Kapitel 14: vṛṣṇyandhakavaṃśānukīrtanam
Das Geschlecht des Kroṣṭu: die Vṛṣṇis und Andhakas bis zur Geburt Kṛṣṇas
57 Verse (im Quelltext von 56 auf 59 springend, s. Anm. zu v.59): die dreifache Vṛṣṇi-Andhaka-Genealogie über Anamitra, Vṛṣṇi und Andhaka; die Śvaphalka/Akrūra-Linie; die Śūra-Linie mit Vasudeva, dessen Schwestern Pṛthā/Kuntī (Mutter der Pāṇḍavas) und Śrutaśravā (Mutter des Śiśupāla); Vasudevas vierzehn Gattinnen und seine Söhne, darunter Balarāma (Rohiṇī) und Kṛṣṇa (Devakī); die obskure Gārgya/Kālayavana-Geburtslegende; und schließlich der Auszug der Vṛṣṇis und Andhakas unter Kṛṣṇas Führung von Mathurā nach Dvārakā aus Furcht vor Kālayavana. Schließt mit einer Phalaśruti-Verheißung.
Von Mādrī aber wurden zwei berühmte Söhne geboren, beide [als] Vṛṣṇi und Andhaka [bekannt]; des Vṛṣṇi zwei Söhne wurden geboren: Śvaphalka und ebenso Citraka.
Wort für Wort
mādryāḥ putrau tu jajñāte
von Mādrī aber wurden zwei Söhne geboren
śrutau vṛṣṇyandhakau ubhau
berühmt, beide Vṛṣṇi und Andhaka
jajñāte tanayau vṛṣṇeḥ
es wurden zwei Söhne des Vṛṣṇi geboren
śvaphalkaḥ citrakaḥ tathā
Śvaphalka und ebenso Citraka
[Anm.: Verhältnis dieser Verse zueinander unklar – ob Vṛṣṇi und Andhaka unmittelbare Söhne Mādrīs sind oder (wahrscheinlicher) Enkel über Yudhājit/Devamīḍhuṣa, bleibt im Text offen; die „dreifache" Teilung (v.2) bezieht sich vermutlich auf die Linien Anamitra/Vṛṣṇi/Andhaka.]
śvaphalkas tu muniśreṣṭhā dharmātmā yatra vartate / nāsti vyādhibhayaṃ tatra nāvarṣas tapam eva ca // BrP_14.4 //
Śvaphalka aber, ihr besten der Weisen, war von rechtschaffener Seele; wo er weilte, dort gab es keine Krankheitsfurcht, keine Dürre und auch keine [übermäßige] Hitze.
Mit Asiknī zeugte Devamīḍhuṣa fürwahr den Śūra. Von der Königin, der Tochter der Bhoja, wurden dem Śūra zehn heldenhafte Männer geboren.
Wort für Wort
asiknyām janayām āsa
mit Asiknī zeugte er
śūram vai devamīḍhuṣam
den Śūra, fürwahr, Devamīḍhuṣa
mahiṣyām jajñire śūrāḥ
von der Königin wurden Helden geboren
bhojyāyām puruṣāḥ daśa
von der Bhoja-Tochter zehn Männer
[Anm.: Grammatischer Sprung – "śūraḥ" ist zunächst Objekt von "janayām āsa" (Devamīḍhuṣa zeugt Śūra); im zweiten Halbvers wird Śūra dann selbst zum Vater der zehn Söhne mit seiner Gattin, der "Bhojyā" (Bhoja-Tochter, hier als "Mahiṣī"/Königin bezeichnet).]
In der gesamten Menschenwelt gab es an Gestalt niemanden auf Erden ihm gleich – jenem vorzüglichsten der Männer, dessen Glanz dem des Mondes gleichkam.
hiraṇyakaśipur yo 'sau daityarājo 'bhavat purā / pṛthukīrtyāṃ tu saṃjajñe tanayo vṛddhaśarmaṇaḥ // BrP_14.21 //
Jener, der einst der Daitya-König Hiraṇyakaśipu war – [als dessen Wiedergeburt] wurde von Pṛthukīrtī der Sohn des Vṛddhaśarman geboren.
Wort für Wort
hiraṇyakaśipuḥ yaḥ asau
jener, der Hiraṇyakaśipu [war]
daityarājaḥ abhavat purā
der einst Daitya-König war
pṛthukīrtyām tu saṃjajñe
von Pṛthukīrtī aber wurde geboren
tanayaḥ vṛddhaśarmaṇaḥ
der Sohn des Vṛddhaśarman
[Anm.: Verweis auf eine Wiedergeburtslehre (Śiśupāla gilt traditionell als Wiedergeburt Hiraṇyakaśipus); der Satz ist stark verkürzt, der Name des Sohnes selbst wird nicht genannt – vermutlich Dantavakra, s. v.22.]
