Kapitel 203: aditistutiḥ pārijātaharaṇaṃ devendrayuddhaṃ ca
Aditis Lobpreis, der Raub des Pārijāta und der Kampf mit dem Götterkönig
Kṛṣṇa übergibt Aditi die von Naraka geraubten Ohrringe; sie trägt ihm einen ausführlichen philosophischen Lobpreis vor und gewährt ihm Unbesiegbarkeit unter Sterblichen. In den Göttergärten erblickt Satyabhāmā den beim Quirlen des Milchozeans entstandenen Wunschbaum Pārijāta und verlangt von Kṛṣṇa, ihn nach Dvārakā zu bringen, da er ihr angeblich lieber sei als Rukmiṇī und Jāmbavatī. Trotz der Warnung der Waldwächter, der Baum sei Śacīs Eigentum, lässt Kṛṣṇa ihn auf Garuḍa laden; Satyabhāmā weist Śacīs Anspruch schroff zurück und lässt ihr eine herausfordernde Botschaft überbringen. Indra zieht mit dem gesamten Götterheer in die Schlacht; nach einem gewaltigen Kampf, in dem Kṛṣṇa und Garuḍa alle Götter (Agni, Yama, Kuvera, die Rudras, Vasus, Maruts u.a.) mühelos bezwingen und schließlich sogar Indras Blitzkeil auffangen, ohne den eigenen Diskus einzusetzen, muss Indra fliehen. Satyabhāmā tröstet und verspottet zugleich den geschlagenen Götterkönig, der seine Niederlage philosophisch relativiert: Beschämung sei sinnlos, da sein Bezwinger der Ursprung, Erhalter und die Ursache der Auflösung des gesamten Kosmos selbst sei.
Aditi sprach: Verehrung dir, o Lotusäugiger, der du den Hingebungsvollen Furchtlosigkeit schenkst; o ewiges Selbst, Selbst der Wesen, Selbst von allem, Erzeuger der Wesen.
Wort für Wort
namas te puṇḍarīkākṣa
Verehrung dir, o Lotusäugiger
bhaktānām abhayaṃkara
der du den Hingebungsvollen Furchtlosigkeit schenkst
O Lenker des Geistes, des Verstandes, der Sinne, o [du], dessen Wesen die Guṇas [ausmachen] — o [du], der frei ist von jeder Vorstellung wie 'weiß', 'lang' und dergleichen.
Unberührt von Geburt und dergleichen, frei von [den Zuständen wie] Traum und so fort — [du bist] Dämmerung, Nacht, Tag, Erde, Himmel, Wind, und Wasser.
Wort für Wort
janmādibhir asaṃspṛṣṭa-
unberührt von Geburt und dergleichen
svapnādivārivarjitaḥ
frei von [den Zuständen wie] Traum und so fort
saṃdhyā rātrir ahar bhūmir
Dämmerung, Nacht, Tag, Erde
gaganaṃ vāyur ambu ca
Himmel, Wind, und Wasser
[?: Das Kompositum 'svapnādivārivarjitaḥ' ist unklar bzw. möglicherweise textlich verderbt; hier sinngemäß als 'frei von Traum- und ähnlichen Zuständen' wiedergegeben.]
Das Feuer, der Geist, der Verstand, und das Bhūtādi [der Elementeursprung] — das bist du ebenso, o Unvergänglicher; der Handelnde und der Herr der Handelnden bei Erschaffung, Bestehen und Zerstörung bist du.
Mit den als Brahmā, Viṣṇu, Śiva bezeichneten Selbst-Gestalten [ist] der Herr — durch [diese seine] Māyā-Gestalten ist diese deine Welt, die unbewegliche und bewegliche, durchdrungen.
