Kapitel 75: gautamaśivastutigaṅgāvataraṇavarṇanam
Gautamas Lobpreis auf dem Kailāsa und der Herabstieg der Gaṅgā auf den Brahmagiri
Auf dem Kailāsa besingt Gautama Śiva mit einem philosophischen Hymnus über dessen achtfache kosmische Gestalt (Erde, Wasser, Feuer/Sonne/Mond, Wind, Äther, Wort, Opfer) und über seine untrennbar mit ihm verbundene Śakti, die – erschüttert von Brahmās Fehltritt (Kap.72) – den Herabstieg der Gaṅgā zur Reinigung der Welt veranlasst. Śiva erscheint zusammen mit Umā und gewährt Gautama, hoch erfreut über dessen Hingabe, jede Gunst. Gautama erbittet zunächst Wohlergehen für alle künftigen Rezitatoren des Hymnus, dann die Freilassung der in Śivas Locken weilenden Gaṅgā auf den Brahmagiri, mit einer ausführlichen Aufzählung ihrer alle anderen Verdienste und Pilgerstätten übertreffenden reinigenden Kraft. Śiva gewährt alles und erklärt die nach Gautama benannte 'Gautamī' zur heiligsten aller Pilgerstätten, ehe er verschwindet. Gautama trägt die Flüsse aus den Locken herbei und betritt, von Göttern und Weisen umjubelt, den Brahmagiri.
{Nārada sprach:} Nachdem er zum Gipfel des Kailāsa gegangen war, was tat der erhabene Weise Gautama dort, welche Askese, oder welchen erhabenen Lobpreis verfasste er?
{brahmovāca:} giriṃ gatvā tato vatsa vācaṃ saṃyamya gautamaḥ / āstīrya sa kuśān prājñaḥ kailāse parvatottame /
{Brahmā sprach:} Nachdem Gautama zum Berg gegangen war, o Kind, seine Rede gezügelt hatte, und der Weise auf dem Kailāsa, dem besten der Berge, Kuśa-Gras ausgebreitet hatte,
{Gautama sprach:} Um denen, die nach Genuss verlangen, den erwünschten Genuss zu gewähren, trägt er acht große, tugendreiche Gestalten – als Soma [Mond] der Menschen, beständig; als 'den Gott, den großen Gott' preisen sie ihn.
Wort für Wort
bhoga-arthinām bhogam abhīpsitam ca
um denen, die nach Genuss verlangen, den erwünschten Genuss
dātum mahānti aṣṭa-vapūṃṣi dhatte
zu gewähren, trägt er acht große Gestalten
somaḥ janānām guṇavanti nityam
als Soma der Menschen, tugendreich, beständig
devam mahādevam iti stuvanti
als 'den Gott, den großen Gott' preisen sie ihn
[Anm.: Beginn eines Hymnus (Stotra) in einem längeren Versmaß mit vier Halbzeilen pro Vers (a/b/c/d), der die Lehre von Śivas 'Aṣṭamūrti' (achtfacher kosmischer Körper: u.a. Erde, Wasser, Feuer, Wind, Äther, Sonne, Mond, Opfer) besingt – hier eigenständig, ohne Rückgriff auf andere Purāṇa-Fassungen dieser Lehre, wörtlich wiedergegeben.]
kartuṃ svakīyair viṣayaiḥ sukhāni / bhartuṃ samastaṃ sacarācaraṃ ca / saṃpattaye hy asya vivṛddhaye ca / mahīmayaṃ rūpam itīśvarasya //
Um mit den ihm eigenen Bereichen Glück zu bereiten, um das Ganze mit dem Beweglichen und Unbeweglichen zu erhalten, zu dessen Gedeihen und Wachstum – so [ist] die erdgestaltige Form des Herrn [zu verstehen].
