Kapitel 55: mārkaṇḍeyakṛtadvitīyapuruṣottamastotravarṇanam
Mārkaṇḍeyas zweite Lobpreis-Hymne an Puruṣottama nach der Rückkehr aus dessen Leib
Aus dem Mund des göttlichen Knaben herausgeschleudert, findet sich Mārkaṇḍeya erneut allein im Ur-Ozean und sieht den Gott wieder auf dem Banyanbaum ruhen. Der Gott fragt ihn scherzhaft nach seinen Erlebnissen im Inneren seines Leibes; Mārkaṇḍeya, von neuem Anblick geblendet und von Ehrfurcht ergriffen, stimmt eine zweite, ausführliche Lobpreis-Hymne an: zunächst Klagen über die erlittenen Schrecken des Pralaya (Feuer, Wind, Durst, Hunger, Orientierungslosigkeit), dann eine lange Reihe von 'Sei gnädig'-Anrufungen und schließlich eine Identifikationsreihe, in der Puruṣottama mit sämtlichen Elementen, Prinzipien, Göttern und Wesensklassen des Universums gleichgesetzt wird.
bhakto 'si me muniśreṣṭha śrānto 'si ca mamāśritaḥ / tena tvām upakārāya saṃbhāṣe paśya mām iha //
'Du bist mein Anhänger, oh bester der Munis, du bist erschöpft und hast bei mir Zuflucht gesucht; daher spreche ich zu dir zu deinem Wohl — sieh mich hier.'
Nachdem er dessen Wort gehört hatte, mit vor Freude gesträubten Körperhärchen, sah er jenen schwer anzublickenden, mit göttlichen Edelsteinen geschmückten [Gott].
Wort für Wort
śrutvā
gehört habend
sa
er
vacanaṃ tasya
dessen Wort
saṃprahṛṣṭatanūruhaḥ
mit vor Freude gesträubten Körperhärchen
dadarśa
er sah
tam suduṣprekṣam
jenen schwer anzublickenden
ratnaiḥ divyaiḥ alaṃkṛtam
mit göttlichen Edelsteinen geschmückten
[Anm.: Sprecherwechsel — {brahmovāca:}, Rückkehr zur Erzählerstimme.]
Dann [sah er] dessen von den Göttern verehrte Füße mit roten Fußsohlen; sich mit dem Haupt verneigend, oh Brahmanen, mit vor Freude stockender Stimme —
'Gott der Götter, Herr der Welt, der du durch [deine] Māyā eine Knabengestalt trägst, rette mich, oh du mit den schönen Lotusaugen, mich Leidenden, der ich Zuflucht gesucht habe.'
Wort für Wort
devadeva
Gott der Götter
jagannātha
Herr der Welt
māyābālavapurdhara
der du durch Māyā eine Knabengestalt trägst
trāhi mām
rette mich
cārupadmākṣa
oh du mit den schönen Lotusaugen
duḥkhitam
den Leidenden
śaraṇāgatam
der Zuflucht gesucht hat
[Anm.: Sprecherwechsel — {mārkaṇḍeya uvāca:}. Beginn von Mārkaṇḍeyas zweiter Lobpreis-Hymne.]
'Ich bin verbrannt, oh bester der Götter, durch das Feuer namens Saṃvarta; rette mich, den vor dem Regen glühender Kohlen Erschreckten, oh Puruṣottama.'
Wort für Wort
saṃtaptaḥ asmi
ich bin verbrannt
suraśreṣṭha
oh bester der Götter
saṃvartākhyena vahninā
durch das Feuer namens Saṃvarta
aṅgāravarṣabhītam ca
und den vor dem Regen glühender Kohlen Erschreckten
'Und ausgedörrt durch den heftigen, die Welt [gleichsam] verzehrenden Wind [?], bin ich hilflos und ebenso erschöpft; rette mich, oh Puruṣottama.'
Wort für Wort
śoṣitaḥ ca
und ausgedörrt
pracaṇḍena vāyunā
durch den heftigen Wind
jagadāyunā
[?] der die Welt(-Lebenszeit) verzehrende
vihvalaḥ aham
ich bin hilflos
tathā śrāntaḥ
und ebenso erschöpft
trāhi māṃ puruṣottama
rette mich, oh Puruṣottama
[?: 'jagadāyunā' ungewöhnliche Bildung (jagat + āyus), etwa 'der die Lebenszeit der Welt [verzehrende]'; sinngemäß als 'weltverzehrend' wiedergegeben.]
tavodare ca deveśa mayā dṛṣṭaṃ carācaram / vismito 'haṃ viṣaṇṇaś ca trāhi māṃ puruṣottama //
'Und in deinem Bauch, oh Herr der Götter, habe ich das Bewegliche und Unbewegliche gesehen; ich bin erstaunt und bekümmert; rette mich, oh Puruṣottama.'
'Sei gnädig, Geliebter der Lotus[göttin]! Sei gnädig, Herr der Dreißig [Götter]! Sei gnädig, Töter von Kaṃsa und Keśin! Sei gnädig, Vernichter des Ariṣṭa!'
'Sei gnädig, jüngerer Bruder Śakras! Sei gnädig, unvergänglicher Gewährer von Segnungen! Du bist die Erde, du bist das Wasser, Gott, du bist das Feuer, du bist der Wind.'
