Quellen der Menschheit

Brahma-Purāṇa

Kapitel 180: caturvyūhavarṇanam avatārasaṃkṣepaś ca Die vier Erscheinungsformen Viṣṇus und der Abriss seiner Avatāras

Vyāsa antwortet auf die Frage der Munis mit einem Lobpreis Viṣṇus (V.1-12) und der Lehre der vier Erscheinungsformen (Caturvyūha): eine unbeschreibliche, reine, ewige Grundform; die zweite als Śeṣa, welche die Erde trägt; die dritte, dem Schutz der Geschöpfe zugetan, welche den Dharma aufrechterhält (mit Anklang an das Bhagavadgītā-Motiv vom Herabsteigen bei Dharma-Verfall); die vierte, im Ozean ruhend. Es folgt ein geraffter Überblick über die klassischen Avatāras — Varāha, Narasiṃha, Vāmana/Trivikrama, Paraśurāma, Dattātreya, Rāma —, über Viṣṇus kosmischen Schlaf auf der Schlange zwischen den Weltaltern, die Geburt Brahmās aus dem Nabellotus und die Tötung von Madhu und Kaiṭabha, bevor auf die gegenwärtige Menschwerdung in Mathurā (als Pradyumna/Kṛṣṇa bezeichnet) übergeleitet wird.

{vyāsa uvāca:} namaskṛtvā sureśāya viṣṇave prabhaviṣṇave / puruṣāya purāṇāya śāśvatāyāvyayāya ca //

Vyāsa sprach: Nachdem ich mich vor dem Herrn der Götter verneigt habe, vor Viṣṇu, dem Mächtigen unter den Mächtigen, dem Puruṣa, dem Uralten, dem Ewigen und dem Unvergänglichen,

Wort für Wort
namaskṛtvā sureśāya viṣṇave prabhaviṣṇave
nachdem ich mich vor dem Herrn der Götter verneigt habe, vor Viṣṇu, dem Mächtigen unter den Mächtigen
puruṣāya purāṇāya śāśvatāyāvyayāya ca
dem Puruṣa, dem Uralten, dem Ewigen und dem Unvergänglichen

caturvyūhātmane tasmai nirguṇāya guṇāya ca / variṣṭhāya gariṣṭhāya vareṇyāyāmitāya ca //

vor jenem, dessen Wesen die vier Formen [Caturvyūha] sind, dem Eigenschaftslosen und zugleich dem mit Eigenschaften Versehenen, dem Trefflichsten, dem Gewichtigsten, dem Verehrungswürdigen und dem Unermesslichen,

Wort für Wort
caturvyūhātmane tasmai nirguṇāya guṇāya ca
vor jenem, dessen Wesen die vier Formen sind, dem Eigenschaftslosen und zugleich dem mit Eigenschaften Versehenen
variṣṭhāya gariṣṭhāya vareṇyāyāmitāya ca
dem Trefflichsten, dem Gewichtigsten, dem Verehrungswürdigen und dem Unermesslichen

yajñāṅgāyākhilāṅgāya devādyair īpsitāya ca / yasmād aṇutaraṃ nāsti yasmān nāsti bṛhattaram //

dem Glied des Opfers, dem Glied von allem, dem von den Göttern und anderen Ersehnten, kleiner als den es nichts gibt, größer als den es nichts gibt,

Wort für Wort
yajñāṅgāyākhilāṅgāya devādyair īpsitāya ca
dem Glied des Opfers, dem Glied von allem, dem von den Göttern und anderen Ersehnten
yasmād aṇutaraṃ nāsti yasmān nāsti bṛhattaram
kleiner als den es nichts gibt, größer als den es nichts gibt

yena viśvam idaṃ vyāptam ajena sacarācaram / āvirbhāvatirobhāva-dṛṣṭādṛṣṭavilakṣaṇam //

durch den, den Ungeborenen, dieses ganze Weltall, das Bewegliche und Unbewegliche, durchdrungen ist, ihm, der durch Erscheinen und Verschwinden, Sichtbares und Unsichtbares gekennzeichnet ist,

