man erkenne: der Sterbliche ist der Niedere, der Unsterbliche wird als der Höhere bezeichnet

yo 'mūrtaḥ sa paro jñeyo hy aparo mūrta ucyate / guṇābhivyāptibhedena mūrto 'sau trividho bhavet //

Wer gestaltlos ist, gilt als der Höhere; der Niedere wird als gestalthaft bezeichnet. Durch die Verschiedenheit der Durchdringung mit Eigenschaften wird dieser Gestalthafte dreifach.

Wort für Wort
yo 'mūrtaḥ sa paro jñeyo hy aparo mūrta ucyate
Wer gestaltlos ist, gilt als der Höhere; der Niedere wird als gestalthaft bezeichnet
guṇābhivyāptibhedena mūrto 'sau trividho bhavet
durch die Verschiedenheit der Durchdringung mit Eigenschaften wird dieser Gestalthafte dreifach

brahmā viṣṇuḥ śivaś ceti eka eva tridhocyate / trayāṇām api devānāṃ vedyam ekaṃ paraṃ hi tat //

Brahmā, Viṣṇu und Śiva - der Eine wird dreifach genannt; auch für diese drei Götter ist das eine Höchste allein das zu Erkennende.

Wort für Wort
brahmā viṣṇuḥ śivaś ceti eka eva tridhocyate
Brahmā, Viṣṇu und Śiva - der Eine wird dreifach genannt
trayāṇām api devānāṃ vedyam ekaṃ paraṃ hi tat
auch für diese drei Götter ist das eine Höchste allein das zu Erkennende

ekasya bahudhā vyāptir guṇakarmavibhedataḥ / lokānām upakārārtham ākṛtitritayaṃ bhavet //

Die vielfache Durchdringung des Einen erfolgt durch die Verschiedenheit von Eigenschaft und Handlung; zum Nutzen der Welten entsteht die Dreiheit der Gestalten.

Wort für Wort
ekasya bahudhā vyāptir guṇakarmavibhedataḥ
Die vielfache Durchdringung des Einen erfolgt durch die Verschiedenheit von Eigenschaft und Handlung
lokānām upakārārtham ākṛtitritayaṃ bhavet
zum Nutzen der Welten entsteht die Dreiheit der Gestalten

yas tattvaṃ vetti paramaṃ sa ca vidvān na cetaraḥ / tatra yo bhedam ācaṣṭe liṅgabhedī sa ucyate //

Wer das höchste Prinzip [so] kennt, ist der Wissende, kein anderer; wer dabei einen Unterschied behauptet, wird als 'Spalter des [göttlichen] Zeichens' (liṅgabhedin) bezeichnet.

Wort für Wort
yas tattvaṃ vetti paramaṃ sa ca vidvān na cetaraḥ
Wer das höchste Prinzip so kennt, ist der Wissende, kein anderer
tatra yo bhedam ācaṣṭe liṅgabhedī sa ucyate
wer dabei einen Unterschied behauptet, wird als 'Spalter des göttlichen Zeichens' (liṅgabhedin) bezeichnet

prāyaścittaṃ na tasyāsti yaś caiṣāṃ vyāhared bhidam / trayāṇām api devānāṃ mūrtibhedaḥ pṛthak pṛthak //

Für den, der einen Unterschied zwischen diesen [Göttern] behauptet, gibt es keine Sühne; auch der Gestalt-Unterschied der drei Götter besteht [nur] je gesondert.

Wort für Wort
prāyaścittaṃ na tasyāsti yaś caiṣāṃ vyāhared bhidam
Für den, der einen Unterschied zwischen diesen Göttern behauptet, gibt es keine Sühne
trayāṇām api devānāṃ mūrtibhedaḥ pṛthak pṛthak
auch der Gestalt-Unterschied der drei Götter besteht nur je gesondert

[Anm.: Sinngemäß - trotz je eigener Erscheinungsform sind die drei Götter wesenseins; wer aus der Formverschiedenheit einen echten Unterschied macht, begeht eine unsühnbare Verfehlung.]

vedāḥ pramāṇaṃ sarvatra sākāreṣu pṛthak pṛthak / nirākāraṃ ca yat tv ekaṃ tat tebhyaḥ paramaṃ matam //

Die Veden sind überall Beweismittel, für die gestalthaften [Formen] je gesondert; das eine Gestaltlose aber gilt als das über sie Erhabene.

