Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 236: sāṃkhyayogavarṇanam Die Darlegung von Sāṃkhya und Yoga

{munaya ūcuḥ:} tava vaktrābdhisaṃbhūtam amṛtaṃ vāṅmayaṃ mune / pibatāṃ no dvijaśreṣṭha na tṛptir iha dṛśyate //

Die Weisen sprachen: Von deinem Mund-Ozean entsprungen ist der aus Worten bestehende Nektar, oh Weiser; obwohl wir ihn trinken, oh Bester der Zweifachgeborenen, zeigt sich hier keine Sättigung.

Wort für Wort
tava vaktra-abdhi-saṃbhūtam
aus deinem Mund-Ozean entsprungen
amṛtam vāṅmayam mune
der aus Worten bestehende Nektar, oh Weiser
pibatām naḥ
obwohl wir trinken
dvijaśreṣṭha
oh Bester der Zweifachgeborenen
na tṛptiḥ iha dṛśyate
keine Sättigung zeigt sich hier

tasmād yogaṃ mune brūhi vistareṇa vimuktidam / sāṃkhyaṃ ca dvipadāṃ śreṣṭha śrotum icchāmahe vayam //

Deshalb, oh Weiser, verkünde uns ausführlich den die Befreiung schenkenden Yoga, und auch das Sāṃkhya, oh Bester der Zweibeinigen — wir wünschen es zu hören.

Wort für Wort
tasmāt yogam mune brūhi
deshalb, oh Weiser, verkünde den Yoga
vistareṇa vimuktidam
ausführlich, den befreiungsschenkenden
sāṃkhyam ca
und das Sāṃkhya
dvipadām śreṣṭha
oh Bester der Zweibeinigen
śrotum icchāmahe vayam
wir wünschen zu hören

prajñāvāñ śrotriyo yajvā khyātaḥ prājño 'nasūyakaḥ / satyadharmamatir brahman kathaṃ brahmādhigacchati //

Wie erlangt ein Weiser, Schriftkundiger, Opfernder, Berühmter, Kluger, Neidloser, in Wahrheit und Dharma Gesinnter, oh Brahmane, das Brahman?

Wort für Wort
prajñāvān śrotriyaḥ yajvā
der Weise, Schriftkundige, Opfernde
khyātaḥ prājñaḥ anasūyakaḥ
der Berühmte, Kluge, Neidlose
satyadharmamatiḥ
in Wahrheit und Dharma gesinnt
brahman
oh Brahmane
katham brahma adhigacchati
wie erlangt er das Brahman

tapasā brahmacaryeṇa sarvatyāgena medhayā / sāṃkhye vā yadi vā yoga etat pṛṣṭo vadasva naḥ //

Durch Askese, durch Keuschheit, durch gänzlichen Verzicht, durch Weisheit, sei es im Sāṃkhya oder im Yoga — dies gefragt, sage es uns.

Wort für Wort
tapasā brahmacaryeṇa
durch Askese, durch Keuschheit
sarvatyāgena medhayā
durch gänzlichen Verzicht, durch Weisheit
sāṃkhye vā yadi vā yoge
sei es im Sāṃkhya oder im Yoga
etat pṛṣṭaḥ vadasva naḥ
dies gefragt, sage es uns

manasaś cendriyāṇāṃ ca yathaikāgryam avāpyate / yenopāyena puruṣas tat tvaṃ vyākhyātum arhasi //

Wodurch die Einspitzigkeit von Geist und Sinnen erlangt wird, durch welches Mittel der Mensch dies erreicht — das sollst du erklären.

Wort für Wort
manasaḥ ca indriyāṇām ca
von Geist und Sinnen
yathā ekāgryam avāpyate
wie die Einspitzigkeit erlangt wird
yena upāyena puruṣaḥ
durch welches Mittel der Mensch
tat tvam vyākhyātum arhasi
das sollst du erklären

{vyāsa uvāca:} nānyatra jñānatapasor nānyatrendriyanigrahāt / nānyatra sarvasaṃtyāgāt siddhiṃ vindati kaścana //

Vyāsa sprach: Nirgendwo anders als durch Erkenntnis und Askese, nirgendwo anders als durch Bezähmung der Sinne, nirgendwo anders als durch gänzlichen Verzicht findet irgendjemand die Vollendung.

Wort für Wort
na anyatra jñānatapasoḥ
nirgendwo anders als durch Erkenntnis und Askese
na anyatra indriyanigrahāt
nirgendwo anders als durch Sinnesbezähmung
na anyatra sarvasaṃtyāgāt
nirgendwo anders als durch gänzlichen Verzicht
siddhim vindati kaścana
findet irgendjemand die Vollendung

mahābhūtāni sarvāṇi pūrvasṛṣṭiḥ svayaṃbhuvaḥ / bhūyiṣṭhaṃ prāṇabhṛdgrāme niviṣṭāni śarīriṣu //

Alle groben Elemente, die frühere Schöpfung des Selbstentstandenen, sind größtenteils in der Gemeinschaft der Lebewesen, in den verkörperten Wesen, eingelagert.

Wort für Wort
mahābhūtāni sarvāṇi
alle groben Elemente
pūrvasṛṣṭiḥ svayaṃbhuvaḥ
die frühere Schöpfung des Selbstentstandenen
bhūyiṣṭham prāṇabhṛdgrāme
größtenteils in der Gemeinschaft der Lebewesen
niviṣṭāni śarīriṣu
eingelagert in den Körpern

bhūmer deho jalāt sneho jyotiṣaś cakṣuṣī smṛte / prāṇāpānāśrayo vāyuḥ koṣṭhākāśaṃ śarīriṇām //

Von der Erde stammt der Körper, vom Wasser die Feuchtigkeit, vom Feuer gelten die beiden Augen als hergeleitet, die Grundlage von Ein- und Ausatem ist der Wind, im Hohlraum der verkörperten Wesen ist der Raum.

Wort für Wort
bhūmeḥ dehaḥ
von der Erde der Körper
jalāt snehaḥ
vom Wasser die Feuchtigkeit
jyotiṣaḥ cakṣuṣī smṛte
vom Feuer gelten die Augen als hergeleitet
prāṇāpāna-āśrayaḥ vāyuḥ
die Grundlage von Ein- und Ausatem ist der Wind
koṣṭha-ākāśam śarīriṇām
der Raum im Hohlraum der verkörperten Wesen

krāntau viṣṇur bale śakraḥ koṣṭhe 'gnir bhoktum icchati / karṇayoḥ pradiśaḥ śrotre jihvāyāṃ vāk sarasvatī //

Im Schreiten ist Viṣṇu, in der Kraft Śakra, im Bauch will Agni als das Verdauungsfeuer essen, in den beiden Ohren sind die Himmelsrichtungen als das Gehör, auf der Zunge ist Sarasvatī als die Sprache.

