Kapitel 78: sagaraputravadhabhagīrathagaṅgāvataraṇavarṇanam
Sagaras Söhne, Kapilas Zorn und Bhagīrathas Herabführung der Gaṅgā
Auf Nāradas Frage nach dem zweiten, durch einen Kṣatriya herbeigeführten Gaṅgā-Anteil erzählt Brahmā die berühmte Geschichte König Sagaras: durch Vasiṣṭhas Segen erhält er 60.000 Söhne von einer Gattin und einen Stammhalter von der anderen. Als Indra das Opferpferd stiehlt und in der Unterwelt verbirgt, graben sich Sagaras 60.000 Söhne bis dorthin durch und erschlagen fälschlich den schlafenden Weisen Kapila, der sie im Zorn zu Asche verbrennt. Erst Sagaras Urenkel Bhagīratha, durch Kapila auf den Kailāsa verwiesen, erwirkt durch Askese und Lobpreis sowohl Śivas als auch der Gaṅgā selbst deren Herabkunft aus Śivas Locken, führt sie zur Unterwelt, um die verbrannten Vorfahren zu erlösen, und geleitet sie schließlich vom Himālaya durch Bhārata zum östlichen Ozean. Der Schlussvers verbindet diese Bhagīratha-Gaṅgā mit der in Kap.74-77 erzählten Gautamī: aus demselben Wasser in Śivas Locken entstanden, heißt sie südlich des Vindhya-Gebirges Gautamī, nördlich davon Bhāgīrathī.
{Nārada sprach:} Obwohl sie eine ist, wurde sie als zweifach beschrieben, o Bester der Götter; die eine Ausprägung wurde erzählt, wodurch sie von einem Brahmanen herbeigeholt wurde –
Wort für Wort
dvividhā sā eva gaditā
obwohl sie eine ist, wurde sie als zweifach beschrieben
ekā api sura-sattama
o Bester der Götter
ekaḥ bhedaḥ tu kathitaḥ
die eine Ausprägung wurde erzählt
brāhmaṇena āhṛtaḥ yataḥ
wodurch sie von einem Brahmanen herbeigeholt wurde
{Brahmā sprach:} In Vaivasvatas Geschlecht geboren, aus der Familie der Ikṣvāku entsprossen, gab es einst einen König namens Sagara, überaus rechtschaffen,
Er aber hatte keine Nachkommenschaft, weshalb er von Sorge erfüllt wurde; er rief Vasiṣṭha zu sich ins Haus, und nachdem er ihn vorschriftsgemäß verehrt hatte,
sprach der König ein Wort bezüglich des Mittels zur Nachkommenschaft; nachdem er dieses Wort gehört und nachgesonnen hatte, sprach [Vasiṣṭha] zum König:
{brahmovāca:} ity uktvā sa munir vipra yathāsthānaṃ jagāma ha / ekadā tasya rājarṣer gṛham āgāt taponidhiḥ /
{Brahmā sprach:} So gesprochen habend, ging jener Weise, o Brahmane, zu seinem eigenen Ort; einst kam ein Schatz der Askese zum Hause jenes königlichen Weisen,
tasyarṣeḥ pūjanaṃ cakre sa saṃtuṣṭo 'bravīd vacam / varaṃ brūhi mahābhāgety ukte putrān sa cāvṛṇot //
Er [Sagara] erwies jenem Weisen Verehrung; dieser, zufrieden, sprach ein Wort: 'Nenne deine Gunst, du Hochgesegneter' – auf dieses Wort hin erbat er sich Söhne.
Wort für Wort
tasya ṛṣeḥ pūjanam cakre
er erwies jenem Weisen Verehrung
sa saṃtuṣṭaḥ abravīt vacam
dieser, zufrieden, sprach ein Wort
varam brūhi mahā-bhāga iti ukte
'nenne deine Gunst, du Hochgesegneter', auf dieses Wort hin
Jener Weise sprach zum König: 'Von der einen [Gattin] soll ein die Linie fortführender Sohn geboren werden, von der anderen aber sechzigtausend Söhne.'
Wort für Wort
sa muniḥ prāha rājānam
jener Weise sprach zum König
ekasyām vaṃśa-dhārakaḥ putraḥ bhūyāt
von der einen soll ein die Linie fortführender Sohn geboren werden
Nachdem der Weise die Gunst gewährt hatte und gegangen war, wurden Söhne zu Tausenden geboren; er vollzog sehr viele Opfer, Pferdeopfer mit reichlichen Priestergaben.
