Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 242: ahaṃkāravivekaḥ ṣoḍaśakalāvarṇanaṃ ca Die Unterscheidung vom Ich-Bewusstsein und die Darlegung der sechzehn Mondphasen

{vasiṣṭha uvāca: } evam apratibuddhatvād abuddham anuvartate / dehād dehasahasrāṇi tathā ca na sa bhidyate //

Vasiṣṭha sprach: So folgt er, aus dem Zustand des Nicht-Erwachens, dem Unwissenden von Körper zu Körper, tausendfach - und dennoch wird er [das wahre Selbst] dabei nicht [wesentlich] geteilt.

Wort für Wort
evam apratibuddhatvād
so, aus dem Zustand des Nicht-Erwachens
abuddham anuvartate
folgt er dem Unwissenden
dehād dehasahasrāṇi
von Körper zu tausenden Körpern
tathā ca na sa bhidyate
und dennoch wird er nicht geteilt

tiryagyonisahasreṣu kadācid devatāsv api / utpadyati tapoyogād guṇaiḥ saha guṇakṣayāt //

In den tausend Tiergeburten, zuweilen auch unter den Gottheiten, wird er geboren - durch Askese und Yoga, [oder] durch das Schwinden der Guṇas, zusammen mit den Guṇas,

Wort für Wort
tiryagyonisahasreṣu
in den tausend Tiergeburten
kadācid devatāsv api
zuweilen auch unter den Gottheiten
utpadyati tapoyogād
wird er geboren durch Askese und Yoga
guṇaiḥ saha guṇakṣayāt
zusammen mit den Guṇas, durch das Schwinden der Guṇas

manuṣyatvād divaṃ yāti devo mānuṣyam eti ca / mānuṣyān nirayasthānam ālayaṃ pratipadyate //

Vom Menschsein geht er zum Himmel, und als Gott gelangt er wieder zum Menschsein; vom Menschsein aus erreicht er die Wohnstätte des Höllenortes,

Wort für Wort
manuṣyatvād divaṃ yāti
vom Menschsein geht er zum Himmel
devo mānuṣyam eti ca
und als Gott gelangt er zum Menschsein
mānuṣyān nirayasthānam
vom Menschsein zum Höllenort
ālayaṃ pratipadyate
erreicht er die Wohnstätte

koṣakāro yathātmānaṃ kīṭaḥ samabhirundhati / sūtratantuguṇair nityaṃ tathāyam aguṇo guṇaiḥ //

Wie der Kokon-Wurm sich selbst mit den Fäden [seines eigenen] Fadens beständig einschließt, so [umschließt] auch dieser, obwohl eigenschaftslos, sich mit den Guṇas,

Wort für Wort
koṣakāro yathātmānaṃ
wie der Kokon-Wurm sich selbst
kīṭaḥ samabhirundhati
der Wurm einschließt
sūtratantuguṇair nityaṃ
beständig mit den Fäden des Fadens
tathāyam aguṇo guṇaiḥ
so [umschließt] auch dieser, obwohl eigenschaftslos, sich mit den Guṇas

dvaṃdvam eti ca nirdvaṃdvas tāsu tāsv iha yoniṣu / śīrṣaroge 'kṣiroge ca dantaśūle galagrahe //

und, obwohl frei von den Gegensatzpaaren, gerät er in die Gegensatzpaare, in diesen und jenen Mutterschößen hier - in Kopfschmerz, Augenkrankheit, Zahnschmerz, Halsentzündung,

Wort für Wort
dvaṃdvam eti ca nirdvaṃdvas
und, obwohl frei von den Gegensatzpaaren, gerät er in die Gegensatzpaare
tāsu tāsv iha yoniṣu
in diesen und jenen Mutterschößen hier
śīrṣaroge 'kṣiroge ca
in Kopfschmerz und Augenkrankheit
dantaśūle galagrahe
in Zahnschmerz, Halsentzündung

jalodare 'tisāre ca gaṇḍamālāvicarcike / śvitrakuṣṭhe 'gnidagdhe ca sidhmāpasmārayor api //

in Wassersucht, Durchfall, Skrofeln und Hautausschlag, in weißem Aussatz und Lepra, in Brandwunden, und ebenso in Hautflechten und Fallsucht,

Wort für Wort
jalodare 'tisāre ca
in Wassersucht und Durchfall
gaṇḍamālāvicarcike
in Skrofeln und Hautausschlag
śvitrakuṣṭhe 'gnidagdhe ca
in weißem Aussatz, Lepra, Brandwunden
sidhmāpasmārayor api
und auch in Hautflechten und Fallsucht

yāni cānyāni dvaṃdvāni prākṛtāni śarīriṇām / utpadyante vicitrāṇi tāny evātmābhimanyate //

und welche anderen mannigfaltigen, aus der Prakṛti entstehenden Gegensatzpaare den verkörperten Wesen auch entstehen mögen - eben diese hält das Selbst irrtümlich für sich selbst,

Wort für Wort
yāni cānyāni dvaṃdvāni
und welche anderen Gegensatzpaare
prākṛtāni śarīriṇām
aus der Prakṛti, der verkörperten Wesen
utpadyante vicitrāṇi
mannigfaltig entstehen
tāny evātmābhimanyate
eben diese hält das Selbst irrtümlich für sich

abhimānātimānānāṃ tathaiva sukṛtāny api / ekavāsāś caturvāsāḥ śāyī nityam adhas tathā //

und ebenso die guten Werke des Stolzes und Hochmuts: mit einem Gewand, mit vier Gewändern, [oder] beständig auf dem [bloßen] Boden liegend,