Wort für Wort
prasīda śakrāvaraja
sei gnädig, jüngerer Bruder Śakras
prasīda varadāvyaya
sei gnädig, unvergänglicher Segensspender
tvaṃ mahī
du bist die Erde
tvaṃ jalam
du bist das Wasser
deva
Gott
tvam agniḥ
du bist das Feuer
tvaṃ samīraṇaḥ
du bist der Wind
[Anm.: Übergang von den 'prasīda'-Anrufungen zur Identifikations-Reihe ('du bist...'), analog zur Stotra-Struktur in Kap.49.]
tvaṃ nabhas tvaṃ manaś caiva tvam ahaṃkāra eva ca / tvaṃ buddhiḥ prakṛtiś caiva sattvādyās tvaṃ jagatpate //
'Du bist der Äther, und du bist auch der Geist, und du bist auch das Ich-Bewusstsein; du bist die Erkenntniskraft und auch die Urnatur, und du bist, oh Herr der Welt, die mit Sattva beginnenden [Guṇas].'
Wort für Wort
tvaṃ nabhaḥ
du bist der Äther
tvaṃ manaḥ ca eva
und du bist auch der Geist
tvam ahaṃkāraḥ eva ca
und du bist auch das Ich-Bewusstsein
tvaṃ buddhiḥ
du bist die Erkenntniskraft
prakṛtiḥ ca eva
und auch die Urnatur
sattvādyāḥ tvaṃ jagatpate
und du bist, oh Herr der Welt, die mit Sattva beginnenden [Guṇas]
'Du bist der die Welt durchdringende Puruṣa, und noch höher als der Puruṣa; du bist alle Sinnesorgane, [und] die mit Klang beginnenden Sinnesobjekte, oh Gebieter.'
tvaṃ dikpālāś ca dharmāś ca vedā yajñāḥ sadakṣiṇāḥ / tvam indras tvaṃ śivo devas tvaṃ havis tvaṃ hutāśanaḥ //
'Du bist die Weltenhüter und die Dharmas, die Veden, die Opfer samt ihren Priestergaben; du bist Indra, du bist der Gott Śiva, du bist die Opfergabe, du bist das Opferfeuer.'
'Du bist Yama, der König der Ahnen, Gott, du bist selbst der Herr der Rākṣasas; Varuṇa bist du, Herr der Gewässer, du bist Vāyu, du bist der Herr der Schätze.'
tvam īśānas tvam anantas tvaṃ gaṇeśaś ca ṣaṇmukhaḥ / vasavas tvaṃ tathā rudrās tvam ādityāś ca khecarāḥ //
'Du bist Īśāna, du bist Ananta, du bist Gaṇeśa und der Sechsgesichtige [Skanda]; du bist die Vasus, ebenso die Rudras, du bist die Ādityas und die Himmelswandler [Gestirne].'
'Du bist die Dānavas, ebenso die Yakṣas, du bist die Daityas samt den Marut-Scharen; die Siddhas, Apsaras, Nāgas, Gandharvas bist du, samt den Cāraṇas.'
'Die Ahnen und die Vālakhilyas und die Herren der Geschöpfe [bist du], oh Acyuta; die Munis bist du, du die Scharen der Ṛṣis, du die beiden Aśvins, die Nachtwandler.'
anyāś ca jātayas tvaṃ hi yat kiṃcij jīvasaṃjñitam / kiṃ cātra bahunoktena brahmādistambagocaram //
'Und du bist auch die anderen Geschöpfsarten, was auch immer als „Lebewesen“ bezeichnet wird. Doch was [nützt] hier das viele Reden — von Brahmā bis zum [bloßen] Grashalm reichend —'
bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyaṃ ca tvaṃ jagat sacarācaram / yat te rūpaṃ paraṃ deva kūṭastham acalaṃ dhruvam //
'— du bist Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, die Welt samt Beweglichem und Unbeweglichem; [doch] jene deine höchste Gestalt, oh Gott, die unveränderlich, unbeweglich, fest ist —'
Wort für Wort
bhūtam bhavyam bhaviṣyam ca
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges
tvaṃ jagat sacarācaram
du bist die Welt samt Beweglichem und Unbeweglichem
brahmādyās tan na jānanti katham anye 'lpamedhasaḥ / deva śuddhasvabhāvo 'si nityas tvaṃ prakṛteḥ paraḥ //
'— jene kennen nicht einmal die mit Brahmā beginnenden [Götter]; wie [sollten sie] es kennen, die anderen von geringem Verstand? Gott, du bist von reiner Wesensnatur, ewig, jenseits der Urnatur.'
Wort für Wort
brahmādyāḥ tat na jānanti
jene, mit Brahmā beginnend, kennen das nicht
katham anye alpamedhasaḥ
wie [sollten es] die anderen von geringem Verstand [kennen]
evaṃ tvāṃ nirguṇaṃ stotuṃ kaḥ śaknoti nirañjanam / stuto 'si yan mayā deva vikalenālpacetasā / tat sarvaṃ devadeveśa kṣantum arhasi cāvyaya //
'Wer vermag es, dich, den Eigenschaftslosen, den Makellosen, so zu preisen? Was auch immer ich, unvollkommen und von geringem Verstand, dich, Gott, gepriesen habe — all das, oh Herr der Götter der Götter, mögest du, Unvergänglicher, zu verzeihen geruhen.'
Wort für Wort
evaṃ tvāṃ nirguṇam
dich so, den Eigenschaftslosen
stotum kaḥ śaknoti
wer vermag zu preisen
nirañjanam
den Makellosen
stutaḥ asi yat mayā
was auch immer von mir gepriesen wurde
deva
Gott
vikalena alpacetasā
von mir, dem Unvollkommenen, von geringem Verstand
tat sarvam
all das
devadeveśa
oh Herr der Götter der Götter
kṣantum arhasi
mögest du zu verzeihen geruhen
ca avyaya
und, Unvergänglicher
[Anm.: Wie 53.18 und 53.36 besteht auch dieser Schlussvers ungewöhnlich aus drei Halbversen (sechs Pādas); unverändert belassen. Schließt Mārkaṇḍeyas zweite Lobpreis-Hymne und Kap.55 ab.]