Kapitel 205: uṣāsvapnasaṃgamaś citralekhācitrapaṭadarśanaṃ ca
Uṣās Traumvereinigung und die Bildertafel der Citralekhā
Genealogie der zahlreichen Söhne Kṛṣṇas aus seinen vielen Gattinnen bis zu Aniruddha und Vajra; Ankündigung der Uṣā-Aniruddha-Episode. Uṣā, Bāṇas Tochter, begehrt nach dem Anblick von Śiva und Pārvatī selbst einen Gatten; durch Pārvatīs Vorhersage und einen Traumbesuch entbrennt sie in Liebe zu einem Unbekannten; ihre Freundin Citralekhā, Tochter von Bāṇas Minister Kumbhāṇḍa, identifiziert ihn mittels einer gezeichneten Bildertafel als Aniruddha und macht sich auf, ihn aus Dvārakā zu holen.
Die Söhne Bhadravinda und andere, von großer Kraft, [wurden geboren] von Nāgnajitī; und mit Saṃgrāmajit an der Spitze waren die Söhne, die von Śaibyā geboren wurden.
Wort für Wort
tanayā bhadravindādyā nāgnajityāṃ mahābalāḥ /
Die Söhne Bhadravinda und andere, von großer Kraft, [wurden geboren] von Nāgnajitī;
saṃgrāmajitpradhānās tu śaibyāyāṃ cābhavan sutāḥ //
und mit Saṃgrāmajit an der Spitze waren die Söhne, die von Śaibyā geboren wurden.
Und von den übrigen Gattinnen des Diskusträgers [Kṛṣṇa] entstanden achtzigtausend Söhne, und ebenso [weitere] hunderttausend [?].
Wort für Wort
anyāsāṃ caiva bhāryāṇāṃ samutpannāni cakriṇaḥ /
Und von den übrigen Gattinnen entstanden dem Diskusträger [Kṛṣṇa]
aṣṭāyutāni putrāṇāṃ sahasrāṇi śataṃ tathā //
achtzigtausend Söhne, und ebenso [weitere] hunderttausend [?].
[?: 'aṣṭāyutāni ... sahasrāṇi śataṃ' – die genaue Zusammensetzung der Zahlwörter (8 Ayutas = 80.000, dazu 'śataṃ sahasrāṇi' = 100.000) bleibt unsicher; hier als hyperbolische Gesamtzahl der Söhne aus den zahllosen Gattinnen wiedergegeben, ohne die exakte Summe (80.000 + 100.000?) sicher rekonstruieren zu können.]
[Bei welcher Gelegenheit] eine schreckliche, große Schlacht zwischen Hari und Śaṃkara entstand, worin dem Bāṇa vom Diskusträger tausend Arme abgeschlagen wurden.
Wort für Wort
yatra yuddham abhūd ghoraṃ hariśaṃkarayor mahat /
[Bei welcher Gelegenheit] eine schreckliche, große Schlacht zwischen Hari und Śaṃkara entstand,
chinnaṃ sahasraṃ bāhūnāṃ yatra bāṇasya cakriṇā //
worin dem Bāṇa vom Diskusträger tausend Arme abgeschlagen wurden.
Die Weisen sprachen: „Wie entstand, o Brahmane, um Uṣās willen die Schlacht zwischen Hara [Śiva] und Kṛṣṇa? Und wie bewirkte Hari die Vernichtung von Bāṇas Armen?
Vyāsa sprach: Uṣā, Bāṇas Tochter, o Brahmanen, erblickte Pārvatī, wie sie mit Śambhu innig zusammen spielte, und empfand da selbst heftiges Verlangen; da sprach Gaurī, die alle Herzen kennt, zu jener schönen Frau:
Wort für Wort
uṣā bāṇasutā viprāḥ pārvatīṃ śaṃbhunā saha /
Uṣā, Bāṇas Tochter, o Brahmanen, [erblickte] Pārvatī zusammen mit Śambhu,
Gaurī sprach: „Genug mit [diesem] Sehnen – auch du wirst [dereinst] mit einem Gatten Freude finden.”
