Kapitel 222: varṇāśramadharmavarṇanam
Die Darlegung der Kasten- und Lebensstadien-Pflichten
Ein klassisches Manu-artiges Kapitel über die Kastenpflichten (varṇadharma) der vier Stände (Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya, Śūdra) und anschließend die Pflichten der vier Lebensstadien (āśrama): Brahmacārin (Schüler), Gṛhastha (Hausvater), Vānaprastha (Waldeinsiedler) und Bhikṣu/Parivrājaka (Wanderasket). Endet mit zwei Hymnenversen über die yogische Selbstauflösung des vollendeten Asketen und dessen Eingang in die Brahma-Welt.
Die Weisen sprachen: Wir wollen, o Brahmane, insbesondere die Kastenpflichten hören; und die Pflichten der vier Lebensstadien, o Bester der Zweifachgeborenen, verkünde sie uns.
Zum Lebensunterhalt soll er für andere opfern lassen, ebenso Zweifachgeborene unterrichten; wissentlich, ihr Zweifachgeborenen, soll er Gaben annehmen für Opferzwecke.
Wort für Wort
vṛttyarthaṃ yājayet tv anyān dvijān adhyāpayet tathā /
Zum Lebensunterhalt (vṛttyartham) soll er für andere opfern lassen (yājayet tu anyān), Zweifachgeborene unterrichten (dvijān adhyāpayet tathā);
Er soll allen Welten Wohl bereiten, keinem, ihr Zweifachgeborenen, Übles [tun]; Freundschaft gegenüber allen Wesen ist des Brahmanen höchster Reichtum.
Wort für Wort
sarvalokahitaṃ kuryān nāhitaṃ kasyacid dvijāḥ /
Allen Welten Wohl (sarvalokahitam) soll er bereiten (kuryāt), keinem, ihr Zweifachgeborenen (dvijāḥ), Übles [tun] (na ahitam kasyacit);
gavi ratne ca pārakye samabuddhir bhaved dvijāḥ / ṛtāv abhigamaḥ patnyāṃ śasyate vāsya bho dvijāḥ //
Gegenüber einer Kuh und einem Juwel, wenn es einem anderen gehört, soll der Zweifachgeborene gleichmütig sein; der Verkehr mit der Gattin zur rechten Zeit wird ihm gelehrt, o Zweifachgeborene.
Wort für Wort
gavi ratne ca pārakye samabuddhir bhaved dvijāḥ /
Gegenüber einer Kuh und einem Juwel (gavi ratne ca), wenn es einem anderen gehört (pārakye), soll der Zweifachgeborene gleichmütig sein (samabuddhiḥ bhavet dvijāḥ);
Sein Lebenserwerb durch die Waffe, [nämlich] der Schutz der Erde, ist sein vorzüglicher Lebensunterhalt; auch für ihn ist im ersten Rang die Fürsorge für die Erde.
Wort für Wort
śastrājīvo mahīrakṣā pravarā tasya jīvikā /
Sein Lebenserwerb durch die Waffe (śastrājīvaḥ), [nämlich] der Schutz der Erde (mahīrakṣā), ist sein vorzüglicher Lebensunterhalt (pravarā tasya jīvikā);
tasyāpi prathame kalpe pṛthivīparipālanam //
auch für ihn (tasya api) ist im ersten Rang (prathame kalpe) die Fürsorge für die Erde (pṛthivīparipālanam).
Eben durch die Fürsorge für die Erde werden die Herrscher zu solchen, die ihre Pflicht erfüllt haben; denn vom König [hängt] der Schutz der Opfer- und anderer Handlungen [ab].
