{karālajanaka uvāca: } akṣarakṣarayor eṣa dvayoḥ saṃbandha iṣyate / strīpuṃsayor vā saṃbandhaḥ sa vai puruṣa ucyate //
Karālajanaka sprach: Diese Verbindung der beiden, des Akṣara und Kṣara, wird angenommen wie die Verbindung von Frau und Mann; diese wird als [das Wirken des] Puruṣa bezeichnet,
durch die gegenseitige Verbindung, durch die gegenseitige Zuflucht zu den [jeweiligen] Eigenschaften, bringt [dieses Paar] diese Gestalt hervor - so in allen Mutterschößen,
Wort für Wort
anyonyasyābhisaṃbandhād
durch die gegenseitige Verbindung
anyonyaguṇasaṃśrayāt
durch die gegenseitige Zuflucht zu den Eigenschaften
aus vollständiger Vereinigung zum Zweck der Liebeslust, durch die gegenseitige Zuflucht zu den Eigenschaften, entsteht zur rechten Zeit die Gestalt - dies werde ich [dir als] Beispiel darlegen,
Wort für Wort
ratyartham atisaṃyogād
aus vollständiger Vereinigung zum Zweck der Liebeslust
anyonyaguṇasaṃśrayāt
durch die gegenseitige Zuflucht zu den Eigenschaften
ye guṇāḥ puruṣasyeha ye ca mātur guṇās tathā / asthi snāyu ca majjā ca jānīmaḥ pitṛto dvija //
welche Eigenschaften der Mann hier [beisteuert] und welche Eigenschaften die Mutter, ebenso: Knochen, Sehnen und Mark wissen wir vom Vater [stammend], o Zweifachgeborener,
und Haut, Fleisch und Blut, so haben wir überliefert vernommen, entstammen der Mutter; so wird dies gelesen, o bester der Zweifachgeborenen, in den Veda-Lehrschriften,
pramāṇaṃ yac ca vedoktaṃ śāstroktaṃ yac ca paṭhyate / vedaśāstrapramāṇaṃ ca pramāṇaṃ tat sanātanam //
was auch immer als Beweismittel im Veda gesagt wird, und was in der Lehrschrift gelesen wird - das Beweismittel von Veda und Lehrschrift ist jenes ewige Beweismittel,
Wort für Wort
pramāṇaṃ yac ca vedoktaṃ
was auch immer als Beweismittel im Veda gesagt wird
athavānantarakṛtaṃ kiṃcid eva nidarśanam / tan mamācakṣva tattvena pratyakṣo hy asi sarvadā //
Oder [wenn es] irgendein anderes, unmittelbares Beispiel [gibt] - das erkläre mir wahrhaftig, denn du bist stets [der Wirklichkeit] unmittelbar gewahr,
Vasiṣṭha sprach: Was du da als Beispiel aus Veda und Lehrschrift angeführt hast - so ist es, wie ich es nun darlegen werde, damit auch du die Wahrheit erfassest,
dhāryate hi tvayā grantha ubhayor vedaśāstrayoḥ / na ca granthasya tattvajño yathātattvaṃ nareśvara //
denn von dir wird der Wortlaut beider, von Veda und Lehrschrift, bewahrt, doch nicht bist du ein Kenner der Wahrheit des Textes, wie er wahrhaft ist, o Herrscher der Menschen,
Wort für Wort
dhāryate hi tvayā grantha
denn von dir wird der Wortlaut bewahrt
ubhayor vedaśāstrayoḥ
von beiden, Veda und Lehrschrift
na ca granthasya tattvajño
doch nicht bist du ein Kenner der Wahrheit des Textes
yo hi vede ca śāstre ca granthadhāraṇatatparaḥ / na ca granthārthatattvajñas tasya taddhāraṇaṃ vṛthā //
denn wer im Veda und in der Lehrschrift nur auf das Bewahren des Wortlauts bedacht ist, ohne die Wahrheit des Sinnes des Textes zu kennen - dessen Bewahren [des Wortlauts] ist vergeblich,
bhāraṃ sa vahate tasya granthasyārthaṃ na vetti yaḥ / yas tu granthārthatattvajño nāsya granthāgamo vṛthā //
er trägt [nur] die Last dessen, dessen Sinn des Textes er nicht kennt; wer aber die Wahrheit des Sinnes des Textes kennt, dessen Erlernen des Textes ist nicht vergeblich,
na yaḥ samutsukaḥ kaścid granthārthaṃ sthūlabuddhimān / sa kathaṃ mandavijñāno granthaṃ vakṣyati nirṇayāt //
wer sich, von grobem Verstand, nicht [ernsthaft] um den Sinn des Textes bemüht - wie sollte ein solcher, von trägem Erkennen, den Text mit Gewissheit darlegen können?