Wort für Wort
yena viśvam idaṃ vyāptam ajena sacarācaram
durch den, den Ungeborenen, dieses ganze Weltall, das Bewegliche und Unbewegliche, durchdrungen ist
āvirbhāvatirobhāva-dṛṣṭādṛṣṭavilakṣaṇam
ihm, der durch Erscheinen und Verschwinden, Sichtbares und Unsichtbares gekennzeichnet ist

vadanti yat sṛṣṭam iti tathaivāpy upasaṃhṛtam / brahmaṇe cādidevāya namaskṛtya samādhinā //

von dem man sagt, es sei erschaffen, und ebenso auch, es sei wieder aufgelöst — und nachdem ich mich in Versenkung vor Brahman, dem Ur-Gott, verneigt habe,

Wort für Wort
vadanti yat sṛṣṭam iti tathaivāpy upasaṃhṛtam
von dem man sagt, es sei erschaffen, und ebenso auch, es sei wieder aufgelöst
brahmaṇe cādidevāya namaskṛtya samādhinā
und nachdem ich mich in Versenkung vor Brahman, dem Ur-Gott, verneigt habe

avikārāya śuddhāya nityāya paramātmane / sadaikarūparūpāya jiṣṇave viṣṇave namaḥ //

dem Unveränderlichen, Reinen, Ewigen, dem höchsten Selbst, dem, dessen Gestalt stets eine einzige bleibende Gestalt ist, dem Sieghaften, Viṣṇu sei Verehrung!

Wort für Wort
avikārāya śuddhāya nityāya paramātmane
dem Unveränderlichen, Reinen, Ewigen, dem höchsten Selbst
sadaikarūparūpāya jiṣṇave viṣṇave namaḥ
dem, dessen Gestalt stets eine einzige bleibende Gestalt ist, dem Sieghaften, Viṣṇu sei Verehrung

namo hiraṇyagarbhāya haraye śaṃkarāya ca / vāsudevāya tārāya sargasthityantakāriṇe //

Verehrung dem Hiraṇyagarbha, Hari und Śaṃkara, dem Vāsudeva, dem Erretter, dem Bewirker von Schöpfung, Erhaltung und Untergang,

Wort für Wort
namo hiraṇyagarbhāya haraye śaṃkarāya ca
Verehrung dem Hiraṇyagarbha, Hari und Śaṃkara
vāsudevāya tārāya sargasthityantakāriṇe
dem Vāsudeva, dem Erretter, dem Bewirker von Schöpfung, Erhaltung und Untergang

ekānekasvarūpāya sthūlasūkṣmātmane namaḥ / avyaktavyaktabhūtāya viṣṇave muktihetave //

dem, dessen Wesen eines und zugleich vielfach ist, dessen Selbst grob und fein zugleich ist, Verehrung; dem Unentfaltet-Entfalteten, Viṣṇu, der Ursache der Erlösung,

Wort für Wort
ekānekasvarūpāya sthūlasūkṣmātmane namaḥ
dem, dessen Wesen eines und zugleich vielfach ist, dessen Selbst grob und fein zugleich ist, Verehrung
avyaktavyaktabhūtāya viṣṇave muktihetave
dem Unentfaltet-Entfalteten, Viṣṇu, der Ursache der Erlösung

sargasthitivināśānāṃ jagato yo jaganmayaḥ / mūlabhūto namas tasmai viṣṇave paramātmane //

der die Wurzel von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung der Welt ist, selbst aus der Welt bestehend — Verehrung jenem Viṣṇu, dem höchsten Selbst,

Wort für Wort
sargasthitivināśānāṃ jagato yo jaganmayaḥ
der die Wurzel von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung der Welt ist, selbst aus der Welt bestehend
mūlabhūto namas tasmai viṣṇave paramātmane
Verehrung jenem Viṣṇu, dem höchsten Selbst

ādhārabhūtaṃ viśvasyāpy aṇīyāṃsam aṇīyasām / praṇamya sarvabhūtastham acyutaṃ puruṣottamam //

nachdem ich mich vor ihm verneigt habe, der die Grundlage des Weltalls ist, feiner als das Feinste, der in allen Wesen weilt, dem Unfehlbaren, Puruṣottama,

