Kapitel 208: sāmbaharaṇaṃ hastināpurākarṣaṇaṃ ca
Der Raub durch Sāmba und die Zerrung Hastināpuras
Sāmba, Sohn Kṛṣṇas und der Jāmbavatī, entführt gewaltsam Duryodhanas Tochter von ihrem svayaṃvara und wird von den Kauravas gefesselt. Balarāma zieht allein nach Hastināpura, wird jedoch wegen seiner Forderung nach Sāmbas Freilassung von den hochmütigen Kauravas verhöhnt; zornentbrannt zieht er mit seinem Pflug die gesamte Stadt Richtung Gaṅgā, bis die erschrockenen Kauravas um Verzeihung bitten und Sāmba samt Gattin und Mitgift freigeben.
Duryodhanas Tochter, die zu ihrer Gemahlswahl [svayaṃvara] gekommen war, um [einen Gatten] zu erblicken, nahm sich der Held Sāmba, Sohn der Jāmbavatī, mit Gewalt.
Wort für Wort
duryodhanasya tanayāṃ svayaṃvarakṛtekṣaṇām /
Duryodhanas Tochter, die zu ihrer Gemahlswahl gekommen war, um [einen Gatten] zu erblicken,
balād ādattavān vīraḥ sāmbo jāmbavatīsutaḥ //
nahm sich der Held Sāmba, Sohn der Jāmbavatī, mit Gewalt.
Da fesselten, erzürnt, die überaus tapferen Karṇa, Duryodhana und andere, sowie ebenso Bhīṣma, Droṇa und andere, ihn, [nachdem sie ihn] im Kampf besiegt [hatten].
Wort für Wort
tataḥ kruddhā mahāvīryāḥ karṇaduryodhanādayaḥ /
Da fesselten, erzürnt, die überaus tapferen Karṇa, Duryodhana und andere,
tān nivārya balaḥ prāha madalolākulākṣaram / mokṣyanti te madvacanād yāsyāmy eko hi kauravān //
Sie zurückhaltend, sprach Bala, seine Worte von Weinrausch verschwommen und verworren: „Sie werden ihn auf mein Wort hin freilassen – ich werde allein zu den Kauravas gehen.”
Wort für Wort
tān nivārya balaḥ prāha madalolākulākṣaram /
Sie zurückhaltend, sprach Bala, seine Worte von Weinrausch verschwommen und verworren:
mokṣyanti te madvacanād yāsyāmy eko hi kauravān //
„Sie werden ihn auf mein Wort hin freilassen – ich werde allein zu den Kauravas gehen.”
baladevas tato gatvā nagaraṃ nāgasāhvayam / bāhyopavanamadhye 'bhūn na viveśa ca tat puram //
Baladeva, dann zu der nach dem Elefanten benannten Stadt [Hastināpura] gegangen, hielt sich inmitten eines äußeren Gartens auf und betrat jene Stadt nicht.
Wort für Wort
baladevas tato gatvā nagaraṃ nāgasāhvayam /
Baladeva, dann zu der nach dem Elefanten benannten Stadt [Hastināpura] gegangen,
bāhyopavanamadhye 'bhūn na viveśa ca tat puram //
hielt sich inmitten eines äußeren Gartens auf und betrat jene Stadt nicht.
Als sie erfuhren, dass Bala angekommen war, boten ihm da Duryodhana und die anderen eine Kuh, das Ehrenwasser [argha] und [Wasch-]Wasser dar; nachdem er dies alles vorschriftsmäßig entgegengenommen hatte, sprach er darauf zu jenen Kauravas:
Wort für Wort
balam āgatam ājñāya tadā duryodhanādayaḥ /
Als sie erfuhren, dass Bala angekommen war,
gām argham udakaṃ caiva rāmāya pratyavedayan /
boten ihm da Duryodhana und die anderen eine Kuh, das Ehrenwasser und [Wasch-]Wasser dar;
gṛhītvā vidhivat sarvaṃ tatas tān āha kauravān //
nachdem er dies alles vorschriftsmäßig entgegengenommen hatte, sprach er darauf zu jenen Kauravas:
Vyāsa sprach: Da, als sie dieses Wort gehört hatten, o Zweifachgeborene, wurden Bhīṣma, Droṇa und die anderen sowie Karṇa, Duryodhana und die anderen zornig, o beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
tatas tadvacanaṃ śrutvā bhīṣmadroṇādayo dvijāḥ /
Da, als sie dieses Wort gehört hatten, o Zweifachgeborene, [wurden] Bhīṣma, Droṇa und die anderen
karṇaduryodhanādyāś ca cukrudhur dvijasattamāḥ //
sowie Karṇa, Duryodhana und die anderen zornig, o beste der Zweifachgeborenen.