wer, ohne die Wahrheiten des Textes zu kennen, dennoch eine [gelehrte] Streitrede führt, sei es aus Gier oder aus Heuchelei - ein solcher Sünder geht zur Hölle,
nirṇayaṃ cāpi cchidrātmā na tad vakṣyati tattvataḥ / so 'pīhāsyārthatattvajño yasmān naivātmavān api //
und auch wer von schwacher Selbstbeherrschung ist, wird die Entscheidung nicht wahrhaftig darlegen; auch er ist kein Kenner der Wahrheit des Sinnes hierin, da er nicht einmal selbstbeherrscht ist,
deshalb höre, o Fürst der Könige, wie dies zu erkennen ist, wie es wahrhaftig bei den Sāṃkhyas und bei den großen Seelen unter den Yogins [gelehrt wird],
tvaṅ māṃsaṃ rudhiraṃ medaḥ pittaṃ majjāsthi snāyu ca / etad aindriyakaṃ tāta yad bhavān ittham āttha mām //
Haut, Fleisch, Blut, Fett, Galle, Mark, Knochen und Sehne - dies ist [bloß] das den Sinnen [Zugängliche], o Sohn, was du mir da so [als Beweis] genannt hast,
doch wie sollten dem [wahren Selbst], das ohne Sinnesorgan und ohne Samen ist, das auch ohne Stoff des verkörperten [Wesens] ist, überhaupt Eigenschaften zukommen - wegen der Eigenschaftslosigkeit der großen Seele?
guṇā guṇeṣu jāyante tatraiva viramanti ca / evaṃ guṇāḥ prakṛtijā jāyante na ca yānti ca //
Eigenschaften entstehen aus Eigenschaften und hören eben dort [wieder] auf; so entstehen die aus der Prakṛti geborenen Eigenschaften, doch [das wahre Selbst] geht [dabei] nicht [mit ihnen],
Wort für Wort
guṇā guṇeṣu jāyante
Eigenschaften entstehen aus Eigenschaften
tatraiva viramanti ca
und hören eben dort auf
evaṃ guṇāḥ prakṛtijā
so die aus der Prakṛti geborenen Eigenschaften
jāyante na ca yānti ca
entstehen, doch [das Selbst] geht nicht [mit ihnen]
und männlich, und ebenso nicht-männlich - das weibliche Geschlechtsmerkmal wird als aus der Prakṛti [stammend] überliefert; dieser Wind wird männlich [genannt], und der [weibliche] Saft wird [entsprechend] bezeichnet,
Wort für Wort
pumāṃś caivāpumāṃś caiva
und männlich, und ebenso nicht-männlich
strīliṅgaṃ prākṛtaṃ smṛtam
wird das weibliche Geschlechtsmerkmal aus der Prakṛti überliefert
vāyur eṣa pumāṃś caiva
dieser Wind wird männlich [genannt]
rasa ity abhidhīyate
und der [weibliche] Saft wird bezeichnet
[?] Diese knappe Zuordnung von Wind (Vāyu) zum Männlichen und Saft/Feuchtigkeit (Rasa) zum Weiblichen im Zeugungsvorgang bleibt in ihren Einzelheiten unklar.