Wort für Wort
brahmaviṣṇuśivākhyābhir
mit den als Brahmā, Viṣṇu, Śiva bezeichneten
ātmamūrtibhir īśvaraḥ
mit [seinen] Selbst-Gestalten, der Herr
māyābhir etad vyāptaṃ
durch [diese] Māyā[-Gestalten] ist dies durchdrungen
Inmitten des Weltenkreislaufs ist dies das Wirken deiner Māyā, o Herr; von den Menschen, die ihrem eigenen Dharma ergeben sind, o Herr, wirst du verehrt,
Wort für Wort
saṃsāramadhye māyāyās
inmitten des Weltenkreislaufs, der Māyā
tavaitan nātha ceṣṭitam
ist dies dein Wirken, o Herr
yaiḥ svadharmaparair nātha
durch welche Menschen, die ihrem eigenen Dharma ergeben sind, o Herr
im großen Strudel von Viṣṇus Māyā, von der blinden Finsternis der Verblendung umhüllt, verehren [manche] dich [nur, um] Begierden [zu erlangen], statt die Auflösung des [eigenen Daseins-]Werdens [zu suchen].
Wort für Wort
viṣṇumāyāmahāvarte
im großen Strudel von Viṣṇus Māyā
mohāndhatamasāvṛtāḥ
von der blinden Finsternis der Verblendung umhüllt
pade te puruṣā baddhā māyayā bhagavaṃs tava / mayā tvaṃ putrakāminyā vairipakṣakṣayāya ca //
An deinem [wahren] Zustand sind die Menschen durch deine Māyā gebunden, o Erhabener; von mir, die ich einen Sohn begehrte, und [von mir,] zur Vernichtung der Feindespartei,
ārādhito na mokṣāya māyāvilasitaṃ hi tat / kaupīnācchādanaprāyā vāñchā kalpadrumād api //
— wurdest du verehrt, nicht um der Erlösung willen — das ist fürwahr [nur] ein Spiel der Māyā, ein Wunsch, der, selbst an den Wunschbaum gerichtet, [kaum mehr] ist als [die Bitte,] den Lendenschurz zu bedecken.
Wort für Wort
ārādhito na mokṣāya
wurdest du verehrt, nicht zur Erlösung
māyāvilasitaṃ hi tat
das ist fürwahr ein Spiel der Māyā
kaupīnācchādanaprāyā vāñchā
ein Wunsch, der [nur] etwa den Lendenschurz zu bedecken [sucht]
kalpadrumād api
selbst von dem Wunschbaum [erbeten]
[Anm.: Bildhafter Vergleich — selbst den allmächtigen Wunschbaum (Kalpadruma) um etwas so Geringes wie einen Lendenschurz zu bitten, veranschaulicht die Torheit, göttliche Macht für triviale weltliche Zwecke zu erbitten.]
jāyate yad apuṇyānāṃ so 'parādhaḥ svadoṣajaḥ / tat prasīdākhilajagan-māyāmohakarāvyaya //
Was den Unverdienstvollen widerfährt, das ist ein aus dem eigenen Fehler entstandenes Vergehen; sei [darüber] gnädig, o Unvergänglicher, der du der ganzen Welt Māyā und Verblendung bewirkst.
Wort für Wort
jāyate yad apuṇyānāṃ
was den Unverdienstvollen widerfährt
so 'parādhaḥ svadoṣajaḥ
das ist ein aus dem eigenen Fehler entstandenes Vergehen
ajñānaṃ jñānasadbhāva bhūtabhūteśa nāśaya / namas te cakrahastāya śārṅgahastāya te namaḥ //
O [du], dessen wahres Wesen Erkenntnis ist, o Herr der Geschöpfe, vernichte [meine] Unwissenheit! Verehrung dir, dem mit dem Diskus in der Hand, Verehrung dir, dem mit dem [Bogen] Śārṅga in der Hand!
