Kapitel 180: caturvyūhavarṇanam avatārasaṃkṣepaś ca
Die vier Erscheinungsformen Viṣṇus und der Abriss seiner Avatāras
Vyāsa antwortet auf die Frage der Munis mit einem Lobpreis Viṣṇus (V.1-12) und der Lehre der vier Erscheinungsformen (Caturvyūha): eine unbeschreibliche, reine, ewige Grundform; die zweite als Śeṣa, welche die Erde trägt; die dritte, dem Schutz der Geschöpfe zugetan, welche den Dharma aufrechterhält (mit Anklang an das Bhagavadgītā-Motiv vom Herabsteigen bei Dharma-Verfall); die vierte, im Ozean ruhend. Es folgt ein geraffter Überblick über die klassischen Avatāras — Varāha, Narasiṃha, Vāmana/Trivikrama, Paraśurāma, Dattātreya, Rāma —, über Viṣṇus kosmischen Schlaf auf der Schlange zwischen den Weltaltern, die Geburt Brahmās aus dem Nabellotus und die Tötung von Madhu und Kaiṭabha, bevor auf die gegenwärtige Menschwerdung in Mathurā (als Pradyumna/Kṛṣṇa bezeichnet) übergeleitet wird.
Vyāsa sprach: Nachdem ich mich vor dem Herrn der Götter verneigt habe, vor Viṣṇu, dem Mächtigen unter den Mächtigen, dem Puruṣa, dem Uralten, dem Ewigen und dem Unvergänglichen,
Wort für Wort
namaskṛtvā sureśāya viṣṇave prabhaviṣṇave
nachdem ich mich vor dem Herrn der Götter verneigt habe, vor Viṣṇu, dem Mächtigen unter den Mächtigen
puruṣāya purāṇāya śāśvatāyāvyayāya ca
dem Puruṣa, dem Uralten, dem Ewigen und dem Unvergänglichen
caturvyūhātmane tasmai nirguṇāya guṇāya ca /
variṣṭhāya gariṣṭhāya vareṇyāyāmitāya ca //
vor jenem, dessen Wesen die vier Formen [Caturvyūha] sind, dem Eigenschaftslosen und zugleich dem mit Eigenschaften Versehenen, dem Trefflichsten, dem Gewichtigsten, dem Verehrungswürdigen und dem Unermesslichen,
Wort für Wort
caturvyūhātmane tasmai nirguṇāya guṇāya ca
vor jenem, dessen Wesen die vier Formen sind, dem Eigenschaftslosen und zugleich dem mit Eigenschaften Versehenen
variṣṭhāya gariṣṭhāya vareṇyāyāmitāya ca
dem Trefflichsten, dem Gewichtigsten, dem Verehrungswürdigen und dem Unermesslichen
durch den, den Ungeborenen, dieses ganze Weltall, das Bewegliche und Unbewegliche, durchdrungen ist, ihm, der durch Erscheinen und Verschwinden, Sichtbares und Unsichtbares gekennzeichnet ist,
Wort für Wort
yena viśvam idaṃ vyāptam ajena sacarācaram
durch den, den Ungeborenen, dieses ganze Weltall, das Bewegliche und Unbewegliche, durchdrungen ist
āvirbhāvatirobhāva-dṛṣṭādṛṣṭavilakṣaṇam
ihm, der durch Erscheinen und Verschwinden, Sichtbares und Unsichtbares gekennzeichnet ist
von dem man sagt, es sei erschaffen, und ebenso auch, es sei wieder aufgelöst — und nachdem ich mich in Versenkung vor Brahman, dem Ur-Gott, verneigt habe,
Wort für Wort
vadanti yat sṛṣṭam iti tathaivāpy upasaṃhṛtam
von dem man sagt, es sei erschaffen, und ebenso auch, es sei wieder aufgelöst
brahmaṇe cādidevāya namaskṛtya samādhinā
und nachdem ich mich in Versenkung vor Brahman, dem Ur-Gott, verneigt habe
dem Unveränderlichen, Reinen, Ewigen, dem höchsten Selbst, dem, dessen Gestalt stets eine einzige bleibende Gestalt ist, dem Sieghaften, Viṣṇu sei Verehrung!
