Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 239: sāṃkhyayogaviśeṣavarṇanaṃ yogabalavarṇanaṃ ca Die Darlegung des Unterschieds von Sāṃkhya und Yoga sowie der Kräfte des Yoga

{munaya ūcuḥ:} sāṃkhyaṃ yogasya no vipra viśeṣaṃ vaktum arhasi / tava dharmajña sarvaṃ hi viditaṃ munisattama //

Die Weisen sprachen: Den Unterschied von Sāṃkhya und Yoga sollst du uns, oh Brahmane, erklären; denn dir, oh Dharma-Kenner, ist alles bekannt, oh Bester der Weisen.

Wort für Wort
sāṃkhyam yogasya naḥ vipra
den Unterschied von Sāṃkhya und Yoga uns, oh Brahmane
viśeṣam vaktum arhasi
sollst du erklären
tava dharmajña sarvam hi
denn dir, oh Dharma-Kenner, alles
viditam munisattama
ist bekannt, oh Bester der Weisen

{vyāsa uvāca:} sāṃkhyāḥ sāṃkhyaṃ praśaṃsanti yogān yogaviduttamāḥ / vadanti kāraṇaiḥ śreṣṭhaiḥ svapakṣodbhavanāya vai //

Vyāsa sprach: Die Sāṃkhya-Anhänger preisen das Sāṃkhya, die vorzüglichsten Yoga-Kenner den Yoga; sie sprechen mit den besten Gründen, um freilich ihre eigene Position zu begründen.

Wort für Wort
sāṃkhyāḥ sāṃkhyam praśaṃsanti
die Sāṃkhya-Anhänger preisen das Sāṃkhya
yogān yogaviduttamāḥ
den Yoga die vorzüglichsten Yoga-Kenner
vadanti kāraṇaiḥ śreṣṭhaiḥ
sie sprechen mit den besten Gründen
svapakṣodbhavanāya vai
um freilich ihre eigene Position zu begründen

anīśvaraḥ kathaṃ mucyed ity evaṃ munisattamāḥ / vadanti kāraṇaiḥ śreṣṭhaṃ yogaṃ samyaṅ manīṣiṇaḥ //

'Wie kann einer ohne göttlichen Herrscher befreit werden?' — so sprechen, oh Beste der Weisen, die Weisen mit besten Gründen zu Recht vom Yoga als überlegen.

Wort für Wort
anīśvaraḥ katham mucyet
wie kann einer ohne Herrscher befreit werden
iti evam munisattamāḥ
so, oh Beste der Weisen
vadanti kāraṇaiḥ śreṣṭham
sprechen sie mit besten Gründen vom Vorzüglichen
yogam samyak manīṣiṇaḥ
vom Yoga zu Recht, die Weisen

[Anm.] Klassisches Argument für den theistischen Yoga (mit Īśvara) gegenüber dem nicht-theistischen Sāṃkhya-System.

vadanti kāraṇaṃ vedaṃ sāṃkhyaṃ samyag dvijātayaḥ / vijñāyeha gatīḥ sarvā virakto viṣayeṣu yaḥ //

Die Zweifachgeborenen sprechen zu Recht vom Sāṃkhya als der den Veda begründenden Ursache-Erkenntnis: wer hier alle Daseinszustände erkannt hat und von den Sinnesobjekten losgelöst ist,

Wort für Wort
vadanti kāraṇam vedam
sie sprechen von der den Veda begründenden Ursache
sāṃkhyam samyak dvijātayaḥ
vom Sāṃkhya zu Recht, die Zweifachgeborenen
vijñāya iha gatīḥ sarvāḥ
hier alle Zustände erkannt habend
viraktaḥ viṣayeṣu yaḥ
wer von den Sinnesobjekten losgelöst ist

[Anm.] Der Satz setzt sich in V.5 fort.

ūrdhvaṃ sa dehāt suvyaktaṃ vimucyed iti nānyathā / etad āhur mahāprājñāḥ sāṃkhyaṃ vai mokṣadarśanam //

— der wird, offenkundig, jenseits des Körpers befreit, nicht anders; dies sagen die höchst Weisen: das Sāṃkhya sei die Lehre der Befreiung.

Wort für Wort
ūrdhvam sa dehāt suvyaktam
jenseits des Körpers, offenkundig, er
vimucyet iti na anyathā
wird befreit, nicht anders
etat āhuḥ mahāprājñāḥ
dies sagen die höchst Weisen
sāṃkhyam vai mokṣadarśanam
das Sāṃkhya sei die Lehre der Befreiung

svapakṣe kāraṇaṃ grāhyaṃ samarthaṃ vacanaṃ hitam / śiṣṭānāṃ hi mataṃ grāhyaṃ bhavadbhiḥ śiṣṭasaṃmataiḥ //

Für die eigene Position ist die Begründung anzunehmen, wirksame, heilsame Rede; denn die Ansicht der Gebildeten ist von euch, den bei den Gebildeten Anerkannten, anzunehmen.

Wort für Wort
svapakṣe kāraṇam grāhyam
für die eigene Position ist die Begründung anzunehmen
samartham vacanam hitam
wirksame, heilsame Rede
śiṣṭānām hi matam grāhyam
denn die Ansicht der Gebildeten ist anzunehmen
bhavadbhiḥ śiṣṭasaṃmataiḥ
von euch, den bei den Gebildeten Anerkannten

pratyakṣaṃ hetavo yogāḥ sāṃkhyāḥ śāstraviniścayāḥ / ubhe caite mate tattve samavete dvijottamāḥ //

Unmittelbare Wahrnehmung und logische Gründe kennzeichnen den Yoga, die Sāṃkhyas stützen sich auf die Entscheidung der Lehrschriften; beide diese Lehrmeinungen aber, oh Beste der Zweifachgeborenen, sind in der Wahrheit vereint.

Wort für Wort
pratyakṣam hetavaḥ yogāḥ
unmittelbare Wahrnehmung und Gründe, der Yoga
sāṃkhyāḥ śāstraviniścayāḥ
die Sāṃkhyas, die Entscheidung der Lehrschriften
ubhe ca ete mate tattve
beide diese Lehrmeinungen in der Wahrheit
samavete dvijottamāḥ
vereint, oh Beste der Zweifachgeborenen

ubhe caite mate jñāte munīndrāḥ śiṣṭasaṃmate / anuṣṭhite yathāśāstraṃ nayetāṃ paramāṃ gatim //

Wenn beide diese, bei den Gebildeten anerkannten Lehrmeinungen erkannt und der Lehrschrift gemäß befolgt werden, oh Fürsten der Weisen, führen sie zum höchsten Ziel.

