Kapitel 41: ekāmrakṣetramāhātmyavarṇanam
Die Beschreibung der Größe des heiligen Feldes Ekāmraka
Nach der Rahmenerzählung (Lomaharṣaṇa berichtet den Weisen, dass diese Vyāsa nach der Vīrabhadra-Geschichte weiter befragten) folgt ein eigenständiges Māhātmya (Ortspreis-Kapitel) über das Tīrtha Ekāmraka - ein berühmter Śiva-Pilgerort, traditionell mit dem heutigen Bhubaneswar (Lingarāja-Tempel, Orissa) identifiziert. Brahmā, als Erzähler eingeführt, schildert Stadt, Bewohner, Natur und Gewässer des Ortes sowie die Entstehung des Tīrtha Bindusaras und die vielfältigen Verdienste von Wallfahrt, Bad und Verehrung dort.
{Lomaharṣaṇa sprach:} Nachdem sie, o beste der Weisen, so die sündenvernichtende Geschichte gehört hatten - die aus Rudras Zorn entstandene, heilige [Geschichte], die Vyāsa erzählte, o Zweifachgeborene -
Und wieder fragten die Zweifachgeborenen den Vyāsa nach dem Rest der Erzählung; gefragt, verkündete ihnen Vyāsa daraufhin vom Feld Ekāmraka.
Wort für Wort
papracchuḥ
sie fragten
ca
und
punaḥ
wieder
vyāsam
den Vyāsa
kathāśeṣam
den Rest der Erzählung
tathā
ebenso
dvijāḥ
die Zweifachgeborenen
pṛṣṭaḥ
gefragt
provāca
er verkündete
tān
ihnen
vyāsaḥ
Vyāsa
kṣetram
das Feld
ekāmrakam
Ekāmraka
punaḥ
wiederum
[Anm.: "Ekāmraka" ist der Name eines berühmten Śiva-Pilgerorts (traditionell mit dem heutigen Bhubaneswar/Lingarāja-Tempel in Orissa identifiziert), dessen Māhātmya (Ortspreis) den Rest dieses Kapitels bildet.]
Vyāsa sprach: Nachdem sie die von Brahmā verkündete heilige Geschichte gehört hatten, priesen die Stiere unter den Weisen sie da, erfreut, mit sich sträubenden Körperhaaren.
Die Weisen sprachen: Ach, die Größe des Gottes Śambhu wurde von dir verkündet, o Bester der Götter, und ebenso die Vernichtung von Dakṣas Opfer.
Wort für Wort
aho
ach
devasya
des Gottes
māhātmyam
die Größe
tvayā
von dir
śaṃbhoḥ
Śambhus
prakīrtitam
wurde verkündet
dakṣasya
Dakṣas
ca
und
suraśreṣṭha
o Bester der Götter (Vok.)
yajñavidhvaṃsanam
die Vernichtung des Opfers
tathā
ebenso
[?] Die Anrede "suraśreṣṭha" ("o Bester der Götter") an Vyāsa ist auffällig, da dieser kein Gott ist; ähnliche unpassende Anreden finden sich auch anderswo im Text (vgl. Kap.38, V.21).
Ein Ekāmra-Baum [ein einzelner Mangobaum] war dort einst im [vergangenen] Weltzeitalter, o beste der Zweifachgeborenen; nach dessen Namen ist jenes Feld als Ekāmraka bekannt.
[Es ist] von frohen, wohlgenährten Leuten wimmelnd, mit Männern und Frauen versehen, überaus reich an Scharen von Gelehrten, mit Reichtum, Getreide und dergleichen versehen.
[Es ist] gedrängt voll von Häusern und Torbauten, mit Wegkreuzungen und Toren geschmückt, von vielerlei Kaufleuten wimmelnd, mit mancherlei Edelsteinen geschmückt.
nityotsavapramuditaṃ nānāvāditranisvanaiḥ /
vīṇāveṇumṛdaṅgaiś ca kṣepaṇībhir alaṃkṛtam //
[Es ist] durch beständige Feste erfreut, mit dem Klang vielerlei Instrumente, mit Vīṇās, Flöten und Mṛdaṅga-Trommeln, und mit Kṣepaṇī-Instrumenten geschmückt.