Wort für Wort
alam ity anutāpena bhartrā tvam api raṃsyase //
„Genug mit [diesem] Sehnen – auch du wirst [dereinst] mit einem Gatten Freude finden.”
[Anm.: Einzeiliger Vers mit Asterisk-Markierung im Quelltext (//* BrP_205.12 //), offenbar ein im GRETIL-Text fehlendes zweites Pāda; nicht ergänzt, sondern so wörtlich übernommen.]
vaiśākhe śukladvādaśyāṃ svapne yo 'bhibhavaṃ tava / kariṣyati sa te bhartā rājaputri bhaviṣyati //
Pārvatī sprach: „Im [Monat] Vaiśākha, am zwölften [Tag] der hellen Monatshälfte – wer immer dich im Traum umfangen wird, der wird dein Gatte sein, o Königstochter.”
Wort für Wort
vaiśākhe śukladvādaśyāṃ svapne yo 'bhibhavaṃ tava /
Im [Monat] Vaiśākha, am zwölften [Tag] der hellen Monatshälfte – wer immer dich im Traum umfangen wird,
tasyāṃ tithau pumān svapne yathā devyā udīritaḥ / tathaivābhibhavaṃ cakre rāgaṃ cakre ca tatra sā / tataḥ prabuddhā puruṣam apaśyantī tam utsukā //
Vyāsa sprach: An jenem Tag umfing sie im Traum, genau wie von der Göttin vorhergesagt, ein Mann, und sie empfand dabei Leidenschaft; dann, erwacht, sah sie jenen Mann nicht mehr und wurde [voll] Sehnsucht.
Wort für Wort
tasyāṃ tithau pumān svapne yathā devyā udīritaḥ /
An jenem Tag umfing sie im Traum, genau wie von der Göttin vorhergesagt, ein Mann,
tathaivābhibhavaṃ cakre rāgaṃ cakre ca tatra sā /
und sie empfand dabei Leidenschaft;
tataḥ prabuddhā puruṣam apaśyantī tam utsukā //
dann, erwacht, sah sie jenen Mann nicht mehr und wurde [voll] Sehnsucht.
kva gato 'sīti nirlajjā dvijāś coktavatī sakhīm / bāṇasya mantrī kumbhāṇḍaś citralekhā tu tatsutā //
Uṣā sprach: „Wohin bist du gegangen?” – so, ohne Scham, o Zweifachgeborene, sprach sie zu ihrer Freundin. Bāṇas Minister war Kumbhāṇḍa, und Citralekhā war dessen Tochter.
Wort für Wort
kva gato 'sīti nirlajjā dvijāś coktavatī sakhīm /
„Wohin bist du gegangen?” – so, ohne Scham, o Zweifachgeborene, sprach sie zu ihrer Freundin.
bāṇasya mantrī kumbhāṇḍaś citralekhā tu tatsutā //
Bāṇas Minister war Kumbhāṇḍa, und Citralekhā war dessen Tochter.
tasyāḥ sakhy abhavat sā ca prāha ko 'yaṃ tvayocyate / yadā lajjākulā nāsya kathayām āsa sā sakhī //
Sie [Citralekhā] war ihre [Uṣās] Freundin, und sie fragte: „Wer ist dieser, von dem du sprichst?” Da sie, von Scham überwältigt, [seinen Namen] nicht [kannte, um] von ihm zu erzählen, [drängte] jene Freundin,
Wort für Wort
tasyāḥ sakhy abhavat sā ca prāha ko 'yaṃ tvayocyate /
Sie [Citralekhā] war ihre Freundin, und sie fragte: „Wer ist dieser, von dem du sprichst?”