[Das war] der Herrscher von Karūṣa, der Held Dantavakra, der überaus Starke. Kunti machte Pṛthā zu seiner Tochter [adoptierte sie]; Pāṇḍu nahm sie zur Frau.
Wort für Wort
karūṣādhipatiḥ vīraḥ
der Herrscher von Karūṣa, der Held
dantavakraḥ mahābalaḥ
Dantavakra, der überaus Starke
pṛthām duhitaram cakre kuntiḥ
Kunti machte Pṛthā zur Tochter
tām pāṇḍuḥ āvahat
sie nahm Pāṇḍu zur Frau
[Anm.: Gemeint ist wohl: Kuntibhoja adoptierte Pṛthā als Tochter (daher ihr Name „Kuntī"); Pāṇḍu nahm sie später zur Frau. Die Zeilenfolge im Text ist stark elliptisch.]
Mit ihr zeugte der rechtskundige König Dharma [den] Yudhiṣṭhira, ebenso [entstand] Bhīmasena durch [den Windgott] Vāta, und durch Indra Dhanaṃjaya [Arjuna].
In der Welt [war er] ein unvergleichlicher Wagenkämpfer, ein Held von Indra-gleicher Kraft. Von Anamitra, dem jüngeren, dem Sohn des Vṛṣṇi, wurde Śani geboren,
Wort für Wort
loke pratirathaḥ vīraḥ
in der Welt ein unvergleichlicher Wagenkämpfer, ein Held
śakratulyaparākramaḥ
von Indra-gleicher Kraft
anamitrāt śaniḥ jajñe
von Anamitra wurde Śani geboren
kaniṣṭhāt vṛṣṇinandanāt
vom jüngeren, dem Sohn des Vṛṣṇi
[Anm.: Dieser "Anamitra" (Sohn des Vṛṣṇi) ist ein anderer als der gleichnamige Sohn Kroṣṭus/der Gāndhārī aus v.1.]
nivṛttaśatruṃ śatrughnaṃ śrutadevā tv ajāyata / śrutadevātmajās te tu naiṣādir yaḥ pariśrutaḥ // BrP_14.27 //
Śrutadevā aber gebar den Nivṛttaśatru [genannt] Śatrughna. Diese Söhne der Śrutadevā aber [umfassen auch] jenen, der als der Sohn der Niṣāda-Frau berühmt ist,
Wort für Wort
nivṛttaśatrum śatrughnam
den Nivṛttaśatru [genannt] Śatrughna
śrutadevā tu ajāyata
Śrutadevā aber gebar
śrutadevātmajāḥ te tu
diese Söhne der Śrutadevā aber
naiṣādiḥ yaḥ pariśrutaḥ
[und] der, der als Sohn der Niṣāda-Frau berühmt ist
[Anm.: Bezug elliptisch – der Satz scheint anzudeuten, dass Ekalavya (der „Naiṣādi", s. nächste Einheit) mit Śrutadevās Nachkommen assoziiert wird; möglicherweise ist der Text an dieser Stelle verkürzt oder lückenhaft überliefert.]
[das ist] Ekalavya, o beste der Weisen, aufgezogen von den Niṣādas. Dem kinderlosen Vatsavat aber gab der machtvolle Vasudeva, der Śauri, mit Wasserguss seinen leiblichen Sohn Kauśika als Helden [zur Adoption].
Wort für Wort
ekalavyaḥ muniśreṣṭhāḥ
Ekalavya, o beste der Weisen
niṣādaiḥ parivardhitaḥ
von den Niṣādas aufgezogen
vatsavate tu aputrāya
dem kinderlosen Vatsavat aber
vasudevaḥ pratāpavān
der machtvolle Vasudeva
adbhiḥ dadau sutaṃ vīram
gab mit Wasserguss den heldenhaften Sohn
śauriḥ kauśikam aurasam
der Śauri, [seinen] leiblichen [Sohn] Kauśika
[Anm.: Diese Einheit umfasst drei Pāda-Zeilen (wie bereits mehrfach in diesem Werk beobachtet), da die letzte Halbzeile von v.27 grammatisch mit dem Beginn von v.28 zusammengehört.]
[Cārudeṣṇa,] der Held, der niemals ohne Kampf zurückkehrte – der Sohn der Rukmiṇī, der Starkarmige, der Jüngere, o beste der Zweifachgeborenen –
Wort für Wort
asaṃgrāmeṇa yaḥ vīraḥ
der Held, der ohne Kampf
na āvartata kadācana
niemals zurückkehrte
raukmiṇeyaḥ mahābāhuḥ
der Sohn der Rukmiṇī, der Starkarmige
kanīyān dvijasattamāḥ
der Jüngere, o beste der Zweifachgeborenen
[Anm.: Unklar, ob sich dies weiterhin auf Cārudeṣṇa aus v.29 bezieht oder auf einen anderen, gleichnamigen Sohn Kṛṣṇas und der Rukmiṇī; vermutlich Verschränkung zweier gleichnamiger Figuren.]
ihm folgten, wenn er auszog, Tausende von Krähen von hinten nach, [in dem Gedanken:] „Heute werden wir die Schönen [Feinde] verzehren, die von Cārudeṣṇa erschlagen wurden."