die merkmallose Prakṛti wird durch ihre eigenen [erzeugten] Merkmale erfasst, wie [man Bäume] stets durch Blüten und Früchte [erkennt], und ebenso [erkennt man] die Gestaltlosen durch die Gestalt,
Wort für Wort
aliṅgā prakṛtir liṅgair
die merkmallose Prakṛti wird durch Merkmale
upalabhyati sātmajaiḥ
erfasst, durch ihre eigenen [erzeugten Merkmale]
yathā puṣpaphalair nityaṃ
wie stets durch Blüten und Früchte
mūrtaṃ cāmūrtayas tathā
so [erkennt man] die Gestaltlosen durch die Gestalt
ebenso wird auch er [der Puruṣa] durch Erschließung [an seinem] Merkmal erfasst - der Fünfundzwanzigste, o Sohn, dessen Wesen in den [äußeren] Merkmalen [scheinbar] gebunden ist,
Wort für Wort
evam apy anumānena
ebenso durch Erschließung
sa liṅgam upalabhyate
wird er an seinem Merkmal erfasst
pañcaviṃśatikas tāta
der Fünfundzwanzigste, o Sohn
liṅgeṣu niyatātmakaḥ
dessen Wesen in den Merkmalen [scheinbar] gebunden ist
ohne Anfang und Ende, unendlich, ausschließlich reines Schauen - doch allein aus Ich-Bezogenheit wird er, [obwohl eigenschaftslos, fälschlich] als 'mit Eigenschaften' unter den Eigenschaften bezeichnet,
Wort für Wort
anādinidhano 'nantaḥ
ohne Anfang und Ende, unendlich
sarvadarśanakevalaḥ
ausschließlich reines Schauen
kevalaṃ tv abhimānitvād
doch allein aus Ich-Bezogenheit
guṇeṣu guṇa ucyate
wird er unter den Eigenschaften als 'mit Eigenschaften' bezeichnet
Eigenschaften kommen nur dem zu, der [wirklich] mit Eigenschaften [behaftet] ist - woher sollten dem Eigenschaftslosen Eigenschaften [zukommen]? Deshalb erkennen dies so jene Menschen, die die Guṇas [richtig] durchschauen,
Wort für Wort
guṇā guṇavataḥ santi
Eigenschaften kommen dem zu, der mit Eigenschaften [behaftet] ist
nirguṇasya kuto guṇāḥ
woher [sollten] dem Eigenschaftslosen Eigenschaften [zukommen]
yadā tv eṣa guṇān etān prākṛtān abhimanyate / tadā sa guṇavān eva guṇabhedān prapaśyati //
wenn er sich aber diese aus der Prakṛti [stammenden] Eigenschaften zueigen macht, dann erscheint er selbst als 'mit Eigenschaften' und erblickt die Unterschiede der Eigenschaften,
yat tad buddheḥ paraṃ prāhuḥ sāṃkhyayogaṃ ca sarvaśaḥ / budhyamānaṃ mahāprājñāḥ prabuddhaparivarjanāt //
jenes, was jenseits der Buddhi ist, nennen die überaus Weisen ganz und gar Sāṃkhya-Yoga, das [immer schon] Erwachte, indem sie es vom [bloß] Erweckten unterscheiden,
Wort für Wort
yat tad buddheḥ paraṃ prāhuḥ
jenes, was jenseits der Buddhi ist, nennen sie
sāṃkhyayogaṃ ca sarvaśaḥ
ganz und gar Sāṃkhya-Yoga
budhyamānaṃ mahāprājñāḥ
das [immer schon] Erwachte, die überaus Weisen
prabuddhaparivarjanāt
indem sie es vom [bloß] Erweckten unterscheiden
[?] Die Unterscheidung zwischen 'budhyamāna' (dem beständig/immerwährend Erwachenden, dem wahren Selbst) und 'prabuddha' (dem [nachträglich] Erweckten, dem manifesten Erscheinen) bleibt begrifflich subtil und schwer eindeutig wiederzugeben.
aprabuddhaṃ yathā vyaktaṃ svaguṇaiḥ prāhur īśvaram / nirguṇaṃ ceśvaraṃ nityam adhiṣṭhātāram eva ca //
wie sie das nicht-erweckte Manifeste durch seine eigenen Eigenschaften als 'Herrscher' bezeichnen, [so bezeichnen sie] auch den eigenschaftslosen, ewigen Herrscher als den [wahren] Regenten,
Wort für Wort
aprabuddhaṃ yathā vyaktaṃ
wie das nicht-erweckte Manifeste
svaguṇaiḥ prāhur īśvaram
durch seine eigenen Eigenschaften als 'Herrscher' bezeichnet wird
prakṛteś ca guṇānāṃ ca pañcaviṃśatikaṃ budhāḥ / sāṃkhyayoge ca kuśalā budhyante paramaiṣiṇaḥ //
und die Weisen, die im Sāṃkhya-Yoga bewandert sind, die nach dem Höchsten Verlangenden, erkennen den Fünfundzwanzigsten [als jenseits] von Prakṛti und den Guṇas,
wenn sie das erweckte Unmanifeste [erkennen], ruhig in [seinem] Zustand verharrend, dann erkennen sie das [immer schon] Erwachende nicht [mehr als etwas Gewordenes], sondern verstehen es dann als [ihm] gleich,
Wort für Wort
yadā prabuddham avyaktam
wenn sie das erweckte Unmanifeste [erkennen]
avasthātananīravaḥ
ruhig in [seinem] Zustand verharrend
budhyamānaṃ na budhyante
erkennen sie das Erwachende nicht [mehr als solches]
'vagacchanti samaṃ tadā
sondern verstehen es dann als [ihm] gleich
[?] Dieser Vers bleibt in seiner genauen begrifflichen Struktur schwer greifbar.