Wort für Wort
kartum svakīyaiḥ viṣayaiḥ sukhāni
um mit den ihm eigenen Bereichen Glück zu bereiten
bhartum samastam sa-cara-acaram ca
um das Ganze mit dem Beweglichen und Unbeweglichen zu erhalten
saṃpattaye hi asya vivṛddhaye ca
zu dessen Gedeihen und Wachstum
mahī-mayam rūpam iti īśvarasya
so [ist] die erdgestaltige Form des Herrn [zu verstehen]
Für Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung der Erde, um [ihr] eine Grundlage zu geben, nahm der von friedvoller Gestalt seiende Śiva die Wesensform des Wassers an, zum Glück und zur Rechtschaffenheit der Menschen, worauf die Welt gegründet ist.
Wort für Wort
sṛṣṭeḥ sthiteḥ saṃharaṇāya bhūmeḥ
für Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung der Erde
ādhāram ādhātum apām svarūpam
um eine Grundlage zu geben, die Wesensform des Wassers
kālavyavasthām amṛtasravaṃ ca / jīvasthitiṃ sṛṣṭim atho vināśanam / mudaṃ prajānāṃ sukham unnatiṃ ca / cakre 'rkacandrāgnimayaṃ śarīram //
Für die Ordnung der Zeit und das Fließen des Nektars, für den Bestand des Lebens, die Schöpfung und auch die Vernichtung, für die Freude, das Glück und den Aufstieg der Geschöpfe machte er [seinen] Leib aus Sonne, Mond und Feuer.
Wort für Wort
kāla-vyavasthām amṛta-sravam ca
für die Ordnung der Zeit und das Fließen des Nektars
jīva-sthitim sṛṣṭim atho vināśanam
für den Bestand des Lebens, die Schöpfung und die Vernichtung
mudam prajānām sukham unnatim ca
für die Freude, das Glück und den Aufstieg der Geschöpfe
Um Wachstum, Bewegung, Kraft und die unvergänglichen Silben [Mantras], die Ordnung des Lebens und auch mannigfache Freude zu erschaffen, ward [er] zu Vāyu [Wind] – dies ist die Gestalt des Herrn; du selbst kennst dich gewiss, o Erhabener.
Wort für Wort
vṛddhim gatim śaktim atha akṣarāṇi
Wachstum, Bewegung, Kraft und die unvergänglichen Silben
jīva-vyavasthām mudam api anekām
die Ordnung des Lebens und auch mannigfache Freude
sraṣṭum kṛtam vāyuḥ iti īśa-rūpam
um zu erschaffen, ward er zu Vāyu – dies ist die Gestalt des Herrn
bhedair vinā naiva kṛtir na dharmo / nātmīyam anyan na diśo 'ntarikṣam / dyāvāpṛthivyau na ca bhuktimuktī / tasmād idaṃ vyomavapus taveśa //
Ohne Unterscheidungen gäbe es weder Tat noch Recht, weder Eigenes noch Fremdes, weder die Himmelsrichtungen noch den Zwischenraum, weder Himmel und Erde noch Genuss und Erlösung; deshalb ist dies, o Herr, deine ätherhafte Gestalt.
Wort für Wort
bhedaiḥ vinā na eva kṛtiḥ na dharmaḥ
ohne Unterscheidungen gäbe es weder Tat noch Recht
na ātmīyam anyat na diśaḥ antarikṣam
weder Eigenes noch Fremdes, weder Himmelsrichtungen noch Zwischenraum
dharmaṃ vyavasthāpayituṃ vyavasya / ṛksāmaśāstrāṇi yajuś ca śākhāḥ / loke ca gāthāḥ smṛtayaḥ purāṇam / ityādiśabdātmakatām upaiti //
Entschlossen, das Recht zu begründen, nimmt er die Wesensart der Worte an – der Lehrschriften des Ṛg- und Sāmaveda, der Zweige des Yajus, sowie in der Welt der [alten] Gesänge, der Smṛtis und des Purāṇa und dergleichen.