Wort für Wort
varam dattvā munau yāte
nachdem der Weise die Gunst gewährt hatte und gegangen war
prokṣitaṃ tad dhayaṃ nītvā te rasātalam āgaman / rākṣasān māyayā yuktān naivāpaśyanta sāgarāḥ //
hatten jene [Rākṣasas] das geweihte Pferd fortgetragen und waren zur Unterwelt gelangt; die mit Illusion begabten Rākṣasas sahen die Söhne Sagaras überhaupt nicht.
Wort für Wort
prokṣitam tat hayam nītvā
nachdem sie das geweihte Pferd fortgetragen hatten
tataḥ śaye talagato no cen na svapna eva hi / tathety uktaḥ suragaṇais tatra śete rasātale //
'Dann werde ich, in die Tiefe gegangen, ruhen; wenn nicht so, dann gibt es für mich überhaupt keinen Schlaf.' 'So sei es', von den Götterscharen zugesagt, legte er sich dort in der Unterwelt nieder.
śirodeśe hayaṃ te vai baddhvātha tvarayānvitāḥ / dūre sthitvā mauninaś ca prekṣantaḥ kiṃ bhaved iti //
und nachdem sie das Pferd an seinem Kopfende festgebunden hatten, eilends, standen sie in der Ferne, schweigend, und beobachteten, was geschehen würde.
taṃ menire ca hartāraṃ kratuhantāram eva ca / enaṃ hatvā mahāpāpaṃ nayāmo 'śvaṃ nṛpāntikam //
Sie hielten ihn für den Dieb und auch für den Zerstörer des Opfers; [sie dachten:] 'Nachdem wir diesen großen Sünder getötet haben, wollen wir das Pferd zum König bringen.'
sāgarā brahmaśāpena naṣṭāḥ sarve rasātale / eko 'pi ca vanaṃ prāpta idānīṃ kā gatir mama //
[Sagara dachte:] 'Die Söhne Sagaras sind alle durch den Fluch des Brahmanen [Kapila] in der Unterwelt umgekommen, und auch der eine [übrige Sohn] ist in den Wald gegangen – welcher Ausweg bleibt mir nun?'
Wort für Wort
sāgarāḥ brahma-śāpena
die Söhne Sagaras durch den Fluch des Brahmanen
naṣṭāḥ sarve rasātale
sind alle in der Unterwelt umgekommen
ekaḥ api ca vanam prāptaḥ
und auch der eine ist in den Wald gegangen
idānīm kā gatiḥ mama
welcher Ausweg bleibt mir nun
[Anm.: 'brahmaśāpena' ('durch den Fluch eines Brahmanen') bezieht sich auf Kapilas zornigen Blick in V36, der hier rückblickend als Fluch bezeichnet wird.]
Nachdem er vom Schicksal all seiner Vorväter gehört hatte, tief betrübt, fragte er, voller Demut, [bezüglich] Sagaras, des Tigers unter den Königen:
Wort für Wort
pitāmahānām sarveṣām gatim
vom Schicksal all seiner Vorväter
śrutvā su-duḥkhitaḥ
nachdem er gehört hatte, tief betrübt
sagaram nṛpa-śārdūlam papraccha
fragte er [bezüglich] Sagaras, des Tigers unter den Königen
vinaya-anvitaḥ
voller Demut
[Anm.: Bhagīratha ist gemäß der hier erzählten Genealogie (V45-47) Sagaras Ururenkel; die Formulierung 'sagaraṃ ... papraccha' ('fragte Sagara') ist daher wohl als 'fragte [einen Älteren] bezüglich Sagaras/dessen Geschicks' oder als genealogisch geraffte Erzählweise zu verstehen, nicht als wörtliche direkte Begegnung der beiden.]
sa munis tu ciraṃ dhyātvā tapasārādhya śaṃkaram / jaṭājalena svapitṝn āplāvya nṛpasattama /
Jener Weise aber sprach, nach langem Nachsinnen: 'Nachdem du Śaṃkara durch Askese verehrt und deine Ahnen mit dem Wasser [seiner] Locken überflutet hast, o Bester der Könige,
Wort für Wort
sa muniḥ tu ciram dhyātvā
jener Weise aber, nach langem Nachsinnen
tapasā ārādhya śaṃkaram
nachdem du Śaṃkara durch Askese verehrt hast
jaṭā-jalena sva-pitṝn āplāvya
und deine Ahnen mit dem Wasser [seiner] Locken überflutet hast
tataḥ kṛtārtho bhavitā tvaṃ ca te pitaras tathā / tathā karomīti muniṃ praṇamya punar abravīt //
dann wirst du dein Ziel erreicht haben, und ebenso deine Ahnen.' 'So werde ich tun', [sprach Bhagīratha], und nachdem er sich vor dem Weisen verneigt hatte, sprach er wiederum:
Wort für Wort
tataḥ kṛta-arthaḥ bhavitā
dann wirst du dein Ziel erreicht haben
tvam ca te pitaraḥ tathā
du und ebenso deine Ahnen
tathā karomi iti
'so werde ich tun', [sprach er]
munim praṇamya punaḥ abravīt
nachdem er sich vor dem Weisen verneigt hatte, sprach er wiederum
{Kapila sprach:} 'Geh zu jenem Kailāsa, o Bester der Menschen, und preise Maheśvara; übe Askese nach deinem Vermögen, dann wirst du das Gewünschte erlangen.'
