Kapitel 2: brahmapurāṇam, dvitīyo 'dhyāyaḥ
Manu Svāyambhuva, Dhruva, Pṛthu und die Geburt Dakṣas (Verse 1–57, vollständig)
Adhyāya 2 (vollständig übersetzt, Quelle: GRETIL brahmppu.htm) knüpft unmittelbar an Adhyāya 1 an: der Erzähler wird nun erstmals namentlich als Lomaharṣaṇa genannt (V.54). Der Bogen reicht von Manu Svāyambhuva und Śatarūpā über Dhruva (Einsetzung als Polarstern, V.11) und die Veṇa/Pṛthu-Erzählung (Pṛthu melkt die Erde als Kuh für die Nahrung aller Wesen, V.24-28) bis zu den zehn büßenden Pracetas, dem Waldbrand-Zwischenfall, Somas Vermittlung und der Geburt des Prajāpati Dakṣa aus den Pracetas und Māriṣā (V.32-50). Die Weisen wenden am Ende ein (V.51-53), dass eine andere, ältere Überlieferung Dakṣa aus Brahmās Daumen entstehen lässt (V.52) – ein im Text selbst offen benannter Widerspruch zwischen zwei parallelen Traditionen, den Lomaharṣaṇa mit der zyklischen Wiederkehr der Figuren in jedem Yuga erklärt (V.54-56), ohne die Spannung aufzulösen. Zwei Stellen mit [?]/[Anm.] markiert (V.7, V.14, V.28).
sa sṛṣṭvā tu prajās tv evam āpavo vai prajāpatiḥ | lebhe vai puruṣaḥ patnīṃ śatarūpām ayonijām ||
Er, nachdem er so die Geschöpfe erschaffen hatte, der Prajāpati Āpava, der Puruṣa, erlangte wahrlich zur Gattin Śatarūpā, die nicht aus einem Mutterschoß Geborene.
Wort für Wort
saḥ
er
sṛṣṭvā
nachdem er erschaffen hatte (Ger.)
tu
aber
prajāḥ
die Geschöpfe (Akk.)
tu evam
so
āpavaḥ
Āpava (Nom.)
vai
wahrlich
prajāpatiḥ
der Prajāpati (Nom.)
lebhe
er erlangte (3. Sg. Perf. Med.)
vai
wahrlich
puruṣaḥ
der Puruṣa (Nom.)
patnīm
zur Gattin (Akk.)
śatarūpām
Śatarūpā (Akk.)
ayonijām
die nicht aus einem Mutterschoß Geborene (Akk.)
[Anm.: „Āpava“, bereits in Adhyāya 1 (V.33, V.51) begegnet, erweist sich hier als Beiname des Puruṣa/Manu Svāyambhuva selbst.]
Sie aber, nachdem sie zehntausend Jahre eine überaus schwer auszuführende Askese geübt hatte, erlangte den Puruṣa, den von glühender Askese Erfüllten, als Gatten.
Uttānapāda nahm der Prajāpati Atri [in seine Familie] auf; von Uttānapāda gebar Sūnṛtā vier Söhne.
Wort für Wort
uttānapādam
Uttānapāda (Akk.)
jagrāha
er nahm (3. Sg. Perf.)
putram
als Sohn (Akk.)
atriḥ prajāpatiḥ
der Prajāpati Atri (Nom.)
uttānapādāt
von Uttānapāda (Abl.)
caturaḥ sutān
vier Söhne (Akk.)
sūnṛtā
Sūnṛtā (Nom.)
suṣuve
sie gebar (3. Sg. Perf. Med.)
[?: „jagrāha putram“ wörtlich „nahm als Sohn“ – möglicherweise Adoption, wahrscheinlicher aber die Aufnahme als Schwiegersohn (Sūnṛtā, Atris Ziehtochter oder Schützling, wird in V.8/9 Uttānapādas Gattin); hier zurückhaltend wiedergegeben.]
„Ei, welche Kraft seiner Askese! Ei, welch [ruhmvolle] Kunde! Ei, wie wunderbar! Er, vor den man heute den Dhruva gestellt hat, vor dem stehen nun die sieben Ṛṣis.“
tasmāc chliṣṭiṃ ca bhavyaṃ ca dhruvāc chaṃbhur vyajāyata | śliṣṭer ādhatta succhāyā pañca putrān akalmaṣān ||
Von jenem [Dhruva] wurden Śliṣṭi und Bhavya geboren; von Dhruva wurde [auch] Śambhu geboren. Von Śliṣṭi empfing Succhāyā fünf makellose Söhne.
Wort für Wort
tasmāt
von jenem (Abl.)
śliṣṭim
Śliṣṭi (Akk.)
ca
und
bhavyam
Bhavya (Akk.)
ca
und
dhruvāt
von Dhruva (Abl.)