Wort für Wort
ādhārabhūtaṃ viśvasyāpy aṇīyāṃsam aṇīyasām
vor ihm, der die Grundlage des Weltalls ist, feiner als das Feinste
praṇamya sarvabhūtastham acyutaṃ puruṣottamam
nachdem ich mich verneigt habe, der in allen Wesen weilt, dem Unfehlbaren, Puruṣottama

jñānasvarūpam atyantaṃ nirmalaṃ paramārthataḥ / tam evārthasvarūpeṇa bhrāntidarśanataḥ sthitam //

dessen Wesen völlig aus Erkenntnis besteht, makellos in höchster Wahrheit — eben ihn, der zugleich, vom Standpunkt irriger Anschauung aus gesehen, in Gestalt der erfahrbaren Objekte besteht,

Wort für Wort
jñānasvarūpam atyantaṃ nirmalaṃ paramārthataḥ
dessen Wesen völlig aus Erkenntnis besteht, makellos in höchster Wahrheit
tam evārthasvarūpeṇa bhrāntidarśanataḥ sthitam
eben ihn, der zugleich, vom Standpunkt irriger Anschauung aus gesehen, in Gestalt der erfahrbaren Objekte besteht

viṣṇuṃ grasiṣṇuṃ viśvasya sthitisarge tathā prabhum / anādiṃ jagatām īśam ajam akṣayam avyayam //

Viṣṇu, den Verschlinger des Weltalls, sowie den Herrn von dessen Bestehen und Entstehen, den anfanglosen Gebieter der Welten, den Ungeborenen, Unvergänglichen, Unveränderlichen,

Wort für Wort
viṣṇuṃ grasiṣṇuṃ viśvasya sthitisarge tathā prabhum
Viṣṇu, den Verschlinger des Weltalls, sowie den Herrn von dessen Bestehen und Entstehen
anādiṃ jagatām īśam ajam akṣayam avyayam
den anfanglosen Gebieter der Welten, den Ungeborenen, Unvergänglichen, Unveränderlichen

kathayāmi yathā pūrvaṃ yakṣādyair munisattamaiḥ / pṛṣṭaḥ provāca bhagavān abjayoniḥ pitāmahaḥ //

erzähle ich nun, wie einst, von Yakṣas und anderen sowie besten Munis befragt, der erhabene, aus dem Lotus geborene Großvater sprach:

Wort für Wort
kathayāmi yathā pūrvaṃ yakṣādyair munisattamaiḥ
erzähle ich nun, wie einst, von Yakṣas und anderen sowie besten Munis befragt
pṛṣṭaḥ provāca bhagavān abjayoniḥ pitāmahaḥ
der erhabene, aus dem Lotus geborene Großvater sprach

ṛksāmāny udgiran vaktrair yaḥ punāti jagattrayam / praṇipatya tatheśānam ekārṇavavinirgatam //

nachdem ich mich vor dem Gebieter verneigt habe, der, aus den Mündern Ṛg- und Sāma-Verse hervorbringend, die dreifache Welt läutert, der aus dem Einheits-Ozean hervortrat,

Wort für Wort
ṛksāmāny udgiran vaktrair yaḥ punāti jagattrayam
der, aus den Mündern Ṛg- und Sāma-Verse hervorbringend, die dreifache Welt läutert
praṇipatya tatheśānam ekārṇavavinirgatam
nachdem ich mich vor dem Gebieter verneigt habe, der aus dem Einheits-Ozean hervortrat

yasyāsuragaṇā yajñān vilumpanti na yājinām / pravakṣyāmi mataṃ kṛtsnaṃ brahmaṇo 'vyaktajanmanaḥ //

dessen Schutz bewirkt, dass die Asura-Scharen die Opfer der Opfernden nicht mehr plündern — nun werde ich die vollständige Lehre Brahmās, dessen Geburt unentfaltet ist, verkünden:

