Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 90: gāruḍatīrthamāhātmyavarṇanam Die Größe des Gāruḍa-Tīrtha (Garuḍas Demütigung durch Viṣṇu)

Der Nāga Maṇināga, Sohn des Śeṣa, erlangt durch Askese bei Śiva Furchtlosigkeit vor Garuḍa, wird aber von diesem dennoch gefangen und gefesselt. Nandin berichtet Śiva; auf Śivas Geheiß fordert Viṣṇu Garuḍa auf, die Schlange herauszugeben, doch der stolze Garuḍa weigert sich mit zorniger Rede und rühmt sich, Viṣṇu trage er, nicht umgekehrt. Viṣṇu demütigt ihn spielerisch, indem er nur einen Finger auf Garuḍas Scheitel legt, worauf dieser unter dem Gewicht zusammenbricht; reumütig bittet Garuḍa, auch mit Fürsprache der Göttin Lakṣmī (Kamalā), um Vergebung. Viṣṇu schickt ihn mit der Schlange zu Śiva, der ihm rät, in der Gautamī-Gaṅgā zu baden, um seine ursprüngliche Kraft und Gestalt (goldener, blitzharter Körper) wiederzuerlangen. Seitdem heißt die Stätte 'Gāruḍa-Tīrtha'.

{brahmovāca: } gāruḍaṃ nāma yat tīrthaṃ sarvavighnapraśāntidam / tasya prabhāvaṃ vakṣyāmi śṛṇu nārada yatnataḥ //

Brahmā sprach: Das Tīrtha namens Gāruḍa, das alle Hindernisse gänzlich besänftigt – seine Macht will ich verkünden; höre sorgfältig zu, Nārada.

Wort für Wort
gāruḍaṃ nāma yat tīrthaṃ
das Tīrtha namens Gāruḍa,
sarvavighnapraśāntidam
das alle Hindernisse gänzlich besänftigt,
tasya prabhāvaṃ vakṣyāmi
seine Macht will ich verkünden,
śṛṇu nārada yatnataḥ
höre sorgfältig zu, Nārada

maṇināga iti tv āsīc cheṣaputro mahābalaḥ / garuḍasya bhayād bhaktyā toṣayām āsa śaṃkaram //

Es gab einen mächtigen Sohn des Śeṣa namens Maṇināga; aus Furcht vor Garuḍa erfreute er mit Hingabe den Śaṃkara (Śiva).

Wort für Wort
maṇināga iti tv āsīc
es gab einen namens Maṇināga,
cheṣaputro mahābalaḥ
einen mächtigen Sohn des Śeṣa,
garuḍasya bhayād bhaktyā
aus Furcht vor Garuḍa, mit Hingabe,
toṣayām āsa śaṃkaram
erfreute er den Śaṃkara

tataḥ prasanno bhagavān parameṣṭhī maheśvaraḥ / tam uvāca mahānāgaṃ varaṃ varaya pannaga //

Da sprach der erfreute erhabene Herr, der Höchste, Maheśvara, zu jener großen Schlange: 'Wähle einen Wunsch, Schlangenwesen.'

Wort für Wort
tataḥ prasanno bhagavān
da (war) der erhabene Herr erfreut,
parameṣṭhī maheśvaraḥ
der Höchste, Maheśvara,
tam uvāca mahānāgaṃ
er sprach zu jener großen Schlange:
varaṃ varaya pannaga
'wähle einen Wunsch, Schlangenwesen'

nāgaḥ prāha prabho mahyaṃ dehi me garuḍābhayam / tathety āha ca taṃ śaṃbhur garuḍād abhayaṃ bhavet //

Der Nāga sprach: 'Herr, gib mir Furchtlosigkeit vor Garuḍa.' 'So sei es', sprach Śaṃbhu zu ihm: 'Furchtlosigkeit vor Garuḍa sei (dir gewährt).'

