Kapitel 143: siddhatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Siddha-Tīrtha (Rāvaṇa, das Erschüttern des Kailāsa und Śivas gnädige Gabe)
Rāvaṇa, aus Pulastyas Geschlecht, zieht nach dem Sieg über alle Himmelsrichtungen gegen den Mond zu Felde, wird jedoch von Brahmā durch ein 108-Namen-Mantra Śivas zur Umkehr bewogen. Auf dem Rückweg erblickt er den Kailāsa, will ihn stolz nach Laṅkā versetzen und bringt ihn trotz der Warnung seiner Minister ins Schwanken; Śiva drückt ihn mit dem Zeh nieder und zerquetscht Rāvaṇas Körper, gewährt ihm aber, von dessen Klageschrei erweicht, gnädig ein Schwert sowie Vollkommenheit und Wohlstand. Nach Verehrung der aus Śivas Haarschopf entsprungenen Gaṅgā und Vollzug des Schutz-Mantras für den Mond kehrt Rāvaṇa zufrieden nach Laṅkā zurück. Ursprung des überaus mächtigen, sündenvernichtenden Siddha-Tīrtha.
Brahmā sprach: Es gibt eine als Siddha-Tīrtha bekannte (Stätte), wo Hara als Siddheśvara weilt. Ihre Macht, die den Menschen alle Vollkommenheit verleiht, will ich verkünden.
Wort für Wort
siddhatīrtham iti khyātaṃ yatra siddheśvaro haraḥ
Siddha-Tīrtha genannt, wo Hara als Siddheśvara (weilt)
tasya prabhāvaṃ vakṣyāmi sarvasiddhikaraṃ nṛṇām
ihre Macht werde ich verkünden, die den Menschen alle Vollkommenheit verleiht
Für die Glücklosen, Untergegangenen, von mancherlei Leid Heimgesuchten unter den Menschen ist Śiva allein die Zuflucht in diesem Weltenlauf, kein anderer.
Wort für Wort
niḥśrīkāṇāṃ vipannānāṃ nānākleśajuṣāṃ nṛṇām
für die Glücklosen, Untergegangenen, von mancherlei Leid Heimgesuchten unter den Menschen
śaraṇaṃ śiva evātra saṃsāre 'nyo na kaścana
ist Śiva allein die Zuflucht hier im Weltenlauf, kein anderer
tato nivṛttaḥ sa ha mantriyuktas
tat somalokāj jayam āpya rakṣaḥ
sa puṣpakārūḍhagatiḥ sagarvo
lokān punaḥ prāpa javād daśāsyaḥ //
Darauf, mit dem Mantra ausgestattet, kehrte der Rākṣasa um, nachdem er über das Mondreich den Sieg errungen hatte; auf dem Puṣpaka-Wagen reisend, voller Stolz, erreichte der Zehnköpfige eilends wieder andere Welten.
Wort für Wort
tato nivṛttaḥ sa ha mantriyuktas
darauf kehrte er, mit dem Mantra ausgestattet, um
tat somalokāj jayam āpya rakṣaḥ
der Rākṣasa, nachdem er über jenes Mondreich den Sieg erlangt hatte
sa puṣpakārūḍhagatiḥ sagarvo
er, auf dem Puṣpaka reisend, voller Stolz
lokān punaḥ prāpa javād daśāsyaḥ
erreichte der Zehnköpfige eilends wieder (andere) Welten
[Anm.: Ab hier V.6-17 in einem Erzählmetrum mit vierzeiligen, pādaweise gezählten Versen (V.8 bildet eine Ausnahme mit nur zwei Pādas).]
sa prekṣamāṇo devam antarikṣaṃ
bhuvaṃ ca nāgāṃś ca gajāṃś ca viprān
ālokayām āsa nagaṃ mahāntaṃ
kailāsam āvāsa umāpater yaḥ //
Er, der den Himmel, den Luftraum, die Erde, die Nāgas, die Elefanten und Brahmanen betrachtete, erblickte den großen Berg Kailāsa, der die Wohnstätte des Gemahls der Umā ist.