Wort für Wort
dharmam vyavasthāpayitum vyavasya
entschlossen, das Recht zu begründen
ṛk-sāma-śāstrāṇi yajuḥ ca śākhāḥ
die Lehrschriften des Ṛg- und Sāmaveda, die Zweige des Yajus
loke ca gāthāḥ smṛtayaḥ purāṇam
und in der Welt die Gesänge, die Smṛtis, das Purāṇa
iti-ādi-śabda-ātmakatām upaiti
und dergleichen – er nimmt die Wesensart der Worte an
yaṣṭā kratur yāny api sādhanāni / ṛtvikpradeśaṃ phaladeśakālāḥ / tvam eva śaṃbho paramārthatattvaṃ / vadanti yajñāṅgamayaṃ vapus te //
Der Opferer, das Opfer, und was immer die Mittel [dazu sind], der Ort des Priesters, die Frucht, der Ort und die Zeit – du allein, o Śambhu, bist die höchste Wahrheit; sie sagen, dass dein Leib aus den Gliedern des Opfers besteht.
Wort für Wort
yaṣṭā kratuḥ yāni api sādhanāni
der Opferer, das Opfer, und was immer die Mittel
ṛtvik-pradeśam phala-deśa-kālāḥ
der Ort des Priesters, die Frucht, der Ort und die Zeit
tvam eva śaṃbho parama-artha-tattvam
du allein, o Śambhu, bist die höchste Wahrheit
vadanti yajña-aṅga-mayam vapuḥ te
sie sagen, dass dein Leib aus den Gliedern des Opfers besteht
kartā pradātā pratibhūḥ pradānaṃ / sarvajñasākṣī puruṣaḥ paraś ca / pratyātmabhūtaḥ paramārtharūpas / tvam eva sarvaṃ kim u vāgvilāsaiḥ //
Der Handelnde, der Geber, der Bürge, die Gabe [selbst]; der allwissende Zeuge, der höchste Puruṣa; in jedem Selbst gegenwärtig, von der Gestalt der höchsten Wahrheit – du allein bist alles; was nützen da Wortspiele?
Wort für Wort
kartā pradātā pratibhūḥ pradānam
der Handelnde, der Geber, der Bürge, die Gabe
sarva-jña-sākṣī puruṣaḥ paraḥ ca
der allwissende Zeuge, der höchste Puruṣa
pratyātma-bhūtaḥ parama-artha-rūpaḥ
in jedem Selbst gegenwärtig, von der Gestalt der höchsten Wahrheit
na vedaśāstrair gurubhiḥ pradiṣṭo / na nāsi buddhyādibhir apradhṛṣyaḥ / ajo 'prameyaḥ śivaśabdavācyas / tvam asti satyaṃ bhagavan namas te //
Nicht [allein] durch die Veda-Lehrschriften und Lehrer aufgezeigt, und doch bist du nicht nicht-existent; durch Verstand und dergleichen nicht zu bezwingen, ungeboren, unermesslich, mit dem Wort 'Śiva' zu bezeichnen – du bist wahrhaft seiend, o Erhabener, dir sei Verehrung!
Wort für Wort
na veda-śāstraiḥ gurubhiḥ pradiṣṭaḥ
nicht [allein] durch die Veda-Lehrschriften und Lehrer aufgezeigt
na na asi buddhi-ādibhiḥ apradhṛṣyaḥ
und doch bist du nicht nicht-existent, durch Verstand und dergleichen unbezwingbar
ajaḥ aprameyaḥ śiva-śabda-vācyaḥ
ungeboren, unermesslich, mit dem Wort 'Śiva' zu bezeichnen
tvam asti satyam bhagavan namaḥ te
du bist wahrhaft seiend, o Erhabener, dir sei Verehrung
Einst betrachtete Śiva die Einheit seines Selbst, seine eigene Natur, [denkend]: 'Diese Macht ist mein' – da wurde sie sogleich unfassbar gesondert, von unbedenklicher Macht, mit vielfältigen Weltgestalten.