Wort für Wort
nāgaḥ prāha prabho mahyaṃ
der Nāga sprach: 'Herr, mir
dehi me garuḍābhayam
gib mir Furchtlosigkeit vor Garuḍa'
tathety āha ca taṃ śaṃbhur
'so sei es', sprach Śaṃbhu zu ihm,
garuḍād abhayaṃ bhavet
'Furchtlosigkeit vor Garuḍa sei dir'

nirgato nirbhayo nāgo garuḍād aruṇānujāt / kṣīrodaśāyī yatrāste kṣīrārṇavasamīpataḥ //

Furchtlos vor Garuḍa, dem jüngeren Bruder des Aruṇa, zog der Nāga fort, dorthin wo der Milchmeer-Schläfer (Viṣṇu) sich in der Nähe des Milchozeans aufhält.

Wort für Wort
nirgato nirbhayo nāgo
furchtlos zog der Nāga fort,
garuḍād aruṇānujāt
vor Garuḍa, dem jüngeren Bruder des Aruṇa,
kṣīrodaśāyī yatrāste
dorthin wo der Milchmeer-Schläfer sich aufhält,
kṣīrārṇavasamīpataḥ
in der Nähe des Milchozeans

itaś cetaś ca carati nāgo 'sau sukhaśītale / garuḍo 'pi ca yatrāste taṃ deśam api yāty asau //

Hierhin und dorthin bewegte sich jene Schlange, im wohltuend kühlen Gefilde; und auch dorthin, wo Garuḍa sich aufhielt, in jenes Gebiet begab sie sich.

Wort für Wort
itaś cetaś ca carati
hierhin und dorthin bewegte sich,
nāgo 'sau sukhaśītale
jene Schlange, im wohltuend kühlen Gefilde,
garuḍo 'pi ca yatrāste
und auch wo Garuḍa sich aufhielt,
taṃ deśam api yāty asau
in jenes Gebiet begab sie sich

garuḍaḥ pannagaṃ dṛṣṭvā carantaṃ nirbhayena tu / taṃ gṛhītvā mahānāgaṃ prākṣipat svasya veśmani //

Als Garuḍa die Schlange sah, die sich furchtlos bewegte, ergriff er jene große Schlange und warf sie in sein eigenes Haus.

Wort für Wort
garuḍaḥ pannagaṃ dṛṣṭvā
als Garuḍa die Schlange sah,
carantaṃ nirbhayena tu
die sich furchtlos bewegte,
taṃ gṛhītvā mahānāgaṃ
ergriff er jene große Schlange,
prākṣipat svasya veśmani
und warf sie in sein eigenes Haus

taṃ baddhvā gāruḍaiḥ pāśair garuḍo nāgasattamam / etasminn antare nandī provāceśaṃ jagatprabhum //

Nachdem Garuḍa jene vorzüglichste Schlange mit Garuḍa-Fesseln gebunden hatte, sprach in dieser Zwischenzeit Nandin zu Īśa, dem Herrn der Welt.

Wort für Wort
taṃ baddhvā gāruḍaiḥ pāśair
nachdem er ihn mit Garuḍa-Fesseln gebunden hatte,
garuḍo nāgasattamam
Garuḍa, jene vorzüglichste Schlange,
etasminn antare nandī
in dieser Zwischenzeit Nandin
provāceśaṃ jagatprabhum
sprach zu Īśa, dem Herrn der Welt

{nandikeśvara uvāca: } nūnaṃ nāgo na cāyāti bhakṣito baddha eva vā / garuḍena sureśāna jīvan nāgo na saṃvrajet //

Nandikeśvara sprach: 'Gewiss kommt die Schlange nicht mehr, sei sie nun verzehrt oder eben gebunden; von Garuḍa gefangen, o Götterherr, wird die lebende Schlange nicht mehr fortgehen.'