{brahmovāca:} tac chrutvā sa muner vākyaṃ muniṃ natvā tv agān nagam / kailāsaṃ sa śucir bhūtvā bālo bālakriyānvitaḥ / tapase niścayaṃ kṛtvā uvāca sa bhagīrathaḥ //
{Brahmā sprach:} Nachdem er dieses Wort des Weisen gehört und sich vor dem Weisen verneigt hatte, ging er zu dem Berg, dem Kailāsa; nachdem er, der Knabe, mit kindlichem Tun, rein geworden war und den Entschluss zur Askese gefasst hatte, sprach jener Bhagīratha:
Wort für Wort
tat śrutvā sa muneḥ vākyam
nachdem er dieses Wort des Weisen gehört hatte
munim natvā tu agāt nagam
und sich vor dem Weisen verneigt hatte, ging er zu dem Berg
kailāsam sa śuciḥ bhūtvā
zum Kailāsa, rein geworden
bālaḥ bāla-kriyā-anvitaḥ
der Knabe, mit kindlichem Tun
tapase niścayam kṛtvā
nachdem er den Entschluss zur Askese gefasst hatte
uvāca sa bhagīrathaḥ
sprach jener Bhagīratha
[Anm.: Auch dieser Vers hat im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist.]
{Bhagīratha sprach:} 'Ich bin ein Kind, von kindlichem Verstand, o Träger des jungen Mondes, Herr; ich weiß überhaupt nichts – sei mir daher gewogen, Herr.'
vāgbhir manobhiḥ kṛtibhiḥ kadācin / mamopakurvanti hite ratā ye / tebhyo hitārthaṃ tv iha cāmareśa / somaṃ namasyāmi surādipūjyam //
Denen, die mir jemals mit Wort, Gedanke oder Tat helfen, dem Wohl zugetan – ihnen zum Wohl verneige ich mich hier, o Herr der Unsterblichen, vor Soma [Śiva], der von Göttern und anderen verehrt wird.
Wort für Wort
vāgbhiḥ manobhiḥ kṛtibhiḥ kadācit
mit Wort, Gedanke oder Tat, jemals
mama upakurvanti hite ratāḥ ye
die mir helfen, dem Wohl zugetan
tebhyaḥ hita-artham tu iha amara-īśa
ihnen zum Wohl hier, o Herr der Unsterblichen
somam namasyāmi sura-ādi-pūjyam
verneige ich mich vor Soma, der von Göttern und anderen verehrt wird
[Anm.: Dieser Vers besteht im Original aus vier Halbzeilen (a/b/c/d) in einem längeren Versmaß, ebenso der folgende Vers V58.]
utpādito yair abhivardhitaś ca / samānagotraś ca samānadharmā / teṣām abhīṣṭāni śivaḥ karotu / bālendumauliṃ praṇato 'smi nityam //
Durch wen auch immer ich gezeugt und großgezogen wurde, und wer mein Geschlecht und meine Pflichten teilt – deren Wünsche möge Śiva erfüllen; ich verneige mich für immer vor dem, der den jungen Mond auf dem Scheitel trägt.
Wort für Wort
utpāditaḥ yaiḥ abhivardhitaḥ ca
durch wen auch immer ich gezeugt und großgezogen wurde
samāna-gotraḥ ca samāna-dharmā
und wer mein Geschlecht und meine Pflichten teilt
teṣām abhīṣṭāni śivaḥ karotu
deren Wünsche möge Śiva erfüllen
bāla-indu-maulim praṇataḥ asmi nityam
ich verneige mich für immer vor dem, der den jungen Mond auf dem Scheitel trägt
{śiva uvāca:} yan na sādhyaṃ suragaṇair deyaṃ tat te mayā dhruvam / vadasva nirbhayo bhūtvā bhagīratha mahāmate //
{Śiva sprach:} 'Was selbst von den Götterscharen nicht zu erreichen ist, das werde ich dir gewiss geben; sprich, ohne Furcht, o hochgesinnter Bhagīratha.'