Wort für Wort
avikārāya śuddhāya nityāya paramātmane
dem Unveränderlichen, Reinen, Ewigen, dem höchsten Selbst
sadaikarūparūpāya jiṣṇave viṣṇave namaḥ
dem, dessen Gestalt stets eine einzige bleibende Gestalt ist, dem Sieghaften, Viṣṇu sei Verehrung
dem, dessen Wesen eines und zugleich vielfach ist, dessen Selbst grob und fein zugleich ist, Verehrung; dem Unentfaltet-Entfalteten, Viṣṇu, der Ursache der Erlösung,
Wort für Wort
ekānekasvarūpāya sthūlasūkṣmātmane namaḥ
dem, dessen Wesen eines und zugleich vielfach ist, dessen Selbst grob und fein zugleich ist, Verehrung
avyaktavyaktabhūtāya viṣṇave muktihetave
dem Unentfaltet-Entfalteten, Viṣṇu, der Ursache der Erlösung
nachdem ich mich vor ihm verneigt habe, der die Grundlage des Weltalls ist, feiner als das Feinste, der in allen Wesen weilt, dem Unfehlbaren, Puruṣottama,
Wort für Wort
ādhārabhūtaṃ viśvasyāpy aṇīyāṃsam aṇīyasām
vor ihm, der die Grundlage des Weltalls ist, feiner als das Feinste
praṇamya sarvabhūtastham acyutaṃ puruṣottamam
nachdem ich mich verneigt habe, der in allen Wesen weilt, dem Unfehlbaren, Puruṣottama
jñānasvarūpam atyantaṃ nirmalaṃ paramārthataḥ /
tam evārthasvarūpeṇa bhrāntidarśanataḥ sthitam //
dessen Wesen völlig aus Erkenntnis besteht, makellos in höchster Wahrheit — eben ihn, der zugleich, vom Standpunkt irriger Anschauung aus gesehen, in Gestalt der erfahrbaren Objekte besteht,
Wort für Wort
jñānasvarūpam atyantaṃ nirmalaṃ paramārthataḥ
dessen Wesen völlig aus Erkenntnis besteht, makellos in höchster Wahrheit
tam evārthasvarūpeṇa bhrāntidarśanataḥ sthitam
eben ihn, der zugleich, vom Standpunkt irriger Anschauung aus gesehen, in Gestalt der erfahrbaren Objekte besteht
Viṣṇu, den Verschlinger des Weltalls, sowie den Herrn von dessen Bestehen und Entstehen, den anfanglosen Gebieter der Welten, den Ungeborenen, Unvergänglichen, Unveränderlichen,
nachdem ich mich vor dem Gebieter verneigt habe, der, aus den Mündern Ṛg- und Sāma-Verse hervorbringend, die dreifache Welt läutert, der aus dem Einheits-Ozean hervortrat,
Wort für Wort
ṛksāmāny udgiran vaktrair yaḥ punāti jagattrayam
der, aus den Mündern Ṛg- und Sāma-Verse hervorbringend, die dreifache Welt läutert
praṇipatya tatheśānam ekārṇavavinirgatam
nachdem ich mich vor dem Gebieter verneigt habe, der aus dem Einheits-Ozean hervortrat
dessen Schutz bewirkt, dass die Asura-Scharen die Opfer der Opfernden nicht mehr plündern — nun werde ich die vollständige Lehre Brahmās, dessen Geburt unentfaltet ist, verkünden:
Wort für Wort
yasyāsuragaṇā yajñān vilumpanti na yājinām
dessen Schutz bewirkt, dass die Asura-Scharen die Opfer der Opfernden nicht mehr plündern
durch den, im Hinblick auf die Schöpfung, Dharma und die anderen Lebensziele offenbart wurden; die Gewässer werden von den wahrheitsschauenden Munis ,Nārāḥ' genannt,
Wort für Wort
yena sṛṣṭiṃ samuddiśya dharmādyāḥ prakaṭīkṛtāḥ
durch den, im Hinblick auf die Schöpfung, Dharma und die anderen Lebensziele offenbart wurden
āpo nārā iti proktā munibhis tattvadarśibhiḥ