dies ist die rechte Erkenntnis, [während] das Nach-Erkennen nicht recht ist; das [immer schon] Erwachende erkennen sie [erst] durch die zwei [Aspekte] getrennt, o Bezwinger der Feinde,
der Kenner der Wahrheit [erkennt] dies als Beispiel eben der beiden Prinzipien, getrennt; durch die Fünfundzwanzig[fachheit] nennen die Weisen [ihn] das [wahre] Prinzip, das Prinzip,
Wort für Wort
tattvavit tattvayor eva
der Kenner der Wahrheit, eben der beiden Prinzipien
das Jenseits-der-Prinzipien des Fünfundzwanzigsten nennen die Weisen das Höchste; das zu meidende Verhalten des zu Meidenden [nennen sie] das ewige Prinzip, jenseits [jedes bedingten] Prinzips [?],
Wort für Wort
nistattvaṃ pañcaviṃśasya
das Jenseits-der-Prinzipien des Fünfundzwanzigsten
param āhur manīṣiṇaḥ
nennen die Weisen das Höchste
varjyasya varjyam ācāraṃ
das zu meidende Verhalten des zu Meidenden
tattvaṃ tattvāt sanātanam
das ewige Prinzip, jenseits [jedes] Prinzips
[?] Die zweite Vershälfte ('varjyasya varjyam ācāraṃ tattvaṃ tattvāt sanātanam') bleibt in ihrer genauen Aussage unsicher.
{karālajanaka uvāca: } nānātvaikatvam ity uktaṃ tvayaitad dvijasattama / paśyatas tad dhi saṃdigdham etayor vai nidarśanam //
Karālajanaka sprach: Was du da über Vielheit und Einheit gesagt hast, o bester der Zweifachgeborenen - für den, der [es] betrachtet, ist eben dieses Beispiel der beiden zweifelhaft,
tathā buddhaprabuddhābhyāṃ budhyamānasya cānagha / sthūlabuddhyā na paśyāmi tattvam etan na saṃśayaḥ //
und ebenso sehe ich, o Sündenloser, mit meinem groben Verstand die Wahrheit dessen, was 'erwacht', 'erweckt' und '[dauernd] erwachend' [ist], nicht - daran ist kein Zweifel,
akṣarakṣarayor uktaṃ tvayā yad api kāraṇam / tad apy asthirabuddhitvāt pranaṣṭam iva me 'nagha //
auch die Ursache von Akṣara und Kṣara, die du genannt hast - auch die ist mir, o Sündenloser, wegen [meines] unbeständigen Verstandes wie verlorengegangen,
tad etac chrotum icchāmi nānātvaikatvadarśanam / dvaṃdvaṃ caivāniruddhaṃ ca budhyamānaṃ ca tattvataḥ //
deshalb möchte ich dies hören: die Schau von Vielheit und Einheit, das Gegensatzpaar, das Ungehinderte, und das [dauernd] Erwachende - alles wahrhaftig,
vidyāvidye ca bhagavann akṣaraṃ kṣaram eva ca / sāṃkhyayogaṃ ca kṛtsnena buddhābuddhiṃ pṛthak pṛthak //
und Wissen und Unwissen, o Erhabener, Akṣara und ebenso Kṣara, und Sāṃkhya-Yoga in seiner Gesamtheit, [sowie] das Erwachte und Unerwachte, jedes für sich getrennt.