Wort für Wort
abhimānātimānānāṃ
des Stolzes und Hochmuts
tathaiva sukṛtāny api
und ebenso die guten Werke
ekavāsāś caturvāsāḥ
mit einem Gewand, mit vier Gewändern
śāyī nityam adhas tathā
beständig auf dem Boden liegend

[Anm.] Es folgt ein langer, bis V.25 reichender Katalog asketischer Übungen, Kleidungs-, Lager- und Speiseformen sowie sozialer Rollen, die das fälschlich identifizierende Selbst sich alle als 'sein eigen' (abhimāna) aneignet.

maṇḍūkaśāyī ca tathā vīrāsanagatas tathā / vīram āsanam ākāśe tathā śayanam eva ca //

und ebenso wie ein Frosch liegend, und ebenso im Heldensitz verweilend, [oder] den Heldensitz in der Luft [einnehmend], und ebenso [dort] liegend,

Wort für Wort
maṇḍūkaśāyī ca tathā
und ebenso wie ein Frosch liegend
vīrāsanagatas tathā
und ebenso im Heldensitz verweilend
vīram āsanam ākāśe
den Heldensitz in der Luft
tathā śayanam eva ca
und ebenso [dort] liegend

iṣṭakāprastare caiva cakrakaprastare tathā / bhasmaprastaraśāyī ca bhūmiśayyānulepanaḥ //

und auf einem Ziegel-Lager, und ebenso auf einem Rad-Lager, und auf einem Asche-Lager liegend, [oder] auf dem bestrichenen bloßen Erdlager,

Wort für Wort
iṣṭakāprastare caiva
auf einem Ziegel-Lager
cakrakaprastare tathā
und ebenso auf einem Rad-Lager
bhasmaprastaraśāyī ca
auf einem Asche-Lager liegend
bhūmiśayyānulepanaḥ
auf dem bestrichenen Erdlager

vīrasthānāmbupāke ca śayanaṃ phalakeṣu ca / vividhāsu ca śayyāsu phalagṛhyānvitāsu ca //

und im 'Helden-Stand' im siedenden Wasser, und auf Brettern liegend, und in mannigfachen Lagern, versehen mit [dornigen] Früchten,

Wort für Wort
vīrasthānāmbupāke ca
und im 'Helden-Stand' im siedenden Wasser
śayanaṃ phalakeṣu ca
und auf Brettern liegend
vividhāsu ca śayyāsu
und in mannigfachen Lagern
phalagṛhyānvitāsu ca
versehen mit [dornigen] Früchten

[?] 'vīrasthānāmbupāke' und 'phalagṛhyānvitāsu' bezeichnen offenbar besonders strenge, im Einzelnen unklare Askesepraktiken (Stehen in siedendem Wasser bzw. mit Dornfrüchten versehene Lagerstätten).

udyāne khalalagne tu kṣaumakṛṣṇājinānvitaḥ / maṇivālaparīdhāno vyāghracarmaparicchadaḥ //

im Garten, an der Dreschtenne haftend, mit Leinen- oder schwarzem Antilopenfell bekleidet, mit einem Juwelen-Schweif-Gewand [?] umhüllt, mit Tigerfell bedeckt,

Wort für Wort
udyāne khalalagne tu
im Garten, an der Dreschtenne haftend
kṣaumakṛṣṇājinānvitaḥ
mit Leinen- oder schwarzem Antilopenfell bekleidet
maṇivālaparīdhāno
mit einem Juwelen-Schweif-Gewand umhüllt
vyāghracarmaparicchadaḥ
mit Tigerfell bedeckt

[?] 'maṇivālaparīdhāno' ('mit einem Juwelen-Schweif-Gewand bekleidet') bleibt in seiner genauen Bedeutung unklar.

siṃhacarmaparīdhānaḥ paṭṭavāsās tathaiva ca / phalakaṃ paridhānaś ca tathā kaṭakavastradhṛk //

mit Löwenfell bekleidet, und ebenso mit Seidengewand, und mit einer Bastschürze bekleidet, und ebenso ein grobes Rindenstoff-Gewand tragend,

Wort für Wort
siṃhacarmaparīdhānaḥ
mit Löwenfell bekleidet
paṭṭavāsās tathaiva ca
und ebenso mit Seidengewand
phalakaṃ paridhānaś ca
und mit einer Bastschürze bekleidet
tathā kaṭakavastradhṛk
und ebenso ein grobes Rindenstoff-Gewand tragend

kaṭaikavasanaś caiva cīravāsās tathaiva ca / vastrāṇi cānyāni bahūny abhimatya ca buddhimān //

und mit einem einzigen groben Bastgewand, und ebenso mit Lumpen-Kleidung bekleidet - und viele andere Kleider sich zueignend, der Weise,

Wort für Wort
kaṭaikavasanaś caiva
und mit einem einzigen groben Bastgewand
cīravāsās tathaiva ca
und ebenso mit Lumpen-Kleidung
vastrāṇi cānyāni bahūny
und viele andere Kleider
abhimatya ca buddhimān
sich zueignend, der Weise

bhojanāni vicitrāṇi ratnāni vividhāni ca / ekarātrāntarāśitvam ekakālikabhojanam //

[eignet er sich zu] mannigfache Speisen und vielfältige Juwelen, das Essen nur jede zweite Nacht, das einmalige Essen am Tag,