die Gewässer werden von den wahrheitsschauenden Munis ,Nārāḥ' genannt
besteht als Brahman vierfach, mit Eigenschaften und ebenso ohne Eigenschaften; eine Gestalt davon ist unbeschreiblich — die Weisen erblicken sie als weiß,
Wort für Wort
caturdhā saṃsthito brahmā saguṇo nirguṇas tathā
besteht als Brahman vierfach, mit Eigenschaften und ebenso ohne Eigenschaften
ekā mūrtir anuddeśyā śuklāṃ paśyanti tāṃ budhāḥ
eine Gestalt davon ist unbeschreiblich — die Weisen erblicken sie als weiß
deren Glieder von einem Kranz aus Flammen umgürtet sind — sie ist das höchste Ziel der Yogis; fern und zugleich nah weilend, ist sie als über die Guṇas hinausgehend zu erkennen,
Wort für Wort
jvālāmālāvanaddhāṅgī niṣṭhā sā yogināṃ parā
deren Glieder von einem Kranz aus Flammen umgürtet sind — sie ist das höchste Ziel der Yogis
dūrasthā cāntikasthā ca vijñeyā sā guṇātigā
fern und zugleich nah weilend, ist sie als über die Guṇas hinausgehend zu erkennen
vāsudevābhidhānāsau nirmamatvena dṛśyate /
rūpavarṇādayas tasyā na bhāvāḥ kalpanāmayāḥ //
jene, mit dem Namen Vāsudeva bezeichnet, wird als frei von Mein-Gefühl wahrgenommen; ihre Gestalt, Farbe und dergleichen sind keine aus Vorstellung bestehenden Eigenschaften,
Wort für Wort
vāsudevābhidhānāsau nirmamatvena dṛśyate
jene, mit dem Namen Vāsudeva bezeichnet, wird als frei von Mein-Gefühl wahrgenommen
rūpavarṇādayas tasyā na bhāvāḥ kalpanāmayāḥ
ihre Gestalt, Farbe und dergleichen sind keine aus Vorstellung bestehenden Eigenschaften
sie wird als tāmasisch bezeichnet, da sie zur tierischen Schlangen-Natur gelangt ist; die dritte Gestalt übt die Tätigkeit aus, dem Schutz der Geschöpfe zugetan,
Wort für Wort
tāmasī sā samākhyātā tiryaktvaṃ samupāgatā
sie wird als tāmasisch bezeichnet, da sie zur tierischen Schlangen-Natur gelangt ist
tṛtīyā karma kurute prajāpālanatatparā
die dritte Gestalt übt die Tätigkeit aus, dem Schutz der Geschöpfe zugetan
sie ist als von Sattva überwiegt zu erkennen, die Bewirkerin der Einrichtung des Dharma; die vierte Gestalt, inmitten des Wassers weilend, ruht auf dem Lager der Schlange,
Wort für Wort
sattvodriktā tu sā jñeyā dharmasaṃsthānakāriṇī
sie ist als von Sattva überwiegt zu erkennen, die Bewirkerin der Einrichtung des Dharma
caturthī jalamadhyasthā śete pannagatalpagā
die vierte Gestalt, inmitten des Wassers weilend, ruht auf dem Lager der Schlange
und mit einem einzigen Hauzahn wurde die Erde emporgehoben, wie eine aus dem Wasser gezogene Lotuspflanze; und nachdem sie die Narasiṃha-Gestalt angenommen hatte, wurde Hiraṇyakaśipu getötet,
Wort für Wort
ekayā daṃṣṭrayotkhātā nalinīva vasuṃdharā
mit einem einzigen Hauzahn wurde die Erde emporgehoben, wie eine aus dem Wasser gezogene Lotuspflanze
kṛtvā nṛsiṃharūpaṃ ca hiraṇyakaśipur hataḥ
und nachdem sie die Narasiṃha-Gestalt angenommen hatte, wurde Hiraṇyakaśipu getötet
und andere Dānavas, angeführt von Vipracitti, wurden niedergeschlagen; nachdem sie die Zwerg-Gestalt (Vāmana) angenommen und Bali durch Māyā gebändigt hatte,
Wort für Wort
vipracittimukhāś cānye dānavā vinipātitāḥ
