{munaya ūcuḥ:} sāṃkhyaṃ yogasya no vipra viśeṣaṃ vaktum arhasi / tava dharmajña sarvaṃ hi viditaṃ munisattama //
Die Weisen sprachen: Den Unterschied von Sāṃkhya und Yoga sollst du uns, oh Brahmane, erklären; denn dir, oh Dharma-Kenner, ist alles bekannt, oh Bester der Weisen.
Wort für Wort
sāṃkhyam yogasya naḥ vipra
den Unterschied von Sāṃkhya und Yoga uns, oh Brahmane
Vyāsa sprach: Die Sāṃkhya-Anhänger preisen das Sāṃkhya, die vorzüglichsten Yoga-Kenner den Yoga; sie sprechen mit den besten Gründen, um freilich ihre eigene Position zu begründen.
'Wie kann einer ohne göttlichen Herrscher befreit werden?' — so sprechen, oh Beste der Weisen, die Weisen mit besten Gründen zu Recht vom Yoga als überlegen.
Wort für Wort
anīśvaraḥ katham mucyet
wie kann einer ohne Herrscher befreit werden
iti evam munisattamāḥ
so, oh Beste der Weisen
vadanti kāraṇaiḥ śreṣṭham
sprechen sie mit besten Gründen vom Vorzüglichen
yogam samyak manīṣiṇaḥ
vom Yoga zu Recht, die Weisen
[Anm.] Klassisches Argument für den theistischen Yoga (mit Īśvara) gegenüber dem nicht-theistischen Sāṃkhya-System.
Die Zweifachgeborenen sprechen zu Recht vom Sāṃkhya als der den Veda begründenden Ursache-Erkenntnis: wer hier alle Daseinszustände erkannt hat und von den Sinnesobjekten losgelöst ist,
Wort für Wort
vadanti kāraṇam vedam
sie sprechen von der den Veda begründenden Ursache
svapakṣe kāraṇaṃ grāhyaṃ samarthaṃ vacanaṃ hitam / śiṣṭānāṃ hi mataṃ grāhyaṃ bhavadbhiḥ śiṣṭasaṃmataiḥ //
Für die eigene Position ist die Begründung anzunehmen, wirksame, heilsame Rede; denn die Ansicht der Gebildeten ist von euch, den bei den Gebildeten Anerkannten, anzunehmen.
Wort für Wort
svapakṣe kāraṇam grāhyam
für die eigene Position ist die Begründung anzunehmen
Unmittelbare Wahrnehmung und logische Gründe kennzeichnen den Yoga, die Sāṃkhyas stützen sich auf die Entscheidung der Lehrschriften; beide diese Lehrmeinungen aber, oh Beste der Zweifachgeborenen, sind in der Wahrheit vereint.
Wenn beide diese, bei den Gebildeten anerkannten Lehrmeinungen erkannt und der Lehrschrift gemäß befolgt werden, oh Fürsten der Weisen, führen sie zum höchsten Ziel.
Wort für Wort
ubhe ca ete mate jñāte
wenn beide diese Lehrmeinungen erkannt
munīndrāḥ śiṣṭasaṃmate
oh Fürsten der Weisen, bei den Gebildeten anerkannt
Gleich ist bei beiden die geforderte Reinheit, und Mitgefühl gegenüber den Wesen, oh Makellose; gleich ist die Einhaltung der Gelübde, doch die philosophische Anschauung der beiden ist ungleich.
{munaya ūcuḥ:} yadi tulyaṃ vrataṃ śaucaṃ dayā cātra mahāmune / tulyaṃ taddarśanaṃ kasmāt tan no brūhi dvijottama //
Die Weisen sprachen: Wenn Gelübde, Reinheit und Mitgefühl hierbei gleich sind, oh großer Weiser, warum ist dann ihre Anschauung nicht gleich? Sage uns dies, oh Bester der Zweifachgeborenen.
Vyāsa sprach: Leidenschaft, Verblendung, ebenso Zuneigung, Begierde und Zorn allein — diese fünf, im Yoga als 'unstete Fehler' bezeichneten Übel treffen jene (Yogins zunächst).
Wort für Wort
rāgam moham tathā sneham
Leidenschaft, Verblendung, ebenso Zuneigung
kāmam krodham ca kevalam
Begierde und Zorn allein
yogāsthiroditān doṣān
die im Yoga als unstete Fehler bezeichneten
pañca etān prāpnuvanti tān
diese fünf treffen jene [?]
[?] Etwas unklare Formulierung, wonach die genannten fünf Fehler die Yogins zunächst befallen, bevor sie überwunden werden; sinngemäß wiedergegeben.