Wort für Wort
vedāḥ pramāṇaṃ sarvatra sākāreṣu pṛthak pṛthak
Die Veden sind überall Beweismittel, für die gestalthaften Formen je gesondert
nirākāraṃ ca yat tv ekaṃ tat tebhyaḥ paramaṃ matam
das eine Gestaltlose aber gilt als das über sie Erhabene

{āpastamba uvāca:} nānena nirṇayaḥ kaścin mayātra vidito bhavet / tatrāpy atra rahasyaṃ yat tad vimṛśyāśu kīrtyatām / niḥsaṃśayaṃ nirvikalpaṃ bhājanaṃ sarvasaṃpadām //

Āpastamba sprach: Durch dies ist mir keinerlei endgültige Entscheidung hierüber bekannt geworden; was auch immer hierbei das Geheimnis ist, das erwäge und verkünde alsbald - zweifelsfrei, unzweideutig, ein Gefäß aller Vollkommenheiten.

Wort für Wort
{āpastamba uvāca:} nānena nirṇayaḥ kaścin mayātra vidito bhavet
Āpastamba sprach: Durch dies ist mir keinerlei endgültige Entscheidung hierüber bekannt geworden
tatrāpy atra rahasyaṃ yat tad vimṛśyāśu kīrtyatām
was auch immer hierbei das Geheimnis ist, das erwäge und verkünde alsbald
niḥsaṃśayaṃ nirvikalpaṃ bhājanaṃ sarvasaṃpadām
zweifelsfrei, unzweideutig, ein Gefäß aller Vollkommenheiten

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{brahmovāca:} etad ākarṇya bhagavān agastyo vākyam abravīt //*

Brahmā sprach: Dies vernehmend, sprach der erhabene Agastya ein Wort.

Wort für Wort
{brahmovāca:} etad ākarṇya
Brahmā sprach: Dies vernehmend
bhagavān agastyo vākyam abravīt
sprach der erhabene Agastya ein Wort

[Anm.: Unvollständiger Halbvers im Original (nur eine Zeile, mit * markiert).]

{agastya uvāca:} yadyapy eṣāṃ na bhedo 'sti devānāṃ tu parasparam / tathāpi sarvasiddhiḥ syāc chivād eva sukhātmanaḥ //

Agastya sprach: Auch wenn zwischen diesen Göttern untereinander kein Unterschied besteht, so kommt doch aller Erfolg gerade von Śiva, dessen Wesen Glückseligkeit ist.

Wort für Wort
{agastya uvāca:} yadyapy eṣāṃ na bhedo 'sti devānāṃ tu parasparam
Agastya sprach: Auch wenn zwischen diesen Göttern untereinander kein Unterschied besteht
tathāpi sarvasiddhiḥ syāc chivād eva sukhātmanaḥ
so kommt doch aller Erfolg gerade von Śiva, dessen Wesen Glückseligkeit ist

prapañcasya nimittaṃ yat taj jyotiś ca paraṃ śivaḥ / tam eva sādhaya haraṃ bhaktyā paramayā mune / gautamyāṃ sakalāghaugha-saṃhartā daṇḍake vane //

Was die Ursache der Weltentfaltung ist, jenes höchste Licht ist Śiva; gerade ihn, Hara, gewinne mit höchster Hingabe, o Weiser, an der Gautamī im Daṇḍaka-Wald, den Vernichter der gesamten Sündenflut.

Wort für Wort
prapañcasya nimittaṃ yat taj jyotiś ca paraṃ śivaḥ
Was die Ursache der Weltentfaltung ist, jenes höchste Licht ist Śiva
tam eva sādhaya haraṃ bhaktyā paramayā mune
gerade ihn, Hara, gewinne mit höchster Hingabe, o Weiser
gautamyāṃ sakalāghaugha-saṃhartā daṇḍake vane
an der Gautamī im Daṇḍaka-Wald, den Vernichter der gesamten Sündenflut

[Anm.: Dreizeiliger Vers im Original.]

{brahmovāca:} etac chrutvā muner vākyaṃ parāṃ prītim upāgataḥ / bhuktido muktidaḥ puṃsāṃ sākāro 'tha nirākṛtiḥ //

Brahmā sprach: Dies vernehmend, das Wort des Weisen, gelangte [Āpastamba] zu höchster Freude - [Śiva ist] der Genuss- und der Befreiungsgeber der Menschen, gestalthaft und zugleich gestaltlos.

