Kapitel 22: narakavarṇanam
Beschreibung der Höllen, die Buße durch Erinnerung an Viṣṇu, und der philosophische Abschluss der Kosmographie
Katalog der Höllen (angeführt von Raurava) mit den ihnen jeweils zugeordneten Sünden — von Meineid über Brahmanen- und Kuhmord, Inzest, Diebstahl, Veda-Verfälschung und -handel bis zu Berufsverboten (Waffenherstellung, Tierzucht zum Schlachten, Wahrsagerei) und sozialen Verfehlungen. Es folgt eine Reflexion über die kosmische Symmetrie von Himmel und Hölle (die Bewohner sehen sich wechselseitig 'von unten' bzw. 'von oben') und eine Rangfolge der Wesensklassen von unbeweglichen Dingen bis zu den Erlösten. Der zweite Teil des Kapitels wendet sich der Buße zu: unter allen Bußübungen gilt die bloße Erinnerung an Kṛṣṇa/Viṣṇu/Hari als die wirksamste, unabhängig von Tageszeit oder Ritus, weit über die (bloß vorläufige) Frucht der Götterwelt hinausgehend. Das Kapitel schließt mit einem bemerkenswerten philosophischen Kernsatz: kein Ding sei an sich leidvoll oder glückbringend, Glück und Leid seien bloße Wandlungen des Geistes, und Erkenntnis (jñāna) allein sei das höchste Brahman — womit auch die gesamte vorangegangene Kosmographie (Kontinente, Berge, Ozeane, Unterwelten, Höllen) unter dem Aspekt letzter Erkenntnis relativiert wird. 50 Verse (v.50 im Original als Dreipada-Vers gezählt).
Lomaharṣaṇa sprach: Und danach, o Brahmanen, [kommen] die Höllen, angeführt von Raurava, in die die Sünder gestürzt werden — höret von ihnen, o Beste der Zweifachgeborenen.
bhrūṇahā purahantā ca goghnaś ca munisattamāḥ / yānti te rauravaṃ ghoraṃ yaś cocchvāsanirodhakaḥ // BrP_22.8 //
ein Embryotöter, ein Stadt-Zerstörer, und ein Kuhtöter, o Beste der Weisen — sie gehen zum furchtbaren Raurava, ebenso wer [einem anderen] den Atem abschnürt.
ein Kṣatriya- oder Vaiśya-Töter, ebenso wer das Bett des Lehrers besteigt, wer sich unerlaubt eigenen Verwandten naht, und wer einen königlichen Soldaten tötet — [gehen] in Taptakumbha.
wer sich der eigenen Tochter oder Schwiegertochter genähert hat, wird in Mahājvāla gestürzt; wer die Lehrer verachtet, und wer, der niedrigste der Menschen, [sie] beschimpft,
Wort für Wort
sutām snuṣām ca api gatvā
wer sich der Tochter oder Schwiegertochter genähert hat
mahājvāle nipātyate
wird in Mahājvāla gestürzt
avamantā gurūṇām yaḥ
wer die Lehrer verachtet
yaḥ ca ākroṣṭā narādhamaḥ
und wer, der niedrigste der Menschen, [sie] beschimpft
sa yāti kṛmibhakṣye vai kṛmīśe tu duriṣṭikṛt / pitṛdevātithīn yas tu paryaśnāti narādhamaḥ // BrP_22.15 //
der geht in Kṛmibhakṣya; wer aber ein fehlerhaftes Opfer vollzieht, [geht] nach Kṛmīśa; und wer, der niedrigste der Menschen, [selbst] isst, bevor er Ahnen, Götter und Gäste [gespeist hat],
Wort für Wort
saḥ yāti kṛmibhakṣye vai
der geht in Kṛmibhakṣya
kṛmīśe tu duriṣṭikṛt
wer aber ein fehlerhaftes Opfer vollzieht, [geht] nach Kṛmīśa
pitṛ-deva-atithīn yaḥ tu
wer aber Ahnen, Götter, Gäste