Wort für Wort
ubhe ca ete mate jñāte
wenn beide diese Lehrmeinungen erkannt
munīndrāḥ śiṣṭasaṃmate
oh Fürsten der Weisen, bei den Gebildeten anerkannt
anuṣṭhite yathāśāstram
befolgt der Lehrschrift gemäß
nayetām paramām gatim
führen sie zum höchsten Ziel

tulyaṃ śaucaṃ tayor yuktaṃ dayā bhūteṣu cānaghāḥ / vratānāṃ dhāraṇaṃ tulyaṃ darśanaṃ tv asamaṃ tayoḥ //

Gleich ist bei beiden die geforderte Reinheit, und Mitgefühl gegenüber den Wesen, oh Makellose; gleich ist die Einhaltung der Gelübde, doch die philosophische Anschauung der beiden ist ungleich.

Wort für Wort
tulyam śaucam tayoḥ yuktam
gleich ist bei beiden die geforderte Reinheit
dayā bhūteṣu ca anaghāḥ
und Mitgefühl gegenüber den Wesen, oh Makellose
vratānām dhāraṇam tulyam
gleich ist die Einhaltung der Gelübde
darśanam tu asamam tayoḥ
doch die Anschauung der beiden ist ungleich

{munaya ūcuḥ:} yadi tulyaṃ vrataṃ śaucaṃ dayā cātra mahāmune / tulyaṃ taddarśanaṃ kasmāt tan no brūhi dvijottama //

Die Weisen sprachen: Wenn Gelübde, Reinheit und Mitgefühl hierbei gleich sind, oh großer Weiser, warum ist dann ihre Anschauung nicht gleich? Sage uns dies, oh Bester der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
yadi tulyam vratam śaucam
wenn gleich sind Gelübde und Reinheit
dayā ca atra mahāmune
und Mitgefühl hierbei, oh großer Weiser
tulyam tat darśanam kasmāt
warum ist jene Anschauung (nicht) gleich
tat naḥ brūhi dvijottama
sage uns dies, oh Bester der Zweifachgeborenen

{vyāsa uvāca:} rāgaṃ mohaṃ tathā snehaṃ kāmaṃ krodhaṃ ca kevalam / yogāsthiroditān doṣān pañcaitān prāpnuvanti tān //

Vyāsa sprach: Leidenschaft, Verblendung, ebenso Zuneigung, Begierde und Zorn allein — diese fünf, im Yoga als 'unstete Fehler' bezeichneten Übel treffen jene (Yogins zunächst).

Wort für Wort
rāgam moham tathā sneham
Leidenschaft, Verblendung, ebenso Zuneigung
kāmam krodham ca kevalam
Begierde und Zorn allein
yogāsthiroditān doṣān
die im Yoga als unstete Fehler bezeichneten
pañca etān prāpnuvanti tān
diese fünf treffen jene [?]

[?] Etwas unklare Formulierung, wonach die genannten fünf Fehler die Yogins zunächst befallen, bevor sie überwunden werden; sinngemäß wiedergegeben.

yathā vānimiṣāḥ sthūlaṃ jālaṃ chittvā punar jalam / prāpnuvanti tathā yogāt tat padaṃ vītakalmaṣāḥ //

Wie Fische, nachdem sie das grobe Netz durchtrennt haben, wieder das Wasser erlangen, so erlangen sie, von Yoga makellos geworden, jenen höchsten Zustand.

Wort für Wort
yathā vā animiṣāḥ sthūlam
wie die Fische das grobe
jālam chittvā punaḥ jalam
Netz durchtrennt habend, wieder das Wasser
prāpnuvanti tathā yogāt
erlangen, so durch Yoga
tat padam vītakalmaṣāḥ
jenen Zustand, makellos geworden

tathaiva vāgurāṃ chittvā balavanto yathā mṛgāḥ / prāpnuyur vimalaṃ mārgaṃ vimuktāḥ sarvabandhanaiḥ //

Ebenso, wie kraftvolle Wildtiere, nachdem sie die Schlinge durchtrennt haben, den makellosen Pfad erlangen, von allen Fesseln befreit,

Wort für Wort
tathā eva vāgurām chittvā
ebenso die Schlinge durchtrennt habend
balavantaḥ yathā mṛgāḥ
wie kraftvolle Wildtiere
prāpnuyuḥ vimalam mārgam
erlangen den makellosen Pfad
vimuktāḥ sarvabandhanaiḥ
von allen Fesseln befreit

lobhajāni tathā viprā bandhanāni balānvitaḥ / chittvā yogāt paraṃ mārgaṃ gacchanti vimalaṃ śubham //

— ebenso durchtrennt der Kraftvolle, oh Brahmanen, die aus Gier entstandenen Fesseln durch Yoga und erlangt den höchsten, makellosen, heilvollen Pfad.

Wort für Wort
lobhajāni tathā viprāḥ
die aus Gier entstandenen, oh Brahmanen
bandhanāni balānvitaḥ
Fesseln, der Kraftvolle
chittvā yogāt param mārgam
durchtrennt durch Yoga, den höchsten Pfad
gacchanti vimalam śubham
erlangen sie, den makellosen, heilvollen

acalās tv āvilā viprā vāgurāsu tathāpare / vinaśyanti na saṃdehas tadvad yogabalād ṛte //

Die Unbeweglichen aber, oh Brahmanen, die Getrübten, gehen ebenso wie andere in den Schlingen zugrunde — kein Zweifel — ebenso gehen jene ohne die Kraft des Yoga zugrunde.