Wort für Wort
bhojanāni vicitrāṇi
mannigfache Speisen
ratnāni vividhāni ca
und vielfältige Juwelen
ekarātrāntarāśitvam
das Essen nur jede zweite Nacht
ekakālikabhojanam
das einmalige Essen am Tag

caturthāṣṭamakālaṃ ca ṣaṣṭhakālikam eva ca / ṣaḍrātrabhojanaś caiva tathā cāṣṭāhabhojanaḥ //

das Essen am vierten oder achten Tag, und ebenso am sechsten Tag, und das Essen nach sechs Nächten, und ebenso das Essen nach acht Tagen,

Wort für Wort
caturthāṣṭamakālaṃ ca
das Essen am vierten oder achten Tag
ṣaṣṭhakālikam eva ca
und ebenso am sechsten Tag
ṣaḍrātrabhojanaś caiva
und das Essen nach sechs Nächten
tathā cāṣṭāhabhojanaḥ
und ebenso das Essen nach acht Tagen

māsopavāsī mūlāśī phalāhāras tathaiva ca / vāyubhakṣaś ca piṇyāka-dadhigomayabhojanaḥ //

einen Monat fastend, sich von Wurzeln ernährend, und ebenso von Früchten lebend, sich von Luft ernährend, und sich von Ölkuchen, Sauermilch und Kuhdung ernährend,

Wort für Wort
māsopavāsī mūlāśī
einen Monat fastend, sich von Wurzeln ernährend
phalāhāras tathaiva ca
und ebenso von Früchten lebend
vāyubhakṣaś ca
sich von Luft ernährend
piṇyāka-dadhigomayabhojanaḥ
und sich von Ölkuchen, Sauermilch und Kuhdung ernährend

gomūtrabhojanaś caiva kāśapuṣpāśanas tathā / śaivālabhojanaś caiva tathā cānyena vartayan //

und sich von Kuh-Urin ernährend, und ebenso von Kāśa-Gras-Blüten lebend, und sich von Wasserpflanzen ernährend, und ebenso sich von anderem am Leben erhaltend,

Wort für Wort
gomūtrabhojanaś caiva
und sich von Kuh-Urin ernährend
kāśapuṣpāśanas tathā
und ebenso von Kāśa-Gras-Blüten lebend
śaivālabhojanaś caiva
und sich von Wasserpflanzen ernährend
tathā cānyena vartayan
und ebenso sich von anderem am Leben erhaltend

vartayañ śīrṇaparṇaiś ca prakīrṇaphalabhojanaḥ / vividhāni ca kṛcchrāṇi sevate siddhikāṅkṣayā //

sich am Leben erhaltend mit welken Blättern, und sich von verstreuten Früchten ernährend - er übt die mannigfachen Kṛcchra-Bußübungen aus dem Verlangen nach [übernatürlicher] Vollendung,

Wort für Wort
vartayañ śīrṇaparṇaiś ca
sich am Leben erhaltend mit welken Blättern
prakīrṇaphalabhojanaḥ
und sich von verstreuten Früchten ernährend
vividhāni ca kṛcchrāṇi
die mannigfachen Kṛcchra-Bußübungen
sevate siddhikāṅkṣayā
übt er aus dem Verlangen nach Vollendung

cāndrāyaṇāni vidhival liṅgāni vividhāni ca / cāturāśramyayuktāni dharmādharmāśrayāṇy api //

die Cāndrāyaṇa-Fasten der Vorschrift gemäß, und die mannigfachen äußeren Kennzeichen [der Askese], verbunden mit den vier Lebensstufen, auch die auf Dharma und Adharma beruhenden [Praktiken],

Wort für Wort
cāndrāyaṇāni vidhival
die Cāndrāyaṇa-Fasten der Vorschrift gemäß
liṅgāni vividhāni ca
und die mannigfachen äußeren Kennzeichen
cāturāśramyayuktāni
verbunden mit den vier Lebensstufen
dharmādharmāśrayāṇy api
auch die auf Dharma und Adharma beruhenden

upāśrayān apy aparān pākhaṇḍān vividhān api / viviktāś ca śilāchāyās tathā prasravaṇāni ca //

und auch andere Zufluchtsorte, mannigfache Häresien, und einsame Felsenschatten, und ebenso Quellen,

Wort für Wort
upāśrayān apy aparān
und auch andere Zufluchtsorte
pākhaṇḍān vividhān api
mannigfache Häresien
viviktāś ca śilāchāyās
und einsame Felsenschatten
tathā prasravaṇāni ca
und ebenso Quellen

pulināni viviktāni vividhāni vanāni ca / kānaneṣu viviktāś ca śailānāṃ mahatīr guhāḥ //

einsame Sandbänke [an Flussufern], und mannigfache Wälder, und einsame [Orte] in den Dickichten, und die großen Höhlen der Berge,

Wort für Wort
pulināni viviktāni
einsame Sandbänke [an Flussufern]
vividhāni vanāni ca
und mannigfache Wälder
kānaneṣu viviktāś ca
und einsame [Orte] in den Dickichten
śailānāṃ mahatīr guhāḥ
und die großen Höhlen der Berge

niyamān vividhāṃś cāpi vividhāni tapāṃsi ca / yajñāṃś ca vividhākārān vidyāś ca vividhās tathā //

und die mannigfachen Regeln, und die mannigfachen Bußübungen, und die Opfer von mannigfacher Art, und ebenso die mannigfachen Wissenschaften,