ūcuś ca kupitāḥ sarve bāhlikādyāś ca bhūmipāḥ / arājārhaṃ yador vaṃśam avekṣya muśalāyudham //
Und alle, erzürnt, sprachen, samt Bāhlika und den anderen Königen, den pflug-/keulenbewaffneten [Balarāma], den sie als der Yadu-Linie, die des Königtums unwürdig sei, zugehörig betrachteten:
Wort für Wort
ūcuś ca kupitāḥ sarve bāhlikādyāś ca bhūmipāḥ /
Und alle, erzürnt, sprachen, samt Bāhlika und den anderen Königen,
arājārhaṃ yador vaṃśam avekṣya muśalāyudham //
den keulenbewaffneten [Balarāma], den sie als der des Königtums unwürdigen Yadu-Linie zugehörig betrachteten:
Die Kauravas sprachen: „He, he! Was ist das für ein Wort, das von dir, Balabhadra, ausgesprochen wurde? Welcher Yādava wird [je] den aus dem Kuru-Geschlecht Entsprossenen einen Befehl erteilen?
Wort für Wort
bho bhoḥ kim etad bhavatā balabhadreritaṃ vacaḥ /
„He, he! Was ist das für ein Wort, das von dir, Balabhadra, ausgesprochen wurde?
ājñāṃ kurukulotthānāṃ yādavaḥ kaḥ pradāsyati //
Welcher Yādava wird [je] den aus dem Kuru-Geschlecht Entsprossenen einen Befehl erteilen?
Jene Ehrerbietung, die uns Ehrwürdigen von den Kukuras und Andhakas erwiesen wurde – sie war doch gewiss nicht dazu gedacht, dass ein Diener nun seinem Herrn Befehle erteilt!
Wort für Wort
praṇatir yā kṛtāsmākaṃ mānyānāṃ kukurāndhakaiḥ /
Jene Ehrerbietung, die uns Ehrwürdigen von den Kukuras und Andhakas erwiesen wurde –
na nāma sā kṛtā keyam ājñā svāmini bhṛtyataḥ //
sie war doch gewiss nicht dazu gedacht, dass ein Diener nun seinem Herrn Befehle erteilt!
Durch [unsere Gewährung] gleicher Sitze und Mahlzeiten seid ihr zum Hochmut verleitet worden – doch was ist eure Schuld? Es ist [unser eigenes] Verhalten, das euch, obwohl [ihr dessen] unwürdig [seid], derart gefällt.
Wort für Wort
garvam āropitā yūyaṃ samānāsanabhojanaiḥ /
Durch [unsere Gewährung] gleicher Sitze und Mahlzeiten seid ihr zum Hochmut verleitet worden –
ko doṣo bhavatāṃ nītir yat prīṇāty anapekṣitā //
doch was ist eure Schuld? Es ist [unser eigenes] Verhalten, das euch, obwohl [ihr dessen] unwürdig [seid], derart gefällt.
[?: Die genaue syntaktische Beziehung von 'nītir ... prīṇāty anapekṣitā' bleibt unsicher; hier als selbstkritische, sarkastische Bemerkung der Kauravas über die eigene allzu große Nachsicht gegenüber den Yādavas gedeutet.]
asmābhir arcyo bhavatā yo 'yaṃ bala niveditaḥ / premṇaiva na tad asmākaṃ kulād yuṣmatkulocitam //
Diese Verehrung, die dir, o Bala, von uns erwiesen wurde – sie geschah aus bloßer Zuneigung; sie war nicht [etwas], das von unserem Geschlecht eurem Geschlecht [von Rechts wegen] gebührt.”