Wort für Wort
acalāḥ tu āvilāḥ viprāḥ
die Unbeweglichen aber, die Getrübten, oh Brahmanen
vāgurāsu tathā apare
in den Schlingen, ebenso andere
vinaśyanti na saṃdehaḥ
gehen zugrunde, kein Zweifel
tadvat yogabalāt ṛte
ebenso ohne die Kraft des Yoga

balahīnāś ca viprendrā yathā jālaṃ gatā dvijāḥ / bandhaṃ na gacchanty anaghā yogās te tu sudurlabhāḥ //

Und die Kraftlosen, oh Fürsten der Brahmanen, die, oh Zweifachgeborene, ins Netz geraten sind, entkommen der Bindung nicht, oh Makellose; jene kraftvollen Yogins aber sind höchst selten.

Wort für Wort
balahīnāḥ ca viprendrāḥ
und die Kraftlosen, oh Fürsten der Brahmanen
yathā jālam gatāḥ dvijāḥ
die ins Netz geraten sind
bandham na gacchanti anaghāḥ
entkommen der Bindung nicht, oh Makellose [?]
yogāḥ te tu sudurlabhāḥ
jene (kraftvollen) Yogins aber sind höchst selten

[?] Die genaue Satzkonstruktion bleibt unsicher; sinngemäß im Sinne von 'entkommen der Bindung nicht' übertragen.

yathā ca śakunāḥ sūkṣmaṃ prāpya jālam ariṃdamāḥ / tatrāśaktā vipadyante mucyante tu balānvitāḥ //

Und wie Vögel, oh Feindbezwinger, in ein feines Netz geraten, dort, wenn sie kraftlos sind, umkommen, aber, wenn sie kraftvoll sind, sich befreien,

Wort für Wort
yathā ca śakunāḥ sūkṣmam
und wie Vögel in ein feines
prāpya jālam ariṃdamāḥ
Netz geratend, oh Feindbezwinger
tatra aśaktāḥ vipadyante
dort, kraftlos, kommen sie um
mucyante tu balānvitāḥ
befreien sich aber, wenn kraftvoll

karmajair bandhanair baddhās tadvad yogaparā dvijāḥ / abalā na vimucyante mucyante ca balānvitāḥ //

— ebenso, an die aus Handlung entstandenen Fesseln gebunden, werden die dem Yoga Ergebenen, oh Zweifachgeborene, wenn kraftlos, nicht befreit, wenn kraftvoll aber befreit.

Wort für Wort
karmajaiḥ bandhanaiḥ baddhāḥ
an die aus Handlung entstandenen Fesseln gebunden
tadvat yogaparāḥ dvijāḥ
ebenso die dem Yoga Ergebenen, oh Zweifachgeborene
abalāḥ na vimucyante
die Kraftlosen werden nicht befreit
mucyante ca balānvitāḥ
und befreit werden die Kraftvollen

alpakaś ca yathā viprā vahniḥ śāmyati durbalaḥ / ākrānta indhanaiḥ sthūlais tadvad yogabalaḥ smṛtaḥ //

Und wie ein kleines, schwaches Feuer erlischt, wenn es von groben Brennstoffen überwältigt wird, oh Brahmanen, ebenso gilt es für die Kraft des Yoga.

Wort für Wort
alpakaḥ ca yathā viprāḥ
und wie ein kleines, oh Brahmanen
vahniḥ śāmyati durbalaḥ
Feuer erlischt, schwach
ākrāntaḥ indhanaiḥ sthūlaiḥ
überwältigt von groben Brennstoffen
tadvat yogabalaḥ smṛtaḥ
ebenso gilt die Kraft des Yoga

sa eva ca tadā viprā vahnir jātabalaḥ punaḥ / samīraṇagataḥ kṛtsnāṃ dahet kṣipraṃ mahīm imām //

Eben dasselbe Feuer aber, oh Brahmanen, wenn es wieder zu Kraft gelangt ist und vom Wind erfasst wird, verbrennt rasch diese ganze Erde.

Wort für Wort
sa eva ca tadā viprāḥ
eben dasselbe, oh Brahmanen
vahniḥ jātabalaḥ punaḥ
Feuer, wieder zu Kraft gelangt
samīraṇagataḥ kṛtsnām
vom Wind erfasst, die ganze
dahet kṣipram mahīm imām
verbrennt rasch diese Erde

tattvajñānabalo yogī dīptatejā mahābalaḥ / antakāla ivādityaḥ kṛtsnaṃ saṃśoṣayej jagat //

Der Yogin, gestärkt durch die Erkenntnis der Wahrheit, von loderndem Glanz, höchst kraftvoll, trocknet die ganze Welt aus wie die Sonne zur Zeit des Weltendes.

Wort für Wort
tattvajñānabalaḥ yogī
der durch die Erkenntnis der Wahrheit gestärkte Yogin
dīptatejāḥ mahābalaḥ
von loderndem Glanz, höchst kraftvoll
antakāle iva ādityaḥ
wie die Sonne zur Zeit des Weltendes
kṛtsnam saṃśoṣayet jagat
trocknet die ganze Welt aus

durbalaś ca yathā viprāḥ srotasā hriyate naraḥ / balahīnas tathā yogī viṣayair hriyate ca saḥ //

Und wie ein schwacher Mensch, oh Brahmanen, von der Strömung fortgerissen wird, so wird auch der kraftlose Yogin von den Sinnesobjekten fortgerissen.

Wort für Wort
durbalaḥ ca yathā viprāḥ
und wie ein schwacher, oh Brahmanen
srotasā hriyate naraḥ
Mensch von der Strömung fortgerissen wird
balahīnaḥ tathā yogī
ebenso der kraftlose Yogin
viṣayaiḥ hriyate ca saḥ
wird von den Sinnesobjekten fortgerissen

tad eva tu yathā sroto viṣkambhayati vāraṇaḥ / tadvad yogabalaṃ labdhvā na bhaved viṣayair hṛtaḥ //

Wie aber ein Damm eben diese Strömung aufhält, so wird, wer die Kraft des Yoga erlangt hat, nicht von den Sinnesobjekten fortgerissen.