Wort für Wort
ātma-ekatām sva-prakṛtim kadācit
einst die Einheit seines Selbst, seine eigene Natur
aikṣat śivaḥ saṃpat iyam mama iti
betrachtete Śiva, [denkend] 'diese Macht ist mein'
pṛthak tadā eva abhavat apratarkya
da wurde sie sogleich unfassbar gesondert
acintya-prabhāvaḥ bahu-viśva-mūrtiḥ
von unbedenklicher Macht, mit vielfältigen Weltgestalten
[Anm.: Der Vers beschreibt das Hervortreten von Śivas Śakti (Macht/Gemahlin) als eigenständige, doch mit ihm untrennbar verbundene kosmische Kraft – Übergang zum folgenden Lobpreis der Göttin (V15-24).]
bhāve 'bhivṛddhā ca bhave bhave ca / svakāraṇaṃ kāraṇam āsthitā ca / nityā śivā sarvasulakṣaṇā vā / vilakṣaṇā viśvakarasya śaktiḥ //
In jedem Dasein wachsend, in Dasein um Dasein, als die Ursache ihrer eigenen Ursache bestehend, ewig, heilvoll, mit allen guten Merkmalen, doch [zugleich] eigenartig/transzendent – [so ist] die Macht (Śakti) des All-Schöpfers.
Wort für Wort
bhāve abhivṛddhā ca bhave bhave ca
in jedem Dasein wachsend, in Dasein um Dasein
sva-kāraṇam kāraṇam āsthitā ca
als die Ursache ihrer eigenen Ursache bestehend
nityā śivā sarva-su-lakṣaṇā vā
ewig, heilvoll, mit allen guten Merkmalen
vilakṣaṇā viśva-karasya śaktiḥ
doch eigenartig/transzendent – die Macht des All-Schöpfers
Erzeugung, Bestand, Wachstum der Nahrung und die Auflösungen der Seienden – diese ewigen [Vorgänge] sind in ihr; sie ist die einzige Gestalt, und nichts ist ihr unerreichbar – sie ist die Geliebte Haras.
Wort für Wort
utpādanam saṃsthitiḥ anna-vṛddhi
Erzeugung, Bestand, Wachstum der Nahrung
layāḥ satām yatra sanātanāḥ te
die Auflösungen der Seienden, diese ewigen [Vorgänge], darin
Um derentwillen die Lebewesen Speise und Reichtum darbringen und Askese und Rechtschaffenheit üben – sie ist diese Mutter, die Erzeugerin der Welt, die Geliebte Somas [des Mondes], von großem und schönem Ruhm.
Wort für Wort
yat-artham annāni dhanāni jīvāḥ
um derentwillen die Lebewesen Speise und Reichtum
yacchanti kurvanti tapāṃsi dharmān
darbringen und Askese und Rechtschaffenheit üben
sā api iyam ambā jagataḥ janitrī
sie ist diese Mutter, die Erzeugerin der Welt
priyā tu somasya mahā-su-kīrtiḥ
die Geliebte Somas, von großem und schönem Ruhm
[Anm.: 'somasya' ('Somas') bleibt mehrdeutig – gemeint sein könnte der Mond als eine von Śivas in V4 genannten Gestalten oder Śiva selbst unter einem seiner Beinamen; hier wörtlich wiedergegeben.]
yad īkṣitaṃ kāṅkṣati vāsavo 'pi / yannāmato maṅgalam āpnuyāc ca / yā vyāpya viśvaṃ vimalīkaroti / somā sadā somasamānarūpā //
Nach deren Anblick selbst Vāsava [Indra] verlangt, durch deren bloßen Namen man Heil erlangt, die, das Weltall durchdringend, es reinigt – sie, die Somā, stets von mondgleicher Gestalt.