Wort für Wort
ajñānaṃ jñānasadbhāva
o [du], dessen wahres Wesen Erkenntnis ist, [meine] Unwissenheit
gadāhastāya te viṣṇo śaṅkhahastāya te namaḥ / etat paśyāmi te rūpaṃ sthūlacihnopaśobhitam / na jānāmi paraṃ yat te prasīda parameśvara //
Dir, dem mit der Keule in der Hand, o Viṣṇu, dem mit der Muschel in der Hand, dir Verehrung! Diese [Gestalt] von dir sehe ich, die mit groben [äußeren] Merkmalen geschmückt ist — dein höchstes [Wesen] aber kenne ich nicht; sei gnädig, o höchster Herr.
Wort für Wort
gadāhastāya te viṣṇo
dir, dem mit der Keule in der Hand, o Viṣṇu
śaṅkhahastāya te namaḥ
dem mit der Muschel in der Hand, dir Verehrung
etat paśyāmi te rūpaṃ
diese [Gestalt] sehe ich von dir
sthūlacihnopaśobhitam
die mit groben Merkmalen geschmückt [ist]
na jānāmi paraṃ yat te
ich kenne nicht dein höchstes [Wesen]
prasīda parameśvara
sei gnädig, o höchster Herr
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]
Vyāsa sprach: So von Aditi gepriesen, sprach Viṣṇu lächelnd zu ihr, der Quelle der Götter —
Wort für Wort
adityaivaṃ stuto viṣṇuḥ
so von Aditi gepriesen, Viṣṇu
prahasyāha surāraṇim
sprach lächelnd zu ihr, der Quelle der Götter
[Anm.: Unregelmäßiger Vers — im Quelltext nur eine Halbzeile überliefert (mit Editionssternchen markiert). 'Surāraṇi' ('Zündholz/Ursprungsquelle der Götter') ist hier als Epitheton der Aditi gedeutet, der Mutter der Götter (Ādityas).]
Aditi sprach: 'So sei es, wie es dein Wunsch ist; von allen Göttern und Asuras unbesiegbar wirst du, o Tiger unter den Männern, in der Welt der Sterblichen sein.'
Vyāsa sprach: Dann, unmittelbar danach, verneigte sich Satyabhāmā vor Diti, [die] zusammen mit Śakrāṇī [war], und sprach immer wieder: 'Sei gnädig.'
Wort für Wort
tato 'nantaram evāsya
dann, unmittelbar danach
śakrāṇīsahitāṃ ditim
Diti, zusammen mit Śakrāṇī
satyabhāmā praṇamyāha
Satyabhāmā, sich verneigend, sprach
prasīdeti punaḥ punaḥ
'sei gnädig' immer wieder
[Anm.: Hier erscheint neben Śacī (Śakrāṇī) auch Diti, die Mutter der Daityas und Schwester der Aditi — möglicherweise eine Verwechslung oder bewusste Erweiterung des Kreises der verehrten Göttinnen in dieser Fassung.]
matprasādān na te subhru jarā vairūpyam eva ca / bhaviṣyaty anavadyāṅgi sarvakāmā bhaviṣyasi //
Aditi sprach: 'Durch meine Gnade werden dir, o Schönbraue, weder Alter noch Missgestalt widerfahren, o [du] mit tadellosen Gliedern; du wirst alle [deine] Wünsche [erfüllt] haben.'
dadarśa ca sugandhāḍhyaṃ mañjarīpuñjadhāriṇam / śaityāhlādakaraṃ divyaṃ tāmrapallavaśobhitam //
Und er sah den reich duftenden [Baum], der Büschel von Blütenknospen trug, kühl-erfrischend und göttlich, mit kupferfarbenen [jungen] Blättern geschmückt,
— den beim Quirlen des Nektars entstandenen Pārijāta[-Baum], von einem Glanz gleich reinem Gold. Ihn erblickend, sprach Satyabhāmā, o Beste der Zweifachgeborenen, zu Govinda, dem Herrn der Welt, Keśava, dem Vernichter des Keśin:
Wort für Wort
mathyamāne 'mṛte jātaṃ
beim Quirlen des Nektars entstanden
jātarūpasamaprabham
von einem Glanz gleich dem [reinen] Gold
pārijātaṃ jagannāthaḥ keśavaḥ keśisūdanaḥ
den Pārijāta, der Herr der Welt, Keśava, der Vernichter des Keśin
taṃ dṛṣṭvā prāha govindaṃ
ihn erblickend, sprach zu Govinda
satyabhāmā dvijottamāḥ
Satyabhāmā, o Beste der Zweifachgeborenen
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]
kasmān na dvārakām eṣa nīyate kṛṣṇa pādapaḥ / yadi te tad vacaḥ satyaṃ satyātyarthaṃ priyeti me //
Satyabhāmā sprach: 'Warum wird dieser Baum nicht nach Dvārakā gebracht, o Kṛṣṇa — wenn jenes dein Wort wahr ist: dass Satyā [mir] über alle Maßen lieb sei.'