Wort für Wort
niyamān vividhāṃś cāpi
und die mannigfachen Regeln
vividhāni tapāṃsi ca
und die mannigfachen Bußübungen
yajñāṃś ca vividhākārān
und die Opfer von mannigfacher Art
vidyāś ca vividhās tathā
und ebenso die mannigfachen Wissenschaften

vaṇikpathaṃ dvijakṣatra-vaiśyaśūdrāṃs tathaiva ca / dānaṃ ca vividhākāraṃ dīnāndhakṛpaṇādiṣu //

den Kaufmannspfad, und ebenso die Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras, und die Freigebigkeit von mannigfacher Art gegenüber den Armen, Blinden, Elenden und dergleichen,

Wort für Wort
vaṇikpathaṃ
den Kaufmannspfad
dvijakṣatra-vaiśyaśūdrāṃs tathaiva ca
und ebenso die Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras
dānaṃ ca vividhākāraṃ
und die Freigebigkeit von mannigfacher Art
dīnāndhakṛpaṇādiṣu
gegenüber den Armen, Blinden, Elenden und dergleichen

abhimanyeta saṃdhātuṃ tathaiva vividhān guṇān / sattvaṃ rajas tamaś caiva dharmārthau kāma eva ca //

[all dies] eignet er sich an, um es zu verbinden, ebenso die mannigfachen Guṇas: Sattva, Rajas und Tamas, Dharma und Artha, sowie Kāma,

Wort für Wort
abhimanyeta saṃdhātuṃ
eignet er sich an, um es zu verbinden
tathaiva vividhān guṇān
ebenso die mannigfachen Guṇas
sattvaṃ rajas tamaś caiva
Sattva, Rajas und Tamas
dharmārthau kāma eva ca
Dharma und Artha, sowie Kāma

[Anm.] Hier endet der in V.8 begonnene Katalog. Es folgt (V.26-32) die Beschreibung, wie das Selbst sich durch die Prakṛti in solche Rollen und Ritualhandlungen einteilt.

prakṛtyātmānam evātmā evaṃ pravibhajaty uta / svāhākāravaṣaṭkārau svadhākāranamaskriye //

durch die Prakṛti teilt das Selbst sich selbst so ein, [und identifiziert sich] auch mit den Ritual-Ausrufen 'Svāhā' und 'Vaṣaṭ', 'Svadhā' und der Verehrungsgeste,

Wort für Wort
prakṛtyātmānam evātmā
durch die Prakṛti [teilt] das Selbst sich selbst
evaṃ pravibhajaty uta
so teilt es sich ein
svāhākāravaṣaṭkārau
die Ritual-Ausrufe 'Svāhā' und 'Vaṣaṭ'
svadhākāranamaskriye
'Svadhā' und die Verehrungsgeste

yajanādhyayane dānaṃ tathaivāhuḥ pratigraham / yājanādhyāpane caiva tathānyad api kiṃcana //

das Opfern, das Studium, das Schenken, und ebenso, sagen sie, das Annehmen [von Gaben], das Opfern-für-andere, das Lehren, und ebenso auch anderes, was es sonst noch [an Brahmanenpflichten] gibt,

Wort für Wort
yajanādhyayane dānaṃ
das Opfern, das Studium, das Schenken
tathaivāhuḥ pratigraham
und ebenso, sagen sie, das Annehmen
yājanādhyāpane caiva
das Opfern-für-andere, das Lehren
tathānyad api kiṃcana
und ebenso auch anderes

janmamṛtyuvidhānena tathā viśasanena ca / śubhāśubhabhayaṃ sarvam etad āhuḥ sanātanam //

durch die Ordnung von Geburt und Tod, und ebenso durch das [gewaltsame] Zerschneiden [?] - all dies nennen sie die ewige Furcht vor Gutem und Schlechtem,

Wort für Wort
janmamṛtyuvidhānena
durch die Ordnung von Geburt und Tod
tathā viśasanena ca
und ebenso durch das Zerschneiden
śubhāśubhabhayaṃ sarvam
die ganze Furcht vor Gutem und Schlechtem
etad āhuḥ sanātanam
dies nennen sie ewig

[?] 'viśasanena' ('durch Zerschneiden/Schlachten') ist im Kontext ungewöhnlich; die genaue Bedeutung bleibt unsicher.

prakṛtiḥ kurute devī bhayaṃ pralayam eva ca / divasānte guṇān etān atītyaiko 'vatiṣṭhate //

die göttliche Prakṛti bewirkt die Furcht und ebenso die Auflösung; am Ende des Tages [Brahmans], nachdem er diese Guṇas überschritten hat, verweilt er allein,

Wort für Wort
prakṛtiḥ kurute devī
die göttliche Prakṛti bewirkt
bhayaṃ pralayam eva ca
die Furcht und ebenso die Auflösung
divasānte guṇān etān
am Ende des Tages, diese Guṇas
atītyaiko 'vatiṣṭhate
überschritten habend, verweilt er allein

raśmijālam ivādityas tatkālaṃ saṃniyacchati / evam evaiṣa tat sarvaṃ krīḍārtham abhimanyate //

wie die Sonne ihr Strahlennetz [zurückzieht], so zieht er zu jener Zeit [alles zusammen]; ebenso hält sich dieser das alles zum Zwecke des Spiels zueigen,

Wort für Wort
raśmijālam ivādityas
wie die Sonne ihr Strahlennetz
tatkālaṃ saṃniyacchati
zieht er zu jener Zeit zusammen
evam evaiṣa tat sarvaṃ
ebenso hält sich dieser das alles
krīḍārtham abhimanyate
zum Zwecke des Spiels zueigen