Von jedem Lebewesen von Brahmā an, beweglich und unbeweglich, tragen Verstand, Sinne, Bewusstsein, Geist und Glück durch ihre Gnade beständig Frucht – sie, die überaus liebliche Herrin der Rede des Weltenlehrers.
Wort für Wort
brahma-ādi-jīvasya cara-acarasya
von jedem Lebewesen von Brahmā an, beweglich und unbeweglich
buddhi-akṣi-caitanya-manaḥ-sukhāni
Verstand, Sinne, Bewusstsein, Geist und Glück
yasyāḥ prasādāt phalavanti nityam
tragen durch deren Gnade beständig Frucht
vāk-īśvarī loka-guroḥ su-ramyā
die überaus liebliche Herrin der Rede des Weltenlehrers
caturmukhasyāpi mano malīnaṃ / kim anyajantor iti cintya mātā / gaṅgāvatāraṃ vividhair upāyaiḥ / sarvaṃ jagat pāvayituṃ cakāra //
'Selbst der Geist des Vierantlitzigen [Brahmā] wurde befleckt – was erst bei einem anderen Geschöpf!' So bedenkend, bewirkte die Mutter mit mannigfachen Mitteln den Herabstieg der Gaṅgā, um die ganze Welt zu reinigen.
Wort für Wort
catur-mukhasya api manaḥ malīnam
selbst der Geist des Vierantlitzigen wurde befleckt
kim anya-jantoḥ iti cintya mātā
was erst bei einem anderen Geschöpf, so bedenkend die Mutter
gaṅgā-avatāram vividhaiḥ upāyaiḥ
den Herabstieg der Gaṅgā mit mannigfachen Mitteln
sarvam jagat pāvayitum cakāra
bewirkte sie, um die ganze Welt zu reinigen
[Anm.: Diese Zeile stellt die ausdrückliche Verbindung zur in Kap.72 erzählten Episode von Brahmās unwillkürlichem Fehltritt her: Die Göttin selbst veranlasst daraufhin Gaṅgās Herabstieg zur Reinigung der Welt.]
śrutīḥ samālakṣya haraprabhutvaṃ / viśvasya lokaḥ sakalaiḥ pramāṇaiḥ / kṛtvā ca dharmān bubhuje ca bhogān / vibhūtir eṣā tu sadāśivasya //
Nachdem die Welt Haras Herrschaft über das All durch die Schriften mit allen [gültigen] Beweismitteln erkannt hatte, hat sie ihre Pflichten erfüllt und die [rechtmäßigen] Genüsse genossen; dies ist die Machtentfaltung des Sadāśiva.
Wort für Wort
śrutīḥ samālakṣya hara-prabhutvam
nachdem sie durch die Schriften Haras Herrschaft erkannt hatte
viśvasya lokaḥ sakalaiḥ pramāṇaiḥ
die Welt des Alls mit allen [gültigen] Beweismitteln
kṛtvā ca dharmān bubhuje ca bhogān
hat ihre Pflichten erfüllt und die Genüsse genossen
kāryakriyākārakasādhanānāṃ / vedoditānām atha laukikānām / yat sādhyam utkṛṣṭatamaṃ priyaṃ ca / proktā ca sā siddhir anādikartuḥ //
Von den Werken, Handlungen, Handelnden und Mitteln, sei es vedisch verkündet oder weltlich – was auch immer zu erreichen ist, das Vortrefflichste und Liebste – das wird als die Vollendung des anfanglosen Schöpfers bezeichnet.
Wort für Wort
kārya-kriyā-kāraka-sādhanānām
von den Werken, Handlungen, Handelnden und Mitteln
veda-uditānām atha laukikānām
sei es vedisch verkündet oder weltlich
yat sādhyam utkṛṣṭatamam priyam ca
was zu erreichen ist, das Vortrefflichste und Liebste
proktā ca sā siddhiḥ anādi-kartuḥ
das wird als die Vollendung des anfanglosen Schöpfers bezeichnet
Nach Meditation über das höchste Brahman, das oberste, erste Prinzip, das die Wesenheit ist, das zu verehren ist, nach dessen Erlangung die Befreiten nicht wiedergeboren werden – für die wahren Yogins ist jene Erlösung eben Umās Gemahl [Śiva] selbst.