Wort für Wort
tat eva tu yathā srotaḥ
wie eben diese Strömung
viṣkambhayati vāraṇaḥ
ein Damm aufhält
tadvat yogabalam labdhvā
ebenso, die Kraft des Yoga erlangt habend
na bhavet viṣayaiḥ hṛtaḥ
wird er nicht von den Sinnesobjekten fortgerissen

viśanti vā vaśād vātha yogād yogabalānvitāḥ / prajāpatīn manūn sarvān mahābhūtāni ceśvarāḥ //

Diejenigen, die mit der Kraft des Yoga ausgestattet sind, gehen nach Belieben oder durch Yoga in die Prajāpatis, alle Manus, die groben Elemente und die Herrscher ein,

Wort für Wort
viśanti vā vaśāt vā atha
sie gehen nach Belieben oder
yogāt yogabalānvitāḥ
durch Yoga, mit der Kraft des Yoga ausgestattet
prajāpatīn manūn sarvān
in die Prajāpatis, alle Manus
mahābhūtāni ca īśvarāḥ
die groben Elemente und die Herrscher

na yamo nāntakaḥ kruddho na mṛtyur bhīmavikramaḥ / viśante tad dvijāḥ sarve yogasyāmitatejasaḥ //

— weder Yama noch der zornige Antaka noch der furchtgebietende Tod können sie hindern; alle diese, oh Brahmanen, gehen in jenes Ziel ein, kraft des unermesslichen Glanzes des Yoga.

Wort für Wort
na yamaḥ na antakaḥ kruddhaḥ
weder Yama noch der zornige Antaka
na mṛtyuḥ bhīmavikramaḥ
noch der furchtgebietende Tod
viśante tat dvijāḥ sarve
gehen alle diese Brahmanen in jenes ein
yogasya amitatejasaḥ
kraft des unermesslichen Glanzes des Yoga

ātmanāṃ ca sahasrāṇi bahūni dvijasattamāḥ / yogaṃ kuryād balaṃ prāpya taiś ca sarvair mahīṃ caret //

Und viele Tausende von eigenen Selbsten, oh Beste der Zweifachgeborenen, kann er, nachdem er durch Yoga Kraft erlangt hat, erschaffen und mit all diesen die Erde durchwandern.

Wort für Wort
ātmanām ca sahasrāṇi bahūni
und viele Tausende von Selbsten
dvijasattamāḥ yogam kuryāt
oh Beste der Zweifachgeborenen, kann er durch Yoga erschaffen
balam prāpya
Kraft erlangt habend
taiḥ ca sarvaiḥ mahīm caret
und mit all diesen die Erde durchwandern

prāpnuyād viṣayān kaścit punaś cograṃ tapaś caret / saṃkṣipyec ca punar viprāḥ sūryas tejoguṇān iva //

Mancher mag dabei Sinnesobjekte erlangen und wiederum strenge Askese üben, und die vielen Selbste wieder einziehen, wie die Sonne ihre Glanz-Strahlen einzieht, oh Brahmanen.

Wort für Wort
prāpnuyāt viṣayān kaścit
mancher mag Sinnesobjekte erlangen
punaḥ ca ugram tapaḥ caret
und wiederum strenge Askese üben
saṃkṣipyet ca punaḥ viprāḥ
und wieder einziehen, oh Brahmanen
sūryaḥ tejoguṇān iva
wie die Sonne ihre Glanz-Strahlen

balasthasya hi yogasya balārthaṃ munisattamāḥ / vimokṣaprabhavaṃ viṣṇum upapannam asaṃśayam //

Denn für den kraftvollen Yoga, zum Zweck der Kraft, oh Beste der Weisen, ist Viṣṇu, der Ursprung der Befreiung, ohne Zweifel geeignet.

Wort für Wort
balasthasya hi yogasya
denn für den kraftvollen Yoga
balārtham munisattamāḥ
zum Zweck der Kraft, oh Beste der Weisen
vimokṣaprabhavam viṣṇum
Viṣṇu, der Ursprung der Befreiung
upapannam asaṃśayam
geeignet, ohne Zweifel

[?] Dicht formulierter Vers zur Rolle Viṣṇus als letzter Quelle der Yoga-Kraft; sinngemäß wiedergegeben.

balāni yogaproktāni mayaitāni dvijottamāḥ / nidarśanārthaṃ sūkṣmāṇi vakṣyāmi ca punar dvijāḥ //

Diese vom Yoga gelehrten Kräfte wurden von mir, oh Beste der Zweifachgeborenen, dargelegt; zum Zweck der Veranschaulichung werde ich noch feinere Aspekte verkünden, oh Zweifachgeborene.

Wort für Wort
balāni yogaproktāni
die vom Yoga gelehrten Kräfte
mayā etāni dvijottamāḥ
wurden von mir dargelegt, oh Beste der Zweifachgeborenen
nidarśanārtham sūkṣmāṇi
zum Zweck der Veranschaulichung, feinere
vakṣyāmi ca punaḥ dvijāḥ
werde ich noch verkünden, oh Zweifachgeborene

ātmanaś ca samādhāne dhāraṇāṃ prati vā dvijāḥ / nidarśanāni sūkṣmāṇi śṛṇudhvaṃ munisattamāḥ //

Über die Konzentration des Selbst, oder auch über die Fixierung, hört, oh Zweifachgeborene, die feinen Veranschaulichungen, oh Beste der Weisen.

Wort für Wort
ātmanaḥ ca samādhāne
über die Konzentration des Selbst
dhāraṇām prati vā dvijāḥ
oder über die Fixierung, oh Zweifachgeborene
nidarśanāni sūkṣmāṇi
die feinen Veranschaulichungen
śṛṇudhvam munisattamāḥ
hört, oh Beste der Weisen

apramatto yathā dhanvī lakṣyaṃ hanti samāhitaḥ / yuktaḥ samyak tathā yogī mokṣaṃ prāpnoty asaṃśayam //

Wie ein wachsamer, gesammelter Bogenschütze das Ziel trifft, so erlangt der recht geübte Yogin ohne Zweifel die Befreiung.