Wort für Wort
dharitrīpālanenaiva kṛtakṛtyā narādhipāḥ /
Eben durch die Fürsorge für die Erde (dharitrīpālanena eva) werden die Herrscher (narādhipāḥ) zu solchen, die ihre Pflicht erfüllt haben (kṛtakṛtyāḥ bhavanti);
bhavanti nṛpate rakṣā yato yajñādikarmaṇām //
denn (yataḥ) vom König (nṛpate) [hängt] der Schutz (rakṣāḥ) der Opfer- und anderer Handlungen (yajñādikarmaṇām) [ab].
dvijātisaṃśrayaṃ karma tadarthaṃ tena poṣaṇam / krayavikrayajair vāpi dhanaiḥ kārubhavais tu vā //
Die auf die Zweifachgeborenen bezogene [Dienstleistungs-]Handlung, dazu deren Unterhalt, sei es durch aus Kauf und Verkauf stammende Güter oder durch von Handwerk stammende,
Wort für Wort
dvijātisaṃśrayaṃ karma tadarthaṃ tena poṣaṇam /
Die auf die Zweifachgeborenen bezogene [Dienstleistungs-]Handlung (dvijātisaṃśrayam karma), dazu (tadartham) deren Unterhalt (tena poṣaṇam),
krayavikrayajair vāpi dhanaiḥ kārubhavais tu vā //
sei es durch aus Kauf und Verkauf stammende Güter (krayavikrayajaiḥ dhanaiḥ vā api) oder durch von Handwerk stammende (kārubhavaiḥ tu vā).
bhṛtyādibharaṇārthāya sarveṣāṃ ca parigrahāḥ / ṛtukālābhigamanaṃ svadāreṣu dvijottamāḥ //
Zum Unterhalt der Diener u.a. [dient] das Vermögen aller; der Verkehr mit der eigenen Ehefrau zur rechten Zeit [gilt für alle], ihr besten Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
bhṛtyādibharaṇārthāya sarveṣāṃ ca parigrahāḥ /
Zum Unterhalt der Diener u.a. (bhṛtyādibharaṇārthāya) [dient] das Vermögen aller (sarveṣām ca parigrahāḥ);
ṛtukālābhigamanaṃ svadāreṣu dvijottamāḥ //
der Verkehr mit der eigenen Ehefrau zur rechten Zeit (ṛtukālābhigamanam svadāreṣu) [gilt für alle], ihr besten Zweifachgeborenen (dvijottamāḥ).
Freundschaft, ebenso Begierdelosigkeit, desgleichen Nicht-Geiz, ihr besten Zweifachgeborenen, und Neidlosigkeit – dies sind die allen Kasten gemeinsam genannten Tugenden.
Wort für Wort
maitrī caivāspṛhā tadvad akārpaṇyaṃ dvijottamāḥ /
Freundschaft (maitrī), ebenso Begierdelosigkeit (ca eva aspṛhā), desgleichen Nicht-Geiz (tadvat akārpaṇyam), ihr besten Zweifachgeborenen (dvijottamāḥ),
anasūyā ca sāmānyā varṇānāṃ kathitā guṇāḥ //
und Neidlosigkeit (anasūyā ca) – dies sind die allen Kasten gemeinsam genannten Tugenden (sāmānyāḥ varṇānām kathitāḥ guṇāḥ).
āśramāṇāṃ ca sarveṣām ete sāmānyalakṣaṇāḥ / guṇās tathopadharmāś ca viprādīnām ime dvijāḥ //
Und dies sind die allen Lebensstadien gemeinsamen Kennzeichen; ebenso sind dies, ihr Zweifachgeborenen, die Tugenden und Nebenpflichten der Brahmanen u.a.
Wort für Wort
āśramāṇāṃ ca sarveṣām ete sāmānyalakṣaṇāḥ /
Und dies (ete) sind die allen Lebensstadien (āśramāṇām sarveṣām) gemeinsamen Kennzeichen (sāmānyalakṣaṇāḥ);
guṇās tathopadharmāś ca viprādīnām ime dvijāḥ //
ebenso (tathā) sind dies (ime), ihr Zweifachgeborenen (dvijāḥ), die Tugenden und Nebenpflichten (guṇāḥ upadharmāḥ ca) der Brahmanen u.a. (viprādīnām).