Wort für Wort
nūnaṃ nāgo na cāyāti
gewiss kommt die Schlange nicht mehr,
bhakṣito baddha eva vā
sei sie verzehrt oder eben gebunden,
garuḍena sureśāna
von Garuḍa (gefangen), o Götterherr,
jīvan nāgo na saṃvrajet
wird die lebende Schlange nicht mehr fortgehen

{brahmovāca: } nandino vacanaṃ śrutvā jñātvā śaṃbhur athābravīt //*

Brahmā sprach: Nachdem Śaṃbhu Nandins Rede gehört und die Lage erkannt hatte, sprach er darauf –

Wort für Wort
nandino vacanaṃ śrutvā
nachdem er Nandins Rede gehört hatte,
jñātvā śaṃbhur athābravīt
und die Lage erkannt hatte, sprach Śaṃbhu darauf

[Anm.: Im Quelltext nur als Halbvers überliefert (mit '//*' markiert); die zweite Vershälfte fehlt.]

{śiva uvāca: } garuḍasya gṛhe nāgo baddhas tiṣṭhati satvaram / gatvā taṃ jagatām īśaṃ viṣṇuṃ stuhi janārdanam //

Śiva sprach: 'In Garuḍas Haus weilt die Schlange, rasch gebunden; geh zu jenem Herrn der Welten, Viṣṇu, und preise den Janārdana.'

Wort für Wort
garuḍasya gṛhe nāgo
in Garuḍas Haus die Schlange,
baddhas tiṣṭhati satvaram
weilt rasch gebunden,
gatvā taṃ jagatām īśaṃ
geh zu jenem Herrn der Welten,
viṣṇuṃ stuhi janārdanam
preise den Viṣṇu, den Janārdana

baddhaṃ nāgaṃ kāśyapena madvākyād ānaya svayam / tat prabhor vacanaṃ śrutvā nandī gatvā śriyaḥ patim //

'Bring die von Kāśyapa (Garuḍa) gebundene Schlange auf mein Wort selbst herbei.' Nachdem er dieses Wort des Herrn gehört hatte, ging Nandin zum Gatten der Śrī (Viṣṇu).

Wort für Wort
baddhaṃ nāgaṃ kāśyapena
die von Kāśyapa (Garuḍa) gebundene Schlange,
madvākyād ānaya svayam
bring auf mein Wort selbst herbei,
tat prabhor vacanaṃ śrutvā
nachdem er dieses Wort des Herrn gehört hatte,
nandī gatvā śriyaḥ patim
ging Nandin zum Gatten der Śrī

vyajñāpayat svayaṃ vākyaṃ viṣṇuṃ lokaparāyaṇam / nārāyaṇaḥ prītamanā garuḍaṃ vākyam abravīt //

Er teilte selbst die Botschaft dem Viṣṇu mit, der die Zuflucht der Welt ist; Nārāyaṇa, wohlgesinnten Herzens, sprach zu Garuḍa dieses Wort.

Wort für Wort
vyajñāpayat svayaṃ vākyaṃ
er teilte selbst die Botschaft mit,
viṣṇuṃ lokaparāyaṇam
dem Viṣṇu, der Zuflucht der Welt,
nārāyaṇaḥ prītamanā
Nārāyaṇa, wohlgesinnten Herzens,
garuḍaṃ vākyam abravīt
sprach zu Garuḍa dieses Wort

{viṣṇur uvāca: } vinatātmaja me vākyān nandine dehi pannagam / kampamānas tad ākarṇya nety uvāca vihaṃgamaḥ / viṣṇum apy abravīt kopāt suparṇo nandino 'ntike //

Viṣṇu sprach: 'Sohn der Vinatā, gib auf mein Wort dem Nandin die Schlange.' Als er dies zitternd vernahm, sagte der Vogel 'Nein'; aus Zorn sprach der Suparṇa (Garuḍa) sogar zu Viṣṇu, in Gegenwart Nandins.

