Kapitel 24: śiśumāracakravarṇanam
Die Śiśumāra-Sternfigur, Dhruva und Nārāyaṇa als Träger des Himmelsrades, und der Sonnen-Regen-Kreislauf
Lomaharṣaṇa beschreibt die aus Sternen bestehende, delphinförmige Himmelsfigur (śiśumāracakra), in deren Schwanz Dhruva (der Polarstern) und in deren Herz Nārāyaṇa selbst verankert ist; durch Dhruvas Drehung werden Sonne, Mond, Planeten und Sternbilder wie an ein Rad gebunden mitgeführt, wobei jede Stufe (Sonne-Dhruva-Śiśumāra-Nārāyaṇa) die vorhergehende trägt. Anschließend folgt eine kosmologische Erklärung des Wasser-/Regenkreislaufs: die Sonne entzieht acht Monate lang Wasser (aus Flüssen, Erde und Lebewesen, vierfach), speist damit den Mond, dieser die Wolken, aus denen geläuterter Regen fällt, der die Welt und die Pflanzen nährt und die Opfer und damit die Götter erhält; besonders hervorgehoben wird das direkt aus der 'Himmels-Gaṅgā' (Milchstraße) unter Sonnenlicht ohne Wolken herabfallende Wasser als sündentilgendes, himmlisches Bad. Das Kapitel schließt mit Lomaharṣaṇas Zusammenfassung der gesamten Kosmographie (brahmāṇḍa) und der Frage, was die Weisen als Nächstes hören möchten.
{lomaharṣaṇa uvāca:} tārāmayaṃ bhagavataḥ śiśumārākṛti prabhoḥ / divi rūpaṃ harer yat tu tasya pucche sthito dhruvaḥ //
Lomaharṣaṇa sprach: Die aus Sternen bestehende, delphinförmige Gestalt des ehrwürdigen, mächtigen Hari am Himmel – in deren Schwanz sich Dhruva befindet...
Wort für Wort
tārāmayam
aus Sternen bestehend
bhagavataḥ
des Erhabenen
śiśumārākṛti
von Delphin-/Krokodilgestalt
prabhoḥ
des Herrn
divi
am Himmel
rūpam
die Gestalt
hareḥ
Haris
yat tu
welche aber
tasya pucche
in dessen Schwanz
sthitaḥ dhruvaḥ
befindet sich Dhruva
[Anm.: śiśumāra = Gangesdelfin/Krokodil, Name eines mythologischen Sternbilds, dem die Sternenordnung um Dhruva/den Polarstern zugeordnet wird.]
sa eṣa bhraman bhrāmayati candrādityādikān grahān / bhramantam anu taṃ yānti nakṣatrāṇi ca cakravat //
Er, sich selbst drehend, versetzt Mond, Sonne und die übrigen Planeten in Drehung; ihm, dem sich Drehenden, folgen auch die Sternbilder, wie einem Rad.
śiśumārākṛti proktaṃ yad rūpaṃ jyotiṣāṃ divi / nārāyaṇaḥ paraṃ dhāma tasyādhāraḥ svayaṃ hṛdi //
Die delphinförmige Gestalt der Gestirne am Himmel, die so genannt wird – Nārāyaṇa, die höchste Stätte, ist selbst deren Stütze, im Herzen dieser Gestalt.
Vivasvān [die Sonne] verschlingt acht Monate lang die aus Saft bestehenden Wasser; dann lässt er Wasser regnen, daraus entsteht Nahrung, und von der Nahrung lebt die gesamte nahrungsverzehrende Welt.
vivasvān aṃśubhis tīkṣṇair ādāya jagato jalam / somaṃ puṣyaty athenduś ca vāyunāḍīmayair divi //
Vivasvān, nachdem er mit seinen scharfen Strahlen das Wasser der Welt aufgenommen hat, nährt damit den Soma; und der Mond nährt es dann am Himmel durch Kanäle, die aus Wind-Adern bestehen.
Mit diesem Wasser wird er in die Wolken hinein versprüht, die aus Rauch, Feuer und Wind gestaltet sind; da aus diesen die Wasser nicht vorzeitig herabfallen, heißen sie deshalb 'abhra' (Wolken).
Wort für Wort
jalaiḥ vikṣipyate
mit Wasser wird versprüht
abhreṣu
in die Wolken
dhūmāgnyanilamūrtiṣu
die aus Rauch, Feuer und Wind gestaltet sind
na bhraśyanti
fallen nicht herab
yataḥ tebhyaḥ jalāni
da aus diesen die Wasser
abhrāṇi tāni ataḥ
deshalb heißen sie 'abhra'
[Anm.: Volksetymologie a-bhra = 'nicht-fallend', als Erklärung für den Wolkennamen abhra.]