Wort für Wort
apramattaḥ yathā dhanvī
wie ein wachsamer Bogenschütze
lakṣyam hanti samāhitaḥ
gesammelt das Ziel trifft
yuktaḥ samyak tathā yogī
so der recht geübte Yogin
mokṣam prāpnoti asaṃśayam
erlangt die Befreiung, ohne Zweifel

snehapātre yathā pūrṇe mana ādhāya niścalam / puruṣo yukta ārohet sopānaṃ yuktamānasaḥ //

Wie ein Mensch, der seinen Geist unbewegt auf ein volles Ölgefäß richtet, geübt, mit geübtem Geist, die Treppe emporsteigt,

Wort für Wort
snehapātre yathā pūrṇe
wie auf ein volles Ölgefäß
manaḥ ādhāya niścalam
den Geist unbewegt richtend
puruṣaḥ yuktaḥ ārohet
der geübte Mensch emporsteigt
sopānam yuktamānasaḥ
die Treppe, mit geübtem Geist

[Anm.] Klassisches Gleichnis vom Mann, der ein volles Ölgefäß konzentriert die Treppe hinaufträgt, als Bild vollkommener Achtsamkeit.

muktas tathāyam ātmānaṃ yogaṃ tadvat suniścalam / karoty amalam ātmānaṃ bhāskaropamadarśane //

— ebenso macht der Befreite das Selbst, den Yoga, in gleicher Weise völlig unbewegt, das Selbst makellos, von sonnengleichem Anblick.

Wort für Wort
muktaḥ tathā ayam ātmānam
ebenso macht dieser Befreite das Selbst
yogam tadvat suniścalam
den Yoga, in gleicher Weise völlig unbewegt
karoti amalam ātmānam
macht er das Selbst makellos
bhāskaropamadarśane
von sonnengleichem Anblick

yathā ca nāvaṃ viprendrāḥ karṇadhāraḥ samāhitaḥ / mahārṇavagatāṃ śīghraṃ nayed viprāṃs tu pattanam //

Und wie ein gesammelter Steuermann, oh Fürsten der Brahmanen, ein auf dem großen Ozean befindliches Schiff rasch zur Hafenstadt führt,

Wort für Wort
yathā ca nāvam viprendrāḥ
und wie ein Schiff, oh Fürsten der Brahmanen
karṇadhāraḥ samāhitaḥ
ein gesammelter Steuermann
mahārṇavagatām śīghram
auf dem großen Ozean befindliches, rasch
nayet viprān tu pattanam
zur Hafenstadt führt

tadvad ātmasamādhānaṃ yukto yogena yogavit / durgamaṃ sthānam āpnoti hitvā deham imaṃ dvijāḥ //

— ebenso erlangt der durch Yoga geübte Yogakundige, durch die Sammlung des Selbst, den schwer erreichbaren Ort, nachdem er diesen Körper verlassen hat, oh Zweifachgeborene.

Wort für Wort
tadvat ātmasamādhānam
ebenso durch die Sammlung des Selbst
yuktaḥ yogena yogavit
der durch Yoga geübte Yogakundige
durgamam sthānam āpnoti
erlangt den schwer erreichbaren Ort
hitvā deham imam dvijāḥ
diesen Körper verlassen habend, oh Zweifachgeborene

sārathiś ca yathā yuktaḥ sadaśvān susamāhitaḥ / deśam iṣṭaṃ nayaty āśu dhanvinaṃ puruṣarṣabham //

Und wie ein geübter, wohlgesammelter Wagenlenker mit guten Rossen den bogentragenden, stierähnlichen Mann rasch an den gewünschten Ort führt,

Wort für Wort
sārathiḥ ca yathā yuktaḥ
und wie ein geübter Wagenlenker
sadaśvān susamāhitaḥ
mit guten Rossen, wohlgesammelt
deśam iṣṭam nayati āśu
an den gewünschten Ort rasch führt
dhanvinam puruṣarṣabham
den bogentragenden, stierähnlichen Mann

tathaiva ca dvijā yogī dhāraṇāsu samāhitaḥ / prāpnoty āśu paraṃ sthānaṃ lakṣyamukta ivāśugaḥ //

— ebenso erlangt, oh Zweifachgeborene, der in den Fixierungen gesammelte Yogin rasch den höchsten Ort, wie ein auf das Ziel abgeschossener Pfeil.

Wort für Wort
tathā eva ca dvijāḥ yogī
ebenso der Yogin, oh Zweifachgeborene
dhāraṇāsu samāhitaḥ
in den Fixierungen gesammelt
prāpnoti āśu param sthānam
erlangt rasch den höchsten Ort
lakṣyamuktaḥ iva āśugaḥ
wie ein auf das Ziel abgeschossener Pfeil

āviśyātmani cātmānaṃ yo 'vatiṣṭhati so 'calaḥ / pāśaṃ hatveva mīnānāṃ padam āpnoti so 'jaram //

Wer, in das Selbst eingehend, im Selbst verweilt, der ist unbeweglich; er erlangt, wie Fische, die das Fangnetz zerrissen haben, den alterslosen Zustand.

Wort für Wort
āviśya ātmani ca ātmānam
in das Selbst eingehend das Selbst
yaḥ avatiṣṭhati saḥ acalaḥ
wer verweilt, der ist unbeweglich
pāśam hatvā iva mīnānām
wie Fische, die das Netz zerrissen haben
padam āpnoti saḥ ajaram
erlangt er den alterslosen Zustand

nābhyāṃ śīrṣe ca kukṣau ca hṛdi vakṣasi pārśvayoḥ / darśane śravaṇe vāpi ghrāṇe cāmitavikramaḥ //

Im Nabel, im Kopf, im Bauch, im Herzen, in der Brust, in den beiden Seiten, im Sehsinn, im Gehör oder auch im Geruchssinn, der von unermesslicher Kraft,

Wort für Wort
nābhyām śīrṣe ca kukṣau ca
im Nabel, im Kopf und im Bauch
hṛdi vakṣasi pārśvayoḥ
im Herzen, in der Brust, in den beiden Seiten
darśane śravaṇe vā api
im Sehsinn, im Gehör oder auch
ghrāṇe ca amitavikramaḥ
im Geruchssinn, der von unermesslicher Kraft

[Anm.] Der Satz setzt sich in V.40 fort.

sthāneṣv eteṣu yo yogī mahāvratasamāhitaḥ / ātmanā sūkṣmam ātmānaṃ yuṅkte samyag dvijottamāḥ //

— an diesen Stellen vereinigt der Yogin, der durch das große Gelübde gesammelte, mit dem Selbst das feine Selbst recht, oh Beste der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
sthāneṣu eteṣu yaḥ yogī
an diesen Stellen, welcher Yogin
mahāvratasamāhitaḥ
durch das große Gelübde gesammelt
ātmanā sūkṣmam ātmānam
mit dem Selbst das feine Selbst
yuṅkte samyak dvijottamāḥ
vereinigt er recht, oh Beste der Zweifachgeborenen

suśīghram acalaprakhyaṃ karma dagdhvā śubhāśubham / uttamaṃ yogam āsthāya yadīcchati vimucyate //

Sehr rasch, unbeweglich erscheinend, sein gutes und schlechtes Karma verbrennend, wird er, nachdem er den höchsten Yoga erlangt hat, befreit, wenn er es wünscht.