paryaśnāti narādhamaḥ
[vor ihnen selbst] isst, der niedrigste der Menschen
lālābhakṣye sa yāty ugre śarakartā ca vedhake / karoti karṇino yaś ca yaś ca khaḍgādikṛn naraḥ // BrP_22.16 //
der geht in das schreckliche Lālābhakṣya; und wer Pfeile herstellt, [geht] nach Vedhaka, und wer Pfeilspitzen macht, und wer, ein Mensch, Schwerter und dergleichen herstellt,
Wort für Wort
lālābhakṣye saḥ yāti ugre
der geht in das schreckliche Lālābhakṣya
śarakartā ca vedhake
und wer Pfeile herstellt, nach Vedhaka
karoti karṇinaḥ yaḥ ca
und wer Pfeilspitzen macht
yaḥ ca khaḍga-ādi-kṛt naraḥ
und wer, ein Mensch, Schwerter und dergleichen herstellt
dort [auch] wer für Unwürdige opfert, ebenso wer aus den Sternen wahrsagt; und ein Mensch, der stets nur süße Speise isst [ohne zu teilen], geht allein in Kṛmipūya,
raṅgopajīvī kaivartaḥ kuṇḍāśī garadas tathā / sūcī māhiṣikaś caiva parvagāmī ca yo dvijaḥ // BrP_22.21 //
wer vom Schauspiel lebt, ein Fischer, wer von unrechtmäßiger Speise lebt, ebenso ein Giftmischer, ein Verleumder, ein Büffelhirte, und ein Zweifachgeborener, der an [heiligen] Tagen [Verbotenes tut],
Wort für Wort
raṅgopajīvī kaivartaḥ
wer vom Schauspiel lebt, ein Fischer
kuṇḍāśī garadaḥ tathā
wer von unrechtmäßiger Speise lebt, ein Giftmischer
sūcī māhiṣikaḥ ca eva
ein Verleumder, ein Büffelhirte
parvagāmī ca yaḥ dvijaḥ
und ein Zweifachgeborener, der an [heiligen] Tagen [Verbotenes tut]
agāradāhī mitraghnaḥ śakunigrāmayājakaḥ / rudhirāndhe patanty ete somaṃ vikrīṇate ca ye // BrP_22.22 //
ein Haus-Brandstifter, ein Freundesmörder, wer für ein [ganzes] Dorf [als Vogel-Wahrsager] opfert — diese stürzen in Rudhirāndha, ebenso jene, die Soma verkaufen.
Wort für Wort
agāradāhī mitraghnaḥ
ein Haus-Brandstifter, ein Freundesmörder
śakuni-grāma-yājakaḥ [?]
wer für ein Dorf [durch Vogelzeichen] opfert [?]
rudhirāndhe patanti ete
diese stürzen in Rudhirāndha
somam vikrīṇate ca ye
ebenso jene, die Soma verkaufen
[Anm.: "śakunigrāmayājakaḥ" unklar, hier als "wer [durch Vogelzeichen] für ein Dorf opfert/wahrsagt" gedeutet; [?].]
divā svapneṣu syandante ye narā brahmacāriṇaḥ / putrair adhyāpitā ye tu te patanti śvabhojane // BrP_22.27 //
Keuschheitsschüler, die bei Tagesschlaf im Traum [Samen] vergießen, und die, die von [ihren eigenen] Söhnen unterrichtet wurden, stürzen in Śvabhojana.
Wort für Wort
divā svapneṣu syandante
die bei Tagesschlaf im Traum [Samen] vergießen
ye narāḥ brahmacāriṇaḥ
die Keuschheitsschüler
putraiḥ adhyāpitāḥ ye tu
und die, die von [ihren eigenen] Söhnen unterrichtet wurden
te patanti śvabhojane
diese stürzen in Śvabhojana
[Anm.: "putrair adhyāpitāḥ" ("von den [eigenen] Söhnen unterrichtet") bezeichnet vermutlich die Umkehrung der rechten Lehrer-Schüler-Ordnung als Verfehlung.]
ebenso werden diese Sünden, und ebenso andere zu Tausenden, von [ihrer Geburt entsprechend zugeteilten] Wesen erlitten, die innerhalb der Höllen umherziehen.
