Kapitel 89: aśvabhānutīrthapañcavaṭāśramamāhātmyavarṇanam
Die Größe von Aśva-Tīrtha, Bhānu-Tīrtha und Pañcavaṭa-Āśrama (die Uṣā-Sūrya-Erzählung)
Brahmā erzählt die Geschichte von Sūrya (Bhānu/Āditya, ältester Sohn des Kaśyapa) und seiner Gattin Uṣā (Tochter des Tvaṣṭṛ) – eine an der Gautamī lokalisierte Variante des bekannten Saṃjñā-Vivasvant-Mythos: Uṣā, die die Glut ihres Gatten nicht ertragen kann, schafft einen Schatten-Doppelgänger (chāyā) ihrer selbst und flieht zur Askese ins Land der Nord-Kurus, wo sie in Stutengestalt Buße tut. Der Schatten gebiert eigene, parteiisch behandelte Kinder (Sāvarṇi, Śani, Viṣṭi); als Yama dies aufdeckt, wird die Täuschung offenbar. Sūrya findet Uṣā, verfolgt sie in Pferdegestalt bis zur Gautamī/zum Janasthāna, wo die Weisen ihn zunächst zurückhalten (und von ihm zu Banyanbäumen verflucht werden, bevor sie ihn als Gott erkennen); die Vereinigung der beiden in Pferdegestalt zeugt die Aśvin-Zwillinge. Tvaṣṭṛ beschneidet auf Sūryas Bitte dessen überschüssige Glut (Ätiologie von Prabhāsa). Die Erzählung endet mit der Benennung der Stätten Aśva-Tīrtha, Bhānu-Tīrtha und Pañcavaṭa-Āśrama sowie des heiligen Zusammenflusses von Aruṇā und Varuṇā mit der Gaṅgā.
Brahmā sprach: Aruṇā und Varuṇā, zwei überaus verdienstvolle, heilvolle Flüsse, und ihr heiliger Zusammenfluss mit der Gaṅgā, o Bester der Weisen (munisattama) –
das Auge der drei Welten, scharfstrahlend, mit sieben Pferden, von der Welt verehrt. Seine Gattin ist als Uṣā bekannt, die Tochter des Tvaṣṭṛ, die Schönste der drei Welten.
Wort für Wort
trailokyacakṣus tīkṣṇāṃśuḥ
das Auge der drei Welten, scharfstrahlend,
saptāśvo lokapūjitaḥ
mit sieben Pferden, von der Welt verehrt,
tasya patnī uṣā khyātā
seine Gattin ist als Uṣā bekannt,
tvāṣṭrī trailokyasundarī
die Tochter des Tvaṣṭṛ, die Schönste der drei Welten
Dies gesagt habend, ging sie eilends fort, eine friedvollere Gestalt begehrend. Uṣā ging zum Haus des Tvaṣṭṛ und berichtete alles dem Vater; auch Tvaṣṭṛ, erschrocken, sprach, seine Tochter liebend, zu ihr.
Wort für Wort
ity uktvā sā jagāmāśu
dies gesagt habend, ging sie eilends fort,
śāntaṃ rūpam abhīpsatī
eine friedvollere Gestalt begehrend,
sā gatvoṣā gṛhaṃ tvaṣṭuḥ
Uṣā, zum Haus des Tvaṣṭṛ gegangen,
pitre sarvaṃ nyavedayat
berichtete alles dem Vater,
tvaṣṭāpi cakitaḥ prāha
auch Tvaṣṭṛ, erschrocken, sprach,
tāṃ sutāṃ sutavatsalaḥ
zu seiner Tochter, sie liebend
[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer im Quelltext.]
Tvaṣṭṛ sprach: 'Dies geziemt sich nicht für eine Verheiratete, dass sie nach eigenem Belieben handelt. Wie soll das Wohlergehen der Kinder oder deines Gatten Savitṛ sein? Ich fürchte mich, Gute, ich bin (nur) belehrend [?] – geh zurück zum Haus des Gatten.'