Wort für Wort
suśīghram acalaprakhyam
sehr rasch, unbeweglich erscheinend
karma dagdhvā śubhāśubham
sein gutes und schlechtes Karma verbrennend
uttamam yogam āsthāya
den höchsten Yoga erlangt habend
yadi icchati vimucyate
wenn er es wünscht, wird er befreit

{munaya ūcuḥ:} āhārān kīdṛśān kṛtvā kāni jitvā ca sattama / yogī balam avāpnoti tad bhavān vaktum arhati //

Die Weisen sprachen: Welche Art von Nahrung einnehmend und welche Dinge besiegend, oh Bester, erlangt der Yogin Kraft? Das sollst du verkünden.

Wort für Wort
āhārān kīdṛśān kṛtvā
welche Art von Nahrung einnehmend
kāni jitvā ca sattama
und welche besiegend, oh Bester
yogī balam avāpnoti
erlangt der Yogin Kraft
tat bhavān vaktum arhati
das sollst du verkünden

{vyāsa uvāca:} kaṇānāṃ bhakṣaṇe yuktaḥ piṇyākasya ca bho dvijāḥ / snehānāṃ varjane yukto yogī balam avāpnuyāt //

Vyāsa sprach: Wenn er sich am Verzehr von Getreidekörnern und Ölkuchen-Rückständen übt, oh Zweifachgeborene, und sich im Meiden von Fett übt, erlangt der Yogin Kraft.

Wort für Wort
kaṇānām bhakṣaṇe yuktaḥ
am Verzehr von Getreidekörnern geübt
piṇyākasya ca bho dvijāḥ
und von Ölkuchen-Rückständen, oh Zweifachgeborene
snehānām varjane yuktaḥ
im Meiden von Fett geübt
yogī balam avāpnuyāt
erlangt der Yogin Kraft

bhuñjāno yāvakaṃ rūkṣaṃ dīrghakālaṃ dvijottamāḥ / ekāhārī viśuddhātmā yogī balam avāpnuyāt //

Wenn er lange Zeit trockenes Gerstenschrot isst, oh Beste der Zweifachgeborenen, nur eine Mahlzeit einnimmt, geläuterten Selbst, erlangt der Yogin Kraft.

Wort für Wort
bhuñjānaḥ yāvakam rūkṣam
trockenes Gerstenschrot essend
dīrghakālam dvijottamāḥ
lange Zeit, oh Beste der Zweifachgeborenen
ekāhārī viśuddhātmā
nur eine Mahlzeit einnehmend, geläuterten Selbst
yogī balam avāpnuyāt
erlangt der Yogin Kraft

pakṣān māsān ṛtūṃś citrān saṃcaraṃś ca guhās tathā / apaḥ pītvā payomiśrā yogī balam avāpnuyāt //

Wenn er halbe Monate, Monate, mannigfache Jahreszeiten hindurch wandert und Höhlen aufsucht, Wasser mit Milch vermischt trinkend, erlangt der Yogin Kraft.

Wort für Wort
pakṣān māsān ṛtūn citrān
halbe Monate, Monate, mannigfache Jahreszeiten
saṃcaran ca guhāḥ tathā
wandernd und Höhlen (aufsuchend)
apaḥ pītvā payomiśrāḥ
Wasser mit Milch vermischt trinkend
yogī balam avāpnuyāt
erlangt der Yogin Kraft

akhaṇḍam api vā māsaṃ satataṃ munisattamāḥ / upoṣya samyak śuddhātmā yogī balam avāpnuyāt //

Oder wenn er einen ganzen Monat lang ununterbrochen fastet, oh Beste der Weisen, recht, mit reinem Selbst, erlangt der Yogin Kraft.

Wort für Wort
akhaṇḍam api vā māsam
oder einen ganzen Monat
satatam munisattamāḥ
ununterbrochen, oh Beste der Weisen
upoṣya samyak śuddhātmā
fastend recht, mit reinem Selbst
yogī balam avāpnuyāt
erlangt der Yogin Kraft

kāmaṃ jitvā tathā krodhaṃ śītoṣṇaṃ varṣam eva ca / bhayaṃ śokaṃ tathā svāpaṃ pauruṣān viṣayāṃs tathā //

Wenn er Begierde und Zorn besiegt hat, ebenso Kälte, Hitze und Regen, Furcht, Kummer, ebenso Schlaf, die aus Mannhaftigkeit entstehenden Sinnesobjekte,

Wort für Wort
kāmam jitvā tathā krodham
Begierde und ebenso Zorn besiegt habend
śītoṣṇam varṣam eva ca
Kälte, Hitze und auch Regen
bhayam śokam tathā svāpam
Furcht, Kummer, ebenso Schlaf
pauruṣān viṣayān tathā
die aus Mannhaftigkeit (entstehenden) Sinnesobjekte

[Anm.] Der Satz setzt sich über V.47-49 fort.

aratiṃ durjayāṃ caiva ghorāṃ dṛṣṭvā ca bho dvijāḥ / sparśaṃ nidrāṃ tathā tandrāṃ durjayāṃ munisattamāḥ //

— den schrecklichen, schwer zu bezwingenden Unmut überwunden und, oh Brahmanen, unerschrocken geschaut hat, ebenso Berührung, Schlaf und die schwer zu bezwingende Mattigkeit, oh Beste der Weisen,

Wort für Wort
aratim durjayām ca eva
den schwer zu bezwingenden Unmut
ghorām dṛṣṭvā ca bho dvijāḥ
den schrecklichen, geschaut habend, oh Brahmanen
sparśam nidrām tathā tandrām
Berührung, Schlaf, ebenso Mattigkeit
durjayām munisattamāḥ
die schwer zu bezwingende, oh Beste der Weisen

dīpayanti mahātmānaṃ sūkṣmam ātmānam ātmanā / vītarāgā mahāprājñā dhyānādhyayanasaṃpadā //

— entzünden diese das große, feine Selbst durch das Selbst, frei von Leidenschaft, höchst weise, durch den Reichtum der Meditation und des Studiums.