ātmarūpaguṇān etān vividhān hṛdayapriyān / evam etāṃ prakurvāṇaḥ sargapralayadharmiṇīm //

diese mannigfachen, dem Herzen lieben Eigenschaften der Selbst-Gestalt - so bewirkend diese [Prakṛti], die dem Gesetz von Schöpfung und Auflösung unterliegt,

Wort für Wort
ātmarūpaguṇān etān
diese Eigenschaften der Selbst-Gestalt
vividhān hṛdayapriyān
mannigfach, dem Herzen lieb
evam etāṃ prakurvāṇaḥ
so diese [Prakṛti] bewirkend
sargapralayadharmiṇīm
die dem Gesetz von Schöpfung und Auflösung unterliegt

kriyāṃ kriyāpathe raktas triguṇas triguṇādhipaḥ / kriyākriyāpathopetas tathā tad iti manyate //

dem Pfad des Handelns zugetan, der Handlung [verhaftet], er, der Dreifach-Guṇa-Beherrschte, dem Pfad von Handlung und Nicht-Handlung verbunden, hält er sich dementsprechend dafür,

Wort für Wort
kriyāṃ kriyāpathe raktas
dem Pfad des Handelns zugetan, der Handlung verhaftet
triguṇas triguṇādhipaḥ
er, der Dreifach-Guṇa-Beherrschte
kriyākriyāpathopetas
dem Pfad von Handlung und Nicht-Handlung verbunden
tathā tad iti manyate
hält er sich dementsprechend dafür

prakṛtyā sarvam evedaṃ jagad andhīkṛtaṃ vibho / rajasā tamasā caiva vyāptaṃ sarvam anekadhā //

Durch die Prakṛti ist diese ganze Welt geblendet gemacht, o Herr; durch Rajas und Tamas ist alles auf mannigfache Weise durchdrungen,

Wort für Wort
prakṛtyā sarvam evedaṃ
durch die Prakṛti ist diese ganze
jagad andhīkṛtaṃ vibho
Welt geblendet gemacht, o Herr
rajasā tamasā caiva
durch Rajas und Tamas
vyāptaṃ sarvam anekadhā
ist alles auf mannigfache Weise durchdrungen

[Anm.] Ab hier (V.33-41) formuliert Vasiṣṭha in wörtlicher Rede das innere Selbstgespräch des sich fälschlich mit dem Ego identifizierenden Selbst ('mama', 'ich/mein') - eine rhetorische Veranschaulichung der eben beschriebenen Täuschung.

evaṃ dvaṃdvāny atītāni mama vartanti nityaśaḥ / matta etāni jāyante pralaye yānti mām api //

'So sind die Gegensatzpaare, die vergangen sind, beständig in mir wirksam; aus mir entstehen sie, und zur Auflösung gehen auch sie zu mir zurück,'

Wort für Wort
evaṃ dvaṃdvāny atītāni
so sind die Gegensatzpaare, die vergangen sind
mama vartanti nityaśaḥ
beständig in mir wirksam
matta etāni jāyante
aus mir entstehen sie
pralaye yānti mām api
zur Auflösung gehen auch sie zu mir

nistartavyāṇy athaitāni sarvāṇīti narādhipa / manyate pakṣabuddhitvāt tathaiva sukṛtāny api //

'diese alle sind zu überwinden' - so, o Herrscher der Menschen, denkt er, aus einseitigem Denken, und ebenso auch die guten Werke [hält er für zu überwinden],

Wort für Wort
nistartavyāṇy athaitāni
diese sind zu überwinden
sarvāṇīti narādhipa
alle, so, o Herrscher der Menschen
manyate pakṣabuddhitvāt
denkt er, aus einseitigem Denken
tathaiva sukṛtāny api
und ebenso auch die guten Werke

bhoktavyāni mamaitāni devalokagatena vai / ihaiva cainaṃ bhokṣyāmi śubhāśubhaphalodayam //

'diese sind von mir zu genießen, wenn ich zur Götterwelt gegangen bin; und schon hier will ich dies genießen, das Entstehen der guten und schlechten Frucht,'

Wort für Wort
bhoktavyāni mamaitāni
diese sind von mir zu genießen
devalokagatena vai
wenn ich zur Götterwelt gegangen bin
ihaiva cainaṃ bhokṣyāmi
und schon hier will ich dies genießen
śubhāśubhaphalodayam
das Entstehen der guten und schlechten Frucht

sukham evaṃ tu kartavyaṃ sakṛt kṛtvā sukhaṃ mama / yāvad eva tu me saukhyaṃ jātyāṃ jātyāṃ bhaviṣyati //

'so ist einmal Glück zu bewirken; nachdem ich einmal mein Glück bewirkt habe, wird mir in jeder Geburt Glück zuteil werden,'

Wort für Wort
sukham evaṃ tu kartavyaṃ
so ist Glück zu bewirken
sakṛt kṛtvā sukhaṃ mama
nachdem ich einmal mein Glück bewirkt habe
yāvad eva tu me saukhyaṃ
wird mir Glück
jātyāṃ jātyāṃ bhaviṣyati
in jeder Geburt zuteil werden

bhaviṣyati na me duḥkhaṃ kṛtenehāpy anantakam / sukhaduḥkhaṃ hi mānuṣyaṃ niraye cāpi majjanam //

'mir wird kein endloses Leid mehr widerfahren durch das, was ich hier getan habe; denn das Menschsein [bringt] Glück und Leid, und auch das Versinken in die Hölle,'