'Wie [sehr] du an Satyā [hängst] — dies wurde von dir, o Kṛṣṇa, wiederholt gesagt, [dass ich dir] lieb [sei]; wenn das wahr ist, o Govinda, und nicht [nur] ein aus Höflichkeit gesprochenes Wort,'
Wort für Wort
satye yathā tvam ity uktaṃ
'wie [sehr] du an Satyā [hängst]', so wurde gesagt
tvayā kṛṣṇāsakṛt priyam
von dir, o Kṛṣṇa, wiederholt, [dass sie dir] lieb [ist]
satyaṃ tad yadi govinda
wenn das wahr ist, o Govinda
nopacārakṛtaṃ vacaḥ
[und] nicht [nur] aus Höflichkeit gesprochenes Wort
tad astu pārijāto 'yaṃ mama gehavibhūṣaṇam / bibhratī pārijātasya keśapāśena mañjarīm / sapatnīnām ahaṃ madhye śobheyam iti kāmaye //
'— dann möge dieser Pārijāta mein Hausschmuck sein; eine Blütenknospe des Pārijāta in meinem Haarflechtenbündel tragend, möchte ich inmitten [meiner] Mitfrauen erstrahlen — so ist mein Wunsch.'
Wort für Wort
tad astu pārijāto 'yaṃ
so möge dieser Pārijāta [Baum] sein
mama gehavibhūṣaṇam
mein Hausschmuck
bibhratī pārijātasya keśapāśena mañjarīm
eine Blütenknospe des Pārijāta mit meinem Haarflechtenbündel tragend
sapatnīnām ahaṃ madhye
inmitten der Mitfrauen ich
śobheyam iti kāmaye
möge ich erstrahlen, so wünsche ich es
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]
Die Waldwächter sprachen: 'He! Śacī, die Hauptgemahlin des Götterkönigs — [dies ist] ihr Eigentum; den Pārijāta-Baum darfst du nicht rauben, o Govinda.'
'Zum Schmuck der Śacī wurde dieser [Baum] von den Göttern beim Quirlen des Nektars hervorgebracht; nicht wohlbehalten wirst du davonkommen, wenn du ihn nimmst.'
Wort für Wort
śacīvibhūṣaṇārthāya
zum Zweck des Schmuckes der Śacī
devair amṛtamanthane
von den Göttern beim Quirlen des Nektars
utpādito 'yaṃ
wurde dieser hervorgebracht
na kṣemī gṛhītvainaṃ gamiṣyasi
nicht wohlbehalten wirst du gehen, [wenn] du ihn nimmst
mauḍhyāt prārthayase kṣemī gṛhītvainaṃ ca ko vrajet / avaśyam asya devendro vikṛtiṃ kṛṣṇa yāsyati //
'Aus Torheit begehrst du [ihn] — und wer könnte, nachdem er ihn genommen hat, [noch] wohlbehalten davongehen? Gewiss wird deswegen der Götterkönig in Zorn geraten, o Kṛṣṇa.'