In der Not wird dem Zweifachgeborenen die Kṣatriya-Tätigkeit gestattet, ebenso die Vaiśya-Tätigkeit; dem Kṣatriya wird die Vaiśya-[Tätigkeit] gestattet, und beiden die Śūdra-Tätigkeiten,
Die Kṣatriya-Tätigkeit (kṣātram karma) wird dem Zweifachgeborenen [in der Not] gestattet (dvijasya uktam), ebenso die Vaiśya-Tätigkeit (vaiśyakarma tathā āpadi);
rājanyasya ca vaiśyoktaṃ śūdrakarmāṇi caitayoḥ //
dem Kṣatriya (rājanyasya ca) wird die Vaiśya-[Tätigkeit] gestattet (vaiśyoktam), und beiden (etayoḥ ca) die Śūdra-Tätigkeiten (śūdrakarmāṇi).
sasāmarthye sati tyājyam ubhābhyām api ca dvijāḥ / tad evāpadi kartavyaṃ na kuryāt karmasaṃkaram //
wenn aber Fähigkeit [zur eigenen Tätigkeit] besteht, soll dies von beiden aufgegeben werden, ihr Zweifachgeborenen; eben dies [Fremdtätigkeit] soll nur in der Not getan werden – man vermische die Tätigkeiten nicht.
Wort für Wort
sasāmarthye sati tyājyam ubhābhyām api ca dvijāḥ /
Wenn aber Fähigkeit [zur eigenen Tätigkeit] besteht (sasāmarthye sati), soll dies von beiden (ubhābhyām api) aufgegeben werden (tyājyam), ihr Zweifachgeborenen (dvijāḥ);
tad evāpadi kartavyaṃ na kuryāt karmasaṃkaram //
eben dies (tat eva) soll nur in der Not (āpadi) getan werden (kartavyam) – man vermische die Tätigkeiten nicht (na kuryāt karmasaṃkaram).
So wurden diese Kastenpflichten von mir heute wahrlich verkündet, ihr Brahmanen; vernehmet nun auch mich, der ich den Dharma der Lebensstadien wohl verkünde.
Wort für Wort
ity ete kathitā viprā varṇadharmā mayādya vai /
So (iti) wurden diese (ete) Kastenpflichten (varṇadharmāḥ) von mir heute wahrlich verkündet (mayā adya vai kathitāḥ), ihr Brahmanen (viprāḥ);
dharmam āśramiṇāṃ samyag bruvato 'pi nibodhata //
vernehmet nun auch (nibodhata api) mich, der ich den Dharma der Lebensstadien (āśramiṇām dharmam) wohl verkünde (samyak bruvataḥ).
Ein Knabe, dem die Einweihung vollzogen wurde, dem Erwerb des Veda ergeben, im Hause des Lehrers wohnend, ihr Brahmanen, [ist der] Brahmacārin, gesammelten Sinnes,
Wort für Wort
bālaḥ kṛtopanayano vedāharaṇatatparaḥ /
Ein Knabe (bālaḥ), dem die Einweihung vollzogen wurde (kṛtopanayanaḥ), dem Erwerb des Veda ergeben (vedāharaṇatatparaḥ),
guror gehe vasan viprā brahmacārī samāhitaḥ //
im Hause des Lehrers wohnend (guroḥ gehe vasan), ihr Brahmanen (viprāḥ), [ist der] Brahmacārin (brahmacārī), gesammelten Sinnes (samāhitaḥ).
śaucācāraratas tatra kāryaṃ śuśrūṣaṇaṃ guroḥ / vratāni caratā grāhyo vedaś ca kṛtabuddhinā //
der Reinheit und guter Sitte ergeben, [soll] dort den Dienst am Lehrer verrichten; von dem, der die Gelübde übt und entschlossenen Sinnes ist, soll der Veda erfasst werden.
Wort für Wort
śaucācāraratas tatra kāryaṃ śuśrūṣaṇaṃ guroḥ /
der Reinheit und guter Sitte ergeben (śaucācāraratas), soll dort (tatra) den Dienst am Lehrer (śuśrūṣaṇam guroḥ) verrichten (kāryam);
vratāni caratā grāhyo vedaś ca kṛtabuddhinā //
von dem, der die Gelübde übt (vratāni caratā) und entschlossenen Sinnes ist (kṛtabuddhinā), soll der Veda (vedaḥ) erfasst werden (grāhyaḥ ca).