Wort für Wort
yat na sādhyam sura-gaṇaiḥ
was selbst von den Götterscharen nicht zu erreichen ist
{bhagīratha uvāca:} jaṭāsthitāṃ pitṝṇāṃ me pāvanāya saridvarām / tām eva dehi deveśa sarvam āptaṃ tato bhavet //
{Bhagīratha sprach:} 'Zur Reinigung meiner Ahnen gib mir eben jene in [deinen] Locken befindliche beste der Flüsse, o Herr der Götter; dann wäre alles erlangt.'
Wort für Wort
jaṭā-sthitām pitṝṇām me
zur [Reinigung] meiner Ahnen, die in [deinen] Locken befindliche
{brahmovāca:} tad devavacanaṃ śrutvā tadarthaṃ tu tapo mahat / stutiṃ cakāra gaṅgāyā bhaktyā prayatamānasaḥ //
{Brahmā sprach:} Nachdem er dieses Wort des Gottes gehört hatte, verfasste er zu diesem Zweck, nach großer Askese, einen Lobpreis der Gaṅgā, mit Hingabe, gesammelten Geistes.
{bhagīratha uvāca:} devi me pitaraḥ śāpāt kapilasya mahāmuneḥ / prāptās te vigatiṃ mātas tasmāt tān pātum arhasi //
{Bhagīratha sprach:} 'O Göttin, meine Ahnen sind, durch den Fluch des großen Weisen Kapila, in einen Zustand des Verderbens geraten, Mutter; deshalb sollst du sie erretten.'
vollzog [die Gaṅgā], was Bhagīratha erbeten hatte; besonders die zu Asche gewordenen Königssöhne, die Söhne Sagaras, die am Grunde der Unterwelt lagen,
jene gänzlich Verbrannten, nachdem sie überflutet worden waren, füllte sie die ausgegrabene [Rinne]; und nachdem sie auch den Meru überflutet hatte und dort verweilte, sprach der junge König [Bhagīratha] zu ihr:
Wort für Wort
vinirdagdhān atha āplāvya
jene gänzlich Verbrannten, nachdem sie überflutet waren
khāta-pūram atha akarot
füllte sie darauf die ausgegrabene [Rinne]
tataḥ merum samāplāvya
und nachdem sie auch den Meru überflutet hatte
sthitām bālaḥ abravīt nṛpaḥ
zu ihr, die dort verweilte, sprach der junge König
tanmadhyataḥ puṇyanadī prāyāt pūrvārṇavaṃ prati / evam eṣāpi te proktā gaṅgā kṣātrā mahāmune //
Aus dessen Mitte floss die heilige Flussgöttin dem östlichen Ozean entgegen; so wurde auch diese, die durch einen Kṣatriya [herbeigeführte] Gaṅgā, dir erzählt, o großer Weiser,
Wort für Wort
tat-madhyataḥ puṇya-nadī
aus dessen Mitte die heilige Flussgöttin
prāyāt pūrva-arṇavam prati
floss dem östlichen Ozean entgegen
evam eṣā api te proktā
so wurde auch diese dir erzählt
gaṅgā kṣātrā mahā-mune
die Gaṅgā, durch einen Kṣatriya [herbeigeführte], o großer Weiser
māheśvarī vaiṣṇavī ca saiva brāhmī ca pāvanī / bhāgīrathī devanadī himavacchikharāśrayā //
die Māheśvarī und die Vaiṣṇavī, sie selbst auch die Brāhmī, die Reinigerin, die Bhāgīrathī, die Götterflussgöttin, die auf dem Gipfel des Himavat ruht.
So kam das Wasser aus Maheśvaras Locken zu einer zweifachen Gestalt: südlich des Vindhya wird diese Gaṅgā als die Gautamī bezeichnet, nördlich des Vindhya wird sie ebenso als die Bhāgīrathī benannt.
Wort für Wort
maheśvara-jaṭā-vāri
das Wasser aus Maheśvaras Locken
evam dvaividhyam āgatam
kam so zu einer zweifachen Gestalt
vindhyasya dakṣiṇe gaṅgā
südlich des Vindhya diese Gaṅgā
gautamī sā nigadyate
wird als die Gautamī bezeichnet
uttare sā api vindhyasya
nördlich des Vindhya wird sie ebenso
bhāgīrathī abhidhīyate
als die Bhāgīrathī benannt
[Anm.: Auch dieser Vers hat im Original drei Zeilen (sechs Pādas), von denen nur die letzte durch // markiert ist. Dieser Schlussvers verbindet die beiden in Kap.74-78 erzählten Gaṅgā-Ursprungsgeschichten (Gautama/Godāvarī im Süden, Bhagīratha/Gaṅgā im Norden) zu einer einheitlichen Lehre von der zweifachen Gaṅgā, beide aus demselben Wasser in Śivas Locken.]