Wort für Wort
asmābhir arcyo bhavatā yo 'yaṃ bala niveditaḥ /
Diese Verehrung, die dir, o Bala, von uns erwiesen wurde – sie geschah aus bloßer Zuneigung;
premṇaiva na tad asmākaṃ kulād yuṣmatkulocitam //
sie war nicht [etwas], das von unserem Geschlecht eurem Geschlecht [von Rechts wegen] gebührt.”
Vyāsa sprach: Dies gesagt habend, ließen alle Kurus den Sohn Haris [Verwandten, Sāmba] nicht frei; alle, zu einem einzigen Entschluss gelangt, zogen sich in die nach dem Elefanten benannte Stadt zurück.
Wort für Wort
ity uktvā kuravaḥ sarve nāmuñcanta hareḥ sutam /
Dies gesagt habend, ließen alle Kurus den Sohn [Verwandten] Haris nicht frei;
kṛtaikaniścayāḥ sarve viviśur gajasāhvayam //
alle, zu einem einzigen Entschluss gelangt, zogen sich in die nach dem Elefanten benannte Stadt zurück.
mattaḥ kopena cāghūrṇaṃ tato 'dhikṣepajanmanā / utthāya pārṣṇyā vasudhāṃ jaghāna sa halāyudhaḥ //
Berauscht und taumelnd vor Zorn, der aus jener Beschimpfung entstanden war, erhob sich der Pflugträger [Balarāma] und schlug mit der Ferse auf die Erde.
Wort für Wort
mattaḥ kopena cāghūrṇaṃ tato 'dhikṣepajanmanā /
Berauscht und taumelnd vor Zorn, der aus jener Beschimpfung entstanden war,
utthāya pārṣṇyā vasudhāṃ jaghāna sa halāyudhaḥ //
erhob sich der Pflugträger und schlug mit der Ferse auf die Erde.
Da wurde die Erde durch den Fersenschlag des Großmütigen aufgerissen; er klatschte [sich, zum Kampf herausfordernd, auf die Arme], die Himmelsrichtungen mit dem Schall erfüllend, und sprach, seine Augen tiefrot, sein Antlitz vor Zorn gerunzelt:
Wort für Wort
tato vidāritā pṛthvī pārṣṇighātān mahātmanaḥ /
Da wurde die Erde durch den Fersenschlag des Großmütigen aufgerissen;
āsphoṭayām āsa tadā diśaḥ śabdena pūrayan /
er klatschte [sich herausfordernd], die Himmelsrichtungen mit dem Schall erfüllend,
uvāca cātitāmrākṣo bhrukuṭīkuṭilānanaḥ //
und sprach, seine Augen tiefrot, sein Antlitz vor Zorn gerunzelt:
Baladeva sprach: „Ach, welch großer Hochmut dies ist bei diesen nichtigen, bösgesinnten [Männern]! Die Herrschaft der Kauravas ist wohl, [ebenso wie] die unsere, [nur] von der Zeit hervorgebracht!
Wort für Wort
aho mahāvalepo 'yam asārāṇāṃ durātmanām /
Ach, welch großer Hochmut dies ist bei diesen nichtigen, bösgesinnten [Männern]!
kauravāṇām ādhipatyam asmākaṃ kila kālajam //
Die Herrschaft der Kauravas ist wohl, [ebenso wie] die unsere, [nur] von der Zeit hervorgebracht!
[Anm.: Balarāma entgegnet dem Kaurava-Anspruch auf exklusive Königswürde mit dem Argument, jede Herrschaft sei letztlich zeit-/schicksalsbedingt, nicht angeboren.]
ugrasenasya ye nājñāṃ manyante cāpy alaṅghanām / ājñāṃ pratīcched dharmeṇa saha devaiḥ śacīpatiḥ //
Jene, die Ugrasenas Befehl nicht als unübertretbar anerkennen – [dabei] nimmt sogar der Gemahl Śacīs [Indra], zusammen mit den Göttern, [seinen] Befehl gemäß dem Dharma entgegen!