Wort für Wort
vāyasānām sahasrāṇi
Tausende von Krähen
yam yāntam pṛṣṭhataḥ anvayuḥ
folgten ihm, wenn er auszog, von hinten nach
cārūn adya upabhokṣyāmaḥ
die Schönen werden wir heute verzehren
cārudeṣṇahatān iti
[die] von Cārudeṣṇa Erschlagenen, [so dachten sie]
So also, das dreifache, vielverzweigte, überaus mächtige Geschlecht des Vṛṣṇi tragend, ist [wer es hört] hier nicht mit Unheil verbunden.
Wort für Wort
vṛṣṇeḥ trividham evaṃ tu
so also das dreifache [Geschlecht] des Vṛṣṇi
bahuśākham mahaujasam
vielverzweigt, überaus mächtig
dhārayan vipulam vaṃśam
das ausgedehnte Geschlecht tragend
na anarthaiḥ iha yujyate
ist hier nicht mit Unheil verbunden
[Anm.: Überleitender, phalaśruti-artiger Vers, der die „dreifache" Vṛṣṇi-Genealogie (vgl. v.2) zusammenfasst, bevor mit v.36 Vasudevas Gattinnen und Kṛṣṇas Geburt geschildert werden.]
Vṛkadevī gebar den großgesinnten Agāvaha; [sie war] die Tochter des Königs von Trigarta, fürwahr die Gattin des Śiśirāyaṇi [Vasudeva].
Wort für Wort
agāvaham mahātmānam
den großgesinnten Agāvaha
vṛkadevī vyajāyata
Vṛkadevī gebar
kanyā trigartarājasya
die Tochter des Königs von Trigarta
bhāryā vai śiśirāyaṇeḥ
fürwahr die Gattin des Śiśirāyaṇi
[Anm.: Der Beiname „Śiśirāyaṇi" für Vasudeva ist hier ungewöhnlich, sonst nicht belegt – wörtlich übernommen, da der Referent (Ehemann der Vṛkadevī = Vasudeva) aus dem Kontext eindeutig ist.]
jijñāsāṃ pauruṣe cakre na caskande ca pauruṣam / kṛṣṇāyasasamaprakhyo varṣe dvādaśame tathā // BrP_14.47 //
Er stellte seine Manneskraft auf die Probe, doch die Manneskraft versagte nicht – [er war] von der Gestalt schwarzen Eisens gleich, ebenso im zwölften Lebensjahr.
Wort für Wort
jijñāsām pauruṣe cakre
er stellte [seine] Manneskraft auf die Probe
na caskande ca pauruṣam
und die Manneskraft versagte nicht
kṛṣṇāyasasamaprakhyaḥ
von der Erscheinung gleich schwarzem Eisen
varṣe dvādaśame tathā
ebenso im zwölften Jahr
[?: Dieser und die folgenden Verse (47-53) leiten zur Kālayavana-Episode über, deren genauer Bezug (wer hier „er" ist – vermutlich Gārgya, s. v.48) und Ablauf im knappen Puranatext nur bruchstückhaft und teils widersprüchlich wiedergegeben sind; wörtlich übersetzt.]
Er wurde [König] der Yavanas, o beste der Weisen – jener Kālayavana; als kampfbereiter Herrscher befragte er den vorzüglichsten der Zweifachgeborenen [Nārada].
So – wer, rein und mit gezügelten Sinnen, dieses Kṛṣṇas Geburt kundig an Festtagen vortragen lässt, der wird schuldenfrei und glücklich.
Wort für Wort
iti kṛṣṇasya janma idam
so, diese Geburt des Kṛṣṇa
yaḥ śuciḥ niyatendriyaḥ
wer, rein, mit gezügelten Sinnen
parvasu śrāvayet vidvān
an Festtagen kundig vortragen lässt
anṛṇaḥ saḥ sukhī bhavet
schuldenfrei, der werde glücklich
[Anm.: Der Quelltext springt von Vers 56 direkt zu Vers 59 (die Verse 57-58 fehlen in dieser Ausgabe, vermutlich eine Nummerierungslücke oder Lakune in der zugrundeliegenden Handschrift); als Einheit mit ihrer ursprünglichen Nummer 59 übernommen. Mit diesem Phalaśruti-Vers endet Adhyāya 14; das folgende Kapitel (BrP 15) setzt mit Kroṣṭus Sohn Vṛjinīvān fort.]