Zu beiden Dämmerungszeiten soll er, ihr Brahmanen, gesammelten Sinnes ebenso die Sonne und das Feuer verehren; ebenso soll er auch die Begrüßung des Lehrers vollziehen.
Zu beiden Dämmerungszeiten (ubhe saṃdhye) soll er, ihr Brahmanen (viprāḥ), gesammelten Sinnes (samāhitaḥ) ebenso die Sonne (ravim) und das Feuer (agnim tathā eva)
upatiṣṭhet tathā kuryād guror apy abhivādanam //
verehren (upatiṣṭhet); ebenso soll er auch (tathā kuryāt api) die Begrüßung des Lehrers (guroḥ abhivādanam) vollziehen.
Wenn [der Lehrer] steht, soll [der Schüler] stehen; wenn [er] geht, gehe [der Schüler]; niedriger sitze er, wenn [jener] sitzt; der Schüler gegenüber dem Lehrer, ihr besten Zweifachgeborenen, meide alles Widerwillige.
Wort für Wort
sthite tiṣṭhed vrajed yāti nīcair āsīta cāsite /
Wenn [der Lehrer] steht (sthite), soll [der Schüler] stehen (tiṣṭhet); wenn [er] geht (vrajet yāti), niedriger (nīcaiḥ) sitze er, wenn [jener] sitzt (āsīta ca āsite);
śiṣyo gurau dvijaśreṣṭhāḥ pratikūlaṃ ca saṃtyajet //
der Schüler (śiṣyaḥ) gegenüber dem Lehrer (gurau), ihr besten Zweifachgeborenen (dvijaśreṣṭhāḥ), meide alles Widerwillige (pratikūlam ca saṃtyajet).
Nur das von diesem [dem Lehrer] Vorgesprochene rezitiere er als Veda, ohne abgelenkten Sinn, vor ihm stehend; und die vom Lehrer erlaubte Bettelspeise esse er dann.
Nur das von diesem [dem Lehrer] Vorgesprochene (tena eva uktam) rezitiere er als Veda (paṭhet vedam), ohne abgelenkten Sinn (na anyacittaḥ), vor ihm stehend (purasthitaḥ);
anujñātaṃ ca bhikṣānnam aśnīyād guruṇā tataḥ //
und die vom Lehrer erlaubte (anujñātam ca guruṇā) Bettelspeise (bhikṣānnam) esse er dann (aśnīyāt tataḥ).
gṛhītagrāhyavedaś ca tato 'nujñām avāpya vai / gārhasthyam āvaset prājño niṣpannaguruniṣkṛtiḥ //
Nachdem er den zu erfassenden Veda erfasst hat, und danach wahrlich die Erlaubnis erlangt hat, wohne der Kluge im Hausstand, seine Schuld an den Lehrer beglichen.
Wort für Wort
gṛhītagrāhyavedaś ca tato 'nujñām avāpya vai /
Nachdem er den zu erfassenden Veda erfasst hat (gṛhītagrāhyavedaḥ ca), und danach (tataḥ) wahrlich (vai) die Erlaubnis erlangt hat (anujñām avāpya),
gārhasthyam āvaset prājño niṣpannaguruniṣkṛtiḥ //
wohne der Kluge (prājñaḥ āvaset) im Hausstand (gārhasthyam), seine Schuld an den Lehrer beglichen (niṣpannaguruniṣkṛtiḥ).
Nachdem er vorschriftsmäßig eine Ehefrau erlangt und durch die eigene Tätigkeit Vermögen erworben hat, soll er das gesamte Hausvater-Werk vollziehen, ihr Brahmanen, nach eigenem Vermögen.