Wort für Wort
yasyāsuragaṇā yajñān vilumpanti na yājinām
dessen Schutz bewirkt, dass die Asura-Scharen die Opfer der Opfernden nicht mehr plündern
pravakṣyāmi mataṃ kṛtsnaṃ brahmaṇo 'vyaktajanmanaḥ
nun werde ich die vollständige Lehre Brahmās, dessen Geburt unentfaltet ist, verkünden

yena sṛṣṭiṃ samuddiśya dharmādyāḥ prakaṭīkṛtāḥ / āpo nārā iti proktā munibhis tattvadarśibhiḥ //

durch den, im Hinblick auf die Schöpfung, Dharma und die anderen Lebensziele offenbart wurden; die Gewässer werden von den wahrheitsschauenden Munis ,Nārāḥ' genannt,

Wort für Wort
yena sṛṣṭiṃ samuddiśya dharmādyāḥ prakaṭīkṛtāḥ
durch den, im Hinblick auf die Schöpfung, Dharma und die anderen Lebensziele offenbart wurden
āpo nārā iti proktā munibhis tattvadarśibhiḥ
die Gewässer werden von den wahrheitsschauenden Munis ,Nārāḥ' genannt

ayanaṃ tasya tāḥ pūrvaṃ tena nārāyaṇaḥ smṛtaḥ / sa devo bhagavān sarvaṃ vyāpya nārāyaṇo vibhuḥ //

sie waren einst sein erster Zufluchtsort — deshalb wird er ,Nārāyaṇa' genannt; jener Gott, der Erhabene, der alldurchdringende Nārāyaṇa, der Herr,

Wort für Wort
ayanaṃ tasya tāḥ pūrvaṃ tena nārāyaṇaḥ smṛtaḥ
sie waren einst sein erster Zufluchtsort — deshalb wird er ,Nārāyaṇa' genannt
sa devo bhagavān sarvaṃ vyāpya nārāyaṇo vibhuḥ
jener Gott, der Erhabene, der alldurchdringende Nārāyaṇa, der Herr

caturdhā saṃsthito brahmā saguṇo nirguṇas tathā / ekā mūrtir anuddeśyā śuklāṃ paśyanti tāṃ budhāḥ //

besteht als Brahman vierfach, mit Eigenschaften und ebenso ohne Eigenschaften; eine Gestalt davon ist unbeschreiblich — die Weisen erblicken sie als weiß,

Wort für Wort
caturdhā saṃsthito brahmā saguṇo nirguṇas tathā
besteht als Brahman vierfach, mit Eigenschaften und ebenso ohne Eigenschaften
ekā mūrtir anuddeśyā śuklāṃ paśyanti tāṃ budhāḥ
eine Gestalt davon ist unbeschreiblich — die Weisen erblicken sie als weiß

jvālāmālāvanaddhāṅgī niṣṭhā sā yogināṃ parā / dūrasthā cāntikasthā ca vijñeyā sā guṇātigā //

deren Glieder von einem Kranz aus Flammen umgürtet sind — sie ist das höchste Ziel der Yogis; fern und zugleich nah weilend, ist sie als über die Guṇas hinausgehend zu erkennen,

Wort für Wort
jvālāmālāvanaddhāṅgī niṣṭhā sā yogināṃ parā
deren Glieder von einem Kranz aus Flammen umgürtet sind — sie ist das höchste Ziel der Yogis
dūrasthā cāntikasthā ca vijñeyā sā guṇātigā
fern und zugleich nah weilend, ist sie als über die Guṇas hinausgehend zu erkennen

vāsudevābhidhānāsau nirmamatvena dṛśyate / rūpavarṇādayas tasyā na bhāvāḥ kalpanāmayāḥ //

jene, mit dem Namen Vāsudeva bezeichnet, wird als frei von Mein-Gefühl wahrgenommen; ihre Gestalt, Farbe und dergleichen sind keine aus Vorstellung bestehenden Eigenschaften,

Wort für Wort
vāsudevābhidhānāsau nirmamatvena dṛśyate
jene, mit dem Namen Vāsudeva bezeichnet, wird als frei von Mein-Gefühl wahrgenommen
rūpavarṇādayas tasyā na bhāvāḥ kalpanāmayāḥ
ihre Gestalt, Farbe und dergleichen sind keine aus Vorstellung bestehenden Eigenschaften