Wort für Wort
dhyātvā varam brahma param pradhānam
nach Meditation über das höchste Brahman, das oberste Prinzip
yat sāra-bhūtam yat upāsitavyam
das die Wesenheit ist, das zu verehren ist
yat prāpya muktāḥ na punaḥ bhavanti
nach dessen Erlangung die Befreiten nicht wiedergeboren werden
sat-yoginaḥ muktiḥ umā-patiḥ saḥ
für die wahren Yogins ist jene Erlösung Umās Gemahl selbst
In welcher Weise auch Śambhu, von unermesslicher Schöpferkraft, Gestalten zum Wohl der Welt annimmt, in ebendieser Weise nimmst auch du die zur Vereinigung mit ihm geeigneten [Gestalten] an – so [zeigt sich] deine Gattentreue, o Mutter.
Wort für Wort
yathā yathā śaṃbhuḥ ameya-māyā
in welcher Weise auch Śambhu, von unermesslicher Schöpferkraft
rūpāṇi dhatte jagataḥ hitāya
Gestalten zum Wohl der Welt annimmt
tat-yoga-yogyāni tathā eva dhatse
in ebendieser Weise nimmst du die zur Vereinigung geeigneten [Gestalten] an
{Brahmā sprach:} Während er so pries, [erschien] vor ihm der mit dem Stier im Banner [Śiva], der glanzvolle, zusammen mit Umā, umgeben von Gaṇeśa und anderen Scharen,
{śiva uvāca:} kiṃ te gautama dāsyāmi bhaktistotravrataiḥ śubhaiḥ / parituṣṭo 'smi yācasva devānām api duṣkaram //
{Śiva sprach:} 'Was soll ich dir geben, Gautama? Durch [deine] Hingabe, Lobpreisung und heilvollen Gelübde bin ich hoch zufrieden; erbitte, selbst was für die Götter schwer erlangbar ist.'
{Brahmā sprach:} Nachdem er dieses Wort des Weltgestaltigen gehört hatte, der redegewandte Gautama, seine Glieder von Freudentränen umflossen, dachte nach:
Wort für Wort
iti śrutvā jagat-mūrteḥ vākyam
nachdem er dieses Wort des Weltgestaltigen gehört hatte
vākya-viśāradaḥ
der redegewandte [Gautama]
harṣa-bāṣpa-parīta-aṅgaḥ gautamaḥ
Gautama, seine Glieder von Freudentränen umflossen
aho daivam aho dharmo hy aho vai viprapūjanam / aho lokagatiś citrā aho dhātar namo 'stu te //
'Ach, [welch] Schicksal! Ach, [welche] Rechtschaffenheit! Ach, wahrlich, [welch] Ehrung eines Brahmanen! Ach, wie wunderbar ist der Lauf der Welt! Ach, Schöpfer, dir sei Verehrung!'
{gautama uvāca:} jaṭāsthitāṃ śubhāṃ gaṅgāṃ dehi me tridaśārcita / yadi tuṣṭo 'si deveśa trayīdhāma namo 'stu te //
{Gautama sprach:} 'Gib mir die in [deinen] Locken befindliche, heilvolle Gaṅgā, o von den Göttern Verehrter, wenn du zufrieden bist, Herr der Götter, Wohnstatt der drei [Veden] – dir sei Verehrung!'