Wort für Wort
nityotsavapramuditam
durch beständige Feste erfreut
nānāvāditranisvanaiḥ
mit dem Klang vielerlei Instrumente
vīṇāveṇumṛdaṅgaiḥ ca
mit Vīṇās, Flöten und Mṛdaṅgas
kṣepaṇībhiḥ alaṃkṛtam
mit Kṣepaṇī(-Instrumenten) [?] geschmückt
[?] "kṣepaṇībhiḥ" ist im musikalischen Kontext unsicher - wörtlich "Wurf-/Schleuderinstrumente", evtl. eine Art Handpauke oder Zimbel gemeint.
mit vollen, hohen Brüsten, von dunkler Anmut, mit Gesichtern gleich dem Vollmond, mit festsitzenden Locken, mit schönen Wangen, ertönend von Gürtelschmuck und Fußreifen.
mit schönem Haar, mit anmutigen Hüften, mit bis zu den Ohren reichenden Augen, mit allen [günstigen] Merkmalen ausgestattet, mit allerlei Schmuck geziert.
göttliche Gewänder tragend, strahlend, manche golden [von Farbe], mit dem Gang von Schwänen und Elefanten schreitend, durch die Last ihrer Brüste [leicht] geneigt.
mit leicht sichtbaren Zähnen, mit Lippen [rot] wie die Bimba-Frucht, mit süßer Stimme, mit von Betel gefärbtem Mund, klug/geschickt, lieblich anzuschauen.
und der Urvaśī ähnlich, ebenso der Vipracitti gleichend, von der Art der Viśvācī und Sahajanyā, ebenso der Pramlocā ähnlich.
Wort für Wort
urvaśīsadṛśāḥ
der Urvaśī ähnlich
ca eva
und ebenso
vipracittinibhāḥ
der Vipracitti gleichend [?]
tathā
ebenso
viśvācīsahajanyābhāḥ
von der Art der Viśvācī und Sahajanyā
pramlocāsadṛśāḥ
der Pramlocā ähnlich
tathā
ebenso
[?] "vipracittinibhāḥ" ist auffällig, da Vipracitti gewöhnlich ein männlicher Daitya-Name ist; im Kontext der Apsaras-Vergleiche evtl. Verschreibung oder Bezug auf eine gleichnamige weibliche Gestalt.
nānājanasamākīrṇaṃ sarvasasyasamanvitam /
karṇikāraiś ca panasaiś campakair nāgakesaraiḥ //
[Das Feld ist] von vielerlei Menschen wimmelnd, mit allerlei Feldfrüchten versehen, mit Karṇikāra-, Jackfrucht-, Campaka- und Nāgakesara-Bäumen [geschmückt],
pāṭalāśokabakulaiḥ kapitthair bahulair dhavaiḥ /
cūtanimbakadambaiś ca tathānyaiḥ puṣpajātibhiḥ //
mit Pāṭala-, Aśoka- und Bakula-Bäumen, mit Kapittha-, zahlreichen Dhava-Bäumen, mit Mango-, Nimba- und Kadamba-Bäumen, und ebenso mit anderen Blütenarten.
nīpakair dhavakhadirair latābhiś ca virājitam /
śālais tālais tamālaiś ca nārikelaiḥ śubhāñjanaiḥ //
[Das Feld ist] mit Nīpa-, Dhava- und Khadira-Bäumen, mit Schlingpflanzen strahlend, mit Śāla-, Palmyra-, Tamāla-Bäumen und Kokospalmen, mit schönen Añjana-Bäumen,
mit von vielerlei Vogelrufen [erfüllten], lieblichen Gärten, dem Nandana [Indras Garten] gleich, mit unter der Last der Früchte sich neigenden Bäumen, mit einer Fülle von Blüten aller Jahreszeiten,
Wort für Wort
nānāpakṣirutaiḥ sevyaiḥ
mit von vielerlei Vogelrufen [erfüllten], lieblichen
udyānaiḥ nandanopamaiḥ
Gärten, dem Nandana gleich
phalabhārānataiḥ vṛkṣaiḥ
mit unter der Last der Früchte sich neigenden Bäumen
cakoraiḥ śatapattraiś ca bhṛṅgarājaiś ca kokilaiḥ /
kalaviṅkair mayūraiś ca priyaputraiḥ śukais tathā //
mit Cakora-Vögeln und śatapattra-Vögeln, mit Bhṛṅgarāja-Vögeln und Kuckucken, mit Sperlingen und Pfauen, mit priyaputra-Vögeln und ebenso mit Papageien,
Wort für Wort
cakoraiḥ
mit Cakora-Vögeln (Rothühnern)
śatapattraiḥ ca
und mit "Hundertblättrigen" [?] (Vogelart oder Lotos)
bhṛṅgarājaiḥ ca kokilaiḥ
mit Bhṛṅgarāja-Vögeln und Kuckucken
kalaviṅkaiḥ mayūraiḥ ca
mit Sperlingen und Pfauen
priyaputraiḥ
mit Priyaputra-Vögeln [?]