Wort für Wort
{brahmovāca:} etac chrutvā muner vākyaṃ parāṃ prītim upāgataḥ
Brahmā sprach: Dies vernehmend, das Wort des Weisen, gelangte Āpastamba zu höchster Freude
bhuktido muktidaḥ puṃsāṃ sākāro 'tha nirākṛtiḥ
Śiva ist der Genuss- und der Befreiungsgeber der Menschen, gestalthaft und zugleich gestaltlos

sṛṣṭyākāras tataḥ śaktaḥ pālanākāra eva ca / dātā ca hanti sarvaṃ yo yasmād etat samāpyate //

Er ist fähig zur Gestalt der Schöpfung, ebenso zur Gestalt der Erhaltung; er ist der Geber, und er zerstört alles - von ihm wird dies [Universum] vollendet.

Wort für Wort
sṛṣṭyākāras tataḥ śaktaḥ pālanākāra eva ca
Er ist fähig zur Gestalt der Schöpfung, ebenso zur Gestalt der Erhaltung
dātā ca hanti sarvaṃ yo yasmād etat samāpyate
er ist der Geber, und er zerstört alles - von ihm wird dies Universum vollendet

{agastya uvāca:} brahmākṛtiḥ kartṛrūpā vaiṣṇavī pālanī tathā / rudrākṛtir nihantrī sā sarvavedeṣu paṭhyate //

Agastya sprach: Die Brahmā-Gestalt ist die Form des Schöpfers, ebenso die Viṣṇu-Gestalt die des Erhalters; die Rudra-Gestalt ist die Vernichterin - dies wird in allen Veden verkündet.

Wort für Wort
{agastya uvāca:} brahmākṛtiḥ kartṛrūpā vaiṣṇavī pālanī tathā
Agastya sprach: Die Brahmā-Gestalt ist die Form des Schöpfers, ebenso die Viṣṇu-Gestalt die des Erhalters
rudrākṛtir nihantrī sā sarvavedeṣu paṭhyate
die Rudra-Gestalt ist die Vernichterin - dies wird in allen Veden verkündet

{brahmovāca:} āpastambas tadā gaṅgāṃ gatvā snātvā yatavrataḥ / tuṣṭāva śaṃkaraṃ devaṃ stotreṇānena nārada //

Brahmā sprach: Āpastamba, damals zur Gaṅgā gegangen, badete dort mit gezügeltem Gelübde und pries den Gott Śaṃkara mit diesem Hymnus, o Nārada.

Wort für Wort
{brahmovāca:} āpastambas tadā gaṅgāṃ gatvā snātvā yatavrataḥ
Brahmā sprach: Āpastamba, damals zur Gaṅgā gegangen, badete dort mit gezügeltem Gelübde
tuṣṭāva śaṃkaraṃ devaṃ stotreṇānena nārada
und pries den Gott Śaṃkara mit diesem Hymnus, o Nārada

[Anm.: 'gaṅgā' hier wohl als ehrende Bezeichnung für die Gautamī (Godāvarī) verwendet, den Schauplatz der Erzählung.]

{āpastamba uvāca:} kāṣṭheṣu vahniḥ kusumeṣu gandho / bījeṣu vṛkṣādi dṛṣatsu hema / bhūteṣu sarveṣu tathāsti yo vai / taṃ somanāthaṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Āpastamba sprach: Wie das Feuer im Holz, der Duft in den Blüten, [die Keimkraft] in den Samen, [das Werden] im Baum usw., das Gold im Gestein - so ist er, der ebenso in allen Wesen ist: zu diesem Somanātha nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
kāṣṭheṣu vahniḥ kusumeṣu gandho
Wie das Feuer im Holz, der Duft in den Blüten
bījeṣu vṛkṣādi dṛṣatsu hema
die Keimkraft in den Samen, das Werden im Baum usw., das Gold im Gestein
bhūteṣu sarveṣu tathāsti yo vai
so ist er, der ebenso in allen Wesen ist
taṃ somanāthaṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Somanātha nehme ich meine Zuflucht

[Anm.: Ab hier V.23-31 Hymnenmetrum, padaweise gezählt (a-d); der Kehrvers wechselt zwischen 'somanātha' und 'someśvara' als Anrede Śivas.]