āste ca sā sadā śuddhā supratiṣṭhaikarūpiṇī / dvitīyā pṛthivīṃ mūrdhnā śeṣākhyā dhārayaty adhaḥ //

und sie weilt stets rein, wohlgegründet, von einer einzigen Gestalt; die zweite Gestalt, ,Śeṣa' genannt, trägt mit ihrem Haupt die Erde von unten,

Wort für Wort
āste ca sā sadā śuddhā supratiṣṭhaikarūpiṇī
und sie weilt stets rein, wohlgegründet, von einer einzigen Gestalt
dvitīyā pṛthivīṃ mūrdhnā śeṣākhyā dhārayaty adhaḥ
die zweite Gestalt, ,Śeṣa' genannt, trägt mit ihrem Haupt die Erde von unten

tāmasī sā samākhyātā tiryaktvaṃ samupāgatā / tṛtīyā karma kurute prajāpālanatatparā //

sie wird als tāmasisch bezeichnet, da sie zur tierischen Schlangen-Natur gelangt ist; die dritte Gestalt übt die Tätigkeit aus, dem Schutz der Geschöpfe zugetan,

Wort für Wort
tāmasī sā samākhyātā tiryaktvaṃ samupāgatā
sie wird als tāmasisch bezeichnet, da sie zur tierischen Schlangen-Natur gelangt ist
tṛtīyā karma kurute prajāpālanatatparā
die dritte Gestalt übt die Tätigkeit aus, dem Schutz der Geschöpfe zugetan

sattvodriktā tu sā jñeyā dharmasaṃsthānakāriṇī / caturthī jalamadhyasthā śete pannagatalpagā //

sie ist als von Sattva überwiegt zu erkennen, die Bewirkerin der Einrichtung des Dharma; die vierte Gestalt, inmitten des Wassers weilend, ruht auf dem Lager der Schlange,

Wort für Wort
sattvodriktā tu sā jñeyā dharmasaṃsthānakāriṇī
sie ist als von Sattva überwiegt zu erkennen, die Bewirkerin der Einrichtung des Dharma
caturthī jalamadhyasthā śete pannagatalpagā
die vierte Gestalt, inmitten des Wassers weilend, ruht auf dem Lager der Schlange

rajas tasyā guṇaḥ sargaṃ sā karoti sadaiva hi / yā tṛtīyā harer mūrtiḥ prajāpālanatatparā //

Rajas ist ihre Eigenschaft, sie bewirkt stets die Schöpfung; jene dritte Gestalt Haris, dem Schutz der Geschöpfe zugetan,

Wort für Wort
rajas tasyā guṇaḥ sargaṃ sā karoti sadaiva hi
Rajas ist ihre Eigenschaft, sie bewirkt stets die Schöpfung
yā tṛtīyā harer mūrtiḥ prajāpālanatatparā
jene dritte Gestalt Haris, dem Schutz der Geschöpfe zugetan

sā tu dharmavyavasthānaṃ karoti niyataṃ bhuvi / proddhatān asurān hanti dharmavyucchittikāriṇaḥ //

sie bewirkt beständig die Einrichtung des Dharma auf Erden; sie tötet die übermütig gewordenen Asuras, die Zerstörer des Dharma,

Wort für Wort
sā tu dharmavyavasthānaṃ karoti niyataṃ bhuvi
sie bewirkt beständig die Einrichtung des Dharma auf Erden
proddhatān asurān hanti dharmavyucchittikāriṇaḥ
sie tötet die übermütig gewordenen Asuras, die Zerstörer des Dharma

pāti devān sagandharvān dharmarakṣāparāyaṇān / yadā yadā ca dharmasya glāniḥ samupajāyate //

sie beschützt die Götter samt den Gandharvas, dem Schutz des Dharma zugetan. Und wann immer ein Schwund des Dharma entsteht,

Wort für Wort
pāti devān sagandharvān dharmarakṣāparāyaṇān
sie beschützt die Götter samt den Gandharvas, dem Schutz des Dharma zugetan
yadā yadā ca dharmasya glāniḥ samupajāyate
und wann immer ein Schwund des Dharma entsteht