ekāgratā ca manasaḥ prāṇāyāmas tathaiva ca / prāṇāyāmas tu saguṇo nirguṇo mānasas tathā //
die Einspitzigkeit des Geistes, und ebenso die Atemzügelung (Prāṇāyāma); die Atemzügelung aber ist 'mit Merkmal', die geistige [Meditation] ebenso 'ohne Merkmal',
mūtrotsarge purīṣe ca bhojane ca narādhipa / dvikālaṃ nopabhuñjīta śeṣaṃ bhuñjīta tatparaḥ //
beim Wasserlassen, beim Stuhlgang und beim Essen, o Herrscher der Menschen, sollte man nicht zweimal [am Tag] genießen; das Übrige [an Zeit] verbringe man diesem [Yoga] hingegeben,
nachdem der Weise die Sinnesorgane mit dem Geist von den Sinnesobjekten zurückgezogen hat, [halte er den Atem an] für zehn oder zwölf [Zählmaße], oder länger als vierundzwanzig, sich bezähmend,
Wort für Wort
indriyāṇīndriyārthebhyo
die Sinnesorgane von den Sinnesobjekten
nivartya manasā muniḥ
zurückgezogen mit dem Geist, der Weise
daśadvādaśabhir vāpi
für zehn oder zwölf [Zählmaße]
caturviṃśāt paraṃ yataḥ
oder länger als vierundzwanzig, sich bezähmend
[?] Die genaue Bedeutung der Zahlenangaben (zehn, zwölf, vierundzwanzig) - wohl Zählmaße der Atemanhaltung (Prāṇāyāma) - bleibt ohne weiteren Kontext unsicher.
sa codanābhir matimān nātmānaṃ codayed atha / tiṣṭhantam ajaraṃ taṃ tu yat tad uktaṃ manīṣibhiḥ //
der Verständige dränge sich selbst nicht mit [äußeren] Antrieben, sondern [lasse] jenen alterslosen [Zustand] verweilen, der von den Weisen [als das Ziel] bezeichnet wird,
Wort für Wort
sa codanābhir matimān
der Verständige mit [äußeren] Antrieben
nātmānaṃ codayed atha
dränge sich selbst nicht
tiṣṭhantam ajaraṃ taṃ tu
sondern jenen alterslosen [Zustand] verweilen [lassen]
'die Allseele ist beständig zu erkennen' - so haben wir es überliefert vernommen; [dies gelingt nur] dem, dessen Geist nicht [zerstreut] ist - nicht anders lautet die Gewissheit,
vimuktaḥ sarvasaṅgebhyo laghvāhāro jitendriyaḥ / pūrvarātre parārdhe ca dhārayīta mano hṛdi //
befreit von aller Anhaftung, mit leichter Speise, mit bezwungenen Sinnen, halte er in der ersten Nachthälfte und in der zweiten [Nachthälfte] den Geist im Herzen fest,
nachdem er die Gesamtheit der Sinnesorgane mit dem Geist gefestigt hat, o Herrscher von Mithilā, und den Geist durch die Buddhi festgemacht hat, [werde er] unbeweglich wie ein Fels,
und werde unerschütterlich wie ein Baumstumpf, und unbeweglich wie Holz - ein solcher, der durch die Buddhi die Vorschriften und Anordnungen kennt, wird dann als 'im Yoga vereint' bezeichnet,
na bhāti hi yathā dīpo dīptis tadvac ca dṛśyate / niliṅgaś cādhaś cordhvaṃ ca tiryaggatim avāpnuyāt //
denn wie eine Lampe nicht [mehr sichtbar] leuchtet, [und doch] ihr Schein ebenso [noch] gesehen wird - merkmallos, [kann er] sowohl nach unten als auch nach oben und in seitliche Richtung gelangen,
Wort für Wort
na bhāti hi yathā dīpo
denn wie eine Lampe nicht [mehr] leuchtet
dīptis tadvac ca dṛśyate
[und doch] ihr Schein ebenso gesehen wird
niliṅgaś cādhaś cordhvaṃ ca
merkmallos, sowohl nach unten als auch nach oben
tiryaggatim avāpnuyāt
und kann er in seitliche Richtung gelangen
[?] Das Bild von der 'nicht mehr leuchtenden, aber noch sichtbaren' Lampe und der anschließende Hinweis auf Bewegung nach unten, oben und seitwärts bleiben in ihrer genauen Aussage unklar.