Wort für Wort
mauḍhyāt prārthayase
aus Torheit begehrst du [ihn]
kṣemī gṛhītvainaṃ ca ko vrajet
und wer könnte, ihn genommen habend, wohlbehalten gehen
vajrodyatakaraṃ śakram anuyāsyanti cāmarāḥ / tad alaṃ sakalair devair vigraheṇa tavācyuta / vipākakaṭu yat karma na tac chaṃsanti paṇḍitāḥ //
'Śakra, [seine] Hand mit dem erhobenen Blitzkeil [bewaffnet], [und] ihm werden die Unsterblichen folgen — deshalb, genug des Streits mit allen Göttern, o Unvergänglicher! Eine Tat, die in ihrer Reifung bitter ist, loben die Weisen nicht.'
Wort für Wort
vajrodyatakaraṃ śakram
Śakra, [seine] Hand mit dem erhobenen Blitzkeil
anuyāsyanti cāmarāḥ
werden ihm folgen, die Unsterblichen
tad alaṃ sakalair devair vigraheṇa tavācyuta
deshalb genug des Streits mit allen Göttern, o Unvergänglicher
vipākakaṭu yat karma
eine Tat, die in ihrer Reifung bitter ist
na tac chaṃsanti paṇḍitāḥ
die loben die Weisen nicht
[Anm.: Unregelmäßiger dreizeiliger Vers im Original.]
kā śacī pārijātasya ko vā śakraḥ surādhipaḥ / sāmānyaḥ sarvalokānāṃ yady eṣo 'mṛtamanthane //
Satyabhāmā sprach: 'Was ist Śacī für den Pārijāta, oder was ist Śakra, der Götterfürst, [dagegen zu sagen] — wenn dieser [Baum], beim Quirlen des Nektars [entstanden], gemeinsames [Eigentum] aller Welten ist?'
Wort für Wort
kā śacī pārijātasya
was [bedeutet] Śacī für den Pārijāta
ko vā śakraḥ surādhipaḥ
oder was [bedeutet] Śakra, der Götterfürst
sāmānyaḥ sarvalokānāṃ
[wenn er] gemeinsames [Eigentum] aller Welten [ist]
'Gemeinsames [Eigentum] aller Welt ist ebenso der Pārijāta-Baum; aus großem Stolz auf die [Arm-]Kraft ihres Gatten aber verhindert Śacī [dessen freie Nutzung].'
Wort für Wort
sāmānyaḥ sarvalokasya
gemeinsames [Eigentum] aller Welt
pārijātas tathā drumaḥ
ist der Pārijāta-Baum ebenso
bhartṛbāhumahāgarvād
aus großem Stolz auf die Arme [Kraft] ihres Gatten
Vyāsa sprach: So angesprochen, gingen die Wächter und sagten laut, wie [ihnen] gesagt worden war; und Śacī spornte den Herrn der Götter, [ihren] Gatten, an.
ließ er den Klang der Muschel erschallen, die Himmelsrichtungen mit [diesem] Klang erfüllend, und entließ eine Menge von Pfeilen im Umfang von tausend Ayutas [zehn Millionen].
Wort für Wort
cakāra śaṅkhanirghoṣaṃ
machte er den Klang der Muschel erschallen
diśaḥ śabdena pūrayan
die Himmelsrichtungen mit [diesem] Klang erfüllend
Die Schlinge des Königs der Gewässer [Varuṇa] heranziehend, zerschnitt der Schlangenfeind [Garuḍa] sie in Stücke, [sie] wie den Leib einer jungen Schlange [zerreißend].
Und die Sänfte des Kuvera zerschlug der mächtige Sohn Śūras mit dem Diskus in [Stücke, klein wie] Sesamkörner; Sonne und Mond beraubte er durch [seinen bloßen] Blick ihrer Glut.
Wort für Wort
śibikāṃ ca dhaneśasya
und die Sänfte des Kuvera
cakreṇa tilaśo vibhuḥ
mit dem Diskus, in Sesamkorn-große [Stücke], der Mächtige
Agni wurde mit hunderten von Pfeilen in die Flucht getrieben, die Vasus wurden in alle Richtungen zerstreut, und die Rudras, deren Speerspitzen vom Diskus abgeschnitten waren, wurden zu Boden geworfen.