Wort für Wort
krāntau viṣṇuḥ
im Schreiten Viṣṇu
bale śakraḥ
in der Kraft Śakra
koṣṭhe agniḥ bhoktum icchati
im Bauch will Agni essen
karṇayoḥ pradiśaḥ śrotre
in den Ohren die Himmelsrichtungen als Gehör
jihvāyām vāk sarasvatī
auf der Zunge die Sprache als Sarasvatī

karṇau tvak cakṣuṣī jihvā nāsikā caiva pañcamī / daśa tānīndriyoktāni dvārāṇy āhārasiddhaye //

Die beiden Ohren, die Haut, die beiden Augen, die Zunge und als fünfte die Nase — samt den fünf ihnen entsprechenden Sinnesobjekten werden diese zehn Indriyas genannt, die Tore zur Vollbringung der Sinneswahrnehmung.

Wort für Wort
karṇau tvak cakṣuṣī
die Ohren, die Haut, die Augen
jihvā nāsikā ca eva pañcamī
die Zunge und als fünfte die Nase
daśa tāni indriyoktāni
diese zehn werden Indriyas genannt
dvārāṇi āhārasiddhaye
die Tore zur Vollbringung der Sinneswahrnehmung

[Anm.] 'Daśa' ('zehn') bezieht sich, wie V.11 zeigt, auf die fünf genannten Sinnesorgane zusammen mit den fünf ihnen zugehörigen Sinnesobjekten (Klang, Berührung, Form, Geschmack, Geruch), die zusammen die 'zehn Tore' der Sinneswahrnehmung bilden.

śabdasparśau tathā rūpaṃ rasaṃ gandhaṃ ca pañcamam / indriyārthān pṛthag vidyād indriyebhyas tu nityadā //

Klang und Berührung, ebenso Form, Geschmack und als fünftes Geruch — diese Sinnesobjekte soll man stets als von den Sinnesorganen verschieden erkennen.

Wort für Wort
śabdasparśau
Klang und Berührung
tathā rūpam
ebenso Form
rasam gandham ca pañcamam
Geschmack und als fünftes Geruch
indriyārthān pṛthak vidyāt
man soll die Sinnesobjekte als verschieden erkennen
indriyebhyaḥ tu nityadā
von den Sinnesorganen stets

indriyāṇi mano yuṅkte avaśyān iva rājinaḥ / manaś cāpi sadā yuṅkte bhūtātmā hṛdayāśritaḥ //

Der Geist lenkt die Sinne wie ein Herrscher die ihm nicht gehorsamen Untertanen; und auch den Geist lenkt stets das im Herzen wohnende Elementar-Selbst (Bhūtātman).

Wort für Wort
indriyāṇi manaḥ yuṅkte
der Geist lenkt die Sinne
avaśyān iva rājinaḥ
wie ein Herrscher die nicht gehorsamen (Untertanen)
manaḥ ca api sadā yuṅkte
und auch den Geist lenkt stets
bhūtātmā hṛdayāśritaḥ
das im Herzen wohnende Bhūtātman

indriyāṇāṃ tathaivaiṣāṃ sarveṣām īśvaraṃ manaḥ / niyame ca visarge ca bhūtātmā manasas tathā //

Ebenso ist von all diesen Sinnen der Geist der Herrscher, und ebenso ist bei der Zügelung wie beim Loslassen das Bhūtātman der Herrscher des Geistes.

Wort für Wort
indriyāṇām sarveṣām
von all diesen Sinnen
īśvaram manaḥ
der Herrscher ist der Geist
niyame ca visarge ca
bei Zügelung und Loslassen
bhūtātmā manasaḥ tathā
ebenso das Bhūtātman des Geistes (Herrscher)

indriyāṇīndriyārthāś ca svabhāvaś cetanā manaḥ / prāṇāpānau ca jīvaś ca nityaṃ deheṣu dehinām //

Die Sinnesorgane und die Sinnesobjekte, die Eigennatur, das Bewusstsein, der Geist, Ein- und Ausatem und die Lebenskraft sind stets in den Körpern der Verkörperten.

Wort für Wort
indriyāṇi indriyārthāḥ ca
die Sinnesorgane und die Sinnesobjekte
svabhāvaḥ cetanā manaḥ
die Eigennatur, das Bewusstsein, der Geist
prāṇāpānau ca jīvaḥ ca
Ein- und Ausatem und die Lebenskraft
nityam deheṣu dehinām
stets in den Körpern der Verkörperten

āśrayo nāsti sattvasya guṇaśabdo na cetanāḥ / sattvaṃ hi tejaḥ sṛjati na guṇān vai kathaṃcana //

Für das reine Wesen (Sattva) gibt es keine körperliche Stütze — 'Guṇa' ist nur ein Wort, denn die Guṇas selbst sind nicht bewusst; das Sattva erzeugt nämlich nur Glanz, keineswegs erzeugt es die Guṇas.

Wort für Wort
āśrayaḥ na asti sattvasya
für das Sattva gibt es keine Stütze
guṇaśabdaḥ
'Guṇa' ist (nur) ein Wort
na cetanāḥ
(die Guṇas) sind nicht bewusst
sattvam hi tejaḥ sṛjati
das Sattva erzeugt nämlich Glanz
na guṇān vai kathaṃcana
keineswegs erzeugt es die Guṇas

[?] Philosophisch dichter, mehrdeutiger Vers; die genaue Beziehung von Sattva, Guṇa und Bewusstsein bleibt im Sanskrit-Text knapp und ist sinngemäß wiedergegeben.

evaṃ saptadaśaṃ dehaṃ vṛtaṃ ṣoḍaśabhir guṇaiḥ / manīṣī manasā viprāḥ paśyaty ātmānam ātmani //

So sieht der Weise, oh Brahmanen, mit dem Geist den aus siebzehn Bestandteilen bestehenden, von sechzehn Guṇas umhüllten Körper — das Selbst im Selbst.

Wort für Wort
evam saptadaśam deham
so den aus siebzehn bestehenden Körper
vṛtam ṣoḍaśabhiḥ guṇaiḥ
umhüllt von sechzehn Guṇas
manīṣī manasā viprāḥ
der Weise mit dem Geist, oh Brahmanen
paśyati ātmānam ātmani
sieht das Selbst im Selbst

[?] Die genaue Aufzählung der 'siebzehn' Körperbestandteile und 'sechzehn' Guṇas wird im Text nicht ausgeführt; die Zahlen werden hier wörtlich übernommen.

na hy ayaṃ cakṣuṣā dṛśyo na ca sarvair apīndriyaiḥ / manasā tu pradīptena mahān ātmā prakāśate //

Denn dieses Selbst ist nicht mit dem Auge sichtbar, auch nicht mit allen anderen Sinnen; nur durch den erleuchteten Geist erstrahlt das große Selbst.