tadā tadupapannaś ca yasmin dṛṣṭe ca kathyate / hṛdayastho 'ntarātmeti jñeyo jñas tāta madvidhaiḥ //
dann, mit jenem [Zustand] versehen, wird, wenn er geschaut ist, [gesagt]: 'im Herzen weilend, das innere Selbst' - so ist er von unseresgleichen als der Erkennende zu erkennen, o Sohn,
Wort für Wort
tadā tadupapannaś ca
dann, mit jenem [Zustand] versehen
yasmin dṛṣṭe ca kathyate
wird, wenn er geschaut ist, gesagt
hṛdayastho 'ntarātmeti
'im Herzen weilend, das innere Selbst'
jñeyo jñas tāta madvidhaiḥ
so ist er als der Erkennende zu erkennen von unseresgleichen, o Sohn
den die großen Seelen schauen, die standhaften Weisen, die Brahmanen, die im Ursprung des Brahman gegründet sind - den Ursprungslosen, von unsterblichem Wesen,
tad evāhur aṇubhyo 'ṇu tan mahadbhyo mahattaram / sarvatra sarvabhūteṣu dhruvaṃ tiṣṭhan na dṛśyate //
eben ihn nennen sie feiner als das Feine, größer als das Große; überall, in allen Wesen, fest verweilend, wird er [dennoch] nicht gesehen,
Wort für Wort
tad evāhur aṇubhyo 'ṇu
eben ihn nennen sie feiner als das Feine
tan mahadbhyo mahattaram
größer als das Große
sarvatra sarvabhūteṣu
überall, in allen Wesen
dhruvaṃ tiṣṭhan na dṛśyate
fest verweilend, wird er nicht gesehen
[Anm.] Diese Formulierung ('feiner als das Feine, größer als das Große') greift die berühmte Wendung der Kaṭha-Upaniṣad 1.2.20 auf ('aṇor aṇīyān mahato mahīyān').
durch das sichtbare Element der Buddhi, mit dem Geist als Lampe, [erblickt man] den Welterschaffer, o Sohn, der jenseits der großen Finsternis verweilt und [selbst] nicht finster ist,
'fern von der Finsternis' wird er von den Wahrheitskennern genannt, die die Veden durchdrungen haben - makellos, und auch [jenseits jeder] Meinung, merkmallos, als 'der Merkmallose' bezeichnet,
Wort für Wort
tamaso dūra ity uktas
'fern von der Finsternis' wird er genannt
tattvajñair vedapāragaiḥ
von den Wahrheitskennern, die die Veden durchdrungen haben
So weit ist dir die Lehre des Yoga von mir wahrhaftig dargelegt worden; nun werde ich das Sāṃkhya-Wissen darlegen, das Beispiel der vollständigen Aufzählung,
der Ahaṃkāra aber [entstand] aus dem Mahat, als das dritte - so haben wir es überliefert vernommen; die fünf Elemente [entstanden] aus dem Ahaṃkāra, sagen die Sāṃkhya-Selbstschauer,
etāḥ prakṛtayas tv aṣṭau vikārāś cāpi ṣoḍaśa / pañca caiva viśeṣāś ca tathā pañcendriyāṇi ca //
diese acht Ur-Prinzipien, und ebenso die sechzehn Abwandlungen, und die fünf [Elementar-]Besonderheiten, und ebenso die fünf Sinnesorgane -
Wort für Wort
etāḥ prakṛtayas tv aṣṭau
diese acht Ur-Prinzipien
vikārāś cāpi ṣoḍaśa
und auch die sechzehn Abwandlungen
pañca caiva viśeṣāś ca
und die fünf Besonderheiten
tathā pañcendriyāṇi ca
und ebenso die fünf Sinnesorgane
[Anm.] Die hier gegebene Zählung (8 Ur-Prinzipien, 16 Abwandlungen, 5 Besonderheiten, 5 Sinnesorgane) weicht in ihrer Gliederung von der klassischen 25-Prinzipien-Aufzählung der Sāṃkhya-Kārikā ab und wirkt gegenüber jener eigentümlich zusammengefasst; die genaue Zuordnung der Kategorien bleibt unsicher.