Wort für Wort
dīpayanti mahātmānam
entzünden das große Selbst
sūkṣmam ātmānam ātmanā
das feine Selbst durch das Selbst
vītarāgāḥ mahāprājñāḥ
frei von Leidenschaft, höchst weise
dhyānādhyayanasaṃpadā
durch den Reichtum der Meditation und des Studiums

durgas tv eṣa mataḥ panthā brāhmaṇānāṃ vipaścitām / yaḥ kaścid vrajati kṣipraṃ kṣemeṇa munipuṃgavāḥ //

Schwer gangbar aber gilt dieser Pfad für die weisen Brahmanen; wer immer ihn dennoch rasch und sicher beschreitet, oh Stiere unter den Weisen,

Wort für Wort
durgaḥ tu eṣaḥ mataḥ panthāḥ
schwer gangbar aber gilt dieser Pfad
brāhmaṇānām vipaścitām
für die weisen Brahmanen
yaḥ kaścit vrajati kṣipram
wer ihn rasch beschreitet
kṣemeṇa munipuṃgavāḥ
sicher, oh Stiere unter den Weisen

[Anm.] Der Vergleich mit dem gefährlichen Wald setzt sich über V.50-53 fort.

yathā kaścid vanaṃ ghoraṃ bahusarpasarīsṛpam / śvabhravat toyahīnaṃ ca durgamaṃ bahukaṇṭakam //

— gleicht einem, der einen schrecklichen, von vielen Schlangen und Kriechtieren bewohnten, von Gruben durchzogenen, wasserlosen, unwegsamen, von vielen Dornen bedeckten Wald,

Wort für Wort
yathā kaścit vanam ghoram
wie jemand einen schrecklichen Wald
bahusarpasarīsṛpam
von vielen Schlangen und Kriechtieren bewohnt
śvabhravat toyahīnam ca
von Gruben durchzogen und wasserlos
durgamam bahukaṇṭakam
unwegsam, von vielen Dornen bedeckt

abhaktam aṭavīprāyaṃ dāvadagdhamahīruham / panthānaṃ taskarākīrṇaṃ kṣemeṇābhipatet tathā //

— einen unfreundlichen, waldähnlichen Ort mit von Waldbrand verbrannten Bäumen, einen von Räubern verseuchten Pfad, sicher durchschreitet,

Wort für Wort
abhaktam aṭavīprāyam
einen unfreundlichen, waldähnlichen (Ort)
dāvadagdhamahīruham
mit von Waldbrand verbrannten Bäumen
panthānam taskarākīrṇam
einen von Räubern verseuchten Pfad
kṣemeṇa abhipatet tathā
sicher durchschreitet, ebenso

yogamārgaṃ samāsādya yaḥ kaścid vrajate dvijaḥ / kṣemeṇoparamen mārgād bahudoṣo 'pi saṃmataḥ //

— wer, den Yoga-Pfad betretend, ihn beschreitet, sicher vom falschen Pfad ablässt, gilt als anerkannt, selbst wenn er viele Fehler birgt.

Wort für Wort
yogamārgam samāsādya
den Yoga-Pfad betretend
yaḥ kaścit vrajate dvijaḥ
wer immer ihn beschreitet, der Zweifachgeborene
kṣemeṇa uparamet mārgāt
sicher vom (Fehl-)Pfad abläasst [?]
bahudoṣaḥ api saṃmataḥ
gilt als anerkannt, auch wenn fehlerbehaftet

[?] Etwas dunkle Formulierung; sinngemäß im Sinn eines sicheren Abweichens von Fehlwegen wiedergegeben.

āstheyaṃ kṣuradhārāsu niśitāsu dvijottamāḥ / dhāraṇā sā tu yogasya durgeyam akṛtātmabhiḥ //

Man muss auf scharfen Rasierklingen-Schneiden stehen, oh Beste der Zweifachgeborenen; jene Fixierung des Yoga ist für die Ungeläuterten schwer zu vollziehen.

Wort für Wort
āstheyam kṣuradhārāsu
man muss auf Rasierklingen-Schneiden stehen
niśitāsu dvijottamāḥ
auf scharfen, oh Beste der Zweifachgeborenen
dhāraṇā sā tu yogasya
jene Fixierung des Yoga aber
durgeyam akṛtātmabhiḥ
ist für die Ungeläuterten schwer zu vollziehen

[Anm.] Bildparallele zum berühmten 'kṣurasya dhārā' ('Schneide des Rasiermessers') der Kaṭha-Upaniṣad (1.3.14).

viṣamā dhāraṇā viprā yānti vai na śubhāṃ gatim / netṛhīnā yathā nāvaḥ puruṣāṇāṃ tu vai dvijāḥ //

Eine ungleichmäßige Fixierung, oh Brahmanen, führt freilich nicht zum heilvollen Ziel — wie Schiffe von Menschen, oh Zweifachgeborene, die ohne Steuermann sind.

Wort für Wort
viṣamā dhāraṇā viprāḥ
eine ungleichmäßige Fixierung, oh Brahmanen
yānti vai na śubhām gatim
führt freilich nicht zum heilvollen Ziel
netṛhīnāḥ yathā nāvaḥ
wie Schiffe ohne Steuermann
puruṣāṇām tu vai dvijāḥ
von Menschen, oh Zweifachgeborene

yas tu tiṣṭhati yogādhau dhāraṇāsu yathāvidhi / maraṇaṃ janmaduḥkhitvaṃ sukhitvaṃ sa viśiṣyate //

Wer aber am Beginn des Yoga in den Fixierungen der Vorschrift gemäß verharrt, der ragt hervor über Tod, Geburtsleiden und Glück.

