Kapitel 95: śukratīrthamṛtasaṃjīvinītīrthamāhātmyavarṇanam
Die Größe des Śukra-/Mṛtasañjīvinī-Tīrtha (wie Śukra die Totenerweckungskunst erlangte)
Die berühmte Vorgeschichte zur späteren Kaca-Devayānī-Erzählung: Aṅgiras und Bhṛgu vereinbaren, dass nur einer ihre beiden Söhne Jīva (Bṛhaspati) und Kavi (Śukra) gemeinsam unterrichtet; Aṅgiras übernimmt dies, behandelt aber Śukra parteiisch. Der gekränkte Śukra bittet um Erlaubnis zum Lehrerwechsel und wird von Gautama an Śiva selbst verwiesen. An der Gautamī erweicht Śukra durch demütige Lobpreisung Śivas Herz und erhält von ihm das selbst den Göttern unbekannte Wissen der Totenerweckung (Mṛtasañjīvinī-Vidyā), wodurch er zum Lehrer der Daityas aufsteigt. Dieses Wissen gelangt später über Kaca, den Sohn des Bṛhaspati, an die Götter selbst. Ursprung der Namen Śukra-Tīrtha und Mṛtasañjīvinī-Tīrtha am Nordufer der Gautamī.
Die beiden Weisen sprachen: 'Für uns beide soll stets nur einer der Väter Lehrer der beiden Söhne sein; deshalb möge einer der Unterweisende sein, der andere möge nach Belieben untätig bleiben.'
Brahmā sprach: Nachdem er dies gehört hatte, sprach Aṅgiras rasch zum Nachkommen des Bhṛgu: 'Ich werde beide gemeinsam unterrichten; der Bhārgava möge ruhig bleiben.'
Śukra sprach: 'Mit Ungleichheit, Lehrer, unterrichtest du mich stets; dies geziemt sich nicht für Lehrer, Ungleichheit zwischen eigenem Sohn und Schüler.'
'Lehrer, du bist mir wohl erkannt; ich verneige mich immer wieder vor dir; ich möchte zu einem anderen Lehrer gehen – du sollst mir die Erlaubnis geben.'
'Ich möchte zu meinem Vater gehen, Brahmane, falls jener parteiisch wäre; oder dann gehe ich anderswohin, Herr; nachdem ich dich gefragt habe, gehe ich.'
Brahmā sprach: Nachdem er den Lehrer, genannt Bṛhaspati, aufgesucht und die Erlaubnis erhalten hatte, ging er darauf fort; 'Da ich schon Wissen erlangt habe, sollte ich zu meinem Vater gehen?', so dachte er.
Wort für Wort
guruṃ bṛhaspatiṃ dṛṣṭvā
den Lehrer, (genannt) Bṛhaspati, aufgesucht,
anujñātas tv agāt tataḥ
die Erlaubnis erhalten, ging er darauf fort,
avāptavidyaḥ pitaraṃ
'Wissen erlangt habend, zum Vater
gaccheyaṃ cety acintayat
sollte ich gehen?', so dachte er
[Anm.: 'Bṛhaspati' hier wohl ein Beiname für den Lehrer Aṅgiras selbst, nicht zu verwechseln mit dessen gleichnamigem Sohn Jīva/Bṛhaspati aus V3.]
{śukra uvāca: } ko guruḥ syān muniśreṣṭha mama brūhi gurur bhavet / trayāṇām api lokānāṃ yo gurus taṃ vrajāmy aham //
Śukra sprach: 'Wer könnte mein Lehrer sein, Bester der Weisen? Sag mir, wer Lehrer sein soll; wer der Lehrer auch der drei Welten ist, zu dem gehe ich.'
Brahmā sprach: Jener nannte den Herrn der Welten, den Gott Śaṃbhu, den Weltenlehrer. 'Wo soll ich den Berg-Herrn verehren?', so gefragt, sprach Gautama.
{gautama uvāca: } gautamyāṃ tu śucir bhūtvā stotrais toṣaya śaṃkaram / tatas tuṣṭo jagannāthaḥ sa te vidyāṃ pradāsyati //
Gautama sprach: 'An der Gautamī, gereinigt geworden, erfreue mit Lobpreisungen den Śaṃkara; dann wird der zufriedene Herr der Welt dir Wissen gewähren.'
{brahmovāca: } gautamasya tu tadvākyāt prāgād gaṅgāṃ sa bhārgavaḥ / snātvā bhūtvā śuciḥ samyak stutiṃ cakre sa bālakaḥ //
Brahmā sprach: Auf dieses Wort des Gautama hin ging jener Nachkomme des Bhṛgu zur Gaṅgā; nachdem er gebadet und sich recht gereinigt hatte, verfasste jener Knabe eine Lobpreisung.
{śukra uvāca: } bālo 'haṃ bālabuddhiś ca bālacandradhara prabho / nāhaṃ jānāmi te kiṃcit stutiṃ kartuṃ namo 'stu te //
Śukra sprach: 'Ich bin ein Kind, von kindlichem Verstand, o du, der den jungen Mond trägt, Herr; ich weiß nichts davon, wie man dich preisen soll – Verehrung sei dir.'
vidyārthaṃ hi sureśāna nāhaṃ vedmi bhavadgatim / māṃ tvaṃ ca kṛpayā paśya lokasākṣin namo 'stu te //
'Um des Wissens willen bin ich hier, Göttergebieter; ich kenne nicht deinen Weg (deine Natur); sieh mich mit Mitleid an, Zeuge der Welt – Verehrung sei dir.'
{śukra uvāca: } brahmādibhiś ca ṛṣibhir yā vidyā naiva gocarā / tāṃ vidyāṃ nātha yāciṣye tvaṃ gurur mama daivatam //
Śukra sprach: 'Jenes Wissen, das selbst für Brahmā und die anderen Weisen nicht erreichbar ist, um jenes Wissen bitte ich, Herr; du bist mein Lehrer, meine Gottheit.'