Wort für Wort
sa prekṣamāṇo devam antarikṣaṃ
er, betrachtend den Himmel, den Luftraum
bhuvaṃ ca nāgāṃś ca gajāṃś ca viprān
und die Erde, die Nāgas, die Elefanten und die Brahmanen
ālokayām āsa nagaṃ mahāntaṃ
erblickte den großen Berg
kailāsam āvāsa umāpater yaḥ
den Kailāsa, welcher die Wohnstätte des Gemahls der Umā ist
{rāvaṇa uvāca:} ko vā girāv atra vasen mahātmā
giriṃ nayāmy enam athādhi bhūmeḥ
laṅkāgato 'yaṃ girir āśu śobhāṃ
laṅkāpi satyaṃ śriyam ātanoti //
Rāvaṇa sprach: Welch großmütiges Wesen mag wohl auf diesem Berg wohnen? Ich werde diesen Berg fortan auf die Erde nach Laṅkā bringen. Ist dieser Berg erst nach Laṅkā gelangt, wird er rasch an Schönheit gewinnen, und wahrlich, auch Laṅkā wird an Pracht zunehmen.
Wort für Wort
ko vā girāv atra vasen mahātmā
welch großmütiges Wesen mag wohl auf diesem Berg wohnen
giriṃ nayāmy enam athādhi bhūmeḥ
ich werde diesen Berg fortan auf die Erde bringen
laṅkāgato 'yaṃ girir āśu śobhāṃ
nach Laṅkā gelangt, wird dieser Berg rasch an Schönheit (gewinnen)
{brahmovāca:} itthaṃ vaco rākṣasamantriṇau tau
niśamya rakṣodhipateś ca bhāvam
na yuktam ity ūcatur iṣṭabuddhyā
niśācaras tadvacanaṃ na mene //
Brahmā sprach: Als jene beiden Minister des Rākṣasas diese Worte und die Absicht des Herrn der Rākṣasas vernommen hatten, sagten sie in guter Absicht: 'Das ist nicht angemessen.' Der Nachtwandler aber achtete deren Worte nicht.
Wort für Wort
itthaṃ vaco rākṣasamantriṇau tau
diese Worte, jene beiden Minister des Rākṣasas
niśamya rakṣodhipateś ca bhāvam
und die Absicht des Herrn der Rākṣasas vernehmend
na yuktam ity ūcatur iṣṭabuddhyā
sagten in guter Absicht: 'Das ist nicht angemessen'
saṃsthāpya tat puṣpakam āśu rakṣaḥ
puplāva kailāsagireś ca mūle
hindolayām āsa giriṃ daśāsyo
jñātvā bhavaḥ kṛtyam idaṃ cakāra //
Der Rākṣasa ließ den Puṣpaka-Wagen rasch niedergehen und schwebte am Fuß des Berges Kailāsa; der Zehnköpfige brachte den Berg ins Schwanken. Als Bhava dies erkannte, tat er, was zu tun war.
Wort für Wort
saṃsthāpya tat puṣpakam āśu rakṣaḥ
nachdem der Rākṣasa jenen Puṣpaka rasch hatte niedergehen lassen
puplāva kailāsagireś ca mūle
schwebte er am Fuß des Berges Kailāsa
hindolayām āsa giriṃ daśāsyo
der Zehnköpfige brachte den Berg ins Schwanken
jñātvā bhavaḥ kṛtyam idaṃ cakāra
als Bhava dies erkannte, tat er, was zu tun war
[Anm.: 'puplāva' sinngemäß als 'schwebte herab / ließ sich nieder' übersetzt.]
jitvā digīśāṃś ca sagarvitasya
kailāsam āndolayataḥ surāreḥ
aṅguṣṭhakṛtyaiva rasātalādi
lokāṃś ca yātasya daśānanasya //
Von jenem stolzen Feind der Götter, der die Weltenhüter besiegt hatte, den Kailāsa ins Schwanken brachte und mit bloßem Zehendruck bis nach Rasātala und in andere Welten hinabreichte, dem Zehnköpfigen...
Wort für Wort
jitvā digīśāṃś ca sagarvitasya
von jenem Stolzen, der die Weltenhüter besiegt hatte
kailāsam āndolayataḥ surāreḥ
dem Feind der Götter, der den Kailāsa ins Schwanken brachte
aṅguṣṭhakṛtyaiva rasātalādi
mit bloßem Zehendruck bis nach Rasātala und weiter
lokāṃś ca yātasya daśānanasya
und in andere Welten hinabreichte, des Zehnköpfigen
[Anm.: V.12-13 bilden syntaktisch einen zusammenhängenden Satz, dessen Hauptaussage sich erst in V.13 vollendet.]
