Kapitel 57: pañcatīrthavidhivarṇanam
Die Ritualordnung der fünf Pilgerstätten (Pañcatīrtha) im Puruṣottama-Gebiet
Brahmā erklärt die genaue rituelle Reihenfolge der Wallfahrt im Puruṣottama-Kṣetra: Bad im Mārkaṇḍeya-Teich mit Mantra an Śiva, Verehrung im Śiva-Tempel, Umschreitung und Verehrung des wunscherfüllenden Banyanbaums (Kalpavṛkṣa), Verneigung vor Garuḍa, Verehrung Balarāmas/Ananta mit eigenem Mantra, Verehrung Kṛṣṇas/Puruṣottamas mit dem Zwölfsilben-Mantra und einer Reihe von 'Jaya'-Lobpreisungen, sowie abschließend die Verehrung Subhadrās (hier mit der Göttin Kātyāyanī identifiziert). Eine lange Reihe formelhafter Verse setzt den bloßen Anblick Kṛṣṇas mit den Verdiensten sämtlicher vedischer Opfer, Askesen und Lebensstände gleich.
Von nun an will ich, oh Brahmanen, die Pañcatīrtha-Ordnung erklären, welche Frucht [man erlangt] durch Bad, Gabe und den Anblick der Gottheit.
Wort für Wort
ataḥ param
von nun an
pravakṣyāmi
ich will erklären
pañcatīrthavidhim
die Ordnung der fünf Pilgerstätten
dvijāḥ
oh Brahmanen
yat phalam
welche Frucht
snānadānena
durch Bad und Gabe
devatāprekṣaṇena ca
und durch den Anblick der Gottheit
[Anm.: Sprecher-Tag {brahmovāca:} vor diesem Vers. Beginn der ausführlichen Ritualvorschrift für die Wallfahrt der fünf Pilgerstätten (Pañcatīrtha) im Puruṣottama-Gebiet.]
saṃsārasāgare magnaṃ pāpagrastam acetanam / trāhi māṃ bhaganetraghna tripurāre namo 'stu te //
'Rette mich, im Ozean des Saṃsāra Versunkenen, von Sünde Ergriffenen, Unbewussten, oh Zerstörer des Auges des Bhaga, oh Feind der drei Städte; Verehrung sei dir!'
Wort für Wort
saṃsārasāgare magnam
im Ozean des Saṃsāra versunkenen
pāpagrastam
von Sünde ergriffenen
acetanam
unbewussten
trāhi mām
rette mich
bhaganetraghna
oh Zerstörer des Auges des Bhaga
tripurāre
oh Feind der drei Städte
namaḥ astu te
Verehrung sei dir
[Anm.: Mantra an Śiva gerichtet ('Zerstörer des Auges des Bhaga', 'Tripurāri' = Feind der drei Dämonenstädte) – am Mārkaṇḍeya-Teich, der zum benachbarten Śiva-Tempel gehört.]
Nachdem er gebadet und ebenso die rituelle Mundspülung vollzogen hat, soll er dann zum Śiva-Tempel gehen; nachdem er das Götterhaus betreten hat, soll er dieses dreimal rechts umschreiten.
Nachdem er wieder in diese Welt gelangt ist, wird er ein vielgelehrter Brahmane; nachdem er die Śiva-Yoga-Vereinigung erreicht hat, erlangt er sodann die Erlösung.
Dann, zum Wunschbaum gegangen, nachdem er ihn dreimal rechts umschritten hat, soll er jenen Banyanbaum mit höchster Hingabe mit diesem Mantra verehren.
oṃ namo vyaktarūpāya mahāpralayakāriṇe / mahadrasopaviṣṭāya nyagrodhāya namo 'stu te //
'Oṃ, Verehrung dem in manifester Gestalt Erschienenen, dem Bewirker der großen Auflösung, dem im großen Ur-Wesen Ruhenden — Verehrung sei dir, Nyagrodha!'
Nachdem der Mensch mit Hingabe die Umschreitung vollzogen und den Wunsch-Banyanbaum verehrt hat, wird er sogleich von Sünde befreit, wie eine Schlange von ihrer alten Haut.
Nachdem er in dessen Schatten getreten ist, oh Brahmanen, des Wunschbaums, gibt der Mensch selbst die Sünde des Brahmanenmords auf — was ist da erst von anderen Sünden zu sagen?
Nachdem er den aus dunklem Leib entstandenen, aus dem höchsten Brahman-Glanz bestehenden Viṣṇu in Nyagrodha-Gestalt gesehen und sich verneigt hat, oh Brahmanen —
— erlangt er noch mehr Frucht als durch Rājasūya- und Aśvamedha-Opfer, und, nachdem er seine eigene Familie emporgehoben hat, gelangt er zur Welt Viṣṇus.