Wort für Wort
tathā eva pāpāni etāni
ebenso diese Sünden
tathā anyāni sahasraśaḥ
und ebenso andere zu Tausenden
bhujyante jāti-puruṣaiḥ
werden von [entsprechend ihrer] Geburt [zugeteilten] Wesen erlitten
mit nach unten gerichteten Häuptern werden von den Höllenbewohnern die Götter im Himmel gesehen; und die Götter sehen alle mit dem Gesicht nach unten [gerichteten] Höllenbewohner unten [unter sich].
Wort für Wort
adhaḥ-śirobhiḥ dṛśyante
mit nach unten gerichteten Häuptern werden gesehen
nārakaiḥ divi devatāḥ
von den Höllenbewohnern die Götter im Himmel
devāḥ ca adhomukhān sarvān
und die Götter alle mit dem Gesicht nach unten [gerichteten]
sthāvarāḥ kṛmayo 'jvāś ca pakṣiṇaḥ paśavo narāḥ / dhārmikās tridaśās tadvan mokṣiṇaś ca yathākramam // BrP_22.32 //
Unbewegliche [Wesen], Würmer, [Wasser]tiere [?], Vögel, Vieh, Menschen, die Rechtschaffenen, die Dreißig [Götter], und ebenso die Erlösten — der Reihe nach [aufsteigend],
Wort für Wort
sthāvarāḥ kṛmayaḥ ajvāḥ ca [?]
Unbewegliche [Wesen], Würmer, [Wassertiere?] [?]
pakṣiṇaḥ paśavaḥ narāḥ
Vögel, Vieh, Menschen
dhārmikāḥ tridaśāḥ tadvat
die Rechtschaffenen, die Dreißig [Götter], ebenso
mokṣiṇaḥ ca yathākramam
die Erlösten, der Reihe nach
[Anm.: "ajvāḥ" unsicher, hier probeweise als [eine Klasse von Wassertieren o.ä.] gedeutet; [?].]
[jede folgende Stufe hat] gegenüber der ersten einen tausendfachen Anteil, die zweite der Reihe nach ebenso — alle diese sind hochbeglückt, bis hin zu denen, die die Erlösung erlangt haben.
Wort für Wort
sahasrabhāgaḥ prathamāt
gegenüber der ersten einen tausendfachen Anteil
dvitīyaḥ anukramāt tathā
die zweite der Reihe nach ebenso
sarve hi ete mahābhāgāḥ
alle diese sind hochbeglückt
yāvat mukti-samāśrayāḥ
bis hin zu denen, die die Erlösung erlangt haben
[Anm.: gemeint ist offenbar eine aufsteigende Rangordnung der Wesensklassen, in der jede höhere Stufe einen tausendfach größeren "Anteil" (an Bewusstsein/Glück) besitzt als die vorhergehende.]
für eine schwere Sünde schwere, für eine geringe geringe [Bußen] — die dies Kundigen, angeführt von Svāyaṃbhuva [Manu], o Fürsten der Brahmanen, verkündeten [diese] Bußen.
wessen Geist während Rezitation, Opfer, Verehrung und dergleichen auf Vāsudeva [gerichtet ist] — für ihn ist [selbst] die Indraherrschaft und dergleichen [nur] ein Hindernis [auf dem Weg], o Fürsten der Brahmanen.
Wort für Wort
vāsudeve manaḥ yasya
wessen Geist auf Vāsudeva [gerichtet ist]
japa-homa-arcana-ādiṣu
während Rezitation, Opfer, Verehrung und dergleichen
tasya antarāyaḥ viprendrāḥ
für ihn ist ein Hindernis, o Fürsten der Brahmanen
devendratva-ādikam phalam
[selbst] die Indraherrschaft und dergleichen als Frucht
kva nākapṛṣṭhagamanaṃ punarāvṛttilakṣaṇam / kva japo vāsudeveti muktibījam anuttamam // BrP_22.42 //
wo [steht] das Gehen zum Himmelsgipfel, das durch Wiederkehr [in die Wiedergeburt] gekennzeichnet ist — [im Vergleich zu,] wo [steht] die Rezitation 'Vāsudeva', der unübertreffliche Same der Erlösung?