ālūnakāyasya giraṃ niśamya
vihasya devyā saha dattam iṣṭam
tasmai prasannaḥ kupito 'pi śaṃbhur
ayuktadāteti na saṃśayo 'tra //
...dessen Körper zerquetscht worden war - dessen Stimme vernahm Śambhu; lachend, zusammen mit der Göttin, gewährte er ihm, obwohl zornig, gnädig das Erbetene, wobei er ihm Gebührendes gab; daran besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
ālūnakāyasya giraṃ niśamya
dessen Körper zerquetscht war, dessen Stimme vernehmend
vihasya devyā saha dattam iṣṭam
lachend, zusammen mit der Göttin, gab er das Erbetene
tasmai prasannaḥ kupito 'pi śaṃbhur
ihm gnädig, obwohl zornig, Śambhu
ayuktadāteti na saṃśayo 'tra
'nichts Unangemessenes gebend' - daran besteht kein Zweifel
[Anm.: 'ayuktadāteti' sinngemäß übersetzt - vermutlich 'nichts Unangemessenes gebend', d.h. Śiva gewährt trotz seines Zorns eine angemessene Gabe.]
tato 'yam āvāpya varān suvīro
bhavaprasādāt kusumaṃ jagāma
gacchan sa laṅkāṃ bhavapūjanāya
gaṅgām agāc chaṃbhujaṭāprasūtām //
Darauf, nachdem dieser tapfere Held durch Bhavas Gnade Segnungen erlangt hatte, zog er weiter; auf dem Weg nach Laṅkā, um Bhava zu verehren, begab er sich zur Gaṅgā, die aus Śambhus Haarschopf entsprungen ist.
Wort für Wort
tato 'yam āvāpya varān suvīro
darauf, nachdem dieser tapfere Held Segnungen erlangt hatte
bhavaprasādāt kusumaṃ jagāma
durch Bhavas Gnade zog er weiter
gacchan sa laṅkāṃ bhavapūjanāya
auf dem Weg nach Laṅkā, um Bhava zu verehren
gaṅgām agāc chaṃbhujaṭāprasūtām
begab er sich zur Gaṅgā, die aus Śambhus Haarschopf entsprungen ist
[Anm.: 'kusumaṃ jagāma' unklar - hier sinngemäß als 'zog weiter' wiedergegeben; möglicherweise auch Ortsangabe.]
saṃpūjayitvā vividhaiś ca mantrair
gaṅgājalaiḥ śaṃbhum adīnasattvaḥ
asiṃ sa lebhe śaśikhaṇḍabhūṣāt
siddhiṃ ca sarvarddhim abhīpsitāṃ ca //
Nachdem er, von unerschütterlichem Wesen, Śambhu mit mancherlei Mantras und mit Gaṅgā-Wasser verehrt hatte, erhielt er von dem mit der Mondsichel Geschmückten ein Schwert sowie Vollkommenheit und allen erwünschten Wohlstand.
Wort für Wort
saṃpūjayitvā vividhaiś ca mantrair
nachdem er mit mancherlei Mantras verehrt hatte
gaṅgājalaiḥ śaṃbhum adīnasattvaḥ
und mit Gaṅgā-Wasser Śambhu, er von unerschütterlichem Wesen
asiṃ sa lebhe śaśikhaṇḍabhūṣāt
erhielt er ein Schwert von dem mit der Mondsichel Geschmückten
siddhiṃ ca sarvarddhim abhīpsitāṃ ca
und Vollkommenheit sowie allen erwünschten Wohlstand
maddattamantraṃ śaśirakṣaṇāya
sa sādhayām āsa bhavaṃ prapūjya
siddhe tu mantre punar eva laṅkām
ayāt sa rakṣodhipatiḥ sa tuṣṭaḥ //
Das von mir gegebene Mantra zum Schutz des Mondes vollzog er, nachdem er Bhava verehrt hatte; als das Mantra vollendet war, kehrte der Herr der Rākṣasas, zufrieden, wieder nach Laṅkā zurück.
tataḥ prabhṛty etad atiprabhāvaṃ
tīrthaṃ mahāsiddhidam iṣṭadaṃ ca
samastapāpaughavināśanaṃ ca
siddhair aśeṣaiḥ parisevitaṃ ca //
Seitdem ist diese Tīrtha von überaus großer Macht, gewährt große Vollkommenheit und Erfülltes, vernichtet die gesamte Flut der Sünden und wird von allen Siddhas verehrt.
Wort für Wort
tataḥ prabhṛty etad atiprabhāvaṃ
seitdem (ist) diese von überaus großer Macht
tīrthaṃ mahāsiddhidam iṣṭadaṃ ca
die Tīrtha, große Vollkommenheit gewährend und Erwünschtes gebend