Wort für Wort
na hi ayam cakṣuṣā dṛśyaḥ
denn dieses ist nicht mit dem Auge sichtbar
na ca sarvaiḥ api indriyaiḥ
auch nicht mit allen Sinnen
manasā tu pradīptena
durch den erleuchteten Geist aber
mahān ātmā prakāśate
erstrahlt das große Selbst

aśabdasparśarūpaṃ tac cārasāgandham avyayam / aśarīraṃ śarīre sve nirīkṣeta nirindriyam //

Ohne Klang, Berührung und Form, ohne Geschmack und Geruch, unvergänglich, körperlos im eigenen Körper, ohne Sinnesorgane — so soll man es betrachten.

Wort für Wort
aśabdasparśarūpam
ohne Klang, Berührung, Form
ca arasāgandham avyayam
und ohne Geschmack und Geruch, unvergänglich
aśarīram śarīre sve
körperlos im eigenen Körper
nirīkṣeta nirindriyam
man soll es betrachten, ohne Sinnesorgane

avyaktaṃ sarvadeheṣu martyeṣu paramārcitam / yo 'nupaśyati sa pretya kalpate brahmabhūyataḥ //

Wer das Unmanifeste, das in allen Körpern der Sterblichen weilt, das höchst Verehrungswürdige, in sich erschaut, der gelangt nach dem Tod zum Zustand des Brahman.

Wort für Wort
avyaktam sarvadeheṣu martyeṣu
das Unmanifeste in allen Körpern der Sterblichen
paramārcitam
das höchst Verehrungswürdige
yaḥ anupaśyati
wer erschaut
sa pretya kalpate brahmabhūyataḥ
der gelangt nach dem Tod zum Zustand des Brahman

vidyāvinayasaṃpanna-brāhmaṇe gavi hastini / śuni caiva śvapāke ca paṇḍitāḥ samadarśinaḥ //

Auf den mit Wissen und Bescheidenheit ausgestatteten Brahmanen, auf die Kuh, den Elefanten, den Hund und selbst den Hundekocher (Caṇḍāla) blicken die Weisen mit gleichem Blick.

Wort für Wort
vidyāvinayasaṃpanna-brāhmaṇe
auf den mit Wissen und Bescheidenheit ausgestatteten Brahmanen
gavi hastini
auf die Kuh, den Elefanten
śuni ca eva śvapāke ca
auf den Hund und selbst den Hundekocher
paṇḍitāḥ samadarśinaḥ
die Weisen blicken mit gleichem Blick

sa hi sarveṣu bhūteṣu jaṅgameṣu dhruveṣu ca / vasaty eko mahān ātmā yena sarvam idaṃ tatam //

Denn er, das eine große Selbst, wohnt in allen Wesen, den beweglichen und den unbeweglichen, durch das dieses Ganze durchzogen ist.

Wort für Wort
sa hi sarveṣu bhūteṣu
denn er in allen Wesen
jaṅgameṣu dhruveṣu ca
den beweglichen und unbeweglichen
vasati ekaḥ mahān ātmā
wohnt das eine große Selbst
yena sarvam idam tatam
durch das dieses Ganze durchzogen ist

sarvabhūteṣu cātmānaṃ sarvabhūtāni cātmani / yadā paśyati bhūtātmā brahma saṃpadyate tadā //

Wenn das Elementar-Selbst das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst erblickt, dann wird es zum Brahman.

Wort für Wort
sarvabhūteṣu ca ātmānam
das Selbst in allen Wesen
sarvabhūtāni ca ātmani
und alle Wesen im Selbst
yadā paśyati bhūtātmā
wenn das Bhūtātman erblickt
brahma saṃpadyate tadā
dann wird es zum Brahman

yāvān ātmani vedātmā tāvān ātmā parātmani / ya evaṃ satataṃ veda so 'mṛtatvāya kalpate //

Soviel das Selbst im eigenen Selbst erkennt, ebensoviel ist das Selbst im höchsten Selbst; wer dies stets so erkennt, der wird zur Unsterblichkeit fähig.

Wort für Wort
yāvān ātmani veda ātmā
soviel das Selbst im Selbst erkennt
tāvān ātmā parātmani
ebensoviel ist das Selbst im höchsten Selbst
yaḥ evam satatam veda
wer dies stets erkennt
saḥ amṛtatvāya kalpate
der wird zur Unsterblichkeit fähig

sarvabhūtātmabhūtasya sarvabhūtahitasya ca / devāpi mārge muhyanti apadasya padaiṣiṇaḥ //

Selbst die Götter, die den Pfad dessen suchen, der das Selbst aller Wesen geworden ist und das Wohl aller Wesen verkörpert und der doch spurlos ist, geraten auf diesem Pfad in Verwirrung.

Wort für Wort
sarvabhūtātmabhūtasya
dessen, der das Selbst aller Wesen geworden ist
sarvabhūtahitasya ca
und das Wohl aller Wesen (verkörpert)
devāḥ api mārge muhyanti
selbst die Götter geraten auf dem Pfad in Verwirrung
apadasya padaiṣiṇaḥ
die den Ort des Spurlosen suchen

śakuntānām ivākāśe matsyānām iva codake / yathā gatir na dṛśyeta tathā jñānavidāṃ gatiḥ //

Wie der Weg der Vögel am Himmel, wie der der Fische im Wasser nicht sichtbar ist, so ist auch der Weg der Wissenskundigen nicht sichtbar.

Wort für Wort
śakuntānām iva ākāśe
wie der der Vögel am Himmel
matsyānām iva ca udake
wie der der Fische im Wasser
yathā gatiḥ na dṛśyeta
wie der Weg nicht sichtbar ist
tathā jñānavidām gatiḥ
so der Weg der Wissenskundigen

kālaḥ pacati bhūtāni sarvāṇy evātmanātmani / yasmiṃs tu pacyate kālas tan na vedeha kaścana //

Die Zeit 'kocht' alle Wesen selbst durch sich selbst in sich selbst; doch worin die Zeit selbst 'gekocht' wird, das kennt hier niemand.

Wort für Wort
kālaḥ pacati bhūtāni
die Zeit kocht die Wesen
sarvāṇi eva ātmanā ātmani
alle selbst durch sich selbst in sich selbst
yasmin tu pacyate kālaḥ
worin aber die Zeit gekocht wird
tat na veda iha kaścana
das kennt hier niemand

na tad ūrdhvaṃ na tiryak ca nādho na ca punaḥ punaḥ / na madhye pratigṛhṇīte naiva kiṃcin na kaścana //

Das ist weder oben noch seitlich, noch unten, und auch nicht wiederholt vorhanden; in der Mitte erfasst es nichts, und nichts erfasst es, niemand.