[Anm.: Anklang an das berühmte Bhagavadgītā-Motiv (BhG 4.7f.: ,yadā yadā hi dharmasya glānir bhavati...').]

abhyutthānam adharmasya tadātmānaṃ sṛjaty asau / bhūtvā purā varāheṇa tuṇḍenāpo nirasya ca //

und ein Aufstieg des Unrechts, dann erschafft sie sich selbst neu; einst, zum Eber geworden, hat sie mit dem Rüssel das Wasser fortgestoßen,

Wort für Wort
abhyutthānam adharmasya tadātmānaṃ sṛjaty asau
und ein Aufstieg des Unrechts, dann erschafft sie sich selbst neu
bhūtvā purā varāheṇa tuṇḍenāpo nirasya ca
einst, zum Eber geworden, hat sie mit dem Rüssel das Wasser fortgestoßen

ekayā daṃṣṭrayotkhātā nalinīva vasuṃdharā / kṛtvā nṛsiṃharūpaṃ ca hiraṇyakaśipur hataḥ //

und mit einem einzigen Hauzahn wurde die Erde emporgehoben, wie eine aus dem Wasser gezogene Lotuspflanze; und nachdem sie die Narasiṃha-Gestalt angenommen hatte, wurde Hiraṇyakaśipu getötet,

Wort für Wort
ekayā daṃṣṭrayotkhātā nalinīva vasuṃdharā
mit einem einzigen Hauzahn wurde die Erde emporgehoben, wie eine aus dem Wasser gezogene Lotuspflanze
kṛtvā nṛsiṃharūpaṃ ca hiraṇyakaśipur hataḥ
und nachdem sie die Narasiṃha-Gestalt angenommen hatte, wurde Hiraṇyakaśipu getötet

vipracittimukhāś cānye dānavā vinipātitāḥ / vāmanaṃ rūpam āsthāya baliṃ saṃyamya māyayā //

und andere Dānavas, angeführt von Vipracitti, wurden niedergeschlagen; nachdem sie die Zwerg-Gestalt (Vāmana) angenommen und Bali durch Māyā gebändigt hatte,

Wort für Wort
vipracittimukhāś cānye dānavā vinipātitāḥ
und andere Dānavas, angeführt von Vipracitti, wurden niedergeschlagen
vāmanaṃ rūpam āsthāya baliṃ saṃyamya māyayā
nachdem sie die Zwerg-Gestalt angenommen und Bali durch Māyā gebändigt hatte

trailokyaṃ krāntavān eva vinirjitya diteḥ sutān / bhṛgor vaṃśe samutpanno jāmadagnyaḥ pratāpavān //

durchschritt sie eben die drei Welten, nachdem sie die Söhne der Diti besiegt hatte; in der Bhṛgu-Linie geboren, der glanzvolle Sohn des Jamadagni,

Wort für Wort
trailokyaṃ krāntavān eva vinirjitya diteḥ sutān
durchschritt sie eben die drei Welten, nachdem sie die Söhne der Diti besiegt hatte
bhṛgor vaṃśe samutpanno jāmadagnyaḥ pratāpavān
in der Bhṛgu-Linie geboren, der glanzvolle Sohn des Jamadagni

jaghāna kṣatriyān rāmaḥ pitur vadham anusmaran / tathātritanayo bhūtvā dattātreyaḥ pratāpavān //

tötete Rāma [Paraśurāma] die Kṣatriyas, sich der Tötung seines Vaters erinnernd; ebenso wurde sie, zum Sohn des Atri geworden, der glanzvolle Dattātreya,

Wort für Wort
jaghāna kṣatriyān rāmaḥ pitur vadham anusmaran
tötete Rāma die Kṣatriyas, sich der Tötung seines Vaters erinnernd
tathātritanayo bhūtvā dattātreyaḥ pratāpavān
ebenso wurde sie, zum Sohn des Atri geworden, der glanzvolle Dattātreya

yogam aṣṭāṅgam ācakhyāv alarkāya mahātmane / rāmo dāśarathir bhūtvā sa tu devaḥ pratāpavān //

der dem hochgesinnten Alarka den achtgliedrigen Yoga verkündete; zum Sohn des Daśaratha, Rāma, geworden, tötete jener glanzvolle Gott,