Wort für Wort
yaḥ tu tiṣṭhati yogādhau
wer aber am Beginn des Yoga verharrt [?]
dhāraṇāsu yathāvidhi
in den Fixierungen der Vorschrift gemäß
maraṇam janmaduḥkhitvam
über Tod und Geburtsleiden
sukhitvam sa viśiṣyate
und Glück ragt er hervor

[?] 'yogādhau' ist unsicher gelesen (möglicherweise für 'yoga-ādau', 'am Anfang des Yoga'); sinngemäß übertragen.

nānāśāstreṣu niyataṃ nānāmuniniṣevitam / paraṃ yogasya panthānaṃ niścitaṃ taṃ dvijātiṣu //

In vielfältigen Lehrschriften festgelegt, von vielfältigen Weisen befolgt, ist jener höchste Pfad des Yoga unter den Zweifachgeborenen gewiss.

Wort für Wort
nānāśāstreṣu niyatam
in vielfältigen Lehrschriften festgelegt
nānāmuniniṣevitam
von vielfältigen Weisen befolgt
param yogasya panthānam
der höchste Pfad des Yoga
niścitam tam dvijātiṣu
ist jener gewiss unter den Zweifachgeborenen

paraṃ hi tad brahmamayaṃ munīndrā / brahmāṇam īśaṃ varadaṃ ca viṣṇum / bhavaṃ ca dharmaṃ ca mahānubhāvaṃ / yad brahmaputrān sumahānubhāvān //

Denn jenes Höchste, aus Brahman bestehende, oh Fürsten der Weisen — Brahmā, den Herrscher, den gnadenspendenden Viṣṇu, Bhava und Dharma, den hochherrlichen, sowie die hocherhabenen Söhne Brahmās —

Wort für Wort
param hi tat brahmamayam
denn jenes Höchste, aus Brahman bestehende
munīndrāḥ
oh Fürsten der Weisen
brahmāṇam īśam varadam ca viṣṇum
Brahmā, den Herrscher, den gnadenspendenden Viṣṇu
bhavam ca dharmam ca mahānubhāvam
Bhava und Dharma, den hochherrlichen
yat brahmaputrān sumahānubhāvān
sowie die hocherhabenen Söhne Brahmās

[Anm.] Beginn einer langen, sich über V.58-61 erstreckenden Aufzählung aller Wesen und kosmischen Instanzen, in die der befreite Yogin eingeht (Hauptverb 'viśet' in V.61d). Vierzeilige Hymnenverse, im Quelltext ohne Daṇḍa-Zeichen überliefert, hier mit Schrägstrichen versehen.

tamaś ca kaṣṭaṃ sumahad rajaś ca / sattvaṃ ca śuddhaṃ prakṛtiṃ parāṃ ca / siddhiṃ ca devīṃ varuṇasya patnīṃ / tejaś ca kṛtsnaṃ sumahac ca dhairyam //

— das leidvolle, gewaltige Tamas und Rajas, das reine Sattva und die höchste Prakṛti, die Göttin Siddhi, Varuṇas Gattin, den gesamten Glanz und die gewaltige Standhaftigkeit —

Wort für Wort
tamaḥ ca kaṣṭam sumahat rajaḥ ca
das leidvolle, gewaltige Tamas und Rajas
sattvam ca śuddham prakṛtim parām ca
das reine Sattva und die höchste Prakṛti
siddhim ca devīm varuṇasya patnīm
die Göttin Siddhi, Varuṇas Gattin
tejaḥ ca kṛtsnam sumahat ca dhairyam
den gesamten Glanz und die gewaltige Standhaftigkeit

tārādhipaṃ khe vimalaṃ sutāraṃ / viśvāṃś ca devān uragān pitṝṃś ca / śailāṃś ca kṛtsnān udadhīṃś ca vācalān / nadīś ca sarvāḥ sanagāṃś ca nāgān //

— den makellosen, wohlleuchtenden Mond, den Herrscher der Sterne, am Himmel, die Viśvedevas, die Schlangen und die Ahnen, alle Berge, die Ozeane samt den Bergen, alle Flüsse samt den Bergen und Schlangen —

Wort für Wort
tārādhipam khe vimalam sutāram
den makellosen, wohlleuchtenden Mond am Himmel
viśvān ca devān uragān pitṝn ca
die Viśvedevas, die Schlangen und die Ahnen
śailān ca kṛtsnān udadhīn ca vācalān
alle Berge, die Ozeane samt den Bergen
nadīḥ ca sarvāḥ sanagān ca nāgān
alle Flüsse samt den Bergen und Schlangen

sādhyāṃs tathā yakṣagaṇān diśaś ca / gandharvasiddhān puruṣān striyaś ca / parasparaṃ prāpya mahān mahātmā / viśeta yogī nacirād vimuktaḥ //

— die Sādhyas, ebenso die Yakṣa-Scharen, die Himmelsrichtungen, die Gandharvas, Siddhas, Männer und Frauen — dies alles nacheinander erlangend, geht der große, großherzige Yogin in kurzer Zeit befreit in sie alle ein.

Wort für Wort
sādhyān tathā yakṣagaṇān diśaḥ ca
die Sādhyas, ebenso die Yakṣa-Scharen, die Himmelsrichtungen
gandharvasiddhān puruṣān striyaḥ ca
die Gandharvas, Siddhas, Männer und Frauen
parasparam prāpya mahān mahātmā
dies nacheinander erlangend, der große, großherzige
viśeta yogī nacirāt vimuktaḥ
geht der Yogin in kurzer Zeit befreit ein

kathā ca yā vipravarāḥ prasaktā / daive mahāvīryamatau śubheyam / yogān sa sarvān anubhūya martyā / nārāyaṇaṃ taṃ drutam āpnuvanti //

Und diese Erzählung, oh ihr vorzüglichen Brahmanen, die sich auf das Göttliche, von großer Kraft und Erkenntnis, dieses heilvolle Thema bezieht — nachdem die Sterblichen alle diese Yoga-Formen durchlaufen haben, erlangen sie rasch jenen Nārāyaṇa.

Wort für Wort
kathā ca yā vipravarāḥ prasaktā
und diese Erzählung, oh vorzügliche Brahmanen, die sich bezieht
daive mahāvīryamatau śubhā iyam
auf das Göttliche, von großer Kraft und Erkenntnis, dieses heilvolle (Thema)
yogān sa sarvān anubhūya martyāḥ
nachdem die Sterblichen alle diese Yoga-Formen durchlaufen haben
nārāyaṇam tam drutam āpnuvanti
erlangen sie rasch jenen Nārāyaṇa

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