Wort für Wort
na tat ūrdhvam
das ist nicht oben
na tiryak ca
und nicht seitlich
na adhaḥ
nicht unten
na ca punaḥ punaḥ
und nicht immer wieder
na madhye pratigṛhṇīte
in der Mitte erfasst es nichts
na eva kiṃcit na kaścana
und nichts (erfasst es), niemand

[?] Knapp und dunkel formulierter Vers; die genaue Konstruktion von 'pratigṛhṇīte' bleibt unsicher und ist sinngemäß übertragen.

sarve tatsthā ime lokā bāhyam eṣāṃ na kiṃcana / yady apy agre samāgacched yathā bāṇo guṇacyutaḥ //

Alle diese Welten beruhen in ihm, nichts ist außerhalb von ihnen; selbst wenn man ihm vorauseilen wollte, wie ein von der Sehne gelöster Pfeil fliegt —

Wort für Wort
sarve tatsthāḥ ime lokāḥ
alle diese Welten beruhen in ihm
bāhyam eṣām na kiṃcana
nichts ist außerhalb von ihnen
yadi api agre samāgacchet
selbst wenn man ihm vorauseilen wollte
yathā bāṇaḥ guṇacyutaḥ
wie ein von der Sehne gelöster Pfeil

[Anm.] Der Satz setzt sich in V.29 fort.

naivāntaṃ kāraṇasyeyād yady api syān manojavaḥ / tasmāt sūkṣmataraṃ nāsti nāsti sthūlataraṃ tathā //

— würde man dennoch das Ende der Ursache nicht erreichen, selbst wenn man die Schnelligkeit des Geistes hätte; deshalb gibt es nichts Feineres als es, und ebenso nichts Gröberes.

Wort für Wort
na eva antam kāraṇasya iyāt
man würde das Ende der Ursache nicht erreichen
yadi api syāt manojavaḥ
selbst wenn man Geistesschnelligkeit hätte
tasmāt sūkṣmataram na asti
deshalb gibt es nichts Feineres
na asti sthūlataram tathā
und ebenso nichts Gröberes

sarvataḥpāṇipādaṃ tat sarvatokṣiśiromukham / sarvataḥśrutimal loke sarvam āvṛtya tiṣṭhati //

Es hat überall Hände und Füße, überall Augen, Köpfe und Münder, überall Ohren in der Welt; alles umhüllend, weilt es.

Wort für Wort
sarvataḥ pāṇipādam tat
es hat überall Hände und Füße
sarvataḥ akṣi-śiro-mukham
überall Augen, Köpfe, Münder
sarvataḥ śrutimat loke
überall Ohren habend in der Welt
sarvam āvṛtya tiṣṭhati
alles umhüllend weilt es

tad evāṇor aṇutaraṃ tan mahadbhyo mahattaram / tad antaḥ sarvabhūtānāṃ dhruvaṃ tiṣṭhan na dṛśyate //

Es ist feiner als das Feinste, größer als das Größte; es weilt beständig im Innern aller Wesen, doch wird es nicht gesehen.

Wort für Wort
tat eva aṇoḥ aṇutaram
es ist feiner als das Feine
tat mahadbhyaḥ mahattaram
größer als das Große
tat antaḥ sarvabhūtānām
es im Innern aller Wesen
dhruvam tiṣṭhan na dṛśyate
beständig weilend, wird nicht gesehen

akṣaraṃ ca kṣaraṃ caiva dvedhā bhāvo 'yam ātmanaḥ / kṣaraḥ sarveṣu bhūteṣu divyaṃ tv amṛtam akṣaram //

Unvergänglich und vergänglich — zweifach ist dieses Sein des Selbst: das Vergängliche ist in allen Wesen, das Göttliche, Unsterbliche aber ist das Unvergängliche.

Wort für Wort
akṣaram ca kṣaram ca eva
das Unvergängliche und das Vergängliche
dvedhā bhāvaḥ ayam ātmanaḥ
zweifach ist dieses Sein des Selbst
kṣaraḥ sarveṣu bhūteṣu
das Vergängliche in allen Wesen
divyam tu amṛtam akṣaram
das Göttliche, Unsterbliche aber ist das Unvergängliche

navadvāraṃ puraṃ kṛtvā haṃso hi niyato vaśī / īdṛśaḥ sarvabhūtasya sthāvarasya carasya ca //

Nachdem er die Stadt mit den neun Toren (den Körper) errichtet hat, weilt darin der Haṃsa (die Seele), gezügelt und bezwungen — so ist es bei jedem Wesen, dem unbeweglichen wie dem beweglichen.

Wort für Wort
navadvāram puram kṛtvā
nachdem er die Stadt mit neun Toren errichtet hat
haṃsaḥ hi niyataḥ vaśī
der Haṃsa, gezügelt und bezwungen
īdṛśaḥ sarvabhūtasya
so ist es bei jedem Wesen
sthāvarasya carasya ca
dem unbeweglichen wie dem beweglichen

hānenābhivikalpānāṃ narāṇāṃ saṃcayena ca / śarīrāṇām ajasyāhur haṃsatvaṃ pāradarśinaḥ //

Durch das Schwinden und Anhäufen der Körper der Menschen, bedingt durch ihre falschen Vorstellungen, sprechen die Weitblickenden vom 'Haṃsa-Sein' des Ungeborenen.

Wort für Wort
hānena abhivikalpānām
durch das Schwinden der (durch) falsche Vorstellungen (bedingten)
narāṇām saṃcayena ca
und durch das Anhäufen der Menschen(-körper)
śarīrāṇām ajasya
der Körper, des Ungeborenen
āhuḥ haṃsatvam pāradarśinaḥ
die Weitblickenden sprechen vom Haṃsa-Sein

[?] Syntaktisch verdichteter Vers; die genaue Beziehung von 'abhivikalpānām' zu 'hāna' und 'saṃcaya' bleibt unsicher und ist sinngemäß wiedergegeben.

haṃsoktaṃ ca kṣaraṃ caiva kūṭasthaṃ yat tad akṣaram / tad vidvān akṣaraṃ prāpya jahāti prāṇajanmanī //

Das als Haṃsa Bezeichnete ist das Vergängliche, das aber, was unveränderlich feststeht, ist das Unvergängliche; nachdem der Wissende das Unvergängliche erlangt hat, gibt er Atem und Geburt auf.