Wort für Wort
naitad yuktaṃ bhartṛmatyā
dies geziemt sich nicht für eine Verheiratete,
yat svaireṇa pravartanam
dass sie nach eigenem Belieben handelt,
apatyānāṃ kathaṃ vṛttir
wie soll das Wohlergehen der Kinder sein,
bhartur vā savitus tava
oder deines Gatten Savitṛ,
bibhemi bhadre śiṣṭo 'haṃ
ich fürchte mich, Gute, ich bin belehrend [?],
bhartur gehaṃ punar vraja
geh zurück zum Haus des Gatten
[Anm.: dreizeiliger Vers unter einer Nummer; 'śiṣṭo 'ham' wörtl. 'ich bin belehrt/gesittet', hier sinngemäß als väterliche Ermahnung gedeutet.]
sveṣv apatyeṣu coṣāyā yamas tatra cukopa ha / vaiṣamyeṇātha vartantīṃ chāyāṃ tāṃ mātaraṃ tadā //
Gegenüber ihren eigenen Kindern im Vergleich zu Uṣās (Kindern) wurde Yama darüber zornig; über den sich parteiisch verhaltenden Schatten, jene (vermeintliche) Mutter, damals –
Wort für Wort
sveṣv apatyeṣu coṣāyā
bei ihren eigenen Kindern gegenüber denen der Uṣā,
yamas tatra cukopa ha
wurde Yama darüber zornig,
vaiṣamyeṇātha vartantīṃ
über den sich parteiisch verhaltenden,
chāyāṃ tāṃ mātaraṃ tadā
jenen Schatten, jene (vermeintliche) Mutter, damals
śaśāpa pāpa te pādo viśīryatu mamājñayā / viśīrṇacaraṇo duḥkhād rudan pitaram abhyagāt / savitre taṃ tu vṛttāntaṃ nyavedayad aśeṣataḥ //
– verfluchte ihn: 'Böser, dein Fuß soll auf mein Geheiß verfallen!' Mit verfallenem Fuß, vor Schmerz weinend, ging er zu seinem Vater und berichtete Savitṛ (der Sonne) die ganze Begebenheit.
Yama sprach: 'Dies ist nicht meine Mutter, o Bester der Götter, von der ich so verflucht wurde; gegenüber widerspenstigen Kindern zürnt eine (wahre) Mutter niemals.'
'Was auch immer vom Kind getan wird, sei es gut oder schlecht, wie auch immer – all dies wird in ihr ermessen (verziehen); deshalb wird sie 'Mutter' (mātṛ) genannt.'
Wort für Wort
yad apatyakṛtaṃ kiṃcit
was auch immer vom Kind getan wird,
sādhv asādhu yathā tathā
sei es gut oder schlecht, wie auch immer,
māty asyāṃ sarvam apy etat
all dies wird in ihr ermessen [Wortspiel √mā],
tasmān māteti gīyate
deshalb wird sie 'Mutter' genannt
[Anm.: Wortspiel mit der volksetymologischen Ableitung von 'mātṛ' (Mutter) von der Wurzel √mā ('messen').]
'Als wollte sie mich verbrennen, Vater, blickt sie mich stets mit (ihren) Augen an; mit einer Stimme wie das Feuer der Weltzeit spricht sie – dies ist nicht meine Mutter.'