Wort für Wort
nīto 'gniḥ śataśo bāṇair
Agni wurde mit hunderten von Pfeilen [in die Flucht] getrieben
Die Sādhyas, die Viśvedevas, die Maruts, und ebenso die Gandharvas wurden alle vom Träger des Śārṅga durch Pfeile im Himmel wie Baumwollflocken des Śālmali-Baumes fortgetrieben.
Wort für Wort
sādhyā viśve ca maruto
die Sādhyas, die Viśvedevas, die Maruts
gandharvāś caiva sāyakaiḥ
und ebenso die Gandharvas, durch Pfeile
śārṅgiṇā preritāḥ sarve
alle vom Träger des Śārṅga fortgetrieben
vyomni śālmalitūlavat
im Himmel wie Baumwollflocken des Śālmali[-Baumes]
Als [ihre] zerschnittenen und sich zersplitternden Waffen und Geschosse [aufgebraucht waren], ergriff eilends Vāsava den Blitzkeil, und Kṛṣṇa den Diskus Sudarśana.
tato hāhākṛtaṃ sarvaṃ trailokyaṃ sacarācaram / vajracakradharau dṛṣṭvā devarājajanārdanau //
Da geriet die ganze dreifache Welt mit Beweglichem und Unbeweglichem in Wehklagen, als sie den Götterkönig und Janārdana, die Träger von Blitzkeil und Diskus, sahen.
Wort für Wort
tato hāhākṛtaṃ sarvaṃ
da geriet die ganze
trailokyaṃ sacarācaram
dreifache Welt mit Beweglichem und Unbeweglichem in Wehklagen
Zum Götterkönig, [dessen] Blitzkeil verloren [war] und [dessen] Reittier von Garuḍa verwundet [war und der nun] auf Flucht bedacht [war], sprach Satyabhāmā ein Wort:
Satyabhāmā sprach: 'O Herr der drei Welten, die Flucht des Gatten der Śacī ist nicht geziemend; wegen des Genusses der Pārijāta-Girlande wird Śacī [ohnehin bald wieder] zu dir kommen.'
kīdṛśaṃ deva rājyaṃ te pārijātasragujjvalām / apaśyato yathāpūrvaṃ praṇayābhyāgatāṃ śacīm //
'Wie [beschaffen wäre], o Gott, dein Königreich, wenn du nicht [mehr] wie zuvor die in Liebe herankommende Śacī sähest, strahlend mit der Pārijāta-Girlande?'
alaṃ śakra prayāsena na vrīḍāṃ yātum arhasi / nīyatāṃ pārijāto 'yaṃ devāḥ santu gatavyathāḥ //
'Genug der Anstrengung, o Śakra — du solltest nicht der Scham verfallen; möge dieser Pārijāta [von uns] mitgenommen werden, [und] mögen die Götter frei von [weiterem] Schmerz sein.'
patigarvāvalepena bahumānapuraḥsaram / na dadarśa gṛhāyātām upacāreṇa māṃ śacī //
'Aus Stolz-Überheblichkeit über [ihren] Gatten sah mich Śacī, die ich zu [ihrem] Haus gekommen war, nicht mit gebührender Ehrerbietung und [gastfreundlicher] Behandlung an.'
Wort für Wort
patigarvāvalepena
aus Stolz-Überheblichkeit über [ihren] Gatten
bahumānapuraḥsaram
mit gebührender Ehrerbietung
na dadarśa gṛhāyātām
sah sie nicht [mich], die zu [ihrem] Haus gekommen war
'Aus [meiner] Frauennatur, leichten Sinnes, ganz dem Rühmen meines eigenen Gatten hingegeben, habe ich deshalb, o Śakra, den Streit mit dir herbeigeführt.'