Wie Fische, nachdem sie das grobe Netz durchtrennt haben, wieder das Wasser erlangen, so erlangen sie, von Yoga makellos geworden, jenen höchsten Zustand.
acalās tv āvilā viprā vāgurāsu tathāpare / vinaśyanti na saṃdehas tadvad yogabalād ṛte //
Die Unbeweglichen aber, oh Brahmanen, die Getrübten, gehen ebenso wie andere in den Schlingen zugrunde — kein Zweifel — ebenso gehen jene ohne die Kraft des Yoga zugrunde.
Wort für Wort
acalāḥ tu āvilāḥ viprāḥ
die Unbeweglichen aber, die Getrübten, oh Brahmanen
balahīnāś ca viprendrā yathā jālaṃ gatā dvijāḥ / bandhaṃ na gacchanty anaghā yogās te tu sudurlabhāḥ //
Und die Kraftlosen, oh Fürsten der Brahmanen, die, oh Zweifachgeborene, ins Netz geraten sind, entkommen der Bindung nicht, oh Makellose; jene kraftvollen Yogins aber sind höchst selten.
Wort für Wort
balahīnāḥ ca viprendrāḥ
und die Kraftlosen, oh Fürsten der Brahmanen
yathā jālam gatāḥ dvijāḥ
die ins Netz geraten sind
bandham na gacchanti anaghāḥ
entkommen der Bindung nicht, oh Makellose [?]
yogāḥ te tu sudurlabhāḥ
jene (kraftvollen) Yogins aber sind höchst selten
[?] Die genaue Satzkonstruktion bleibt unsicher; sinngemäß im Sinne von 'entkommen der Bindung nicht' übertragen.
karmajair bandhanair baddhās tadvad yogaparā dvijāḥ / abalā na vimucyante mucyante ca balānvitāḥ //
— ebenso, an die aus Handlung entstandenen Fesseln gebunden, werden die dem Yoga Ergebenen, oh Zweifachgeborene, wenn kraftlos, nicht befreit, wenn kraftvoll aber befreit.
Wort für Wort
karmajaiḥ bandhanaiḥ baddhāḥ
an die aus Handlung entstandenen Fesseln gebunden
tadvat yogaparāḥ dvijāḥ
ebenso die dem Yoga Ergebenen, oh Zweifachgeborene
Der Yogin, gestärkt durch die Erkenntnis der Wahrheit, von loderndem Glanz, höchst kraftvoll, trocknet die ganze Welt aus wie die Sonne zur Zeit des Weltendes.
Wort für Wort
tattvajñānabalaḥ yogī
der durch die Erkenntnis der Wahrheit gestärkte Yogin
Diejenigen, die mit der Kraft des Yoga ausgestattet sind, gehen nach Belieben oder durch Yoga in die Prajāpatis, alle Manus, die groben Elemente und die Herrscher ein,
na yamo nāntakaḥ kruddho na mṛtyur bhīmavikramaḥ / viśante tad dvijāḥ sarve yogasyāmitatejasaḥ //
— weder Yama noch der zornige Antaka noch der furchtgebietende Tod können sie hindern; alle diese, oh Brahmanen, gehen in jenes Ziel ein, kraft des unermesslichen Glanzes des Yoga.
ātmanāṃ ca sahasrāṇi bahūni dvijasattamāḥ / yogaṃ kuryād balaṃ prāpya taiś ca sarvair mahīṃ caret //
Und viele Tausende von eigenen Selbsten, oh Beste der Zweifachgeborenen, kann er, nachdem er durch Yoga Kraft erlangt hat, erschaffen und mit all diesen die Erde durchwandern.
Wort für Wort
ātmanām ca sahasrāṇi bahūni
und viele Tausende von Selbsten
dvijasattamāḥ yogam kuryāt
oh Beste der Zweifachgeborenen, kann er durch Yoga erschaffen
Mancher mag dabei Sinnesobjekte erlangen und wiederum strenge Askese üben, und die vielen Selbste wieder einziehen, wie die Sonne ihre Glanz-Strahlen einzieht, oh Brahmanen.
Diese vom Yoga gelehrten Kräfte wurden von mir, oh Beste der Zweifachgeborenen, dargelegt; zum Zweck der Veranschaulichung werde ich noch feinere Aspekte verkünden, oh Zweifachgeborene.
Wort für Wort
balāni yogaproktāni
die vom Yoga gelehrten Kräfte
mayā etāni dvijottamāḥ
wurden von mir dargelegt, oh Beste der Zweifachgeborenen
— ebenso erlangt der durch Yoga geübte Yogakundige, durch die Sammlung des Selbst, den schwer erreichbaren Ort, nachdem er diesen Körper verlassen hat, oh Zweifachgeborene.