Wort für Wort
yogam aṣṭāṅgam ācakhyāv alarkāya mahātmane
der dem hochgesinnten Alarka den achtgliedrigen Yoga verkündete
rāmo dāśarathir bhūtvā sa tu devaḥ pratāpavān
zum Sohn des Daśaratha, Rāma, geworden, jener glanzvolle Gott

jaghāna rāvaṇaṃ saṃkhye trailokyasya bhayaṃkaram / yadā caikārṇave supto devadevo jagatpatiḥ //

tötete im Kampf den Rāvaṇa, den Schrecken der drei Welten. Und wenn der Gott der Götter, der Herr der Welt, im Einheits-Ozean schläft,

Wort für Wort
jaghāna rāvaṇaṃ saṃkhye trailokyasya bhayaṃkaram
tötete im Kampf den Rāvaṇa, den Schrecken der drei Welten
yadā caikārṇave supto devadevo jagatpatiḥ
und wenn der Gott der Götter, der Herr der Welt, im Einheits-Ozean schläft

sahasrayugaparyantaṃ nāgaparyaṅkago vibhuḥ / yoganidrāṃ samāsthāya sve mahimni vyavasthitaḥ //

bis zum Ende von tausend Zeitaltern, auf dem Schlangen-Lager ruhend, der Herr, den Yoga-Schlaf übend, in seiner eigenen Größe gegründet,

Wort für Wort
sahasrayugaparyantaṃ nāgaparyaṅkago vibhuḥ
bis zum Ende von tausend Zeitaltern, auf dem Schlangen-Lager ruhend, der Herr
yoganidrāṃ samāsthāya sve mahimni vyavasthitaḥ
den Yoga-Schlaf übend, in seiner eigenen Größe gegründet

trailokyam udare kṛtvā jagat sthāvarajaṅgamam / janalokagataiḥ siddhaiḥ stūyamāno maharṣibhiḥ //

nachdem er die drei Welten, die bewegliche und unbewegliche Welt, in seinem Bauch geborgen hat, von den in der Jana-Welt weilenden Siddhas und großen Ṛṣis gepriesen,

Wort für Wort
trailokyam udare kṛtvā jagat sthāvarajaṅgamam
nachdem er die drei Welten, die bewegliche und unbewegliche Welt, in seinem Bauch geborgen hat
janalokagataiḥ siddhaiḥ stūyamāno maharṣibhiḥ
von den in der Jana-Welt weilenden Siddhas und großen Ṛṣis gepriesen

tasya nābhau samutpannaṃ padmaṃ dikpattramaṇḍitam / marutkiñjalkasaṃyuktaṃ gṛhaṃ paitāmahaṃ varam //

entstand aus seinem Nabel ein Lotus, geschmückt mit Blättern in Form der Himmelsrichtungen, versehen mit Staubgefäßen gleich den Winden — das vortreffliche Haus des Großvaters,

Wort für Wort
tasya nābhau samutpannaṃ padmaṃ dikpattramaṇḍitam
entstand aus seinem Nabel ein Lotus, geschmückt mit Blättern in Form der Himmelsrichtungen
marutkiñjalkasaṃyuktaṃ gṛhaṃ paitāmahaṃ varam
versehen mit Staubgefäßen gleich den Winden — das vortreffliche Haus des Großvaters

yatra brahmā samutpanno devadevaś caturmukhaḥ / tadā karṇamalodbhūtau dānavau madhukaiṭabhau //

wo Brahmā entstand, der viergesichtige Gott der Götter. Damals entstanden die beiden aus dem Ohrenschmalz Viṣṇus hervorgegangenen Dānavas Madhu und Kaiṭabha,

Wort für Wort
yatra brahmā samutpanno devadevaś caturmukhaḥ
wo Brahmā entstand, der viergesichtige Gott der Götter
tadā karṇamalodbhūtau dānavau madhukaiṭabhau
damals entstanden die beiden aus dem Ohrenschmalz hervorgegangenen Dānavas Madhu und Kaiṭabha

mahābalau mahāvīryau brahmāṇaṃ hantum udyatau / jaghāna tau durādharṣau utthāya śayanodadheḥ //

von großer Kraft und großer Stärke, bereit, Brahmā zu töten; er erschlug jene beiden Unbezwingbaren, nachdem er sich von seinem Ozean-Lager erhoben hatte.