Wort für Wort
bhaviṣyati na me duḥkhaṃ
mir wird kein Leid widerfahren
kṛtenehāpy anantakam
endlos, durch das hier Getane
sukhaduḥkhaṃ hi mānuṣyaṃ
denn das Menschsein [bringt] Glück und Leid
niraye cāpi majjanam
und auch das Versinken in die Hölle

nirayāc cāpi mānuṣyaṃ kālenaiṣyāmy ahaṃ punaḥ / manuṣyatvāc ca devatvaṃ devatvāt pauruṣaṃ punaḥ //

'und auch aus der Hölle werde ich mit der Zeit wieder zum Menschsein gelangen; vom Menschsein zur Gottheit, und von der Gottheit wieder zum Menschsein,'

Wort für Wort
nirayāc cāpi mānuṣyaṃ
und auch aus der Hölle zum Menschsein
kālenaiṣyāmy ahaṃ punaḥ
werde ich mit der Zeit wieder gelangen
manuṣyatvāc ca devatvaṃ
vom Menschsein zur Gottheit
devatvāt pauruṣaṃ punaḥ
und von der Gottheit wieder zum Menschsein

manuṣyatvāc ca nirayaṃ paryāyeṇopagacchati / eṣa evaṃ dvijātīnām ātmā vai sa guṇair vṛtaḥ //

'und vom Menschsein gelangt er der Reihe nach zur Hölle' - so [denkt] dieses Selbst der Zweifachgeborenen, das von den Guṇas umhüllt ist,

Wort für Wort
manuṣyatvāc ca nirayaṃ
und vom Menschsein zur Hölle
paryāyeṇopagacchati
gelangt er der Reihe nach
eṣa evaṃ dvijātīnām
so [denkt] dieses [Selbst] der Zweifachgeborenen
ātmā vai sa guṇair vṛtaḥ
das Selbst, das von den Guṇas umhüllt ist

tena devamanuṣyeṣu nirayaṃ copapadyate / mamatvenāvṛto nityaṃ tatraiva parivartate //

Dadurch gelangt es unter die Götter, Menschen und auch in die Hölle; von der Ich-Bezogenheit beständig umhüllt, kreist es eben dort im Kreislauf,

Wort für Wort
tena devamanuṣyeṣu
dadurch unter die Götter und Menschen
nirayaṃ copapadyate
und auch in die Hölle gelangt es
mamatvenāvṛto nityaṃ
von der Ich-Bezogenheit beständig umhüllt
tatraiva parivartate
kreist es eben dort im Kreislauf

sargakoṭisahasrāṇi maraṇāntāsu mūrtiṣu / ya evaṃ kurute karma śubhāśubhaphalātmakam //

Durch Tausende von Millionen Schöpfungen hindurch, in Gestalten, die im Tod enden - wer so Karma wirkt, von der Natur guter und schlechter Frucht,

Wort für Wort
sargakoṭisahasrāṇi
durch Tausende von Millionen Schöpfungen
maraṇāntāsu mūrtiṣu
in Gestalten, die im Tod enden
ya evaṃ kurute karma
wer so Karma wirkt
śubhāśubhaphalātmakam
von der Natur guter und schlechter Frucht

sa evaṃ phalam āpnoti triṣu lokeṣu mūrtimān / prakṛtiḥ kurute karma śubhāśubhaphalātmakam //

der erlangt so die Frucht, gestaltet in den drei Welten; die Prakṛti wirkt das Karma, von der Natur guter und schlechter Frucht,

Wort für Wort
sa evaṃ phalam āpnoti
der erlangt so die Frucht
triṣu lokeṣu mūrtimān
gestaltet in den drei Welten
prakṛtiḥ kurute karma
die Prakṛti wirkt das Karma
śubhāśubhaphalātmakam
von der Natur guter und schlechter Frucht

prakṛtiś ca tathāpnoti triṣu lokeṣu kāmagā / tiryagyonimanuṣyatve devaloke tathaiva ca //

und die Prakṛti erlangt ebenso, nach Belieben wandelnd, in den drei Welten [ihre Frucht] - im Tierdasein, im Menschsein, und ebenso in der Götterwelt,

Wort für Wort
prakṛtiś ca tathāpnoti
und die Prakṛti erlangt ebenso
triṣu lokeṣu kāmagā
nach Belieben wandelnd, in den drei Welten
tiryagyonimanuṣyatve
im Tierdasein, im Menschsein
devaloke tathaiva ca
und ebenso in der Götterwelt

trīṇi sthānāni caitāni jānīyāt prākṛtāni ha / aliṅgaprakṛtitvāc ca liṅgair apy anumīyate //

diese drei Orte, wisse, sind Wirkungen der Prakṛti; und weil die Prakṛti selbst kein [wahrnehmbares] Merkmal hat, wird sie nur durch [ihre] Merkmale erschlossen,

Wort für Wort
trīṇi sthānāni caitāni
diese drei Orte
jānīyāt prākṛtāni ha
wisse, sind Wirkungen der Prakṛti
aliṅgaprakṛtitvāc ca
und weil die Prakṛti kein Merkmal hat
liṅgair apy anumīyate
wird sie durch Merkmale erschlossen

tathaiva pauruṣaṃ liṅgam anumānād dhi manyate / sa liṅgāntaram āsādya prākṛtaṃ liṅgam avraṇam //

ebenso wird auch das Merkmal des Puruṣa nur durch Erschließung angenommen; er [der Puruṣa], nachdem er ein anderes Merkmal [einen Körper] erlangt hat, [nimmt] das wundlose Merkmal der Prakṛti an,

Wort für Wort
tathaiva pauruṣaṃ liṅgam
ebenso das Merkmal des Puruṣa
anumānād dhi manyate
wird durch Erschließung angenommen
sa liṅgāntaram āsādya
er, ein anderes Merkmal erlangt habend
prākṛtaṃ liṅgam avraṇam
das wundlose Merkmal der Prakṛti

vraṇadvārāṇy adhiṣṭhāya karmāṇy ātmani manyate / śrotrādīni tu sarvāṇi pañca karmendriyāṇy atha //

nachdem er die 'Wund-Tore' [die Sinnesöffnungen] eingenommen hat, hält er die Handlungen für [Handlungen] im Selbst; alle mit dem Gehör beginnenden [Sinnesorgane] und auch die fünf Handlungsorgane,

Wort für Wort
vraṇadvārāṇy adhiṣṭhāya
die 'Wund-Tore' eingenommen habend
karmāṇy ātmani manyate
hält er die Handlungen für [Handlungen] im Selbst
śrotrādīni tu sarvāṇi
alle mit dem Gehör beginnenden [Sinnesorgane]
pañca karmendriyāṇy atha
und die fünf Handlungsorgane

rāgādīni pravartante guṇeṣv iha guṇaiḥ saha / aham etāni vai kurvan mamaitānīndriyāṇi ha //

[durch diese] entstehen Leidenschaft und dergleichen in Bezug auf die Objekte hier, zusammen mit den Guṇas; 'ich bin es, der dies bewirkt, mein sind diese Sinnesorgane' [so denkt er],

Wort für Wort
rāgādīni pravartante
Leidenschaft und dergleichen entstehen
guṇeṣv iha guṇaiḥ saha
in Bezug auf die Objekte hier, zusammen mit den Guṇas
aham etāni vai kurvan
'ich bin es, der dies bewirkt'
mamaitānīndriyāṇi ha
'mein sind diese Sinnesorgane'

nirindriyo hi manyeta vraṇavān asmi nirvraṇaḥ / aliṅgo liṅgam ātmānam akālaṃ kālam ātmanaḥ //

denn ohne Sinnesorgane [zu sein], hält er sich dennoch für 'verwundet', obwohl unverwundbar; ohne Merkmal, hält er das Selbst für [mit] Merkmal [versehen]; zeitlos, hält er das Selbst für der Zeit [unterworfen],

Wort für Wort
nirindriyo hi manyeta
denn ohne Sinnesorgane, hält er sich dennoch
vraṇavān asmi nirvraṇaḥ
für 'verwundet', obwohl unverwundbar
aliṅgo liṅgam ātmānam
ohne Merkmal, das Selbst für [mit] Merkmal
akālaṃ kālam ātmanaḥ
zeitlos, das Selbst für der Zeit [unterworfen]

[Anm.] Hier beginnt eine markante Reihe von Verneinungspaaren (V.49-52), die das wahre, unveränderliche Selbst seiner fälschlichen Selbstidentifikation mit vergänglichen Eigenschaften gegenüberstellt.

asattvaṃ sattvam ātmānam amṛtaṃ mṛtam ātmanaḥ / amṛtyuṃ mṛtyum ātmānam acaraṃ caram ātmanaḥ //

[obwohl] nicht [im gewöhnlichen Sinne] seiend, hält er das Selbst für seiend; unsterblich, hält er das Selbst für sterblich; todlos, hält er das Selbst für dem Tod [unterworfen]; unbeweglich, hält er das Selbst für beweglich,

Wort für Wort
asattvaṃ sattvam ātmānam
unseiend, [hält er] das Selbst für seiend
amṛtaṃ mṛtam ātmanaḥ
unsterblich, [hält er] das Selbst für sterblich
amṛtyuṃ mṛtyum ātmānam
todlos, [hält er] das Selbst für dem Tod [unterworfen]
acaraṃ caram ātmanaḥ
unbeweglich, [hält er] das Selbst für beweglich

akṣetraṃ kṣetram ātmānam asaṅgaṃ saṅgam ātmanaḥ / atattvaṃ tattvam ātmānam abhavaṃ bhavam ātmanaḥ //

[obwohl] kein Feld, hält er das Selbst für ein Feld; unverhaftet, hält er das Selbst für verhaftet; kein [bloßes] Prinzip, hält er das Selbst für ein Prinzip; unentstanden, hält er das Selbst für entstanden,

Wort für Wort
akṣetraṃ kṣetram ātmānam
kein Feld, [hält er] das Selbst für ein Feld
asaṅgaṃ saṅgam ātmanaḥ
unverhaftet, [hält er] das Selbst für verhaftet
atattvaṃ tattvam ātmānam
kein Prinzip, [hält er] das Selbst für ein Prinzip
abhavaṃ bhavam ātmanaḥ
unentstanden, [hält er] das Selbst für entstanden

akṣaraṃ kṣaram ātmānam abuddhatvād dhi manyate / evam apratibuddhatvād abuddhajanasevanāt //

unvergänglich, hält er, aus Unverständnis, das Selbst für vergänglich; so, aus dem Zustand des Nicht-Erwachens, aus dem Umgang mit unerwachten Menschen,

Wort für Wort
akṣaraṃ kṣaram ātmānam
unvergänglich, [hält er] das Selbst für vergänglich
abuddhatvād dhi manyate
denn aus Unverständnis hält er es so
evam apratibuddhatvād
so, aus dem Zustand des Nicht-Erwachens
abuddhajanasevanāt
aus dem Umgang mit unerwachten Menschen

sargakoṭisahasrāṇi patanāntāni gacchati / janmāntarasahasrāṇi maraṇāntāni gacchati //

durchläuft er Tausende von Millionen Schöpfungen, die im Fall enden, und Tausende von Wiedergeburten, die im Tod enden,

Wort für Wort
sargakoṭisahasrāṇi
Tausende von Millionen Schöpfungen
patanāntāni gacchati
die im Fall enden, durchläuft er
janmāntarasahasrāṇi
Tausende von Wiedergeburten
maraṇāntāni gacchati
die im Tod enden, durchläuft er

tiryagyonimanuṣyatve devaloke tathaiva ca / candramā iva kośānāṃ punas tatra sahasraśaḥ //

im Tierdasein, im Menschsein, und ebenso in der Götterwelt - wie der Mond der [Mond-]Häuser, wiederum dort tausendfach,

Wort für Wort
tiryagyonimanuṣyatve
im Tierdasein, im Menschsein
devaloke tathaiva ca
und ebenso in der Götterwelt
candramā iva kośānāṃ
wie der Mond der [Mond-]Häuser
punas tatra sahasraśaḥ
wiederum dort tausendfach

[Anm.] Es folgt ein Gleichnis (V.54-58), das die Wiedergeburten des unerlösten Selbst mit dem An- und Abschwellen der sechzehn Mondphasen (Kalās) vergleicht.

nīyate 'pratibuddhatvād evam eva kubuddhimān / kalā pañcadaśī yonis tad dhāma iti paṭhyate //

wird er, aus dem Zustand des Nicht-Erwachens, ebenso [dahin] geführt, der Übelverständige; die fünfzehnte Phase ist der Mutterschoß - jenes wird als 'Dhāman' [Wohnstätte] bezeichnet,

Wort für Wort
nīyate 'pratibuddhatvād
wird er, aus dem Zustand des Nicht-Erwachens, geführt
evam eva kubuddhimān
ebenso, der Übelverständige
kalā pañcadaśī yonis
die fünfzehnte Phase ist der Mutterschoß
tad dhāma iti paṭhyate
jenes wird als 'Dhāman' bezeichnet

nityam eva vijānīhi somaṃ vai ṣoḍaśāṃśakaiḥ / kalayā jāyate 'jasraṃ punaḥ punar abuddhimān //

wisse, dass der Mond stets in sechzehn Teilen [besteht]; durch [je] eine Phase wird der Unverständige unaufhörlich wieder und wieder geboren,

Wort für Wort
nityam eva vijānīhi
wisse, dass stets
somaṃ vai ṣoḍaśāṃśakaiḥ
der Mond in sechzehn Teilen [besteht]
kalayā jāyate 'jasraṃ
durch [je] eine Phase wird unaufhörlich geboren
punaḥ punar abuddhimān
wieder und wieder der Unverständige

dhīmāṃś cāyaṃ na bhavati nṛpa evaṃ hi jāyate / ṣoḍaśī tu kalā sūkṣmā sa soma upadhāryatām //

und dieser wird nicht weise, o König, denn so wird er [immer wieder nur] geboren; die sechzehnte Phase aber, die feine, ist als der [wahre] Soma zu erkennen,

Wort für Wort
dhīmāṃś cāyaṃ na bhavati
und dieser wird nicht weise
nṛpa evaṃ hi jāyate
o König, denn so wird er geboren
ṣoḍaśī tu kalā sūkṣmā
die sechzehnte Phase aber, die feine
sa soma upadhāryatām
ist als der [wahre] Soma zu erkennen

na tūpayujyate devair devān api yunakti saḥ / mamatvaṃ kṣapayitvā tu jāyate nṛpasattama / prakṛtes triguṇāyās tu sa eva triguṇo bhavet //

Sie [die sechzehnte, subtile Phase] aber wird nicht von den Göttern verbraucht, [vielmehr] verbindet sie sogar die Götter [mit sich]; nachdem er aber die Ich-Bezogenheit vernichtet hat, wird er [wahrhaft] geboren, o bester der Könige - [sonst aber] wird eben er, von der dreifach-gunigen Prakṛti aus, [selbst wieder] dreifach-gunig.

Wort für Wort
na tūpayujyate devair
sie wird nicht von den Göttern verbraucht
devān api yunakti saḥ
vielmehr verbindet sie sogar die Götter
mamatvaṃ kṣapayitvā tu
nachdem er die Ich-Bezogenheit vernichtet hat
jāyate nṛpasattama
wird er [wahrhaft] geboren, o bester der Könige
prakṛtes triguṇāyās tu
von der dreifach-gunigen Prakṛti aus
sa eva triguṇo bhavet
wird eben er selbst dreifach-gunig

[?] Der genaue logische Zusammenhang dieses (im Original dreizeiligen) Verses bleibt in Teilen unsicher; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten Deutung: die subtile 16. Mondphase (der wahre Soma/das wahre Selbst) wird selbst von den Göttern nicht verzehrt, sondern verbindet sie vielmehr mit sich; erst die Überwindung der Ich-Bezogenheit (Mamatva) bedeutet wahre 'Geburt' [Befreiung] - andernfalls bleibt man, aus der dreifach-gunigen Prakṛti hervorgegangen, selbst dreifach-gunig [gebunden].

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