śukaiḥ tathā
und ebenso mit Papageien
[?] "śatapattraiḥ" (wörtl. "hundertblättrig", sonst meist "Lotos") und "priyaputraiḥ" sind hier im Kontext einer Vogelaufzählung unsicher als Vogelnamen zu deuten.
kumudaiḥ puṇḍarīkaiś ca tathā nīlotpalaiḥ śubhaiḥ /
kādambaiś cakravākaiś ca tathaiva jalakukkuṭaiḥ //
mit weißen Nachtlotos- und Tageslotos-Blüten, ebenso mit schönen blauen Lotosblüten, mit Kādamba-Gänsen und Cakravāka-Vögeln, und ebenso mit Wasserhühnern,
mit Kāraṇḍava-Enten, Tauchvögeln, Schwänen und ebenso anderen im Wasser lebenden [Tieren] - so mit vielerlei Bäumen, mit vielerlei vorzüglichen Blüten,
er schuf es zusammen mit den Weisen; deswegen ist es als Bindusaras bekannt. Am achten Tag der dunklen Monatshälfte im Mārgaśīrṣa-Monat, o beste der Zweifachgeborenen,
wer dort zur Tag-und-Nacht-Gleiche die Wallfahrt unternimmt, mit gebändigten Sinnen, im Bindusaras vorschriftsgemäß gebadet habend, von Glauben erfüllt,
die Götter, Weisen und Menschen und die Ahnen zufriedenstellend, seine Rede zügelnd, mit Sesam und Wasser nach Vorschrift, kundig der Regeln von Name und Gotra [des Verstorbenen],
snātvaivaṃ vidhivat tatra so 'śvamedhaphalaṃ labhet /
grahoparāge viṣuve saṃkrāntyām ayane tathā //
so gebadet nach Vorschrift dort - er erlangt die Frucht eines Aśvamedha[-Opfers]. Bei einer Planetenfinsternis, zur Tag-und-Nacht-Gleiche, bei einem Sonnenwendeübergang, ebenso zur Sonnenwende,
yugādiṣu ṣaḍaśītyāṃ tathānyatra śubhe tithau /
ye tatra dānaṃ viprebhyaḥ prayacchanti dhanādikam //
an den Anfängen eines Yuga-Zeitalters, bei der Ṣaḍaśīti[-Konstellation], und ebenso an anderen verheißungsvollen Tagen - wer dort den Brahmanen eine Gabe, Reichtum und dergleichen, darreicht,
Wort für Wort
yugādiṣu
an den Anfängen eines Yuga-Zeitalters
ṣaḍaśītyām
bei der Ṣaḍaśīti[-Konstellation]
tathā anyatra śubhe tithau
und ebenso an anderen verheißungsvollen Tagen
ye tatra dānam viprebhyaḥ prayacchanti
wer dort den Brahmanen eine Gabe darreicht
dhanādikam
Reichtum und dergleichen
[Anm.: "ṣaḍaśītī" bezeichnet einen bestimmten astrologisch günstigen Zeitpunkt (Sonneneintritt in ein Tierkreiszeichen).]
mit vielerlei reinen Blumen - Bilva-, Arka-, Lotosblüten und dergleichen -, mit dem in den Āgamas gesprochenen Mantra und dem im Veda gesprochenen [Mantra] den Śaṃkara,
wer aber nicht eingeweiht ist, möge ihn allein mit dem Namen und dem Wurzelmantra verehren. So diesen Gott verehrt habend, mit Duft und Blumen ihm zugetan,
dhūpadīpaiś ca naivedyair upahārais tathā stavaiḥ /
daṇḍavatpraṇipātaiś ca gītair vādyair manoharaiḥ //
mit Räucherwerk und Lichtern, mit Speiseopfergaben, ebenso mit Geschenken und Lobpreisungen, mit stabgleichen Niederwerfungen, mit bezaubernden Gesängen und Instrumenten,
mit Tanz, stillem Murmelgebet und Verneigungen, mit Siegesrufen, mit Umschreitungen - so den Gott der Götter, den Gatten Umās, vorschriftsgemäß verehrt habend,
zusammen mit den Bewohnern jener Welt, bis zur [nächsten] Weltauflösung. Danach, von dort hierher [auf die Erde] gekommen, wenn sein Verdienst schwindet,
wird er im Hause von Yogins geboren, als Kenner der vier Veden, o beste der Zweifachgeborenen; das Pāśupata-Joch erlangend, erlangt er danach die Erlösung.