Wort für Wort
tadvat ātmasamādhānam
ebenso durch die Sammlung des Selbst
yuktaḥ yogena yogavit
der durch Yoga geübte Yogakundige
durgamam sthānam āpnoti
erlangt den schwer erreichbaren Ort
hitvā deham imam dvijāḥ
diesen Körper verlassen habend, oh Zweifachgeborene
āviśyātmani cātmānaṃ yo 'vatiṣṭhati so 'calaḥ / pāśaṃ hatveva mīnānāṃ padam āpnoti so 'jaram //
Wer, in das Selbst eingehend, im Selbst verweilt, der ist unbeweglich; er erlangt, wie Fische, die das Fangnetz zerrissen haben, den alterslosen Zustand.
nābhyāṃ śīrṣe ca kukṣau ca hṛdi vakṣasi pārśvayoḥ / darśane śravaṇe vāpi ghrāṇe cāmitavikramaḥ //
Im Nabel, im Kopf, im Bauch, im Herzen, in der Brust, in den beiden Seiten, im Sehsinn, im Gehör oder auch im Geruchssinn, der von unermesslicher Kraft,
— an diesen Stellen vereinigt der Yogin, der durch das große Gelübde gesammelte, mit dem Selbst das feine Selbst recht, oh Beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
sthāneṣu eteṣu yaḥ yogī
an diesen Stellen, welcher Yogin
mahāvratasamāhitaḥ
durch das große Gelübde gesammelt
ātmanā sūkṣmam ātmānam
mit dem Selbst das feine Selbst
yuṅkte samyak dvijottamāḥ
vereinigt er recht, oh Beste der Zweifachgeborenen
Sehr rasch, unbeweglich erscheinend, sein gutes und schlechtes Karma verbrennend, wird er, nachdem er den höchsten Yoga erlangt hat, befreit, wenn er es wünscht.
Vyāsa sprach: Wenn er sich am Verzehr von Getreidekörnern und Ölkuchen-Rückständen übt, oh Zweifachgeborene, und sich im Meiden von Fett übt, erlangt der Yogin Kraft.
Wenn er lange Zeit trockenes Gerstenschrot isst, oh Beste der Zweifachgeborenen, nur eine Mahlzeit einnimmt, geläuterten Selbst, erlangt der Yogin Kraft.
Wenn er halbe Monate, Monate, mannigfache Jahreszeiten hindurch wandert und Höhlen aufsucht, Wasser mit Milch vermischt trinkend, erlangt der Yogin Kraft.
kāmaṃ jitvā tathā krodhaṃ śītoṣṇaṃ varṣam eva ca / bhayaṃ śokaṃ tathā svāpaṃ pauruṣān viṣayāṃs tathā //
Wenn er Begierde und Zorn besiegt hat, ebenso Kälte, Hitze und Regen, Furcht, Kummer, ebenso Schlaf, die aus Mannhaftigkeit entstehenden Sinnesobjekte,
Wort für Wort
kāmam jitvā tathā krodham
Begierde und ebenso Zorn besiegt habend
śītoṣṇam varṣam eva ca
Kälte, Hitze und auch Regen
bhayam śokam tathā svāpam
Furcht, Kummer, ebenso Schlaf
pauruṣān viṣayān tathā
die aus Mannhaftigkeit (entstehenden) Sinnesobjekte
— den schrecklichen, schwer zu bezwingenden Unmut überwunden und, oh Brahmanen, unerschrocken geschaut hat, ebenso Berührung, Schlaf und die schwer zu bezwingende Mattigkeit, oh Beste der Weisen,
— gleicht einem, der einen schrecklichen, von vielen Schlangen und Kriechtieren bewohnten, von Gruben durchzogenen, wasserlosen, unwegsamen, von vielen Dornen bedeckten Wald,
Man muss auf scharfen Rasierklingen-Schneiden stehen, oh Beste der Zweifachgeborenen; jene Fixierung des Yoga ist für die Ungeläuterten schwer zu vollziehen.