so viel [an Aufzählung] der Prinzipien nennen die Weisen 'Sāṃkhya'; im Sāṃkhya, die Kenner der Sāṃkhya-Ordnung, beständig auf dem Sāṃkhya-Pfad verweilend,
yasmād yad abhijāyeta tat tatraiva pralīyate / līyante pratilomāni gṛhyante cāntarātmanā //
woraus etwas entsteht, darin löst es sich auch [wieder] auf; in umgekehrter Ordnung lösen sie sich auf, und werden vom inneren Selbst [wieder] aufgenommen,
in [der ursprünglichen] Reihenfolge entstehen sie, in umgekehrter Reihenfolge lösen sie sich auf - die Eigenschaften [entstehen und vergehen] beständig in den Eigenschaften, wie die Wellen des Ozeans,
so groß ist Schöpfung und Auflösung der Prakṛti, o bester der Könige; ihre Einheit [besteht] in der Auflösung, und ebenso ihre Vielheit in der Schöpfung,
ekatvaṃ ca bahutvaṃ ca prakṛter anu tattvavān / ekatvaṃ pralaye cāsya bahutvaṃ ca pravartanāt //
Einheit und Vielheit, der Prakṛti entsprechend, [besitzt] der Wahrheitskundige; seine Einheit [zeigt sich] in der Auflösung, und seine Vielheit im Hervortreten [der Schöpfung],
'der Regent' wird er, o Fürst der Könige, von den besten Asketen genannt; wegen seines Regierens ist er der Regent der Felder - so haben wir es überliefert vernommen,
und weil er das Feld, das Unmanifeste, kennt, wird er 'Feldkenner' genannt; 'in der unmanifesten Stadt [dem Körper] ruht er' - so wird der Puruṣa auch genannt,
Wort für Wort
kṣetraṃ jānāti cāvyaktaṃ
und er kennt das Feld, das Unmanifeste
kṣetrajña iti cocyate
und wird 'Feldkenner' genannt
avyaktike pure śete
in der unmanifesten Stadt ruht er
puruṣaś ceti kathyate
und wird [deshalb] Puruṣa genannt
[Anm.] Diese Zeile spielt auf die volksetymologische Deutung des Wortes 'Puruṣa' an (von 'pur', Stadt/Körper, und 'śete', 'er ruht/liegt').
anyad eva ca kṣetraṃ syād anyaḥ kṣetrajña ucyate / kṣetram avyakta ity uktaṃ jñātāraṃ pañcaviṃśakam //
und das Feld ist ein anderes, ein anderer wird der Feldkenner genannt; das Feld wird als das Unmanifeste bezeichnet, [und] der Erkennende ist der Fünfundzwanzigste,
anyad eva ca jñānaṃ syād anyaj jñeyaṃ tad ucyate / jñānam avyaktam ity uktaṃ jñeyo vai pañcaviṃśakaḥ //
und das Wissen ist ein anderes, ein anderes wird das Erkennbare genannt; das Wissen wird als das Unmanifeste bezeichnet, das Erkennbare aber ist der Fünfundzwanzigste,
Wort für Wort
anyad eva ca jñānaṃ syād
und das Wissen ist ein anderes
anyaj jñeyaṃ tad ucyate
ein anderes wird das Erkennbare genannt
jñānam avyaktam ity uktaṃ
das Wissen wird als das Unmanifeste bezeichnet
jñeyo vai pañcaviṃśakaḥ
das Erkennbare aber ist der Fünfundzwanzigste
[Anm.] Auffällig ist die scheinbare Umkehrung gegenüber V.78-79: dort war der Fünfundzwanzigste (Puruṣa) der 'Erkennende' (jñātṛ), hier wird er als das 'Erkennbare' (jñeya) bezeichnet - ein Hinweis darauf, dass der höchste Puruṣa letztlich jenseits der Unterscheidung von Erkennendem und Erkanntem steht.