śambhuḥ
Śambhu (Nom.)
vyajāyata
wurde geboren
śliṣṭeḥ
von Śliṣṭi (Abl.)
ādhatta
sie empfing (3. Sg. Impf. Med.)
succhāyā
Succhāyā (Nom.)
pañca putrān
fünf Söhne (Akk.)
akalmaṣān
makellose (Akk.)
[?: Die Genealogie ist hier stark verdichtet und wirkt redundant (Śliṣṭi/Bhavya und Śambhu jeweils „von Dhruva“); wörtlich wiedergegeben. Der hier genannte „Śambhu“ ist ein Personenname, nicht Śiva-Śambhu.]
Pṛthu, der Sohn des Veṇa, beschützte ebenso diese [Erde], der Erste der Kṣatriyas; er, der Herr der Erde, war der erste unter denen, die mit dem Rājasūya-Opfer geweiht wurden.
Wort für Wort
pṛthuḥ vaiṇyaḥ
Pṛthu, der Sohn des Veṇa (Nom.)
tathā ca
ebenso
imām
diese [Erde] (Akk.)
rarakṣa
er beschützte (3. Sg. Perf.)
kṣatra-pūrvajaḥ
der Erste der Kṣatriyas (Nom.)
rājasūya-abhiṣiktānām
derer, die mit dem Rājasūya geweiht wurden (Gen. Pl.)
Von ihm entstanden auch die geschickten [Geschlechter der] Sūta und Māgadha. Von diesem Erdenträger wurde diese Erde als Kuh gemolken – die Feldfrüchte, o ihr Besten der Weisen.
Wort für Wort
tasmāt
von ihm (Abl.)
ca eva
und auch
samutpannau
entstanden (Nom. Du.)
nipuṇau
geschickte (Nom. Du.)
sūta-māgadhau
Sūta und Māgadha (Nom. Du.)
tena
von diesem (Instr.)
iyam gauḥ
diese Kuh (Nom.)
muni-śreṣṭhāḥ
o Beste der Weisen (Vok.)
dugdhā
gemolken (Nom.)
sasyāni
die Feldfrüchte (Nom. Pl.)
bhū-bhṛtā
vom Erdenträger (Instr.)
[Anm.: Bezug auf den Mythos, in dem Pṛthu die Erde als Kuh melkt, um Nahrung zu gewinnen (Fortsetzung V.26ff.).]
Von ihm, der den Lebensunterhalt der Geschöpfe wünschte, zusammen mit den Göttern und den Scharen der Ṛṣis, mit den Vorvätern und den Dānavas, mit den Gandharvas und den Scharen der Apsaras,
Wort für Wort
prajānām
der Geschöpfe (Gen.)
vṛtti-kāmena
von dem, der den Lebensunterhalt wünschte (Instr.)
prādād yathepsitaṃ kṣīraṃ tena prāṇān adhārayan | pṛthos tu putrau dharmajñau yajñānte 'ntardhipātinau ||
gab sie die je gewünschte Milch, wodurch sie ihr Leben erhielten. Pṛthus zwei Söhne aber, kundig des Dharma, [namens] Antardhi und Pālin, [entstanden] am Ende eines Opfers.
Wort für Wort
prādāt
sie gab (3. Sg. Impf.)
yathā-īpsitam
die je gewünschte (Akk.)
kṣīram
die Milch (Akk.)
tena
wodurch (Instr.)
prāṇān adhārayan
sie erhielten ihr Leben
pṛthoḥ
des Pṛthu (Gen.)
tu putrau
aber zwei Söhne (Nom. Du.)
dharma-jñau
kundig des Dharma (Nom. Du.)
yajña-ante
am Ende eines Opfers (Lok.)
antardhi-pātinau
Antardhi und Pālin (Nom. Du.)
[?: „antardhipātinau“ evtl. ein zusammengesetzter Doppelname oder zwei Namen (Antardhi, Pālin); hier als zwei Namen wiedergegeben.]
Aus ihnen wurden die Götter, die Vögel, die Kühe, die Nāgas, die Nachkommen der Diti und die Dānavas, sowie die Gandharvas und Apsaras und andere Geschlechter geboren.
Von da an, o ihr Besten der Brahmanen, entstehen die Geschöpfe durch geschlechtliche Vereinigung; von den Früheren aber wird gesagt, dass ihre Nachkommenschaft durch bloßen Willen, Anblick oder Berührung entstand.
Wort für Wort
tataḥ prabhṛti
von da an
vipra-indrāḥ
o Beste der Brahmanen (Vok.)
prajāḥ
die Geschöpfe (Nom.)
maithuna-saṃbhavāḥ
durch geschlechtliche Vereinigung entstehend (Nom.)