Wort für Wort
vidhināvāptadāras tu dhanaṃ prāpya svakarmaṇā /
Nachdem er vorschriftsmäßig (vidhinā) eine Ehefrau erlangt (avāptadāraḥ tu) und durch die eigene Tätigkeit (svakarmaṇā) Vermögen erworben hat (dhanam prāpya),
Durch die Wasserspende die Ahnen verehrend, mit Opfern die Götter, ebenso mit [Gastspeise] die Gäste, mit Speise die Weisen, mit Studium, mit Nachkommenschaft den Prajāpati [verehrend],
Durch die Wasserspende (nirvāpeṇa) die Ahnen verehrend (pitṝn arcya), mit Opfern die Götter (yajñaiḥ devān), ebenso mit [Gastspeise] die Gäste (tathā atithīn),
annair munīṃś ca svādhyāyair apatyena prajāpatim //
mit Speise die Weisen (annaiḥ munīn ca), mit Studium (svādhyāyaiḥ), mit Nachkommenschaft (apatyena) den Prajāpati (prajāpatim) [verehrend],
mit dem Bali-Opfer die Wesen, mit Wahrhaftigkeit der Rede die gesamte Welt [erfreuend], erlangt der Mensch die durch die eigene Tätigkeit erworbenen Welten.
Wort für Wort
balikarmaṇā bhūtāni vāksatyenākhilaṃ jagat /
mit dem Bali-Opfer (balikarmaṇā) die Wesen (bhūtāni), mit Wahrhaftigkeit der Rede (vāksatyena) die gesamte Welt (akhilam jagat) [erfreuend],
prāpnoti lokān puruṣo nijakarmasamārjitān //
erlangt der Mensch (prāpnoti puruṣaḥ) die durch die eigene Tätigkeit erworbenen (nijakarmasamārjitān) Welten (lokān).
bhikṣābhujaś ca ye kecit parivrāḍ brahmacāriṇaḥ / te 'py atra pratitiṣṭhanti gārhasthyaṃ tena vai param //
Und wer auch immer sich von Bettelspeise ernährt – Wanderasket oder Brahmacārin –, auch diese finden hierin ihren Halt; deshalb ist der Hausstand wahrlich das Höchste.
Wort für Wort
bhikṣābhujaś ca ye kecit parivrāḍ brahmacāriṇaḥ /
Und wer auch immer (ye kecit) sich von Bettelspeise ernährt (bhikṣābhujaḥ ca) – Wanderasket, Brahmacārin (parivrāṭ brahmacāriṇaḥ) –,
te 'py atra pratitiṣṭhanti gārhasthyaṃ tena vai param //
auch diese (te api) finden hierin ihren Halt (atra pratitiṣṭhanti); deshalb (tena) ist der Hausstand (gārhasthyam) wahrlich das Höchste (vai param).
aniketā hy anāhārā ye tu sāyaṃgṛhās tu te / teṣāṃ gṛhasthaḥ satataṃ pratiṣṭhā yonir ucyate //
Wahrlich, ohne festen Wohnsitz und ohne [eigene] Nahrung sind jene, deren Haus [nur] der Abendaufenthalt ist; für sie wird der Hausvater stets als Halt und Quelle bezeichnet.
Wort für Wort
aniketā hy anāhārā ye tu sāyaṃgṛhās tu te /
Wahrlich (hi), ohne festen Wohnsitz und ohne [eigene] Nahrung (aniketāḥ anāhārāḥ) sind jene (ye tu te), deren Haus [nur] der Abendaufenthalt ist (sāyaṃgṛhāḥ tu);
teṣāṃ gṛhasthaḥ satataṃ pratiṣṭhā yonir ucyate //
für sie (teṣām) wird der Hausvater (gṛhasthaḥ) stets (satatam) als Halt und Quelle (pratiṣṭhā yoniḥ) bezeichnet (ucyate).
Für sie [soll] Willkommensgaben [gegeben werden], stets soll man mit ihnen freundlich sprechen; und den ins Haus Gekommenen soll man Lager, Sitz und Speise geben.
Wort für Wort
teṣāṃ svāgatadānāni vaktavyaṃ madhuraṃ sadā /
Für sie (teṣām) [seien] Willkommensgaben [gegeben] (svāgatadānāni); stets (sadā) soll man freundlich sprechen (vaktavyam madhuram);
gṛhāgatānāṃ dadyāc ca śayanāsanabhojanam //
und den ins Haus Gekommenen (gṛhāgatānām) soll man Lager, Sitz und Speise (śayanāsanabhojanam) geben (dadyāt ca).
avajñānam ahaṃkāro dambhaś cāpi gṛhe sataḥ / parivādopaghātau ca pāruṣyaṃ ca na śasyate //
Missachtung, Ich-Hochmut, und auch Heuchelei bei dem, der im Haus lebt, sowie Verleumdung, Kränkung und Grobheit werden nicht gelehrt [d.h. gebilligt].
