Kapitel 92: pāpapraṇāśanadhautapāpatīrthamāhātmyavarṇanam (gālavatīrtham)
Die Größe des Pāpapraṇāśana-/Dhautapāpa-Tīrtha (Gālava-Tīrtha): die Erzählung von Sanājjāta und Mahī
Eine der ergreifendsten Erzählungen des Brahma-Purāṇa: Der Brahmane Dhṛtavrata stirbt jung und hinterlässt seine schöne Frau Mahī und den kleinen Sohn Sanājjāta. Mahī übergibt den Sohn dem Weisen Gālava zur Erziehung und verfällt selbst, von Sünde verblendet, einem zuchtlosen Wanderleben als Kurtisane. Der Sohn, im Āśrama zum Vedengelehrten herangewachsen, erbt durch den 'Fehler der Mutter' einen auf Dirnen gerichteten Sinn und lässt sich, ohne es zu wissen, im vielvölkrigen Janasthāna nieder – wo sich, ebenfalls unerkannt, auch seine Mutter als Kurtisane niedergelassen hat. Durch Schicksalsfügung (vidhi) kommt es zur unwissentlichen Vereinigung von Mutter und Sohn. Gālava bemerkt an Sanājjāta eine rätselhafte Doppelgestalt: aussätzig-hässlich vor dem morgendlichen Bad in der Gautamī, strahlend-schön danach. Als sich bei der nächtlichen Befragung durch gegenseitige Fragen die wahre Identität beider enthüllt, sind Mutter und Sohn zutiefst erschüttert; Gālava aber erklärt, dass die Gautamī sie durch das tägliche Bad bereits täglich reinigt, und dass echte Reue (verbunden mit natürlicher Elternliebe) die Sünde endgültig tilgt. Nach gemeinsamem Bad werden beide von aller Sünde befreit – Ursprung der Namen 'Pāpapraṇāśana' ('Sündenvernichter'), 'Dhautapāpa' ('Sündenabgewaschen') und 'Gālava-Tīrtha'.
Brahmā sprach: Das Tīrtha namens Pāpapraṇāśana ('Sündenvernichter'), das die Furcht vor Sünde vertreibt – seinen Namensursprung will ich verkünden; höre sorgfältig zu, Nārada.
Nachdem sie ihm den Sohn anvertraut hatte, wurde sie zuchtlos, von Sünde verblendet; sie durchwanderte viele Länder, nach Männern begehrend, ihren Gelüsten folgend.
Ihr Sohn, im Haus des Gālava, wurde ein Meister der Veden und Vedāṅgas; doch obwohl so geboren, wurde er durch den Fehler der Mutter mit auf Dirnen gerichtetem Sinn.
An dem als Janasthāna bekannten Ort, der von Angehörigen verschiedenster Herkunft bewohnt ist, dort weilte in der Tracht einer Feilgebotenen auch Mahī.
mene na putram ātmīyaṃ sa cāpi na tu mātaram / tayoḥ samāgamaś cāsīd vidhinā mātṛputrayoḥ //
Sie erkannte ihn nicht als ihren eigenen Sohn, und auch er erkannte nicht die Mutter; durch Schicksalsfügung kam es zur Vereinigung von Mutter und Sohn.
Wort für Wort
mene na putram ātmīyaṃ
sie erkannte ihn nicht als eigenen Sohn,
sa cāpi na tu mātaram
und auch er nicht als Mutter,
tayoḥ samāgamaś cāsīd
es kam zur Vereinigung von ihnen beiden,
vidhinā mātṛputrayoḥ
durch Schicksalsfügung, von Mutter und Sohn
[Anm.: Zentrales, moralisch erschütterndes Motiv der Erzählung – unwissentliche Vereinigung von Mutter und Sohn durch Schicksal (vidhi), das im weiteren Verlauf durch Erkenntnis, Reue und rituelle Reinigung an der Gautamī aufgelöst wird.]