Wort für Wort
haṃsoktam ca kṣaram ca eva
das als Haṃsa Bezeichnete ist das Vergängliche
kūṭastham yat tat akṣaram
was unveränderlich feststeht, ist das Unvergängliche
tat vidvān akṣaram prāpya
nachdem der Wissende das Unvergängliche erlangt hat
jahāti prāṇajanmanī
gibt er Atem und Geburt auf

[?] 'prāṇajanmanī' (Dual) wörtlich 'die beiden: Atem und Geburt' — sinngemäß als Aufgeben von Lebensatem und (weiterer) Geburt gedeutet.

{vyāsa uvāca:} bhavatāṃ pṛcchatāṃ viprā yathāvad iha tattvataḥ / sāṃkhyaṃ jñānena saṃyuktaṃ yad etat kīrtitaṃ mayā //

Vyāsa sprach: Auf eure Frage hin, oh Brahmanen, wurde von mir hier wahrheitsgemäß, der Wirklichkeit entsprechend, das mit Erkenntnis verbundene Sāṃkhya verkündet.

Wort für Wort
bhavatām pṛcchatām viprāḥ
auf eure Frage hin, oh Brahmanen
yathāvat iha tattvataḥ
hier wahrheitsgemäß, der Wirklichkeit entsprechend
sāṃkhyam jñānena saṃyuktam
das mit Erkenntnis verbundene Sāṃkhya
yat etat kīrtitam mayā
das wurde von mir verkündet

yogakṛtyaṃ tu bho viprāḥ kīrtayiṣyāmy ataḥ param / ekatvaṃ buddhimanasor indriyāṇāṃ ca sarvaśaḥ //

Das Wirken des Yoga aber, oh Brahmanen, werde ich nunmehr verkünden — die Einheit von Buddhi und Manas sowie sämtlicher Sinne.

Wort für Wort
yogakṛtyam tu bho viprāḥ
das Wirken des Yoga aber, oh Brahmanen
kīrtayiṣyāmi ataḥ param
werde ich nunmehr verkünden
ekatvam buddhimanasoḥ
die Einheit von Buddhi und Manas
indriyāṇām ca sarvaśaḥ
und sämtlicher Sinne

ātmano vyāpino jñānaṃ jñānam etad anuttamam / tad etad upaśāntena dāntenādhyātmaśīlinā //

Die Erkenntnis des alldurchdringenden Selbst — dies ist die höchste Erkenntnis; sie ist von dem Friedvollen, Gezügelten, in der Selbstbetrachtung Verweilenden,

Wort für Wort
ātmanaḥ vyāpinaḥ jñānam
die Erkenntnis des alldurchdringenden Selbst
jñānam etat anuttamam
diese Erkenntnis ist die höchste
tat etat upaśāntena
sie ist von dem Friedvollen
dāntena adhyātmaśīlinā
dem Gezügelten, in der Selbstbetrachtung Verweilenden

[Anm.] Der Satz setzt sich über V.38-39 fort.

ātmārāmeṇa buddhena boddhavyaṃ śucikarmaṇā / yogadoṣān samucchidya pañca yān kavayo viduḥ //

— der sich am Selbst Erfreuenden, dem Erwachten, dem mit reinem Handeln — von ihm ist sie zu erkennen, nachdem er die fünf Fehler des Yoga ausgerottet hat, die die Weisen kennen.

Wort für Wort
ātmārāmeṇa buddhena
von dem sich am Selbst Erfreuenden, dem Erwachten
boddhavyam śucikarmaṇā
von dem mit reinem Handeln ist sie zu erkennen
yogadoṣān samucchidya
nachdem er die Fehler des Yoga ausgerottet hat
pañca yān kavayaḥ viduḥ
die fünf, die die Weisen kennen

kāmaṃ krodhaṃ ca lobhaṃ ca bhayaṃ svapnaṃ ca pañcamam / krodhaṃ śamena jayati kāmaṃ saṃkalpavarjanāt //

Begierde, Zorn, Gier, Furcht und als fünftes den Schlaf — den Zorn besiegt man durch Gelassenheit, die Begierde durch das Aufgeben des begehrenden Vorsatzes,

Wort für Wort
kāmam krodham ca lobham ca
Begierde, Zorn und Gier
bhayam svapnam ca pañcamam
Furcht und als fünftes den Schlaf
krodham śamena jayati
den Zorn besiegt man durch Gelassenheit
kāmam saṃkalpavarjanāt
die Begierde durch Aufgeben des Vorsatzes

sattvasaṃsevanād dhīro nidrām ucchettum arhati / dhṛtyā śiśnodaraṃ rakṣet pāṇipādaṃ ca cakṣuṣā //

durch die Pflege des Sattva vermag der Standhafte den Schlaf zu vertreiben; durch Standhaftigkeit soll er die Zeugungsorgane und den Bauch bezähmen, Hände und Füße durch das Auge (Wachsamkeit),

Wort für Wort
sattvasaṃsevanāt dhīraḥ
durch die Pflege des Sattva der Standhafte
nidrām ucchettum arhati
vermag den Schlaf zu vertreiben
dhṛtyā śiśnodaram rakṣet
durch Standhaftigkeit soll er Zeugungsorgan und Bauch bezähmen
pāṇipādam ca cakṣuṣā
und Hände und Füße durch das Auge

cakṣuḥ śrotraṃ ca manasā mano vācaṃ ca karmaṇā / apramādād bhayaṃ jahyād dambhaṃ prājñopasevanāt //

das Auge und das Ohr durch den Geist, den Geist und die Sprache durch das Handeln; durch Wachsamkeit soll er die Furcht aufgeben, den Trug durch den Umgang mit den Weisen.

Wort für Wort
cakṣuḥ śrotram ca manasā
das Auge und das Ohr durch den Geist
manaḥ vācam ca karmaṇā
den Geist und die Sprache durch das Handeln
apramādāt bhayam jahyāt
durch Wachsamkeit soll er die Furcht aufgeben
dambham prājñopasevanāt
den Trug durch den Umgang mit den Weisen

evam etān yogadoṣāñ jayen nityam atandritaḥ / agnīṃś ca brāhmaṇāṃś cātha devatāḥ praṇamet sadā //

So soll er stets, unermüdlich, diese Fehler des Yoga besiegen, und stets die Feuer, die Brahmanen und die Gottheiten verehren.