{munaya ūcuḥ:} devānāṃ dānavānāṃ ca gandharvoragarakṣasām | saṃbhavas tu śruto 'smābhir dakṣasya ca mahātmanaḥ ||
Die Weisen sprachen: „Die Entstehung der Götter, der Dānavas, der Gandharvas, Schlangen und Rākṣasas, sowie die des großherzigen Dakṣa, haben wir gehört —
Dakṣa, von schönen Gelübden, wurde, wie es heißt, aus dem Daumen Brahmās geboren; ebenso wurde aus dessen linkem Daumen seine Gattin geboren.
Wort für Wort
aṅguṣṭhāt brahmaṇaḥ
aus dem Daumen Brahmās (Abl.)
jajñe
wurde geboren
dakṣaḥ kila
Dakṣa, wie es heißt (Nom.)
śubha-vrataḥ
von schönen Gelübden (Nom.)
vāma-aṅguṣṭhāt
aus dem linken Daumen (Abl.)
tathā ca evam
ebenso
tasya patnī
seine Gattin (Nom.)
vyajāyata
wurde geboren
[Anm.: Diese Version widerspricht der zuvor (V.43/46) erzählten Geburt Dakṣas aus den Pracetas und Māriṣā – ein Beispiel für im Purāṇa selbst nicht harmonisierte Mehrfachüberlieferungen, das die folgenden Verse ausdrücklich aufgreifen.]
wie aber erlangte er, der große Asket, wiederum die Zugehörigkeit zu den Pracetas? Diesen unseren Zweifel, o Sūta, mögest du hier erklären. Und wie wurde er, der doch Enkel des Soma [mütterlicherseits] ist, zu dessen Schwiegervater?“
{lomaharṣaṇa uvāca:} utpattiś ca nirodhaś ca nityaṃ bhūteṣu bho dvijāḥ | ṛṣayo 'tra na muhyanti vidyāvantaś ca ye janāḥ ||
Lomaharṣaṇa sprach: „Entstehen und Vergehen geschieht beständig unter den Wesen, o ihr Zweifachgeborenen; die Ṛṣis und die Menschen, die über dieses Wissen verfügen, verfallen darüber nicht in Verwirrung.
Wort für Wort
lomaharṣaṇaḥ uvāca
Lomaharṣaṇa sprach
utpattiḥ ca nirodhaḥ ca
Entstehen und Vergehen
nityam bhūteṣu
beständig unter den Wesen (Lok.)
bhoḥ dvijāḥ
o Zweifachgeborene (Vok.)
ṛṣayaḥ atra na muhyanti
die Ṛṣis verfallen darüber nicht in Verwirrung
vidyāvantaḥ ca ye janāḥ
und die Menschen, die über Wissen verfügen
[Anm.: Erste ausdrückliche Namensnennung des Erzählers als „Lomaharṣaṇa“ im Sprechertext dieser Ausgabe – bestätigt die aus dem Mahābhārata bekannte Sūta-Erzähler-Rolle.]
yuge yuge bhavanty ete punar dakṣādayo nṛpāḥ | punaś caiva nirudhyante vidvāṃs tatra na muhyati ||
In jedem Zeitalter entstehen diese Könige, Dakṣa und die anderen, von neuem, und ebenso vergehen sie wieder; der Wissende verfällt dabei nicht in Verwirrung.
jyaiṣṭhyaṃ kāniṣṭham apy eṣāṃ pūrvaṃ nāsīd dvijottamāḥ | tapa eva garīyo 'bhūt prabhāvaś caiva kāraṇam ||
Weder Erstgeburtsrecht noch Nachrangigkeit bestand zuvor unter ihnen, ihr Besten der Zweifachgeborenen; allein die Askese war das Höhere, und ihre jeweilige Macht war der entscheidende Grund.
Wer diese Schöpfung des Dakṣa kennt, mit ihren beweglichen und unbeweglichen Wesen, der wird, reich an Nachkommenschaft, sein Leben überschreitend, in der Himmelswelt geehrt.
Wort für Wort
imām visṛṣṭim dakṣasya
diese Schöpfung des Dakṣa (Akk.)
yaḥ vidyāt
wer kennt (Opt.)
sa-cara-acarām
mit beweglichen und unbeweglichen [Wesen] (Akk.)
prajāvān āyuḥ uttīrṇaḥ
reich an Nachkommenschaft, sein Leben überschreitend (Nom.)
svarga-loke mahīyate
wird in der Himmelswelt geehrt
[Anm.: Mit dieser Phalaśruti endet Adhyāya 2. Es folgt Adhyāya 3 mit der Frage der Weisen nach der Entstehung von Göttern, Dānavas etc. und der berühmten Haryaśva-/Śabalāśva-Erzählung (Nāradas Rolle bei Dakṣas verschwundenen Söhnen).]