So fortlebend, hatte er dennoch, trotz seines schlechten Lebenswandels, durch die von seinem Vater ererbte Pflichterfüllung einen guten Verstand behalten – höre, Nārada, wie wunderlich das ist.
Wort für Wort
evaṃ pravartamānasya
so fortlebend,
pitṛdharmeṇa sanmatiḥ
durch die väterliche Pflicht(erfüllung), guter Verstand,
āsīt tasyāpy asadvṛtteḥ
war bei ihm, trotz seines schlechten Lebenswandels,
svairasthityā vartamāno nedaṃ sa parihātavān / brāhmīṃ saṃdhyām anuṣṭhāya tad ūrdhvaṃ tu dhanārjanam //
Obwohl er in zuchtlosem Zustand lebte, hatte er dies nicht aufgegeben: nach Vollzug der brahmanischen Dämmerungsandacht ging er danach dem Gelderwerb nach.
śaucādi snānasaṃdhyādi sarvaṃ kāryaṃ yathākramam / kṛtvā tu brāhmaṇān natvā tato 'bhyeti svakarmasu //
Und verrichtete Reinigung, Baden, Dämmerungsandacht und all die rituellen Pflichten der Reihe nach; nachdem er sich vor den Brahmanen verneigt hatte, ging er darauf seinen eigenen Geschäften nach.
Wort für Wort
śaucādi snānasaṃdhyādi
Reinigung, Baden, Dämmerungsandacht und dergleichen,
Wenn er aber, nachdem er in der Gautamī-Gaṅgā gebadet hatte, wegging, trug er schöne Gestalt: friedvoll, der Sonne und dem Feuer gleich, wie die verkörperte Sonne selbst.
gālavaṃ ca namasyātha tato yāti svamandiram / gaṅgāyāḥ sevanāt pūrvaṃ sanājjātasya yad vapuḥ //
verneigte sich vor Gālava und ging darauf zu seiner eigenen Wohnstatt. Vor der Verehrung der Gaṅgā war des Sanājjāta Körper (in jener hässlichen Gestalt) –
{gālava uvāca: } ko bhavān kva ca gantāsi kiṃ karoṣi kva bhokṣyasi / kiṃnāmā tvaṃ kva śayyā te kā te bhāryā vadasva me //
Gālava sprach: 'Wer bist du, und wohin willst du gehen? Was tust du, wo wirst du speisen? Wie ist dein Name, wo ist dein Lager, wer ist deine Frau? Sag es mir.'
Dies zu Gālava gesagt habend, ging Sanājjāta nach Hause; nachdem er in der Nacht recht gespeist und mit jener Dirne das Lager aufgesucht hatte, sprach er, erschrocken, sich an Gālavas Worte erinnernd –
{brāhmaṇa uvāca: } tvaṃ tu sarvaguṇopetā bandhaky api pativratā / āvayoḥ sadṛśī prītir yāvajjīvaṃ pravartatām //
Der Brahmane sprach: 'Du bist mit allen guten Eigenschaften versehen, obwohl eine Dirne, dem Gatten treu ergeben; unsere beiderseitige Liebe möge, einander gleich, lebenslang bestehen.'
Die Dirne sprach: 'Ein Brahmane, geweiht und rein, bekannt unter dem Namen Dhṛtavrata (war mein Gatte); seine Gattin bin ich, Mahī, und mein Sohn weilt im Āśrama des Gālava.'
'Der zurückgelassene, kluge Knabe wird Sanājjāta genannt. Ich aber, durch früheren Fehltritt, habe die von der Familie ererbte Pflicht verlassen; als Zuchtlose lebe ich hier – erkenne in mir eine Brahmanin, Zweifachgeborener.'