Nachdem er den Tempel Viṣṇus betreten und ihn dreimal rechts umschritten hat, soll er Saṃkarṣaṇa mit dessen eigenem Mantra mit Hingabe verehren und gnädig stimmen.
namas te haladhṛg rāma namas te muśalāyudha / namas te revatīkānta namas te bhaktavatsala //
'Verehrung sei dir, Pflugträger Rāma! Verehrung sei dir, mit der Keule Bewaffneter! Verehrung sei dir, Geliebter der Revatī! Verehrung sei dir, den Anhängern Zugetaner!'
So, nachdem er Ananta (Balarāma) gnädig gestimmt hat, den Unbesiegbaren, von den dreißig [Göttern] Verehrten, dessen Gestalt dem Kailāsa-Gipfel gleicht, dessen Antlitz lieblicher als der Mond ist,
den Gott mit blauem Gewand, dessen Haupt von der Schlangenkapuze furchterregend überwölbt ist, den gewaltig Starken, Pflugträger, mit je einem Ohrring geschmückt —
Wort für Wort
nīlavastradharam devam
den Gott mit blauem Gewand
phaṇāvikaṭamastakam
dessen Haupt von der Schlangenkapuze furchterregend überwölbt ist
Bis zur nächsten Weltauflösung dort Glück genießend, kehrt der Mensch nach Erschöpfung seines Verdienstes hierher zurück, [geboren] in einer erlesenen Familie von Yogins,
Wort für Wort
ābhūtasaṃplavaṃ yāvat
bis zur nächsten Weltauflösung
bhuktvā tatra sukhaṃ naraḥ
dort Glück genießend, der Mensch
puṇyakṣayāt ihāgatya
nach Erschöpfung seines Verdienstes hierher zurückgekehrt
— als erlesener Brahmane geboren, in allen Lehrschriften und ihrem Sinn bewandert, erlangt er, dort zu Erkenntnis gelangt, die schwer erreichbare Erlösung.
Jenes Ziel erreichen nicht die Götter, nicht die Yogins, auch nicht die Soma-Trinker [Ahnen] — jenes Ziel, das, oh Brahmanen, die dem Zwölfsilben-Mantra Ergebenen erreichen.
Deshalb soll man mit ebendiesem Mantra Kṛṣṇa, den Lehrer der Welt, mit Hingabe, mit Duftstoffen, Blumen und anderem verehrend, sich verneigend, gnädig stimmen.
'Sieg [dir], Lotusblatt-Äugiger! Sieg [dir], Träger von Diskus und Keule! Sieg [dir], dunkel wie eine blaue Regenwolke! Sieg [dir], aller Glückseligkeit Gewährender!'
'Sieg [dir], Gott, von der Welt Verehrter! Sieg [dir], Vernichter des Saṃsāra! Sieg [dir], Herr der Welten! Sieg [dir], Gewährer der gewünschten Frucht!'
'Im schrecklichen Ozean des Saṃsāra, dem gehaltlosen, von Leid schäumenden, von den Krokodilen des Zorns verseuchten, grimmigen, dessen Flut die Sinnesobjekte als Wasser hat,
— voller Wogen mannigfaltiger Krankheiten, mit den Strudeln der Verblendung überaus schwer zu durchqueren, bin ich versunken; oh bester der Götter, rette mich, Puruṣottama!'
Wort für Wort
nānārogormikalile
voller Wogen mannigfaltiger Krankheiten
mohāvartasudustare
mit den Strudeln der Verblendung überaus schwer zu durchqueren
So den Herrn der Götter gnädig gestimmt habend, den Segenspendenden, den Anhängern Zugetanen, den Gott, der alle Sünde hinwegnimmt, alle Wunschfrüchte gewährt,
Kṛṣṇa mit vollen Schultern, zweiarmig, mit Augen [lang] wie Lotusblätter, mit breiter Brust, mit mächtigen Armen, mit gelbem Gewand, mit huldvollem Antlitz,
mit Muschelhorn, Diskus und Keule in den Händen, mit Diadem und Armreifen geschmückt, mit allen [glückverheißenden] Merkmalen versehen, mit einem Waldblumenkranz geziert —
yat phalaṃ sarvaratnādyair iṣṭe bahusuvarṇake / naras tat phalam āpnoti dṛṣṭvā kṛṣṇaṃ praṇamya ca //
Welche Frucht bei einem mit allen Edelsteinen und vielem Gold dargebrachten Opfer entsteht, jene Frucht erlangt der Mensch, indem er Kṛṣṇa sieht und sich verneigt.