Wort für Wort
evam etān yogadoṣān
so diese Fehler des Yoga
jayet nityam atandritaḥ
soll er stets unermüdlich besiegen
agnīn ca brāhmaṇān ca atha devatāḥ
und die Feuer, die Brahmanen und die Gottheiten
praṇamet sadā
soll er stets verehren

varjayed uddhatāṃ vācaṃ hiṃsāyuktāṃ manonugām / brahmatejomayaṃ śukraṃ yasya sarvam idaṃ jagat //

Er soll überhebliche, mit Gewalt verbundene, dem unbezähmten Geist folgende Rede meiden — er, dessen aus der Glut Brahmans bestehender Same diese ganze Welt (hervorbringt),

Wort für Wort
varjayet uddhatām vācam
er soll überhebliche Rede meiden
hiṃsāyuktām manonugām
mit Gewalt verbunden, dem Geist folgend
brahmatejomayam śukram
der aus der Glut Brahmans bestehende Same
yasya sarvam idam jagat
von dem diese ganze Welt (stammt)

[?] Der Zusammenhang zwischen der Ermahnung zur Rede (V.44a-b) und der kosmologischen Aussage über den 'aus Brahman-Glut bestehenden Samen' (V.44c-d) ist im Text knapp und setzt sich sinngemäß in V.45 fort.

etasya bhūtabhūtasya dṛṣṭaṃ sthāvarajaṅgamam / dhyānam adhyayanaṃ dānaṃ satyaṃ hrīr ārjavaṃ kṣamā //

— von diesem, der zum Sein aller Wesen wurde, wird das Unbewegliche und Bewegliche gesehen. Meditation, Studium, Freigebigkeit, Wahrheit, Scham, Aufrichtigkeit, Geduld,

Wort für Wort
etasya bhūtabhūtasya
von diesem, der zum Sein der Wesen wurde
dṛṣṭam sthāvarajaṅgamam
wird das Unbewegliche und Bewegliche gesehen
dhyānam adhyayanam dānam
Meditation, Studium, Freigebigkeit
satyam hrīḥ ārjavam kṣamā
Wahrheit, Scham, Aufrichtigkeit, Geduld

[Anm.] Die Tugend-Aufzählung setzt sich in V.46 fort.

śaucaṃ caivātmanaḥ śuddhir indriyāṇāṃ ca nigrahaḥ / etair vivardhate tejaḥ pāpmānaṃ cāpakarṣati //

Reinheit sowie die Läuterung des Selbst und die Bezähmung der Sinne — durch diese Tugenden wächst der Glanz, und er vertreibt die Sünde.

Wort für Wort
śaucam ca eva ātmanaḥ śuddhiḥ
Reinheit und die Läuterung des Selbst
indriyāṇām ca nigrahaḥ
und die Bezähmung der Sinne
etaiḥ vivardhate tejaḥ
durch diese wächst der Glanz
pāpmānam ca apakarṣati
und er vertreibt die Sünde

samaḥ sarveṣu bhūteṣu labhyālabhyena vartayan / dhūtapāpmā tu tejasvī laghvāhāro jitendriyaḥ //

Gleichmütig gegenüber allen Wesen, sich mit dem Erlangbaren und Nicht-Erlangbaren begnügend, von Sünde gereinigt, glanzvoll, mit leichter Nahrung, mit bezähmten Sinnen —

Wort für Wort
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
gleichmütig gegenüber allen Wesen
labhyālabhyena vartayan
sich mit Erlangbarem und Nicht-Erlangbarem begnügend
dhūtapāpmā tu tejasvī
von Sünde gereinigt, glanzvoll
laghvāhāraḥ jitendriyaḥ
mit leichter Nahrung, mit bezähmten Sinnen

kāmakrodhau vaśe kṛtvā niṣeved brahmaṇaḥ padam / manasaś cendriyāṇāṃ ca kṛtvaikāgryaṃ samāhitaḥ //

— nachdem er Begierde und Zorn bezwungen hat, soll er den Zustand des Brahman aufsuchen; nachdem er die Einspitzigkeit von Geist und Sinnen bewirkt hat, gesammelt,

Wort für Wort
kāmakrodhau vaśe kṛtvā
Begierde und Zorn bezwungen habend
niṣevet brahmaṇaḥ padam
soll er den Zustand des Brahman aufsuchen
manasaḥ ca indriyāṇām ca
von Geist und Sinnen
kṛtvā ekāgryam samāhitaḥ
die Einspitzigkeit bewirkt habend, gesammelt

pūrvarātre parārdhe ca dhārayen mana ātmanaḥ / jantoḥ pañcendriyasyāsya yady ekaṃ klinnam indriyam //

soll er in der ersten Nachthälfte und auch in der zweiten den Geist auf das Selbst richten; wenn bei diesem Wesen mit den fünf Sinnen auch nur ein Sinn undicht (unbezähmt) ist,

Wort für Wort
pūrvarātre parārdhe ca
in der ersten Nachthälfte und in der zweiten
dhārayet manaḥ ātmanaḥ
soll er den Geist auf das Selbst richten
jantoḥ pañcendriyasya asya
bei diesem Wesen mit den fünf Sinnen
yadi ekam klinnam indriyam
wenn ein Sinn undicht ist

tato 'sya sravati prajñā gireḥ pādād ivodakam / manasaḥ pūrvam ādadyāt kūrmāṇām iva matsyahā //

so entweicht von ihm die Weisheit, wie Wasser vom Fuß eines Berges; zuerst soll er den Geist ergreifen, wie ein Fischer zuerst die Schildkröten (fängt).

Wort für Wort
tataḥ asya sravati prajñā
so entweicht von ihm die Weisheit
gireḥ pādāt iva udakam
wie Wasser vom Fuß eines Berges
manasaḥ pūrvam ādadyāt
zuerst soll er den Geist ergreifen
kūrmāṇām iva matsyahā
wie ein Fischer die Schildkröten [?]

[?] 'matsyahā' ('Fischtöter/Fischer') und der genaue Sinn des Vergleichs mit den Schildkröten bleiben unsicher; sinngemäß übertragen.

tataḥ śrotraṃ tataś cakṣur jihvā ghrāṇaṃ ca yogavit / tata etāni saṃyamya manasi sthāpayed yadi //

dann das Gehör, dann das Auge, die Zunge und den Geruchssinn soll der Yogakundige bezähmen; wenn er diese sodann gezügelt hat und im Geist verankert,

Wort für Wort
tataḥ śrotram tataḥ cakṣuḥ
dann das Gehör, dann das Auge
jihvā ghrāṇam ca yogavit
die Zunge und den Geruchssinn der Yogakundige
tataḥ etāni saṃyamya
sodann diese gezügelt habend
manasi sthāpayet yadi
wenn er im Geist verankert

tathaivāpohya saṃkalpān mano hy ātmani dhārayet / pañcendriyāṇi manasi hṛdi saṃsthāpayed yadi //

und ebenso, nachdem er die begehrenden Vorstellungen verworfen hat, soll er den Geist im Selbst verankern; wenn er die fünf Sinne im Geist, den Geist im Herzen verankert hat,

Wort für Wort
tathā eva apohya saṃkalpān
und ebenso die Vorstellungen verwerfend
manaḥ hi ātmani dhārayet
soll er den Geist im Selbst verankern
pañcendriyāṇi manasi
die fünf Sinne im Geist
hṛdi saṃsthāpayet yadi
wenn er im Herzen verankert

yadaitāny avatiṣṭhante manaḥṣaṣṭhāni cātmani / prasīdanti ca saṃsthāyāṃ tadā brahma prakāśate //

wenn diese Sinne, mit dem Geist als sechstem, im Selbst zur Ruhe kommen und in dieser Verankerung befriedet sind, dann erstrahlt das Brahman.