avyaktaṃ kṣetram ity uktaṃ tathā sattvaṃ tatheśvaram / anīśvaram atattvaṃ ca tattvaṃ tat pañcaviṃśakam //
das Unmanifeste wird 'Feld' genannt, und ebenso 'Sein', und ebenso 'Herrscher'; [doch zugleich ist er] herrscherlos und kein [bedingtes] Prinzip - jenes Prinzip ist der Fünfundzwanzigste,
sāṃkhyadarśanam etāvat parisaṃkhyā na vidyate / saṃkhyā prakurute caiva prakṛtiṃ ca pravakṣyate //
so weit [reicht] die Sāṃkhya-Lehre; eine [weitere] vollständige Aufzählung gibt es nicht; die Zählung [selbst] bewirkt [die Erkenntnis], und von der Prakṛti wird [nun] gesprochen werden,
Wort für Wort
sāṃkhyadarśanam etāvat
so weit [reicht] die Sāṃkhya-Lehre
parisaṃkhyā na vidyate
eine [weitere] vollständige Aufzählung gibt es nicht
vierzig [und] vierundzwanzig, wahrhaftig durchgezählt; die Zählung [geht] aber bis zum Tausendfachen, [doch] der Fünfundzwanzigste ist jenseits [aller] Prinzipien,
Wort für Wort
catvāriṃśac caturviṃśat
vierzig [und] vierundzwanzig
pratisaṃkhyāya tattvataḥ
wahrhaftig durchgezählt
saṃkhyā sahasrakṛtyā tu
die Zählung [geht] aber bis zum Tausendfachen
nistattvaḥ pañcaviṃśakaḥ
[doch] der Fünfundzwanzigste ist jenseits [aller] Prinzipien
[?] Die Zahlenangabe 'vierzig [und] vierundzwanzig' bleibt im Verhältnis zur vorher genannten Zählung der Prinzipien unklar.
'die rechte Erkenntnis' heißt: die unmittelbare Wahrnehmung auch der Prakṛti; wie diese [Erscheinungen] aus der Eigenschaftshaftigkeit [entstehen], so [entsteht die Unterscheidung] von den Eigenschaftslosen [her],
Wort für Wort
samyaṅnidarśanaṃ nāma
'die rechte Erkenntnis' heißt
pratyakṣaṃ prakṛtes tathā
die unmittelbare Wahrnehmung auch der Prakṛti
guṇavattvād yathaitāni
wie diese aus der Eigenschaftshaftigkeit [entstehen]
nirguṇebhyas tathā bhavet
so [entsteht die Unterscheidung] von den Eigenschaftslosen [her]
[?] Der genaue Sinn der zweiten Vershälfte bleibt unsicher.
na tv evaṃ vartamānānām āvṛttir vartate punaḥ / vidyate kṣarabhāvaś ca na parasparam avyayam //
doch für diejenigen, die so [in rechter Erkenntnis] weilen, gibt es keine Wiederkehr mehr; es gibt [zwar weiterhin] den Zustand des Vergänglichen, doch das Unvergängliche [wird von diesem] nicht wechselseitig [berührt],
Wort für Wort
na tv evaṃ vartamānānām
doch für diejenigen, die so weilen
āvṛttir vartate punaḥ
gibt es keine Wiederkehr mehr
vidyate kṣarabhāvaś ca
es gibt den Zustand des Vergänglichen
na parasparam avyayam
doch das Unvergängliche [wird] nicht wechselseitig [berührt]
paśyanty amatayo ye na samyak teṣu ca darśanam / te vyaktiṃ pratipadyante punaḥ punar ariṃdama //
die aber, die von unreifem Verstand sind und die nicht recht sehen - für die gibt es [nur trübe] Erkenntnis; sie gelangen wieder und wieder zur Manifestation, o Bezwinger der Feinde,
[selbst] die dies alles erkennen, [gelangen] mangels des völligen Erwachens zu allem wieder zur Manifestation, indem sie eben dem Manifesten weiter folgen,
Wort für Wort
sarvam etad vijānanto
[selbst] die dies alles erkennen
na sarvasya prabodhanāt
mangels des völligen Erwachens zu allem
vyaktibhūtā bhaviṣyanti
gelangen [wieder] zur Manifestation
vyaktasyaivānuvartanāt
indem sie eben dem Manifesten weiter folgen
[?] Der Vers scheint zu warnen, dass selbst teilweises Wissen ohne vollständiges Erwachen ('sarvasya prabodhanāt') zur erneuten Wiedergeburt führt.
sarvam avyaktam ity uktam asarvaḥ pañcaviṃśakaḥ / ya evam abhijānanti na bhayaṃ teṣu vidyate //
'alles ist das Unmanifeste' - so wird gesagt; nicht 'alles' [sondern gesondert] ist der Fünfundzwanzigste; die, die dies so erkennen, für die gibt es keine Furcht.