yo līlayā viśvam idaṃ cakāra / dhātā vidhātā bhuvanatrayasya / yo viśvarūpaḥ sadasatparo yaḥ / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Der spielend dieses Universum erschuf, der Schöpfer und Ordner der drei Welten, der die Gestalt des Alls hat, jenseits von Sein und Nichtsein - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
yo līlayā viśvam idaṃ cakāra
Der spielend dieses Universum erschuf
dhātā vidhātā bhuvanatrayasya
der Schöpfer und Ordner der drei Welten
yo viśvarūpaḥ sadasatparo yaḥ
der die Gestalt des Alls hat, jenseits von Sein und Nichtsein
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

yaṃ smṛtya dāridryamahābhiśāpa / rogādibhir na spṛśyate śarīrī / yam āśritāś cepsitam āpnuvanti / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Ihn erinnernd wird der Verkörperte nicht vom großen Fluch der Armut, von Krankheit und dergleichen berührt; wer sich ihm anvertraut, erlangt das Erwünschte - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
yaṃ smṛtya dāridryamahābhiśāpa
Ihn erinnernd, vom großen Fluch der Armut
rogādibhir na spṛśyate śarīrī
und von Krankheit und dergleichen wird der Verkörperte nicht berührt
yam āśritāś cepsitam āpnuvanti
wer sich ihm anvertraut, erlangt das Erwünschte
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

yena trayīdharmam avekṣya pūrvaṃ / brahmādayas tatra samīhitāś ca / evaṃ dvidhā yena kṛtaṃ śarīraṃ / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Durch den, im Hinblick auf den dreifachen [vedischen] Dharma zuvor, Brahmā und die anderen [Götter] sich dort bemühten; durch den ebenso der Körper zweigeteilt gemacht wurde - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
yena trayīdharmam avekṣya pūrvaṃ
durch den, im Hinblick auf den dreifachen vedischen Dharma zuvor
brahmādayas tatra samīhitāś ca
Brahmā und die anderen Götter sich dort bemühten
evaṃ dvidhā yena kṛtaṃ śarīraṃ
durch den ebenso der Körper zweigeteilt gemacht wurde
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

[Anm.: 'dvidhā kṛtaṃ śarīraṃ' vermutlich Anspielung auf die halb männlich-halb weibliche Ardhanārīśvara-Gestalt Śivas.]

yasmai namo gacchati mantrapūtaṃ / hutaṃ havir yā ca kṛtā ca pūjā / dattaṃ havir yena surā bhajante / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Dem die durch Mantra geheiligte Verehrung gilt, dem die Opfergabe dargebracht und die Verehrung erwiesen wird, durch den die Götter die dargebrachte Opfergabe genießen - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
yasmai namo gacchati mantrapūtaṃ
Dem die durch Mantra geheiligte Verehrung gilt
hutaṃ havir yā ca kṛtā ca pūjā
dem die Opfergabe dargebracht und die Verehrung erwiesen wird
dattaṃ havir yena surā bhajante
durch den die Götter die dargebrachte Opfergabe genießen
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

yasmāt paraṃ nānyad asti praśastaṃ / yasmāt paraṃ naiva susūkṣmam anyat / yasmāt paraṃ no mahatāṃ mahac ca / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Über den hinaus gibt es nichts anderes Preiswürdigeres, über den hinaus gibt es nichts anderes noch Feineres, über den hinaus gibt es nichts Größeres unter dem Großen - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
yasmāt paraṃ nānyad asti praśastaṃ
Über den hinaus gibt es nichts anderes Preiswürdigeres
yasmāt paraṃ naiva susūkṣmam anyat
über den hinaus gibt es nichts anderes noch Feineres
yasmāt paraṃ no mahatāṃ mahac ca
über den hinaus gibt es nichts Größeres unter dem Großen
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

yasyājñayā viśvam idaṃ vicitram / acintyarūpaṃ vividhaṃ mahac ca / ekakriyaṃ yadvad anuprayāti / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Auf dessen Befehl hin dieses vielfältige Universum, von unvorstellbarer Gestalt, mannigfaltig und groß, wie durch ein einziges Wirken abläuft - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
yasyājñayā viśvam idaṃ vicitram
Auf dessen Befehl hin dieses vielfältige Universum
acintyarūpaṃ vividhaṃ mahac ca
von unvorstellbarer Gestalt, mannigfaltig und groß
ekakriyaṃ yadvad anuprayāti
wie durch ein einziges Wirken abläuft
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