Wort für Wort
pradhakṣyantīva māṃ tāta
als wollte sie mich verbrennen, Vater,
nityaṃ paśyati cakṣuṣā
blickt sie mich stets mit den Augen an,
vakty agnikālasadṛśā vācā
mit einer Stimme wie das Feuer der Weltzeit spricht sie,
{brahmovāca: } tat putravacanaṃ śrutvā savitācintayat tataḥ / iyaṃ chāyā nāsya mātā uṣā mātā tu sānyataḥ //
Brahmā sprach: Nachdem er diese Rede des Sohnes gehört hatte, dachte Savitṛ (Sūrya) darauf: 'Dies ist der Schatten, nicht seine Mutter; Uṣā ist die (wahre) Mutter, jene andere aber (ist der Schatten).'
mama śāntim abhīpsantī deśe 'nyasmiṃs taporatā / uttare ca kurau tvāṣṭrī vaḍavārūpadhāriṇī //
'Meine Beruhigung (Linderung meiner Glut) erstrebend, ist die Tochter des Tvaṣṭṛ in einem anderen Land der Askese hingegeben, im Norden bei den Kurus, in Stutengestalt.'
– Uṣā, die dem Gatten treu Ergebene, ganz dem Gedenken an den Gatten hingegeben, erschrak vor der Bedrängnis durch den Hengst und wusste nicht, wer dieser wohl sei.
Ihr nach gelangte ebenso der Hengst, Bhānu, in jener Gestalt; die im Janasthāna weilenden jungen Weisenschüler hielten den Hengst zurück; darauf verfluchte aus Zorn der mächtige Herr der Uṣā (Sūrya) jene Weisen.
Brahmā sprach: Doch mit dem Blick der Erkenntnis erkannten die Weisen den Hengst als den Gatten der Uṣā; den Bhānu, den Herrn der Götter der Götter, priesen die Weisen freudig.
Wort für Wort
jñānadṛṣṭyā tu munayo
doch mit dem Blick der Erkenntnis erkannten die Weisen,
Als die Tochter des Tvaṣṭṛ ihren Gatten erkannte, floss aus dem Maul Kraft (Same) heraus; durch ihrer beider Kraft entstanden in der Gaṅgā die beiden Aśvins.
draṣṭuṃ te vismayāviṣṭā ājagmuḥ śvaśuras tathā / abhiprāyaṃ viditvā tu śvaśuraṃ bhānur abravīt //
Um dies zu sehen, kamen sie, von Erstaunen erfüllt, sowie auch der Schwiegervater (Tvaṣṭṛ); als Bhānu dessen Absicht erkannte, sprach er zum Schwiegervater.
Bhānu sprach: 'Zur Freude der Uṣā, o Tvaṣṭṛ, die die höchste Askese übt, setze mich auf eine Drehmaschine (Drechselbank) und schneide meine Glutstrahlen vielfach ab; solange, bis Wohlergehen für sie entstehe, so lange schneide (sie ab), o Herr der Geschöpfe.'
{brahmovāca: } tathety uktvā tatas tvaṣṭā somanāthasya saṃnidhau / tejasāṃ chedanaṃ cakre prabhāsaṃ tu tato viduḥ //
Brahmā sprach: 'So sei es', sprach darauf Tvaṣṭṛ, und in der Gegenwart des Somanātha vollzog er das Abschneiden der Glutstrahlen; daher kennt man (die Stätte) als Prabhāsa.
Wort für Wort
tathety uktvā tatas tvaṣṭā
'so sei es', sprach darauf Tvaṣṭṛ,
somanāthasya saṃnidhau
in der Gegenwart des Somanātha,
tejasāṃ chedanaṃ cakre
vollzog er das Abschneiden der Glutstrahlen,
prabhāsaṃ tu tato viduḥ
daher kennt man (die Stätte) als Prabhāsa
[Anm.: 'Somanātha' hier wohl Beiname Śivas ('Herr des Soma/Mondes'); die Verortung der Glut-Beschneidung als Ursprung des Ortsnamens Prabhāsa stimmt mit anderen purāṇischen Fassungen dieses Mythos überein.]
Der heilvolle Zusammenfluss der Flüsse Aruṇā und Varuṇā mit der Gaṅgā – dort (versammeln sich) die Tīrthas der Götter, die je einzeln herbeigekommen sind.