Wort für Wort
yadā etāni avatiṣṭhante
wenn diese zur Ruhe kommen
manaḥṣaṣṭhāni ca ātmani
mit dem Geist als sechstem, im Selbst
prasīdanti ca saṃsthāyām
und befriedet sind in dieser Verankerung
tadā brahma prakāśate
dann erstrahlt das Brahman

vidhūma iva dīptārcir āditya iva dīptimān / vaidyuto 'gnir ivākāśe paśyanty ātmānam ātmani //

Wie eine rauchlose, lodernde Flamme, wie die leuchtende Sonne, wie der Blitz-Feuer am Himmel — so erblicken sie das Selbst im Selbst.

Wort für Wort
vidhūmaḥ iva dīptārciḥ
wie eine rauchlose, lodernde Flamme
ādityaḥ iva dīptimān
wie die leuchtende Sonne
vaidyutaḥ agniḥ iva ākāśe
wie das Blitz-Feuer am Himmel
paśyanti ātmānam ātmani
erblicken sie das Selbst im Selbst

sarvaṃ tatra tu sarvatra vyāpakatvāc ca dṛśyate / taṃ paśyanti mahātmāno brāhmaṇā ye manīṣiṇaḥ //

Alles dort aber wird überall gesehen aufgrund seiner Alldurchdringung; ihn erblicken die großherzigen Brahmanen, die weisen.

Wort für Wort
sarvam tatra tu sarvatra
alles dort aber überall
vyāpakatvāt ca dṛśyate
wird aufgrund der Alldurchdringung gesehen
tam paśyanti mahātmānaḥ
ihn erblicken die Großherzigen
brāhmaṇāḥ ye manīṣiṇaḥ
die Brahmanen, die weisen

dhṛtimanto mahāprājñāḥ sarvabhūtahite ratāḥ / evaṃ parimitaṃ kālam ācaran saṃśitavrataḥ //

Standhaft, höchst weise, am Wohl aller Wesen erfreut — so, für eine begrenzte Zeit dies übend, mit geschärftem Gelübde,

Wort für Wort
dhṛtimantaḥ mahāprājñāḥ
standhaft, höchst weise
sarvabhūtahite ratāḥ
am Wohl aller Wesen erfreut
evam parimitam kālam ācaran
so für eine begrenzte Zeit übend
saṃśitavrataḥ
mit geschärftem Gelübde

[Anm.] Der Satz setzt sich in V.57 fort.

āsīno hi rahasy eko gacched akṣarasāmyatām / pramoho bhrama āvarto ghrāṇaṃ śravaṇadarśane //

— einsam an verborgenem Ort sitzend, gelangt er zur Gleichheit mit dem Unvergänglichen. Auf diesem Weg treten als Hindernisse auf: Verblendung, Umherirren, Wirbel, sowie trügerische Sinneseindrücke von Geruch, Gehör und Gesicht,

Wort für Wort
āsīnaḥ hi rahasi ekaḥ
einsam an verborgenem Ort sitzend
gacchet akṣarasāmyatām
gelangt er zur Gleichheit mit dem Unvergänglichen
pramohaḥ bhramaḥ āvartaḥ
Verblendung, Umherirren, Wirbel
ghrāṇam śravaṇadarśane
(trügerische) Geruchs-, Gehör- und Gesichtseindrücke

[Anm.] V.57-58 zählen die auf dem Yoga-Weg auftretenden Sinnestäuschungen und Hindernisse auf.

adbhutāni rasaḥ sparśaḥ śītoṣṇamārutākṛtiḥ / pratibhān upasargāś ca pratisaṃgṛhya yogataḥ //

wunderbare Geschmacks- und Berührungserscheinungen, das Gefühl von Kälte, Hitze und Windgestalt, Erleuchtungs-Visionen und andere Hindernisse — diese durch den Yoga wahrnehmend,

Wort für Wort
adbhutāni rasaḥ sparśaḥ
wunderbare Geschmacks- und Berührungserscheinungen
śītoṣṇamārutākṛtiḥ
das Gefühl von Kälte, Hitze, Windgestalt
pratibhān upasargāḥ ca
Erleuchtungs-Visionen und andere Hindernisse
pratisaṃgṛhya yogataḥ
durch den Yoga wahrnehmend

tāṃs tattvavid anādṛtya sāmyenaiva nivartayet / kuryāt paricayaṃ yoge trailokye niyato muniḥ //

soll der Kenner der Wahrheit sie, ohne ihnen Beachtung zu schenken, allein durch Gleichmut abwenden; der bezähmte Weise soll sich in den drei Welten mit dem Yoga vertraut machen.

Wort für Wort
tān tattvavid anādṛtya
diese der Wahrheitskenner, ohne Beachtung
sāmyena eva nivartayet
soll allein durch Gleichmut abwenden
kuryāt paricayam yoge
er soll sich vertraut machen mit dem Yoga
trailokye niyataḥ muniḥ
der bezähmte Weise in den drei Welten

giriśṛṅge tathā caitye vṛkṣamūleṣu yojayet / saṃniyamyendriyagrāmaṃ koṣṭhe bhāṇḍamanā iva //

Auf dem Berggipfel, ebenso an einem Kultort, am Fuß von Bäumen soll er üben, die Gesamtheit der Sinne bezähmend, wie man Dinge in einem Gefäß sammelt.

Wort für Wort
giriśṛṅge tathā caitye
auf dem Berggipfel, ebenso am Kultort
vṛkṣamūleṣu yojayet
am Fuß von Bäumen soll er üben
saṃniyamya indriyagrāmam
die Gesamtheit der Sinne bezähmend
koṣṭhe bhāṇḍamanāḥ iva
wie mit auf ein Gefäß im Behälter gerichtetem Sinn [?]