Himmel ist das, was den Geist erfreut, Hölle ist dessen Gegenteil; 'Hölle' und 'Himmel' sind in Wahrheit nur die Bezeichnungen für Sünde und Verdienst, o Beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
manaḥ-prīti-karaḥ svargaḥ
Himmel ist das, was den Geist erfreut
narakaḥ tat-viparyayaḥ
Hölle ist dessen Gegenteil
naraka-svarga-saṃjñe vai
'Hölle' und 'Himmel' sind in Wahrheit [nur] Bezeichnungen
pāpa-puṇye dvija-uttamāḥ
für Sünde und Verdienst, o Beste der Zweifachgeborenen
vastv ekam eva duḥkhāya sukhāyerṣyodayāya ca / kopāya ca yatas tasmād vastu duḥkhātmakaṃ kutaḥ // BrP_22.45 //
da ein und dasselbe Ding zu Leid, zu Glück, zum Aufkommen von Neid und zu Zorn [Anlass geben kann], wie könnte ein Ding daher von leidvoller Natur sein?
tasmād duḥkhātmakaṃ nāsti na ca kiṃcit sukhātmakam / manasaḥ pariṇāmo 'yaṃ sukhaduḥkhādilakṣaṇaḥ // BrP_22.47 //
daher gibt es nichts, das von leidvoller Natur ist, und auch nichts, das von glücklicher Natur ist; dies, was durch Glück, Leid und dergleichen gekennzeichnet ist, ist [nur] eine Wandlung des Geistes.
Wort für Wort
tasmāt duḥkha-ātmakam na asti
daher gibt es nichts von leidvoller Natur
na ca kiṃcit sukha-ātmakam
und auch nichts von glücklicher Natur
manasaḥ pariṇāmaḥ ayam
dies ist eine Wandlung des Geistes
sukha-duḥkha-ādi-lakṣaṇaḥ
die durch Glück, Leid und dergleichen gekennzeichnet ist
jñānam eva paraṃ brahmā- jñānaṃ bandhāya ceṣyate / jñānātmakam idaṃ viśvaṃ na jñānād vidyate param // BrP_22.48 //
Erkenntnis allein ist das höchste Brahman; Unwissenheit hingegen gilt als [Ursache] der Bindung. Dieses Universum besteht aus Erkenntnis; nichts Höheres als Erkenntnis gibt es.
Wort für Wort
jñānam eva param brahma
Erkenntnis allein ist das höchste Brahman
ajñānam bandhāya ca iṣyate
Unwissenheit hingegen gilt als [Ursache] der Bindung
Wissen und Unwissenheit, o Brahmanen — [in beiden] soll allein die Erkenntnis erfasst werden. So wurde euch dies, die Scheibe der Erde, von mir dargelegt,
Wort für Wort
vidyā-avidye hi bho viprāḥ
Wissen und Unwissenheit, o Brahmanen
jñānam eva avadhāryatām [?]
allein die Erkenntnis soll erfasst werden [?]
evam etat mayā ākhyātam
so wurde dies von mir dargelegt
bhavatām maṇḍalam bhuvaḥ
euch, die Scheibe der Erde
[Anm.: der Sinn scheint zu sein, dass letztlich auch die vermeintliche Unwissenheit nur als [Abwesenheit von] Erkenntnis zu verstehen ist, nicht als eigenständige Realität; [?] im Detail.]
und alle Unterwelten, ebenso die Höllen, o Zweifachgeborene, die Ozeane und Berge, die Kontinente, Länder und Flüsse — alles wurde in Kürze dargelegt. Was wollt ihr noch weiter hören?
Wort für Wort
pātālāni ca sarvāṇi
und alle Unterwelten
tathā eva narakāḥ dvijāḥ
ebenso die Höllen, o Zweifachgeborene
samudrāḥ parvatāḥ ca eva
die Ozeane und Berge
dvīpāḥ varṣāṇi nimnagāḥ
die Kontinente, Länder und Flüsse
saṃkṣepāt sarvam ākhyātam
alles wurde in Kürze dargelegt
kim bhūyaḥ śrotum icchatha
was wollt ihr noch weiter hören?
[Anm.: Vers 50 besteht im Original aus drei Pādas unter einer einzigen Versnummer und wird hier als eine Einheit übersetzt.]