Wort für Wort
avajñānam ahaṃkāro dambhaś cāpi gṛhe sataḥ /
Missachtung (avajñānam), Ich-Hochmut (ahaṃkāraḥ), und auch Heuchelei (dambhaḥ ca api) bei dem, der im Haus lebt (gṛhe sataḥ),
parivādopaghātau ca pāruṣyaṃ ca na śasyate //
sowie Verleumdung, Kränkung (parivādopaghātau ca) und Grobheit (pāruṣyam ca) werden nicht gebilligt (na śasyate).
Bei fortgeschrittenem Alter soll, ihr Brahmanen, der Hausvater, der seine Pflicht erfüllt hat, die Ehefrau den Söhnen anvertrauend, in den Wald gehen, oder auch zusammen [mit ihr].
Wort für Wort
vayaḥpariṇatau viprāḥ kṛtakṛtyo gṛhāśramī /
Bei fortgeschrittenem Alter (vayaḥpariṇatau), ihr Brahmanen (viprāḥ), soll der Hausvater (gṛhāśramī), der seine Pflicht erfüllt hat (kṛtakṛtyaḥ),
parṇamūlaphalāhāraḥ keśaśmaśrujaṭādharaḥ / bhūmiśāyī bhavet tatra muniḥ sarvātithir dvijāḥ //
Von Blättern, Wurzeln und Früchten sich nährend, Haar, Bart und Flechten tragend, soll er dort auf dem Boden schlafen, ein Weiser, jedem Gast [Gastfreundschaft gewährend], ihr Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
parṇamūlaphalāhāraḥ keśaśmaśrujaṭādharaḥ /
Von Blättern, Wurzeln und Früchten sich nährend (parṇamūlaphalāhāraḥ), Haar, Bart und Flechten tragend (keśaśmaśrujaṭādharaḥ),
bhūmiśāyī bhavet tatra muniḥ sarvātithir dvijāḥ //
soll er dort (tatra) auf dem Boden schlafen (bhūmiśāyī bhavet), ein Weiser (muniḥ), jedem Gast [Gastfreundschaft gewährend] (sarvātithiḥ), ihr Zweifachgeborenen (dvijāḥ).
Aus Fell, Kāśa-Gras und Kuśa-Gras soll er Unter- und Obergewand machen; ebenso wird ihm das dreimalige Bad [täglich] gelehrt, ihr besten Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
carmakāśakuśaiḥ kuryāt paridhānottarīyake /
Aus Fell, Kāśa-Gras und Kuśa-Gras (carmakāśakuśaiḥ) soll er Unter- und Obergewand machen (kuryāt paridhānottarīyake);
tadvat triṣavaṇaṃ snānaṃ śastam asya dvijottamāḥ //
ebenso (tadvat) wird ihm (asya) das dreimalige Bad [täglich] (triṣavaṇam snānam) gelehrt (śastam), ihr besten Zweifachgeborenen (dvijottamāḥ).
Er soll die Zuneigung zu Söhnen, Besitz und Ehefrau aufgeben, ihr besten Zweifachgeborenen, und, allen Neid abgeschüttelt, zum vierten Lebensstadium übergehen.
Wort für Wort
putradravyakalatreṣu tyajet snehaṃ dvijottamāḥ /
Die Zuneigung (sneham) zu Söhnen, Besitz und Ehefrau (putradravyakalatreṣu) soll er aufgeben (tyajet), ihr besten Zweifachgeborenen (dvijottamāḥ);
traivarṇikāṃs tyajet sarvān ārambhān dvijasattamāḥ / mitrādiṣu samo maitraḥ samasteṣv eva jantuṣu //
Er soll alle den drei [höheren] Kasten [eigenen] Unternehmungen aufgeben, ihr besten Zweifachgeborenen; gleichmütig und freundlich gegenüber Freunden u.a., ebenso gegenüber allen Lebewesen,
Alle den drei [höheren] Kasten [eigenen] Unternehmungen (traivarṇikān sarvān ārambhān) soll er aufgeben (tyajet), ihr besten Zweifachgeborenen (dvijasattamāḥ);
mitrādiṣu samo maitraḥ samasteṣv eva jantuṣu //
gleichmütig und freundlich (samaḥ maitraḥ) gegenüber Freunden u.a. (mitrādiṣu), ebenso gegenüber allen Lebewesen (samasteṣu eva jantuṣu).