[?] 'bhāṇḍamanāḥ' (etwa 'wie mit auf ein Gefäß gerichtetem Sinn') ist ein ungewöhnlicher Ausdruck; sinngemäß als Sammlungs-Gleichnis wiedergegeben.

ekāgraṃ cintayen nityaṃ yogān nodvijate manaḥ / yenopāyena śakyeta niyantuṃ cañcalaṃ manaḥ //

Er soll stets einspitzig sinnen, so dass sich der Geist nicht vom Yoga abwendet; durch welches Mittel es möglich ist, den unsteten Geist zu bezähmen —

Wort für Wort
ekāgram cintayet nityam
er soll stets einspitzig sinnen
yogāt na udvijate manaḥ
so dass sich der Geist nicht vom Yoga abwendet
yena upāyena śakyeta
durch welches Mittel es möglich ist
niyantum cañcalam manaḥ
den unsteten Geist zu bezähmen

tatra yukto niṣeveta na caiva vicalet tataḥ / śūnyāgārāṇi caikāgro nivāsārtham upakramet //

— darin geübt soll er verweilen und sich nicht davon abwenden; einspitzig soll er leere Häuser zum Zweck des Aufenthalts aufsuchen.

Wort für Wort
tatra yuktaḥ niṣeveta
darin geübt soll er verweilen
na ca eva vicalet tataḥ
und sich nicht davon abwenden
śūnyāgārāṇi ca ekāgraḥ
und einspitzig leere Häuser
nivāsārtham upakramet
soll er zum Zweck des Aufenthalts aufsuchen

nātivrajet paraṃ vācā karmaṇā manasāpi vā / upekṣako yatāhāro labdhālabdhasamo bhavet //

Er soll nicht über das rechte Maß hinausgehen, weder durch Rede, Handlung noch durch den Geist; gleichgültig, mit gezügelter Nahrung soll er sein, gleichmütig gegenüber Erlangtem und Nicht-Erlangtem.

Wort für Wort
na ativrajet param
er soll nicht über das (rechte) Maß hinausgehen
vācā karmaṇā manasā api vā
weder durch Rede, Handlung noch Geist
upekṣakaḥ yatāhāraḥ
gleichgültig, mit gezügelter Nahrung
labdhālabdhasamaḥ bhavet
gleichmütig gegenüber Erlangtem und Nicht-Erlangtem soll er sein

yaś cainam abhinandeta yaś cainam abhivādayet / samas tayoś cāpy ubhayor nābhidhyāyec chubhāśubham //

Wer ihn lobt und wer ihn schmäht — gegenüber beiden gleichmütig, soll er weder Gutes noch Schlechtes über sie nachsinnen.

Wort für Wort
yaḥ ca enam abhinandeta
wer ihn lobt
yaḥ ca enam abhivādayet
und wer ihn schmäht
samaḥ tayoḥ ca api ubhayoḥ
gegenüber beiden gleichmütig
na abhidhyāyet śubhāśubham
soll er nicht Gutes oder Schlechtes nachsinnen

na prahṛṣyeta lābheṣu nālābheṣu ca cintayet / samaḥ sarveṣu bhūteṣu sadharmā mātariśvanaḥ //

Er soll sich nicht über Gewinn freuen und sich nicht um Verlust sorgen; gleichmütig gegenüber allen Wesen, im Wesen dem Wind gleich.

Wort für Wort
na prahṛṣyeta lābheṣu
er soll sich nicht über Gewinn freuen
na alābheṣu ca cintayet
und sich nicht um Verlust sorgen
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
gleichmütig gegenüber allen Wesen
sadharmā mātariśvanaḥ
im Wesen dem Wind gleich

evaṃ svasthātmanaḥ sādhoḥ sarvatra samadarśinaḥ / ṣaṇ māsān nityayuktasya śabdabrahmābhivartate //

So erscheint dem in sich ruhenden, überall gleichmütig blickenden, guten Yogin, der sechs Monate lang stets geübt hat, das Wort-Brahman.

Wort für Wort
evam svasthātmanaḥ sādhoḥ
so dem in sich ruhenden Guten
sarvatra samadarśinaḥ
dem überall gleichmütig Blickenden
ṣaṭ māsān nityayuktasya
der sechs Monate stets geübt hat
śabdabrahma abhivartate
erscheint das Wort-Brahman

vedanārtān parān dṛṣṭvā samaloṣṭāśmakāñcanaḥ / evaṃ tu nirato mārgaṃ viramen na vimohitaḥ //

Nachdem er die von der (rechten) Erkenntnis fernen, leidenden Anderen gesehen hat, dem Erdklumpen, Stein und Gold gleich sind, soll er, so auf dem Pfad verweilend, nicht abstehen, nicht in Verwirrung geraten.

Wort für Wort
vedanārtān parān dṛṣṭvā
nachdem er die (vom Wissen) fernen, leidenden Anderen gesehen hat [?]
samaloṣṭāśmakāñcanaḥ
dem Erdklumpen, Stein und Gold gleich sind
evam tu nirataḥ mārgam
so aber auf dem Pfad verweilend
viramet na vimohitaḥ
soll er nicht abstehen, nicht verwirrt

[?] 'vedanārtān parān' unsicher übersetzt (etwa 'die vom Wissen fernen, leidenden Anderen').

api varṇāvakṛṣṭas tu nārī vā dharmakāṅkṣiṇī / tāv apy etena mārgeṇa gacchetāṃ paramāṃ gatim //

Selbst wer aus niederem Stand herabgesunken ist, oder eine nach Dharma verlangende Frau — auch sie beide können auf diesem Pfad das höchste Ziel erreichen.

Wort für Wort
api varṇāvakṛṣṭaḥ tu
selbst wer aus dem Stand herabgesunken ist
nārī vā dharmakāṅkṣiṇī
oder eine nach Dharma verlangende Frau
tau api etena mārgeṇa
auch sie beide auf diesem Pfad
gacchetām paramām gatim
können das höchste Ziel erreichen

ajaṃ purāṇam ajaraṃ sanātanaṃ / yam indriyātigam agocaraṃ dvijāḥ / avekṣya cemāṃ parameṣṭhisāmyatāṃ / prayānty anāvṛttigatiṃ manīṣiṇaḥ //

Den Ungeborenen, Uralten, Alterslosen, Ewigen, den sinnesübersteigenden, den Sinnen unzugänglichen, oh Zweifachgeborene — ihn erblickend, und diese Gleichheit mit dem Höchsten (Parameṣṭhin) erlangend, gelangen die Weisen zum Zustand ohne Wiederkehr.

Wort für Wort
ajam purāṇam ajaram sanātanam
den Ungeborenen, Uralten, Alterslosen, Ewigen
yam indriyātigam agocaram
den sinnesübersteigenden, den Sinnen unzugänglichen
dvijāḥ
oh Zweifachgeborene
avekṣya ca imām parameṣṭhisāmyatām
ihn erblickend und diese Gleichheit mit dem Höchsten
prayānti anāvṛttigatim manīṣiṇaḥ
gelangen die Weisen zum Zustand ohne Wiederkehr

[Anm.] Vierzeiliger Hymnenvers als Abschluss des Kapitels; im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen zwischen den Padas überliefert, hier der Einheitlichkeit halber mit Schrägstrichen versehen.

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