{veśyovāca: } kiṃ tu jātaṃ dvijaśreṣṭha kva ca prītir gatā tava / kiṃ tu vākyaṃ mayā coktaṃ tava cittavirodhakṛt //
Die Dirne sprach: 'Was ist geschehen, bester Brahmane? Wohin ist deine Zuneigung entschwunden? Welches Wort habe ich denn gesprochen, das deinem Gemüt zuwider war?'
{brāhmaṇa uvāca: } dhṛtavrataḥ pitā vipras tatputro 'haṃ sanādyataḥ / mātā mahī mama iyaṃ mama daivād upāgatā //
Der Brahmane sprach: 'Dhṛtavrata, der Brahmane, ist mein Vater, ich bin sein Sohn, seit jeher als Sanā(jjāta) bekannt; diese hier, meine Mutter Mahī, ist mir durch Schicksalsfügung nahegekommen.'
Wort für Wort
dhṛtavrataḥ pitā vipras
Dhṛtavrata, der Brahmane, (ist) mein Vater,
tatputro 'haṃ sanādyataḥ
sein Sohn bin ich, seit jeher (als Sanājjāta bekannt),
Brahmā sprach: Als sie dieses Wort von ihm gehört hatte, wurde auch sie überaus bekümmert; nachdem beide getrauert hatten, ging darauf, als am Morgen die Sonne makellos aufgegangen war, der Brahmane zu Gālava, dem Tiger unter den Weisen, und berichtete ihm alles.
Wort für Wort
etac chrutvā tasya vākyaṃ
als sie dieses Wort von ihm gehört hatte,
sāpy abhūd atiduḥkhitā
wurde auch sie überaus bekümmert,
tayos tu śocatoḥ paścāt
nachdem beide getrauert hatten, danach,
prabhāte vimale ravau
am Morgen, als die Sonne makellos aufgegangen war,
{brāhmaṇa uvāca: } dhṛtavratasuto brahmaṃs tvayā pūrvaṃ tu pālitaḥ / upanītas tvayā caiva mahī mātā mama prabho //
Der Brahmane sprach: 'Der Sohn des Dhṛtavrata, o Weiser, wurde einst von dir aufgezogen und von dir eingeweiht; Mahī, meine Mutter, o Herr, (ist mir widerfahren) –'
Brahmā sprach: Nachdem er diese Rede des Brahmanen gehört hatte, sprach Gālava: 'Grame dich nicht; diese deine doppelte Gestalt sehe ich stets, wie noch nie zuvor gesehen.'
prabhāte tava rūpāṇi sapāpāni tv aharniśam / paśye 'haṃ punar apy eva rūpaṃ tava guṇottamam //
'Deine sündenbehaftete Gestalt sehe ich vor dem morgendlichen Bad; nach dem Bad wiederum sehe ich eben deine mit den besten Eigenschaften versehene Gestalt.'
Wort für Wort
prabhāte tava rūpāṇi
am Morgen deine Gestalten,
sapāpāni tv aharniśam
sündenbehaftet, (vor dem Bad),
paśye 'haṃ punar apy eva
sehe ich, wiederum eben,
rūpaṃ tava guṇottamam
deine mit besten Eigenschaften versehene Gestalt
[Anm.: Übertragung von 'prabhāte ... aharniśam' sinngemäß, um den Kontrast der beiden Tages-Gestalten (vor/nach dem Bad) wiederzugeben.]
'Durch den Umgang mit Guten, durch große Verdienste, geschieht Abwendung von der Sünde, durch göttliche Fügung; überaus reuevoll ist diese Frau geworden, durch früher geübten Verdienst.'
Wort für Wort
satsaṅgato mahāpuṇyān
durch den Umgang mit Guten, durch große Verdienste,
Es ist auch als 'Pāpapraṇāśana' und als 'Gālava(-Tīrtha)' bekannt; sei es eine große Sünde oder eine geringe, oder auch eine Nebensünde – all dies vernichtet dieses 'Dhautapāpa', das großen Verdienst gewährt.