jarāyujāṇḍajādīnāṃ vāṅmanaḥkarmabhiḥ kvacit / yuktaḥ kurvīta na drohaṃ sarvasaṅgāṃś ca varjayet //
gegenüber Lebendgeborenen, Eigeborenen u.a. soll er niemals mit Rede, Gedanke oder Tat Feindschaft üben, [in solcher Weise] geeint, und alle Anhaftungen meiden.
Wort für Wort
jarāyujāṇḍajādīnāṃ vāṅmanaḥkarmabhiḥ kvacit /
Gegenüber Lebendgeborenen, Eigeborenen u.a. (jarāyujāṇḍajādīnām) soll er niemals (kvacit na) mit Rede, Gedanke oder Tat (vāṅmanaḥkarmabhiḥ)
yuktaḥ kurvīta na drohaṃ sarvasaṅgāṃś ca varjayet //
Feindschaft üben (kurvīta drohaṃ), [in solcher Weise] geeint (yuktaḥ), und alle Anhaftungen meiden (sarvasaṅgān ca varjayet).
ekarātrasthitir grāme pañcarātrasthitiḥ pure / tathā prītir na tiryakṣu dveṣo vā nāsya jāyate //
Eine Nacht Aufenthalt im Dorf, fünf Nächte Aufenthalt in der Stadt; ebenso entsteht bei ihm weder Zuneigung noch Abneigung gegenüber [den Dingen] anderer.
Wort für Wort
ekarātrasthitir grāme pañcarātrasthitiḥ pure /
Eine Nacht Aufenthalt (ekarātrasthitiḥ) im Dorf (grāme), fünf Nächte Aufenthalt (pañcarātrasthitiḥ) in der Stadt (pure);
tathā prītir na tiryakṣu dveṣo vā nāsya jāyate //
ebenso (tathā) entsteht bei ihm (asya jāyate) weder Zuneigung (prītiḥ na) noch Abneigung (dveṣaḥ vā) gegenüber [Fremdem] (tiryakṣu) [?].
[Anm.] 'tiryakṣu' hier vermutlich nicht wörtlich 'bei Tieren', sondern im übertragenen Sinn 'bei Fremdem/Anderem'; sinngemäß übersetzt.
Und nur zur Aufrechterhaltung des Lebens, wenn die Kohlenglut [erloschen ist, d.h.] wenn die Leute [bereits] gegessen haben, durchwandere er zur rechten Zeit bettelnd die Häuser der gelobten Kasten.
Wort für Wort
prāṇayātrānimittaṃ ca vyaṅgāre 'bhuktavajjane /
Und nur zur Aufrechterhaltung des Lebens (prāṇayātrānimittam ca), wenn die Kohlenglut [erloschen ist] (vyaṅgāre), wenn die Leute [bereits] gegessen haben (abhuktavat jane),
alābhe na viṣādī syāl lābhe naiva ca harṣayet / prāṇayātrikamātraḥ syān mātrāsaṅgād vinirgataḥ //
Bei Nicht-Erhalt sei er nicht bekümmert, bei Erhalt freue er sich ebenso wenig; er sei nur auf die Erhaltung des Lebens bedacht, von Anhaftung an das Maß[liche] befreit.