Die in den Wolken befindlichen Wasser fallen, vom Wind angetrieben, herab, oh Brahmanen, nachdem sie eine von der Zeit bewirkte Läuterung erlangt haben, nunmehr rein.
Der ehrwürdige Sonnengott nimmt vierfaches Wasser auf: aus Flüssen und Ozeanen, aus der Erde, und ebenso aus Lebewesen entstandenes, oh Zweifachgeborene.
Und ebenso, nachdem der Strahlenreiche das Wasser der Himmels-Gaṅgā aufgenommen hat, wirft er es sogleich mit seinen Strahlen auf die Erde, aber nur dort, wo keine Wolken sind.
tasya saṃsparśanirdhūtapāpapaṅko dvijottamāḥ / na yāti narakaṃ martyo divyaṃ snānaṃ hi tat smṛtam //
Wessen Sündenschlamm durch die Berührung damit abgeschüttelt wurde, oh beste der Zweifachgeborenen, dieser Sterbliche geht nicht in die Hölle; denn dies gilt als himmlisches Bad.
Wort für Wort
tasya saṃsparśanirdhūtapāpapaṅkaḥ
wessen Sündenschlamm durch die Berührung damit abgeschüttelt ist
dṛṣṭasūryaṃ hi tad vāri pataty abhrair vinā divaḥ / ākāśagaṅgāsalilaṃ tad gobhiḥ kṣipyate raveḥ //
Denn jenes Wasser, das im Sonnenlicht steht, fällt ohne Wolken vom Himmel herab; jenes Wasser der Himmels-Gaṅgā wird durch die Strahlen der Sonne herabgeworfen.
kṛttikādiṣu ṛkṣeṣu viṣameṣv ambu yad divaḥ / dṛṣṭvārkaṃ patitaṃ jñeyaṃ tad gāṅgaṃ diggajohnitam //
Das Wasser, das vom Himmel fällt, wenn der Mond in den ungeraden Sternbildern von Kṛttikā an steht, und das, nachdem es die Sonne gesehen hat, herabfällt, ist als Gaṅgā-Wasser zu erkennen, das von den Elefanten der Himmelsrichtungen [aufgenommen wird].
Wort für Wort
kṛttikādiṣu ṛkṣeṣu viṣameṣu
in den ungeraden Sternbildern von Kṛttikā an
ambu yat divaḥ
das Wasser, das vom Himmel
dṛṣṭvā arkam patitam
nachdem es die Sonne gesehen hat, herabgefallen
jñeyam
ist zu erkennen als
tat gāṅgam
jenes Gaṅgā-Wasser
diggajohnitam
[?] von den Elefanten der Himmelsrichtungen [berührt/aufgenommen]
[?: 'diggajohnitam' bleibt unklar (Bezug auf die mythischen Elefanten der Himmelsrichtungen, diggaja); die Unterscheidung gerade/ungerade Sternbilder in V.16-17 ist im Quelltext nicht weiter erklärt.]
yugmarkṣeṣu tu yat toyaṃ pataty arkodgitaṃ divaḥ / tat sūryaraśmibhiḥ sadyaḥ samādāya nirasyate //
Das Wasser aber, das in den geraden Sternbildern vom Himmel fällt, von der Sonne emporgehoben – jenes wird durch die Sonnenstrahlen sogleich wieder aufgenommen und ausgeworfen.
Beides ist überaus heilig und tilgt die Sünden der Menschen, oh Brahmanen; das Wasser der Himmels-Gaṅgā ist ein himmlisches Bad, oh beste der Zweifachgeborenen.
evaṃ yajñāś ca vedāś ca varṇāś ca dvijapūrvakāḥ / sarvadevanikāyāś ca paśubhūtagaṇāś ca ye //
So beruhen die Opfer, die Veden, die Kasten mit den Zweifachgeborenen an der Spitze, sämtliche Götterscharen, und die Klassen der Tiere und Wesen, die es gibt,...
...auf dem Regen: dieses ganze bewegliche und unbewegliche Universum wird vom Regen getragen; und auch dieser Regen wird von der Sonne hervorgebracht, oh Beste der Weisen.
So ist von mir, oh Beste der Weisen, das Brahma-Ei beschrieben worden, versehen mit Erde, Ozeanen und dem übrigen; was anderes wünscht ihr noch zu hören?