Wort für Wort
āstheyam kṣuradhārāsu
man muss auf Rasierklingen-Schneiden stehen
niśitāsu dvijottamāḥ
auf scharfen, oh Beste der Zweifachgeborenen
dhāraṇā sā tu yogasya
jene Fixierung des Yoga aber
durgeyam akṛtātmabhiḥ
ist für die Ungeläuterten schwer zu vollziehen
[Anm.] Bildparallele zum berühmten 'kṣurasya dhārā' ('Schneide des Rasiermessers') der Kaṭha-Upaniṣad (1.3.14).
viṣamā dhāraṇā viprā yānti vai na śubhāṃ gatim / netṛhīnā yathā nāvaḥ puruṣāṇāṃ tu vai dvijāḥ //
Eine ungleichmäßige Fixierung, oh Brahmanen, führt freilich nicht zum heilvollen Ziel — wie Schiffe von Menschen, oh Zweifachgeborene, die ohne Steuermann sind.
paraṃ hi tad brahmamayaṃ munīndrā / brahmāṇam īśaṃ varadaṃ ca viṣṇum / bhavaṃ ca dharmaṃ ca mahānubhāvaṃ / yad brahmaputrān sumahānubhāvān //
Denn jenes Höchste, aus Brahman bestehende, oh Fürsten der Weisen — Brahmā, den Herrscher, den gnadenspendenden Viṣṇu, Bhava und Dharma, den hochherrlichen, sowie die hocherhabenen Söhne Brahmās —
Wort für Wort
param hi tat brahmamayam
denn jenes Höchste, aus Brahman bestehende
munīndrāḥ
oh Fürsten der Weisen
brahmāṇam īśam varadam ca viṣṇum
Brahmā, den Herrscher, den gnadenspendenden Viṣṇu
bhavam ca dharmam ca mahānubhāvam
Bhava und Dharma, den hochherrlichen
yat brahmaputrān sumahānubhāvān
sowie die hocherhabenen Söhne Brahmās
[Anm.] Beginn einer langen, sich über V.58-61 erstreckenden Aufzählung aller Wesen und kosmischen Instanzen, in die der befreite Yogin eingeht (Hauptverb 'viśet' in V.61d). Vierzeilige Hymnenverse, im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen überliefert, hier mit Schrägstrichen versehen.
tamaś ca kaṣṭaṃ sumahad rajaś ca / sattvaṃ ca śuddhaṃ prakṛtiṃ parāṃ ca / siddhiṃ ca devīṃ varuṇasya patnīṃ / tejaś ca kṛtsnaṃ sumahac ca dhairyam //
— das leidvolle, gewaltige Tamas und Rajas, das reine Sattva und die höchste Prakṛti, die Göttin Siddhi, Varuṇas Gattin, den gesamten Glanz und die gewaltige Standhaftigkeit —
Wort für Wort
tamaḥ ca kaṣṭam sumahat rajaḥ ca
das leidvolle, gewaltige Tamas und Rajas
sattvam ca śuddham prakṛtim parām ca
das reine Sattva und die höchste Prakṛti
siddhim ca devīm varuṇasya patnīm
die Göttin Siddhi, Varuṇas Gattin
tejaḥ ca kṛtsnam sumahat ca dhairyam
den gesamten Glanz und die gewaltige Standhaftigkeit
tārādhipaṃ khe vimalaṃ sutāraṃ / viśvāṃś ca devān uragān pitṝṃś ca / śailāṃś ca kṛtsnān udadhīṃś ca vācalān / nadīś ca sarvāḥ sanagāṃś ca nāgān //
— den makellosen, wohlleuchtenden Mond, den Herrscher der Sterne, am Himmel, die Viśvedevas, die Schlangen und die Ahnen, alle Berge, die Ozeane samt den Bergen, alle Flüsse samt den Bergen und Schlangen —
— die Sādhyas, ebenso die Yakṣa-Scharen, die Himmelsrichtungen, die Gandharvas, Siddhas, Männer und Frauen — dies alles nacheinander erlangend, geht der große, großherzige Yogin in kurzer Zeit befreit in sie alle ein.
Wort für Wort
sādhyān tathā yakṣagaṇān diśaḥ ca
die Sādhyas, ebenso die Yakṣa-Scharen, die Himmelsrichtungen
gandharvasiddhān puruṣān striyaḥ ca
die Gandharvas, Siddhas, Männer und Frauen
parasparam prāpya mahān mahātmā
dies nacheinander erlangend, der große, großherzige
Und diese Erzählung, oh ihr vorzüglichen Brahmanen, die sich auf das Göttliche, von großer Kraft und Erkenntnis, dieses heilvolle Thema bezieht — nachdem die Sterblichen alle diese Yoga-Formen durchlaufen haben, erlangen sie rasch jenen Nārāyaṇa.
Wort für Wort
kathā ca yā vipravarāḥ prasaktā
und diese Erzählung, oh vorzügliche Brahmanen, die sich bezieht
daive mahāvīryamatau śubhā iyam
auf das Göttliche, von großer Kraft und Erkenntnis, dieses heilvolle (Thema)
yogān sa sarvān anubhūya martyāḥ
nachdem die Sterblichen alle diese Yoga-Formen durchlaufen haben