Wort für Wort
vinatātmaja me vākyān
Sohn der Vinatā, auf mein Wort,
nandine dehi pannagam
gib dem Nandin die Schlange,
kampamānas tad ākarṇya
als er dies zitternd vernahm,
nety uvāca vihaṃgamaḥ
sagte der Vogel 'Nein',
viṣṇum apy abravīt kopāt
aus Zorn sprach er sogar zu Viṣṇu,
suparṇo nandino 'ntike
der Suparṇa, in Gegenwart Nandins

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer.]

{garuḍa uvāca: } yad yat priyatamaṃ kiṃcit bhṛtyebhyaḥ prabhaviṣṇavaḥ / dāsyanty anye bhavān naiva mayānītaṃ hariṣyati //

Garuḍa sprach: 'Was auch immer ihren Dienern das Liebste ist – mächtige Herren mögen es anderen geben, du aber wirst nicht wegnehmen, was ich selbst herbeigebracht habe.'

Wort für Wort
yad yat priyatamaṃ kiṃcit
was auch immer das Liebste ist,
bhṛtyebhyaḥ prabhaviṣṇavaḥ
mächtige Herren ihren Dienern,
dāsyanty anye bhavān naiva
mögen es geben – du aber nicht,
mayānītaṃ hariṣyati
wirst wegnehmen, was ich herbeigebracht habe

paśya devaṃ trinayanaṃ nāgaṃ mokṣyati nandinā / mayopapāditaṃ nāgaṃ tvaṃ tu dāsyasi nandine //

'Sieh, der dreiäugige Gott wird durch Nandin die Schlange freilassen; die von mir erbeutete Schlange aber willst du dem Nandin geben!'

Wort für Wort
paśya devaṃ trinayanaṃ
sieh, der dreiäugige Gott,
nāgaṃ mokṣyati nandinā
wird durch Nandin die Schlange freilassen,
mayopapāditaṃ nāgaṃ
die von mir erbeutete Schlange,
tvaṃ tu dāsyasi nandine
willst du aber dem Nandin geben

tvāṃ vahāmi sadā svāmin mama deyaṃ sadā tvayā / mayopapāditaṃ nāgaṃ vaktuṃ dehīti nocitam //

'Ich trage dich stets, o Herr; mir sollst du stets etwas geben – zu sagen: gib die von mir erbeutete Schlange her, das geziemt sich nicht.'

Wort für Wort
tvāṃ vahāmi sadā svāmin
ich trage dich stets, o Herr,
mama deyaṃ sadā tvayā
mir sollst du stets etwas geben,
mayopapāditaṃ nāgaṃ
die von mir erbeutete Schlange
vaktuṃ dehīti nocitam
zu sagen 'gib her', das geziemt sich nicht

satāṃ prabhūṇāṃ neyaṃ syād vṛttiḥ sadvṛttikāriṇām / santo dāsyanti bhṛtyebhyo madupāttaharo bhavān //

'Dies wäre nicht das Verhalten guter, rechtschaffen handelnder Herren; die Guten geben ihren Dienern (etwas) – (nicht,) dass du das von mir Erworbene wegnimmst.'

Wort für Wort
satāṃ prabhūṇāṃ neyaṃ syād
dies wäre nicht das Verhalten guter Herren,
vṛttiḥ sadvṛttikāriṇām
die sich rechtschaffen verhalten,
santo dāsyanti bhṛtyebhyo
die Guten geben ihren Dienern,
madupāttaharo bhavān
(nicht,) dass du das von mir Erworbene wegnimmst

daityāñ jayasi saṃgrāme madbalenaiva keśava / ahaṃ mahābalīty evaṃ mudhaiva ślāghate bhavān //

'Im Kampf besiegst du die Daityas nur durch meine Kraft, Keśava; ,Ich bin sehr mächtig' – so rühmst du dich vergeblich.'

Wort für Wort
daityāñ jayasi saṃgrāme
im Kampf besiegst du die Daityas,
madbalenaiva keśava
nur durch meine Kraft, Keśava,
ahaṃ mahābalīty evaṃ
'ich bin sehr mächtig' – so
mudhaiva ślāghate bhavān
rühmst du dich vergeblich

{brahmovāca: } garuḍasyeti tad vākyaṃ śrutvā cakragadādharaḥ / vihasya nandinaḥ pārśve paśyadbhir lokapālakaiḥ //

Brahmā sprach: Nachdem der Träger von Diskus und Keule (Viṣṇu) diese Rede Garuḍas gehört hatte, lächelte er, an Nandins Seite, während die Weltenhüter zusahen.

Wort für Wort
garuḍasyeti tad vākyaṃ
diese Rede Garuḍas,
śrutvā cakragadādharaḥ
gehört habend, der Träger von Diskus und Keule,
vihasya nandinaḥ pārśve
lächelte, an Nandins Seite,
paśyadbhir lokapālakaiḥ
während die Weltenhüter zusahen

idam āha mahābuddhir māṃ samuhya kṛśo bhavān / tvadbalād asurān sarvāñ jeṣye 'haṃ khagasattama //

Er, von großer Weisheit, sprach dies: 'Du bist abgemagert, mich tragend; durch deine Kraft werde ich alle Asuras besiegen, o Bester der Vögel.'

Wort für Wort
idam āha mahābuddhir
er, von großer Weisheit, sprach dies:
māṃ samuhya kṛśo bhavān
'du bist abgemagert, mich tragend,
tvadbalād asurān sarvāñ
durch deine Kraft alle Asuras,
jeṣye 'haṃ khagasattama
werde ich besiegen, o Bester der Vögel'

ity uktvā śrīpatir brahmañ śāntakopo 'bravīd idam / vahāṅguliṃ karasyāśu kaniṣṭhāṃ nandino 'ntike //

Dies gesagt habend, sprach der Gemahl der Śrī (Viṣṇu), o Weiser, mit besänftigtem Zorn dies weiter: 'Trage sogleich den kleinen Finger meiner Hand', in Nandins Gegenwart.

Wort für Wort
ity uktvā śrīpatir brahmañ
dies gesagt habend, der Gemahl der Śrī, o Weiser,
śāntakopo 'bravīd idam
mit besänftigtem Zorn sprach er dies:
vahāṅguliṃ karasyāśu
'trage sogleich den Finger meiner Hand,
kaniṣṭhāṃ nandino 'ntike
den kleinen (Finger), in Nandins Gegenwart'

[Anm.: 'brahman' hier als Vokativ-Anrede des Erzählers Brahmā an Nārada, den Zuhörer (wie andernorts 'nārada'/'muniśreṣṭha').]

garuḍasya tato mūrdhni nyasyedaṃ punar abravīt / satyaṃ māṃ vahase nityaṃ paśya dharmaṃ vihaṃgama //

Dann legte er den Finger auf Garuḍas Scheitel und sprach wiederum dies: 'Wahrlich, du trägst mich beständig; sieh die (rechte) Ordnung, Vogel.'

Wort für Wort
garuḍasya tato mūrdhni
dann auf Garuḍas Scheitel,
nyasyedaṃ punar abravīt
legte er (den Finger) und sprach wiederum dies:
satyaṃ māṃ vahase nityaṃ
'wahrlich, du trägst mich beständig,
paśya dharmaṃ vihaṃgama
sieh die Ordnung, Vogel'

nyastāyāṃ ca tato 'ṅgulyāṃ śiraḥ kukṣau samāviśat / kukṣiś ca caraṇasyāntaḥ prāviśac cūrṇito 'bhavat / tataḥ kṛtāñjalir dīno vyathito lajjayānvitaḥ //

Als der Finger aufgelegt war, sank sein Kopf da in den Bauch hinein, und der Bauch versank innerhalb des Fußes, zermalmt; daraufhin stand Garuḍa mit gefalteten Händen da, elend, gequält, von Scham erfüllt.

Wort für Wort
nyastāyāṃ ca tato 'ṅgulyāṃ
als der Finger da aufgelegt war,
śiraḥ kukṣau samāviśat
sank der Kopf in den Bauch hinein,
kukṣiś ca caraṇasyāntaḥ
und der Bauch, innerhalb des Fußes,
prāviśac cūrṇito 'bhavat
versank, zermalmt,
tataḥ kṛtāñjalir dīno
daraufhin, mit gefalteten Händen, elend,
vyathito lajjayānvitaḥ
gequält, von Scham erfüllt

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer.]

{garuḍa uvāca: } trāhi trāhi jagannātha bhṛtyaṃ mām aparādhinam / tvaṃ prabhuḥ sarvalokānāṃ dhartā dhāryas tvam eva ca //

Garuḍa sprach: 'Rette, rette mich, Herr der Welt, deinen fehlbaren Diener; du bist der Herr aller Welten, du bist der Träger und du selbst der zu Tragende.'

Wort für Wort
trāhi trāhi jagannātha
rette, rette, Herr der Welt,
bhṛtyaṃ mām aparādhinam
mich, deinen fehlbaren Diener,
tvaṃ prabhuḥ sarvalokānāṃ
du bist der Herr aller Welten,
dhartā dhāryas tvam eva ca
du bist der Träger und du selbst der zu Tragende

aparādhasahasrāṇi kṣamante prabhaviṣṇavaḥ / kṛtāparādhe 'pi jane mahatī yasya vai kṛpā //

'Tausend Vergehen verzeihen mächtige Herren; auch gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat, ist bei einem solchen (Mächtigen) das Erbarmen groß.'

Wort für Wort
aparādhasahasrāṇi
tausend Vergehen,
kṣamante prabhaviṣṇavaḥ
verzeihen mächtige Herren,
kṛtāparādhe 'pi jane
auch gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat,
mahatī yasya vai kṛpā
ist bei dem, (der solche Macht hat,) das Erbarmen groß

vadanti munayaḥ sarve tvām eva karuṇākaram / rakṣasvārtaṃ jaganmātar mām ambujanivāsini / kamale bālakaṃ dīnam ārtaṃ tanayavatsale //

'Alle Weisen nennen dich allein den Quell des Erbarmens.' 'Rette den Bedrängten, Mutter der Welt, mich, o in der Lotosblüte Wohnende, Kamalā, mich, das elende, gequälte Kind, o Kinderliebende!'

Wort für Wort
vadanti munayaḥ sarve
alle Weisen nennen
tvām eva karuṇākaram
dich allein den Quell des Erbarmens,
rakṣasvārtaṃ jaganmātar
rette den Bedrängten, Mutter der Welt,
mām ambujanivāsini
mich, o in der Lotosblüte Wohnende,
kamale bālakaṃ dīnam
o Kamalā, das elende Kind,
ārtaṃ tanayavatsale
das gequälte, o Kinderliebende

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer; die Anrede wechselt hier von Viṣṇu zu Lakṣmī (Kamalā), passend zum folgenden 'kamalovāca'.]

{brahmovāca: } tataḥ kṛpānvitā devī śrīr apy āha janārdanam //*

Brahmā sprach: Da sprach auch die von Mitleid erfüllte Göttin Śrī zu Janārdana –

Wort für Wort
tataḥ kṛpānvitā devī
da (sprach) die von Mitleid erfüllte Göttin,
śrīr apy āha janārdanam
Śrī, sogar zu Janārdana

[Anm.: Im Quelltext nur als Halbvers überliefert (mit '//*' markiert); die zweite Vershälfte fehlt.]

{kamalovāca: } rakṣa nātha svakaṃ bhṛtyaṃ garuḍaṃ vipadaṃ gatam / janārdana uvācedaṃ nandinaṃ śaṃbhuvāhanam //

Kamalā (Lakṣmī) sprach: 'Rette, Herr, deinen eigenen Diener Garuḍa, der ins Unglück geraten ist.' Janārdana sprach dies zu Nandin, dem Reittier des Śaṃbhu (Śiva).

Wort für Wort
rakṣa nātha svakaṃ bhṛtyaṃ
rette, Herr, deinen eigenen Diener,
garuḍaṃ vipadaṃ gatam
Garuḍa, der ins Unglück geraten ist,
janārdana uvācedaṃ
Janārdana sprach dies
nandinaṃ śaṃbhuvāhanam
zu Nandin, dem Reittier des Śaṃbhu

{viṣṇur uvāca: } naya nāgaṃ sagaruḍaṃ śaṃbhor antikam eva ca / tatprasādāc ca garuḍo maheśvaranirīkṣitaḥ / ātmīyaṃ ca punā rūpaṃ garuḍaḥ samavāpsyati //

Viṣṇu sprach: 'Bring die Schlange samt Garuḍa in die Nähe des Śaṃbhu; durch dessen Gnade, vom Maheśvara angeblickt, wird Garuḍa seine eigene Gestalt wiedererlangen.'

Wort für Wort
naya nāgaṃ sagaruḍaṃ
bring die Schlange samt Garuḍa,
śaṃbhor antikam eva ca
in die Nähe des Śaṃbhu,
tatprasādāc ca garuḍo
durch dessen Gnade Garuḍa,
maheśvaranirīkṣitaḥ
vom Maheśvara angeblickt,
ātmīyaṃ ca punā rūpaṃ
seine eigene Gestalt wieder,
garuḍaḥ samavāpsyati
wird Garuḍa erlangen

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer.]

{brahmovāca: } tathety uktvā ca vṛṣabho nāgena garuḍena ca / śanaiḥ sa śaṃkaraṃ gatvā sarvaṃ tasmai nyavedayat / śaṃkaro 'pi garutmantaṃ provāca śaśiśekharaḥ //

Brahmā sprach: 'So sei es', sprach der Stier(-reiter, Nandin), und mit der Schlange und Garuḍa langsam zu Śaṃkara gehend, berichtete er ihm alles; Śaṃkara aber, der den Mond auf dem Haupt trägt, sprach zu Garutmant (Garuḍa).

Wort für Wort
tathety uktvā ca vṛṣabho
'so sei es', sprach der (auf dem) Stier (Reitende, Nandin),
nāgena garuḍena ca
mit der Schlange und mit Garuḍa,
śanaiḥ sa śaṃkaraṃ gatvā
langsam zu Śaṃkara gehend,
sarvaṃ tasmai nyavedayat
berichtete er ihm alles,
śaṃkaro 'pi garutmantaṃ
Śaṃkara aber zu Garutmant
provāca śaśiśekharaḥ
sprach, der den Mond auf dem Haupt trägt

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer.]

{śiva uvāca: } yāhi gaṅgāṃ mahābāho gautamīṃ lokapāvanīm / sarvakāmapradāṃ śāntāṃ tām āplutya punar vapuḥ //

Śiva sprach: 'Geh, Starkarmiger, zur Gaṅgā, zur Gautamī, die die Welt reinigt, alle Wünsche gewährt, friedvoll ist; nachdem du in ihr gebadet hast, (wirst du) wieder (deinen) Körper (erlangen).'

Wort für Wort
yāhi gaṅgāṃ mahābāho
geh, Starkarmiger, zur Gaṅgā,
gautamīṃ lokapāvanīm
zur Gautamī, die die Welt reinigt,
sarvakāmapradāṃ śāntāṃ
alle Wünsche gewährt, friedvoll,
tām āplutya punar vapuḥ
nachdem du in ihr gebadet hast, wieder den Körper

prāpsyase sarvakāmāṃś ca śatadhātha sahasradhā / sarvapāpopataptā ye durdaivonmūlitodyamāḥ / prāṇino 'bhīṣṭadā teṣāṃ śaraṇaṃ khaga gautamī //

'Du wirst alle Wünsche erlangen, hundertfach und tausendfach; für die Lebewesen, die von aller Sünde gequält, von bösem Schicksal ihrer Kraft beraubt sind, ist die Gautamī, o Vogel, die Wunscherfüllende, die Zuflucht.'

Wort für Wort
prāpsyase sarvakāmāṃś ca
du wirst alle Wünsche erlangen,
śatadhātha sahasradhā
hundertfach und tausendfach,
sarvapāpopataptā ye
die von aller Sünde gequälten,
durdaivonmūlitodyamāḥ
von bösem Schicksal ihrer Kraft beraubten,
prāṇino 'bhīṣṭadā teṣāṃ
für diese Lebewesen die Wunscherfüllende,
śaraṇaṃ khaga gautamī
die Zuflucht, o Vogel, (ist) die Gautamī

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer.]

{brahmovāca: } tadvākyaṃ praṇato bhūtvā śrutvā tu garuḍo 'bhyagāt / gaṅgām āplutya garuḍaḥ śivaṃ viṣṇuṃ nanāma saḥ //

Brahmā sprach: Nachdem er sich vor diesem Wort verneigt und es gehört hatte, ging Garuḍa fort; nachdem er in der Gaṅgā gebadet hatte, verneigte sich Garuḍa vor Śiva und Viṣṇu.

Wort für Wort
tadvākyaṃ praṇato bhūtvā
vor diesem Wort sich verneigt habend,
śrutvā tu garuḍo 'bhyagāt
es gehört habend, ging Garuḍa fort,
gaṅgām āplutya garuḍaḥ
nachdem Garuḍa in der Gaṅgā gebadet hatte,
śivaṃ viṣṇuṃ nanāma saḥ
verneigte er sich vor Śiva und Viṣṇu

tataḥ svarṇamayaḥ pakṣī vajradeho mahābalaḥ / vegī bhavan muniśreṣṭha punar viṣṇum iyāt sudhīḥ //

Darauf, ein goldener Vogel, mit einem Körper hart wie der Blitz, sehr mächtig, schnell geworden, o Bester der Weisen, kehrte der Weise (Garuḍa) wieder zu Viṣṇu zurück.

Wort für Wort
tataḥ svarṇamayaḥ pakṣī
darauf, ein goldener Vogel,
vajradeho mahābalaḥ
mit blitzhartem Körper, sehr mächtig,
vegī bhavan muniśreṣṭha
schnell geworden, o Bester der Weisen,
punar viṣṇum iyāt sudhīḥ
kehrte der Weise wieder zu Viṣṇu zurück

tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ gāruḍaṃ sarvakāmadam / tatra snānādi yat kiṃcit karoti prayato naraḥ / sarvaṃ tad akṣayaṃ vatsa śivaviṣṇupriyāvaham //

Seitdem heißt jenes Tīrtha 'Gāruḍa', alle Wünsche gewährend; was auch immer ein geläuterter Mensch dort an Baden und dergleichen vollzieht, all dies bringt, mein Kind, unvergänglichen Lohn und die Liebe von Śiva und Viṣṇu.

Wort für Wort
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ
seitdem heißt jenes Tīrtha
gāruḍaṃ sarvakāmadam
'Gāruḍa', alle Wünsche gewährend,
tatra snānādi yat kiṃcit
was auch immer dort an Baden und dergleichen,
karoti prayato naraḥ
ein geläuterter Mensch vollzieht,
sarvaṃ tad akṣayaṃ vatsa
all dies bringt, mein Kind, Unvergängliches,
śivaviṣṇupriyāvaham
und die Liebe von Śiva und Viṣṇu

[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer.]

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