Bei [Viṣṇus] Sich-Niederlegen und Erheben, bei der Sonnenwende, ebenso zur Sonnenwendezeit, an dem als Aśoka benannten achten [Tag], ebenso beim Anlegen der heiligen Fäden,
tasmin kṣetravare liṅgaṃ bhāskareśvarasaṃjñitam /
paśyanti ye tu taṃ devaṃ snātvā kuṇḍe maheśvaram //
In jenem vorzüglichen Feld [gibt es] ein Liṅga, benannt Bhāskareśvara; wer aber diesen Gott, den großen Herrn, erblickt, nachdem er im [dortigen] Becken gebadet hat,
[das Liṅga,] einst von Āditya verehrt, den Gott der Götter, den Dreiäugigen - [die es Sehenden werden], von aller Sünde befreit, auf einem vorzüglichen Flugwagen weilend,
nachdem sie umfangreiche, entzückende Genüsse in der Welt Śivas genossen haben, kommen sie, wenn ihr Verdienst schwindet, hierher [zurück] und werden in vorzüglicher Familie geboren,
tasmin kṣetravare puṇye liṅgaṃ yad dṛśyate dvijāḥ /
pūjyāpūjyaṃ ca sarvatra vane rathyāntare 'pi vā //
In jenem vorzüglichen, heiligen Feld, welches Liṅga man auch sieht, o Zweifachgeborene, ob verehrt oder unverehrt, überall - sei es im Wald, an der Straßenkreuzung, oder auch,
catuṣpathe śmaśāne vā yatra kutra ca tiṣṭhati /
dṛṣṭvā tal liṅgam avyagraḥ śraddhayā susamāhitaḥ //
an der Vierwegkreuzung, im Leichenverbrennungsplatz, oder wo auch immer es steht - nachdem er jenes Liṅga erblickt hat, ungetrübten Sinnes, mit Glauben wohlgesammelt,
Wort für Wort
catuṣpathe śmaśāne vā
an der Vierwegkreuzung, im Leichenverbrennungsplatz
es mit Hingabe gebadet habend, mit Duftstoffen, bezaubernden Blumen, mit Räucherwerk, Lichtern, samt Speiseopfergaben, mit Verneigungen und ebenso mit Lobpreisungen,
oder die Frau, o Tiger unter den Zweifachgeborenen, wenn sie mit Glauben versehen verehrt hat, erlangt die zuvor genannte Frucht - hierbei ist kein Zweifel zu hegen.
Zu jenem vorzüglichsten Feld gegangen, mit Glauben oder auch ohne Glauben, in den Monaten beginnend mit Mādhava [Vaiśākha], sei es ein Mann oder eine Frau,
an welchem Tag auch immer, o Brahmanen, im Wasser des Bindusaras gebadet habend, möge er den Gott Virūpākṣa erblicken und die Gnaden gewährende Göttin Śivā,
snātvā ca kāpile tīrthe vidhivat pāpanāśane /
prāpnoty abhimatān kāmāñ śivalokaṃ sa gacchati //
Und nachdem er im Kāpila-Tīrtha, das die Sünde vernichtet, vorschriftsgemäß gebadet hat, erlangt er die gewünschten Wünsche [und] geht zur Welt Śivas ein.
yaḥ stambhyaṃ tatra vidhivat karoti niyatendriyaḥ /
kulaikaviṃśam uddhṛtya śivalokaṃ sa gacchati //
Wer dort vorschriftsgemäß das Stambhya[-Ritual] vollzieht, mit gezügelten Sinnen, einundzwanzig Geschlechter [seiner Sippe] emporhebend, geht er zur Welt Śivas ein.
Wort für Wort
yaḥ stambhyam tatra vidhivat karoti
wer dort vorschriftsgemäß das Stambhya[-Ritual] vollzieht [?]
[?] "stambhyam" (etwa "das zu Befestigende/Aufzurichtende") bezeichnet hier vermutlich ein bestimmtes Ritual (evtl. das Aufstellen eines Pfostens oder Liṅgas), dessen genaue Natur unsicher bleibt.