[Anm.: 'ekakriyaṃ yadvad anuprayāti' sinngemäß wiedergegeben - gemeint ist wohl die Einheitlichkeit des kosmischen Wirkens trotz der Vielfalt der Erscheinungen.]

yasmin vibhūtiḥ sakalādhipatyaṃ / kartṛtvadātṛtvamahattvam eva / prītir yaśaḥ saukhyam anādidharmaḥ / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

In dem Herrlichkeit, Herrschaft über alles, Schöpfertum, Geberschaft und Größe [ruhen], ebenso Liebe, Ruhm, Glück und der anfanglose Dharma - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
yasmin vibhūtiḥ sakalādhipatyaṃ
In dem Herrlichkeit und Herrschaft über alles ruhen
kartṛtvadātṛtvamahattvam eva
ebenso Schöpfertum, Geberschaft und Größe
prītir yaśaḥ saukhyam anādidharmaḥ
Liebe, Ruhm, Glück und der anfanglose Dharma
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

nityaṃ śaraṇyaḥ sakalasya pūjyo / nityaṃ priyo yaḥ śaraṇāgatasya / nityaṃ śivo yaḥ sakalasya rūpaṃ / someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi //

Der ewig Zuflucht Gewährende, von allen Verehrte, der ewig dem, der Zuflucht gesucht hat, [Liebe erweist], der ewig heilvoll ist, der die Gestalt von allem ist - zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht.

Wort für Wort
nityaṃ śaraṇyaḥ sakalasya pūjyo
Der ewig Zuflucht Gewährende, von allen Verehrte
nityaṃ priyo yaḥ śaraṇāgatasya
der ewig dem, der Zuflucht gesucht hat, lieb ist
nityaṃ śivo yaḥ sakalasya rūpaṃ
der ewig heilvoll ist, der die Gestalt von allem ist
someśvaraṃ taṃ śaraṇaṃ vrajāmi
zu diesem Someśvara nehme ich meine Zuflucht

{brahmovāca:} tataḥ prasanno bhagavān āha nārada taṃ munim / ātmārthaṃ ca parārthaṃ ca āpastambo 'bravīc chivam //

Brahmā sprach: Darauf sprach der erhabene [Śiva], zufrieden, o Nārada, zu jenem Weisen; für sich selbst und für andere hatte Āpastamba zu Śiva gesprochen.

Wort für Wort
{brahmovāca:} tataḥ prasanno bhagavān āha nārada taṃ munim
Brahmā sprach: Darauf sprach der erhabene Śiva, zufrieden, o Nārada, zu jenem Weisen
ātmārthaṃ ca parārthaṃ ca āpastambo 'bravīc chivam
für sich selbst und für andere hatte Āpastamba zu Śiva gesprochen

sarvān kāmān āpnuyus te ye snātvā devam īśvaram / paśyeyur jagatām īśam astv ity āha śivo munim //

'Alle Wünsche mögen die erlangen, die, nachdem sie gebadet haben, den Gott, den Herrn, den Gebieter der Welten erblicken - so sei es', sprach Śiva zu dem Weisen.

Wort für Wort
sarvān kāmān āpnuyus te ye snātvā devam īśvaram
'Alle Wünsche mögen die erlangen, die, nachdem sie gebadet haben, den Gott, den Herrn'
paśyeyur jagatām īśam astv ity āha śivo munim
'den Gebieter der Welten erblicken - so sei es', sprach Śiva zu dem Weisen

tataḥ prabhṛti tat tīrtham āpastambam udāhṛtam / anādy avidyātimira-vrātanirmūlanakṣamam //

Von da an wird jenes Tīrtha als Āpastamba bezeichnet, fähig, die anfanglose Finsternis-Menge der Unwissenheit mit der Wurzel auszureißen.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrtham āpastambam udāhṛtam
Von da an wird jenes Tīrtha als Āpastamba bezeichnet
anādy avidyātimira-vrātanirmūlanakṣamam
fähig, die anfanglose Finsternis-Menge der Unwissenheit mit der Wurzel auszureißen

[Anm.: Schließt die Kapitelerzählung ab.]

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