Wort für Wort
strītvād agurucittāhaṃ
aus [meiner] Frauennatur, leichten Sinnes
svabhartuḥ ślāghanāparā
ganz dem Rühmen meines [eigenen] Gatten hingegeben
Vyāsa sprach: So angesprochen, beruhigte sich der Götterkönig durch sie, o Brahmanen, und sprach zu ihr: 'Genug, du Zornige, o Freundin, mit [deinem] übermäßigen Kummer.'
na cāpi sargasaṃhāra-sthitikartākhilasya yaḥ / jitasya tena me vrīḍā jāyate viśvarūpiṇā //
'Auch entsteht mir keine Scham [darüber], von ihm besiegt worden zu sein, der der Schöpfer, Zerstörer und Erhalter von allem ist, [und] der die Allgestalt trägt.'
Wort für Wort
na cāpi sargasaṃhāra-sthitikartākhilasya yaḥ
und auch nicht, [da] er, der Schöpfer, Zerstörer und Erhalter von allem [ist]
jitasya tena me vrīḍā jāyate
mir, [der ich] von ihm besiegt [wurde], entsteht Scham
yasmiñ jagat sakalam etad anādimadhye yasmād yataś ca na bhaviṣyati sarvabhūtāt / tenodbhavapralayapālanakāraṇena vrīḍā kathaṃ bhavati devi nirākṛtasya //
'In dem diese ganze Welt [ruht], dessen Anfang, Mitte und Ende [er selbst ist], aus dem sie entstand und entstehen wird — von ihm, dem Selbst aller Wesen, der die Ursache von Entstehung, Auflösung und Erhaltung ist — wie, o Göttin, könnte für den, der [von ihm] besiegt wurde, Scham entstehen?'
Wort für Wort
yasmiñ jagat sakalam etad anādimadhye
in dem diese ganze Welt, [deren] Anfang und Mitte [er ist]
yasmād yataś ca na bhaviṣyati sarvabhūtāt
und aus dem [alles] entstand und entstehen wird, von ihm, dem Selbst aller Wesen
tenodbhavapralayapālanakāraṇena
durch ihn, der die Ursache von Entstehung, Auflösung und Erhaltung ist
vrīḍā kathaṃ bhavati devi nirākṛtasya
wie könnte, o Göttin, für den Besiegten Scham entstehen
[Anm.: Vierzeiliger Hymnenvers in längerem Versmaß, Teil von Indras philosophischer Rechtfertigung seiner Niederlage.]
sakalabhuvanamūrtir alpā susūkṣmā viditasakalavedair jñāyate yasya nānyaiḥ / tam ajam akṛtam īśaṃ śāśvataṃ svecchayainaṃ jagadupakṛtim ādyaṃ ko vijetuṃ samarthaḥ //
'[Ihn,] dessen Gestalt alle Welten [umfasst und zugleich] winzig und überaus fein ist, der nur von denen erkannt wird, die alle Veden kennen, von keinen anderen — ihn, den Ungeborenen, Ungeschaffenen, den Herrn, den Ewigen, der aus eigenem Willen zum Wohl der Welt [wirkt], den Urersten — wer wäre imstande, [ihn] zu besiegen?'
Wort für Wort
sakalabhuvanamūrtir alpā susūkṣmā
[dessen] Gestalt alle Welten [umfasst, zugleich] winzig und überaus fein [ist]
viditasakalavedair jñāyate yasya nānyaiḥ
der nur von denen, die alle Veden kennen, erkannt wird, von keinen anderen
tam ajam akṛtam īśaṃ śāśvataṃ svecchayainaṃ
ihn, den Ungeborenen, Ungeschaffenen, Herrn, den Ewigen, [der] aus eigenem Willen
jagadupakṛtim ādyaṃ ko vijetuṃ samarthaḥ
zum Wohl der Welt [wirkt], den Urersten — wer wäre imstande, [ihn] zu besiegen
[Anm.: Vierzeiliger Hymnenvers, Abschluss von Indras Rechtfertigungsrede.]