Wort für Wort
jaṭā-sthitām śubhām gaṅgām
die in [deinen] Locken befindliche, heilvolle Gaṅgā
{gautama uvāca:} stotreṇānena ye bhaktās tvāṃ ca devīṃ stuvanti vai / sarvakāmasamṛddhāḥ syur etad dhi varayāmy aham //
{Gautama sprach:} 'Welche Verehrer mit diesem Hymnus dich und die Göttin preisen, mögen sie in allen Wünschen gedeihen – eben dies erbitte ich als Gunst.'
{Gautama sprach:} 'Diese in [deinen] Locken befindliche Göttin, die Reinigerin, die Reinigerin der Welt, deine Geliebte, o Herr der Welt – entlasse sie auf Brahmās Berg.'
sarvāsāṃ tīrthabhūtā tu yāvad gacchati sāgaram / brahmahatyādipāpāni manovākkāyikāni ca /
Möge sie, die zur [höchsten] Pilgerstätte unter allen wird, solange sie zum Meer fließt, alle Sünden – die Tötung eines Brahmanen und andere, mit Geist, Wort und Körper [begangen] –
durch bloßes Baden [in ihr] alle zum Verschwinden bringen, o Śaṃkara. Was bei Mond- oder Sonnenfinsternis, bei der Sonnenwende, ebenso bei der Tagundnachtgleiche,
Wort für Wort
snāna-mātreṇa sarvāṇi vilayam yāntu
durch bloßes Baden mögen alle zum Verschwinden gebracht werden
śaṃkara
o Śaṃkara
candra-sūrya-uparāge ca
bei Mond- oder Sonnenfinsternis
ayane viṣuve tathā
bei der Sonnenwende, ebenso bei der Tagundnachtgleiche
saṃkrāntau vaidhṛtau puṇyatīrtheṣv anyeṣu yat phalam / asyās tu smaraṇād eva tat puṇyaṃ jāyatāṃ hara //
bei der Sonnenwanderung [Saṃkrānti], bei der Vaidhṛti-Konjunktion, oder an anderen heiligen Pilgerstätten [erlangt wird] – welche Frucht [dort ist], möge dieses Verdienst, o Hara, allein durch das Gedenken an sie entstehen.
Wort für Wort
saṃkrāntau vaidhṛtau
bei der Sonnenwanderung, bei der Vaidhṛti-Konjunktion
puṇya-tīrtheṣu anyeṣu yat phalam
an anderen heiligen Pilgerstätten, welche Frucht [dort ist]
ślāghyaṃ kṛte tapaḥ proktaṃ tretāyāṃ yajñakarma ca / dvāpare yajñadāne ca dānam eva kalau yuge /
Im Kṛta[-Zeitalter] ist Askese als preisenswert erklärt, in der Tretā das Opferwerk, im Dvāpara Opfer und Gabe, im Kali-Zeitalter aber die Gabe allein;
Wort für Wort
ślāghyam kṛte tapaḥ proktam
im Kṛta[-Zeitalter] ist Askese als preisenswert erklärt
yugadharmāś ca ye sarve deśadharmās tathaiva ca / deśakālādisaṃyoge yo dharmo yatra śasyate /
und was auch immer alle Zeitalterpflichten und ebenso die ortsgebundenen Pflichten [sind], welche Pflicht auch immer, im Zusammentreffen von Ort, Zeit und dergleichen, irgendwo als [maßgeblich] gepriesen wird –
Wort für Wort
yuga-dharmāḥ ca ye sarve
und was auch immer alle Zeitalterpflichten
deśa-dharmāḥ tathā eva ca
und ebenso die ortsgebundenen Pflichten [sind]
deśa-kāla-ādi-saṃyoge
im Zusammentreffen von Ort, Zeit und dergleichen
yaḥ dharmaḥ yatra śasyate
welche Pflicht irgendwo als [maßgeblich] gepriesen wird
yad anyatra kṛtaṃ puṇyaṃ snānadānādisaṃyamaiḥ / asyās tu smaraṇād eva tat puṇyaṃ jāyatāṃ hara //
welches Verdienst auch immer anderswo durch Baden, Gaben und andere Disziplinen erworben wird – möge dieses Verdienst, o Hara, allein durch das Gedenken an sie entstehen.
Wort für Wort
yat anyatra kṛtam puṇyam
welches Verdienst auch immer anderswo erworben wird
tat pitṝṇāṃ ca teṣāṃ ca snānāyāgacchatāṃ śiva / snāne cāpy antare mṛtyor muktibhājo bhavantu vai //
für deren Ahnen und für jene, die zum Baden kommen, o Śiva, und selbst für den, der während des Bades im Augenblick des Todes [stirbt] – mögen sie wahrhaft der Erlösung teilhaftig werden.
Wort für Wort
tat pitṝṇām ca teṣām ca
für deren Ahnen und für jene
snānāya āgacchatām śiva
die zum Baden kommen, o Śiva
snāne ca api antare mṛtyoḥ
und selbst während des Bades im Augenblick des Todes
{brahmovāca:} tad gautamavacaḥ śrutvā tathāstv ity abravīc chivaḥ / asyāḥ parataraṃ tīrthaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati //
{Brahmā sprach:} Nachdem er dieses Wort Gautamas gehört hatte, sprach Śiva: 'So sei es; eine Pilgerstätte höher als diese hat es nicht gegeben und wird es nicht geben.'
satyaṃ satyaṃ punaḥ satyaṃ vede ca pariniṣṭhitam / sarveṣāṃ gautamī puṇyā ity uktvāntaradhīyata //
'Wahr, wahr, nochmals wahr, und im Veda fest begründet: Die Gautamī ist die heiligste von allen' – so sprechend, verschwand er.
Wort für Wort
satyam satyam punaḥ satyam
wahr, wahr, nochmals wahr
vede ca pariniṣṭhitam
und im Veda fest begründet
sarveṣām gautamī puṇyā
die Gautamī ist die heiligste von allen
iti uktvā antaradhīyata
so sprechend, verschwand er
[Anm.: 'Gautamī' – der nach Gautama benannte Gaṅgā-Zweig; dieser Name entspricht dem auch andernorts geläufigen Beinamen der Godāvarī als 'Gautamī Gaṅgā'.]
tato gate bhagavati lokapūjite / tadājñayā pūrṇabalaḥ sa gautamaḥ / jaṭāṃ samādāya saridvarāṃ tāṃ / surair vṛto brahmagiriṃ viveśa //
Als der von der Welt verehrte Erhabene dann gegangen war, betrat jener Gautama, von dessen Befehl mit voller Kraft erfüllt, nachdem er jenen besten der Flüsse aus den Locken genommen hatte, von Göttern umgeben, den Brahmagiri.
Wort für Wort
tataḥ gate bhagavati loka-pūjite
als der von der Welt verehrte Erhabene gegangen war
tat-ājñayā pūrṇa-balaḥ sa gautamaḥ
jener Gautama, von dessen Befehl mit voller Kraft erfüllt
jaṭām samādāya sarit-varām tām
nachdem er jenen besten der Flüsse aus den Locken genommen hatte
suraiḥ vṛtaḥ brahma-girim viveśa
von Göttern umgeben betrat er den Brahmagiri
[Anm.: Dieser Schlussvers besteht im Original aus vier Halbzeilen (a/b/c/d) in einem längeren Versmaß, wie bereits mehrfach zuvor belegt.]
tatas tu gautame prāpte jaṭām ādāya nārada / puṣpavṛṣṭir abhūt tatra samājagmuḥ sureśvarāḥ /
Als Gautama dann angekommen war, nachdem er [die Gaṅgā] aus den Locken genommen hatte, o Nārada, fiel dort ein Blumenregen, und die Herren der Götter versammelten sich,
Wort für Wort
tataḥ tu gautame prāpte
als Gautama dann angekommen war
jaṭām ādāya nārada
nachdem er [sie] aus den Locken genommen hatte, o Nārada