yadā lajjākulā nāsya kathayām āsa sā sakhī //
Da sie [Uṣā], von Scham überwältigt, nicht von ihm erzählte, [drängte] jene Freundin.
tadā viśvāsam ānīya sarvam evānvavedayat / viditāyāṃ tu tām āha punar ūṣā yathoditam / devyā tathaiva tatprāptau yo 'bhyupāyaḥ kuruṣva tam //
da gewann sie [schließlich Uṣās] Vertrauen und teilte alles mit; und als es bekannt war, sprach Uṣā abermals zu ihr, wie [von der Göttin] gesagt worden war: „Ersinne du eben jenes Mittel, um ihn – ganz so wie [von] der Göttin [vorhergesagt] – zu erlangen.”
Wort für Wort
tadā viśvāsam ānīya sarvam evānvavedayat /
da gewann sie [schließlich Uṣās] Vertrauen und teilte alles mit;
viditāyāṃ tu tām āha punar ūṣā yathoditam /
und als es bekannt war, sprach Uṣā abermals zu ihr, wie [von der Göttin] gesagt worden war:
devyā tathaiva tatprāptau yo 'bhyupāyaḥ kuruṣva tam //
„Ersinne du eben jenes Mittel, um ihn – ganz so wie [von] der Göttin [vorhergesagt] – zu erlangen.”
Sie [Uṣā] aber wies die Gandharvas sowie die Schlangenwesen, Suras und Asuras zurück und richtete ihren Blick auf die Menschen, und unter diesen auf die Andhaka-Vṛṣṇis.
Wort für Wort
apāsya sā tu gandharvāṃs tathoragasurāsurān /
Sie aber wies die Gandharvas sowie die Schlangenwesen, Suras und Asuras zurück
manuṣyeṣu dadau dṛṣṭiṃ teṣv apy andhakavṛṣṇiṣu //
und richtete ihren Blick auf die Menschen, und unter diesen auf die Andhaka-Vṛṣṇis.
Als sie Kṛṣṇa und Rāma erblickte, wurde die Schönbrauige langäugig vor Scham; auch beim Anblick Pradyumnas [ergriff sie] Scheu – so wandte sie, o Zweifachgeborene, dann [weiter] den Blick.
Wort für Wort
kṛṣṇarāmau vilokyāsīt subhrūr lajjāyatekṣaṇā /
Als sie Kṛṣṇa und Rāma erblickte, wurde die Schönbrauige langäugig vor Scham;
pradyumnadarśane vrīḍā-dṛṣṭiṃ ninye tato dvijāḥ //
auch beim Anblick Pradyumnas [ergriff sie] Scheu – so wandte sie, o Zweifachgeborene, dann [weiter] den Blick.
dṛṣṭvāniruddhaṃ ca tato lajjā kvāpi nirākṛtā / so 'yaṃ so 'yaṃ mamety ukte tayā sā yogagāminī / yayau dvāravatīm ūṣāṃ samāśvāsya tataḥ sakhī //
Doch als sie Aniruddha erblickte, war die Scham auf einmal wie verflogen; als sie gesagt hatte: „Dieser ist es, dieser ist es – mein!”, da ging jene durch Yoga-Kraft wandelnde Freundin, nachdem sie Uṣā getröstet hatte, nach Dvāravatī.
Wort für Wort
dṛṣṭvāniruddhaṃ ca tato lajjā kvāpi nirākṛtā /
Doch als sie Aniruddha erblickte, war die Scham auf einmal wie verflogen;
so 'yaṃ so 'yaṃ mamety ukte tayā sā yogagāminī /
als sie gesagt hatte: „Dieser ist es, dieser ist es – mein!”, da [machte sich] jene durch Yoga-Kraft wandelnde Freundin
yayau dvāravatīm ūṣāṃ samāśvāsya tataḥ sakhī //
nach Dvāravatī auf, nachdem sie Uṣā getröstet hatte.