Wort für Wort
alābhe na viṣādī syāl lābhe naiva ca harṣayet /
Bei Nicht-Erhalt (alābhe) sei er nicht bekümmert (na viṣādī syāt), bei Erhalt (lābhe) freue er sich ebenso wenig (na eva ca harṣayet);
prāṇayātrikamātraḥ syān mātrāsaṅgād vinirgataḥ //
er sei nur auf die Erhaltung des Lebens bedacht (prāṇayātrikamātraḥ syāt), von Anhaftung an das Maß[liche] befreit (mātrāsaṅgāt vinirgataḥ).
kāmaḥ krodhas tathā darpo lobhamohādayaś ca ye / tāṃs tu doṣān parityajya parivrāṇ nirmamo bhavet //
Begierde, Zorn, ebenso Hochmut, Gier, Verblendung und was sonst [an Fehlern] existiert – diese Fehler aufgebend, werde der Wanderasket frei von Ich-Bezogenheit.
Wort für Wort
kāmaḥ krodhas tathā darpo lobhamohādayaś ca ye /
Begierde (kāmaḥ), Zorn (krodhaḥ), ebenso Hochmut (tathā darpaḥ), Gier, Verblendung und was sonst [existiert] (lobhamohādayaḥ ca ye) –
tāṃs tu doṣān parityajya parivrāṇ nirmamo bhavet //
diese Fehler (tān doṣān) aufgebend (parityajya), werde der Wanderasket (parivrāṭ) frei von Ich-Bezogenheit (nirmamaḥ bhavet).
kṛtvāgnihotraṃ svaśarīrasaṃsthaṃ śārīram agniṃ svamukhe juhoti / vipras tu bhikṣopagatair havirbhiś citāgninā sa vrajati sma lokān //
Nachdem er das im eigenen Körper befindliche Agnihotra vollzogen hat, opfert er das Körperfeuer in den eigenen Mund; der Brahmane [geht] mit den durch Betteln erlangten Opfergaben, durch das Scheiterhaufenfeuer [seines eigenen Leibes], in [jene] Welten.
Wort für Wort
kṛtvāgnihotraṃ svaśarīrasaṃsthaṃ
Nachdem er das im eigenen Körper befindliche (svaśarīrasaṃstham) Agnihotra vollzogen hat (kṛtvā agnihotram),
śārīram agniṃ svamukhe juhoti /
opfert er (juhoti) das Körperfeuer (śārīram agnim) in den eigenen Mund (svamukhe);
vipras tu bhikṣopagatair havirbhiś
der Brahmane aber (vipraḥ tu) mit den durch Betteln erlangten Opfergaben (bhikṣopagataiḥ havirbhiḥ),
citāgninā sa vrajati sma lokān //
durch das Scheiterhaufenfeuer [des eigenen Leibes] (citāgninā), er (saḥ) geht (vrajati sma) in [jene] Welten (lokān).
[Anm.] Vierzeiliger Hymnenvers im Original (V.55); bezieht sich auf die yogische Selbstauflösung des Asketen ohne äußeres Feuer.
mokṣāśramaṃ yaś carate yathoktaṃ śuciś ca saṃkalpitabuddhiyuktaḥ / anindhanaṃ jyotir iva praśāntaṃ sa brahmalokaṃ vrajati dvijātiḥ //
Wer das Befreiungs-Lebensstadium so übt, wie es gelehrt wurde, rein und mit entschlossenem Verstand ausgestattet, [erlischt] wie ein Licht ohne Brennstoff, erloschen – jener Zweifachgeborene geht in die Brahma-Welt ein.
Wort für Wort
mokṣāśramaṃ yaś carate yathoktaṃ
Wer (yaḥ) das Befreiungs-Lebensstadium (mokṣāśramam) so übt (carate), wie es gelehrt wurde (yathoktam),
śuciś ca saṃkalpitabuddhiyuktaḥ /
rein (śuciḥ ca) und mit entschlossenem Verstand ausgestattet (saṃkalpitabuddhiyuktaḥ),
anindhanaṃ jyotir iva praśāntaṃ
wie ein Licht ohne Brennstoff (anindhanam jyotiḥ iva), erloschen (praśāntam),
sa brahmalokaṃ vrajati dvijātiḥ //
jener (saḥ) Zweifachgeborene (dvijātiḥ) geht in die Brahma-Welt ein (brahmalokam vrajati).
[Anm.] Vierzeiliger Schlussvers im Original (V.56).