Wort für Wort
yat phalam
welche Frucht
sarvaratnādyaiḥ bahusuvarṇake iṣṭe
bei einem mit allen Edelsteinen und vielem Gold dargebrachten Opfer
yat phalaṃ ca gṛhasthasya yathoktācāravartinaḥ / naras tat phalam āpnoti dṛṣṭvā kṛṣṇaṃ praṇamya ca //
Und welche Frucht dem Haushälter zukommt, der sich nach der vorgeschriebenen Lebensweise richtet, jene Frucht erlangt der Mensch, indem er Kṛṣṇa sieht und sich verneigt.
Wort für Wort
yat phalam ca gṛhasthasya
und welche Frucht dem Haushälter
yathoktācāravartinaḥ
der sich nach der vorgeschriebenen Lebensweise richtet
Doch was [nützt] hier das viele Reden über seine Größe, oh Brahmanen? Indem er Kṛṣṇa mit Hingabe sieht, erlangt der Mensch die schwer erreichbare Erlösung.
Von Sünden befreit, reinen Geistes — [Sünden,] die aus Millionen von Kalpas entstanden sind —, mit höchstem Glanz versehen, mit allen guten Eigenschaften erhoben,
Wort für Wort
pāpaiḥ vimuktaḥ
von Sünden befreit
śuddhātmā
reinen Geistes
kalpakoṭisamudbhavaiḥ
[Sünden] die aus Millionen von Kalpas entstanden sind
— mit einem an allen Wünschen reichen, glanzvollen Himmelswagen, nachdem er dreimal sieben Generationen seiner Familie emporgehoben hat, gelangt der Mensch zur Stadt Viṣṇus.
Wort für Wort
sarvakāmasamṛddhena vimānena suvarcasā
mit einem an allen Wünschen reichen, glanzvollen Himmelswagen
trisaptakulam uddhṛtya
nachdem er dreimal sieben Generationen der Familie emporgehoben hat
— von dort herabgefallen, hierher zurückgekehrt, wird er in einer erlesenen Familie von Brahmanen geboren, allwissend und alles kennend, frei von Missgunst,
— dem eigenen Dharma zugetan, friedvoll, freigebig, am Wohl der Wesen erfreut; nachdem er das Viṣṇu-Wissen erlangt hat, erlangt er sodann die Erlösung.
Dann soll man mit dem Mantra Subhadrā, die den Anhängern Zugetane, verehrend, sie sodann gnädig stimmen, oh Brahmanen, sich verneigend, mit gefalteten Händen.
namas te sarvage devi namas te śubhasaukhyade / trāhi māṃ padmapattrākṣi kātyāyani namo 'stu te //
'Verehrung sei dir, allgegenwärtige Göttin! Verehrung sei dir, Gewährerin von Heil und Glück! Rette mich, Lotusblatt-Äugige, Kātyāyanī; Verehrung sei dir!'
Wort für Wort
namaḥ te sarvage devi
Verehrung sei dir, allgegenwärtige Göttin
namaḥ te śubhasaukhyade
Verehrung sei dir, Gewährerin von Heil und Glück
trāhi mām padmapattrākṣi
rette mich, Lotusblatt-Äugige
kātyāyani namaḥ astu te
Kātyāyanī, Verehrung sei dir
[Anm.: Subhadrā wird hier mit Kātyāyanī, einer Form der Großen Göttin (Durgā), identifiziert — ein bemerkenswertes theologisches Detail dieses Mantras.]
So jene Göttin gnädig gestimmt habend, die Trägerin der Welt, der Welt Zuträgliche, die Schwester Baladevas, Subhadrā, die Segenspendende, die Heilvolle,
iha mānuṣatāṃ prāpto brāhmaṇo vedavid bhavet / prāpya yogaṃ hares tatra mokṣaṃ ca labhate dhruvam //
— hier zur Menschheit zurückgekehrt, wird er ein Brahmane, ein Kenner der Veden; nachdem er dort die Vereinigung mit Hari erlangt hat, erlangt er gewiss auch die Erlösung.
Wort für Wort
iha mānuṣatāṃ prāptaḥ
hier zur Menschheit zurückgekehrt
brāhmaṇo vedavid bhavet
wird er ein Brahmane, ein Kenner der Veden
prāpya yogaṃ hareḥ
nachdem er die Vereinigung mit Hari erlangt hat
tatra mokṣaṃ ca labhate dhruvam
erlangt er dort gewiss auch die Erlösung
[Anm.: Schließt Kap.57, die vollständige Pañcatīrtha-Ritualvorschrift, ab.]