und andere Dānavas, angeführt von Vipracitti, wurden niedergeschlagen
vāmanaṃ rūpam āsthāya baliṃ saṃyamya māyayā
nachdem sie die Zwerg-Gestalt angenommen und Bali durch Māyā gebändigt hatte
tötete Rāma [Paraśurāma] die Kṣatriyas, sich der Tötung seines Vaters erinnernd; ebenso wurde sie, zum Sohn des Atri geworden, der glanzvolle Dattātreya,
Wort für Wort
jaghāna kṣatriyān rāmaḥ pitur vadham anusmaran
tötete Rāma die Kṣatriyas, sich der Tötung seines Vaters erinnernd
tathātritanayo bhūtvā dattātreyaḥ pratāpavān
ebenso wurde sie, zum Sohn des Atri geworden, der glanzvolle Dattātreya
nachdem er die drei Welten, die bewegliche und unbewegliche Welt, in seinem Bauch geborgen hat, von den in der Jana-Welt weilenden Siddhas und großen Ṛṣis gepriesen,
Wort für Wort
trailokyam udare kṛtvā jagat sthāvarajaṅgamam
nachdem er die drei Welten, die bewegliche und unbewegliche Welt, in seinem Bauch geborgen hat
janalokagataiḥ siddhaiḥ stūyamāno maharṣibhiḥ
von den in der Jana-Welt weilenden Siddhas und großen Ṛṣis gepriesen
entstand aus seinem Nabel ein Lotus, geschmückt mit Blättern in Form der Himmelsrichtungen, versehen mit Staubgefäßen gleich den Winden — das vortreffliche Haus des Großvaters,
Wort für Wort
tasya nābhau samutpannaṃ padmaṃ dikpattramaṇḍitam
entstand aus seinem Nabel ein Lotus, geschmückt mit Blättern in Form der Himmelsrichtungen
marutkiñjalkasaṃyuktaṃ gṛhaṃ paitāmahaṃ varam
versehen mit Staubgefäßen gleich den Winden — das vortreffliche Haus des Großvaters
wo Brahmā entstand, der viergesichtige Gott der Götter. Damals entstanden die beiden aus dem Ohrenschmalz Viṣṇus hervorgegangenen Dānavas Madhu und Kaiṭabha,
Wort für Wort
yatra brahmā samutpanno devadevaś caturmukhaḥ
wo Brahmā entstand, der viergesichtige Gott der Götter
tadā karṇamalodbhūtau dānavau madhukaiṭabhau
damals entstanden die beiden aus dem Ohrenschmalz hervorgegangenen Dānavas Madhu und Kaiṭabha
von großer Kraft und großer Stärke, bereit, Brahmā zu töten; er erschlug jene beiden Unbezwingbaren, nachdem er sich von seinem Ozean-Lager erhoben hatte.
Wort für Wort
mahābalau mahāvīryau brahmāṇaṃ hantum udyatau
von großer Kraft und großer Stärke, bereit, Brahmā zu töten
jaghāna tau durādharṣau utthāya śayanodadheḥ
er erschlug jene beiden Unbezwingbaren, nachdem er sich von seinem Ozean-Lager erhoben hatte
und gewährt, verehrt, die ersehnten Wünsche, ihr besten der Zweifachgeborenen. So wurde von mir dargelegt, wie jener Herr, obgleich bereits sein Werk vollbracht, Viṣṇu, zum Menschsein gelangte — hört nun weiter, was noch folgt.
Wort für Wort
dadāty abhimatān kāmān pūjitā sā dvijottamāḥ
und gewährt, verehrt, die ersehnten Wünsche, ihr besten der Zweifachgeborenen
evaṃ mayā samākhyātaḥ kṛtakṛtyo 'pi yaḥ prabhuḥ
so wurde von mir dargelegt, wie jener Herr, obgleich bereits sein Werk vollbracht
mānuṣatvaṃ gato viṣṇuḥ śṛṇudhvaṃ cottaraṃ punaḥ
Viṣṇu, zum Menschsein gelangte — hört nun weiter, was noch folgt
[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Quelltext, schließt das Kapitel ab.]