Wort für Wort
ugrasenasya ye nājñāṃ manyante cāpy alaṅghanām /
Jene, die Ugrasenas Befehl nicht als unübertretbar anerkennen –
ājñāṃ pratīcched dharmeṇa saha devaiḥ śacīpatiḥ //
[dabei] nimmt sogar der Gemahl Śacīs, zusammen mit den Göttern, [seinen] Befehl gemäß dem Dharma entgegen!
Ugrasena bewohnt beständig jene Sudharmā-Halle, [einst] dem Gemahl Śacīs [gehörend] – pfui über [euch], deren Zufriedenheit an einem Königsthron [hängt, der nur] der Abfall hundert [gewöhnlicher] Menschen ist!
Somadatta, Śala, Bhīma, Arjuna samt Yudhiṣṭhira, die beiden Zwillinge und die anderen Kauravas – ich werde [sie alle] erschlagen, samt ihren Pferden, Wagen und Elefanten.
Oder aber – vom Götterkönig [Indra] angetrieben, rasch [zur] Erleichterung der Erdenlast [beizutragen], zusammen mit sämtlichen Kauravas und allen übrigen Kurus –
Wort für Wort
athavā kauravādīnāṃ samastaiḥ kurubhiḥ saha /
Oder aber, zusammen mit sämtlichen Kauravas und allen übrigen Kurus,
bhārāvataraṇe śīghraṃ devarājena coditaḥ //
vom Götterkönig [Indra] angetrieben, rasch [zur] Erleichterung der Erdenlast [beizutragen] –
Vyāsa sprach: Dies gesagt habend, setzte der Palmenbannerträger, die Augen rot vor Zorn, seinen Pflug mit der Spitze nach unten in das Fundament der Stadtmauer, und der Keulenträger begann zu ziehen.
und als Bhīṣma, Droṇa, Kṛpa und die anderen sich verneigten und freundliche Worte sprachen, sagte Bala, der Erste der Starken: „Es ist von mir bereits vergeben.”
Wort für Wort
bhīṣmadroṇakṛpādīnāṃ praṇamya vadatāṃ priyam /
und als Bhīṣma, Droṇa, Kṛpa und die anderen sich verneigten und freundliche Worte sprachen,
kṣāntam eva mayety āha balo balavatāṃ varaḥ //
sagte Bala, der Erste der Starken: „Es ist von mir bereits vergeben.”
Noch heute erscheint jene Stadt in schiefer/schwankender Gestalt, o Zweifachgeborene – dies ist die Macht Rāmas, der an Kraft und Heldentum reich ist, o Zweifachgeborene.
Wort für Wort
adyāpy āghūrṇitākāraṃ lakṣyate tat puraṃ dvijāḥ /
Noch heute erscheint jene Stadt in schiefer/schwankender Gestalt, o Zweifachgeborene –
eṣa prabhāvo rāmasya balaśauryavato dvijāḥ //
dies ist die Macht Rāmas, der an Kraft und Heldentum reich ist, o Zweifachgeborene.
tatas tu kauravāḥ sāmbaṃ saṃpūjya halinā saha / preṣayām āsur udvāha-dhanabhāryāsamanvitam //
Dann aber, nachdem sie Sāmba zusammen mit dem Pflugträger [Balarāma] gebührend geehrt hatten, entließen ihn die Kauravas, samt seiner Gattin und dem Hochzeitsgut.
Wort für Wort
tatas tu kauravāḥ sāmbaṃ saṃpūjya halinā saha /
Dann aber, nachdem sie Sāmba zusammen mit dem Pflugträger [Balarāma] gebührend geehrt hatten,
preṣayām āsur udvāha-dhanabhāryāsamanvitam //
entließen ihn die Kauravas, samt seiner Gattin und dem Hochzeitsgut.