Wort für Wort
mahābalau mahāvīryau brahmāṇaṃ hantum udyatau
von großer Kraft und großer Stärke, bereit, Brahmā zu töten
jaghāna tau durādharṣau utthāya śayanodadheḥ
er erschlug jene beiden Unbezwingbaren, nachdem er sich von seinem Ozean-Lager erhoben hatte

evamādīṃs tathaivānyān asaṃkhyātum ihotsahe / avatāro hy ajasyeha māthuraḥ sāṃpratas tv ayam //

Solche und ebenso andere Taten vermag ich hier nicht aufzuzählen; dies aber ist nun die gegenwärtige Menschwerdung des Ungeborenen in Mathurā,

Wort für Wort
evamādīṃs tathaivānyān asaṃkhyātum ihotsahe
solche und ebenso andere Taten vermag ich hier nicht aufzuzählen
avatāro hy ajasyeha māthuraḥ sāṃpratas tv ayam
dies aber ist nun die gegenwärtige Menschwerdung des Ungeborenen in Mathurā

iti sā sāttvikī mūrtir avatāraṃ karoti ca / pradyumneti samākhyātā rakṣākarmaṇy avasthitā //

so bewirkt jene sattva-hafte Gestalt die Menschwerdung; als ,Pradyumna' bezeichnet, ist sie im Werk des Schutzes gegründet,

Wort für Wort
iti sā sāttvikī mūrtir avatāraṃ karoti ca
so bewirkt jene sattva-hafte Gestalt die Menschwerdung
pradyumneti samākhyātā rakṣākarmaṇy avasthitā
als ,Pradyumna' bezeichnet, ist sie im Werk des Schutzes gegründet

devatve 'tha manuṣyatve tiryagyonau ca saṃsthitā / gṛhṇāti tatsvabhāvaś ca vāsudevecchayā sadā //

im Götterstand, im Menschenstand und in tierischer Geburt weilend, nimmt sie jeweils ihr eigenes Wesen an, stets nach dem Willen des Vāsudeva,

Wort für Wort
devatve 'tha manuṣyatve tiryagyonau ca saṃsthitā
im Götterstand, im Menschenstand und in tierischer Geburt weilend
gṛhṇāti tatsvabhāvaś ca vāsudevecchayā sadā
nimmt sie jeweils ihr eigenes Wesen an, stets nach dem Willen des Vāsudeva

dadāty abhimatān kāmān pūjitā sā dvijottamāḥ / evaṃ mayā samākhyātaḥ kṛtakṛtyo 'pi yaḥ prabhuḥ / mānuṣatvaṃ gato viṣṇuḥ śṛṇudhvaṃ cottaraṃ punaḥ //

und gewährt, verehrt, die ersehnten Wünsche, ihr besten der Zweifachgeborenen. So wurde von mir dargelegt, wie jener Herr, obgleich bereits sein Werk vollbracht, Viṣṇu, zum Menschsein gelangte — hört nun weiter, was noch folgt.

Wort für Wort
dadāty abhimatān kāmān pūjitā sā dvijottamāḥ
und gewährt, verehrt, die ersehnten Wünsche, ihr besten der Zweifachgeborenen
evaṃ mayā samākhyātaḥ kṛtakṛtyo 'pi yaḥ prabhuḥ
so wurde von mir dargelegt, wie jener Herr, obgleich bereits sein Werk vollbracht
mānuṣatvaṃ gato viṣṇuḥ śṛṇudhvaṃ cottaraṃ punaḥ
Viṣṇu, zum Menschsein gelangte — hört nun weiter, was noch folgt

[Anm.: Vers mit drei Zeilen im Quelltext, schließt das Kapitel ab.]

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks