Kapitel 90: gāruḍatīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Gāruḍa-Tīrtha (Garuḍas Demütigung durch Viṣṇu)
Der Nāga Maṇināga, Sohn des Śeṣa, erlangt durch Askese bei Śiva Furchtlosigkeit vor Garuḍa, wird aber von diesem dennoch gefangen und gefesselt. Nandin berichtet Śiva; auf Śivas Geheiß fordert Viṣṇu Garuḍa auf, die Schlange herauszugeben, doch der stolze Garuḍa weigert sich mit zorniger Rede und rühmt sich, Viṣṇu trage er, nicht umgekehrt. Viṣṇu demütigt ihn spielerisch, indem er nur einen Finger auf Garuḍas Scheitel legt, worauf dieser unter dem Gewicht zusammenbricht; reumütig bittet Garuḍa, auch mit Fürsprache der Göttin Lakṣmī (Kamalā), um Vergebung. Viṣṇu schickt ihn mit der Schlange zu Śiva, der ihm rät, in der Gautamī-Gaṅgā zu baden, um seine ursprüngliche Kraft und Gestalt (goldener, blitzharter Körper) wiederzuerlangen. Seitdem heißt die Stätte 'Gāruḍa-Tīrtha'.
Furchtlos vor Garuḍa, dem jüngeren Bruder des Aruṇa, zog der Nāga fort, dorthin wo der Milchmeer-Schläfer (Viṣṇu) sich in der Nähe des Milchozeans aufhält.
itaś cetaś ca carati nāgo 'sau sukhaśītale / garuḍo 'pi ca yatrāste taṃ deśam api yāty asau //
Hierhin und dorthin bewegte sich jene Schlange, im wohltuend kühlen Gefilde; und auch dorthin, wo Garuḍa sich aufhielt, in jenes Gebiet begab sie sich.
{nandikeśvara uvāca: } nūnaṃ nāgo na cāyāti bhakṣito baddha eva vā / garuḍena sureśāna jīvan nāgo na saṃvrajet //
Nandikeśvara sprach: 'Gewiss kommt die Schlange nicht mehr, sei sie nun verzehrt oder eben gebunden; von Garuḍa gefangen, o Götterherr, wird die lebende Schlange nicht mehr fortgehen.'
'Bring die von Kāśyapa (Garuḍa) gebundene Schlange auf mein Wort selbst herbei.' Nachdem er dieses Wort des Herrn gehört hatte, ging Nandin zum Gatten der Śrī (Viṣṇu).
Viṣṇu sprach: 'Sohn der Vinatā, gib auf mein Wort dem Nandin die Schlange.' Als er dies zitternd vernahm, sagte der Vogel 'Nein'; aus Zorn sprach der Suparṇa (Garuḍa) sogar zu Viṣṇu, in Gegenwart Nandins.
Garuḍa sprach: 'Was auch immer ihren Dienern das Liebste ist – mächtige Herren mögen es anderen geben, du aber wirst nicht wegnehmen, was ich selbst herbeigebracht habe.'
'Dies wäre nicht das Verhalten guter, rechtschaffen handelnder Herren; die Guten geben ihren Dienern (etwas) – (nicht,) dass du das von mir Erworbene wegnimmst.'
Brahmā sprach: Nachdem der Träger von Diskus und Keule (Viṣṇu) diese Rede Garuḍas gehört hatte, lächelte er, an Nandins Seite, während die Weltenhüter zusahen.
Dies gesagt habend, sprach der Gemahl der Śrī (Viṣṇu), o Weiser, mit besänftigtem Zorn dies weiter: 'Trage sogleich den kleinen Finger meiner Hand', in Nandins Gegenwart.
Wort für Wort
ity uktvā śrīpatir brahmañ
dies gesagt habend, der Gemahl der Śrī, o Weiser,
śāntakopo 'bravīd idam
mit besänftigtem Zorn sprach er dies:
vahāṅguliṃ karasyāśu
'trage sogleich den Finger meiner Hand,
kaniṣṭhāṃ nandino 'ntike
den kleinen (Finger), in Nandins Gegenwart'
[Anm.: 'brahman' hier als Vokativ-Anrede des Erzählers Brahmā an Nārada, den Zuhörer (wie andernorts 'nārada'/'muniśreṣṭha').]
nyastāyāṃ ca tato 'ṅgulyāṃ śiraḥ kukṣau samāviśat / kukṣiś ca caraṇasyāntaḥ prāviśac cūrṇito 'bhavat / tataḥ kṛtāñjalir dīno vyathito lajjayānvitaḥ //
Als der Finger aufgelegt war, sank sein Kopf da in den Bauch hinein, und der Bauch versank innerhalb des Fußes, zermalmt; daraufhin stand Garuḍa mit gefalteten Händen da, elend, gequält, von Scham erfüllt.
{garuḍa uvāca: } trāhi trāhi jagannātha bhṛtyaṃ mām aparādhinam / tvaṃ prabhuḥ sarvalokānāṃ dhartā dhāryas tvam eva ca //
Garuḍa sprach: 'Rette, rette mich, Herr der Welt, deinen fehlbaren Diener; du bist der Herr aller Welten, du bist der Träger und du selbst der zu Tragende.'
aparādhasahasrāṇi kṣamante prabhaviṣṇavaḥ / kṛtāparādhe 'pi jane mahatī yasya vai kṛpā //
'Tausend Vergehen verzeihen mächtige Herren; auch gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat, ist bei einem solchen (Mächtigen) das Erbarmen groß.'
Wort für Wort
aparādhasahasrāṇi
tausend Vergehen,
kṣamante prabhaviṣṇavaḥ
verzeihen mächtige Herren,
kṛtāparādhe 'pi jane
auch gegenüber einem, der ein Vergehen begangen hat,
mahatī yasya vai kṛpā
ist bei dem, (der solche Macht hat,) das Erbarmen groß
'Alle Weisen nennen dich allein den Quell des Erbarmens.' 'Rette den Bedrängten, Mutter der Welt, mich, o in der Lotosblüte Wohnende, Kamalā, mich, das elende, gequälte Kind, o Kinderliebende!'
Wort für Wort
vadanti munayaḥ sarve
alle Weisen nennen
tvām eva karuṇākaram
dich allein den Quell des Erbarmens,
rakṣasvārtaṃ jaganmātar
rette den Bedrängten, Mutter der Welt,
mām ambujanivāsini
mich, o in der Lotosblüte Wohnende,
kamale bālakaṃ dīnam
o Kamalā, das elende Kind,
ārtaṃ tanayavatsale
das gequälte, o Kinderliebende
[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer; die Anrede wechselt hier von Viṣṇu zu Lakṣmī (Kamalā), passend zum folgenden 'kamalovāca'.]
Kamalā (Lakṣmī) sprach: 'Rette, Herr, deinen eigenen Diener Garuḍa, der ins Unglück geraten ist.' Janārdana sprach dies zu Nandin, dem Reittier des Śaṃbhu (Śiva).
{viṣṇur uvāca: } naya nāgaṃ sagaruḍaṃ śaṃbhor antikam eva ca / tatprasādāc ca garuḍo maheśvaranirīkṣitaḥ / ātmīyaṃ ca punā rūpaṃ garuḍaḥ samavāpsyati //
Viṣṇu sprach: 'Bring die Schlange samt Garuḍa in die Nähe des Śaṃbhu; durch dessen Gnade, vom Maheśvara angeblickt, wird Garuḍa seine eigene Gestalt wiedererlangen.'
{brahmovāca: } tathety uktvā ca vṛṣabho nāgena garuḍena ca / śanaiḥ sa śaṃkaraṃ gatvā sarvaṃ tasmai nyavedayat / śaṃkaro 'pi garutmantaṃ provāca śaśiśekharaḥ //
Brahmā sprach: 'So sei es', sprach der Stier(-reiter, Nandin), und mit der Schlange und Garuḍa langsam zu Śaṃkara gehend, berichtete er ihm alles; Śaṃkara aber, der den Mond auf dem Haupt trägt, sprach zu Garutmant (Garuḍa).
Wort für Wort
tathety uktvā ca vṛṣabho
'so sei es', sprach der (auf dem) Stier (Reitende, Nandin),
Śiva sprach: 'Geh, Starkarmiger, zur Gaṅgā, zur Gautamī, die die Welt reinigt, alle Wünsche gewährt, friedvoll ist; nachdem du in ihr gebadet hast, (wirst du) wieder (deinen) Körper (erlangen).'
prāpsyase sarvakāmāṃś ca śatadhātha sahasradhā / sarvapāpopataptā ye durdaivonmūlitodyamāḥ / prāṇino 'bhīṣṭadā teṣāṃ śaraṇaṃ khaga gautamī //
'Du wirst alle Wünsche erlangen, hundertfach und tausendfach; für die Lebewesen, die von aller Sünde gequält, von bösem Schicksal ihrer Kraft beraubt sind, ist die Gautamī, o Vogel, die Wunscherfüllende, die Zuflucht.'
Brahmā sprach: Nachdem er sich vor diesem Wort verneigt und es gehört hatte, ging Garuḍa fort; nachdem er in der Gaṅgā gebadet hatte, verneigte sich Garuḍa vor Śiva und Viṣṇu.
Darauf, ein goldener Vogel, mit einem Körper hart wie der Blitz, sehr mächtig, schnell geworden, o Bester der Weisen, kehrte der Weise (Garuḍa) wieder zu Viṣṇu zurück.
tataḥ prabhṛti tat tīrthaṃ gāruḍaṃ sarvakāmadam / tatra snānādi yat kiṃcit karoti prayato naraḥ / sarvaṃ tad akṣayaṃ vatsa śivaviṣṇupriyāvaham //
Seitdem heißt jenes Tīrtha 'Gāruḍa', alle Wünsche gewährend; was auch immer ein geläuterter Mensch dort an Baden und dergleichen vollzieht, all dies bringt, mein Kind, unvergänglichen Lohn und die Liebe von Śiva und Viṣṇu.